Thomas Schirrmacher
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GenderGaga

14. April 2015 von · 2 Kommentare 

Birgit Kelle’s Buch GenderGaga ist sehr lesenswert und wartet mit sehr, sehr vielen konkreten haarsträubenden Beispiel auf, wie enorme Gelder dafür ausgegeben werden, um die Sicht zu fördern, dass die Geschlechter Mann und Frau („Sex“) in Wirklichkeit nur anerzogene Geschlechter sind („Gender“) und es mehr als zwei davon gibt. Erfrischend, wie direkt eine Frau deutlich macht, dass es in Deutschland niemand interessiert, wenn Jungs oder Männer benachteiligt werden oder Opfer sind, etwa bei der Sterberate, in der Schule oder beim Alkoholismus. Frauen sind Opfer, wenn es sie schlimmer trifft, Männer sind selbst schuld und es scheint ihnen recht zu geschehen.

Deutlich wird dabei, was Christoph Raedel in seinem Buch Gender Mainstreaming schön heraus arbeitet, dass Gender Mainstream ein unauflösbarer Widerspruch inne wohnt. Einerseits will man beweisen, dass es mehrere Geschlechter gibt und die Unterschiede zwischen Mann und Frau sozial konstruiert sind, andererseits begründet man die Notwendigkeit von weiblichen Beauftragten in allen Behörden und vieler anderer Programme wie Frauenquoten gerade damit, dass Frauen anders sind als Männer, also etwa in Aufsichtsräten mehr Teamgeist hinein bringen.

Aus Anlass von „GenderGaga“ möchte ich auf das in meinem Blog 2010 dargestellte Beispiel eines Buches der Stadt Bonn hinweisen: „Hilft Gender Mainstream bei der Stadtplanung?

Hitler lehrt: Fundamentalisten wollen tun, was sie ankündigen, auch wenn es noch so verrückt klingt

Gastvorlesung an der Universität New York Tirana

(Bonn, 31.03.2015) Der Präsident der International Society for Human Rights und Botschafter für Menschenrechte der Weltweiten Evangelischen Allianz hat eine Gastvorlesung an der University of New York Tirana, der ersten Privatuniversität des Landes, gehalten. In seiner Vorlesung „Nazism as a political religion“ nahm Schirrmacher den Aufstieg des Nationalsozialismus als Beispiel dafür, dass viele Politiker die absurden Ziele von Fundamentalisten irrigerweise nicht ernst nähmen, sondern für rhetorische Übertreibung hielten. Noch 1933 habe etwa Theodor Heuss ein mutiges Buch gegen den Nationalsozialismus veröffentlicht, in dem er aber auf Ziele wie die Auslöschung der Juden oder Lebensraum im Bereich der Sowjetunion nicht näher einging, weil er sie für absurd und sowieso nicht umsetzbar hielt.

Thomas Schirrmacher beim albanischen Präsidenten

Thomas Schirrmacher beim albanischen Präsidenten

Wenn etwa der neue indische Ministerpräsident Narendra Modi einer Bewegung angehöre, die behauptet, Indien gehöre allein den Hindus und alle Muslime und Christen seien zwangsbekehrte Hindus, die zurückbekehrt werden müssten, nähmen das derzeit viele nicht ernst. Dabei spürten religiöse Minderheiten im ganzen Land, wie sich die Stimmung ihnen gegenüber verschlechtere und wie Gewalt von fundamentalistischen Hindus gegen Andersdenkende zunehme. Zudem würden in abgelegenen Dörfern immer häufiger Zwangsbekehrungszeremonien zum Hinduismus an Muslimen und Christen vollzogen. Wie im Falle von Erdogan würden wahrscheinlich auch bald bei Modi gerade die Medien in ein paar Jahren erstaunt fragen, wie es nur so weit kommen konnte. Und das, obwohl die dahinter stehende Ideologie und Bewegung Modis bereits 90 Jahre alt sei und seit Jahrzehnten durch die RSS, der Modi angehöre, Gewalt auf die Straße trage. Modi sei immerhin als Gouverneur des indischen Bundesstaates Gujarat 2002 in die Unruhen von Hindus gegen Muslime mit 1000-2000 Toten involviert gewesen.

Das Ziel der Islamisten, das Christentum aus dem Nahen Osten zu entfernen, habe niemand ernst genommen bevor die – von Experten als Folge des Golfkrieges angekündigte – gewaltsame Massenvertreibung von Christen im Irak begann. Man sagte, dass eine Vertreibung in Ländern mit Hunderttausenden oder gar Millionen von Christen gar nicht möglich sei. Dann kam die Vertreibung im Irak, es folgte die Tragödie in Syrien. „In Ägypten sind wir gerade noch eben so an einer Massenvertreibung oder -auswanderung von koptischen Christen vorbeigeschrammt“, so der Religionssoziologe.

