Thomas Schirrmacher
Aktuelle ProMundis Blogbeiträge

Verletzt der lautsprecherverstärkte Muezzinruf die negative Religionsfreiheit?

Diese Meldung stammt ursprünglich aus dem Jahr 2014 und ist bisher nicht in meinem Blog erschienen.

(Bonn, 29.12.2014) Muslime haben im Rahmen der Religionsfreiheit zwar Anspruch auf eigene religiöse Gebäude, also auch Moscheen und Minarette, und dies selbst mit dem unverstärkt gesungenen Gebetsruf. Doch es müsse diskutiert werden, ob der lautsprecherverstärkte Gebetsruf vom Minarett nicht die Glaubensfreiheit von Nichtmuslimen verletze. Diese Auffassung vertritt der Direktor des Internationalen Instituts für Religionsfreiheit in einem Beitrag für das IIRF-Bulletin 2014/4.

iirf_bulletin_15_2014-4In der juristischen Literatur werde der lautsprecherverstärkte Gebetsruf einfach mit dem liturgischen (also nicht mit dem sog. „weltlichen“) Glockengeläut gleichgesetzt. Zwar könne der lautsprecherverstärkte islamische Gebetsruf nur durch ein anderes Menschenrecht eingeschränkt werden, und da sei für den Regelfall keines in Sicht, das infrage käme. Aber das Recht auf Religionsfreiheit selbst könnte beschränkende Funktion haben. Das Recht auf Religionsfreiheit schließe nämlich die sogenannte ‚negative‘ Religionsfreiheit ein, das Recht also, nicht zur Teilnahme an religiösen Handlungen usw. gezwungen zu werden.

Die Gleichsetzung zwischen lautsprecherverstärktem Muezzinruf müsse infragegestellt werden, weil – so Schirrmacher wörtlich –

„der Muezzinruf dadurch, dass er ein verbales Glaubensbekenntnis enthält, andere Menschen zwingt, fünfmal täglich an der Religionsausübung einer anderen Religion teilzunehmen und somit die sogenannte negative Religionsfreiheit betrifft. Die Frage nach der Bewertung des lautsprecherverstärkten islamischen Gebetsrufs wird sich am Ende also darauf konzentrieren müssen, ob der Umstand, dass der Muezzinruf ein formuliertes Glaubensbekenntnis ausruft, an dem auch Nichtmuslime durch Zuhören teilnehmen müssen, die negative Religionsfreiheit verletzt oder ob man dies verneint, indem man entweder sagt, dass ein reines Zuhören noch keine negative Religionsfreiheit verletzt, oder aber argumentiert, dass bei uns sowieso keiner Arabisch versteht. Eine Parallele zum Muezzinruf ist jedenfalls meines Erachtens nicht das Glockengeläut, sondern wäre vorhanden, wenn das christliche sog. Apostolische Glaubensbekenntnis lautsprecherverstärkt für all hörbar und verstehbar von den Kirchtürmen gesungen würde, bis es einem nicht mehr aus dem Kopf geht (‚Ohrwurm‘).“

Sicher hätte diese Frage in Deutschland eines Tages das Bundesverfassungsgericht zu klären.

„Zugegeben, das Thema ist ein umstrittenes Gebiet und ich bin kein Fachjurist, sondern betrachte die Sache vor allem aus der Sicht des Soziologen und Menschenrechtlers, so dass hier viel Raum für Juristen bleibt, mich zu überbieten. Aber dennoch will ich die Diskussion anstoßen“, fügte Schirrmacher hinzu.

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Wir trauern um Thomas Lockmann (1927-2016)
u. a. Doyen der Religionssoziologie

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Es ging bei der CIA nicht um „Rettungsfolter“: Am Ende folterten nur Sadisten

Diese Meldung stammt ursprünglich aus dem Jahr 2014 und ist bisher nicht in meinem Blog erschienen.

Auf der Webseite der Zeitschrift PRO und in prokompakt 49/2014 erschien ein Kommentar von Thomas Schirrmacher zum Folterbericht des amerikanischen Senats. Wir bieten ihnen hier einen ausführlichen Kommentar an, der auch auf Rückfragen zum kurzen Statement behandelt.

