Thomas Schirrmacher
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Erdoğan liest Gauck zu Unrecht die Leviten

Gauck hat die Türkei nie angegriffen, Erdoğan aber greift Deutschland seit Jahren heftig an

Diese Meldung stammt ursprünglich aus dem Jahr 2015 und ist bisher nicht in meinem Blog erschienen.

Ein Kommentar von Thomas Schirrmacher

(Bonn, 06.05.2015) Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan beschuldigt Deutschland und den deutschen Bundespräsidenten Gauck zu Unrecht, die Türkei angegriffen zu haben, denn Gauck sagte über die Türkei gar nichts. Erdoğan aber nimmt sich das Recht, Deutschland (und jedes andere Land) seit Jahren und jetzt erneut heftig zu kritisieren, nach dem Motto: Was ich darf, dürfen andere Präsidenten noch lange nicht.

Doch der Reihe nach: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat sich nach der Rede des Bundespräsidenten und der Debatte des Deutschen Bundestages zum 100-jährigen Gedenken an den Beginn des Genozids an den Armeniern und Syro-Aramäern in Istanbul auf einer Veranstaltung des türkischen Unternehmer-Vereins MÜSIAD zur Reaktion Deutschlands zum Völkermord an den Armeniern geäußert.

Darin sagt er:

„Während wir Friedensbotschaften in die Welt entsenden, gibt es einige Länder wie Russland, Deutschland und Frankreich, die die armenischen Unwahrheiten unterstützen und uns kritisieren. Was vor 100 Jahren passiert ist, ist eine gegenseitige schmerzvolle Erfahrung. Diejenigen, die die Vorwürfe gegen uns unterstützen, sollten zuerst ihre eigene Vergangenheit bereinigen. Diejenigen, die uns aufgrund der Zwangsumsiedlung der Armenier verurteilen, sollten zuerst die Rechnung für ihre eigenen Ungerechtigkeiten bezahlen. Sie sollten die Blutspur, die sie über Jahrhunderte gelegt haben säubern. In diesem Zusammenhang ist Deutschland das letzte Land, welches sich eine Meinung erlauben darf. Russland und Frankreich sollten ein Auge auf ihre eigene Geschichte werfen. Ihr zieht aus Frankreich los und dringt in Algerien und Ruanda ein. Was zur Hölle habt ihr Franzosen in Afrika verloren?“

Erdoğan meint etwas später noch, dass die Europäer es nicht schaffen werden, die Türkei in ihren wirtschaftlichen und politischen Zielen für das Jahr 2023 zu behindern.

Schon Beginn und Ende sind merkwürdig. Erdoğan sendet „Friedensbotschaften“? Welche sollten das sein? Und wer will die Türkei „behindern“? Und was hat die Frage des Völkermordes mit der wirtschaftlichen Entwicklung der Türkei zu tun?

Doch nun zum Kern, dem Vorwurf, Deutschland habe wegen seiner Vergangenheit kein Recht, die Türkei zu verurteilen, ja es sei „das letzte Land“, das überhaupt „eine Meinung“ über andere haben dürfe.

1. Gauck hat der Türkei keine Vorwürfe gemacht.

Bundespräsident Joachim Gauck hat kein einziges Mal der Türkei oder der türkischen Regierung Vorwürfe gemacht. An der zentralen Stelle seiner Rede, in der er das Wort „Völkermord“ verwendet, spricht Gauck nicht von der Türkei, sondern von Deutschland! Er sagt:

„In diesem Fall müssen auch wir Deutsche insgesamt uns noch der Aufarbeitung stellen, wenn es nämlich um eine Mitverantwortung, unter Umständen sogar Mitschuld, am Völkermord an den Armeniern geht.“

Hier ist das Problem: Damit Erdoğan nicht verärgert ist, dürften wir nicht nur nicht in Bezug auf die Türkei von Völkermord zu sprechen, sondern auch nicht in Bezug auf uns selbst.

