Thomas Schirrmacher
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Nach Edinburgh und Tokio: Soldaten-als-Märtyrer-Verehrung in Ottawa

19. Oktober 2014 von · Schreiben Sie einen Kommentar 

2011 beschrieb ich in zwei langen Blogeinträgen meine Forschungen und Meinung zur religiösen Märtyrer-Verehrung von im Zweiten Weltkrieg gefallenen Soldaten in Edinburgh und Tokio. Auf meinen Reisen stoße ich immer wieder auf ähnliche Phänomene, so jüngst beim Antrittsbesuch beim Botschafter für Religionsfreiheit der kanadischen Regierung, als ich den Friedensturm des kanadischen Parlaments bestieg.

Auch hier Bibelverse, betende Engel (Foto 1), christliche Märtyrersprache für gefallene Soldaten. In der Mitte das goldene Buch mit den Namen der Gefallenen des Ersten Weltkrieges auf einem Altar, drapiert wie eine Bibel (Foto 2). Und an allen vier Ecken beten Engeln in Richtung Buch. Über allem thront Christus als Weltenrichter.

1 Engel Altar Memorial Chamber Parlament Ottawa

Foto 1

Foto 2

Foto 2

Der 92 Meter hohe Friedensturm („Tower of Victory and Peace“, „Tour de la Victoire et de la Pax“), ein Glocken- und Uhrturm im Zentrum der langen Fassade des kanadischen Parlaments (Foto 3 + 4), wurde 1927 in die Mitte des kanadischen Parlaments gestellt, dass 1916–1920 nach einem Brand des Vorgängerbaus neu errichtet worden war.

3 Turm Parlament Ottawa

Foto 3

Foto 4

Foto 4

Der Turm wurde auch zum Gedächtnis der im 1. Weltkrieg gefallenen oder gestorbenen Kanadier erbaut. Deswegen befindet sich darin eine 7,3 m x 7,3 m große „Memorial Chamber“ (Foto 5) mit bunten Bleiglasfenstern wie in einer Kirche.

Foto 5

Foto 5

Foto 6

Foto 6

Im Zentrum dieser ‚Kapelle‘ steht ein Altar (Foto 6), auf dem ein Goldenes Buch mit den Namen von 66.655 gefallenen kanadischen Soldaten des 1. Weltkrieges liegt, bewacht von vier betenden Engeln an den Ecken des Altars (Foto 1). Der Altar heißt „The Altar of Remembrance“. Die Webseite der Memorial Chamber führt aus: „The inscription along the circumference of the upper section of the altar is from John Bunyan’s ‚The Pilgrim’s Progress from this World to that Which is to Come‘ whose character Mr. Valiant-for-Truth states: ‚My marks and scars I carry with me, to be a witness for me that I have fought His battles, who now will be my Rewarder; so he passed over, and all the trumpets sounded for him on the other side‘.“

Etwas versetzt über dem Altar hängt wie in einer Kirche ein künstlerisch gestaltetes Kreuz, unter dem man durchschreitet, wenn man die Kapelle betritt (Foto 7 + 8).

Foto 7

Foto 7

Foto 8

Foto 8

In dem Goldenen Buch (Foto 2) und sechs anderen Büchern des Raumes, die auf sechs kleineren an der Wand im Halbkreis angeordneten Altären liegen, sind alle Angehörigen von Armee, Luftwaffe und Flotte der kanadischen Streitkräfte von 1867 bis heute namentlich aufgelistet, die in auswärtigen Kriegen starben, also vor und seit der Unabhängigkeit Kanadas 1931. Dazu gehören Nilexpeditionen ebenso wie der Koreakrieg. Seit 1942 wird jeden Morgen um 11 Uhr in einer Zeremonie jedes Buch eine Seite weiter geblättert. An der Zeremonie können jeweils nur 5 Zivilisten teilnehmen. Außerdem wird an alle Tiere erinnert, die im Dienst der Krone starben, Pferde, Hunde, Tauben usw. Im Zentrum des Raumes stehen aber die kanadischen Gefallenen des Ersten Weltkrieges.

