Thomas Schirrmacher
Aktuelle ProMundis Blogbeiträge

Meine akademischen Titel

Da ich im Laufe meines abwechslungsreichen Lebens meine akademische Titel in aller Welt erworben oder verliehen bekommen habe, und da derzeit lange zurückliegende Promotionen plötzlich durchleuchtet und kritisiert werden, dachte ich, es sei gut, bei meinen ausländischen Titeln einmal selbstkritisch die Anerkennungsfrage zu stellen. Hier das Ergebnis.

1982: lic. theol. (Schweiz)

1982: lic. theol. (Pfarrer) an der Staatsunabhängigen Theologischen Hochschule Basel [STH] (Schweiz) mit einer Arbeit mit dem Titel „Das Mißverständnis des Emil Brunner: Emil Brunners Bibliologie als Grund für das Scheitern seiner Ekklesiologie” (96 S., Druckversion: 54 S.).

Das Mißverständnis des Emil Brunner: Emils Brunner’s Bibliologie als Ursache für das Scheitern seiner Ekklesiologie. Theologische Untersuchungen zu Weltmission und Gemeindebau. Arbeitsgemeinschaft für Weltmission und Gemeindebau: Lörrach, 1982; auszugweise wiedergegeben als „Das Mißverständnis der Kirche und das Mißverständnis des Emil Brunner“. Bibel und Gemeinde 89 (1989) 3: 279-311; etwa zur Hälfte überarbeitet in „Beiträge zur Kirchen- und Theologiegeschichte“ (2001) und zur Hälfte in „Ethik“, Bd. 2. (ab 2. Aufl. in Bd. 3, ab. 4. Aufl. in Bd. 5); lieferbar hier.

Staatlich akkreditierter Titel, da die STH Basel seinerzeit das Recht zur Pfarrerausbildung vom Kanton Basel verliehen bekommen hatte. (Seit ‚Bologna‘ ist das in Basel jetzt anders geregelt, den derzeitigen Stand der STH Basel kenne ich nicht.) Mein Baseler Abschluss lic. theol. wurde sowohl von der Universität Bonn (Philosophische Fakultät) als auch von der staatlich anerkannten Theologische Hogeschool van de Gereformeerde Kerken in Kampen als einem Magisterabschluss gleichwertig anerkannt.

1984: Drs. theol. (Niederlande)

1984: Drs. theol. (Fächer: Missionswissenschaft, Ökumenische Theologie, Systematische Theologie) an der Theologische Hogeschool van de Gereformeerde Kerken in Kampen (Niederlande)

Staatlich akkreditierter Titel, an einer staatlich anerkannten Hochschule im niederländischen Hochschulsystem. In den Niederlanden erwirbt man mit einer kleineren Arbeit und den mündlichen Doktoralprüfungen bereits den Titel „Doktorandus“, mit dem man sich sogar schon auf Professuren bewerben kann. Für die Promotion fehlen dann nur noch die Promotionsschrift und die öffentliche Verteidigung derselben. (In Deutschland finden die mündlichen Prüfungen dagegen erst nach Einreichen der Promotionsschrift statt. Ich persönlich finde das niederländische Verfahren viel sinnvoller. Erst wird das breite Wissen gelernt und abgefragt, dann das spezielle Thema behandelt.)

1985 Dr. theol. (Niederlande)

1985 Dr. theol. (Missionswissenschaft und Ökumenische Theologie) an der Johannes-Calvin-Stiftung der Theologische Hogeschool van de Gereformeerde Kerken in Kampen (Niederlande) mit einer Dissertation unter dem Titel „Theodor Christlieb und seine Missionstheologie“ (420 S., Druckversion: 300 S.)

Theodor Christlieb und seine Missionstheologie. Wuppertal: Telos/EGfD, 1985; lieferbar hier.

Staatlich akkreditierter Titel, an einer staatlich anerkannten Hochschule im niederländischen Hochschulsystem. Der niederländische Titel wurde – wie es damals noch Vorschrift war – vom Kultusministerium des Landes Nordrhein-Westfalen (NRW) nostrifiziert, zunächst als „Dr. theol. (NL)“, später dann ohne Länderzusatz, aber nur in der Originalform, was etwas kurios war, da die niederländische Form des Titels sowieso mit der deutschen übereinstimmt. Das Kultusministerium von NRW wollte mir aber untersagen, den Doktortitel als Teil meines Namens zu führen, das Einwohnermeldeamt Erftstadt und dann Bonn bestand aber darauf, genau dieses zu tun, weswegen der „Dr.“ Teil meines Namens im Personalausweis usw. wurde. (Seit „Bologna“ ist die Rechtslage sowieso anders.)

