Thomas Schirrmacher
Aktuelle ProMundis Blogbeiträge

Text der Stellungnahme der Weltweiten Evangelischen Allianz zu Uganda

Hier im Nachgang die im letzten Blog erwähnte Stellungnahme der WEA zu Uganda – leider nur in Englisch:

Issues Brief Statement Concerning Sexuality, Justice and Christian Witness

New York, NY – March 20, 2014

In recent weeks the World Evangelical Alliance (WEA) has been asked to comment on the law in Uganda that criminalizes homosexuality and the international reaction to this law. The WEA recognizes that the issues are far greater and more complex than one nation’s law; that stereotypes within Christianity of a liberal west or a fundamentalist south are not helpful; and most of all, that just as the apostles Peter and Paul needed one another for discernment and correction, so too Christians need one another. May we all have the wisdom and grace that are needed as we seek the best ways to follow Christ in our diverse contexts. Despite the complexity of the issues and the challenges these pose to the Church worldwide, the WEA affirms these basic convictions:

Evangelicals are on the side of life. We believe and trust in God, the creator of all life, God who raised his Son Jesus Christ from the dead and through whom we are all offered eternal life, God who enlivens the Church with the gift of the Spirit.

It is precisely because of our life-giving God that we condemn any practice or law that promotes injustice or death. We also believe and trust in a just, merciful and loving God, who is Lord over all, and who calls us as Christians to be imitators of Jesus Christ, God’s Son. As followers of Christ we are called to be a people who show mercy, grace and love, and who strive for justice and peace in this world.

We recognize that there is great diversity in the body of Christ and that there are different perspectives and opinions within the evangelical world. Yet for the sake of our witness of Christ to the world, we are compelled to denounce both unjust discrimination – such as the recent law in Uganda – and unjust pressure and manipulation on the part of international governments – such as the threat from the United States to Uganda. Criminalizing homosexuality and threatening to withhold aid from an entire nation are both unjust practices that endanger life and threaten religious liberty.

We stand with the local Church as it prayerfully and patiently tries to discern the best ways to witness, to restore, and to show the love, justice and mercy of Christ to all people. We affirm the Church’s role to be the faithful community of followers of Jesus who live and witness in the multiplicity of contexts in which God has put us, despite the all too frequent threats of persecution or violence.

As evangelicals, we affirm that God created marriage to be solely between one man and one woman, faithfully committed to one another in a life-long and faithful relationship. We further believe that God must always be at the center of marriage and the family. Through the Spirit we learn to love, to forgive one another, and to live together as witnesses of the good news of Jesus Christ.

By opposing the Ugandan law against homosexuality – recognizing that such laws exist in many other countries – we are not condoning homosexual behavior. We also oppose any threat against the people of Uganda – or that of any other country – that places conditions on aid such as food or medicine. Both the laws and the threats bring with them the potential for violence, injustice and abuse, examples of which have tragically already been seen.

We pray for the people of Uganda, for the government and for those who suffer because of injustice, as well as for the Church in Uganda and all around the world as it seeks to be a true witness to the Gospel of Grace.

WEA gegen neues Homosexuellengesetz in Uganda und westlichen Kolonialismus

Die Weltweite Evangelische Allianz hat das neue Strafgesetz gegen Homosexuelle in Uganda verurteilt, aber zugleich auch die kolonialistisch-patriarchalische Art, wie westliche Nationen Uganda und die Afrikaner überhaupt behandeln. Manchem Evangelikalen in den USA geht das zu weit, vielen Evangelikalen in Europa ist das zu wenig.

