Thomas Schirrmacher
Aktuelle ProMundis Blogbeiträge

Die Hamas darf einen Atomreaktor beschießen, ohne dass es eine weltweite Empörung gibt!

15. August 2014 von · Schreiben Sie einen Kommentar 

Die Hamas hat während des letzten Konflikts mit Israel mehrfach iranische Mittelstreckenraketen auf den israelischen Atomreaktor von Dimona 80 km südöstlich von Gaza in der Negevwüste abgefeuert. Einige Raketen verfehlten den Atomreaktor nur knapp, andere wurden von ‚Iron Dome‘ abgefangen.

Jeder andere, der solch einen Wahnsinn beginge, würde auf die Empörung der gesamten zivilisierten Welt stoßen, gleich, welches Unrecht ihm zuvor geschehen sein mag. Nicht so die Hamas.

Jeder andere, der solch einen Wahnsinn beginge, wäre Dauerthema des UN-Sicherheitsrates. Nicht aber die Hamas.

Jeder andere, der solch einen Wahnsinn beginge, träfe auf den erbitterten Protest der Nachbarländer, die je nach Wetter stark mitbetroffen sein würden, wenn es zum atomaren Super-Gau käme.

Dass ein Treffer auch die eigene Bevölkerung unwiderruflich verstrahlen könnte, stört die Terroristen in den Betontunneln offensichtlich sowieso nicht.

All das hat mit den Fragen, wie man zur Politik Israels steht, welchen Lösungsweg für den Konflikt man vorzieht, ja überhaupt, wer im Heiligen Land im Recht und im Unrecht ist, nichts zu tun. All das hat auch nichts mit der Frage zu tun, was Israel in dem Reaktor getrieben hat oder treibt, ob dort Atomsprengköpfe hergestellt wurden oder gar lagern und dass der veraltete Reaktor besser heute als morgen abgeschaltet werden sollte. Sollten dort tatsächlich Atomsprengköpfe lagern, ist das Vorgehen der Terroristen nur noch schlimmer und gefährlicher.

Wer Raketen auf Atomkraftwerke schießt, dürfte für niemand, aber auch für niemand mehr Gesprächspartner sein. Es müsste nur noch um eins gehen: Wie man ihm das Handwerk legen kann. Das heißt vor Ort: Wie kann man sicherstellen, dass die gewählte palästinensische Regierung die Macht im eigenen Land wiedergewinnt und nicht von Terroristen am Regieren gehindert wird.

Denn man vergesse bitte nicht: Der Hamas und den Drahtziehern im Gazastreifen ist es bisher nicht gelungen, das Westjordanland in den Konflikt hineinzuziehen! Ein Lob auf die dort Verantwortlichen, dass es ihnen gelingt, mitten in einem Krieg das Westjordanland aus dem militärischen Konflikt herauszuhalten.

Merke: Terroristen und Extremisten, denen man nichts entgegensetzt, werden immer extremer. Terrorismus ist wie eine Sucht. Die Dosis muss ständig erhöht werden und führt wie jede Sucht zum völligen Realitätsverlust. Der Wahnsinn, die Risikobereitschaft, die Gefahr, die Brutalität nimmt mit jeder Steigerung der Sucht zu, bei Heroin wie bei unkontrollierter Gewalt. Das zeigt die Hamas in Israel, das zeigt IS im Irak.

Standardwerk zum Antisemitismus erschienen

Rechtzeitig zur erneut aufbrandenden Diskussion um Antisemitismus in Deutschland ist in unserem Verlag heute ein Standardwerk zur Geschichte und zum Wesen des Antisemitismus erscheinen. Das Buch geht auf eine Frankfurter Dissertation zurück, die der bekannte jüdische Holocaustforscher Prof. Dr. Micha Brumlik betreut und wie die anderen Gutachter mit Bestnote bewertet hat.

Der erfahrene Lehrer Dr. Heiner Ehrbeck hat das Buch pädagogisch sinnvoll aufgebaut und ihm eine ausführliche Unterrichtskonzeption für Kurse in Schulen und Hochschulen beigefügt. Zur Verwendung in Schulen, Hochschulen, Volkshochschulen usw. wird das Buch für Klassensätze im 10er-Pack verbilligt angeboten.

Der Autor steht für Lesungen und Vorträge zur Verfügung: Um diese E-Mail-Adresse anzuzeigen, muss JavaScript aktiviert sein!

Rezensionsexemplare erhältlich unter: Um diese E-Mail-Adresse anzuzeigen, muss JavaScript aktiviert sein!

Bestellmöglichkeiten:

Evangelii Gaudium: Der Papst zur Evangelisation 
„Eine Neuausrichtung des Papsttums“

29. Juli 2014 von · 1 Kommentar 

PDF-Download: Evangelii Gaudium

Der Papst geht auf die Evangelikalen einschließlich der Pfingstler zu, in gewisssen Sinne die größten ‚Konkurrenten’ auf dem weltweiten christlichen Markt. Während es aber in Brasilien tatsächlich meist um unfeine Konkurrenz geht – von beiden Seiten – hat der Erzbischof von Argentinien vorgemacht, dass es auch anders geht, die Evangelikalen haben es ihm gedankt und sind auch ganz anders gestrickt als in Brasilien. Ohne die Unterschiede zu ignorieren geht es vor allem um das Ziel, das Evangelium zu allen zu bringen, daneben gibt es viele gemeinsame soziale und politische Ziele zu verfolgen.

„Theologie beim Mittagessen“

„Theologie beim Mittagessen“

[Weitere Bilder am 17.7.2014 eingestellt unter https://twitter.com/WEAChairTC]

Doch ist dies nur eine neue Umarmungsstrategie? Oder auch eine inhaltliche Annäherung an evangelikale Positionen? Wer das neueste Apostolische Schreiben des Papstes liest, wird in Ton und Inhalt feststellen, dass hier tatsächlich andere Töne zu hören sind, auch wenn sich vieles schon bei Papst Benedikt XVI. abzuzeichnen begann und der eigentliche Unterschied sich erst Papst Johannes Paul II. gegenüber zeigt. In unserem langen, privaten Gespräch mit dem Papst konnte sich die Weltweite Evangelischer Allianz persönlich überzeugen, dass der Papst nicht nur so schreibt, nicht nur so redet, sondern auch mit ganzem Herzen persönlich hinter dem steht, was er da schreibt, und sich über die möglichen Konsequenzen völlig im Klaren ist. Gerade Letzeres habe ich ihn immer wieder gefragt.

Der Papst ist geradezu ein ‚Fan’ der „Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigung“ von 1998 zwischen Lutherischem Weltbund und dem Päpstlichen Rat für die Einheit der Christen. Bei der Einigung blieb am Ende offen, was denn nun mit den alten Lehrverurteilungen etwa vor viereinhalb Jahrhunderten im Konzil von Trient ist. Denn die „Gemeinsame Erklärung“ will diese eigentlich für nicht mehr zutreffend erklären, die Glaubenskongregation unter Kardinal Josef Ratzinger hat dann aber gleich klargestellt, dass Konzilsbeschlüsse nicht widerrufen werden könnten, ohne die „Gemeinsame Erklräung“ an sich in Frage zustellen. Sicher muss man also die Frage diskutieren, wie sich denn das vom Papst Gesagte zu dem verhält, was die Katholische Kirche jahrhundertelang in ihrem Lehrbestand festgeschrieben hat. Aber Papst Franziskus ist niemand, der Veränderungen vor allem durch amtliche Lehraussagen oder neues Kirchenrecht bewirkt, sondern indem er Fakten schafft. Daher möchte ich das Apostolische Schreiben im Folgenden zunächst einmal lesen, als gäbe es die Vorgeschichte nicht und schauen, was der Papst selbst hier und heute denkt.

Der neue Charakter

Evangelii Gaudium („Freude des Evangeliums“) sind die beiden Anfangsworte des ersten allein verfassten Apostolischen Schreibens von Papst Franziskus vom 24.11.2013. Auch wenn solche Schreiben traditionell mit den beiden Anfangsworten zitiert werden, lautet der eigentliche Titel „Über die Verkündigung des Evangeliums in der Welt von heute“. Das Schreiben beendete das Jahr des Glaubens, dass mit der römischen Bischofssynode zur Reevangelisierung ein Jahr zuvor begonnen hatte. Im Abschiedsdokument war der Papst – wie üblich – in Proposition 1 aufgefordert worden, die Ergebnisse der Synode aufzugreifen und ihnen ein Schreiben zu widmen. Da Papst Benedikt inzwischen zurückgetreten ist, fiel die Aufgabe Papst Franziskus zu (EG 16; vgl. 14).

Evangelii Gaudium = EG, es folgt die Paragrafenzählung des Originals; ab jetzt wird nur noch die Paragrafennummer in Klammern angegeben. Bei Zitaten in EG lasse ich die jeweiligen Quellenangaben in den Fußnoten aus.

Bisherige gedruckte deutsche Ausgaben:

  1. Apostolisches Schreiben EVANGELII GAUDIUM des Heiligen Vaters Papst Franziskus … 24. November 2013. Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls 194. Deutsche Bischofskonferenz: Bonn, 2013 (auch als pdf im Internet)
  2. Die frohe Botschaft Jesu: Aufbruch zu einer neuen Kirche. Benno: Leipzig, o. J.
  3. Die Freude des Evangeliums. Herder: Freiburg, 2013 (mit einer Einleitung von Bernd Hagenkord SJ)

Die deutsche Übersetzung von EG vermeidet bei der Übersetzung die üblichen und mit Evangelikalen gemeinsamen Begriffe und übersetzt etwa etwas ungelenk „Evangelisierer“ statt „Evangelist“, „Evangelisierung“ statt „Evangelisation“. Das spanische Original ebenso wie die lateinische oder italienische Übersetzung geben für eine solche Unterscheidung keinen Anlass und benutzen die klassischen Begriffe, wie sie in den Sprachen Katholiken und Evangelikale gemeinsam haben. Ich folge hier aber durchgängig der Begrifflichkeit der deutschen Übersetzung, nicht nur bei reinen Zitaten.

Überhaupt ist darauf hinzuweisen, dass die englische Übersetzung eher schlecht gemacht ist und auch die deutsche Übersetzung nicht immer das spanische Original wirklich gut wiedergibt. Im spanischen Original wirken manche der hier besprochenen Aussagen noch etwas deutlicher bzw. radikaler.