1990: Ph. D. in Kulturanthropologie (USA)

1982 bis 1990: Studium der Vergleichenden Religionswissenschaft, Ethnologie, Volkskunde und Soziologie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn (vollständiges Magisterstudium mit Hauptfach und zwei Nebenfächern, aber ohne Magisterabschluss oder Promotionsabschluss, siehe dann aber unten zu 2007)

1987 to 1990: Postgraduiertenfernstudium in Kulturanthropologie an der Pacific Western University [heute: California Miramar University], Los Angeles (CA, USA)

1990: Ph. D. in Kulturanthropologie an der Pacific Western University [heute: California Miramar University], Los Angeles (CA, USA) mit einer Dissertation „Hans Naumann als Volkskundler unter dem Nationalsozialismus“ (620 S., Druckversion: 620 S.)

„Das göttliche Volkstum“ und der „Glaube an Deutschlands Größe und heilige Sendung“: Hans Naumann als Volkskundler und Germanist im Nationalsozialismus. [2 Bände, 1992]. zus. 620 S. Neuauflage in einem Band. 2000. ISBN 978-3-932829-16-1; lieferbar hier.

Die Pacific Western University in Los Angeles hatte ich damals nach einem kompletten Studium an der Universität Bonn gewählt (Kulturanthropologie umfasst in den USA Ethnologie, Volkskunde, Soziologie), weil sie mit Prof. Dr. James A. Hayes [BA, DePauw University; MA University of Chicago; Dr. phil. Universität Freiburg] über einen Kenner meines Dissertationsthemas verfügte, da er in Freiburg in Germanistik über Thomas Mann promoviert und sich mit Naumann beschäftigt hatte. Dies ist auch der Grund, warum ich die Arbeit in deutscher Sprache einreichen konnte. Naumann bewunderte Thomas Mann sehr und war mit ihm befreundet, Naumanns Nachfolger als Rektor der Universität Bonn – Naumann musste wahrscheinlich wegen der Karl-Barth-Affäre gehen [s. S. 197–201 meiner Arbeit] – aberkannte aber Mann die Ehrendoktorwürde, was Naumann für falsch hielt [S. 201–208].

Die Pacific Western University (California), Los Angeles, wurde 2005 zusammen mit ihrem Anerkennungsstatus in Kalifornien an die California Miramar University verkauft, die jetzt ihren Sitz in San Diego hat und die akademischen Unterlagen der PWU (also auch meine) in ihrem Archiv hat (siehe http://de.wikipedia.org/wiki/California_Miramar_University). Sie ist beim Distance Education and Training Council (http://www.detc.org/) akkreditiert, aber nur noch für die Wirtschaftsfächer, nicht mehr für die Geistes- und Sozialwissenschaften, wobei Wirtschaft immer der Schwerpunkt der Pacific Western University war.

(Es gab länger eine namensgleiche umstrittene Schule auf Hawai [„Pacific Western University (Hawai)“], die 2006 nach einem vom Bundesstaat Hawai angestrengten Prozess geschlossen wurde. Mit dieser Schule hatte ich nie etwas zu tun.)

1996: Th. D. – theologischer Ehrendoktor in Ethik (USA)

1996: Th. D. – Ehrendoktor in Ethik am Whitefield Theological Seminary, Lakeland (FL, USA) für das Werk „Ethik“ (veröffentlicht, 2500 S.)

Soweit ich das übersehen kann, habe ich davon auszugehen, dass der Titel dieser kirchlichen (presbyterianischen) Hochschule nicht akkreditiert ist, auch wenn mir die Kopie einer staatlichen Betriebserlaubnis seitens des Staates Florida vorliegt, was ich aber nicht nachverfolgen kann, da sich die Rechtslage für Hochschulanerkennungen in Florida seitdem grundlegend verändert hat. Deswegen führe ich den Titel in Deutschland nicht. Die Leistung, für die der Titel vergeben wurde, ist allerdings umfangreich genug. :-) Außerdem scheint es mir eine Nostrifizierung einer Ehrenpromotion in Deutschland nicht zu geben.

