Thomas Schirrmacher
Aktuelle ProMundis Blogbeiträge

Zu Papst Franziskus

23. August 2016 von · Schreiben Sie einen Kommentar 

Eine schöne PDF-Version meines Beitrags vom 14.5.2016 kann hier heruntergeladen werden:
„Freude der Liebe“

Außerdem wirft meinn im September erscheinendes Buch „Kaffeepausen mit dem Papst“ seine Schatten voraus, ein erstes Interview erschien bei jesus.de.

Pope

Sind Evangelikale schießwütige Mörder? Gegen Ramelows Großstadtmythos: Kein Evangelikaler hat je einen Abtreibungsarzt erschossen

22. August 2016 von · Schreiben Sie einen Kommentar 

Der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke) sagte in der ZDF-Fernsehsendung „Maybrit Illner“ vom 31. März zum Thema „Terrorismus: Was tun gegen islamistische Gewalt?“ etwa in der Mitte der Sendung:

„In Amerika gibt es selbst ernannte Evangelikale, die der Meinung sind, sie könnten Abtreibungsgegner [gemeint sind wohl Abtreibungsbefürworter] oder Abtreibungskliniken überfallen und Menschen umbringen, erschießen, die sich für Abtreibung einsetzen.“

Was sind denn „selbst ernannte Evangelikale“? Aber das war wohl eh ein Versprecher. Jedenfalls bringt er wieder einmal Evangelikale mit Mördern von Abtreibungsärzten in Verbindung.

Also habe ich mir – wie für ein ausführliches Gutachten 2008 und erneut 2009 – wieder alle Daten und Ereignisse angeschaut, ob denn zwischenzeitlich wenigstens ein einziges Mal ein Evangelikaler verdächtigt worden ist, einen Abtreibungsbefürworter umgebracht zu haben. Immer noch gibt es keinen einzigen Fall!

Ramelow zitiert eindeutig einen Großstadtmythos, der sich längst verselbstständigt hat. Einer zitiert den anderen, keiner sieht, dass am Anfang der ‚Reise zu Jerusalem‘ überhaupt kein Ereignis steht.

Erst einmal allgemein zu Fällen von Morden im Zusammenhang mit Überfallen auf Abtreibungskliniken. Seit 1998 gab es einen einzigen Fall von 2009 und dann einen weiteren unklaren Fall von 2015. Das soll eine Parallele zum islamistischen Terrorismus sein? So furchtbar jeder Mord ist, für die USA ist das eine erstaunlich geringe Zahl!

Geht denn wenigstens der Fall von 2015 auf das Konto von Christen? Nein, jedenfalls behauptet das niemand in den Medien, in den Polizeiverlautbarungen, der anklagenden Staatsanwaltschaft oder auch in den Berichten der großen Pro-Abtreibungsverbände und Abtreibungsklinikbetreiber in den USA. Der Prozess wurde abgebrochen, da der Täter offensichtlich in ein psychiatrisches Krankenhaus, nicht vor Gericht gehört.

Auch 2016 muss man sagen: Es handelt sich um ein Problem der USA. Seit 2009 sind außerhalb der USA keine Fälle bekannt geworden, auch nicht in Kanada und Australien, wo es so etwas früher in Einzelfällen einmal gab. Bisher gehen 99% aller solcher Fälle auf das Konto der USA.

Was geschah am 29.11.2015? Es gab drei Tote und neun Verletzte bei einer Schießerei in einer Abtreibungsklinik in Colorado Springs, die in einem Einkaufszentrum liegt. Der Täter gab erst nach einer stundenlangen Belagerung durch die Polizei auf. Ob sein Ziel überhaupt die Klinik war, bleibt offen. Der Täter war seit 1997 wegen zahlreicher wilder Schie­ßereien in öffentlichen Gebäuden in mehreren Bundesstaaten aufgefallen. Am 11.05.2016 beendete das Gericht den Prozess wegen offensichtlicher Unzurechnungsfähigkeit des Täters. Ein religiöser Hintergrund wurde von niemandem behauptet.

Wo bitte schön ist hier die Verbindung zu Evangelikalen oder Christen überhaupt?