Papst Franziskus behandelt erstaunlicherweise  eigentlich nicht direkt das Thema der Synode, eben die Rückgewinnung christlicher Gebiete und getaufter Katholiken, die kein Verhältnis zum Glauben haben, sondern schreibt schlicht und einfach über die Evangelisierung aller Menschen, ganz gemäß des Wortbeitrages der Weltweiten Evangelischen Allianz zur Evangelisation auf dieser Synode, den wir als Theologische Kommission der WEA erarbeitet hatten und den unser Generalsekretär Geoff Tunnicliffe vortrug. Ich hatte selbst schon bei der Eröffnungsmesse der Synode erlebt, dass der damalige Erzbischof von Buenos Aires das Thema für viel zu eng hielt und eigentlich über das sprechen wollte, was andernorts Weltmission genannt wird.

Auffällig ist der völlig andere Stil des Schreibens gegenüber den Schreiben seiner Vorgänger. Es finden sich keine dogmatischen Festlegungen, keine Anordnungen, Bestimmungen oder endgültige Aussagen. Vielmehr schlägt der Papst vor, fordert auf, Lösungen zu suchen, und fordert alle Christen und die große Masse der Laien in immer neuen Formulierungen und Zusammenhängen auf, zu evangelisieren. Im Abschnitt „Anliegen und Grenzen dieses Schreibens“ erklärt der Papst sogar, dass es nicht angebracht sei, dass der Papst die Antworten anstelle der örtlichen Bischöfe gebe, die die örtliche Situation viel besser kennten. Vielmehr sieht er „die Notwendigkeit, in einer heilsamen ‚Dezentralisierung‘ voranzuschreiten“ (16).

Papst Franziskus schlägt also in seinem Schreiben einen für ein päpstliches Schreiben ganz neuen Ton an. Er will „vorschlagen“, „anregen“ und dezentralisieren. Nirgends gibt er etwas unter Berufung auf sein Amt vor. Ja, der Papst sagt doch tatsächlich, dass die „kollegiale Gesinnung“ unter seinen beiden Vorgängern „wenig vorangekommen“ (32) sei, was er ändern will. Die Kollegialität der Bischöfe will er von den orthodoxen Kirchen lernen (246). Dazu muss man sagen, dass die Kollegialität der Bischöfe im 2. Vatikanischen Konzil festgeschrieben und gefordert wurde, 1983 aber im Kirchenrecht, dass Papst Johannes Paul II. promulgierte, zwar häufig erwähnt, de facto aber weiter reduziert wurde, indem der Papst gegen alle Entscheidungen der Bischöfe, auch gegen die Entscheidung eines Konzils, nicht etwa ein Vetorecht erhielt, sondern eine Abstimmung ohne die positive Stimme des Papstes nichtig ist. Auch die Autorität der Ortsbischöfe und der Nationalen Bischofskonferenzen wurde gegenüber dem Vatikan geschwächt. Nun sagt der Papst aber: „Ich glaube auch nicht, dass man vom päpstlichen Lehramt eine endgültige oder vollständige Aussage zu allen Fragen erwarten muss, welche die Kirche und die Welt betreffen. Es ist nicht angebracht, dass der Papst die örtlichen Bischöfe in der Bewertung aller Problemkreise ersetzt, die in ihren Gebieten auftauchen. In diesem Sinn spüre ich die Notwendigkeit, in einer heilsamen ‚Dezentralisierung‘ voranzuschreiten.“ (16)

Diese gewünschte Dezentralisierung wird auch an einem Umstand deutlich, den bisher meines Wissens außer Bernd Hagenkord SJ noch niemand thematisiert hat. Apostolische Schreiben sind üblicherweise mit Zitaten gespickt, aus der Bibel, von Konzilien, Päpsten, Lehrdokumenten usw. Franziskus zitiert vor allem die Bibel in Fülle, wie es schon Papst Benedikt in seinen Schreiben getan hatte. Gegenüber seinen Vorgängern hat er die Zitate von Päpsten stark reduziert, die Hälfte stammt dabei von Papst Benedikt XVI., stattdessen zitiert er aber sehr viel aus Texten und Berichten regionaler Bischofskonferenzen!

Interessant ist dabei die Begründung der Dezentralisierung, denn sie wird unter anderem damit begründet, das Zentralisierung Evangelisierung behindert: „Eine übertriebene Zentralisierung kompliziert das Leben der Kirche und ihre missionarische Dynamik, anstatt ihr zu helfen.“ (32). Die Evangelisierung sollte – und das habe ich aus dem Mund des Papstes selbst gehört – die Struktur mehr bestimmen als die Frage nach dem Erhalt des status quo oder des Einflusses der katholischen Kirche. Denn, so der Papst, ohne Evangelisierung ist die Kirche sowieso am Ende.

Insgesamt geht es um nicht weniger als um eine „eine Neuausrichtung des Papsttums“. Im Zusammenhang liest sich das so: „Da ich berufen bin, selbst zu leben, was ich von den anderen verlange, muss ich auch an eine Neuausrichtung des Papsttums denken. Meine Aufgabe als Bischof von Rom ist es, offen zu bleiben für die Vorschläge, die darauf ausgerichtet sind, dass eine Ausübung meines Amtes der Bedeutung, die Jesus Christus ihm geben wollte, treuer ist und mehr den gegenwärtigen Notwendigkeiten der Evangelisierung entspricht. Johannes Paul II. bat um Hilfe, um ‚eine Form der Primatsausübung zu finden, die zwar keineswegs auf das Wesentliche ihrer Sendung verzichtet, sich aber einer neuen Situation öffnet‘. In diesem Sinn sind wir wenig vorangekommen. Auch das Papsttum und die zentralen Strukturen der Universalkirche haben es nötig, dem Aufruf zu einer pastoralen Neuausrichtung zu folgen. Das Zweite Vatikanische Konzil sagte, dass in ähnlicher Weise wie die alten Patriarchatskirchen ‚die Bischofskonferenzen vielfältige und fruchtbare Hilfe leisten [können], um die kollegiale Gesinnung zu konkreter Verwirklichung zu führen‘. Aber dieser Wunsch hat sich nicht völlig erfüllt, denn es ist noch nicht deutlich genug eine Satzung der Bischofskonferenzen formuliert worden, die sie als Subjekte mit konkreten Kompetenzbereichen versteht, auch einschließlich einer gewissen authentischen Lehrautorität. Eine übertriebene Zentralisierung kompliziert das Leben der Kirche und ihre missionarische Dynamik, anstatt ihr zu helfen.“ (32)

Das alles wird von der unglaublichsten Aussage im Dokument unterstrichen, die den Papst sogar noch nicht einmal namentlich nennt: „In allen Getauften, vom ersten bis zum letzten, wirkt die heiligende Kraft des Geistes, die zur Evangelisierung drängt. Das Volk Gottes ist heilig in Entsprechung zu dieser Salbung, die es ‚in credendo‘ unfehlbar macht. Das bedeutet, dass es, wenn es glaubt, sich nicht irrt, auch wenn es keine Worte findet, um seinen Glauben auszudrücken. Der Geist leitet es in der Wahrheit und führt es zum Heil.“ (119).

Genial! Denn hier wird es nun wirklich radikal. Der nach katholischer Lehre unfehlbare Papst sagt, dass das gesamte Volk Gottes, ja jeder Christ „unfehlbar“ ist, wenn er glaubend das Evangelium verkündigt! Der Papst interpretiert die Unfehlbarkeit der Kirche neu – um der Evangelisierung willen. Hätte ich das geschrieben, hätte jeder einen Seitenhieb auf die katholische Lehre darin vermutet. Ich sehe den Papst schmunzelnd vor mir, als er das schrieb. Und dennoch hat er Recht. Es gibt nichts Unfehlbareres als das Evangelium von Jesus Christus, wenn wir es recht glauben und anderen bezeugen.

Jesus begegnen

Wie schon die Bischofssynode 2012 und Papst Benedikt XVI. sieht Papst Franziskus – wie auch jeder Evangelikale – in der persönlichen Begegnung mit und der Beziehung zu Jesus das Eigentliche am christlichen Glauben.

„Ich werde nicht müde, jene Worte Benedikts XVI. zu wiederholen, die uns zum Zentrum des Evangeliums führen: ‚Am Anfang des Christseins steht nicht ein ethischer Entschluss oder eine große Idee, sondern die Begegnung mit einem Ereignis, mit einer Person, die unserem Leben einen neuen Horizont und damit seine entscheidende Richtung gibt.‘“ (7, mit Zitat aus der Enzyklika Deus caritas est).

Das führt dazu, dass Erneuerung der Kirche nun beschrieben wird, wie es auch bei Evangelikalen Tradition ist: „Ich lade jeden Christen ein, gleich an welchem Ort und in welcher Lage er sich befindet, noch heute seine persönliche Begegnung mit Jesus Christus zu erneuern oder zumindest den Entschluss zu fassen, sich von ihm finden zu lassen, ihn jeden Tag ohne Unterlass zu suchen.“ (3).

Wichtig ist dabei aber die Beobachtung, dass solchen Aussagen nicht mehr sofort einschränkend etwas zur Wichtigkeit der Kirche, der Priester oder der Sakramente folgt, sondern solche Aussagen für sich stehen bleiben.

Das schlägt auch voll auf das Thema Evangelisation durch, ist doch „Jesus, der Evangelisierende schlechthin und das Evangelium in Person“ und er „identifiziert sich speziell mit den Geringsten (vgl. Mt 25,40).“ (209). Und das Ziel der Evangelisierung ist eben die „persönliche Begegnung mit der rettenden Liebe Jesu“ (264).

Das hat auch eine ökumenische Dimension, wie mir der Papst selbst eindrücklich gesagt hat: Er ruft getaufte Katholiken zur Begegnung zu Jesus; Menschen in anderen Kirchen, die Jesus wirklich begegnet sind, haben das Entscheidende schon und „pilgern“ „gemeinsam“ (244). Das gemeinsame Ziel aller Christen ist zuallererst, dass Menschen Jesus begegnen, nicht zuerst, dass sie der eigenen Kirche beitreten. Ich trete seit langem für ein internationales Gespräch aller Kirchen über Proselytismus ein, gerade weil dies vermutlich das derzeit heißeste Eisen der Ökumene ist. Im Rahmen des Global Christian Forum beginnen nun der Vatikan, der Ökumenische Rat der Kirchen, die Weltweite Evangelische Allianz, die Pentecostal World Fellowship und andere die Planung eines solchen Diskussionsprozesses. Der Papst ermöglicht dieses Gespräch mit einer unglaublichen Steilvorlage.

Im Bibelstudium Gott begegnen

Die Option für die Armen und die Kritik an der Vergötzung des Wohlstandes wird vom Papst bewusst aus der Bibel und im christlichen Geist begründet und nicht als politische Korrektheit vorgetragen. Deswegen ist sie von Evangelikalen sehr gut nachzuvollziehen und könnte genauso auch von der ‚Micha-Initiative‘ der Evangelischen Allianz formuliert sein. Überhaupt ist das ganze Apostolische Schreiben bis auf den letzten Abschnitt zu Maria (siehe unten) im Wesentlichen eine längere Bibelarbeit.