Ethik. 2 Bände. Hänssler: Neuhausen, 19941; 3 Bände VTR: Nürnberg & RVB: Hamburg, 20012; 8 Bände: 20023. 2009.4; 2011.5 148.00 €. ISBN 978-3-933372-55-0; lieferbar hier.

1997: D.D. – theologischer Ehrendoktor (USA)

1997: D.D. – theologischer Ehrendoktor, Cranmer Theological House, Shreveport (LA, USA), für Verdienste um die Entwicklung moderner Ausbildungsprogramme und um die ökumenische Einheit der Christen

Cranmer Theological House wurde 1994 in Shreveport, Louisiana, gegründet und war zur Zeit der Verleihung des Ehrendoktors akkreditiert. Später zog die Hochschule nach Houston in Texas um. Nachdem 2008 das Oberste Gericht von Texas entschied, dass die staatlichen Aufsichtsbehörden die theologischen Ausbildungsprogramme nicht überprüfen und genehmigen dürfe, entschied sich Cranmer Theological House (leider) dafür, die Bachelor und Magisterprogramme ohne Akkreditierung rein zur Vorbereitung für die Ordination in anglikanischen Kirchen zu betreiben.

Die Ehrenpromotion beinhaltete eine dreijährige Gastprofessur für Ethik und Missionswissenschaft 1996–1999.

2006: D.D. – Ehrendoktor (Indien)

2006: D.D. – Ehrendoktor, ACTS University, Bangalore (Indien), für 20 Jahre Verdienste um die Einbindung sozialer Programme in die Hochschulausbildung in Indien

Die ACTS Academy of Higher Learning und die dazugehörigen ACTS PU & Degree College samt ihren Abschlüssen sind mit der staatlichen Universität von Bangalore verbunden: „The ACTS PU and Degree College is affiliated to and accredited by the Pre University board of Karnataka and the Bangalore University“ [http://www.actsgroup.org/apd.php].

2007: Dr. phil. in Vergleichender Religionswissenschaft (Religionssoziologie)

2007: Dr. phil. in Vergleichender Religionswissenschaft (Religionssoziologie) an der Universität Bonn mit einer Dissertation „Hitlers Kriegsreligion“ (1220 S., Druckversion: 2 Bde. Zus. 1220 S.)

dafür 2007 erhalten: Franz-Delitzsch-Förderpreis für die Abschnitte zum Judentum in der Dissertation über Hitlers Kriegsreligion

Hitlers Kriegsreligion: Die Verankerung der Weltanschauung Hitlers in seiner religiösen Begrifflichkeit und seinem Gottesbild. 2 Bde. VKW: Bonn, 2007. Pb. zus. 1220 S. 99.00 €. ISBN 978-3-938116-31-9; lieferbar hier.

Titel einer staatlichen Hochschule. Zugrunde lag das oben genannte Studium 1983–1990 an der (staatlichen) Universität Bonn. Die Arbeit wurde von Prof. Dr. Karl Hoheisel als Religionswissenschaftler und Prof. Dr. Manfred Funke als Politologe und Soziologe (und bedeutender Hitlerforscher) betreut. Dazu kamen als Vorsitzender des Prüfungsausschusses Prof. Dr. Manfred Hutter, Direktor des Religionswissenschaftlichen Seminars, und der Theologe und Ethiker Prof. Dr. Ulrich Eibach, besonders als Experte für die Rolle der Euthanasie in Hitlers Weltanschauung.

Mein Nachruf für Prof. Hoheisel siehe hier.
Mein Nachruf für Prof. Funke siehe hier.

Professuren

Ich habe zwar zahlreiche Professorenämter weltweit innegehabt, als Assistenzprofessor, außerordentlicher Professor, Gastprofessor, zuerst mit einer regulären Professur am anglikanischen Philadelphia Theological Seminary ab 1994, aber den Titel, den ich seit 2006 führe, habe ich von staatlichen Universitäten in Rumänien erhalten, zunächst 2006–2009 von der Staatlichen Universität in Oradea, dann ab 2009 von der staatlichen Universität des Westens in Timisoara, wo ich regelmäßig Religionssoziologie unterrichte, Bücher des Fachbereichs mit herausgebe, Curricula mit entwickele und für Kontakte zur Rumänisch-Orthodoxen Kirche und zum Rumänischen Parlament beauftragt bin.