Dann gibt es noch „The Recording Angel“, ein Engel, der die Namen derer aufschreibt, die ihr Leben für ihr Land geopfert haben.

Foto 9

Foto 9

Das wichtigste Fenster des Raumes gegenüber dem Zugang wird „The Assembly of Remembrance“ genannt (Foto 9). Es stellt dar, wie Heilige und Krieger die Namen der Gefallenen erfassen und bewachen. Die Webseite erläutert: „The upper figures are of St. Michael (warrior angel), St. George (patron saint of England), Justice and Joan of Arc (representing French Canada). The lower figures are of Roman and medieval military figures standing guard over the Chamber. Canada is represented by a heroic female in armour holding a wreath of victory; motherhood is represented by a further female figure; First Nations peoples are represented by a native warrior.“

Die Sprüche und Verse in den anderen Fenstern stammen etwa zur Hälfte aus der Bibel, nämlich folgende:

  • „Thanks be to God who gives us the victory“ (aus 1. Korinther 15,57)
  • „Faith unto Death“ und „Acquit Ye like men be strong“ (beide aus 1. Korinther 16,13)
  • „He makes wars to cease“ (aus Psalm 46,9)
  • „Judgement shall return to righteousness“ (Psalm 94,15)

Links:

Jahrbuch Religionsfreiheit 2014 und Jahrbuch Verfolgung und Diskriminierung von Christen 2014 erschienen

16. Oktober 2014 von · Schreiben Sie einen Kommentar 

2014JBChristenverfolgung(Bonn, 14.10.2014) Jahr für Jahr, Monat für Monat wird die Bedeutung des Einsatzes für Religionsfreiheit und speziell gegen die Diskriminierung und Verfolgung von Christen in bedrückender Weise aktueller. In den letzten Monaten bestimmte das Thema zunehmend die Weltpolitik mit und beherrschte die Medien. Um so wichtiger sind substanzielle Information, Forschung, Berichte Betroffener und grundsätzliche Reflexionen.

2014 wird deswegen das frühere Jahrbuch „Märtyrer“ erstmals in zwei Jahrbücher geteilt, das „Jahrbuch Verfolgung und Diskriminierung von Christen“ (so seit 2013) und das neue „Jahrbuch Religionsfreiheit“, das sich der Geschichte der Begründung der Religionsfreiheit und der Unterdrückung aller Religionen widmet. Dadurch gewinnen wir mehr Raum für grundlegende Beiträge.

Neben größeren Länderberichten etwa zu Nigeria, Malaysia oder Tansania findet sich der jährliche Weltüberblick von Max Klingberg (IGFM) und die ausführliche Version des Weltverfolgungsindex von Open Doors mit allen 50 Länderberichten.

2014JBReligionsfreiheitZu den Autoren der beiden Bände gehören Experten wie die Professoren und Professorinnen Heiner Bielefeldt (UN-Sonderberichterstatter für Religionsfreiheit), Christine Schirrmacher (Universität Bonn), Christian Hillgruber, Karl Wilhelm Rennstich, Klaus Vellguth, Christof Sauer und Heribert Hirte, Vorsitzender des Stephanuskreises im Deutschen Bundestag. Neben diesen Professoren tragen engagierte Vertreter von Menschenrechtsorganisationen und kirchlichen Werken ihre Erkenntnisse vor, so Christoph Marcinkowski (missio), Bernadin Francis Mfumbusa (Kirche in Not), Thomas Volk (KAS), Emmanuel Franklyne Ogbunwezeh (IGFM) oder Kamal Sido (GfbV). Die großen Kirchen sind nicht nur durch ihre genannten Werke vertreten, sondern auch durch Prälat Klaus Krämer (Präsident von missio) und Thorsten Leißer (Leiter der Menschenrechtsabteilung der EKD).

Die Jahrbücher werden herausgegeben im Auftrag der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM), des Internationalen Instituts für Religionsfreiheit (IIRF), des Arbeitskreises für Religionsfreiheit der Deutschen und Österreichischen Evangelischen Allianz und der Arbeitsgemeinschaft Religionsfreiheit der Schweizerischen Evangelischen Allianz.