Ich bitte aber Folgendes zu bedenken:

Die Weltweite Evangelische Allianz (WEA) ist nicht wie die Katholische Kirche aufgebaut, wo die Zentrale autoritativ mitteilen kann, was die gesamte Kirche (offiziell) vertritt, sondern eher wie der Ökumenische Rat der Kirchen, der nur mit und für seine Mitglieder sprechen kann. Typisch evangelikal ist der Aufbau der WEA von unten nach oben und deswegen kann die WEA nicht einfach Statements in die Welt setzen, ohne die nationalen Allianzen und die realen, betroffenen Kirchen nicht nur gefragt zu haben, sondern mit unterzeichnen zu lassen. Das geht von Pressemeldungen bis hin zu Grundsatzerklärungen. Die WEA kann also nicht ein Statement über ein Problem in Deutschland veröffentlichen ohne Konsultation und Einverständnis der Deutschen Evangelischen Allianz, auch wenn das bei den verabschiedeten Dokumenten selten dabei steht.

Ein glattes Statement, dass den westlichen Kirchen und der weltweiten Medienlandschaft gefällt, nicht aber denen, über deren Länder gesprochen wird, ist so nicht möglich. Vielmehr hatte die Theologische Kommission die Aufgabe, Sichtweisen und Wünsche westlicher nationaler Allianzen mit denen afrikanischer Allianzen und der Afrikanischen Evangelischen Allianz insgesamt übereinzubringen.

In Deutschland sagen nach einer weltweiten Umfrage des Pew Research Center Religion & Public Life von 2013 87% der Befragten, dass Homosexualität von der Gesellschaft anerkannt werden müsse. In Uganda sind es 4%. Das ganze Spektrum der Kirchen in beiden Ländern zusammengenommen, dürfte nicht sehr stark von der Meinung in ihren jeweiligen Ländern abweichen. Allerdings zeigt die Reaktion aller ugandischen Kirchen, auch der evangelikalen Kirchen, auf das Gesetz in Uganda, dass sie in der Frage des Strafrechts gegen Homosexuelle durchschnittlich ‚liberaler‘ sind als die Bevölkerung und das Parlament selbst.

In beide Situationen, also etwa Uganda bzw. Afrika und Deutschland bzw. Europa, gleichermaßen zu sprechen, ist fast unmöglich, trotzdem haben wir es versucht. Was herausgekommen ist, erscheint vielen Afrikanern zu liberal, vielen Europäern zu zurückhaltend formuliert. Aber wer nicht kolonialistisch deutsche Theologie und Kirchenpolitik afrikanischen Kirchen aufzwingen will, sondern Partnerschaft zwischen Kirchen weltweit wirklich ernst meint, kann nur diesen Weg beschreiten. Tatsächlich aber treten auch die meisten deutschen evangelischen Kirchen und ihre Missionswerke in diesen Fragen mit kolonialistischer Gesinnung an und erwarten schlicht, dass sich die Kirchen in Afrika der ‚tieferen‘ Einsicht der westlichen Kirchen anschließen.

Anhang: Hier noch Details zur erwähnten Umfrage: In den Umfragen zum Thema Homosexualität des Pew Research Center Religion & Public Life in vielen Ländern der Erde, die im Juni 2013 in der Studie „The Global Divide on Homosexuality“ veröffentlicht wurden, gaben auf die Frage: „Homosexualität sollte von der Gesellschaft anerkannt werden („homosexuality should be accepted by society“) folgende Prozentsätze eine positive Antwort: Am höchsten: Spanien 88%, Deutschland 87%, Kanada 80%, Australien 79%, Frankreich 77%, Großbritannien 76% [in den USA waren es 60%]    
Am niedrigsten: Nigeria 1%, Tunesien 2%, Ghana, Senegal, Ägypten, Jordanien, Indonesien: alle je 3%, Uganda 4%, Palästinensische Autonomiegebiete 4%, Kenia 8%

Die Bevorteilung des Islam und die Benachteiligung des orientalischen und freikirchlichen Christentums in Deutschland

Sind Christen aus dem Orient unwichtiger als Muslime aus dem Orient?