Die Bibel wird für den Papst zum Jungbrunnen der Evangelisation: „Die Kirche, die eine missionarische Jüngerin ist, muss in ihrer Interpretation des offenbarten Wortes und in ihrem Verständnis der Wahrheit wachsen.“ (40).

Deswegen plädiert der Papst vehement für eine bibeltextbasierte Predigt, im katholischen Sprachgebrauch (und auch sonst oft) „Homilie“ genannt: „Dabei kann die Homilie wirklich eine intensive und glückliche Erfahrung des Heiligen Geistes sein, eine stärkende Begegnung mit dem Wort Gottes, eine ständige Quelle der Erneuerung und des Wachstums.“ (135).

Dabei sieht er die eigentliche Stärke der Homilie aber nicht in der Verkündigung an die Gemeinde, sondern darin, dass der Vorbereitende sich intensiv mit der Bibel auseinandersetzen muss. Detailliert beschreibt der Papst, wie man eine Homilie vorbereitet. Der Prediger muss „zuallererst selber eine große persönliche Vertrautheit mit dem Wort Gottes entwickeln: Für ihn genügt es nicht, dessen sprachlichen oder exegetischen Aspekt zu kennen, der sicher auch notwendig ist; er muss sich dem Wort mit bereitem und betendem Herzen nähern, damit es tief in seine Gedanken und Gefühle eindringt und in ihm eine neue Gesinnung erzeugt.“ (149).

„Nachdem man den Heiligen Geist angerufen hat, ist der erste Schritt, die ganze Aufmerksamkeit dem biblischen Text zu widmen, der die Grundlage der Predigt sein muss. Wenn jemand innehält und zu verstehen versucht, was die Botschaft eines Textes ist, übt er den ‚Dienst der Wahrheit‘ aus. Es ist die Demut des Herzens, die anerkennt, dass das Wort Gottes uns immer übersteigt, dass wir ‚weder ihre Besitzer noch ihre Herren sind, sondern nur ihre Hüter, ihre Herolde, ihre Diener‘. Diese Haltung einer demütigen und staunenden Verehrung des Wortes Gottes äußert sich darin, dabei zu verweilen, es sehr sorgfältig zu studieren, in heiliger Furcht davor, es zu manipulieren.“ (146).

Besser könnte das kein Evangelikaler formulieren. Wenn viele Diener der Kirche auf den Papst hören, sind die Auswirkungen kaum auszudenken. Wie sagt es der Papst? „Das Wort Gottes trägt in sich Anlagen, die wir nicht voraussehen können. Das Evangelium spricht von einem Samen, der, wenn er einmal ausgesät ist, von sich aus wächst, auch wenn der Bauer schläft.“ (22).

Evangelisation und Bibel

Da wundert es nicht mehr, dass die Rolle der Bibel für die Evangelisierung und die Wiedergewinnung der Evangelisationsbegeisterung nicht zu überbieten ist.

„Die gesamte Evangelisierung beruht auf dem Wort, das vernommen, betrachtet, gelebt, gefeiert und bezeugt wird. Die Heilige Schrift ist Quelle der Evangelisierung. Es ist daher notwendig, sich unentwegt durch das Hören des Wortes zu bilden. Die Kirche evangelisiert nicht, wenn sie sich nicht ständig evangelisieren lässt. Es ist unerlässlich, dass das Wort Gottes ‚immer mehr zum Mittelpunkt allen kirchlichen Handelns werde‘. Das vernommene und – vor allem in der Eucharistie – gefeierte Wort Gottes nährt und kräftigt die Christen innerlich und befähigt sie zu einem echten Zeugnis des Evangeliums im Alltag.“ (174).

Das hat die Konsequenz, dass der Papst dasselbe fordert wie die Weltweite Evangelische Allianz (unter dem Stichwort ‚Biblical Engagement‘): Dem Aufbruch zur Evangelisierung muss ein Aufbruch der gesamten Christenheit hin zum persönlichen Bibelstudium sowohl vorausgehen als auch ihn ständig begleiten!

„Das Studium der Heiligen Schrift muss ein Tor sein, das allen Gläubigen offensteht. Es ist grundlegend, dass das geoffenbarte Wort die Katechese und alle Bemühungen zur Weitergabe des Glaubens tiefgreifend befruchtet. Die Evangelisierung braucht die Vertrautheit mit dem Wort Gottes. Das verlangt von den Diözesen, den Pfarreien und allen katholischen Gruppierungen das Angebot eines ernsten und beharrlichen Studiums der Bibel sowie die Förderung ihrer persönlichen und gemeinschaftlichen Lektüre im Gebet. Wir tappen nicht in der Finsternis und müssen nicht darauf warten, dass Gott sein Wort an uns richtet, denn ‚Gott hat gesprochen, er ist nicht mehr der große Unbekannte, sondern er hat sich gezeigt‘. Nehmen wir den erhabenen Schatz des geoffenbarten Wortes in uns auf.“ (175).

Dass der Papst eine eigene Miniausgabe der vier Evangelien drucken ließ, die er bei den Angelusgebeten und öffentlichen Audienzen unter den Besuchern verteilen lässt, ist nur eines der vielen Beispiele, dass der Papst all das auch ganz praktisch meint.

„Primat der Gnade“

Evangelikale werden fragen, ob denn der Papst mit Evangelium und damit auch mit Evangelisieren dasselbe meint wie Protestanten. Das Apostolische Schreiben behandelt natürlich viele Aspekte der Frage nicht. Und Papst Franziskus ist nicht vor allem Dogmatiker oder daran interessiert, ältere katholische Texte aufzuarbeiten oder das Kirchenrecht zu ändern. Aber hören wir einmal testweise so zu, als wäre der Papst nicht der Papst und nicht haftbar für 500 Jahre katholische Geschichte seit der Reformation, sondern würde einfach seine eigene Meinung sagen. Dann stellt man fest, dass er das Handeln Gottes als Voraussetzung für Evangelisierung und Bekehrung bisweilen stärker betont, als zumindest die eher arminianisch orientierten Evangelikalen.

„In jeglicher Form von Evangelisierung liegt der Vorrang immer bei Gott, der uns zur Mitarbeit mit ihm gerufen und uns mit der Kraft seines Geistes angespornt hat.“ (12).

„Durch ihr evangelisierendes Tun arbeitet sie mit als Werkzeug der göttlichen Gnade, die unaufhörlich und jenseits jeder möglichen Kontrolle wirkt. Benedikt XVI. hat dies treffend zum Ausdruck gebracht, als er die Überlegungen der Synode eröffnete: ‚Daher ist es wichtig, immer zu wissen, dass das erste Wort, die wahre Initiative, das wahre Tun von Gott kommt, und nur indem wir uns in diese göttliche Initiative einfügen, nur indem wir diese göttliche Initiative erbitten, können auch wir – mit ihm und in ihm – zu Evangelisierern werden.‘ Das Prinzip des Primats der Gnade muss ein Leuchtfeuer sein, das unsere Überlegungen zur Evangelisierung ständig erhellt.“ (112).

„Die Evangelisierung ist Aufgabe der Kirche. Aber dieses Subjekt der Evangelisierung ist weit mehr als eine organische und hierarchische Institution, da es vor allem ein Volk auf dem Weg zu Gott ist. Gewiss handelt es sich um ein Geheimnis, das in der Heiligsten Dreifaltigkeit verwurzelt ist, dessen historisch konkrete Gestalt aber ein pilgerndes und evangelisierendes Volk ist, das immer jeden, wenn auch notwendigen institutionellen Ausdruck übersteigt. Ich schlage vor, dass wir ein wenig bei dieser Weise, die Kirche zu verstehen, verweilen, die ihr letztes Fundament in der freien und ungeschuldeten Initiative Gottes hat.“ (111).

„Die Kirche ‚im Aufbruch‘ ist die Gemeinschaft der missionarischen Jünger, die die Initiative ergreifen, die sich einbringen, die begleiten, die Frucht bringen und feiern. ‚Primerear – die Initiative ergreifen‘: Entschuldigt diesen Neologismus! Die evangelisierende Gemeinde spürt, dass der Herr die Initiative ergriffen hat, ihr in der Liebe zuvorgekommen ist (vgl. 1 Joh 4,10), und deshalb weiß sie voranzugehen, versteht sie, furchtlos die Initiative zu ergreifen, auf die anderen zuzugehen, die Fernen zu suchen und zu den Wegkreuzungen zu gelangen, um die Ausgeschlossenen einzuladen.“ (24).

Hier sei an die „Gemeinsame Erklärung zur Lehre von der Rechtfertigung“ von 1998 erinnert, die der Papst so schätzt, deren beide Kernabschnitte lauten:

(15) Es ist unser gemeinsamer Glaube, daß die Rechtfertigung das Werk des dreieinigen Gottes ist. Der Vater hat seinen Sohn zum Heil der Sünder in die Welt gesandt. Die Menschwerdung, der Tod und die Auferstehung Christi sind Grund und Voraussetzung der Rechtfertigung. Daher bedeutet Rechtfertigung, daß Christus selbst unsere Gerechtigkeit ist, derer wir nach dem Willen des Vaters durch den Heiligen Geist teilhaftig werden. Gemeinsam bekennen wir: Allein aus Gnade im Glauben an die Heilstat Christi, nicht auf Grund unseres Verdienstes, werden wir von Gott angenommen und empfangen den Heiligen Geist, der unsere Herzen erneuert und uns befähigt und aufruft zu guten Werken.

(16) Alle Menschen sind von Gott zum Heil in Christus berufen. Allein durch Christus werden wir gerechtfertigt, indem wir im Glauben dieses Heil empfangen. Der Glaube selbst ist wiederum Geschenk Gottes durch den Heiligen Geist, der im Wort und in den Sakramenten in der Gemeinschaft der Gläubigen wirkt und zugleich die Gläubigen zu jener Erneuerung ihres Lebens führt, die Gott im ewigen Leben vollendet.

Evangelisation

Die ganze Gemeinde für alle Menschen

Erfreulich ist, dass der Papst durchgängig das Evangelisieren in den Mittelpunkt stellt und über die auslösende Synode zum Thema (16) hinaus viel stärker als bisher betont, dass es um die „Verkündigung des Evangeliums an diejenigen, die Jesus Christus nicht kennen oder ihn immer abgelehnt haben“ (14) geht. Das Gebet der Christenheit sollte das besonders im Blick haben (281–282).