(Bonn, 20.12.2014) Folter ist allgemein das gezielte Zufügen von physischen oder psychischen Schmerzen an Menschen durch Menschen, sei es, um Informationen zu erhalten, ein Geständnis, einen Widerruf, oder um den Willen des Opfers zu brechen, kann aber auch der Strafe, der Rache oder der Befriedigung niederer Instinkte dienen. Im engeren Sinne – etwa der UN-Antifolterkonvention – bezieht es sich auf staatliche Instanzen aller Art als Täter, auch Geheimdienste. Bisher erfasst die Antifolterkonvention leider keine nichtstaatlichen Täter wie Bürgerkriegsparteien oder Terroristen.

2014_49_proKOMPAKTDas Verbot der Folter gehört zu den ältesten Forderungen für einen Rechtsstaat und ist eines der früh formulierten „Menschenrechte“ und war deswegen gleichermaßen fester Bestandteil der französischen Menschenrechtserklärung in der Aufklärungszeit wie der fast zeitgleichen amerikanischen Kataloge erst der Bundesstaaten und dann der USA. Die aufgeklärten Fürsten schafften die Folter – zumindest im Gesetz – ab, 1815 auch der Vatikanstaat. Die Gründerväter der USA sahen das Folterverbot als zentrales Element des Wesens der Demokratie an.

Deswegen fand das Folterverbot selbstverständlichen Eingang in die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen von 1948 (Artikel 5), in die Europäische Erklärung der Menschenrechte von 1950 (Artikel 3) und in viele andere Menschenrechtsdokumente. Völkerrechtlich verbindlich ist vor allem das Folterverbot im Internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte von 1966. 1984 verabschiedeten die Vereinten Nationen die UN-Antifolterkonvention („Übereinkommen gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe“), die bis dato von 155 Staaten der Erde ratifiziert wurde, darunter auch die USA.

Die Kirchen und Konfessionen der Welt stützen das Folterverbot theologisch. Die menschliche Würde lässt Folter nicht zu. Schon im Alten Testament gelten gerechte Rechtsstandards gerade auch für Verbrecher.

„Niemand darf der Folter oder grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe unterworfen werden.“ (Artikel 5, AEMR). Niemand? Umstritten ist unter Juristen und bisweilen auch unter Theologen die Frage, ob das Folterverbot in extremen Ausnahmesituationen eingeschränkt werden kann, wenn es mit anderen Menschenrechten in Konflikt gerät und dem Schutz des Lebens dient, also etwa dem Auffinden einer Bombe oder der Rettung eines Kriminalitätsopfers. Man spricht hier von „Rettungsfolter“. Torsten Krauel schrieb gerade über den jüngst verstorbenen niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht: „Das Angstthema trieb Albrecht so sehr um, dass er Anfang 1976 in einer Schrift mit dem für damalige CDU-Verhältnisse so typischen Titel ‚Der Staat – Idee und Wirklichkeit‘ den Einsatz von Folter in Erwägung zog. Für den Fall, dass Terroristen eine Atombombe besäßen und ihr Aufenthaltsort nicht anders ermittelt werden könne, sei Folter womöglich legitim; freilich (und dieser Zusatz wird heute meist weggelassen) müssten die Verantwortlichen dann auch vor Gericht dafür einstehen.“ [hier: Die WELT. 14.12.2014]

Im berühmtesten Fall von „Rettungsfolter“ der deutschen Gegenwart ging es 2002 etwa um die reine Androhung von Folter unter der Verantwortung des Frankfurter Polizeivizepräsidenten Wolfgang Daschner gegenüber dem Entführer des Bankiersohns Jakob von Metzler, um den Aufenthalt des entführten Jungen zu erfahren. Daschner wurde 2004 zu 10.800 € Strafe verurteilt, mit ihm einer seiner Mitarbeiter. Die Rechtslage in Deutschland ist das absolute Folterverbot, die also selbst die reine Androhung von Folter ohne Absicht, sie auch tatsächlich auszuführen, in jedem einzelnen Fall verwirft. Gewichtige juristische Stimmen sprechen sich in Deutschland aber immer wieder für die „Rettungsfolter“ aus oder berufen sich zumindest wie Daschner auf einen übergesetzlichen Notstand. Wir kommen gleich darauf zurück.