Persönliche Erfahrungen

Es ist schon ein merkwürdiges Phänomen in Deutschland, dass ‚Staat‘ und ‚Kirche‘ (ich meine hier die in der Evangelischen Kirche in Deutschland/EKD zusammengeschlossenen evangelischen Landeskirchen und die Diozösen der katholischen Deutschen Bischofskonferenz/DBK) die kleinen Kirchen (‚Freikirchen‘), zu denen ja neben den kleineren protestantischen Kirchen auch die orthodoxen und altorientalischen Kirchen gehören, weitgehend ignorieren, gleichzeitig aber unter Berufung auf die notwendige Gleichbehandlung islamischen Organisationen und Muslimen große Aufmerksamkeit widmen und Dinge antragen, die diese gar nicht gefordert haben. Staatliche Lehrstühle für Muslime werden aus dem Boden gestampft, freikirchliche und orthodoxe bzw. altorientalische Lehrstühle oder auch nur auf diesem Themenbereich ausgerichtete Lehrstühle gibt es kaum und sie sind eher rückläufig, für orthodoxe Theologie gibt es eine Ausbildung in München, ansonsten Lehrstühle in Münster und Erfurt.

Bei muslimischen Jubiläen oder Eröffnungen von Islamischen Zentren stehen Politiker und Vertreter der katholischen und evangelischen Kirche teilweise Schlange, bei ebensolchen Jubiläen oder Einweihungen von orthodoxen und altorientalischen Kirchen fehlen sie fast völlig.

Gleich vornweg sei gesagt, bevor mein Kommentar für antiislamisch gehalten wird: Ich möchte nicht weniger Respekt und Gleichbehandlung für Muslime, sondern mehr Respekt und Gleichbehandlung für evangelische Freikirchen und orthodoxe bzw. altorientalische Kirchen.

Am beschämendsten war die Erfahrung beim 50jährigen Jubiläum der Erzdiözese der Griechisch-Orthodoxen Kirche in Deutschland, zu der 60 Kirchengemeinden mit etwa 200 Gottesdienststätten und 400.000–500.000 Mitglieder gehören, deren Zahl schätzungsweise um 20.000 pro Jahr wächst. Kein hochrangiger Politiker war in der Agias-Trias-Kirche in Bonn-Limperich anwesend, um die enorme Integrationsleistung zu würdigen, mit der die Kirche ihren Angehörigen über Jahrzehnte geholfen hat, sich in ihrer neuen Heimat zurechtzufinden und ihren Beitrag zum Gemeinwohl zu leisten. Auch der Bonner Oberbürgermeister oder seine Vertreterin fehlten. Der römisch-katholische Bischof von Aachen war als Studienkollege des Metropoliten für die Festrede gekommen, aber wohl nicht als Vertreter der Deutschen Bischofskonferenz, die ca. 10 km Luftlinie vom Sitz des Metropoliten entfernt ihre Zentrale ebenfalls in Bonn hat. Offizielle Vertreter der EKD, der Rheinischen Kirche oder eines evangelisch-landeskirchlichen Werkes fehlten völlig.

Metropolit Augostinos ist zugleich Exarch von Zentraleuropa, so dass ihm alle griechisch-orthodoxen Kirchen in Westeuropa, außer in Großbritannien und Griechenland, unterstehen. Er selbst untersteht nur noch dem Ökumenischen Patriarchen in Istanbul. Anschließend gab es außer unserer Pressemeldung keine Medienberichterstattung, nur der örtliche General-Anzeiger hatte am Tag vorher ein lesenswertes Interview mit dem Metropoliten gedruckt. Zu meiner Würdigung des Metropoliten wegen 50 Jahren erfolgreicher Integrationspolitik heißt es in der Pressemeldung:

„Wenn eine Religionsgemeinschaft ihre Angehörigen zur Integration auffordert und sie unterstützt, kann Integration gelingen.“, so Schirrmacher wörtlich. Das nütze den Zuwanderern, Wirtschaft und Staat und nicht zuletzt der Religionsgemeinschaft selbst. Schirrmacher bezeichnete die vor 50 Jahren gegründete Metropolie und das Wirken des Metropoliten Augostinos als ein „Musterbeispiel für gelungene Förderung der Integration“ und Vorbild für andere.