Thomas Schirrmacher während der Gastvorlesung in Tirana

Thomas Schirrmacher während der Gastvorlesung in Tirana

Der Gastvorlesung war ein Empfang beim Präsidenten von Albanien, ein Empfang beim Oberbürgermeister von Tirana und ein Empfang bei der Universitätsleitung vorausgegangen. Außerdem traf Schirrmacher das Oberhaupt der Albanisch-Orthodoxen Kirche, Erzbischof Anastasios, den katholischen Nuntius, Erzbischof Ramiro Moliner Inglés, und den Generalsekretär der Evangelischen Allianz, Pfarrer Akil Pano.

Anschließend hielt Schirrmacher einen Vortrag zum Thema „Woher stammen die Menschenrechte“ im Historischen Nationalmuseum, dem größten Museum des Landes an der Nordwestseite des zentralen Skanderberg-Platzes, berühmt durch sein realsozialistisches Arbeiter-Mosaik an der Stirnseite. Der Vortrag fand im Zusammenhang mit einer Mitgliederversammlung der Albanischen Sektion der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte statt.

 
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  • Bild 1: Thomas Schirrmacher während der Gastvorlesung in Tirana
  • Bild 2: Thomas Schirrmacher beim albanischen Präsidenten

Religion und Politik in einer freien Gesellschaft

Hanns Seidel Stiftung(Bonn, 26.03.2015) Seit den Terroranschlägen in Paris zu Beginn des Jahres sind die Begriffe Integration und Identität, demokratische Grundwerte und Religion sowie religiöser Fundamentalismus und Gewalt zunehmend in den Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion gerückt. Im Rahmen einer gemeinsam von der Robert Schuman Stiftung, dem Forum Brussels International und der Hanns-Seidel-Stiftung in Brüssel am 19. März 2015 organisierten Diskussionsrunde analysierte der deutsche Religionswissenschaftler und -soziologe Prof. Dr. mult. Thomas Schirrmacher, wie Fundamentalismus entsteht.
Fondation Robert SchumanDr. Khalid Hajji, Buchautor und Generalsekretär des Conseil Européen des Ouléma Marocains, ging auf Aspekte und Konsequenzen von Gewalt und Radikalisierung im postmodernen europäischen Migrationskontext ein. Einen Überblick über Beiträge der europäischen Institutionen zur Bekämpfung von Extremismus präsentierte Katharina von Schnurbein, Koordinatorin für den Dialog mit Religionen und Weltanschauungen in der Europäischen Kommission, während Prof. Agdurrahman Mas’ud, Generaldirektor im Ministerium für religiöse Angelegenheiten der Republik Indonesien, über die Erfahrungen seines Landes mit fundamentalistischen Bewegungen berichtete. Moderiert wurde die Diskussionsrunde durch die Brüssel-Korrespondentin des Evangelischen Pressedienstes (epd) Isabel Guzmán.

Grundlagen für die Bekämpfung von religionsbasierter Gewalt

BQ347_2Prof. Schirrmacher identifizierte Intoleranz und absoluten Wahrheitsanspruch, gepaart mit der Bereitschaft, diesen auch unter Anwendung von physischer oder psychischer Gewalt durchzusetzen, als Hauptursachen von gewalttätigem Fundamentalismus. Nicht die Religion sei das Kernproblem, sondern die Tendenz, Gewalt als Mittel zur Umsetzung von Zielen zu nutzen, anstatt durch Argumente zu überzeugen. Die frühzeitige Erkennung einer solchen Tendenz sei auch Aufgabe der Individuen in ihrer jeweiligen Gemeinschaft. Eine unmittelbare und unmissverständliche Reaktion innerhalb der jeweiligen Glaubensgemeinschaft sei erforderlich, um ihre Werte zu wahren und ihre Glaubwürdigkeit wiederherzustellen. Für Dr. Hajji ist der Kampf gegen politischen Radikalismus nicht weniger unverzichtbar als der Kampf gegen religiösen Radikalismus. Die Gefahr für Europa bestehe aktuell darin, dass beide Arten von Radikalismus sich gegenseitig einen Nährboden gäben. Die Panelteilnehmer waren sich darin einig, dass mit der Gewährleistung von Religionsfreiheit und anderen Menschenrechten sowie mit der Zusammenarbeit und dem friedvollen Austausch unter den Glaubensgemeinschaften ein wichtiger Beitrag zur Bekämpfung von militantem Fundamentalismus geleistet werden könne. Auch wenn die europäischen Institutionen keine Zuständigkeiten für diese Bereiche hätten, agierten sie als Katalysatoren und böten hierzu eine Plattform. Von Schnurbein erläuterte den holistischen Ansatz der Kommission, zu dem auch das „Radicalization Awareness Network“ (RAN) sowie ein Arbeitspapier zum Schutz von Opfern von Extremismus und Verbrechen aus Hass gehören, welches im November 2015 vorgelegt werden solle. Laut Prof. Mas’ud haben sich aus Indonesien nur etwa 500 „Foreign Fighters“ den islamistischen Terrormilizen angeschlossen. Das sei wenig im Vergleich zu Europa und in Relation zu den 200 Mio. Indonesiern, davon 87% Muslime. Mas’ud führte diese Tatsache darauf zurück, dass die Prinzipien von Toleranz, Mitgefühl und Nächstenliebe fest in der indonesischen Wertegesellschaft verankert seien und von einer starken zivilgesellschaftlichen Organisationskultur getragen und vermittelt würden.