Bibliografische Angaben:

  • Thomas Schirrmacher, Max Klingberg, Ron Kubsch (Hg.). Jahrbuch Verfolgung und Diskriminierung von Christen 2014. VKW: Bonn, 2014. 320 S. Pb. 12,00 €. ISBN 978-3-86269-092-3. Zu beziehen über www.vkwonline.de oder den örtlichen Buchhandel. Auslieferung für Buchhandlungen: ICMedienhaus, Holzgerlingen.
  • Thomas Schirrmacher, Max Klingberg (Hg.). Jahrbuch Religionsfreiheit 2014. Bonn: VKW, 2014. 154 S. Pb. 8,00 €. ISBN 978-3-86269-093-0. Zu beziehen über www.vkwonline.de oder den örtlichen Buchhandel. Auslieferung für Buchhandlungen: ICMedienhaus, Holzgerlingen.

Downloads:

Jahrbuch Verfolgung und Diskriminierung von Christen heute – 2014

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Jahrbuch Religionsfreiheit 2014

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Schuld und Scham des Moralapostels

10. Oktober 2014 von · Schreiben Sie einen Kommentar 

In Auszügen erschienen als „Mehr Mut zum Bekenntnis“. Evangelische Zeitung 30.3.2014: 6–7.

1. Öffentliche Entschuldigungen für Verbrechen früherer Generationen sind en vogue. Bill Clinton entschuldigte sich 1998 für den Sklavenhandel und die Untätigkeit der USA während des Völkermordes in Ruanda, Queen Elizabeth für die Unterdrückung der Maoris in Neuseeland. Die australische Regierung entschuldigte sich 2008 bei den Aborigines, die französische Regierung 2008 für die Dreyfuß-Affäre, die kanadische Regierung bei Indianern, deren Kinder zwangsadoptiert wurden.

Papst Johannes Paul II. entschuldigte sich als erster Papst der Geschichte für verschiedene Verfehlungen der katholischen Kirche, etwa die Eroberung Lateinamerikas oder die Verurteilung Galileo Galileis. Papst Benedikt XVI. entschuldigte sich für die Kreuzzüge und brachte 2010 in seinem Hirtenbrief an die irischen Bischöfe erstmals auch die Schuld der Kirche selbst am sexuellen Missbrauch von Kindern durch Geistliche zum Ausdruck.

Doch warum hat man nicht das Empfinden, dass die Kirchen und die Christen da schon lange Vorreiter sind, sondern dass sie sich nur einem – sehr positiven! – Trend anschließen, manchmal eher getrieben als aus Überzeugung?

2. Mutige Menschen stehen positiv zu dem was sie sind, denken oder tun. Mutige Menschen sagen die Wahrheit, wo andere sie lieber verschweigen wollen. Mutige Menschen treten für Arme, Schwache, Unterdrückte und Verletzte ein, wenn keiner sonst die Täter beim Namen nennen will. All das kann man auch dann, wenn man selbst nicht schuldig geworden ist. Sind nicht aber Menschen noch mutiger, wenn sie dies alles tun, aber hinzufügen, inwieweit sie selbst mit schuld sind oder inwieweit sie selbst zu der Gruppe gehören, die sich keine Gedanken über ihre Mitverantwortung macht.

Niemand redet so oft davon, dass alle Menschen schuldig werden, wie die Christen. Niemand redet so oft davon, dass jeder Vergebung braucht, wie die Christen. Und sie heißen Christen, weil in Jesus Christus die Vergebung der Sünden verkündigt wird.

Müsste es da nicht Christen am leichtesten fallen, über ihre Fehler zu sprechen? Warum da noch etwas vertuschen? Und gilt das nicht erst recht für die Kirche als Institution?

Aber die beiden mächtigsten Mitspieler sind hier Schuld und Scham mit dazugehörigen Schuldgefühlen und Schamgefühlen. Beide Seiten sind in den Kulturen ungleich verteilt und Deutschland tendiert eigentlich sehr stark zu einer Schuldkultur, in der man Schuld aufklärt, dann ablöst oder vergibt. Aber auch bei uns hält uns oft ein tiefes Schamempfinden davon ab, solche Schuld einzugestehen, zumindest öffentlich.