Man überlege einmal, der Zentralrat der Muslime hätte 50jähriges Bestehen gefeiert und kein Politiker und kein Kirchenvertreter wären gekommen und die Medien hätten nichts berichtet!

Mit dem Metropoliten der Orthodoxen Kirche in Deutschland in dessen Bonner Kirche

Mit dem Metropoliten der Orthodoxen Kirche in Deutschland in dessen Bonner Kirche

Aus meiner persönlichen Erfahrung möchte ich noch zwei weitere Beispiele anführen. Bei einer koptischen Bischofsweihe im koptischen Kloster im hessischen Kröffelbach war ich der einzige offizielle Vertreter nichtöstlicher Kirchen oder ökumenischer Organisationen und seitens der Politik war nur der Ortsbürgermeister erschienen [siehe diese Pressemeldung]. Da wird ein Bischof für Deutschland eingesetzt und keiner erscheint? Und während die koptischen Christen angesichts der Lage in ihrem Heimatland Ägypten dringend unserer Solidarität bedürfen, wird ein Zentralereignis ihrer Kirche in Deutschland einfach ignoriert?

Bei einer syrisch-orthodoxen Bischofsweihe im westfälischen Warburg, an der der syrisch-orthodoxe Patriarch persönlich teilnahm, war ich der einzige höherrangige Protestant. Ein regionaler katholischer Bischof war erschienen, aber wohl nicht offiziell für die Deutsche Bischofskonferenz, ich hatte einen befreundeten freikirchlichen Bischof und befreundete landeskirchliche Pfarrer mitgebracht.

Wird eine örtliche Moschee oder ein Islamisches Zentrum eingeweiht oder finden andere wichtige Ereignisse in Moscheen statt, finden sich eigentlich immer Vertreter der Politik aller Ebenen, aber auch der großen Kirchen ein. Bekommen sie nicht sowieso eine Einladung, bemühen Sie sich oft eigens darum. Geht es aber beispielsweise um syrisch-orthodoxe oder koptische Christen, die oft aus derselben Region und denselben Ländern wie die Muslime kommen, fällt das Interesse stark ab. Geht es gar um Baptisten, Pfingstler oder russlanddeutsche Mennoniten, sieht es meist noch schlechter aus. (Dass die Beziehung vor Ort, das heißt zu örtlichen Kirchenvertretern oder Lokalpolitikern, oft viel besser sind, ist mir bewusst, ändert aber wenig an der Berechtigung meiner Analyse oder Kritik.)

Zähle ich nach der deutschen Religionsstatistik von REMID [Stand: 1.8.2013] alle Mitglieder protestantischer (und altkatholischer) Kirchen neben der EKD zusammen, sind es 0,87 Mio. Die orientalischen Kirchen haben zusammen – je nachdem, wen man mitzählt – 1,51 Mio. Mitglieder. Macht zusammen 2,38 Mio. ‚Freikirchler‘, also Kirchenmitglieder neben DBK und EKD. Die müssten also zusammengenommen wenigstens halb so viel Aufmerksamkeit, Zusammenarbeit und auch Zuwendungen bekommen, wie die geschätzten 4,3 Mio. Muslime im Land.

Aus den baden-württembergischen oder nordrhein-westfälischen Integrationsministerien (die ich am besten kenne) hört man nichts zu russlanddeutschen Migranten oder Immigranten alteingesessener nahöstlicher Kirchen, es geht öffentlich nur um Muslime – was hinter den Kulissen geschieht, ist mir natürlich nur zum Teil bekannt. (Auf Ebene des Bundes sieht es da beim Bundesinnenministerium oder dem Büro der Integrationsbeauftragen etwas besser, aber auch nicht gut aus.) Die enorme Integrationsleistung der orthodoxen und altorientalischen Kirchen oder der russlanddeutschen Kirchengemeinden aller Art, die hunderttausenden Zuwanderern geholfen haben, sich gerne und erfolgreich in unsere Gesellschaft zu integrieren, wird viel zu selten gewürdigt. Die koptische Kirche erstellte vor 40 Jahren die ersten Integrationskurse „Mama spricht Deutsch“. So etwas ist kaum bekannt und wird entsprechend kaum gewürdigt.