Gauck hat zur Begründung den deutschen Reichskanzler zitiert, keinen türkischen Politiker:

„Reichskanzler Bethmann Hollweg, der von einem Sonderbeauftragten recht detailliert über die Verfolgung der Armenier informiert worden war, bemerkte im Dezember 1915 lapidar: ‚Unser einziges Ziel ist, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig, ob darüber Armenier zugrunde gehen oder nicht‘.“

Gauck spricht zwar über „Die jungtürkische Ideologie …“, er sagt:

„Im Osmanischen Reich entwickelte sich daraus eine genozidale Dynamik, der das armenische Volk zum Opfer fiel.“

Zweimal erwähnt Gauck die heute lebenden „Türken“, beide Male nicht kritisch, sondern mit dem Wunsch der Versöhnung zwischen Türken und Armeniern:

„Besonders freue ich mich über jedes ermutigende Zeichen der Verständigung und des Aufeinanderzugehens zwischen Türken und Armeniern.“; „Unter uns leben Nachfahren von Armeniern und Türken mit ihrer je eigenen Geschichte. Für ein friedliches Miteinander …“

2. Deutschland schämt sich, die Türkei dagegen hat auch bisher nicht die kleinste Mitverantwortung an dem Geschehen zugestanden.

Wer wie ich bei der Rede Gaucks, der Bundestagsdebatte, dem Lichtermarsch und weiteren Veranstaltungen dabei war, weiß, dass die Scham über die Rolle des Deutschen Reiches im Zentrum stand und es ein ganz offensichtliches Bemühen gab, die heutige Türkei nicht anzugreifen. In keinem Land der Erde wurde die Türkei in den Gedenkveranstaltungen so geschont wie in Deutschland.

Allerdings muss man daraus auch die Lehre ziehen: Es genügt nicht, wie Präsident Obama die Vokabel ‚Völkermord‘ zu vermeiden, man muss schon die Türkei direkt von jeder Mitschuld freisprechen. Es ist eine auffällige Zurückhaltung festzustellen, der heutigen Türkei Vorwürfe zu machen. Die Türkei fühlt sich angegriffen, wenn man sie gar nicht erwähnt (Gauck) oder wenn man den Begriff ‚Völkermord‘ meidet (Steinmeier, Obama). Und es ist die Türkei, die jede Kritik an der türkischen Regierung vor Gründung der modernen Republik Türkei als persönliche Kritik an der heutigen Regierung versteht, während Gauck und andere immer wieder betont haben, dass die heute lebenden Türken und die heutige Türkei keine persönliche Schuld trifft, sondern es nur darum gehen kann, wie man mit der Vergangenheit umgeht. Hier hat Erdoğan ein Riesen-Vergrößerungsglas für andere und eine geschwärzte Brille für sich zur Hand.

Expertentagung der Hanns-Seidel-Stiftung zum Thema „Cyber-Jihad“

Schirrmacher fordert, die Ziele der islamistischen Terroristen ernst zu nehmen und beklagt die fehlende Bereitschaft der Politik, angemessene personelle und finanzielle Mittel für Cyber-Sicherheit bereitzustellen.

Diese Meldung stammt ursprünglich aus dem Jahr 2015 und ist bisher nicht in meinem Blog erschienen.

(Bonn, 04.05.2015) Unter dem Titel „Cyber-Jihad – Ziele, Dimensionen, Strukturen und Bekämpfung einer globalen Herausforderung“ lud die Hanns-Seidel-Stiftung in Kooperation mit dem Zentralrat Orientalischer Christen in Deutschland zu einer internationalen Expertentagung in das bayerische Wildbad Kreuth (Programm). In seinem Eröffnungsvortrag vor zahlreichen Repräsentanten aus Politik, Wirtschaft, Militär und Wissenschaft analysierte Prof. Dr. Thomas Schirrmacher den engen Zusammenhang von Cyber-Kriegführung und der realen Verfolgung von Christen und anderen religiösen Minderheiten im Nahen Osten:

„Die Unterdrückung religiöser Minderheiten gehört zur DNA fundamentalistischer Bewegungen und ist deswegen immer auch Teil des Cyber-Jihad.“