Bereits in meinem Bericht von 2008 gehe ich ausführlich auf Berichte bzw. Statistiken ein, die die National Abortion Federation, die Lobby für Abtreibungseinrichtungen NARAL Pro Choice oder Feminist Majority Foundation (FMF) jährlich veröffentlichen. In ihnen werden auch alle Mordfälle und alle schwerwiegenden Fälle von Anschlägen auf Abtreibungskliniken aufgelistet, dazu die Hintergründe der Täter. Beide sind nicht gerade Christen-freundlich, geschweige gut auf Evangelikale zu sprechen, und beides sind tendenziöse Berichte. (Wobei aber durchaus berichtet wird, dass sich evangelikale Pro-Life-Verbände in jedem Fall scharf von dieser Art Verbrechen distanziert haben.)

Trotzdem machen weiterhin auch die 2016 veröffentlichten Berichte für 2015 und davor in keinem Fall evangelikale oder katholische Christen für eine Straftat verantwortlich. [National Abortion Federation: April 2016, Statistik für 2015, VIOLENCE AND DISRUPTION STATISTICS; NARAL: Fact sheet vom 1.1.2016.] Woher der Großstadtmythos dann stammt?

Zusammenfassend kann man sagen:

Seit 1977 gab es 11 Morde in Abtreibungskliniken oder an Abtreibungsärzten, also etwas mehr als jedes vierte Jahr ein Fall. Seit 1995 sind es 6 Todesopfer, wobei 3 Morde auf eine Schießerei und Belagerung zurückgehen, die möglicherweise nichts mit dem Thema Abtreibung zu tun hatte, da die Klinik in einem Einkaufszentrum lag. Lässt man diese 3 Opfer außen vor, sind es 3 Morde in 20 Jahren, also jedes sechste Jahr einer.

Der mit Abstand häufigste Grund der Täter ist Unzurechnungsfähigkeit, gefolgt von Angehörigen von weißen Terrorgruppen. Christen und christliche Kirchen spielen keine Rolle.

Genozid in Nahost. Erklärung auf der Vatikansynode

20. August 2016 von · Schreiben Sie einen Kommentar 

Schirrmacher bei seiner Intervention (© L’Osservatore Romano)

Schirrmacher bei seiner Intervention (© L’Osservatore Romano)

Schirrmacher bittet Papst um institutionelle Unterstützung des Einsatzes gegen Diskriminierung und Verfolgung der Christen

Diese Meldung stammt ursprünglich aus dem Jahr 2015 und ist bisher nicht in meinem Blog erschienen.

(Bonn, 17.10.2015) Der Vertreter der Weltweiten Evangelischen Allianz auf der Vatikansynode, Thomas Schirrmacher, hat aus Anlass des 50jährigen Jubiläums der Vatikansynode an die Weltchristenheit appelliert, mehr Solidarität mit diskriminierten und verfolgten Christen im Nahen Osten und weltweit zu zeigen. Zugleich gab er eine Erklärung dazu ab, warum er von einem Genozid (Völkermord) an Christen, Jeziden und Mandäern spricht.

In seiner Ansprache vor der Vollversammlung der Synode richtete Schirrmacher unter anderem folgende Worte an den Papst, der seiner deutschen Rede ohne Übersetzung folgte:

„Ich kann einfach nicht umhin, nachdem mehrere Patriarchen aus dem Nahen Osten das Thema Christenverfolgung in Syrien und Irak angesprochen haben, noch ein Wort dazu zu sagen, da es mein Leib- und Magen-Thema ist und weil ich davon überzeugt bin, dass im Nahen und Mittleren Osten ein Genozid (Völkermord) im Sinne der UN-Definition an Christen, Jeziden und Mandäern im Gange ist:

Es muss ein Ruck durch die Weltchristenheit gehen, um mit den verfolgten Christen in Ländern wie Syrien und Irak, Pakistan und Bhutan, Nigeria und Sri Lanka, Vietnam und Malediven, aber auch in China und Indien und vielen Ländern mehr, eine nie gekannte Solidarität zu zeigen. Wir brauchen gemeinsame öffentliche Gebete der höchsten Kirchenführer für die verfolgte Kirche.