Der katholischen Kirche stehen mit diesem Dokument tiefgreifende Änderungen bevor, wo immer sie es ernst nimmt. Für nichtkatholische Christen wird es spannend sein, ob die gewaltige Zahl katholischer Christen auf diesen Weckruf hört oder nicht. Wohlgemerkt: Die katholische Kirche ist keine schnittige und wendige Yacht, die der Papst mal eben wendet, sondern ein riesiger Tanker, der nur behäbig und mit gewaltiger Anstrengung seinen Kurs halten oder ändern kann. Doch wenn der Kapitän dieses Tankers Kurskorrekturen anmahnt, muss man aufhorchen, auch wenn man realistisch wissen muss, dass niemand genau weiß, welche Konsequenzen das im Einzelnen haben wird. Als im 2. Vatikanischen Konzil der Tanker den Kurs korrigierte und das Bibellesen für Laien förderte, die Messe in der Muttersprache einführte und für Religionsfreiheit und Menschenrechte eintrat, veränderten die Bugwellen Kirche und Politik weltweit. Man darf dabei nicht vergessen, dass die Veränderungen überraschend kamen, in enormer Radikalität umgesetzt wurden und – etwa im Falle der Messe – beinhalteten, dass praktisch an einem Tag die katholische Kirche und damit Hunderte Millionen von Menschen heute in Latein und am nächsten Tag in der Muttersprache Gottesdienst feierten.

Auf der Synode im Oktober 2013 ging es noch fast ausschließlich um die Re-Evangelisation, also die Rückgewinnung getaufter Christen. Papst Franziskus greift damit ein zentrales Anliegen von Papst Benedikt XVI. auf, erweitert es aber enorm und unserer Zeit viel entsprechender, handelt es sich doch allzuoft auch bei Namenschristen nicht um eine Rückgewinnung, sondern um eine Gewinnung von solchen die eben „Jesus Christus nicht kennen oder ihn immer abgelehnt haben“ (14).

Zentral sind vor allem die Abschnitte „Die missionarische Umgestaltung der Kirche“ (20–49 = Kapitel 1) und „Das ganze Volk verkündigt das Evangelium“ (111–134 = Kapitel III.1.).

Unter Evangelisieren versteht der Papst vor allem, dass jeder Christ, also vor allem die große Menge der „Laien“ (111–121) seine gelebte Beziehung zu Jesus anderen bezeugt, denn Evangelisation lebt von Beziehungen. Wirkt schon das verblüffend evangelikal formuliert, so gilt das erst recht für das Ziel der Evangelisation, das als „persönliche Begegnung mit der rettenden Liebe Jesu“ (264) beschrieben wird. Dass der Papst dabei ausdrücklich die persönlichen Gaben des Geistes (130, 117) anspricht, Offenheit gegenüber der Pfingstbewegung signalisiert (259) und allen Christen empfiehlt, ständig unmittelbar das Wort Gottes zu studieren (175), wundert da nicht mehr.

Und es folgt jeweils keine Qualifizierung oder Einschränkung durch Vorschalten kirchlicher Autoritäten!

Was auf der Bischofssynode unausgesprochen im Raum stand, aber doch gegenüber Fragen von Hierarchie und Sakramenten immer wieder ins Hintertreffen geriet, nämlich dass es fast ausnahmslos die Laien sind, die andere Menschen für den Glauben an Jesus Christus gewinnen, wird vom Papst jetzt zum Ausgangspunkt und Zentrum gemacht, vor allem in zwei langen Abschnitten: „Das ganze Volk Gottes verkündet das Evangelium“ (111–144) und „Alle sind wir missionarische Jünger“ (119–126). Denn: „Die Laien sind schlicht die riesige Mehrheit des Gottesvolkes. In ihrem Dienst steht eine Minderheit: die geweihten Amtsträger. Das Bewusstsein der Identität und des Auftrags der Laien in der Kirche ist gewachsen.“ (102).

Daraus ergibt sich eine große Offenheit für immer neue Wege, das Evangelium weiterzugeben. „Jedes Mal, wenn wir versuchen, zur Quelle zurückzukehren und die ursprüngliche Frische des Evangeliums wiederzugewinnen, tauchen neue Wege, kreative Methoden, andere Ausdrucksformen, aussagekräftigere Zeichen und Worte reich an neuer Bedeutung für die Welt von heute auf. In der Tat, jedes echte missionarische Handeln ist immer ‚neu‘.“ (11).

Zudem wird anerkannt, begrüßt, ja gefordert, was auch evangelikale DNA ist, dass jeder ständig, gerade in seinem Alltag, redend oder nicht redend Zeuge vom Evangelium ist: „Nun, da die Kirche eine tiefe missionarische Erneuerung vollziehen möchte, gibt es eine Form der Verkündigung, die uns allen als tägliche Pflicht zukommt. Es geht darum, das Evangelium zu den Menschen zu bringen, mit denen jeder zu tun hat, zu den Nächsten wie zu den Unbekannten. Es ist die informelle Verkündigung, die man in einem Gespräch verwirklichen kann, und es ist auch die, welche ein Missionar handhabt, wenn er ein Haus besucht. Jünger sein bedeutet, ständig bereit zu sein, den anderen die Liebe Jesu zu bringen, und das geschieht spontan an jedem beliebigen Ort, am Weg, auf dem Platz, bei der Arbeit, auf einer Straße.“ (127).

Das geht soweit, dass jeder Christ mit Mission identifiziert wird! „Die Mission im Herzen des Volkes ist nicht ein Teil meines Lebens oder ein Schmuck, den ich auch wegnehmen kann; sie ist kein Anhang oder ein zusätzlicher Belang des Lebens. Sie ist etwas, das ich nicht aus meinem Sein ausreißen kann, außer ich will mich zerstören. Ich bin eine Mission auf dieser Erde, und ihretwegen bin ich auf dieser Welt. Man muss erkennen, dass man selber ‚gebrandmarkt‘ ist für diese Mission, Licht zu bringen, zu segnen, zu beleben, aufzurichten, zu heilen, zu befreien.“ (273). Amen, kann man da nur sagen!

Das Priesteramt wird zwar weiterhin weitgehend sakramental bestimmt, aber daraus leitet sich keine Herrschaft ab: „Ihr Dreh- und Angelpunkt ist nicht ihre als Herrschaft verstandene Macht, sondern ihre Vollmacht, das Sakrament der Eucharistie zu spenden; darauf beruht ihre Autorität, die immer ein Dienst am Volk ist.“ (104). Oder, in der typisch drastischen Sprache des Papstes: „Die Priester erinnere ich daran, dass der Beichtstuhl keine Folterkammer sein darf, sondern ein Ort der Barmherzigkeit des Herrn …“ (38).

Evangelisierung und Heiliger Geist

Daraus ergibt sich auch eine starke Betonung der Rolle des Heiligen Geistes in jedem Christen und eine Betonung der Vielfalt, ja Kreativität für die Evangeliumsverkündigung, wie fünf Zitate belegen sollen:

„Um den missionarischen Eifer lebendig zu halten, ist ein entschiedenes Vertrauen auf den Heiligen Geist vonnöten, denn er ‚nimmt sich unserer Schwachheit an‘ (Röm 8,26).“ (280).

„Was ich vorzulegen gedenke, geht vielmehr in die Richtung einer Unterscheidung anhand des Evangeliums. Es ist die Sicht des missionarischen Jüngers, die ‚lebt vom Licht und von der Kraft des Heiligen Geistes‘.“ (50).

„Die Evangelisierung erkennt freudig diesen vielfältigen Reichtum, den der Heilige Geist in der Kirche erzeugt. Es würde der Logik der Inkarnation nicht gerecht, an ein monokulturelles und eintöniges Christentum zu denken. Obwohl es zutrifft, dass einige Kulturen eng mit der Verkündigung des Evangeliums und mit der Entwicklung des christlichen Denkens verbunden waren, identifiziert sich die offenbarte Botschaft mit keiner von ihnen und besitzt einen transkulturellen Inhalt. Darum kann man bei der Evangelisierung neuer Kulturen oder solcher, die die christliche Verkündigung noch nicht aufgenommen haben, darauf verzichten, zusammen mit dem Angebot des Evangeliums eine bestimmte Kulturform durchsetzen zu wollen, so schön und alt sie auch sein mag. Die Botschaft, die wir verkünden, weist immer irgendeine kulturelle Einkleidung vor, doch manchmal verfallen wir in der Kirche der selbstgefälligen Sakralisierung der eigenen Kultur, und damit können wir mehr Fanatismus als echten Missionseifer erkennen lassen.“ (117).

„Der Heilige Geist bereichert die ganze evangelisierende Kirche auch mit verschiedenen Charismen. Diese Gaben erneuern die Kirche und bauen sie auf. Sie sind kein verschlossener Schatz, der einer Gruppe anvertraut wird, damit sie ihn hütet; es handelt sich vielmehr um Geschenke des Geistes, die in den Leib der Kirche eingegliedert und zur Mitte, die Christus ist, hingezogen werden, von wo aus sie in einen Evangelisierungsimpuls einfließen.“ (130).

Hier muss auch noch einmal das eingangs besprochene Zitat zum Selbstverständnis des Papstes zitiert werden: „In allen Getauften, vom ersten bis zum letzten, wirkt die heiligende Kraft des Geistes, die zur Evangelisierung drängt. Das Volk Gottes ist heilig in Entsprechung zu dieser Salbung, die es ‚in credendo‘ unfehlbar macht. Das bedeutet, dass es, wenn es glaubt, sich nicht irrt, auch wenn es keine Worte findet, um seinen Glauben auszudrücken. Der Geist leitet es in der Wahrheit und führt es zum Heil.“ (119).

Evangelisierung und soziales Engagement

Schließlich ist die Evangelisierung auch die Grundlage für alles soziale und politische Engagement, wie folgendes Beispiel sehr schön zeigt: „Die Kirche verkündet ‚das Evangelium vom Frieden (Eph 6,15) und ist für die Zusammenarbeit mit allen nationalen und internationalen Autoritäten offen, um für dieses so große universale Gut Sorge zu tragen. Mit der Verkündigung Jesu Christi, der der Friede selbst ist (vgl. Eph 2,14), spornt die neue Evangelisierung jeden Getauften an, ein Werkzeug der Befriedung und ein glaubwürdiges Zeugnis eines versöhnten Lebens zu sein.“ (239).

Interessant: Wie die Evangelikalen – etwa in der Lausanner Erklärung oder der Kapstadter Erklärung – betont Papst Franziskus Evangeliumsverkündigung und soziales Engagement gleichermaßen und doch begründet er Letzteres aus Ersterem und lässt nie einen Zweifel, dass wortloses Handeln und Zeugnis nie die verbale Verkündigung des Evangeliums verdrängen darf. Das neue Missionsdokument des Ökumenischen Rates von 2013 benennt auch beide, aber stellt sie nicht so ausgewogen zueinander, sondern gibt dem sozialen Handeln, wenn auch verhaltener als früher, ein eindeutiges Übergewicht.