Unter Verweis auf das erklärte Ziel der Terrororganisation „Islamischer Staat“, alle Christen und Nicht-Sunniten aus deren Stammlanden im Nahen Osten vertreiben zu wollen, appellierte der Direktor des Internationalen Instituts für Religionsfreiheit und Präsident der International Society of Human Rights:

„Nehmt die Ideologie der Fundamentalisten inhaltlich ernst und denkt nicht, dass sich die Ziele sowieso nicht verwirklichen lassen.“

Schon in den 1930er Jahren hätten zahlreiche Zeitgenossen die seit langem bekannten Ziele Hitlers, wie die Vernichtung der europäischen Juden oder die Niederwerfung der Sowjetunion, völlig unterschätzt und als unrealisierbar abgetan. „Ideen haben Konsequenzen“, so Schirrmachers eindringliche Mahnung. In den 1920er Jahren seien die ideologischen Grundlagen des modernen Islamismus durch den pakistanischen Gelehrten Maududi und die ägyptischen Muslimbrüder gelegt worden, stets unter Rückgriff auf eine vermeintlich glorreiche Vergangenheit (die Einheit von Staat und Religion unter dem Propheten Mohammed) und gegen das Feindbild religiöser Minderheiten (alle Nicht-Muslime) gerichtet. Schirrmacher machte deutlich, dass der islamistische Extremismus dennoch nicht bloß als ewiggestrig und antimodern verstanden werden dürfe:

„Fundamentalistische Bewegungen greifen ideologisch oft auf Altes zurück, sind selbst aber weniger als 100 Jahre alt und daher Kinder der Moderne, und nutzen modernste Technik und Psychologie zur Erreichung ihrer Ziele“, so Schirrmacher.

Thomas Schirrmacher während des Eröffnungsvortrages in Wildbad Kreuth. Prof. Dr. Ursula Männle (Staatsministerin a.D. und Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung), Julia Obermeier (MdB und Mitglied im Verteidigungsausschuss), Generalleutnant Peter Schelzig (Stv. des Generalinspekteurs der Bundeswehr), Oliver Rolofs (Pressesprecher und Leiter Kommunikation der Stiftung Münchner Sicherheitskonferenz) (v. l. n. r.)

Thomas Schirrmacher während des Eröffnungsvortrages in Wildbad Kreuth. Prof. Dr. Ursula Männle (Staatsministerin a.D. und Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung), Julia Obermeier (MdB und Mitglied im Verteidigungsausschuss), Generalleutnant Peter Schelzig (Stv. des Generalinspekteurs der Bundeswehr), Oliver Rolofs (Pressesprecher und Leiter Kommunikation der Stiftung Münchner Sicherheitskonferenz) (v. l. n. r.)

Im Sowjetisch-Afghanischen Krieg (1979-1989) hätten die selbsternannten Gotteskrieger das Medium der VHS-Kassette für Ihre Propaganda entdeckt, seien ab Ende der 1990er Jahre auf das Internet umgestiegen und nutzten in der Gegenwart des Web 2.0 die sozialen Medien Facebook, YouTube, Twitter und Co. Auf diese Weise könnten die Terroristen in kürzester Zeit, mit geringem Kostenaufwand und globaler Reichweite viele Millionen vornehmlich jungen Menschen erreichen, um Radikalisierung, Rekrutierung und Fundraising für den weltweiten Jihad zu betreiben. Vor dem Hintergrund der hoch professionellen Propaganda-Videos des „Islamischen Staates“ sowie der jüngsten Hacker-Angriffe auf den französischen Sender TV5 Monde resümierte Schirrmacher, dass der Cyber-Jihad „in Bezug auf Technik und Werbepsychologie das Beste vom Besten“ darstelle. Um dieser wachsenden Bedrohung wirksam begegnen zu können, so der abschließende Appell an die Politik, müsse „deutlich mehr Geld und Personal in die Cyber-Bekämpfung terroristischer Bewegungen investiert werden.“

Thomas Schirrmacher im Gespräch mit Arne Schönbohm, Präsident des Sicherheitsrates Deutschland e. V.

Thomas Schirrmacher im Gespräch mit Arne Schönbohm, Präsident des Sicherheitsrates Deutschland e. V.