Der amerikanische Geschichtsprofessor und CIA-Spezialist Alfred W. McCoy hat in seinem Buch „Foltern und Foltern lassen“ (2005) nachgewiesen, dass CIA und US-Militär seit dem Zweiten Weltkrieg systematisch gefoltert haben. All das wurde im „Krieg gegen den Terror“ seit 2001 noch überboten. McCoy berichtet von nachweisbar 14.000 irakischen Häftlingen, die gefoltert wurden, von durchgängig gefolterten 1.100 Gefangenen in Guantánamo und Bagram. Er belegt 150 Fälle, wo Gefangene an folternde Diktaturen überstellt wurden und 68 Todesfälle im Zusammenhang mit den Folterpraktiken.

Die CIA erklärte McCoy zum Staatsfeind. Was aber die 480 Seiten Zusammenfassung der 6.300 Seiten des Senatsberichts zur Folter seit 2001 offenbart, zeigt, dass alles noch viel schlimmer war und ist. Denn die Senatskommission, die 119 Fälle detailliert darstellt, hatte Zugang zu wesentlich mehr Akten und Zeugen als McCoy und kommt zu dem Schluss, dass die CIA weit über den Freibrief hinaus, den sie sowieso seitens des Präsidenten der USA schon hatte, gefoltert hat, häufiger, heftiger und sinnloser, das heißt auch an Menschen, die über keine lebensrettenden Informationen verfügen konnten. Selbst die Berichte an Präsident George W. Bush umfassten nur einen Bruchteil der tatsächlichen Folterpraxis.

Nun wird die Diskussion um die „Rettungsfolter“ zur Rechtfertigung des Vorgehens der CIA angeführt. Lassen wir uns einmal kurz darauf ein, „Rettungsfolter“ könnte im Ausnahmefall zulässig sein. Selbst dann rechtfertigt sie nichts von dem, was im Bericht beschrieben wird.

Der Untersuchungsbericht belegt nämlich eindrücklich, dass das Foltern nur in den allerseltensten Fällen erfolgte, weil man wusste, dass der Gefolterte über Informationen verfügte, die mit Sicherheit Menschenleben retten würden. Das wird sehr deutlich daran, dass es sehr selten darum ging, dass man wusste, welche Information das Opfer haben muss (z. B. wo er die Bombe platziert hat). Vielmehr hat man einfach systematisch gefoltert, in der Hoffnung, dass der eine oder andere Informationen haben könnte. Oft sollte durch Folter sogar erst einmal herausgefunden werden, ob das Opfer unschuldig, unbeteiligt, unbedeutend oder eben doch Informationsträger und einflussreich sei. 26 der 119 Opfer galten selbst der CIA im Nachhinein sogar als völlig unschuldig – selbst nach ihren eigenen willkürlichen Maßstäben.

So folterte man eben auch Gefangene, die entweder als Unschuldige gar nichts wissen konnten oder in der Hierarchie viel zu weit unten standen, um Gewichtiges zu wissen, oder schon viel zu lange gefangen waren, als dass sie noch über relevante, aktuelle Informationen hätten verfügen können.

Dass das viele Foltern eigentlich nichts gebracht hat, dass also auch die vielen angeblichen Informationen, die man dem Präsidenten übermittelte, nicht unter Folter gewonnen worden waren, kann nur den verwundern, der sich noch nicht mit dem Thema Foltern beschäftigt hat. Das Problem von unter Folter gewonnenen Informationen ist, dass man nicht weiß, ob das Opfer nicht einfach irgendetwas zugibt, damit das Foltern aufhört. Denn durch Foltern kann man nicht in Erfahrung bringen, ob jemand überhaupt Informationen hat oder nicht! Darüberhinaus bieten Opfer, die über längere Zeit der Folter widerstanden haben, am Ende oft bewusst falsche Informationen an. Wer etwa 180 Stunden ohne Schlaf war – eine beliebte CIA-Methode –, wird am Ende sowieso keine brauchbaren Informationen liefern, sondern dem Wahnsinn nahe sein. Kurzum: Der Untersuchungsbericht belegt, dass die CIA trotz ihrer routinemäßigen Folterungen am Ende nicht wirklich mehr Informationen besaß als rechtsstaatlich agierende Institutionen.

Ich bitte, mich nicht misszuverstehen. Ich spreche mich hier nicht für die Rettungsfolter aus, wenn ich so argumentiere. Ich will aber auch denen, die Rettungsfolter in engen Grenzen für zulässig halten, verdeutlichen, dass es bei dem, was der Senatsbericht darlegt, nicht um Rettungsfolter geht, sondern um das vermeintliche Recht des Siegers, die Verlierer wie Unmenschen zu behandeln, weil der eine oder andere ja etwas wissen könnte.