Die Identität europäischer Muslime und die Rolle der Imame

Als einen der Auslöser für die wachsende Sympathie junger europäischer Muslime für den Islamismus nannte Dr. Hajji das fehlende Identifikationsmodell. Der Islamismus böte die Möglichkeit, eine eigene, sich an der islamischen Ursprünglichkeit orientierende Identität zu finden, die unsere postmoderne Gesellschaft den Muslimen nicht bieten könne. Dieser Islamismus entspringe zwar ihrer Phantasiewelt und nicht der Realität, doch böte er in einer Zeit, in der sich die Öffentlichkeit vermehrt auf Kommunikation und Wirkung, nicht aber auf Sinn und Bedeutung konzentriere, eine vermeintliche Orientierung. Hierzu werde einerseits die Notwendigkeit eines muslimischen Staates propagiert, in dem die Muslime den puritanischen Traum vom „unberührten Neuland“ verwirklichen könnten, und gleichermaßen gezielt jegliche Hoffnung zerstört, dass Muslime auch in einem nicht-muslimischen Staat eine akzeptable Zukunft hätten. Dieser Prozess finde in neuen, zum Teil unbekannten und virtuellen Räumen statt. Gefährdete Jugendliche würden sich von ihrer vertrauten Umgebung abwenden, was jegliches Eingreifen erschwere, so Dr. Hajji. Die Rolle von Imamen sei traditionell auf die Begleitung des Gebets ausgerichtet, und eine Beteiligung am öffentlichen Diskurs bilde die Ausnahme. Im Kontext der aktuellen Entwicklungen wäre eine angemessene Qualifizierung für Imame sicher wünschenswert, jedoch sei ein europäischer Bildungshintergrund noch keine Garantie für die Wahrung europäischer Werte, wie die Erfahrungen zeigten.

Religiöser Nationalismus

BQ347_3Prof. Schirrmacher berichtete über eine weltweit zunehmende und gefährliche Tendenz zu religiösem Nationalismus, der Nationalismus mit der Zugehörigkeit zur Mehrheitsreligion gleichsetze. Religion werde dazu missbraucht, politische Identifikationsmerkmale zu schaffen und andere Gruppen auszugrenzen. Hauptproblem sei die damit verbundene abnehmende Toleranz gegenüber religiösen Minderheiten. Als Beispiele nannte der Religionswissenschaftler Entwicklungen in Indien, wo die in der indischen Verfassung garantierte Gleichbehandlung aller Religionen durch die Regierungspartei Bharatiya Janata Party infrage gestellt werde, und die Türkei, die sich fortschreitend von ihren laizistischen Grundwerten entferne.

Quelle: http://www.hss.de/internationale-arbeit/themen/themen-2015/religion-und-politik-in-einer-freien-gesellschaft.html

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Schirrmacher fordert in einem offenen Brief seinen Kollegen Geldbach auf, zur ökumenischen Gesprächskultur des 21. Jahrhunderts aufzuschließen

(Bonner Querschnitte, 21.03.2015) Der Vorsitzende der Theologischen Kommission der Weltweiten Evangelischen Allianz, Thomas Schirrmacher, hat seinen Kollegen, den Bochumer baptistischen Konfessionskundler Erich Geldbach, in einem offenen Brief aufgefordert, Begriffe wie ‚Erzfeinde‘ aus der Sprache der ökumenischen Beziehungen zu verbannen und sich intensiv mit den Mitgliedskirchen der Weltweiten Evangelischen Allianz im Globalen Süden vertraut zu machen.