Weder die katholische Kirche, noch die evangelischen Kirchen, haben dafür gekämpft, dass die evangelischen Freikirchen ihren Platz im SWR-Rundfunkrat nicht an die Muslime abgeben müssen, und etwa gefordert, das Freikirchen und Muslime beide repräsentiert werden. Sie selbst sind jeweils komfortabel mit 4 Sitzen ausgestattet. Die beiden Landesregierungen tauschen in einem Gremium von 74 Mitgliedern ohne jedes Kennzeichen des Bedauerns den einen freikirchlichen Platz gegen einen muslimischen Platz aus. Von den orthodoxen und altorientalischen Christen wurde gar nicht erst gesprochen. Und das, obwohl es in den beiden betroffenen Bundesländern mehr ‚Freikirchler‘, das heißt Mitglieder freier evangelischer und orthodoxer bzw. altorientalischer Kirchen gibt, als Muslime, wie die Volkszählung erneut bestätigt hat. Und die großen Kirchen schauten einfach zu. Wenn sie schon die protestantischen Freikirchen als unliebsame Konkurrenz wahrnehmen oder gar für problematisch halten, obwohl sie mit den meisten von ihnen zusammen zur Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen [ACK] gehören: Der Anstand hätte geboten, sich wenigstens für die orientalischen Kirchen in Deutschland einzusetzen.

Wenn Freikirchen neue Kirchen bauen wollen, geschieht es immer wieder, dass insbesondere Politiker der Partei Bündnis90/Die Grünen, aber auch andere Politiker und Aktivisten, scharfe Proteste, ja oft Aktionen dagegen unternehmen, wenn und weil die entsprechende Gemeinde Homosexualität für Sünde hält. Mit demselben Grund müsste man dann viel intensiver gegen jeden Moscheebau vorgehen. Besser wäre es, auch im Falle der Freikirchen den Bau von Kirchen nicht davon abhängig zu machen, was diese Kirchen im Rahmen ihrer Religionsfreiheit in ihrem Inneren lehren.

Warum entsteht ein Sturm der Entrüstung, wenn Teile der Freikirchen Homosexualität weiterhin für ‚Sünde’ halten, aber keinerlei Strafen dafür fordern, geschweige denn Selbstjustiz üben, aber geschwiegen wird, wenn Gruppen unter den Muslimen der Meinung sind, dass der Staat Homosexualität hart bestrafen sollte oder gar mit solchen Heimatländern sympathisieren, in denen die Todesstrafe oder andere strafrechtliche Maßnahmen für Homosexualität gelten?

Muslime bekommen derzeit recht viele neue Institute und Lehrstühle an Universitäten, um Religionslehrer auszubilden. Freikirchen und orthodoxe bzw. altorientalische Kirchen bekommen keine. Die Medien diskutieren täglich, wann Muslime dort, wo sie keinen Religionsunterricht haben, endlich welchen bekommen – Geld spielt scheinbar keine Rolle. Freikirchlichen und orthodoxen Religionsunterricht diskutiert niemand, der findet teilweise versteckt außerschulisch in den Räumen der Kirchen selbst statt.

Wohlgemerkt, ich möchte nicht weniger Respekt und Gleichbehandlung, ja Religionsfreiheit für Muslime, sondern mehr Respekt und Gleichbehandlung, ja Religionsfreiheit für evangelische Freikirchen und orthodoxe bzw. altorientalische Kirchen. Und ich tue das nicht als Freikirchler, der für Seinesgleichen spricht, sondern als jemand, dem das Verhalten der eigenen Kirche missfällt.