Dass man wusste, dass das Argument der „Rettungsfolter“ nur vorgeschoben wurde, zeigt sich daran, dass die Folter in der Regel nicht von Polizei, Militär oder Justizbehörden durchgeführt wurde, sondern von Geheimdiensten, die ihre Genehmigungen „geheim“ erhielten, dann aber selbst ihrem Boss und Stichwortgeber, dem Präsidenten der USA, gegenüber das meiste lieber „geheim“ sein ließen.

Dazu belegt der Bericht eines deutlich: Erlaubnis zur Folter führt zur Eskalation. Der Freibrief zur Rettungsfolter endete allzuoft in der Routinefolter und schließlich in der Freude am Bestrafen, wie die hässlichen Fotos beweisen, die Täter oder Mitläufer mit Folteropfern schossen. Was als absolute Ausnahme und ultima ratio gedacht war, wurde zur Regel und Routine.

Das hat auch mit den Folterern zu tun. Der Bericht belegt, wieviele Folterer aussteigen wollten, wieviele nach oben gemeldet haben, das müsse aufhören, wieviele sich selbst beim Foltern übergeben mussten. Am Ende hielten nur die Sadisten durch. Und denen waren natürlich künstlich gezogene Grenzen und Spielregeln egal. Dass dem so ist und man das bewusst so laufen ließ, zeigt der Umstand, dass selbst bei schlimmsten Exzessen niemand bestraft oder angeklagt wurde.

Ähnliche Entwicklungen zeigen sich weltweit überall, wo man das Folterverbot nur ein bisschen lockert. Deswegen gilt: Wehret den Anfängen. Doch hört man Präsident Obamas lahme Erklärungen, so etwas dürfe nicht wieder vorkommen, obwohl doch das Versprechen, derartige Folter zu beenden mit zu seiner Wahl beigetragen hat, ist man nicht sehr großer Hoffnung, dass aus dem Bericht über kurzfristige Empörung hinaus wirkliche Veränderungen vorgenommen werden.

Keine „Felsblöcke“ werfen!: Vier Gründe gegen ein Machtwort – Papst Franziskus und Amoris Laetitia

Sprachlich und wesensmäßig trennt die Schrift „Amoris Laetitia“ zu Ehe und Familie Welten von Schreiben früherer Päpste zur Sexualethik, auch wenn sie die offizielle Lehre der Kirche kaum ändert. Die Schrift ist normaler, manchmal sogar banaler, allgemeinverständlich, an der Realität orientiert. Der Papst bedankt sich für viele Beiträge, die ihm geholfen haben, Familie zu verstehen (4) und lehnt eine für alle gültige Lösung, das heißt ein „Lehramtliches Eingreifen“ (3) ab. Das Dokument enthält sehr viel „Selbstkritik“ (36), reichlich ungewöhnlich für ein päpstliches Schreiben, zumindest für die vor 2013.

Durchgängig findet sich eine positive Würdigung von Sexualität und Erotik, ohne das, wie früher üblich, gleich wieder einzuschränken. Das hat durchaus Konsequenzen, etwa wenn der Papst selbstkritisch schreibt, dass die Berufung zur Liebe und gegenseitigen Hilfe „überlagert wurde durch eine fast ausschließliche Betonung der Aufgabe der Fortpflanzung“ (36).

Der Papst weigert sich, die eigentlichen Streitfragen der beiden letzten Bischofssynoden in Rom allgemeingültig zu entscheiden, obwohl ihn beide Bischofssynoden im Schlussdokument darum gebeten haben: „… möchte ich erneut darauf hinweisen, dass nicht alle doktrinellen, moralischen oder pastoralen Diskussionen durch ein lehramtliches Eingreifen entschieden werden müssen“ (3). Dafür nennt er im Wesentlichen vier Gründe:

