Thomas Schirrmacher
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Vorgeburtlich Selektion, nachgeburtlich Inklusion? oder: Das ideale Kind

21. November 2014 von · Schreiben Sie einen Kommentar 

Das Kind im deutschsprachigen Europa muss heute vor und nach der Geburt funktionieren. Die Pränataldiagnostik sorgt für eine vorgeburtliche Selektion, nachgeburtlich wird zwar im Widerspruch dazu – und ethisch allein richtig – die Inklusion gefordert, in der Realität aber hat das Kind auch dann zu funktionieren.

Mit Blick auf seine spätere Verwendung in der Wirtschaft kann das Kind nicht früh genug ‚Bildung‘ in der Tagesbetreuung und Kita bekommen, als wüssten Kinder, die dort ihre Jahre verbringen, nicht am Ende doch weniger als wir früher. Birgitta vom Lehn schreibt dazu in der WELT:

„Aber: Wie soll ein Kind denn beschaffen sein, wenn es überhaupt das Licht der Welt erblicken darf? Es hat heute ja schon im Mutterleib eine Vielzahl an Prüfungen zu durchlaufen. Stichwort Pränataldiagnostik. Dabei fahnde man heute aber nicht mehr nach Krankheiten, sondern nach Abweichungen von der Norm … Während wir nach der Geburt neuerdings ständig von Inklusion reden, geht es vor der Geburt nur noch um Selektion und Optimierung.“ (Birgitta vom Lehn. „Neulich im Zug“. WELT vom 30.11.2013; Webausgabe als „Es muss eben passen, das moderne Kind“)

„Es muss eben passen, dieses moderne Kind. Es muss sich schon von der Zeugung an bewährt haben. Es wird dann später von sich sagen können, der Embryo mit der besten Qualität, nämlich der Güteklasse A, gewesen zu sein, ausgestattet mit dem besten Genpool. Schließlich wird es funktionieren müssen, dieses Kind, es muss krippen- und ganztagsschulstauglich sein, weil beide Eltern arbeiten müssen. … Es muss sich durchsetzen können in Kita und Schule, im Leben generell, es soll auch hübsch sein; dann kommt man weiter.“

Im Leben vieler Eltern ist kein Platz mehr für nicht funktionierende Kinder. Da rät eine Topspezialistin für kindliche Früherziehung, Fabienne Becker-Stoll, Direktorin des Staatsinstituts für Frühpädagogik in München (siehe FAZ Sonntagszeitung vom 3.8.2014, „Krippe im ersten Lebensjahr? – Nein!“), Kinder ab 2 Jahren sofort aus einer Betreuung zu nehmen, wenn es dort emotional nicht zu Hause ist, und eine andere Betreuung zu finden. Sie schätzt, dass für zwei Drittel aller Kitas gilt (etwa fortwährend weint), dass wegen fehlender Qualität die emotionale Versorgung der Kinder nicht gewährleistet ist. Aber welche Eltern haben Zeit, ihr Kind erst einmal wieder nach Hause zu nehmen und nach einem besseren Platz zu suchen? Nein, die Kinder haben gefälligst zu funktionieren, und dass die Qualität der Kitas gehoben wird, mag noch ein paar Jahre dauern, was soll’s!

Lasst Kinder Kinder sein! Liebt Kinder wie sie sind. Messt sie nicht an irgendwelchen heimlichen Maßstäben, schon gar nicht an ihrem Nutzen in Zukunft. Messt Kinder auch nicht an Träumen, wie wir sie gerne gehabt hätten.

Tony Palmer (†): Der plötzliche Tod eines Freundes erinnert mich an das Zentrum unseres Glaubens

18. November 2014 von · Schreiben Sie einen Kommentar 

Mein letztes Foto mit Tony Palmer im Petersdom

Mein letztes Foto mit Tony Palmer im Petersdom

Mein Freund Bischof (†) Tony Palmer starb am Sonntag, den 20. Juli 2014 bei einem Motorradunfall mit Fahrerflucht trotz einer mehrstündigen Operation. Wie nahe doch Leben und Tod beieinander liegen. Eben noch waren wir zusammen beim Papst und schmiedeten langfristige Pläne, da weilt er schon nicht mehr unter uns.