Für unser Internationales Institut für Religionsfreiheit, das für die Weltweite Evangelische Allianz unter anderem auch die Thematik Christenverfolgung fachlich bearbeitet und Informationen für Staaten, Forscher und Kirchen zur Verfügung stellt, brauchen wir einen Partner in Rom! Deswegen habe ich eine demütige Bitte an das Oberhaupt der Katholischen Kirche, das ich ihm anschließend in einem persönlichen Gespräch noch einmal vortragen darf.

Benennen Sie uns bitte einen speziellen Ansprechpartner für das Thema Christenverfolgung oder noch besser, schaffen Sie in Rom eine Institution, die sich des Themas annimmt, mit der unsere Fachleute direkt zusammenarbeiten können.“

Schirrmacher ist zugleich Präsident der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte, die sich seit langem gegen Christenverfolgung weltweit und gegen Verletzung der Religionsfreiheit aller Religionen einsetzt.

Im folgenden dokumentieren wir die Erklärung zum Genozid:

Genozid in Nahost. Erklärung auf der Vatikansynode

Thomas Schirrmacher

Papst Franziskus, Thomas Schirrmacher und Ignatius Joseph III. Younan, der Patriarch der mit Rom unierten Syrisch-katholischen Kirche von Antiochien im Gespräch (© Th. Schirrmacher)

Papst Franziskus, Thomas Schirrmacher und Ignatius Joseph III. Younan, der Patriarch der mit Rom unierten Syrisch-katholischen Kirche von Antiochien im Gespräch (© Th. Schirrmacher)

Die Morde an Christen, Jeziden und Mandäern und die systematische Verfolgung, Vergewaltigung, Versklavung dieser ethnoreligiösen Gruppen in Syrien und im Irak erfüllen eindeutig und zweifelsfrei den Tatbestand des Genozids. Es geht dabei nicht um irgendeine Überdramatisierung, sondern um die simple Anwendung der Völkermorddefinition der UN.

Artikel II der Völkermorddefinition der UN von 1948 lautet: „In dieser Konvention bedeutet Völkermord eine der folgenden Handlungen, die in der Absicht begangen wird, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören: (a) Tötung von Mitgliedern der Gruppe; (b) Verursachung von schwerem körperlichem oder seelischem Schaden an Mitgliedern der Gruppe; (c) vorsätzliche Auferlegung von Lebensbedingungen für die Gruppe, die geeignet sind, ihre körperliche Zerstörung ganz oder teilweise herbeizuführen; (d) Verhängung von Maßnahmen, die auf die Geburtenverhinderung innerhalb der Gruppe gerichtet sind; (e) gewaltsame Überführung von Kindern der Gruppe in eine andere Gruppe.“

Inwiefern sollte das nicht auf die Verfolgung von Christen, Jeziden und Mandäern zutreffen? Ein Element würde genügen, aber vier davon (a, b, c und e) sind hinlänglich belegt, ja es gibt zu jedem Belege aus Propagandafilmen des Islamischen Staates. Lediglich d) ist zwar vorhanden, aber nicht so einfach zu beweisen.

  • Christen, Jeziden und Mandäer werden systematisch getötet, vertrieben oder zwangsbekehrt.
  • Kinder von Christen, Jeziden und Mandäer werden umgebracht oder einer religiösen Zwangsumerziehung unterworfen.
  • Frauen und Mädchen werden vergewaltigt, zur Prostitution gezwungen, aber auch an IS-Muslime zwangsverheiratet. Damit wird auch verhindert, dass sich die Minderheiten fortpflanzen können (UN-Definition Punkt d.).

Es ist darauf hinzuweisen, dass dieser Völkermord sowohl angekündigt und geplant ist, als auch tatsächlich den Ankündigungen entsprechend umgesetzt wird.

Wenn es sich aber um Völkermord handelt, warum reden dann immer noch so viele Kirchenführer, Wissenschaftler und Politiker um den heißen Brei herum?

Nun aber zu möglichen Gegenargumenten.

In der Mitte des Petersdom nach dem Eröffnungsgottesdienst der Synode: von links: Patriarch Gregor III Laham von Damaskus, Oberhaupt aller ostkirchlichen Katholiken, Thomas Schirrmacher, Kardinal Schönborn, Wien (© Th. Schirrmacher)

In der Mitte des Petersdom nach dem Eröffnungsgottesdienst der Synode: von links: Patriarch Gregor III Laham von Damaskus, Oberhaupt aller ostkirchlichen Katholiken, Thomas Schirrmacher, Kardinal Schönborn, Wien (© Th. Schirrmacher)

Frage: Sind nicht in Syrien und Irak alle Menschen vom Bürgerkrieg betroffen und fast alle können Opfer des IS werden?