„Fetischismus des Geldes“

Die Äußerungen des Papstes zur Weltwirtschaft (53–58) sind – meines Erachtens zu Unrecht – bisweilen als reine Kapitalismuskritik missverstanden worden, so etwa von Christoph Schäfer in seinem an sich lesenswerten Beitrag in der FAZ. Darin schreibt Schäfer:

„Auch jenseits aller Deutungsfragen ist zu prüfen, ob sich die Thesen des Papstes empirisch überhaupt halten lassen. Seine Behauptung etwa, ‚während die Einkommen einiger weniger exponentiell steigen, sind die der Mehrheit immer weiter entfernt vom Wohlstand dieser glücklichen Minderheit‘, greift zu kurz. Anders als es der Papst nahe legt, ist die Zahl der sehr armen Menschen einer aktuellen Studie der Weltbank zufolge in den vergangenen drei Jahrzehnten um mehr als 700 Millionen Menschen auf 1,2 Milliarden gesunken. ‚Wir sind Zeugen eines historischen Moments, in dem sich die Menschen selbst aus der Armut befreien‘, sagte Weltbank-Präsident Jim Yong Kim, als er die Studie im Oktober präsentierte. Das Millenniumsziel, die Zahl der Menschen, die von weniger als 1,25 Dollar am Tag leben müssen, bis 2015 zu halbieren, sei fünf Jahre früher erreicht worden. ‚Unsere Erwartungen wurden übertroffen‘, so Kim.“ Wobei der Papst eigentlich nicht sagt, dass die Zahl der Armen zunimmt, sondern schreibt: „Während die Einkommen einiger weniger exponentiell steigen, sind die der Mehrheit immer weiter entfernt vom Wohlstand dieser glücklichen Minderheit.“ (56).

Zu Recht hat deswegen Frank A. Meyer in Cicero eingewandt (Frank A. Meyer. „Papst Franziskus und der Marktgott“. Cicero 1/2014; Webfassung vom 17.4.2014): „‚Diese Wirtschaft tötet‘, hat der Papst verkündet. Anders als seine Vorgänger verlangt er, die Ökonomie zu verändern. Ein Antikapitalist? Nein. Er ist der Kapitalismus-Reformer der Stunde“.

Der Papst schreibt: „Die Anbetung des antiken goldenen Kalbs hat eine neue und erbarmungslose Form gefunden im Fetischismus des Geldes und in der Diktatur einer Wirtschaft ohne Gesicht und ohne ein wirklich menschliches Ziel.“ (55) Von dieser Form des Kapitalismus, nicht vom Kapitalismus allgemein, sagt der Papst: „Diese Wirtschaft tötet.“ (53).

Noch einmal Meyer:

„Der Bischof von Rom lässt keinen Zweifel daran, dass seine Bannbulle sich gegen einen Götzendienst richtet: ‚Tyrannei eines vergötterten Marktes‘ nennt er die herrschenden kapitalistischen Verhältnisse … Franziskus weiß, wovon er spricht. Er zitiert sogar die marktradikale Trickle-down-Theorie, derzufolge vom Tisch der Reichen stets etwas hinabtropfe zum Segen derer ganz unten: ‚Diese Ansicht, die nie von den Fakten bestätigt wurde, drückt ein undifferenziertes, naives Vertrauen auf die Güte derer aus, die die wirtschaftliche Macht in den Händen halten, wie auch auf die vergötterten Mechanismen des herrschenden Wirtschaftssystems‘“ – soweit Meyer. Der Papst sagt eben zu Recht: „Wir dürfen nicht mehr auf die blinden Kräfte und die unsichtbare Hand des Marktes vertrauen.“ (204) „Dieses Ungleichgewicht geht auf Ideologien zurück, die die absolute Autonomie der Märkte und die Finanzspekulation verteidigen.“ (56).

Als Mitautor eines Buches mit dem Titel ‚Korruption‘ freut mich, dass der Papst hier auch eine enge Verbindung zur Korruption als Teil einer solchen Art von Wirtschaft herausstellt: „Zu all dem kommt eine verzweigte Korruption und eine egoistische Steuerhinterziehung hinzu, die weltweite Dimensionen angenommen haben. Die Gier nach Macht und Besitz kennt keine Grenzen. In diesem System, das dazu neigt, alles aufzusaugen, um den Nutzen zu steigern, ist alles Schwache wie die Umwelt wehrlos gegenüber den Interessen des vergöttlichten Marktes, die zur absoluten Regel werden.“ (56). In einem Gespräch mit dem Papst über Korruption habe ich beobachten können, wie er persönlich unter diesem Thema leidet, zuallermeist darunter, dass seine eigene Kirche davon nicht ausgenommen ist. Etliche Maßnahmen und Anweisungen zur Veränderung interner Abläufe und Strukturen in der Kurie zielen speziell darauf hin, diese Ursünde (bekanntlich die Bedeutung des lateinischen, theologischen Begriffs ‚corruptio‘) zu unterbinden.

Exkurs: Zitate zur Wirtschaft

Ich möchte aus dem gesamten Abschnitt 53-57 noch ein paar Highlights zitieren:

„Ebenso wie das Gebot ‚du sollst nicht töten‘ eine deutliche Grenze setzt, um den Wert des menschlichen Lebens zu sichern, müssen wir heute ein ‚Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung und der Disparität der Einkommen‘ sagen. Diese Wirtschaft tötet. Es ist unglaublich, dass es kein Aufsehen erregt, wenn ein alter Mann, der gezwungen ist, auf der Straße zu leben, erfriert, während eine Baisse um zwei Punkte in der Börse Schlagzeilen macht. Das ist Ausschließung.“ (53).

„Der Mensch an sich wird wie ein Konsumgut betrachtet, das man gebrauchen und dann wegwerfen kann. Wir haben die ‚Wegwerfkultur‘ eingeführt, die sogar gefördert wird. Es geht nicht mehr einfach um das Phänomen der Ausbeutung und der Unterdrückung, sondern um etwas Neues: Mit der Ausschließung ist die Zugehörigkeit zu der Gesellschaft, in der man lebt, an ihrer Wurzel getroffen, denn durch sie befindet man sich nicht in der Unterschicht, am Rande oder gehört zu den Machtlosen, sondern man steht draußen. Die Ausgeschlossenen sind nicht ‚Ausgebeutete‘, sondern Müll, ‚Abfall‘.“ (53).

„Um einen Lebensstil vertreten zu können, der die anderen ausschließt, oder um sich für dieses egoistische Ideal begeistern zu können, hat sich eine Globalisierung der Gleichgültigkeit entwickelt. Fast ohne es zu merken, werden wir unfähig, Mitleid zu empfinden gegenüber dem schmerzvollen Aufschrei der anderen, wir weinen nicht mehr angesichts des Dramas der anderen, noch sind wir daran interessiert, uns um sie zu kümmern, als sei all das eine uns fern liegende Verantwortung, die uns nichts angeht. Die Kultur des Wohlstands betäubt uns, und wir verlieren die Ruhe, wenn der Markt etwas anbietet, was wir noch nicht gekauft haben, während alle diese wegen fehlender Möglichkeiten unterdrückten Leben uns wie ein bloßes Schauspiel erscheinen, das uns in keiner Weise erschüttert.“ (54).

„Nein zur neuen Vergötterung des Geldes
Die Finanzkrise, die wir durchmachen, lässt uns vergessen, dass an ihrem Ursprung eine tiefe anthropologische Krise steht: die Leugnung des Vorrangs des Menschen! Wir haben neue Götzen geschaffen. Die Anbetung des antiken goldenen Kalbs (vgl. Ex 32,1–35) hat eine neue und erbarmungslose Form gefunden im Fetischismus des Geldes und in der Diktatur einer Wirtschaft ohne Gesicht und ohne ein wirklich menschliches Ziel. Die weltweite Krise, die das Finanzwesen und die Wirtschaft erfasst, macht ihre Unausgeglichenheiten und vor allem den schweren Mangel an einer anthropologischen Orientierung deutlich – ein Mangel, der den Menschen auf nur eines seiner Bedürfnisse reduziert: auf den Konsum.“ (55).

„Nein zu einem Geld, das regiert, statt zu dienen
Hinter dieser Haltung verbergen sich die Ablehnung der Ethik und die Ablehnung Gottes. Die Ethik wird gewöhnlich mit einer gewissen spöttischen Verachtung betrachtet. Sie wird als kontraproduktiv und zu menschlich angesehen, weil sie das Geld und die Macht relativiert. Man empfindet sie als eine Bedrohung, denn sie verurteilt die Manipulierung und die Degradierung der Person. Schließlich verweist die Ethik auf einen Gott, der eine verbindliche Antwort erwartet, die außerhalb der Kategorien des Marktes steht. Für diese, wenn sie absolut gesetzt werden, ist Gott unkontrollierbar, nicht manipulierbar und sogar gefährlich, da er den Menschen zu seiner vollen Verwirklichung ruft und zur Unabhängigkeit von jeder Art von Unterjochung.“ (57).

„Eine Finanzreform, welche die Ethik nicht ignoriert, würde einen energischen Wechsel der Grundeinstellung der politischen Führungskräfte erfordern, die ich aufrufe, diese Herausforderung mit Entschiedenheit und Weitblick anzunehmen, natürlich ohne die Besonderheit eines jeden Kontextes zu übersehen. Das Geld muss dienen und nicht regieren!“ (58).

„Der Papst liebt alle, Reiche und Arme, doch im Namen Christi hat er die Pflicht daran zu erinnern, dass die Reichen den Armen helfen, sie achten und fördern müssen. Ich ermahne euch zur uneigennützigen Solidarität und zu einer Rückkehr von Wirtschaft und Finanzleben zu einer Ethik zugunsten des Menschen.“ (58).