Schirrmachers Forderung fand unter den Tagungsteilnehmern breite Zustimmung. Daran anknüpfend führte Arne Schönbohm, Präsident des Cyber-Sicherheitsrates Deutschland e. V., die Beispiele USA, Israel und Großbritannien an – Staaten, die ein Vielfaches an Mitteln für die Cyber-Abwehr bereitstellten und auf diesem Gebiet die Speerspitze der westlichen Welt bildeten. Dahingegen, so Schönbohm, sei Deutschland nur „bedingt abwehrbereit“. Seine Empfehlung an die politisch Verantwortlichen lautete: „Weniger reden, mehr machen!“ Auch Generalleutnant Peter Schelzig, der Stellvertretende Generalinspekteurs der Bundeswehr stimmte der Analyse zu, auch wenn er darauf verwies, dass der Selbstschutz der Bundeswehr besser da stehe, als die Abwehrbereitschaft der BRD als solcher.

Diskussionsrunde zum Cyber-Jihad

Diskussionsrunde zum Cyber-Jihad

In ihrem Grußwort zu Tagungsbeginn hatte Prof. Dr. Ursula Männle, Staatsministerin a.D. und Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung, auf das Spannungsfeld von Freiheit versus Sicherheit hingewiesen. Dabei ständen sich das Konzept einer wehrhaften Demokratie auf der einen Seite und die verfassungsrechtlichen Grenzen auf der anderen Seite gegenüber. Prof. Männle würdigte zudem die gute Zusammenarbeit mit dem Mitausrichter der Tagung, dem Zentralrat Orientalischer Christen in Deutschland (ZOCD), der ein wichtiger Gesprächspartner für die Hanns-Seidel-Stiftung sei und bleibe.

Der bayerische Landespolizeipräsident a.D. Waldemar Kindler, der in seiner Dienstzeit bereits das Olympia-Attentat in München 1972, den RAF-Terror sowie die NSU-Morde miterlebt hatte, empfahl die Einrichtung einer zentralen Stelle zur Abwehr von Cyber-Terrorismus auf Bundesebene sowie eine engere Zusammenarbeit der deutschen Sicherheitsbehörden.

Als ernüchterndes Resümee der Tagung und gleichzeitiger Weckruf an die Politik konnten die Worte des Vorsitzenden des Zentralrats Orientalischer Christen in Deutschland, Simon Jacob, gelten:

„Wir in Europa sind derzeit nicht ausreichend auf die Herausforderung des Cyber-Jihad vorbereitet.“

Evangelische Freikirchler unterschreiten die durchschnittliche Zustimmung zur AfD deutlich

Das Meinungsforschungsinstitut INSA-Consulere aus Erfurt stellte Ende April die Sonntagsfrage, teilte die Ergebnisse der Parteien aber nach Konfessionszugehörigkeit auf.

Mich interessieren hier nur die Ergebnisse für die Partei ‚Alternative für Deutschland (AfD). Denn immer wieder wird in der Presse unterstellt und gerne von Seiten kirchlich gebundener Kommentatoren verstärkt, es gäbe eine besondere Nähe der Mehrheit der Evangelikalen und der Freikirchler zur AfD oder wenigstens zu rechtspopulistischen Positionen, die weit über die durchschnittliche Unterstützung in der Gesamtbevölkerung hinaus gehe. Wehren kann man sich gegen solche Vorwürfe selten, Millionen hören oder lesen sie ohne je eine Gegenmeinung zur Kenntnis nehmen zu können.

Bei konfessionellen Umfragen ist es sehr schwer, nach ‚Evangelikalen zu fragen, die sich nicht nur in den Freikirchen finden, sondern als mehr oder weniger große oder kleine Strömungen in allen Kirchen. Aber die Zugehörigkeit zu Freikirchen ist klar eingrenzbar, weswegen INSA-Consulere Katholiken, landeskirchlichen Protestanten, Freikirchler und Konfessionslose unterscheidet.

13,5% aller Befragten wollten am Befragungstag die AfD wählen. Unter Konfessionslosen ist der Zuspruch mit 16,5% im Durchschnitt höher, unter Katholiken nur wenig niedriger als im Durchschnitt (13,2%). Bei landeskirchlichen Protestanten (10,1%) und Freikirchlern (10,2%) ist der Durchschnitt deutlich niedriger.