Geldbach hatte auf einem evangelikalen Symposium in Marburg am 14.3.2015 ein sehr negatives Bild der Weltweiten Evangelischen Allianz gezeichnet und Schirrmacher als „strengen Fundamentalisten“ bezeichnet. Zudem warf er ihm vor, keinerlei Expertise in Sachen Religionsfreiheit und Menschenrechte erkennen gelassen zu haben, aber wohlklingende Titel zu führen.

Schirrmachers offener Brief schließt mit den Worten: „Lieber Herr Kollege, bitte beenden Sie Ihre ad-personam-Argumentationen und verunglimpfenden Äußerungen über andere weltweite christliche Bewegungen und klinken Sie sich in die theologische Gesprächskultur des 21. Jahrhunderts ein. Unsere unruhige Welt braucht ein aufeinander Zugehen aller Christen, kein auseinander Gehen.“

Wir dokumentieren hier den Offenen Brief. (Der Offene Brief als PDF zum herunterladen.)

Offener Brief

Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Geldbach, lieber Kollege,

Sie haben in Ihrem Vortrag „Sind Baptisten Evangelikale?“ auf einer evangelikalen Studientagung in Marburg am 14.3.2015 einen tiefen Graben zwischen Evangelikalen und anderen Christen ausmachen oder sogar aufreißen wollen.

Sie verwenden, wenn auch anderen in den Mund gelegt, das Wort „Erzfeinde“ für andersdenkende globale Ströme der Christenheit. Ich glaube, dass diese Art der Auseinandersetzung sicher im 20. Jh. verbreitet war, aber nicht mehr zu den weltweiten Beziehungen der großen Ströme der Christenheit im 21. Jh. passt. Sie verwerfen die Weltweite Evangelische Allianz (WEA), weil sie Ihrer Meinung nach unmöglich theologisch einig sein könne (statt nach der globalen Realität zu fragen), und loben den Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK), weil er auf Einheit aus sei. Nun hat gerade der ÖRK große innere Schwierigkeiten mit der Einbindung etlicher konservativer werdender orthodoxer Kirchen, während die WEA verhältnismäßig geschlossen da steht. Aber wie dem auch sei: Wir brauchen Theologen, die auf echte Einheit hinarbeiten, und wo sie nicht möglich ist, auf sachlich gediegene Gespräche über die Unterschiede, nicht aber Theologen, die Einheit bedauern oder dem ‚Feind‘ nicht gönnen.

Ich bin auch enttäuscht, dass Sie sich als Konfessionskundler nicht näher mit der WEA befasst haben, sondern im Vorraum der Verurteilung stehen bleiben, zudem einen völlig veralteten Sachstand zugrunde legen und die Auseinandersetzung mit der WEA oder mir nicht inhaltlich, sondern ausschließlich ad personam (und dazu noch mit falschen Daten) führen. Bei aller unterschiedlichen theologischen Ausrichtung: Eine Stellungnahme etwa zu meiner theologischen Herleitung der Menschenrechte oder zu meinem religionssoziologischen Buch gegen den Fundamentalismus mit dem Titel „Fundamentalismus: Wenn Religion zu Gewalt wird“ wäre angemessener und hilfreicher gewesen.

Ich biete Ihnen ein in der Sache kontroverses, aber im wissenschaftlichen Umgang sachliches und im persönlichen Ton freundliches Gespräch an. Ich glaube, dass sich das so im ökumenischen Bereich weltweit überwiegend durchgesetzt hat und Ihre Herangehensweise, zumindest was die offiziellen Kirchenvertreter der Welt angeht, der Vergangenheit angehört.

Lieber Herr Kollege, bitte beenden Sie Ihre ad-personam-Argumentationen und verunglimpfenden Äußerungen über andere weltweite christliche Bewegungen und klinken Sie sich in die theologische Gesprächskultur des 21. Jahrhunderts ein. Unsere unruhige Welt braucht ein aufeinander Zugehen aller Christen, kein auseinander Gehen.

Ihr

(gez.) Thomas Schirrmacher

Noch einige Anmerkungen zu einigen Details Ihres Vortrages in Marburg vom 14.3.2015 (Ihre Ausführungen werden kursiv wiedergegeben).

1. Zur Weltweiten Evangelischen Allianz

In Ihrer sehr scharfen, ja stark verunglimpfenden Kritik der Weltweiten Evangelischen Allianz erfährt der Zuhörer eigentlich nichts über die Millionen von Christen oder das Wirken der WEA. Ihr Hauptargument ist vielmehr, dass ein so breit aufgestelltes Netzwerk unmöglich zusammenhalten könne. Sicher, wenn man Theologie – wie Sie es leider tun – vor allem als Kampfansage praktiziert bzw. versteht, mag das stimmen, in der Realität aber halten wir seit 1846 zusammen. Ich wünschte, Sie würden z. B. unseren Generalsekretär, Bischof Efraim Tendero aus den Philippinen, einmal persönlich kennenlernen, dann würden Sie das sicher eher verstehen. Dies gilt umso mehr, als heute die große Masse der von Ihnen verunglimpften Christen und Kirchen im Globalen Süden lebt. Wenn ein solcher Zusammenhalt nicht denkbar ist, wie erklären Sie sich dann die Existenz des ÖRK, der doch eine noch viel größere theologische Bandbreite unter einem Dach versammelt?