Er war auf vier Kontinenten zu Hause. Geboren und aufgewachsen in Südafrika lebte er in den USA, in Argentinien, in Italien und England. So global wie sein Lebenshorizont war auch sein ökumenischer Horizont. Am Ende reiste er ständig rund um die Welt, etwas was wir gemeinsam hatten.

Er darf jetzt sehen, was wir noch glauben. Die Gemeinschaft mit Jesus Christus, die er als Zentrum dessen sah, was der Papst und wir gemeinsam haben, erlebt er nun in seiner Fülle.

Mein Kommentar in PRO

Dies war der Kommentar, den ich direkt nach seinem Tod an das PRO-Magazin geschickt habe:

„Ein sehr guter Freund ist völlig überraschend bei einem Unfall gestorben. Eben waren wir noch beim Papst und diskutierten, unter welchen Umständen wir mit dem Papst erneut die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigung unterzeichnen könnten, da ist er bei dem Herrn und Erlöser, über den wir die ganze Zeit gesprochen haben.    
Anthony Palmer war im Herzen ein Missionar, der auf allen Kontinenten wirkte und auf dreien gelebt hat. Er war ein Brückenbauer zwischen den Konfessionen, nahm aber die tiefgreifenden theologischen Unterschiede dabei immer sehr ernst und blieb im Herzen immer ein Evangelikaler, der wahren Glauben nur in der persönlichen Begegnung mit Jesus und einem Leben mit ihm wiederfand. Das war es auch, was ihn mit dem Papst verband. Christliche Leiter in aller Welt werden eine Motor der Ökumene vermissen.“

In der Meldung zu Palmers Tod hieß es in der PRO dann:

„Noch im Juni hatte Thomas Schirrmacher, deutscher Theologe und Menschenrechtsexperte bei der Weltweiten Evangelischen Allianz, zusammen mit Tony Palmer und vier weiteren evangelikalen und charismatischen Leitern den Papst in einer Delegation zu einem privaten Gespräch besucht. Palmer hatte den Weg zu dem Treffen bereitet. Schirrmacher würdigte Palmer gegenüber dem Medienmagazin pro als einen «Missionar, der auf allen Kontinenten wirkte» und als «Brückenbauer zwischen den Konfessionen». Dabei habe Palmer die tiefgreifenden theologischen Unterschiede immer sehr ernst genommen, erklärte Schirrmacher. Palmer blieb «im Herzen immer ein Evangelikaler, der wahren Glauben nur in der persönlichen Begegnung mit Jesus und einem Leben mit ihm wiederfand», sagte Schirrmacher. «Christliche Leiter in aller Welt werden einen Motor der Ökumene vermissen».“ (Quelle)

Palmer’s Biografie im Web (Englisch)

„Anthony Joseph ‘Tony’ Palmer was a British-born South African Bishop with the Communion of Evangelical Episcopal Churches a Communion of Dioceses and Ministries that are inspired by the ‘middle way’ of classic Anglicism Anglican Communion and count themselves as part of the Convergence Movement. They were originally inspired by Bishop Lesslie Newbigin, a British theologian, missiologist, missionary and author.“ (Wikipedia on the day of his death)

This is the entry of the Community he lead, as it stood on the day of his death:

„Tony is an ordained Minister, ordained by the Anglican/Episcopal Church, within the CEEC (Communion of Evangelical Episcopal Churches). He relates directly to his Archbishop, Robert Wise as his Canon to Church Unity Affairs (www.theceec.org). Our Community is also consecrated within the CEEC as an Inter-denominational Christian Community, and enjoys much input from Father Robert’s wisdom.

Tony is initially trained as a Medical Underwriter (Med. Dip. 1987), with further specialised studies in HIV/AIDS management (WITS University Medical School, RSA). He accepted his vocation to full-time Ministry in 1993 and then studied for 3 years at a Christian College (Rhema Bible Training Centre, RSA). He has also completed a short course in Biblical Archaeology and Biblical Studies (UNISA University, RSA), has a Masters Degree in Philosophy, “College of Theology” (St. Alcuin’s Seminary, USA), and has an English Teachers Certificate from Cambridge University, UK (CELTA).

Tony is currently busy with his Doctorate Degree in “Early Church” studies (33-600 A.D), with a particular interest in the Community life of the early Celtic Church.