Dankt die Welt den Evangelikalen auch mal?

13. Mai 2013 von Schirrmacher · 2 Kommentare 

Sicher, der UN-Generalsekretär hat der Weltweiten Evangelischen Allianz für den Einsatz gegen Armut im Rahmen der Micha-Initiative gedankt, US-Präsident Barack Obama dankte kürzlich auch den Evangelikalen für ihren weltweiten Einsatz gegen Menschenhandel. Und sicher gilt, Christen setzen sich für die Schwachen nicht ein, um Lob zu bekommen, sondern aus Nächstenliebe.

Trotzdem frage ich mich manchmal, wie es kommt, dass in den deutschen Medien die Evangelikalen für allerlei Übel herhalten müssen, mit denen sie nichts oder kaum etwas zu tun haben oder wo sie ihr Fehlverhalten mit vielen anderen teilen, selten aber einmal angesprochen wird, was sie der Welt geben. Und dass es bei anderen oft genau umgekehrt ist, diese also pausenlos gelobt werden und man über ihre Schwächen großzügig hinweggeht.

Als kleines Beispiel erinnere ich mich daran, dass in meinem Ethnologiestudium die Wycliff-Bibelübersetzer (auf Englisch mit „e“, Wycliffe Bible Translators) und ihr Fachzweig „Summer Institutes of Linguistic“ für alle Übel des Kolonialismus haftbar gemacht wurden (siehe meinen Artikel vor 26 Jahren: „Mission und Kultur – Als Ethnologe Christ sein?”. Factum 11+12/1987: 8–10). Da habe ich doch mal etwas gewühlt, wofür die Welt eigentlich diesen Organisationen einmal danken müsste.

Die Verschriftlichung vieler Minderheitensprachen hat zahlreiche Kulturen vor Untergang und Absorption gerettet. Die Menschenrechte sind in vielen Minderheitenkulturen überhaupt erst bekannt geworden, weil SIL die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte in fast alle Sprachen der Welt übersetzt und verbreitet hat, oft gar nicht zur Begeisterung der Machthaber. Für viele Minderheitenkulturen bedeutete die Erfassung, Fixierung und Verschriftlichung ihrer Sprache die Voraussetzung, die eigene Geschichte in der modernen Welt festzuhalten und das nötige Selbstbewusstsein zu erhalten, um ihre Existenz zu verteidigen und Hoffnung zu haben.

SIL erhielt 1993 den Beobachterstatus bei der UNESCO, 1997 beim Wirtschafts- und Sozialrat der UN (ECOSOC) und hat die UN in Fragen von Sprachen und Minderheiten oft beraten.
Seit 2005 setzt Wycliff seine Expertise im Kampf gegen AIDS ein. Eine AIDS-Aufklärungsbroschüre wurde seitdem in 130 Minderheitensprachen übersetzt und wird von vielen Regierungen der Welt eingesetzt.

2004 begann Wycliff, Seminare für traumatisierte Menschen anzubieten – vor allem Opfer von Bürgerkriegen, Kriegen und Flüchtlingsbewegungen – und übersetzt das Seminar-Handbuch dazu in über 100 Sprachen, so dass es heute weltweit von Regierungen, NGO’s und Experten eingesetzt wird.

Die Internationale Organisation für Normung (ISO) in Genf erklärte 2007 die von SIL eingeführte und im „Ethnologue“ über Jahrzehnte erarbeitete und raffinierte 3-Buchstaben-Kodierung aller Sprachen der Welt zum internationalen Standard und damit auch die Einteilung der Sprachen, wie sie unter Mithilfe von Tausenden von Bibelübersetzern und Sprachwissenschaftlern erarbeitet wurde.