„Wenn man das Glaubensbekenntnis der Weltweiten Evangelischen Allianz betrachtet, … dann fällt auf, dass das Glaubensbekenntnis im Artikel über die Bibel das fundamentalistische Erkennungsmerkmal ‚inerrancy‘ = Irrtumslosigkeit vermeidet, aber dennoch eine sehr enge Definition gibt, die wenig Spielraum für eine Erforschung der Hl. Schrift lässt. Die Bibel sei ‚ursprünglich von Gott gegeben‘: was bedeutet ‚ursprünglich‘? Sie sei ‚göttlich inspiriert‘ und ‚unfehlbar‘ und deshalb ‚vollkommen vertrauenswürdig‘. Gleiche Fragen stellen sich im Blick auf christologische Aussagen (Jungfrauengeburt, göttliche Wunder, stellvertretender Sühnetod Jesu, körperliche Auferstehung, persönliche Wiederkehr in Macht und Herrlichkeit). Halten sich alle Evangelikale daran?“

An dieser Stelle bekommt der Zuhörer zumindest einen kleinen Eindruck einiger, zweifelsfrei grundlegender theologischer Überzeugungen evangelikaler Christen. Gleichzeitig ist erstaunlich, wie Sie sich als Baptist offenbar selbst mit den klassischen Eckdaten der Christologie des historischen Christentums schwertun. Irgendwelches evangelikales „Sondergut“ sind diese Überzeugungen ja aber keineswegs. Sie fragen: „Halten sich alle Evangelikale daran?“ Ich möchte fast die Gegenfrage stellen: „Sind das für Baptisten etwa außergewöhnliche oder gar problematische Überzeugungen?“ Im Übrigen teilen wir genau diese Dinge mit unseren katholischen Gesprächspartnern, und auch im Bereich des ÖRK gibt es doch nur noch eine Minderheit, die das in Frage stellen würde. „Wenig Spielraum für eine Erforschung der Hl. Schrift“? Wie viele der Hunderte von Dissertationen zu AT, NT und Archäologie im Raum evangelikaler Hochschulen besonders in Asien haben Sie denn angeschaut? Wie viele der wissenschaftlichen Kommentarreihen zur gesamten Bibel? Oder sprechen sie von der Situation von vor 50 Jahren?

„Kann ‚evangelikal‘ wirklich das Verbindende der so völlig unterschiedlichen Organisationen sein oder wird hier von einigen ‚power broker‘ eine Machtbasis behauptet, von der man umso einfacher die sozial und theologisch konservative oder gar reaktionäre Tagesordnung durchsetzen kann?“

Hier zeigt sich einmal mehr, dass Sie offenbar keine konkrete Verbindung zum globalen Christentum und seinen ökumenischen Beziehungen oder zur Realität der globalen Mitglieder der Weltweiten Evangelischen Allianz haben. Alle 129 nationalen Allianzen haben Stimmrecht und Einfluss – dank einer typisch evangelikal sehr flachen Leitungsstruktur, in der die Leitung keine Weisungsberechtigung gegenüber den Mitgliedern hat. Wie sollen wir denn da etwas durchsetzen? Glauben Sie etwa, die sehr gut organisierte Asia Theological Association (ATA), der Dutzende von führenden großen theologischen Seminaren Asiens mit weit über Tausend Theologieprofessoren angehören, lasse sich von mir als deutschem Theologen für politische Zwecke benutzen oder Vorschriften machen, nur weil ich Vorsitzender der Theologischen Kommission der WEA bin?

Ich bin selbst oft genug Kritiker evangelikaler Strömungen oder Denkweisungen und setze die ‚Selbstkritik‘ in meinen Veröffentlichungen oft an die erste Stelle. Aber das, was Sie schreiben, haben unsere Mitgliedskirchen (und in ca. 120 Ländern ist die Allianz ein reiner Zusammenschluss von Kirchen) wirklich nicht verdient, in solcher Pauschalität schon gar nicht.

Ich lade Sie herzlich ein, die Kirchen des Globalen Südens unserer Allianz zu besuchen und sich selbst ein Bild zu machen. Ich glaube nämlich, dass es die Welt, die Sie skizzieren und verdammen, gar nicht mehr oder nur noch als Ausnahmen gibt.