Ökumene

Ökumene heißt für den Papst „gemeinsam pilgern“ (244). Er schreibt dazu einen längeren Absatz, der Satz für Satz sicher nichts sagt, was nicht andere Päpste auch schon gesagt haben, der aber doch völlig neu ist, weil er nicht sogleich durch zahlreiche Einschränkungen wieder eingefangen wird:

„Angesichts der Gewichtigkeit, die das Negativ-Zeugnis der Spaltung unter den Christen besonders in Asien und Afrika hat, wird die Suche nach Wegen zur Einheit dringend. Die Missionare in jenen Kontinenten sprechen immer wieder von den Kritiken, Klagen und dem Spott, der ihnen aufgrund des Skandals der Spaltungen unter den Christen begegnet. Wenn wir uns auf die Überzeugungen konzentrieren, die uns verbinden, und uns an das Prinzip der Hierarchie der Wahrheiten erinnern, werden wir rasch auf gemeinsame Formen der Verkündigung, des Dienstes und des Zeugnisses zugehen können. Die riesige Menge derer, die die Verkündigung Jesu Christi nicht angenommen haben, kann uns nicht gleichgültig lassen. Daher ist der Einsatz für eine Einheit, die die Annahme Jesu Christi erleichtert, nicht länger bloße Diplomatie oder eine erzwungene Pflichterfüllung und verwandelt sich in einen unumgänglichen Weg der Evangelisierung. Die Zeichen der Spaltung unter Christen in Ländern, die bereits von der Gewalt zerrissen sind, fügen weiteren Konfliktstoff von Seiten derer hinzu, die ein aktives Ferment des Friedens sein müssten. So zahlreich und so kostbar sind die Dinge, die uns verbinden! Und wenn wir wirklich an das freie und großherzige Handeln des Geistes glauben, wie viele Dinge können wir voneinander lernen! Es handelt sich nicht nur darum, Informationen über die anderen zu erhalten, um sie besser kennenzulernen, sondern darum, das, was der Geist bei ihnen gesät hat, als ein Geschenk aufzunehmen, das auch für uns bestimmt ist. Um nur ein Beispiel zu geben: Im Dialog mit den orthodoxen Brüdern haben wir Katholiken die Möglichkeit, etwas mehr über die Bedeutung der bischöflichen Kollegialität und über ihre Erfahrung der Synodalität zu lernen. Durch einen Austausch der Gaben kann der Geist uns immer mehr zur Wahrheit und zum Guten führen.“ (246).

Hier findet sich kein Ruf an die Anderen, in den Schoß der Kirche zurückzukehren, wobei ich auf das oben zum Proselytismus Gesagte verweise. Es geht nicht um Überlegenheit, sondern eben „darum, das, was der Geist bei ihnen gesät hat, als ein Geschenk aufzunehmen, das auch für uns bestimmt ist. … Durch einen Austausch der Gaben kann der Geist uns immer mehr zur Wahrheit und zum Guten führen“ (246).

Der Papst sagt „Nein zum Krieg unter uns“ (98–101), denn es gibt „viele Kriege innerhalb des Gottesvolkes“ (98). Damit meint er nicht nur zwischen Kirchen, sondern auch innerhalb seiner Kirche. Dasselbe gilt auch für seinen zusammenfassenden Apell, der sich an seine eigene Kirche intern ebenso wie an alle Christen richtet: „Die Christen aller Gemeinschaften der Welt möchte ich besonders um ein Zeugnis brüderlichen Miteinanders bitten, das anziehend und erhellend wird.“ (99).

Interreligiöser Dialog

Interreligiöser Dialog wird vom Papst gefordert und gewünscht, aber ohne den Wunsch, das Evangelium zu verkündigen, auch nur zeitweise auszusetzen. Es ist genau die Sicht der Gespräche mit Anhängern und Leitern anderer Religionen, wie es die Weltweite Evangelische Allianz propagiert und intensiv praktiziert.

„Bei diesem Dialog, der stets freundlich und herzlich ist, darf niemals die wesentliche Bindung zwischen Dialog und Verkündigung vernachlässigt werden, die die Kirche dazu bringt, die Beziehungen zu den Nichtchristen aufrecht zu erhalten und zu intensivieren. Ein versöhnlicher Synkretismus wäre im Grunde ein Totalitarismus derer, die sich anmaßen, Versöhnung zu bringen, indem sie von den Werten absehen, die sie übersteigen und deren Eigentümer sie nicht sind. Die wahre Offenheit schließt ein, mit einer klaren und frohen Identität in den eigenen tiefsten Überzeugungen fest zu stehen, aber ‚offen [zu] sein, um die des anderen zu verstehen‘, ‚im Wissen darum, dass der Dialog jeden bereichern kann‘. Eine diplomatische Offenheit, die zu allem Ja sagt, um Probleme zu vermeiden, nützt uns nicht, da dies eine Art und Weise wäre, den anderen zu täuschen und ihm das Gut vorzuenthalten, das man als Gabe empfangen hat, um es großzügig zu teilen. Die Evangelisierung und der interreligiöse Dialog sind weit davon entfernt, einander entgegengesetzt zu sein, vielmehr unterstützen und nähren sie einander.“ (251).

Menschenrechte – kurz und bündig

Der Papst spricht sich gegen Christenverfolgung (61, 86) und für „Religionsfreiheit“ (255, vgl. 61) aus. Er plädiert an die islamischen Länder: „Bitte! Ich ersuche diese Länder demütig darum, in Anbetracht der Freiheit, welche die Angehörigen des Islam in den westlichen Ländern genießen, den Christen Freiheit zu gewährleisten, damit sie ihren Gottesdienst feiern und ihren Glauben leben können. Angesichts der Zwischenfälle eines gewalttätigen Fundamentalismus muss die Zuneigung zu den authentischen Anhängern des Islam uns dazu führen, gehässige Verallgemeinerungen zu vermeiden, denn der wahre Islam und eine angemessene Interpretation des Korans stehen jeder Gewalt entgegen.“ (253)

Erfreulich, dass er wie ich „Fundamentalismus“ (253, siehe auch 63 und 250) soziologisch als Rechtfertigung oder Anwendung von Gewalt  im Namen einer Wahrheit sieht.

Korruption ist ihm eine Last (56, siehe oben), ebenso wie „Menschenhandel“ (75, 211), zu dem er schreibt: „Immer hat mich die Situation derer mit Schmerz erfüllt, die Opfer der verschiedenen Formen von Menschenhandel sind. Ich würde mir wünschen, dass man den Ruf Gottes hörte, der uns alle fragt: ‚Wo ist dein Bruder?‘ (Gen 4,9). Wo ist dein Bruder, der Sklave? Wo ist der, den du jeden Tag umbringst in der kleinen illegalen Fabrik, im Netz der Prostitution, in den Kindern, die du zum Betteln gebrauchst, in dem, der heimlich arbeiten muss, weil er nicht legalisiert ist? Tun wir nicht, als sei alles in Ordnung! Es gibt viele Arten von Mittäterschaft. Die Frage geht alle an! Dieses mafiöse und perverse Verbrechen hat sich in unseren Städten eingenistet, und die Hände vieler triefen von Blut aufgrund einer bequemen, schweigenden Komplizenschaft.“ (211)

Menschenhandel überschneidet sich oft mit der Unterdrückung von Frauen. „Doppelt arm sind die Frauen, die Situationen der Ausschließung, der Misshandlung und der Gewalt erleiden, denn oft haben sie geringere Möglichkeiten, ihre Rechte zu verteidigen.“ (212).

Dem will der Papst unter anderem auch begegnen, in dem er mehr Raum für Frauen in der Kirche schafft: „Ich sehe mit Freude, wie viele Frauen pastorale Verantwortungen gemeinsam mit den Priestern ausüben, ihren Beitrag zur Begleitung von Einzelnen, von Familien oder Gruppen leisten und neue Anstöße zur theologischen Reflexion geben. Doch müssen die Räume für eine wirksamere weibliche Gegenwart in der Kirche noch erweitert werden. Denn ‚das weibliche Talent ist unentbehrlich in allen Ausdrucksformen des Gesellschaftslebens; aus diesem Grund muss die Gegenwart der Frauen auch im Bereich der Arbeit garantiert werden‘ und an den verschiedenen Stellen, wo die wichtigen Entscheidungen getroffen werden, in der Kirche ebenso wie in den sozialen Strukturen.“ (103)

Maria

Schon bei Papst Benedikt war es oft so, dass seine Apostolischen Schreiben und Enzykliken sehr bibelzentriert wirkten und kaum eine Äußerung nicht von Evangelikalen unterschrieben werden konnten, es aber immer ein Schlusskapitel mit einer Anrufung Marias gab, dass vom Stil her zeigte, dass es nicht zum ursprünglichen Text gehörte. Erst durch dieses Schlusskapitel wurde das Dokument zu einem rein katholischen Dokument. Zwar wird in Evangelii Gaudium schon vorher kurz die „Beziehung“ zu Maria und den Heiligen (90) erwähnt, aber wie angehängt und nicht nachvollziehbar für Orthodoxe oder Protestanten wirkt nur das Schlusskapitel: „Maria, die Mutter der Evangelisierung“ (284-288) mit einem langen Gebet zu Maria (288).

Der Papst schreibt: „Zusammen mit dem Heiligen Geist ist mitten im Volk immer Maria. Sie versammelt die Jünger, um ihn anzurufen (Apg 1,14), und so hat sie die missionarische Explosion zu Pfingsten möglich gemacht. Maria ist die Mutter der missionarischen Kirche, und ohne sie können wir den Geist der neuen Evangelisierung nie ganz verstehen.“ (284) „Als wahre Mutter geht sie mit uns, streitet für uns und verbreitet unermüdlich die Nähe der Liebe Gottes. Durch die verschiedenen marianischen Anrufungen, die gewöhnlich mit den Heiligtümern verbunden sind, teilt sie die Geschichte jedes Volkes, das das Evangelium angenommen hat, und wird zu einem Teil seiner geschichtlichen Identität.“ (286) „Es gibt einen marianischen Stil bei der missionarischen Tätigkeit der Kirche.“ (288)

Immerhin zeigen diese Schlussabschnitte, dass es neben den neuen Gemeinsamkeiten auch weiterhin die alten theologischen Unterschiede gibt, die es aufzuarbeiten gilt. Neben dem Enthusiasmus über lang ersehnte Veränderungen steht deswegen die Notwendigkeit des arbeitsintensiven gemeinsamen Ringens um die christliche Wahrheit.

Anhang: Der Papst über die evangelisierende Kirche vor dem Konklave

Kardinal Jorge Mario Bergoglio sprach vor dem Konklave zum Kardinalskollegium in Rom und forderte die Kirche zu einem radikalen Richtungswechsel in Richtung Evangelisation auf. Der kubanische Kardinal Jaime Ortega bat ihn daraufhin, ob er ihm die Rede schriftlich geben könne. Bergoglio schrieb daraufhin in Stichworten die Rede handschriftlich in seiner Muttersprache Spanisch nieder und gab das Manuskript Ortega. Es enthält im Kern „Evangelii Gaudium“. Die Kardinäle wußten also, wen und was sie da wählten!

Hier die Skizze des Noch-nicht-Papstes:

„Über die Evangelisierung ist bereits gesprochen worden. Die Kirche ist dazu da zu evangelisieren. ‚Die innige und tröstliche Freude der Verkündigung des Evangeliums’ (Paul VI. – Anm. d. Übers. EN 80)

Jesus Christus selbst drängt uns innerlich dazu.