Und das Problem hat niemand mehr als der Moralapostel. Wer sich als moralische Instanz aufbaut und diese Instanz mit seiner eigenen Vorbildfunktion verknüpft, hat dann große Mühe, mutig zu Fehlern zu stehen, wenn er sie selbst macht. Und wenn Kirche sich als Institution als Hüterin der Moral sieht, egal ob einer eher traditionellen Moral oder einer eher progressiven, ist oft die Scham zu groß, wenn das Kartenhaus zusammenfällt.

Was haben die großen Kirchen in Deutschland nicht schon alles an guten Ratschlägen in Richtung Wirtschaft gegeben. Als zweitgrößter Arbeitgeber des Landes stünde es ihnen aber gut an, immer bei den eigenen Problemen anzufangen und von dort her zu erklären, was man ändern kann.

Meines Erachtens schwächt es die ethische Verkündigung der Kirchen nicht, wenn sie deutlich macht, dass sie auch nur aus Menschen bestehen, die per Definition nicht hundertprozentig allen Maßstäben genügen, sondern von Gottes Gnade leben. Dagegen schwächt aber nichts die Kirche in ihrer ethischen Verkündigung mehr, als wenn sie verschweigt, leugnet, verharmlost und dann Kräfte von außen die Probleme aufdecken und die Kirche förmlich zwingen müssen, zu gestehen. Man geht zur Kirche und beichtet, die Kirche muss aber nie beichten? Im Zentrum des Gottesdienst steht das Abendmahl als Zeichen der Vergebung, aber wir können als Kirche nicht sagen, was uns denn konkret vergeben werden muss, da das zu beschämend ist?

Aber die Sicht, man schwäche eine ethische Norm, wenn man zugesteht, sie selbst gebrochen zu haben, hält sich hartnäckig.

Warum eigentlich? Lernen wir nicht alle gerade aus Erfahrung, auch aus schlechter? Kann man nicht – ja muss man als Christ nicht sogar – für ethische Normen eintreten, indem man gleichzeitig Gnade verkündigt, ja indem man gleichzeitig deutlich macht, dass man morgen selbst der Täter sein kann? Lehren wir, dass niemand sagen kann: „das könnte mir nie passieren!“? Wie war das bei Paulus: „Darum, wer meint, er stehe, sehe zu, dass er nicht falle“ (1. Korinther 10,12)! Paulus „ermahnt“ in Römer 12,1 Christen gerade „mit der Barmherzigkeit Gottes“. Das mag vielleicht verrückt klingen, ist aber erst eigentlich christlich.

3. Auch wenn echte Ursachenforschung sicherlich ihre Berechtigung hat: Christsein bedeutet nicht, dass man die Schuld bei anderen sucht, sondern dass man sie zunächst bei sich selbst sucht. Jesus verwirft die Worte des Pharisäers: „Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern …“ und preist die Worte des Zöllners: „Gott sei mir Sünder gnädig“ (Lukas 18,11–14). In der Bibel beginnt Glaube mit der Erkenntnis der eigenen Unzulänglichkeit. Christsein heißt nach Luther, dass ein Bettler dem anderen sagt, wo es etwas zu essen gibt, nicht das Auftrumpfen gegenüber dem Anderen.

In meinem jugendlichen Leichtsinn diskutierte ich einmal in einem Zugabteil heftig über eine ethische Frage. Ich gewann die Debatte, bis eine Frau plötzlich in etwa sagte: „Genau das hab’ ich selbst getan und ich sehe ein, dass ich damit an jemand anderem schuldig geworden bin. Was sagt denn nun der Theologe da so, was man da macht“. Tja, dass mich eigentlich Vergebung und Neuanfang mehr interessierte als Rechthaberei, hatte man mir wohl nicht angemerkt! Gott, Güte, Vergebung, Kraft zum Neuanfang musste ich jetzt irgendwo ‚aus dem Hut zaubern‘.