2. Zu meiner Person

Sie wählen sodann meine Person als Zielscheibe. Natürlich erfährt der Zuhörer eigentlich nichts über mich, meine Theologie, mein Wirken – es sind nur ad-personam-Argumente. Trotzdem möchte ich kurz auf sie eingehen.

In Bezug auf die FTH Gießen (deren Namen Sie nicht einmal vollständig nennen) sagen Sie zu meiner Person: „… und manchmal als Lehrer aufgeführt wird, dann wieder nicht (derzeit nicht auf der website) …“

Sie schaffen es irgendwie, die normalsten Dinge so zu formulieren, dass sie negativ klingen. Ich war noch nie etwas Anderes als Gastdozent bzw. „außerplanmäßiger“ Dozent an der Freien Theologischen Hochschule Gießen, ich wohne seit 1982 in Bonn. Ich war Gastdozent an der FTA/FTH 1983 – 1989 und 2000 – 2013. Von daher ist es nur logisch, dass ich jetzt nicht mehr auf der Webseite zu finden bin.

„… firmiert aber jetzt als ‚Exekutivdirektor des Internationalen Instituts für Religionsfreiheit‘, als ‚Vorsitzender der Theologischen Kommission‘ und als ‚Botschafter für Menschenrechte‘ der Weltweiten Evangelischen Allianz, obwohl er zuvor keine Expertise auf den Gebieten der Menschenrechte und der Religionsfreiheit erkennen ließ“.

Schon das „jetzt“ ist falsch, ich wirke in Gremien der Allianz seit meinem Studium mit, seit 1999 bin ich in Leitungsgremien der WEA tätig. Auch „firmiere“ ich nicht nur unter bestimmten Titeln, es handelt sich jeweils um eigene Institutionen und Wahlämter mit Budgets, Büros, Mitarbeitern usw. Unabhängig von der Frage, warum eigentlich jeder Satz bei Ihnen so abschätzig klingen muss: Keine Expertise in Sachen Religionsfreiheit und Menschenrechte?? Da habe ich doch etwas geschmunzelt. Denn das Gegenteil ist der Fall: Vermutlich habe ich zu keinem Thema mehr Expertise. Ich bin Präsident des Internationalen Rates der International Society for Human Rights, ein Wahlamt. Was meinen Sie, wie ich dorthin gekommen bin? Ich habe gut zwei Dutzend Bücher zum Thema Menschenrechte und Religionsfreiheit auf dem Markt. Die Tageszeitung die WELT nennt mich einen der drei führenden Experten zur Religionsfreiheit weltweit. Papst, Ökumenischer Patriarch, EU-Parlament, Bundestag u. a. suchen meinen Rat in Sachen Christenverfolgung und Menschenhandel. Und das wollen Sie alles nicht mitbekommen haben?

Meine älteste kleine Veröffentlichung zum Thema Menschenrechte stammt von 1985, ein Strom von Veröffentlichungen beginnt mit meiner Darstellung des Menschenrechtsgedankens in der Zeitschrift der Russischen Akademie der Wissenschaften und des Russischen Lehrerverbandes 1997. Auf dem Markt sind z. B. die eher populär ausgerichteten Bücher wie „Unterdrückte Frauen“, „Menschenhandel“, „Rassismus“, „Menschenrechte“, „Korruption“, „Die neue Unterschicht“, zum Teil in mehrere Sprachen übersetzt. Dann sind über die Jahre eine ganze Reihe an Artikeln in verschiedenen Fachpublikationen erschienen (z. B. in „Politik und Zeitgeschichte“, Beilage zu „Das Parlament“ der Bundeszentrale für politische Bildung). Und nicht zu vergessen wäre auch das seit eineinhalb Jahrzehnten herausgegebene Jahrbuch zur Christenverfolgung heute (seit 2014 geteilt in ein „Jahrbuch Diskriminierung und Verfolgung von Christen heute“ und ein „Jahrbuch Religionsfreiheit“), das nicht zuletzt auch im politischen Berlin regelmäßig gelesen und zitiert wird.

Sie sagen, ich hätte „eine Reihe von nicht-akkreditierten Instituten gegründet“.