Untergräbt der evangelikale Glaube die Religionsfreiheit?

11. März 2014 von Schirrmacher · 1 Kommentar 

Ein Kopfstand in Sachsen

Warum der Satz über die Evangelikalen „Ein christlich-fundamentalistischer Glaube unterscheidet nicht zwischen religiöser Gewissheit und staatsbürgerlichen Freiheiten“ völliger Unsinn ist.

Die Autorin des Textes ‚Evangelikale in Sachsen‘ (Jennifer Stange. Evangelikale in Sachsen. Dresden: Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen, 2014) macht viel Aufhebens darum, dass Evangelikale keinen rein privaten Glauben befürworten, sondern ihr Glaube an die Öffentlichkeit will und dass sie die Welt verändern und die Politik beeinflussen wollen (S. 7). Ja mei, leben wir in einer Demokratie oder nicht? Und die Heinrich-Böll-Stiftung beschränkt dichterisches Schaffen rein aufs Private und will nicht die Politik beeinflussen? Und muss man neuerdings für das, was jede Weltanschauung in unserem Land in den demokratischen Diskurs einbringt, vorher irgendwo um Erlaubnis bitten, ob man für das Konzert der Meinungen überhaupt zugelassen ist? Vielleicht bei der Heinrich-Böll-Stiftung?

Die Untersuchung der Autorin greift wahllos Statements von Privatpersonen und Webseiten auf. Sie studiert nicht die offiziellen Quellen und Statements (z. B. das Grundsatzpapier der Deutschen Evangelischen Allianz ‚Suchet der Stadt Bestes‘), sondern erhebt die zitierten Beispiele zum Standard. Dabei werden auch schnell ungenannte Kirchengemeinden und die „konfessionell gebundenen“ Christen (S. 27) und andere mit hineingerührt. Angesichts der enormen Spannbreite, die die evangelikale Bewegung umfasst, lässt sich da schnell etwas finden. Es wird aber nicht belegt, dass die jeweiligen Aussagen und Positionen Aussagen der Evangelikalen an sich oder der offiziellen Standesvertretungen der Evangelikalen wären. Das wäre so, als würde man die SPD im Lichte der Äußerungen jedes SPD-Mitglieds darstellen, von dem sich Äußerungen finden lassen.

Aber ich will mich hier eigentlich nur auf einen Absatz in meinem Kommentar beschränken, der grundfalsch ist und die Sicht der Evangelikalen mutwillig in ihr Gegenteil verkehrt:

„Dieser Anspruch deutet ein grundlegendes Problem an, das zur zentralen These dieses Beitrags führt: Ein christlich-fundamentalistischer Glaube unterscheidet nicht zwischen religiöser Gewissheit und staatsbürgerlichen Freiheiten. Bibeltreue Christen vertreten und verbreiten eine kompromisslose Glaubensauffassung, die sich zum Teil massiv von einem aufgeklärten Glauben, wie zum Beispiel dem liberalen Protestantismus, unterscheidet. Denn wer die Unfehlbarkeit der Bibel propagiert, steht einerseits im latenten Konflikt mit anderen Religionen, anderseits untergräbt ein Glaube, der aufgrund religiöser Absolutheitsansprüche gesellschaftliche Geltungsmacht beansprucht, die Religionsfreiheit als Freiheit von der Religion.“ (S. 7, Hervorhebung hinzugefügt)

Nun brauchte man sich hier als Evangelikaler nicht angesprochen fühlen, ist doch nur von ‚fundamentalistisch‘ die Rede. Aber die Autorin mixt die Begriffe ‚evangelikal‘ und ‚fundamentalistisch‘ fortlaufend und zielt mit diesem Absatz offensichtlich auf die, die Gegenstand ihrer Untersuchung sind, die Evangelikalen.

Mehreres steht hier Kopf.