Christliche Verkündigung muss immer die Waage halten zwischen der Notwendigkeit, über ethische Normen und Grundlagen zu sprechen, und dem Wissen, dass die Gesunden keinen Arzt brauchen, sondern die Kranken, wie Jesus es einmal gesagt hat.

Ein Arzt muss die Krankheiten kennen und oft auch warnende Worte sprechen. Und doch ist seine Aufgabe nicht, kopfschüttelnd festzustellen, was andere alles so haben und machen, sondern Hilfe anzubieten. Und immer wissen sie, dass sie selbst auch Menschen sind, die selbst krank werden können oder sind.

4. Die Bibel ist voller kritischer Berichte über das Volk Gottes. Ehebruch und Mord des David schwächen nicht die Psalmen, sondern liefern den Anlass für den bedeutendsten Bußpsalm des Alten Testaments (Psalm 51 zu 2. Samuel 6–7). Nicht nur David, auch Mose und Paulus waren früher Mörder. Die Fehler des Petrus, der Jesu Leiden für sinnlos hielt und kurz vor der Kreuzigung garantierte, Jesus nie zu verleugnen (Matthäus 26,33–35) und der vom Apostel Paulus scharf kritisiert werden musste, weil er nicht mit den Heidenchristen essen wollte (Galater 2,11–14), erfahren wir nicht aus gegnerischen Schriften, sondern aus dem Neuen Testament. Das Neue Testament berichtet, dass die reichen Gemeindeglieder oft Arme in der Gemeinde hungern ließen (1. Korinther 11,21–22) oder den Lohn nicht pünktlich ausbezahlten (Jakobus 5,4). Ganze Bücher des Alten Testaments widmen sich dem schonungslosen Offenlegen der Zustände unter den Juden (z. B. der Prophet Micha), ganze Bücher des Neuen Testamentes legen die schlimme Situation in christlichen Gemeinden bloß (z. B. 1. Korinther). Meist stehen die Römer besser da als die Christen.

In keiner Religion kom­men die Anhänger der eigenen Religion so schlecht weg wie in der Bibel. Die Lehre, dass auch Juden und Christen Sünder und zu den schlimmsten Taten fä­hig sind, wird in der Bibel sehr anschaulich vor Augen geführt. Selbstkritik gehört deswegen zum Wesen des Christseins. Mit seiner heiligen Schrift ist dem Christentum eine schonungslose und ehrliche Selbstanalyse ins Stammbuch geschrieben worden.

Prof. Dr. Maria Susana Cipolletti

7. Oktober 2014 von · Schreiben Sie einen Kommentar 

MSCipollettiIch habe in Bonn Ethnologie studiert, als das Fach dort noch sehr breit aufgestellt war und sich nicht, wie inzwischen, völlig auf die Altamerikanistik, insbesondere die Inka konzentrierte. Prägend war für mich die argentinische Kulturanthropologin (Ethnologin) Prof. Dr. Maria Susana Cipolletti, mit deren Forschungsarbeiten über die Secoya und Siona und die Rolle der Drogen in deren Religion, aber auch deren Teilchristianisierung ich mich intensiv beschäftigte (z. B. „Drogen und Religion: Am Beispiel des Gebrauchs von Halluzi­nogenen bei den Westtukani­schen Siona in Nordwestama­zonien: Ein Beitrag zum Verhältnis von Religion und Welt­anschauung“. Factum 1/1990: 42–48; wieder abgedruckt in: Völker – Drogen – Kannibalismus: Ethnologische und länder­kundliche Bei­träge 1984–1994. Disputationes linguarum et cultuum or­bis – Sectio V: Volkskunde und Germanistik 4. VKW: Bonn, 1997. S. 18–42).