Emiliana also completed 3 years of Biblical Studies at the same Christian College (RBTC), and also holds a Cambridge English Teachers Certificate (CELTA). Together, Emiliana and Tony had the privilege of serving as Directors for Kenneth and Gloria Copeland, KCM RSA, and Tony served as Development Director at Acres of Love, providing homes for abandoned HIV/AIDS babies and children.“

Aus dem Web

Links:

Deutsch:

Englisch:

 

Die Junge Freiheit zur Ehrenrettung der ‚deutschen‘ Rocker

15. November 2014 von · Schreiben Sie einen Kommentar 

Die Junge Freiheit ist in einem ganzseitigen Artikel „Die Spreu vom Weizen trennen“ von Josef Hämmerling zur Ehrenrettung der Rocker angetreten (Nr. 19 – 2.5.2014, S. 12).

Die Kriminalitätsrate unter Rockern sei gesunken (eigentlich heißt das nur, dass es weniger Verfahren gibt) und sie seien seltener in Schwerverbrechen verwickelt. Die Razzien gegen die Hells Angels seien Verschwendung von Steuergeld, es sei schlimm, dass man nicht wisse wie viel Geld genau hier ausgegeben wird. Von 1.000 Hells Angels gäbe es für 990 keine Erkenntnisse bzw. Beweise, dass sie zur Organisierten Kriminalität gehören. 2012 gab es nur 31 Ermittlungsverfahren.

RTEmagicC_Hells_Angels.jpgGemäß einer solchen Argumentation hätten wir auch kein Problem mit Zwangsprostitution, Geldwäsche, Mafia oder muslimischen Ehrenmorden, überall ist die Zahl der Verfahren beschämend gering, die Zahl der Verurteilungen noch geringer und die Zahl der Dunkelziffer hoch. Die Junge Freiheit meint, dass Rocker in Deutschland diskriminiert werden, nur weil man ihre Zugehörigkeit an der Kleidung sehen kann. Arme Rocker! Die JF lobt auch die Auflösung etlicher gewalttätiger Chapter. Das ist wirklich nicht nachzuvollziehen. Die Chapter werden aufgelöst, wenn der Verfolgungsdruck zu stark wird, und meist an der nächsten Stelle wiedereröffnet.

Die Junge Freiheit wäre nicht die Junge Freiheit, wenn sie nicht das Problem stattdessen bei Nichtdeutschen sehen würde. Und zwar gleich auf zweifache Weise.

Zum einen verweist die JF darauf, dass die Streetgangs, die vorwiegend aus Migranten bestehen und sich oft nach Ethnien oder Nationalitäten organisieren, ein viel größeres Problem darstellten. 1. Die Streetgangs seien viel gefährlicher, weil viel eher Unbeteiligte Opfer werden. 2. Zudem hätten die Hells Angels und die Rockergangs einen Ehrenkodex, während die Streetgangs „mit den traditionellen Rockerclubs absolut nichts gemein haben“.

Zu 1. Hat die JF noch nie von unbeteiligten Menschen gehört, die starben oder querschnittsgelähmt sind, weil sie zufällig in einer Bar oder in einem Bahnhof waren, als Rockergangs sich gegenseitig angriffen? (Mehr dazu unten.) Zu 2. „Ehrenkodex“? Nach allen einschlägigen Veröffentlichungen besteht der vor allem darin, Mitglieder mit Gewalt zu verteidigen, egal ob sie schuldig oder unschuldig sind, und Aussteiger zu bedrohen. Und 3. Und selbst wenn das stimmt: Seit wann entschuldigen sich Verbrechen damit, dass andere noch mehr begehen?

Zum Zweiten führt die JF die wachsenden Probleme der Rockergangs darauf zurück, dass diese zunehmend Ausländer aufnehmen. „Richtig ist, daß die MCs zum Teil selbst schuld an ihrem Image sind. Gerade in den Chaptern der Städte mit großem Rotlichtmilieu gab es zuletzt Verteilungskämpfe. Dabei nahmen viele MCs verstärkt auch ausländische Mitglieder auf, denen es nur um Geld und Einfluß ging. Die alten Traditionen wie das Prinzip der Bruderschaft und selbst das Motorradfahren gelten ihnen nichts mehr – und der in den jeweiligen Clubs geltende Ehrenkodex erst recht nicht. Da fällt es zunehmend schwer, die Spreu vom Weizen zu trennen. So gab es in vielen Rockerclubs zum Teil massive interne Auseinandersetzungen bis hin zu Schlägereien zwischen den Alten und den, wie sie genannt werden, jungen Wilden. Medienberichten zufolge trafen sich vor kurzem sogar führende Hells Angels aus ganz Europa in Luxemburg, um über diese Problematik zu sprechen.“