Für einen Genozid ist es unerheblich, dass es auch andere Opfer gibt oder dass es auch Opfer unter der Mehrheitsbevölkerung gibt. Der Genozid an den Juden und an den Roma und Sinti wurde begleitet vom Krieg gegen viele Staaten und Völker und nicht zuletzt auch vom Nazi-Terror gegen das deutsche Volk als Ganzes. Trotzdem bleibt der Völkermord an Juden und an Roma und Sinti Völkermord.

Frage: Bekämpft der IS nicht auch Schiiten oder auch Sunniten, die mit ihrer Version des Islam nicht übereinstimmen?

Wenn man davon ausgeht, dass der IS auch die Schiiten als umrissene Bevölkerungsgruppe oder auch andersdenkende Sunniten als ebenso abgefallen töten und beseitigen will, dann muss man das zusätzlichauch als Völkermord bezeichnen. Daran aber, dass nicht-islamische ethnoreligiöse Minderheiten Ziel eines Völkermords des IS sind, ändert das nichts!

Ich bin mir bewusst, dass die Feststellung, dass es sich um Genozid/Völkermord handelt, im Völkerrecht auch rechtliche Konsequenzen hat. Aber das ist dann ein weiterer, wenn auch notwendiger Schritt, den ich lieber Fachleuten überlasse.


Links:

Sind Evangelikale schießwütige Mörder?

17. August 2016 von · Schreiben Sie einen Kommentar 

Die Süddeutsche Zeitung erklärt Evangelikale zu schießwütigen Mördern

Zu den billigsten und erfolgversprechendsten Verleumdungen Andersdenkender gehört derzeit, sie mit IS und islamistischem Terrorismus in einen Topf zu werfen. Während es fast schon normal geworden ist, dass Diktatoren in aller Welt unliebsame Bewegungen und Kräfte zu Terroristen oder deren Nährboden erklären, verblüfft es doch, dass das auch in Deutschland geschieht, unter anderem neuerdings wieder mit den Evangelikalen, und dabei eine völlig unschuldige Menschengruppe seit drei Jahrzehnten per Sippenhaft verunglimpft werden, nach dem Motto: Steter Tropfen höhlt den Stein. Das neueste Beispiel:

Ein selbsterklärter IS-Anhänger tötet 50 Gäste einer Schwulenbar, die er selbst häufiger aufgesucht hat (www.welt.de). Die WELT spricht gar von schwulem Selbsthass (www.welt.de).

Die Süddeutsche schrieb dazu:

„Für diese Tat hätte er genauso gut auch ein evangelikaler Christ gewesen sein können.“

Was, außer Hass auf Evangelikale, könnte so eine Aussage verständlich machen?

  • Erschießen Evangelikale öfter Homosexuelle? Mir ist kein Fall weltweit bekannt.
  • Laufen Evangelikale öfter zu IS über? Auch hier Fehlanzeige.
  • Veranstalten Evangelikale öfter mal Schießereien in der Öffentlichkeit? Auch hier bringt das Web keinen Fall zutage.
  • Erschießen Evangelikale wenigstens Abtreibungsärzte? Auch das ist frei erfunden, obwohl es schon so oft in der Öffentlichkeit wiederholt wurde, dass es Bürger auf der Straße tatsächlich glauben. Die führenden Verbände der Abtreibungskliniken in den USA selbst erheben den Vorwurf nicht!
  • Und schließlich: Gibt es evangelikale Kirchen, die solcherlei Dinge auch nur andeutungsweise befürworten? Obwohl ich oft nachgefragt habe: Einen Beleg dafür hat mir noch keiner vorgelegt, der Evangelikale als gefährlich hinstellt.