  1. Die Evangelikalen waren mit die ersten, die für Religionsfreiheit und dabei für eine Trennung von Kirche und Staat eintraten und sind heute noch weltweit im Einsatz für Religionsfreiheit führend (so etwa Allen D. Hertzke. Freeing God’s Children: The Unlikely Alliance for Global Human Rights. Oxford: Rowman & Littlefield, 2004). Bei der Gründung der Weltweiten Evangelischen Allianz 1846, als auch in Sachsen die Kirchen noch den seligen Schlaf der Staatskirchen schliefen, gehörte die Religionsfreiheit zum Gründungsprogramm und wurde in großen Kampagnen europaweit und oft erfolgreich eingeklagt, etwa zugunsten von einigen Schwedinnen, die zum Katholizismus konvertierten. Die Allianz brachte das Anliegen aggressiv beim türkischen Sultan Abdülmecid I., beim deutschen und beim österreichischen Kaiser, bei Reichskanzler Bismarck und einvernehmlich beim amerikanischen Präsidenten vor. Dies hat Gerhard Lindemann in seiner monumentalen Habilitationsschrift „Die Geschichte der Evangelischen Allianz im Zeitalter des Liberalismus [1846–1879]“ (Münster: Lit Verlag, 2011) nachgewiesen. Dasselbe gilt auch für die Evangelische Allianz in Deutschland (z. B. Karl Heinz Voigt, Thomas Schirrmacher. Menschenrechte für Minderheiten in Deutschland und Europa: Vom Einsatz für die Religionsfreiheit durch die Evangelische Allianz im 19. Jahrhundert. VKW: Bonn, 2003). 1861 stellte ein französischer Pastor für die Allianz die These auf, dass Religionsfreiheit die staatliche Ordnung stabilisiere und Frieden garantiere, eine damals bei den großen Kirchen höchst umstrittene Sicht, die heute die soziologische Forschung wiederholt bestätigt hat. Lindemann schreibt: „Mit ihrem Engagement für die Religionsfreiheit leistete die Allianz, deren angloamerikanischer Flügel sich nicht mit bloßer Toleranz zufriedengab, sondern das öffentliche Bekennen des Glaubens als ein Grundrecht ansah, auch der Durchsetzung der bürgerlichen Freiheiten in den betreffenden Ländern einen bemerkenswerten Dienst und trug zur Entstehung einer europäischen Zivilgesellschaft nicht unwesentlich bei.“ (S. 943).
  2. Deswegen ist die Trennung persönlicher religiöser Gewissheit von der Aufgabe von Staat und Justiz integraler Bestandteil der Überzeugung der Evangelikalen, was dann oft dazu führt, dass sie sich – leider – gerade nicht politisch und gesellschaftlich engagieren!
  3. Die Bibel lehrt die Evangelikalen gerade, dass Mission nie Sache des Staates sein darf und der Staat keiner Kirche oder Religion hörig sein darf. Aus ‚Fundamentalismus‘ (so jedenfalls die Sprachregelung der Autorin) sind die Evangelikalen für einen völlig freien Glauben ohne jeden Zwang in religiösen Fragen. Die Formel, dass aus dem Absolutheitsanspruch Jesu die Konsequenz gezogen werden müsste, die Religionsfreiheit in Frage zu stellen, ergibt sich im Kopf der Autorin, nicht im Kopf der Evangelikalen. Denn es ist für Evangelikale gerade dieser Jesus, der den Glauben nicht erzwingen will und seinen Anhängern kein Mandat zu Zwang oder Rache gibt, sondern Respekt und Liebe fordert. Die Religionsfreiheit ist bei den Evangelikalen ebenso im Grundsätzlichsten ihres Glaubens verankert, wie es etwa seit 1965 auch bei der Katholischen Kirche der Fall ist. Im ganzen Heft bringt die Autorin keinen einzigen Beleg, wo Evangelikale fordern, die Religionsfreiheit zu beschränken oder dies gar aktiv tun. Es ist ein reines Hirngespinst: Es muss einfach so sein. Dass man