Ausländischen Mitgliedern geht „es nur um Geld und Einfluß“ und deutschen nie? Motorradfahren gilt „ihnen nichts mehr“, den deutschen Mitgliedern aber doch und das macht sie zu besseren Menschen? Deutschen Mitgliedern geht es um einen „Ehrenkodex“, alte „Traditionen“, um das „Prinzip der Bruderschaft“ und um „das Motorradfahren“. Ausländische haben keinen Ehrenkodex und keine Traditionen? Und: ob all das die Opfer von Schutzgelderpressung, Schlägereien, bis hin zu Totschlag auch so sehen?

Also kaufte ich mir zwei Bücher von Stefan Schubert, dessen neues Buch zu den Streetgangs in der JF beworben wurde (Gangland Deutschland: Wie kriminelle Banden unser Land bedrohen. Riva: München, 2014) und dessen anderes Buch über die Rockergangs (Wie die Hells Angels Deutschlands Unterwelt eroberten. Riva: München, 2012), das vor zwei Jahren erschien. Beide Bücher breiten detailliert erschreckendes Material aus. Beide zeigen, dass unser Rechtsstaat vor allem durch die übliche Einschüchterung von Zeugen lahmgelegt wird, aber auch durch völlig unverständlich weiche Urteile zahlreicher Gerichte. Überaus deutlich weist Schubert auf den ethnischen Hintergrund der meisten Streetgangs hin und dass der deutsche Staat diesem Umstand immer noch nichts Sinnvolles entgegenzusetzen hat. Und er zeigt auf, dass das Problem seit 2010 förmlich explodiert.

Aber gerade deswegen ist Schubert völlig unverdächtig, wenn er über die Hells Angels und ihre Konkurrenten schreibt. Demnach ist das Problem brutaler Gewalt so alt wie die Hells Angels selbst, nämlich sechs Jahrzehnte. Es wurde so schon nach Deutschland exportiert, wo die Hells Angels nach den USA heute am verbreitetsten sind. Schutzgelderpressung, Schlägereien mit Todesfolge, Einschüchterung von Zeugen sind Alltag. Man kann es kaum glauben, was Schubert detailliert belegt und beschreibt. An ungezählten Beispielen zeigt er etwa auch, dass die Auflösung von Chaptern eine jahrzehntealte Methode ist, der Strafverfolgung aus dem Weg zu gehen. Und er liefert viele erschütternde Beispiele dafür, dass deutsche Richter seines Erachtens nicht nur bei ausländischen Streetgangs, sondern auch bei ‚deutschen‘ Rockern allzu häufig viel zu geringe Urteile fällen und alle Augen zudrücken.

Die JF beweist hier jedenfalls, dass sie die ganze Problematik nur durch die Brille Deutsche/Ausländer sieht und deutsche Verbrecher schönredet, nur weil sie deutsch sind.

Schirrmacher zieht positive Bilanz des Papstbesuches in Albanien

11. November 2014 von · Schreiben Sie einen Kommentar 

Der Botschafter für Menschenrechte der Weltweiten Evangelischen Allianz und Direktor des International Instituts für Religionsfreiheit, Thomas Schirrmacher, hat eine positive Bilanz des Papstbesuches in Albanien gezogen. Er nahm auf Einladung des Präsidenten des Landes, Bujar Nishani, am Empfang für den Papst teil und führte während seines Aufenthaltes Gespräche mit allen wichtigen christlichen und muslimischen Führern.

Insbesondere begrüße Schirrmacher, dass der Papst beim Empfang mit deutlichen Worten jede Art der Gewalt im Namen Gottes eine Absage erteilte und mit seinem Besuch unterstrich, dass Christen Muslimen dankbar seien, wenn sie auch dort Freiheit und Frieden garantierten, wo sie die Mehrheit eines Landes bilden.