  1. Regionale und kulturelle Unterschiede: „Außerdem können in jedem Land oder jeder Region besser inkulturierte Lösungen gesucht werden, welche die örtlichen Traditionen und Herausforderungen berücksichtigen“ (3). Die vom Papst besonders in „Evangelii gaudium“ und der Abschlussrede der Familiensynode 2015 geforderte Dezentralisierung setzt sich fort, die schon bei der Eheannulierung radikal umgesetzt wurde, indem jetzt nicht mehr die Glaubenskongregation in Rom, sondern die Ortsbischöfe und die jeweiligen Seelsorger zuständig sind. Was sowieso schon der Fall ist, wird nun offiziell ermöglicht, dass sich nämlich die Praxis der katholischen Seelsorge in Deutschland von der etwa in Polen oder Afrika unterscheidet.
  2. Die Anwendung idealer Forderungen auf konkrete Situationen: Der Papst schreibt: „Daher darf ein Hirte sich nicht damit zufrieden geben, gegenüber denen, die in ‚irregulären‘ Situationen leben, nur moralische Gesetze anzuwenden, als seien es Felsblöcke, die man auf das Leben von Menschen wirft.“ (305) Der Seelsorger muss sich jeden Fall einzeln genau anschauen und dabei zugleich die Barmherzigkeit berücksichtigen, „aus unserem Bewusstsein des Gewichtes der mildernden Umstände – psychologischer, historischer und sogar biologischer Art“ (308). Der Papst eröffnet deswegen die Möglichkeit, dass in Einzelfällen wiederverheirateten Geschiedenen der Zugang zur Kommunion eröffnet wird.
  3. Ein Plädoyer für die Gewissensentscheidung der Gläubigen: Die Aufwertung des Gewissens des Gläubigen gegenüber der kirchlichen Belehrung zieht sich wie ein roter Faden durch das Dokument (37, 42, 83, 222, 265, 298, 300-303), etwa im Falle der Kommunion wiederverheirateter Geschiedener oder bei der Empfängnisverhütung. Die letzte Entscheidung treffen die Gläubigen in ihrem Inneren. Zwar kann man das alles schon bei dem vom Papst mehrfach zitierten bedeutendsten mittelalterlichen Kirchenlehrer Thomas von Aquin (1225-1274) nachlesen, aber insbesondere unter Papst Johannes Paul II. wurde das Gewissen eher als Vollzugsorgan der kirchlichen Lehre gesehen.
  4. Kein Lebenslänglich: Es geht um Barmherzigkeit und um „Integration“ der schuldig gewordenen Gläubigen, denn „niemand darf auf ewig verurteilt werden, denn das ist nicht die Logik des Evangeliums!“ (297). Denn, so der Papst, man kann nicht weiter behaupten, dass die in bestimmten „irregulären“ Situationen lebenden Gläubigen im Zustand der Todsünde und ohne die Gnade leben (301). Das Urteil „lebenslänglich“ ist gewissermaßen abgeschafft.

Für den konservativen Flügel der katholischen Kirche ist das Schreiben ein Albtraum, wie die Diskussionen im Web bereits jetzt zeigen. Denn an die Stelle unaufgebbarer gesetzlichen Normen, die jeden Einzelfall binden, treten zahlreiche Gründe, warum Priester und Gläubige im Einzelfall von der Norm abweichen können. Folgenschwer wird dabei die Veränderung sein, dass es ab jetzt für die Glaubenskongregation schwierig, wenn nicht unmöglich sein wird, Bischofskonferenzen oder Bischöfe in den angesprochenen Fragen abzumahnen. Denn grundsätzlich gibt die Kirche mit dem Schreiben einen Teil ihrer Kontrollinstanz in Fragen der Sexualität auf.

All das tut der Papst, ohne an einer Stelle die kirchliche Lehre an sich zu ändern, wenn man nicht in der Betonung von Kultur, Situation und Gewissen eine Verschiebung der gesamten Morallehre der Kirche auf einen Schlag sehen will. Deutlich wird das beim Thema Homosexualität. Es ist kein aufgeregtes Zentralthema der Sexualethik, sondern wird fast beiläufig behandelt, nicht mehr und nicht weniger als etwa das Zusammenleben unverheirateter Heterosexueller, das auch als nicht dem Ideal der Schöpfung entsprechend angesehen wird.