  1. Evangelisieren hat apostolische Leidenschaft zur Voraussetzung. Evangelisieren setzt voraus, dass die Kirche freimütig aus sich selbst herausgeht. Die Kirche ist dazu aufgerufen, aus sich selber heraus und an die Peripherien zu gehen, nicht nur an die geographischen, sondern auch an die existentiellen Peripherien: jene des Mysteriums der Sünde, des Leidens, der Ungerechtigkeit, der Unkenntnis bzw. der Missachtung des Glaubens, an die Peripherie des Denkens und allen Elends.
  2. Wenn die Kirche nicht aus sich selbst herausgeht, um zu evangelisieren, bleibt sie nur bei sich selbst und wird krank (vgl. die gekrümmte Frau im Evangelium – Anm d. Übers.: Lk 13,10 ff.). Die Missstände, die sich im Laufe der Zeit in den Institutionen der Kirche gezeigt haben, haben ihren Grund in dieser Selbstbezüglichkeit, in einer Art theologischem Narzissmus. In der Apokalypse sagt Jesus, er stehe vor der Tür und klopfe an. Offensichtlich bezieht sich der Text darauf, dass er von außen an die Tür klopft, damit er hineinkommen kann … Aber ich denke jetzt an jene Momente, in denen Jesus von innen klopft, damit wir ihn hinausgehen lassen. Die selbstreferentielle Kirche will Jesus in ihren eigenen Reihen festhalten und nicht hinausgehen lassen.
  3. Wenn die Kirche auf sich selbst bezogen ist, ohne es zu bemerken, glaubt sie, sie selbst besäße das Licht; dann verliert sie ihr „mysterium lunae“ und verfällt der so schrecklichen Misere spiritueller Weltlichkeit (Für de Lubac ist sie die schlimmste Misere, die in der Kirche zum Vorschein kommen kann), jenem Lebensstil, bei dem man sich nur gegenseitig Ehre erweist.
    Um es vereinfacht zu sagen: Es gibt zwei Ansichten von der Kirche: die evangelisierende Kirche, die aus sich herausgeht „Gottes Wort voll Ehrfurcht hörend und voll Zuversicht verkündigend“ (Dei Verbum religiose audiens et fidenter proclamans“ DV 1) und die verweltlichte Kirche, die in sich, aus sich und für sich selber lebt. Diese Erkenntnis kann uns die Augen öffnen für mögliche Veränderungen und Reformen, die notwendig sind, um die Seelen zu retten.
  4. Der nächste Papst sollte ein Mensch sein, der von der Kontemplation Jesu Christi und von der Anbetung Jesu Christi aus der Kirche hilft, aus sich heraus und an die existentiellen Peripherien zu gehen; der der Kirche hilft, eine segensreiche Mutter zu sein und „die innige und tröstliche Freude der Verkündigung des Evangeliums“ zu erfahren.“

(Übersetzung aus dem Spanischen: Norbert Arntz, nach http://www.adveniat.de/presse/papst-franziskus/rede-im-vorkonklave.html; andere Übersetzung: http://www.domradio.de/nachrichten/2013-03-27/bergoglios-zusammenfassung-seiner-rede-vor-den-kardinaelen).

Christlieb contra Opiumhandel

Ein pietistischer Theologieprofessor fordert 1877 die Beendigung des chinesischen Opiums­handels

Auszug aus Thomas Schirrmacher. Theodor Christlieb und seine Missionstheologie. Telos: Wuppertal, 1985.

„Die siebente allgemeine Versammlung der evangelischen Allianz in Basel spricht – aus Veranlassung der Berichte über den gegenwärtigen Stand der evangelischen Heidenmission – ihre volle Sympathie mit den Bestrebungen zur Unterdrückung des Opiumhandels aus, und unterstützt den Protest gegen des­sen Fortdauer, wie er mit wachsendem Nachdruck in den letzten Jahren von vielen englischen Brüdern verschiedener Denominationen, ja von der Reprä­sentation ganzer englischer Kirchenkörper erhoben wurde. Sie erklärt mit ih­nen diesen althergebrachten Handel auch in seiner jetzigen legalen Form für ein schreiendes Unrecht gegen China, für ein die Ehre des Christennamens tief schädigendes Ärgerniss in der Christen- und Heidenwelt und insbesondere für ein schweres Hinderniss des christlichen Missionswerks. Sie erachtet eine Änderung der bisherigen englischen Opiumpolitik für dringend geboten im all­gemein christ­lichen Interesse, und beauftragt ihre Vorsitzenden, diess zur Kenntniss des Staatssecretärs für Indien zu bringen.
Dr. Christlieb (Bonn).
Rev. W. Arthur (London).
Th. Necker (Genf).“

Immer wieder wird der Vorwurf gegenüber bibeltreuen Christen erhoben, dass sie sich nicht gegen das so­ziale Elend in dieser Welt einsetzen. Die Geschichte der pietistischen Mission hat für viele die Bekämpfung des Elends vergessen. Dass dieser Vorwurf unberechtigt ist, zeigt die Geschichte der Mission selbst. Sicher war die Verkündigung der Botschaft der Sündenvergebung durch Jesus Christus Priorität. Sie führte jedoch nicht automatisch dazu, dass die Augen vor den Problemen der Welt verschlossen blieben.

Ein Beispiel dafür ist der Bonner Theologieprofessor Theodor Christlieb (1833–1889), Vater der inner­kirchlichen Gnadauer Bewegung und der Westdeutschen Evangelischen Allianz. Als Missionswissenschaftler hat er wesentliches für die protestantische Missionsarbeit geleistet.

Eine umfassende Darstellung seines Lebenswerkes bietet: Thomas Schirrmacher, Theodor Christlieb und seine Missionstheologie, Wuppertal 1985. Dort finden sich ausführliche Belege zu allen Aussagen dieses Artikels auf den S. 166-170.

Vor 136 Jahren erschien sein Buch ‘Der indobritische Opiumhandel und seine Wirkungen’ (1878). Christliebs Studie zum Opiumhandel ist vielleicht sein Buch, das die weiteste Verbreitung erreicht hat und das – wie Gustav Warneck in seinen drei Rezensionen verfolgt – eine weltweite und breite Pressediskussion auslöste. Der chinesische Gesandte in Berlin übersetzte es sogar ins Chinesische . Eine Postkarte an Eduard Schaer in Zürich schildert etwas von der Resonanz:

„Indem ich Ihnen, verehrter Herr College, für Ihre freundliche Zuschrift u. den mitfolgenden Vortrag, den ich mit Interesse durchlas, verbindlichst danke, möchte ich Ihnen nur mittheilen, dass dieser Tage in Genf u. Paris eine französ. Übersetzung meines Opiumhandels erscheint, auf die Sie vielleicht französisch redende Freunde aufmerksam machen können. Ein Banquier in Genf hat sich sehr dafür interessiert. In Amerika ist das Büchlein durch Nachdruck schon ziemlich bekannt geworden (10.000 Exempl.). Auch sonst habe ich wieder freudig zu­stimmende Urtheile, auch von Collegen in der medizinischen Fakultät, besonders auch von England u. Russland. Sollte eine neue Auflage nöthig werden, so werde ich mir erlauben, Sie um gef. Zusendung der Schrift des spani­schen Gesandten, die ich noch nicht kenne, zu ersuchen.
Mit ausgezeichneter Hochachtung D.Christlieb Bonn, 30/XII 78.“

Schon in England hatte sich Christlieb nicht nur zusammen mit Elias Schrenk gegen den Sklaven­handel gewandt, sondern auch gegen den Opiumhandel. In seinem AMZ-Beitrag von 1875 richtete er sich ebenfalls schon gegen den Opiumhandel. Nach der Abfassung der Schrift von 1877 kämpfte er weiter für das Anliegen, etwa auf der Internationalen Allianzkonferenz in Basel 1879 und auf einer Synode. Er erreichte sogar eine Interpellation im britischen Parlament, die aber leider ergebnislos blieb. Trotzdem verlor er das Problem bis in sein Sterbejahr nicht aus den Augen. Eine Werbung des Verlages sagt zu Recht:

„Der bekannte Autor ist so ziemlich der erste, welcher sich eingehend mit dieser Frage beschäftigt hat. Das Werk ist übersichtlich in vier Teile gegliedert. In einer fünfseitigen Einleitung nennt Christlieb zunächst den Anlass der Arbeit. Es ist, wie er gleich in aller Schärfe formuliert, der Massenmord durch christliche Habgier. Dies gilt für die Sklaverei ebenso wie für den Branntweinhandel. Es ist für ihn klar, dass unsre fortschrittstrun­kene Zeit sittliche Ungeheuer großzieht. Doch nun veranlaßt ihn der Opiumhandel Großbritanniens zu aller­schärfsten Formulierungen.

Denn dieselbe Nation, die in der ersten Hälfte unsres Jahrhunderts durch eine heroische That sich vom Fluch des Sklavenhandels und endlich auch der Sklaverei in ihren Colonien und damit eine Hauptursache des Mas­senmords nach Kräften beseitigte, ja mit beträchtlichen Opfern heute noch in West- und Ostafrika zu beseitigen bemüht ist, dieselbe Nation ist es, die in der 2. Hälfte des Jahrhunderts den Klagen, den flehentlichen Bitten der chinesischen Regierung, ja dem Aufschrei des christlichen Gewissen in ihrer Mitte zum Trotz in steigender Pro­gression alljährlich Hunderttausende von Chinesen durch ihr Opium ihrer Gewinnsucht, genauer ihrer Defizits­furcht bei dem indischen Budget zum Opfer bringt, ja die – eine christliche, eine protestantische Macht! – mit ih­rem Zwangsgift nicht bloß, wie andere Massenmörder, die Leiber, sondern fast immer zugleich die Seelen, die ganze geistige und sittliche Kraft ihrer Schlachtopfer hinwürgt! Eine Zwittergestalt, mit der einen Hand groß­müthig Leben und Freiheit der Negerwelt spendend und schützend, mit der andern dem zuckenden Riesenleib Chinas gewaltsam Tod und Knechtschaft durch sein Gift einimpfend, in Afrika von Tausenden gesegnet, in Ostasien von Millionen verflucht, so steht England mit seiner Colonial- und Handelspolitik heute vor uns. Die stolze Flagge Albions trägt einen breiten Schmutzflecken.“

Die letzten Seiten der Einleitung füllt er mit Hinweisen auf andere Arbeiten und Schriften, die sein großes Wissen der Schriften vieler Länder zeigen.

Im ersten Teil gibt Christlieb dann einen Blick auf die geschichtliche Entwicklung des britischen Opium­handels bis zur Gegenwart. Er beginnt im 16. Jahrhundert, wird dann aber in dem Moment, als 1780 das Opium nicht mehr nur als Arznei verwendet wurde, ausführlicher. 1799 wird die Opiumeinfuhr verboten und der Schmuggel blüht.