Thomas Schirrmacher überreicht Albaniens Präsident Bujar Nishani Bücher zum Thema Religionsfreiheit (© Präsidentenpalast Albaniens)

Thomas Schirrmacher überreicht Albaniens Präsident Bujar Nishani Bücher zum Thema Religionsfreiheit (© Präsidentenpalast Albaniens)

Der Präsident des Landes hatte Schirrmacher bereits einige Tage vorher zu einem Vorbereitungsgespräch des Papstbesuches eingeladen. Bei dem Gespräch unterstrich er, dass Albanien das Musterbeispiel eines Landes mit einer muslimischen Mehrheit sei, das Christen volle Religionsfreiheit gewähre. Beide stimmten darin überein, dass europäische Politiker Länder, die auf Menschenrechte und Demokratie setzen, angesichts der weltweiten Entwicklung viel intensiver unterstützen müssten. Dass sich dies auszahle, beweise auch Albaniens neuer Status als EU-Beitrittskandidat. Der Präsident vereinbarte mit dem Internationalen Institut für Religionsfreiheit ein Projekt, in dem die Lage der Religionsfreiheit im Land untersucht wird. Schirrmacher wurde bei seinem Treffen vom Generalsekretär der Evangelischen Allianz Albaniens, Akil Pano, begleitet.

Schirrmacher traf sich unter anderen mit dem Großmufti von Albanien, Skënder Bruçaj, mit dem weltweiten Oberhaupt des islamischen mystischen Sufiorden der Bektaschi, Haxhi Baba Edmond Brahimaj, mit den sieben katholischen Bischöfen des Landes, mit dem Vorstand der Albanischen Evangelischen Allianz sowie mit Erzbischof Anastasios Yannoulatos, Oberhaupt der Autokephalen orthodoxen Kirche, der größten christlichen Konfession in Albanien. Mit dem umfangreichen Besuchsprogramm wolle er deutlich machen, so Schirrmacher, dass Evangelikale nicht abseits stehen, wenn Religionen miteinander dafür sorgen, dass Frieden und Freiheit ein Land bestimmen und die Regierung darin unterstützen. „Wir können ja nicht immer nur Andere kritisieren, wenn Dinge falsch laufen, sondern müssen auch diejenigen unterstützen und loben, die es richtig machen“, so Schirrmacher wörtlich.

Thomas Schirrmacher im Gespräch mit Erzbischof Anastasios Yannoulatos, dem Oberhaupt der Autokephalen orthodoxen Kirche Albaniens

Thomas Schirrmacher im Gespräch mit Erzbischof Anastasios Yannoulatos, dem Oberhaupt der Autokephalen orthodoxen Kirche Albaniens

Mit dem Erzbischof von Albanien verbindet Schirrmacher eine langjährige Freundschaft. Das Verhältnis der Orthodoxen Kirche zur Albanischen Evangelischen Allianz gilt als sehr gut. Die Mitglieder der Gemeinden der Evangelischen Allianz bestehen fast ausschließlich aus früheren Muslimen, die erst seit der erneuten Unabhängigkeit des Landes 1990 Christen geworden sind. Der Erzbischof war viele Jahre Vorsitzender des Missionsausschusses des Weltkirchenrates und gilt als bedeutender Missionswissenschaftler. Für ihn schließt die Religionsfreiheit in Albanien immer auch das Recht ein, seine Religion wechseln zu dürfen, auch vom Islam zum Christentum, und er ist dafür seit 1990 immer wieder öffentlich eingetreten.

Weitere Fotos:

„Ich gratuliere dem Dalai Lama: Islamische Führer könnten von ihm lernen!“

7. November 2014 von · Schreiben Sie einen Kommentar 

Stellungnahme des Direktors des Internationalen Instituts für Religionsfreiheit, Thomas Schirrmacher, zur jüngsten Erklärung des Dalai Lama

Der Dalai Lama hat entschieden, dass er keinen Nachfolger haben will. Die „Institution Dalai Lama“ werde nicht mehr benötigt. Zusammen mit seinem Verzicht auf alle politischen Ämter und Führungsansprüche vor zwei Jahren ist das ein Vorgang von großer Tragweite für das Verhältnis von Religionen und Staat weltweit.

Da diskutiert wird, was der Dalai Lama wirklich gesagt hat, verweise ich auf das Video seines Interviews. Solange der Dalai Lama selbst nichts Anderes sagt, muss dies als seine derzeitige Sicht angesehen werden.