Kurzum: Unter freikirchlichen Protestanten (mit einem sehr hohen Anteil an Evangelikalen) und unter landeskirchlichen Protestanten (mit einem kleineren Anteil an Evangelikalen) ist die Zustimmung zur AfD gleichermaßen unterdurchschnittlich. Eine oft behauptete innere Affinität irgendeiner Spielart des Protestantismus zur AfD oder zu rechtspopulistischen Positionen ist eher ein Beweis für die Vorurteile derer, die das behaupten, als ein Beweis für irgendeine Art von Investigation über rechtspopulistische Haltungen im evangelikalen Bereich.

Auch wenn oft eine starke Überschneidung von Evangelikalen und Pegida behauptet wird, dürfte eine Befragung hier ähnliche Ergebnisse erbringen.

Wohlgemerkt: Es geht nicht darum, ob es Evangelikale gibt, die die AfD oder Pegida unterstützen. Natürlich gibt es die, es gibt sie in jeder Bevölkerungsgruppe und -schicht. Es geht darum, ob diese Unterstützung 1. weit überdurchschnittlich ist oder gar die Mehrheit der Evangelikalen kennzeichnet und 2. darum, ob Evangelikale rechtspopulistische Positonen unterstützen, weil sie Evangelikale sind und der evangelikale Glaube einen AfD-afin macht. Beides ist durch nichts zu belegen.

Meine Bücher gegen „Rassismus“, gegen „Fundamentalismus“, pro „Multikulturelle Gesellschaft“ und meine vielen Bücher pro Religionsfreiheit oder auch meine Stellungnahme gegen Pegida sollten immerhin auch eine Rolle bei der Frage spielen, wo Evangelikale theologisch und gesellschaftlich stehen.

Ich empfinde jedenfalls pauschale Verurteilungen aller oder der meisten Evangelikalen als rechtspopulistisch oder gar als rechtsradikal als ebenso perfide und ungeheuerlich wie die pauschale Gleichsetzung von Muslimen mit Terroristen.

Prostitution: Frankreich handelt, Deutschland eiert

Während in wirtschaftlichen Fragen Deutschland eher Vorbild für Frankreich zu sein scheint, gilt das in Sachen Prostitution und Menschenhandel genau umgekehrt.

Nach Jahren heißer Debatte hat das französische Parlament ein Gesetz verabschiedet, nach dem der Kauf von Sexdienstleistungen (Prostitution) verboten ist und ein Zuwiderhandeln mit 1.500 € bestraft wird, während die Prostituierten selbst entkriminalisiert werden.

Den 80% der rund 40.000 ‚Sex workers‘ im Land, die keine französischen Bürger sind, wird die Einbürgerung stark erleichtert, wenn sie aus ihrem Gewerbe aussteigen und dazu ein sechsmonatiges Aussteigerprogramm absolvieren. Daneben wird eine Stiftung eingerichtet, die jährlich 4,8 Mio. € und alle Einnahmen aus den Strafgebühren erhält, um Ausstiegsprogramme für Sex-worker zu fördern. Alle Achtung!

Damit folgt Frankreich den Erfahrungen in Schweden, Norwegen und Island (deswegen auch „das nordische Modell“ genannt), dass dies der beste Weg ist, Zwangsprostitution zu bekämpfen und zu reduzieren. Weitere Länder wie Israel sind auf dem Weg zu ähnlichen Gesetzen.

In den Niederlanden, das vor 16 Jahren und noch vor Deutschland die Prostitution völlig legalisiert hat, ist ein ähnliches Vorgehen in der Diskussion. Erstes Ergebnis ist ein Gesetzesentwurf mit guten Chancen, das Verkehr mit einer Zwangsprostituierten mit bis zu 4 Jahren Gefängnis und rund 20.000 Euro bestrafen will.