Ich würde ja humorvoll vermuten, der Autor sei in einem evangelikalen Kloster mit mittelalterlichen Erziehungsmethoden aufgewachsen und habe das nicht verarbeitet, aber solche Klöster gibt es ja nicht. Was haben ihm die Evangelikalen nur angetan, dass er sie ohne Not des schlimmsten Verbrechens beschuldigt, das man sich denken kann, Menschen massenhaft wahllos und ohne erkennbaren Grund umzubringen? Welcher Evangelikale befürwortet denn so etwas, geschweige denn, dass er es zulässt oder ausführt?

Und da die Süddeutsche ja in Deutschland erscheint: Welches Ereignis in unserem Land berechtigt die Tageszeitung, die Evangelikalen pauschal auch nur andeutungsweise in die Nähe von Terrorismus oder wahlloser Schießereien zu rücken?

Gilt eigentlich die gesamte Antidiskriminierungsgesetzgebung und -agenda für Evangelikale und Pfingstler nicht? Wird Hassrede gegen Muslime verworfen, gegen Zeugen Jehovas, Schwule und Sinti und Roma von den Medien geahndet, aber gegen Evangelikale ist sie jederzeit zulässig?

Selbst wenn es auch nur einen einzigen leibhaftigen evangelikalen oder pentekostalen Terroristen gäbe und nur ein einziges Mitglied einer evangelikalen Kirche, der einen Abtreibungsarzt umgebracht hätte: Darf man deswegen eine halbe Milliarde Menschen mit ihnen in einen Topf werfen und als verkappte Terroristen beschimpfen?

Familiensynode: „Das Schwierigste kommt noch“

14. August 2016 von · Schreiben Sie einen Kommentar 

Diese Meldung stammt ursprünglich aus dem Jahr 2015 und ist bisher nicht in meinem Blog erschienen.

(Bonn, 15.10.2015) Derzeit tagt im Vatikan die Familiensynode. Thomas Schirrmacher, Leiter der Theologischen Kommission der Weltweiten Evangelischen Allianz, ist als einziger deutscher Protestant dabei und zieht für pro eine Zwischenbilanz.

Für Bonner Querschnitte übernehmen wir hier mit freundlicher Genehmigung zwei Interviews des pro-Medienmagazins.

Thomas Schirrmacher im Gespräch mit Papst Franziskus (Schirrmacher: „Der Papst erbat von mir meine Bücher gegen Korruption und gegen Menschenhandel auf Deutsch.“) (© L’Osseratore Romano)

Thomas Schirrmacher im Gespräch mit Papst Franziskus (Schirrmacher: „Der Papst erbat von mir meine Bücher gegen Korruption und gegen Menschenhandel auf Deutsch.“) (© L’Osseratore Romano)

pro: Sie hatten zunächst eine Lagerbildung befürchtet, wie ist nun die Stimmung auf der Synode?

Thomas Schirrmacher: Eine Lagerbildung im klassischen Sinne beobachte ich nicht, auch wenn es inhaltliche Positionen gibt, die sich unversöhnlich gegenüberstehen, etwa bei der Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zur Kommunion. Auch Homosexualität und Gender-Mainstreaming sind Reizthemen. Die Gender-Ideologie beispielsweise wird wieder und wieder verurteilt, es wird aber differenziert. Dass man sein Geschlecht nach Lust und Laune wechseln kann, wird abgelehnt. Es wird aber etwa anerkannt, dass es seltene biologische Fälle von Intersexualität gibt und dass die Gesellschaft Geschlechterbilder formen kann, etwa wenn in Afrika eine Frau ohne Kinder nichts gilt.

Wie offen werden solche heiklen Themen auf der Synode diskutiert?

Der Papst will ausdrücklich, dass jeder offen sagt, was er denkt. Es hat eine Woche gedauert, bis sich die Delegierten auch wirklich trauen, das umzusetzen. Es kommen schwierige Fragen auf den Tisch, über die wirklich offen und ehrlich Meinungen ausgetauscht werden. Das war unter Papst Benedikt nicht der Fall, und auf Franziskus’ Synode 2013 hat sich keiner so recht getraut, von der neuen Redefreiheit Gebrauch zu machen. Bei unterschiedlichen Meinungen gibt es kein Kopfschütteln, sondern ein intensives Zuhören, um den anderen zu verstehen.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Wenn sich etwa Menschen scheiden lassen, dann wieder heiraten, auch Kinder haben, und diese Kinder und Jugendlichen nicht zur Kirche kommen, weil ihre Eltern nicht willkommen sind – dann ist das eine Situation, die von allen als schmerzhaft empfunden wird, ob sie nun Geschiedene zur Kommunion zulassen wollen oder nicht. Keiner tut dies ab und sagt, „Tja, so was kommt halt vor“. Jeder sieht ein, dass es hier Lösungswege geben muss.