Ökumenisch öffnet das Dokument Türen in Richtung der orthodoxen oder der klassischen protestantischen Ethik – Karl Barth wäre erfreut gewesen. Eher liberal orientierte Protestanten werden tief enttäuscht sein, aber weite Teile der evangelikalen Welt werden das Schreiben als Annäherung an ihre Position verstehen: Biblisch vorgegebene ethische Grundsatzpositionen und eine auf das Leben und Gewissen bezogene Seelsorge werden nicht im Gegensatz zueinander gesehen. So habe ich etwa in „Führen in ethischer Verantwortung: Die drei Seiten jeder Entscheidung“ argumentiert, dass „Gebot“, „Weisheit“ und „Herz“ gleichermaßen biblisch begründete Quellen der Ethik sind. Der Papst benutzt eine etwas andere Begrifflichkeit, zielt aber auf dasselbe ab. Aus meinen Gesprächen mit ihm weiß ich, dass es genau darum geht: Die Breite des göttlichen Umgangs mit den Menschen in der Heiligen Schrift zu wahren, die Ermutigung und Ermahnung, Gebot und Weisheit, Lehre und persönliche Gewissensentscheidungen zugleich umfasst.

Auch sonst findet eine Annäherung an evangelikale und klassisch-protestantische Positionen statt. Ausgangspunkt sind durchgängig kleine, über die ganze Schrift verteilte Bibelarbeiten. Nicht nur die Barmherzigkeit wird betont, sondern auch, dass die Gnade Gottes immer zuerst kommt und der Mensch Gottes Ordnungen und „Bund“ ohne Gottes beständige Gnade nicht verwirklichen kann (36, 37, 35). Typisch Katholisches tritt stark zurück. Selbst das auch bei Papst Franziskus bisher übliche lange Schlusskapitel über Maria samt Gebet zu Maria ist einem kurzem „Gebet zur Heiligen Familie“ gewichen.

Gekürzt erschienen:

Leicht gekürzter Nachdruck davon in:

Aus Toleranz werden Millionen von Familienangehörigen nicht mehr repräsentiert

11. März 2016 von · 1 Kommentar 

1. Beispiel Niedersachsen

Niedersachen wollte in seinem Gesetzesentwurf für ein neues Mediengesetz in dem zukünftig größer geplanten Gremium der Landesmedienanstalt den Vertreter des Deutschen Familienverbandes (DFV) durch einen Vertreter des Lesben- und Schwulenverbandes ersetzen. Ab sofort wären 1,1 Millionen Familien dort nicht mehr vertreten gewesen. Erst in der Ausschusssitzung des Landtags wurden die vielen Proteste aufgegriffen und ein Vertreter der Arbeitsgemeinschaft der Familienverbände Niedersachsen (AGF), zu dem auch der DFV gehört, in das Gremium aufgenommen.

Aber was geht in Regierenden und Parteien vor, die so etwas planen? Obwohl man als Begründung von Toleranz, Vielfalt und Gleichberechtigung spricht, ist das Ergebnis: Man schafft Toleranz, Vielfalt und Gleichberechtigung ab. Man straft die ganz große Mehrheit ab und ersetzt sie durch eine kleine Minderheit. Der größte Teil der Deutschen lebt in einer Familie. Warum nur hassen alle die Familie so, dass sie nicht mehr mit am Tisch der Großen sitzen darf? Warum kann man nicht der Minderheit die gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen, ohne die Mehrheit anzutasten.

Fazit: Hat früher die Mehrheit die Minderheit diskriminiert, wird jetzt die Mehrheit im Namen der Minderheit diskriminiert, ja die Existenz der Mehrheit wird schon mal gerne geleugnet.

2. Beispiel Baden-Württemberg

Im Gesetzesentwurf des Landes Baden-Württemberg zum Bildungsplan und darin zum Umgang mit Sexualität in der Schule heißt es zu den Kompetenzen, die die Schüler erwerben sollen:

„Schülerinnen und Schüler kennen Formen des Zusammenlebens wie gleichgeschlechtliche Partnerschaft oder Regenbogenfamilie als gleichberechtigte Möglichkeiten des Lebens in der Gemeinschaft“.

Nur indirekt kommt hier noch vor, dass es auch andere Formen der Familie gibt. Sie werden weder erwähnt noch thematisiert, und ein Leben in ihnen gehört offensichtlich nicht mehr zu den Kompetenzen des Lebens. Oder anders gesagt: Obwohl das Wort ‚gleichberechtigt‘ vorkommt, geht es gerade nicht um eine Gleichberechtigung oder um eine Wahl, sondern um die Einführung des Einen auf Kosten des Anderen.

Auch hier: Hat früher die Mehrheit die Minderheit diskriminiert, wird jetzt die Mehrheit im Namen der Minderheit diskriminiert, ja ihre Existenz fast schon geleugnet.

Thomas Schirrmacher