Hier ihr Lebenslauf:

  • 1976 Magister Artium an der Universität Buenos Aires, Argentinien
  • 1982 Dr. phil. in Ethnologie an der Universität München: „Jenseitsvorstellungen bei den Indianern Südamerikas“ (Dietrich Reimer Verlag, Berlin 1983)
  • 1975–1977 Wissenschaftliche Assistentin am Instituto de Ciencias Antropológicas der Universität Buenos Aires, Argentinien
  • 1985–1987 Humboldt-Stipendiatin
ab 1986 Lehraufträge an den Universitäten Bonn, Freiburg, München, Trier, Tübingen und Basel
  • 1988–1989 Museum für Völkerkunde, Frankfurt, mit Lehrauftrag an der Universität Frankfurt
  • 1995 Habilitation an der Universität Freiburg: „Stimmen der Vergangenheit, Stimmen der Gegenwart: Die Westtukano Amazoniens 1637–1993“. LIT Verlag, Münster 1997
  • 1999–2006 Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Ethnologischen Institut der Universität Bonn (1999–2006)
  • Seit 2006: apl. Professorin ebd.
    Feldforschung: Secoya & Siona (Ecuador, 1983, 1984, 1985, 1987, 1989, 1991, 1995, 1997, 2009)

Außer der bereits genannten Dissertation und der von mir viel verwendeten genannten Habilitation möchte ich aus ihrer umfangreichen Literaturliste folgende Titel herausheben:

  • Stimmen der Vergangenheit, Stimmen der Gegenwart: Die Westtukano Amazoniens 1637–1993. LIT Verlag. Münster. 374 pp., (25 Karten, 35 Fotos). LIT- Verlag, Münster 1997 (Habilitationsschrift)
  • Das Gesicht der Gottheiten: Der Gebrauch von Halluzinogenen bei den Secoya-Indianern Ecuadors. In: Curare. Zeitschrift für Ethnomedizin. Sonderband 5:93–109. Wiesbaden 1986. (Reprint in: Scripta Ethnologica, X: 105–122. Buenos Aires 1986)
  • Die mythische Zeit und ihre Protagonisten bei den Secoya- Indianern Ost-Ekuadors. Münchner Beiträge zur Völkerkunde, 1:33–52. (Festschrift L. Vajda). München 1988; Spanische Übersetzung in: Bulletin de la Société Suisse des Americanistes, 55–56:11–22. Genf 1994
  • Als Gast im Jenseits. Beschreibungen des Totenreiches in Süd-Amerika. In: Franz J. Thiel (Hg.), Der Tod – Ende oder Tor zum Leben?: 71–81. Museum für Völkerkunde. Frankfurt/M 1990
  • Schamanismus und die Reise ins Totenreich. Religiöse Vorstellungen der Indianer des südamerikanischen Tieflands. In: Mircea Eliade/Ioan P. Culianu (Hg.), Geschichte der religiösen Ideen, III/2: Vom Zeitalter der Entdeckungen bis zur Gegenwart: 265–290. Herder Verlag. Freiburg etc. l99l; Dänische Übersetzung in M. Eliade: De religiose ideers historie. Copenhagen 1991; Spanische Übersetzung in: M. Eliade: Historia de las creencias y las ideas religiosas: 335–366. Barcelona 1996
  • Die fremden Seelenfänger – Katholische Missionare im Amazonasgebiet (17. und 18. Jh.). In: Gerhard Baer et al. (Hg.) Die Neue Welt 1492–1992:86–93. Birkhäuser Verlag. Basel, Boston, Berlin 1992
  • Tukano: Von der Droge zum Protestantismus und Das Pfeilgift Curare. In: I. Rogg und E. Schuster (Hg.), Die Völker der Erde: 392–3 und 184–5). Bertelsmann Verlag. Gütersloh, München 1992
  • Vom Verstorbenen zum Ahnen? Der Tod eines Secoya-Schamanen (Ost Ekuador). In: E. Dürr und S. Seitz (Hg.), Religionsethnologische Beiträge zur Amerikanistik: 193–210. Münster 1997; Spanische Übersetzung: De muerto a ancestro? El deceso de un shamán Secoya. In: Amazonia Peruana, 26:31–52. Lima 1999
  • Pioniere, Großbourgeois und Ethnologen: Zur Erforschung afrokubanischer Religionen. In: Münchner Beiträge zur Völkerkunde. Staatliches Museum für Völkerkunde, 10:81–92. München 2006
  • „The jaguar’s pineapple“: The shamanic rage and the perils of cannibalism (Secoya, ecuadorian Amazonia). In: Stephen Beckermann and Paul Valentine (eds.), Revenge in Lowland South America: 187–200. University Press of Florida. Gainesville etc. 2008.