aus der Bibel ‚fundamentalistisch‘ auch Gutes ableiten könnte, kommt ihr gar nicht in den Sinn. Es ist aber nie empfehlenswert, als Außenstehender ohne Studium der Quellen Schlüsse zu ziehen, was andere eigentlich schlussfolgern müssten. Außerdem sollte in einer Demokratie gelten, dass jeder zunächst einmal für sich selbst sprechen kann und erst dann kritisiert wird. Evangelikale leiten seit Jahrhunderten ‚fundamentalistisch‘ aus der Bibel ab, dass ‚Rassismus‘ falsch ist (deswegen ihr Ursprung in der Anti-Sklaverei-Bewegung) und dass es in Fragen der Religion um den Glauben des Herzens geht, den niemand mit irgendeiner Art des Zwangs bedrohen oder erzwingen darf.
  4. Dass Religionsfreiheit „Freiheit von der Religion“ sei, verrät zwar viel über die Autorin, steht aber im Widerspruch zu dem, was in unserer Demokratie Sache und rechtens ist. Hier ist Religionsfreiheit die Freiheit jeder Religion und Weltanschauung, ihre Überzeugung allein und in Gemeinschaft praktizieren und öffentlich propagieren zu dürfen. Die negative Religionsfreiheit beinhaltet, dass man nicht zur Teilnahme an der Ausübung anderer Religionen und Weltanschauungen gezwungen werden darf. Atheisten haben also nicht nur eine „Freiheit von der Religion“, sondern auch „Freiheit von“ anderen atheistischen und humanistischen Weltanschauungen!
  5. Zu guter Letzt: Die Studie zitiert einen evangelikalen Privatmann, der – meines Erachtens zu Unrecht – die Unterscheidung von Islam und Islamismus ablehnt (wie ihn etwa gerade das Institut für Islamfragen der Deutschen Evangelischen Allianz propagiert!, siehe das Buch ‚Islamismus‘. Holzgerlingen: SCM Hänssler, 2012). Dieser Privatmann kritisiert laut Autorin „[s]elbst Volker Kauder, den rechtskonservativen evangelikalen Bundestagsabgeordneten der CDU“, „[w]eil Kauder Muslimen die im Grundgesetz garantierte Religionsfreiheit zusicherte“ (S. 25). Nun ist die politische Zuschreibung des Fraktionsvorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Volker Kauder sicher eigenwillig, dann könnte man auch die Bundeskanzlerin gleich so einordnen, und nichts spricht dafür, dass Kauder sich selbst als Evangelikalen sieht. Aber nun nennt die Autorin ihn nun einmal so. Doch wie kommt sie darauf? Weil er sich massiv gegen Christenverfolgung und für Religionsfreiheit, auch der Muslime in Deutschland, einsetzt und dabei von niemand massiver als von den Evangelikalen unterstützt wird! Das müsste ja eigentlich ein Widerspruch in sich sein. De facto aber offenbart die Autorin damit, dass man Evangelikale an ihrem Einsatz für Religionsfreiheit erkennt! Als Kauder auf der größten evangelikalen Konferenz zum Thema, die zweijährlich in Schwäbisch-Gmünd stattfindet, ausführlich für die Religionsfreiheit für alle in Deutschland ebenso wie weltweit plädierte, erhielt er tosenden Beifall der Anwesenden.

Fakt ist: Die Weltweite Evangelische Allianz setzt sich im globalen Maßstab ebenso wie die nationalen Allianzen auch für die Religionsfreiheit der Muslime ein. Man schaue etwa einmal auf der Webseite von deren Internationalem Institut für Religionsfreiheit unter dem Reiter „Religionen“ die Meldungen zu Muslimen als Opfer an. Das ist auch der Grund, warum die Schweizerische Evangelische Allianz seinerzeit gegen die Schweizer Minarettinitiative Stellung bezogen hat!

Ein super Video zur Petition zum Bildungsplan in Baden-Württemberg

Das muss man einfach gesehen haben:

Thomas Schirrmacher