Thomas Schirrmacher im Gespräch mit Kelsang Gyaltsen, Sonderbotschafter des Dalai Lama für Europa (Foto © Markus Scherf / IGFM)

Thomas Schirrmacher im Gespräch mit Kelsang Gyaltsen, Sonderbotschafter des Dalai Lama für Europa (Foto © Markus Scherf / IGFM)

Um es einmal sehr verallgemeinernd so zu sagen: Während in einigen Ländern und Religionen religiöse Führer aufrüsten und Religion für politische Ansprüche missbrauchen (man denke an den Wahlsieg der Hindutva-Bewegung in Indien, die Entwicklung im Irak oder in Russland und der Ukraine), rüsten andere religiöse Führer erkennbar ab, jetzt eben auch der Dalai Lama.

Vor zwei Jahren gab der Dalai Lama alle politischen Ämter und Ansprüche als Repräsentant der Tibeter oder der Exil-Tibeter auf. Stattdessen haben die Exil-Tibeter den Juristen Lobsang Sangsay zum Exil-Ministerpräsidenten gewählt. Für den Gedanken der Religionsfreiheit und der Trennung von ‚Kirche und Staat‘ war das ein erfreulicher Tag. Das Entscheidende dabei ist: Der Dalai Lama leitet aus seinem religiösen Anspruch keinen politischen Führungsanspruch mehr ab.

Ebenfalls im Jahr 2012 hatte der Dalai Lama in einem Papier „Erklärung des Dalai Lama zur Frage seiner Reinkarnation“ dargelegt, wie sein Nachfolger gefunden werden kann. Das hat er mit seiner neuen Erklärung hinfällig gemacht, auch wenn er natürlich nicht festlegen kann, was seine Anhänger nach seinem Tod machen.

Ob Pharao, römischer Kaiser, chinesischer Kaiser oder mittelalterlicher Papst: Vor Jahrtausenden oder Jahrhunderten war es fast selbstverständlich, dass politische und religiöse Macht in einer Hand gehalten und die politische Macht aus der Nähe zu Gott oder der Gottgleichheit begründet wurde. Dieses Zeitalter sollte eigentlich zu Ende sein, und so ist es erfreulich, wenn die letzten Überlebenden dieser Auffassung diese Sicht freiwillig aufgeben.

Papst Benedikt und jetzt Papst Franziskus machten und machen immer deutlicher, dass die Katholische Kirche vom Wesen und von der Berufung her kein Staat ist. Den Vatikan bewacht längst die italienische Polizei, in der UN oder bei der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) stimmt der Vatikan als Mitgliedsstaat nur ab, wenn es um Fragen der Menschenrechte und Religionsfreiheit geht, bei politischen Fragen stimmt er grundsätzlich nicht mit ab.

Zwar gibt es immer noch Ausnahmen. So sieht sich der japanische Kaiser immer noch als Sohn einer Göttin, aber politisch ist er einflusslos und die Religionsfreiheit in Japan gilt als sehr hoch. (Siehe dazu den Abschnitt „Der Tenno als oberster Priester des Shinto“ hier.

Die einzige große Ausnahme bleibt die islamische Welt. Zwar schließt der strenge Monotheismus des Islam aus, dass ein Staatsoberhaupt Gott oder göttlichen Ursprungs ist, aber die Trennung von religiöser Führung und Staat ist oft nicht gewährleistet. Und immerhin ist der Iran der einzige Staat der Welt, wo die politische Führung von den religiösen Führern eingesetzt und kontrolliert wird. Fachsprachlich nennt man das ‚Hierokratie‘ (‚Herrschaft der Priester‘). Via Hamas, Hisbollah und anderen Bewegungen möchte der Iran diese Idee exportieren. In vielen islamischen Ländern ist es dagegen die politische Führung, die den Islam benutzt, propagiert, ja gängelt. Und dann gibt es Länder wie Pakistan oder Afghanistan, wo man nicht mehr weiß, wer eigentlich die Strippen zieht und wer wen beherrscht: die religiösen die politischen oder die politischen die religiösen Führer.

Jedenfalls könnte die islamische Welt nun vom Dalai Lama lernen, dass religiöse Autorität und politische Macht nicht in dieselbe Hand gehören und dass der Welt mehr geholfen ist, wenn religiöse Führer ihre Macht selbst beschränken, als wenn sie ihre Ansprüche erhöhen.