Fünf Fakten, die die ZEIT verschweigt, damit ihre schwarz-weiße Welt nicht grau wird

3. Oktober 2014 von · Schreiben Sie einen Kommentar 

Ein Kommentar von Thomas Schirrmacher

BQ318(Bonn, 03.10.2014) Die Welt der ZEIT ist in ihrem Bericht über den brasilianischen Wahlkampf um das Präsidentenamt klar in schwarz und weiß aufgeteilt. Weiß: die amtierende Regierung; schwarz: die Evangelikalen. Hier die wunderbare amtierende Präsidentin, die vermeintlich viel für die Armen getan hat, dort die Evangelikalen aus der Mittelschicht, die sie deswegen abwählen und durch eine evangelikale Kandidatin ersetzen wollen.

Fünf Dinge verschweigt der Artikel der ZEIT dabei aber über die evangelikale Kandidatin für das Präsidentenamt Marina da Silva, die das schöne Bild zerstören würden:

  1. Marina da Silva ist gerade nicht die Kandidatin der Konservativen, sondern der Sozialisten. Passt das etwa nicht in das erlaubte Bild der Evangelikalen?
  2. Marina da Silva ist bei den Armen so beliebt, weil sie selbst aus tiefster Armut stammt und man ihr zutraut, mehr für die Armen zu tun als die amtierende Präsdentin, die etwa in den Favelas wegen ihren Mega-WM-Bauten und enorm teurer Prestigeobjekte überhaupt nicht beliebt ist. Silva musste bereits mit 6 Jahren Kautschuk im Amazonas sammeln, ab 12 ganztags arbeiten und besuchte keine Schule. Als andere Abitur machten, lernte sie lesen. Die Armen vertrauen Silva auch, weil sie (bisher) nicht Teil der überbordenden Korruption in Brasilien ist. Kandidatin der Mittelschicht? Das ist eine Erfindung der ZEIT.
  3. Marina ist die erste Präsidentschaftskandidatin, die nicht ‚weiß‘ ist, vielmehr aus dem Amazonasgebiet stammt. Ihre Wahl wäre ein ähnlicher Erdrutsch wie die Wahl Obamas in den USA. Passt das etwa nicht in das erlaubte Bild der Evangelikalen?
  4. Marina da Silva verdankt ihren guten Ruf ihrer Zeit als Umweltministerin und ihrem Einsatz als Umweltschützerin. 2010 war sie noch Präsidentschaftskandidatin der ‚Grünen Partei‘. Zuvor kämpfte sie an der Seite des von Großgrundbesitzern ermordeten Regenwaldschützers Chico Mendes. Passt das etwa nicht in das erlaubte Bild der Evangelikalen?
  5. Die Evangelikalen Brasiliens wählen die verschiedenen Parteien etwa im selben Verhältnis wie alle anderen Brasilianer auch. Deswegen sitzen im Bundesparlament in den beiden großen Parteien und in Regierung und Opposition etwa gleich viele Abgeordnete, die evangelikalen Kirchen angehören.

Die ZEIT versucht die Evangelikalen ins Schema der weißen Evangelikalen in den USA zu pressen. (Dass der Prozentsatz der Evangelikalen unter den Afro-Amerikanern und den Hispanics größer ist und diese Evangelikalen überwiegend die Demokraten wählen, vergisst man gerne.) Damit verkennt sie sowohl die Lage in Brasilien als auch die Lage der 600 Millionen Evangelikalen, die zur Weltweiten Evangelischen Allianz gehören. Damit ihr Evangelikalen-Bashing funktioniert, nimmt die ZEIT in Kauf, dass der Leser fast nichts über die wahren Themen des brasiliansichen Wahlkampfs erfährt.

Zu Thomas Fischermann. „Der Wohlstandsprediger im Wahlmapf“. Die ZEIT. 02.10.2014.

Bonner Querschnitte 32/2014 als PDF-Download.

Thomas Schirrmacher