Ich vermute einmal, dass Sie damit meinen, ich hätte Hochschulen gegründet, denn Akkreditierung gibt es ja nur im Hochschulbereich. Das habe ich aber nie. Falls Sie das „Martin Bucer Seminar“ meinen, so steht ausdrücklich überall, auch im Impressum, dass wir keine Hochschule sind, sondern lediglich in verschiedenen Ländern Kurse durchführen, die von Hochschulen angerechnet werden, wodurch es möglich ist, dass Studenten dort auch akkreditierte Abschlüsse bekommen können. Sollten Sie aber doch Institute außerhalb von Hochschulen meinen, verweise ich darauf, dass das „Internationale Institut für Religionsfreiheit“ (IIRF), die ‚Gründung‘, mit der ich am ehesten identifiziert werde, ein Netzwerk von Dutzenden von Lehrstühlen an akkreditierten Hochschulen auf allen Kontinenten ist (die geografisch nächsten sind die Universitäten in Tübingen und Löwen) und die von mir mit herausgegebene Fachzeitschrift „International Journal for Religious Freedom“ in Südafrika staatlich akkreditiert ist. Unsere Experten und ich selbst haben in vielen Parlamenten weltweit als Gutachter gewirkt usw.

Sie verbinden mit Fundamentalismus, dass man sich nicht der sozialen Umwelt zuwende, wie es der Neo-Evangelikalismus tue, und nennen mich dann Fundamentalist.

Hierzu verweise ich der Einfachheit halber noch einmal auf meine Bücher: „Unterdrückte Frauen“, „Menschenhandel“, „Rassismus“, „Menschenrechte“, „Korruption“, „Die neue Unterschicht“, „Der Kampf gegen die Armut: Auftrag der Evangelischen Allianz“ und viele mehr. Ich versichere Ihnen, dass ich mein Bestes gebe, um mich in vielen, gerade auch gesellschaftlich sehr relevanten ethischen Fragen gegen das Übel in der Welt und für Gerechtigkeit einzusetzen. Darf ich fragen, wie in den genannten oder ähnlichen Bereichen Ihr konkretes Engagement aussieht?

„Als strenger Fundamentalist hat er mit Vertretern des Päpstlichen Rates für den Internreligiösen Dialog und Vertretern des Ökumenischen Rates der Kirchen ein Dokument ‚Das christliche Zeugnis in einer multi-religiösen Welt‘ mit erarbeitet. Es ist erstaunlich, dass ein strenger Fundamentalist sich auf römisch-katholische Gesprächspartner und auf Vertreter des ÖRK einlässt. Beide gelten im Fundamentalismus eigentlich als ‚Erzfeinde‘.“

Ich bin also für sie nicht nur Fundamentalist (und das ist für sie offensichtlich ja eine sehr abwertende Zuschreibung), sondern zweimal sogar „strenger Fundamentalist“. Was das heißt und worin das zum Ausdruck kommt, führen Sie nicht an, es geht Ihnen ja offenbar auch nicht um eine gediegene theologische Auseinandersetzung. Im Übrigen bin ich an vielen globalen theologischen Gesprächsplattformen beteiligt. So bin ich beratendes berufenes Mitglied für die WEA bei ‚Faith & Order‘, der Theologischen Kommission des ÖRK und bekanntlich der einzige Zweig des ÖRK, dem auch die Katholische Kirche angehört. Und wenn es zu dem oben angebotenen Gespräch zwischen uns kommt, kann ich Ihnen nicht zuletzt gern erzählen, was ich bei insgesamt fünf persönlichen, z. T. recht ausführlichen Begegnungen mit Papst Franziskus diskutiert habe. Oder wie wäre es mit einem Austausch über meine Begegnungen mit dem Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel oder dem Koptischen Papst oder anderen Kirchenführern v. a. im Nahen Osten? Überall begegnet mir Freundlichkeit und Bereitschaft, bei der sachlichen Darlegung kontroverser Positionen auch meine Sicht in Ruhe anzuhören.

Nun zum genannten Dokument: Bei Ihnen klingt es, als wenn man das Dokument nur ungern anfasst. Tatsächlich ist das in fünf intensiven Jahren erarbeitete Dokument eines der erfolgreichsten ökumenischen Dokumente, das es je gab, wie ich jüngst zum Jubiläum in der Zeitschrift des Ökumenischen Rates „Current Dialog“ belegte, und auch in Deutschland fester Bestandteil der kirchlichen und theologischen Landschaft, wie die Internationale Fachtagung „MissionRespekt“ in Berlin im August letzten Jahres zeigt, an der erstmals alle klassischen Kirchen und Freikirchen in Deutschland – eingeladen von ACK und DEA – zusammengewirkt haben. Damit hat das, was auf internationaler Ebene erreicht wurde, auch Deutschland unwiderruflich erreicht.

Übrigens arbeiten die drei großen christlichen Ströme längst sowohl offiziell zusammen als auch haben sie gemeinsam die Plattform ‚Global Christian Forum‘ gegründet, die erfolgreich global und regional Gespräche und Konferenzen organisiert, derzeit etwa zum Thema Religionsfreiheit und zum schwierigen Thema Proselytismus, wo ich jeweils die WEA vertrete.