Das Ende der Gottkaiser

Vor 13 Jahren schrieb ich nach eine Chinareise im Artikel „China im Umbruch“ [Ethos 8/1991: 32-37, später ähnlich in Lektion 60.12. meiner ‚Ethik‘] Folgendes:

Wenn man sich die ungeheuer großen Anlagen der Gottkaiser im Kaiserpalast in Peking, der Hauptstadt Chinas, anschaut und die vielen Tausende von chinesischen und ausländischen Touristen sieht, die staunend durch die einzelnen Bezirke schlendern, erkennt man wieder einmal mehr, wie vergänglich alle menschliche Macht ist, selbst wenn der Mensch sich zu Gott erklärt und seine Herrschaft deswegen für ewig hält. Was man einst für das Zentrum des Universums hielt (genau genommen war der Mittelpunkt des Universums die Mitte des Himmelsaltars im Himmelstempel [‚Tian Tan‘] südlich des Kaiserpalastes), wird heute von jedermann ehrfurchtslos betreten, angefasst und wie in einem Märchenbuch bestaunt. Was einst das Leben gekostet hätte, ist heute bedeutungslos.

Ob die ägyptischen Pharaonen, die römischen Kaiser oder die chinesischen Kaiser: alle wollten sie oberster Herrscher und oberster Priester in einem sein und begründeten dies damit, dass sie von den Göttern abstammten, Inkarnationen Gottes waren oder auf andere Weise am Wesen Gottes Anteil hatten. Das bedeutete die Vergottung des Staates. In aller Welt hinterließen sie die großartigsten Bauwerke, die dieses göttliche Priesterkönigtum demonstrieren sollten: Pyramiden, Triumphbögen, Paläste, Tempel und Mausoleen. Und all diese von Touristen bestaunten Prachtbauten beweisen doch zugleich, dass sie eben weder Priester des wahren Gottes waren, noch göttlichen Charakter hatten.

Die göttlichen Priesterkönige in aller Welt sind im Laufe der Jahrtausende weniger geworden und ihre Zahl ist insbesondere seit dem Auftreten des Christentums rapide zurückgegangen.

Bei der Thronbesteigung des japanischen Kaisers Akihito, des Hohenpriesters des Shintoismus, haben viele japanische Christen ihre Sorge zum Ausdruck gebracht, dass sich die Entwicklung schnell gegen die Christen und gegen den Rechtsstaat wenden kann. Sind ihre Sorgen berechtigt, obwohl sich in der Praxis noch gar nichts geändert hat? Durchaus. Jahrhundertelang begründete der japanische Kaiser seine Herrschaft damit, dass er sich bei der Inthronisierung mit einer Göttin vereinigt hatte und zugleich oberster Priester der Staatsreligion war. Er war der „Tenno“ (Gottkaiser), der Vertreter der Götter auf Erden, der Gesetze machte, aber nicht dem Gesetz unterworfen war. Als die Amerikaner Japan 1945 besiegt hatten, durfte der japanische Kaiser nur bleiben, weil er schwor, auf das Amt des Tenno zu verzichten und keinerlei religiöse Autorität mehr in Anspruch zu nehmen. Dies war die Voraussetzung, dass die neue Verfassung mehr Menschenrechte und mehr Gerechtigkeit ermöglichte. Der damalige Kaiser hat sich daran bis zu seinem Tod 45 Jahre lang gehalten. Doch zum Erschrecken vieler ließ sich sein Sohn 1990 wieder als Gott inthronisieren. Teure und aufwendige Zeremonien folgten dem uralten Ritual, dessen Mittelpunkt die nächtliche Vereinigung mit der Sonnengöttin Amaterasu ist, durch die der Kaiser angeblich erst eigentlich sein göttliches Wesen erlangt. Seine erste Amtshandlung war ein Opfer für diese Göttin. Nun droht eine erneute Gleichsetzung von Gehorsam gegenüber dem Staat und Gehorsam gegenüber der Religion des Herrschers, die ja auch in der frühen Kirche in der Auseinandersetzung mit dem römischen Kaiser viele Christen das Leben kostete. Und trotzdem nahmen auch viele Vertreter demokratischer Länder naiv an der Inthronisation teil.

Trotz dieser Beispiele kann man feststellen, dass die Zeit der göttlichen Priesterkönige vorbei ist und die wenigen Menschen, die eine solche Stellung noch für sich in Anspruch nehmen, glücklicherweise keine echte Gewalt mehr innehaben.

Thomas Schirrmacher