„Gesetzesübertretung und Insubordination gegen ihre Vorgesetzten hat wohl Niemand die Chinesen systema­tischer und erfolgreicher gelehrt, als die anglo-indische Regierung.“

1839 müssen alle Beamten der ostindischen Kompanie China verlassen. Zwei Kriege gegen China (1842-1843 und 1857-1860) öffnen die Häfen und ermöglichen es nun den Missionaren, China von den Hafenstäd­ten aus zu missionieren. Der 1877, also bei Abfassung der Arbeit, noch gültige Vertrag von Tien-tsin von 1860 erlaubt auch die Opiumeinfuhr. Da Indien, der Herstellungsort des Opiums, 1858 von der ostindischen Kompanie an die englische Krone überging, sieht Christlieb Englands Verantwortung als noch größer an.

Im zweiten Teil untersucht Christlieb die Wirkungen des Opiumhandels auf Indien, England und China. Die Wirkungen auf England und Indien sind:

  1. Trotz drohender Hungersnöte geht weiterhin wertvolles Getreide- und Ackerland verloren.
  2. Trotz Verbot verbreitet sich die Opiumsucht auch in Indien und sogar in England selbst.
  3. Die Ehre Englands geht in den Augen der Inder verloren.
  4. Die indische Regierung wird demoralisiert. Sie fördert das Opiumgeschäft mehr als die Beschaffung lebensnotwendiger Dinge für die Bevölkerung.
  5. Das indische Staatsbudget ist inzwischen zu einem Sechstel vom Opiumhandel abhängig.
  6. Der Opiumhandel hält andere Länder vom Handel mit England und China zurück.

Insgesamt nützt der Opiumhandel also selbst in England und Indien nur wenigen. Die Auswirkungen auf China sind allerdings viel verheerender, nämlich eine völlige Demoralisation der Bevölkerung. Am erschüt­terndsten sind die Folgen beim Opiumraucher selbst und die zahllosen Verbrechen, die begangen werden, um an Opium heranzukommen. So untersucht Christlieb zunächst die Zahl der Opiumabhängigen und Opi­umopfer, wobei er 6 Millionen Raucher und 600.000 Tote pro Jahr für die beste Schätzung hält. Mit medizi­nischen Gründen widerlegt Christlieb das Argument, dass Opiumsucht eine Sucht wie andere ist. Dem Ab­hängigen geht viel stärker und unbewußter die Willenskraft verloren und die Regel ist, dass er fortfährt, bis er in ein frühes Grab sinkt. Weitere Folgen des Opiumhandels sind die Verarmung des Landes, das Vermie­ten von Frauen, der Ausländerhaß, zahllose Feindseligkeiten und überhaupt unglaublich grausame Zu­stände, deren Existenz kaum noch jemand zu bestreiten wagt.

Ohne dass es eine gewollte Trennung zwischen christlich-missionarischen und politisch-wirtschaftlichen Argumenten gibt, folgt nun der dritte Teil Der Einfluß des Opiums auf das Missionswerk in China. Nach den statistischen Hinweisen, dass es 208 evangelische Missionare und 20.000 Konvertiten in China gibt, be­schreibt Christlieb den Zusammenhang der Kolonialpolitik mit der Mission, den viele erst im Boxeraufstand 1899 oder sogar erst nach dem 2.Weltkrieg erkennen sollten:

„Der Opiumhandel mit all den Verwicklungen und Verträgen in seinem Gefolge hat äußerlich China dem Evangelium geöffnet, aber er verschließt auch innerlich Millionen chinesischer Herzen der Predigt durch die schändliche Habgier, aus der er entsprang, durch die Gewalt, mit der er dem Lande wider seinen Willen aufge­zwungen wurde und wird, durch die physischen und sittlichen Verwüstungen, die er anrichtet, mit Einem Wort: durch das schmähliche Licht, das er auf seine Träger, die Christen wirft, die dadurch dem natürlichen heid­nischen Gewissen gegenüber als sittlich viel tiefer stehend und darum als unfähig zu religiössittlicher Belehrung Anderer erscheinen müssen.“

Er zitiert das Plakat eines Chinesen:

„Vor 20 Jahren hätten sie mit mehr Aussicht auf Erfolg predigen können … Selbst sündenbeladen gebt ihr vor, Andere bessern zu können.“

Nach weiteren Beispielen formuliert er das Haupthindernis für die Mission. Dieses Missionshindernis ist nur bei Gleichsetzung von missionierender Kirche und christlichem Volk zu verstehen, die die Chinesen auf jeden Fall vornehmen mußten. Es zeigt sich für Christlieb, daß

„… das heidnische Gewissen sich als höher stehend erweist denn das golddurstverblendete der Christen! Wie können die Chinesen das Evangelium als das Heil auch ihres Volkes von denen annehmen, die sie täglich durch ihren scheußlichen Handel am Ruin Chinas arbeiten sehen? ? Oh, eine jede Handlung, die dazu dient, das Chri­stentum in Verruf zu bringen, ist ein Verrath an der wahren Civilisation der Menschheit.“

Allerdings steht Christlieb nun auch dem Gedanken des christlichen Abendlandes kritisch gegenüber:

„Und wie lange wird es brauchen, bis das chinesische Volk zwischen sogenannten christlichen Kaufleuten und Regierungen und wirklichen christlichen Predigern, zwischen dem Evangelium an sich und der thatsächli­chen Verleugnung seiner Prinzipien durch so viele Christen einen Unterschied zu machen gelernt haben wird!“

In einem letzten kürzeren Teil kehrt Christlieb wieder zur politischen Seite zurück und fragt: Kann dem Übel abgeholfen werden? Zunächst deckt Christlieb die zum Teil absurden Begründungen auf, wieso der gegenwärtige Zustand nicht abzuschaffen oder sogar positiv zu sehen ist. So greift er zum Beispiel das Ar­gument an, dass China sowieso überbevölkert ist und widerlegt die Behauptung, dass die Abschaffung des Opiumshandels zu teuer zu stehen kommt. Er rechnet genau vor, wieviel die Beseitigung des Opiumhandels kosten würde und welche Ersparnisse sie brächte und zeigt, dass nach einiger Zeit die indische Regierung fi­nanziell besser dastände. Dann stellt er aber unabhängig von den Berechnungen fest:

„Die Frage hat zwei Seiten, eine moralische und eine finanzpolitische. Setzt man falscher d.h. unchristlicher Weise die letztere zuoberst, so scheinen die Schwierigkeiten endlos, und man kommt aus peinlichen Befürchtun­gen nicht heraus …“

Er fordert dann schließlich:

„Also was thun? Wir antworten: in erster Linie das Gewissen fragen und nicht den Geldbeutel! Ist die Fort­setzung dieses Handels, der nur mit Waffengewalt legalisirt werden konnte, während China um Erlösung davon bittet, weil das Elend von Millionen dadurch Vergifteter gen Himmel schreit, recht d.h. vor Gott und den Men­schen gerechtfertigt oder nicht? Und wenn ihr humaner Weise nicht anders als Nein! antworten könnt, so folgt in Gottes Namen dieser Stimme …“

Es ist nach Christliebs Meinung besser, das Unrecht aufzugeben und als Christen Vertrauen auf Gott zu zeigen, der sich zum Abschaffen des Unrechts stellen wird.

Es sollte nur leidende und mitleidende Christen geben, keine Unbeteiligten!

Geistliches Wort für den International Day of Prayer for the Persecuted Church 2014, http://www.idop.org

„Gedenkt aber an die früheren Tage, in denen ihr, nachdem ihr er­leuchtet worden wart, viel Leidenskampf erduldet habt, als ihr teils durch Schmä­hungen und Drangsale zur Schau ge­stellt und teils Ge­fährten derer wur­det, denen es so erging. Denn ihr habt mit den Ge­fangenen gelitten und den Raub eurer Güter mit Freuden erduldet, weil ihr wisst, dass ihr eine bessere und bleibende Habe besitzt. Darum werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat.“ (Hebr 10,32–35)

Der Autor des Hebräerbriefes macht seinen Lesern Mut im Leiden, indem er sie daran erinnert, wie Gott ihnen schon früher im Leid geholfen hat (V. 32).

Das wirklich Interessanteste an unserem Text ist aber, dass der Hebräerbriefschreiber alle Leser gleichermaßen als solche bezeichnet, die „viel Leidenskampf erduldet“ haben, unabhängig davon, ob dies durch eigenes Leiden geschah oder durch Mit-leiden! Der Autor des Hebräerbriefes stellt die leidenden (A) und die mitleidenden Christen (B) gleich. In den Versen 33-34 wird das über Kreuz gesagt: ABBA.

In V. 33 werden die Leser zuerst als die angesprochen, die teilweise „selbst“ viel Leid „erduldet“ haben (A), aber „teilweise“ auch litten, weil sie „Gefährten“ derer wurden, die litten (B). Es gibt also direkt Leidende (A) und Leidende, weil sie Mit-Leidende (B) sind!

In V. 34 ist es dann anders herum: Zuerst wird erwähnt, dass die Leser mit den Gefangenen gelitten haben (B), dann wird erwähnt, dass sie selbst Hab und Gut verloren haben (A).

Das ist genau das Anliegen des International Day of Prayer for the Persecuted Church (IDOP), in Deutschland der „Weltweite Gebetstag für verfolgte Christen“ immer Anfang November. Christen, die leiden und Christen, die mitleiden, wollen vor Gott eine „Gemeinschaft“ des Leidens bilden. In Ländern mit Christenverfolgung und solchen ohne Christenverfolgung wird zugleich gebetet. Wenn wir dies tun, dann „werfen wir unser Vertrauen nicht weg“, und dieses Vertrauen hat „eine große Belohnung“ (V. 35).

Ein Christ lebt nie ohne Christenverfolgung! Er wird nämlich entweder verfolgt oder aber er leidet mit dem Schicksal derer, die verfolgt werden. Und wer leidet, leidet zugleich mit anderen, die – vielleicht noch schwerer – leiden!

Die Möglichkeit, dass jemand das Leiden der anderen einfach ignoriert und sich daran erfreut, dass es ihm selbst gut geht, ohne die Dankbarkeit in Engagement für Andere umzumünzen, kommt dem Schreiber des Hebräerbriefes gar nicht erst in den Sinn! Christen leiden und andere Christen leiden nicht mit? Undenkbar! Christen, die wegschauen, wenn andere leiden? Undenkbar! Und doch gilt genau dies für den größten Teil der Christenheit!

Der IDOP ist eine gute Gelegenheit, damit hier und heute aufzuhören, sich über die weltweite Lage des Leibes Christi zu informieren und wenigstens im Gebet „Gemeinschaft“ mit denen zu haben, die leiden.

Thomas Schirrmacher