Viele Softwarelösungen und Schreibtechniken, die Wycliff entwickelt hat, haben den Weltmarkt bereichert. Wycliff war Pionier im elektronischen Erfassen ungeschriebener Sprachen und von Minderheitensprachen mit ungewöhnlichen Schriftsystemen, die für den Weltmarkt uninteressant waren. Die SIL-Technik zur Verarbeitung komplexer Schreibsysteme „Graphite“ wurde Bestandteil von Firefox und Open Office. Ohne Wycliff wären kleine Sprachen – und damit ihre Sprecher – heute im Internet viel schlechter dran.

Und das war nur mal ein schneller Durchgang. Würde jemand darüber seine Dissertation schreiben, käme sicher noch viel mehr zum Vorschein.

Wenn ein Konservativer Rösler als „solche“ rassistisch beleidigt hätte …

11. Mai 2013 von Schirrmacher · 5 Kommentare 

Der Grünen-Politiker Christopher Kerkovius (69) aus der Nähe von Stralsund (Mecklenburg-Vorpommern), der dort einst für den Landtag kandidierte, hat auf Facebook die Frage gestellt, warum die NSU nicht wenigstens den Bundeswirtschaftsminister und FDP-Vorsitzenden Philipp Rösler ausgeschaltet hätte, wohl wegen seiner vietnamesischen Herkunft. In seiner typisch rassistichen Sprache spricht er nur von „solche“.

Erstaunlicherweise bleibt es in den Medien verhältnismäßig ruhig, die Grünen kommen nicht ins Kreuzfeuer, zumal Kerkovius aufgrund von Protesten inzwischen aus seiner Partei ausgetreten ist. Bündnis90/Die Grünen verhält sich erstaunlich still – was hätten sie alles in Bewegung gesetzt, wenn es ein Politiker einer anderen Partei gewesen wäre. Hätte sich ein Konservativer eine solche Ungeheuerlichkeit geleistet, wäre die Sache ganz anders hochgekocht und an der dazugehörigen Partei kleben geblieben.

Die „linken“ Medien sehen eben Rassismus nur „rechts“, linker Rassismus – man denke an Oskar Lafontaines Ausrutscher gegenüber Osteuropäern [s. mein Buch „Rassismus“, S. 96-97] – muss irgendwie eine Täuschung sein und hat vermeintlich nie etwas mit dem politischen Lager der Rassisten zu tun.

Der inzwischen gelöschte Eintrag hat wohl so ausgesehen – Kerkovius hat das auch nicht bestritten:

„Rösler meint, eine 4 € Lohnuntergrenze reicht für die Menschen … Wenn DAS kein Fake ist, dann gehört er …, dann gehört er …, dann gehört er …!!! Ich darf´s leider nicht aussprechen oder schreiben. Ich habe den Eindruck, dann müsste man selbst Westerwelle heilig sprechen. … Schade, dass die NSU-Gruppe sich nicht solche vorgenommen hat, denn das wäre nicht so schlimm.“

Selbst wenn man sich vorstellt, dass jemand im ersten Ärger etwas sehr Emotionales bei Facebook schreibt. Was im Ärger raus kommt, ist doch bei uns allen vorher irgendwie schon da. Jedenfalls fällt es mir schwer zu glauben, dass jemand, der anschließend behauptet, er sei kein Rassist und habe sich für Asylanten eingesetzt (ja und – ist Rösler etwa Asylant?), aus heiterem Himmel solchen Unsinn denkt.

Ich jedenfalls bin noch nie auf die Idee gekommen, das die Positionen der Berliner Politiker etwas mit ihrer Herkunft zu tun habe. Özdemir ist doch nicht weniger oder mehr „Grün“ als seine „deutsche“ Amtskollegin. Rösler ist nicht mehr oder weniger „Gelb“ als seine deutschen FDP-Minister-Kollegen und Kolleginnen. Was muss in einem vorgehen, um Röslers Position zum Mindeslohn mit seinen vietnamesischen Wurzeln in Verbindung zu bringen? Könnte man dann nicht ebenso alle Männer hassen, da Rösler ein Mann ist, alle Katholiken, weil Rösler katholisch ist, alle Wessis, da Rösler ein Wessi ist?

Dass Kerkovius seinen Wutanfall zudem noch einer SPD-Ente verdankt, Rösler sei der Meinung, 4 Euro reichen als Stundenlohn, macht die Sache noch dubioser. Ein Politiker, der so leicht wütend wird, dass er keine Zeit hat, nachzufragen, ob sein Hassobjekt wirklich gesagt hat, was er angeblich gesagt haben soll?