Das Europäische Parlament hat in einer Entschließung „Verhütung und Bekämpfung des Menschenhandels“ vom 12.05.2016 alle Mitgliedsstaaten der Europäischen Union aufgefordert, Leitlinien zur Bestrafung der Kunden nach dem skandinavischen Modell vorzulegen

„Das Europäische Parlament … 48. … fordert die Kommission und die Mitgliedstaaten auf, Leitlinien zur Bestrafung der Kunden nach skandinavischem Vorbild vorzulegen und gleichzeitig die Sensibilisierung für alle Formen des Menschenhandels, insbesondere sexuelle Ausbeutung, zu erhöhen 

Während also Länder, die einst fast ein Synonym für freie Prostitution waren, das Schicksal von Frauen in den Mittelpunkt stellen, wird Deutschland mehr und mehr zum Eldorado der Freier, der Zuhälter und der Bordellbetreiber. Hatte man die im Gesetz vorgesehen Überprüfungsfrist des Erfolges oder Misserfolges des Gesetzes nach zehn Jahren schon sowieso länger verstreichen lassen, so ist auch der neueste Gesetztentwurf ein Gemurxe und Geeiere, das an der grundsätzlichen Situation nichts ändert, dass Deutschland ein Paradies für Bordellbetreiber ist und eine ganze Tourismusindustrie Freier in großen Zahlen – vor allem mit Bussen  aus Nachbarländern zu uns bringt und Deutschland bei der Bekämpfung von Zwangsprostitution weiterhin zu einem der Schlusslichter macht.

Was mir Hoffnung macht: Zwar sind nur ein Viertel der Deutschen für ein generelles Verbot für Sex gegen Geld. Aber eine Mehrheit von 57 Prozent der unter 30-Jährigen würde Prostitution am liebsten ganz verbieten.

Der Generalsekretär der Weltweiten Evangelischen Allianz sendet einen Offenen Brief an die Orientalischen Kirchen und Christen anlässlich des 100jährigen Gedenkens an den Genozid von 1915

BQ354_1Diese Meldung stammt ursprünglich aus dem Jahr 2015 und ist bisher nicht in meinem Blog erschienen.

(New York, Bonn, 23./30.04.2015) Der Generalsekretär der Weltweiten Evangelischen Allianz (WEA) Bischof Efraim Tendero aus den Philippinen hat einen Offenen Brief an alle Kirchenoberhäupter und Christen der Orthodoxen und Altorientalischen Kirchen und Christen geschickt, in dem er stellvertretend für die 600 Millionen Evangelikale, die der WEA angehören, nicht nur an den Genozid vor 100 Jahren erinnert, sondern auch daran, dass das Leiden und der Völkermord heute aktuell weitergehen.

„Auch wenn wir wissen, dass im Irak, in Syrien und zunehmend auch in den Nachbarländern auch nichtchristliche Minderheiten diskriminiert und verfolgt werden und im Schatten der Bürgerkriege viele schreckliche Gräuel geschehen, leiden wir doch ganz besonders mit den Angehörigen der orientalischen Kirchen im ganzen Nahen Osten, dass sie gegenwärtig vor einer Neuauflage des Genozids stehen, vor allem die Syro-Aramäer“, schreibt Tendero und fügt hinzu: „Ideologisch zieht sich ein roter Faden von den Völkermorden vor 100 Jahren zu den Gräueln im Nahen Osten, die sich vor unseren Augen vollziehen.“

Am Schluss des Schreibens fügt der Generalsekretär hinzu:

„Als Weltweite Evangelische Allianz setzen wir uns weltweit für Religionsfreiheit und gegen Christenverfolgung ein. Ein besonderer Schwerpunkt ist der Einsatz für alle orientalischen Kirchen, die unter Diskriminierung und Verfolgung leiden. Durch Gebet, durch Veröffentlichungen und durch Einflussnahme auf Kirchenleiter, Medien und Politiker versuchen wir, ihr Leiden bekannt zu machen und ein Handeln zu ihren Gunsten zu bewirken.“

Parallel zum Offenen Brief veröffentlichte das Internationale Institut für Religionsfreiheit, dessen Direktor Thomas Schirrmacher den Brief entwarf, eine Kritik der Argumente, mit denen die Türkei den Genozid leugnet (BQ 352), einen Bericht über die Lage der Armenier in der Türkei heute (IIRF-Bulletin 2015/4) und einen Bericht der Türkischen Evangelischen Allianz zur Lage der Christen in der Türkei (IIRF-Bulletin 2015/1).