Schließlich, da sie den Eindruck erwecken, Evangelikale hätten noch nie ernsthaft mit der katholischen Kirche geredet: Meine ältesten ‚Gehversuche‘ aus dem Bereich stammen aus dem „Evangelical-Roman Catholic Dialogue on Mission“ 1977 – 1984, der von unserer Seite von John Stott angeführt wurde und dessen Ergebnisse ich ins Deutsche übersetzt habe.

Lieber Herr Geldbach, ich wünsche mir, dass Sie als Christ das Vokabular „Erzfeind“ aus Ihrem Vokabular streichen, auch aus dem, was Sie anderen in den Mund legen, und Ihr großes Wissen über andere Kirchen als Konfessionskundler dazu nutzen, ernsthafte Gespräche über Gemeinsamkeiten und Unterschiede aller Kirchen weltweit zu fördern und den gemeinsamen Kampf aller Kirchen gegen Übel wie Menschenhandel und Korruption zu unterstützen.

Nach Zahl der beteiligten Länder übertrifft der Krieg zwischen Islamisten und dem Rest der Welt längst den 2. Weltkrieg

18. März 2015 von · 1 Kommentar 

In Thailand werden Polizeistationen von Islamisten überfallen, in Mali die Regierung vorübergehend von ihnen gestürzt, der Jemen ist dank Islamisten unregierbar. In Syrien werden japanische Geiseln getötet und ein jordanischer Pilot bei lebendigem Leib verbrannt. Boko Haram kämpft nicht nur in Nigeria, sondern beschäftigt inzwischen auch fast alle Nachbarländer. Niger, Tschad, Kamerun und Benin wollen gemeinsam Boko Haram bekämpfen. Jordanien, Türkei und der Libanon haben bereits Flüchtlinge in Millionenhöhe aufgenommen und versuchen verzweifelt zu verhindern, dass IS ihre Länder angreift und sie in den Konflikt mit hineingezogen werden. Die Türkei wandert Richtung Islamismus und unterstützt Islamisten in Syrien, eine Diktatur wie Usbekistan und eine Demokratie wie Albanien versuchen recht erfolgreich, den Einfluss der Islamisten aus dem Land zu halten. Bürger von fast 100 Ländern der Erde kämpfen als islamistische Terroristen in Syrien, Irak oder an anderen Krisenherden wie Mali, Jemen oder Afghanistan. In Gegenzug bekämpfen 60 Staaten der Erde direkt oder indirekt IS(IS) in Syrien/Irak. Juden in zahlreichen Ländern fragen sich wegen islamistischen Terrors, ob sie nach Israel auswandern sollten, besonders jüngst in Frankreich und Dänemark nach den Anschlägen in Paris und Kopenhagen.

Ich könnte beliebig weiter machen. Kaum ein Land der Erde, auf jeden Fall kein Kontinent, bleibt vom islamistischen Terror verschont. (Am wenigsten sind noch Australien und Lateinamerika betroffen, aber außen vor sind sie auch nicht.)

Die Islamisten, so uneins sie auch untereinander sein mögen, führen einen Krieg gegen die ganze Welt, kurz einen ‚Weltkrieg‘. Oder anders gesagt, der ‚Weltkrieg‘ der Islamisten betrifft mehr Staaten der Erde als jeder Weltkrieg zuvor. Nur die Zahl der Opfer ist bisher niedriger als die Zahl der Opfer des 2. und auch des 1. Weltkrieges.

Das bedeutet zweierlei:

1. Das Problem der islamistischen Gewalt ist nicht zu lösen, wenn jedes Land der Erde das Problem nur national in den eigenen Grenzen lösen will. Wir brauchen eine länderübergreifende Strategie aller Staaten – wobei natürlich die Staaten ein besonderes Problem darstellen, die selbst heimlich oder offen islamistisch ausgerichtet sind oder den Islamismus fördern. Alle Staaten, die ein Islamismus-Problem haben, müssen in dieser Frage ihre Unterschiede und Meinungsverschiedenheiten hinten anstellen.

2. Das Problem der islamistischen Gewalt ist nicht zu lösen, wenn man für jedes Land, das durch den Islamismus unregierbar geworden ist, wie Jemen, Afghanistan, Libyen, Irak oder Syrien, alleine eine nationale Lösung sucht, was ähnlich auch für vom Islamismus mitbestimmten Staaten wie Iran, Saudi Arabien oder Pakistan gilt.

Die Welt braucht eine gemeinsame globale Strategie gegen die globale Bedrohung durch die größte terroristische Bedrohung und Bewegung, die die Welt je gesehen hat, den islamistischen Terrorismus.

Thomas Schirrmacher