Dass Kerkovius genau zum Zeitpunkt des Beginns der NSU-Prozesse zu „Beates Helfer“ wurde (so im Web genannt) und ja nicht nur Rösler beleidigt, sondern rassistisches Morden grundsätzlich zu rechtfertigen scheint, zeigt, dass ‚Rechtsextremismus’ eben auch links zu finden ist, wenn man auf dem linken Auge nicht blind geworden ist.

„Es tut mir unendlich leid, dass (…) ich so aus der Fassung geraten bin. Ich finde es selbst völlig inakzeptabel und schäme mich dafür und bitte alle, die ich damit verletzt habe, um Verzeihung!“

Nach Beschwerden löschte Kerkovius seinen Eintrag, seine Entschuldigungen – keine davon bei Rösler! – klingen aber so dumb wie der gelöschte Text. Er sei eben „ungeheuer verbittert über den ethisch und sozial verkommenen Zustand unserer globalen Gesellschaft“. Und das rechtfertigt sein Verständnis für die NSU? Was zudem weiter heißt, die Deutschen nichtdeutscher Herkunft in unserem Land sind Schuld an der Lage unserer Landes? Wenn wir einen Bundeswirtschaftsminister mit Ariernachweis hätten, ginge es uns sicher besser?

Und wenn das ganze keinen rassistischen Hintergrund hatte und er mit „solche“ Menschen gemeint hat, die den Mindestlohn zu niedrig ansetzen? Einem Konservativen hätte man das eh nicht geglaubt. Aber Kerkovius hätte dann doch wenigstens selbst erklären können, wen er mit „solche“ denn dann gemeint hat.

Merke: Rassismus ist zum Kotzen, gleich ob er von links oder rechts, von oben oder unten, von hinten oder vorne kommt. Und alle Rassisten sollten gleich behandelt werden und keinen Bonus bekommen, wenn sie dem richtigen politischen Lager angehören. Und alle, die sich so missverständlich ausdrücken und dass auch nicht umformulieren, sollten auch gleich behandelt werden.

Frauenquote und Menschenhandel,

oder: Die Gleichberechtigung der gut Situierten

Die Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (gemeinsam mit sie unterstützenden Parteifreunden) kann Forderungen und Programme mit ungeheurer Beharrlichkeit und Sturheit so lange vorantreiben, bis ihre Partei ermüdet zumindest zum Teil nachgibt. So jüngst mit der Frauenquote für Aktiengesellschaften geschehen.

Im Falle der Frauenquote geschieht das im Namen der Gleichberechtigung. Ich habe aber das Empfinden, dass hier gut situierte Frauen vor allem an die Gleichberechtigung von gut situierten Frauen denken. Ich wünschte mir, dass die Bundesarbeitsministerin ebenso beharrlich, forsch und fordernd gegen Menschenhandel in Deutschland und der EU vorgehen würde, von der – vor allem in der Zwangsprostitution – überwiegend Frauen betroffen sind. Hier kann man Frauen helfen, deren erzwungene Arbeit überhaupt nicht bezahlt wird. Hier kann man Gleichberechtigung herbeiführen, wo sie massiv verletzt und die Würde von Frauen mit Füßen getreten wird.

Dass das nicht nur an die Adresse der Arbeitsministerin, sondern auch an die Adresse der Frauenquotenpläne der derzeitigen Oppositionsparteien zu sagen ist, ist klar. Aber diese Parteien stellen derzeit nun mal nicht die Arbeitsministerin. Und das Bundesarbeitsministerium hat eine Schlüsselstellung, das Justizministerium und andere Behörden zu notwendigen rechtlichen, ausstattungsmäßigen und ideellen Verbesserungen in Bezug auf Menschenhandel zu drängen.

Nur wenn wir an die schwächsten Frauen zuerst denken, die unterdrückt werden, und ihre Würde wieder her stellen, haben wir auch die moralische Berechtigung, die Gleichberechtigung der oberen Etagen auszubauen.