Die Synode tagt (© Th. Schirrmacher)

Die Synode tagt (© Th. Schirrmacher)

Inwieweit können Sie als Repräsentant der Evangelikalen Ihre Ideen einbringen?

Stärker als auf jeder anderen Konferenz, die ich bisher erlebt habe. Die Vertreter anderer Konfessionen sind hier nicht nur dekoratives Beiwerk, sondern werden wirklich angehört, nach ihrer Meinung gefragt und wertgeschätzt. Ich bin als Gastdelegierter hier, aber voll integriert. Ein Außenstehender würde nicht darauf kommen, dass ich nicht katholisch bin.

Welches Fazit erwarten Sie von der Synode?

Der erste Teil der Synode hat sich mit der Beschreibung der Situation beschäftigt, der zweite mit der kirchlichen Lehre dazu. Erst im dritten Teil werden wir abschließend über die pastorale Anwendung des Besprochenen diskutieren, und da liegt der Hund begraben. Ich gehe davon aus, dass uns die schwierigsten Auseinandersetzungen noch bevorstehen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Moritz Breckner. (pro)

Als Evangelikaler auf der Vatikan-Synode

Thomas Schirrmacher nimmt seit Sonntag als Vorsitzender der Theologischen Kommission der Weltweiten Evangelischen Allianz an der Familiensynode im Vatikan teil. In pro erklärt er, welche Positionen er dort einbringen will.

pro: Warum sind Sie als Evangelikaler bei der katholischen Familiensynode dabei?

Thomas Schirrmacher: Die im Vatikan tagende Synode lädt jedes Mal sogenannte „brüderliche Delegierte“ aus anderen Konfessionen ein, darunter auch von der Weltweiten Evangelischen Allianz. Sie haben Rederecht wie alle anderen auch und nehmen an allen Beratungen teil. Sie haben nur kein Stimmrecht. Also bin ich als Ethiker mitten drin in der Diskussion rund um alle Fragen von Ehe und Sexualethik. Daneben aber ist es eine einmalige Gelegenheit, sehr viele katholische Würdenträger persönlich kennenzulernen und ihnen auch ein Bild der Evangelikalen aus erster Hand zu vermitteln.

Drei drei evangelischen „brüderlichen Delegierten“ bei der Eröffnungsmesse der Vatikansynode: Baptistisch, evangelikal, anglikanisch. (© Thomas Schirrmacher)

Drei drei evangelischen „brüderlichen Delegierten“ bei der Eröffnungsmesse der Vatikansynode: Baptistisch, evangelikal, anglikanisch. (© Thomas Schirrmacher)

Welche inhaltlichen Positionen wollen Sie einbringen?

Wir leben in einer sexualisierten Welt, in der sich Evangelikale wie Katholiken häufiger scheiden lassen. Weil beispielsweise die Lebenserwartung steigt, dauern die Ehen potenziell immer länger. Die sexuelle Reife setzt früher ein, der Berufsabschluss, um eine Familie ernähren zu können, erfolgt immer später – da liegen schnell zehn Jahre dazwischen, in der die Sexualität voll entfaltet, aber eine auf Nachwuchs angelegte Ehe noch nicht sinnvoll ist. Wir müssen die Heilige Schrift in ihren Ordnungen ernst nehmen – etwa die Worte Jesu zur Scheidung – und uns zugleich an ihr durchgängiges Liebesgebot halten.

Was erwarten Sie von der Synode?

Ich erwarte viele Freundschaften und belastbare Beziehungen, die in den fast drei Wochen entstehen. Dies zahlt sich später oft in konkreten Situationen aus, etwa wenn es um Christenverfolgung geht. Thematisch befürchte ich, dass die Lager in Fragen der Scheidung und gleichgeschlechtlichen Ehe unüberwindlich sind, auch wenn jetzt offen diskutiert wird. Spannend wird, ob und wie der Papst selbst Stellung bezieht.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Moritz Breckner. (pro)


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