Papst Franziskus zum Zweiten

3. April 2013 von thomas · 1 Kommentar 

Nach meiner Teilnahme an der Einführung des Papstes und meinem kurzen Gespräch mit dem Papst am Tag darauf (das live im italienischen Fernsehen und auf deutsch bei Phoenix zu sehen war) wurde ich in Rom von zahlreichen Medien interviewt. Ich gab auch exklusive Statements für die Medien ab, auf die zum Beispiel folgende deutsche Medien zurückgriffen:

Nun wurde ich gebeten, die damals exklusiven Statements zugänglich zu machen. Hier sind meine Statements vom 21.3.2013:

Der Papst hat seine momentan natürlich noch vorwiegend symbolischen Änderungen fortgesetzt, auch und gerade im Verhältnis zu anderen Kirchen. Dass er kurzerhand im Inaugurationsgottesdienst die Vertreter anderer „Kirchen“ begrüßte, bricht mit einem jahrhundertelangen Sprachgebrauch, auch wenn davon allein die Sicht von „Dominus Jesus“ nicht aufgehoben ist. Bei der Audienz der nichtkatholischen Kirchen verzichtete er auf den rotgoldenen Thron, der im Nebenraum stand und ebenso darauf, den Stuhl dann wenigstens auf ein Plateau mit zwei Stufen zu stellen. Den ökumenischen Patriarchen nannte er seinen „Bruder“. Sein Bekenntnis zur ökumenischen Zusammenarbeit und zur Notwendigkeit fortgesetzter Gespräche über theologische Gemeinsamkeiten und Unterschiede wurde deutlicher denn je formuliert und kam spürbar von Herzen.

© L’Osservatore Romano

© L’Osservatore Romano

Wie man bei der Liveübertragung sehen kann, war die Begrüßung des Generalsekretärs der Weltweiten Evangelischen Allianz Geoff Tunnicliffe ebenso herzlich, wie die meiner Person, und der Papst wusste genau Bescheid, mit wem er sprach. Die Evangelikalen irgendwie als eine Sorte Christen zu sehen, die man anders behandeln müsse als andere, war dem Papst völlig fremd.

In meinem kurzen Gespräch empfahl ich dem Papst, das Thema Christenverfolgung verstärkt aufzugreifen und im Vatikan institutionell zu verankern, was auf Sympathie stieß, zumal der Papst sich als Erzbischof bereits mehrfach hinter evangelikale Aktionen zugunsten inhaftierter Christen gestellt hatte. Hier erhoffe ich mir echte Fortschritte.

Als Weltweite Evangelische Allianz haben wir neben dem Papst eine Vielzahl von Gesprächen geführt. So habe ich mit den zur Papsteinsetzung angereisten deutschen Politikern ebenso gesprochen, wie mit anwesenden deutschen Kardinälen und Bischöfen, aber auch mit 11 anderen Kardinälen und Dutzenden Mitarbeitern der Päpstlichen Räte. Aber daneben gab es auch inoffizielle und offizielle Gespräche mit vielen Gästen nicht nur der evangelischen Kirchen, sondern auch der orthodoxen, darunter der Ökumenische Patriarch aus Konstantinopel, weiteren Patriarchen, Erzbischöfen und Generalsekretären. Wer nur die Deutsche Situation kennt, wo die Freikirchen und die Evangelische Allianz neben den beiden Großkirchen kaum in Erscheinung tritt oder ernst genommen wird, kann sich kaum vorstellen, dass die Weltweite Evangelische Allianz in Rom und Genf ganz natürlich als Vertretung von 600 Millionen Christen wahr- und ernst genommen wird. Dass ist nicht die Folge irgendeiner theologischen Veränderung der Evangelikalen, die auch niemand von uns erwartet, sondern ganz einfach die Folge unser Existenz und Größe.

Im Vatikan herrscht Aufbruchsstimmung, wie uns die vielen Gespräche gezeigt haben. Natürlich wird der Papst manchen Worten und symbolischen Akten auch Taten folgen lassen müssen, aber man traut ihm zu, die von Benedikt XVI. geforderte „Entweltlichung“ in Gang zu setzen, die Probleme der Kurie energisch anzupacken und jeder Art von Doppelmoral, etwa im Umgang mit sexuellem Missbrauch, den Kampf anzusagen.

Thomas Schirrmacher