Offener Brief an die Orientalischen Kirchen und Christen in Deutschland

Liebe Bischöfe, liebe Mitglieder der Kirchenleitungen, liebe Mitchristen und Mitchristinnen!

Am 24.4.2015 gedenkt die Weltchristenheit des Tages vor 100 Jahren, als mit der Massenverhaftung armenischer Intellektueller der Völkermord am armenischen Volk in seiner Heimat begann. Zur Weltchristenheit gehören auch die 600 Millionen Protestanten, die in der Weltweiten Evangelische Allianz zusammen geschlossen sind.

Im gleichen Atemzug sind neben den 1,5 Millionen Armeniern, die starben, auch die anderen Todesopfer der parallelen ethnischen Säuberungen stark christlich besiedelter Teile des einstigen Osmanischen Reiches zu nennen, nämlich 300.000 Pontos-Griechen, 300.000 aramäischsprachige Christen (Aramäer, Assyrer, Chaldo-Assyrer, christliche Syrer), wobei sich diese Genozide fast zehn Jahre hinzogen.

Wir begrüßen, dass die internationale Genozidforschung den Völkermord an den Armeniern aufgearbeitet hat. Wir fordern aber die Türkei auf, die Archive aus der Zeit des Ersten Weltkrieges und der türkischen Prozesse gegen die Hauptverursacher des Genozids für Historiker aus aller Welt zu öffnen.

Wir bedauern außerordentlich, dass die Genozidforschung in Bezug auf die Syro-Aramäer und die Pontos-Griechen noch in den Anfängen steckt. Weder wurde ihr Schicksal in den letzten 50 Jahren gut erforscht, noch wird in diesem Jahr weltweit zur Genüge daran erinnert.

Deswegen wenden wir uns heute auch an die Millionen orientalischer Christen, die heute in der westlichen Welt leben, weil sie wegen der Verfolgungen in ihrer Heimat in großer Zahl in diese Länder kamen und gut integriert zum Wohl ihrer Länder arbeiten, und die in den letzten zehn Jahren fortlaufend als Folge der Verfolgung im Irak und in Syrien flohen oder ausgewandert sind und derzeit fliehen oder auswandern. Wir wissen, dass Ihr gerade wegen Eurer Friedlichkeit und demokratischen Gesinnung in den westlichen Ländern gegenüber im Vergleich zu anderen Migrantengruppen aus dem Blick geraten seid. Ihr sollt wissen: Wir stehen an Eurer Seite, sowohl im Gedenken und Erinnern als auch in der gegenwärtigen Lage, in der viele mit Schrecken auf Nachrichten ihrer Verwandten im Nahen Osten warten.

Auch wenn wir wissen, dass im Irak, in Syrien und zunehmend auch in den Nachbarländern auch nichtchristliche Minderheiten diskriminiert und verfolgt werden und im Schatten der Bürgerkriege viele schreckliche Gräuel geschehen, leiden wir doch ganz besonders mit den Angehörigen der orientalischen Kirchen im ganzen Nahen Osten, dass sie gegenwärtig vor einer Neuauflage des Genozids stehen, vor allem die Syro-Aramäer. Ideologisch zieht sich ein roter Faden von den Völkermorden vor 100 Jahren zu den Gräueln im Nahen Osten, die sich vor unseren Augen vollziehen.

Als Weltweite Evangelische Allianz setzen wir uns weltweit für Religionsfreiheit und gegen Christenverfolgung ein. Ein besonderer Schwerpunkt ist der Einsatz für alle orientalischen Kirchen, die unter Diskriminierung und Verfolgung leiden. Durch Gebet, durch Veröffentlichungen und durch Einflussnahme auf Kirchenleiter, Medien und Politiker versuchen wir, ihr Leiden bekannt zu machen und ein Handeln zu ihren Gunsten zu bewirken.

In einem ähnlichen Brief der Deutschen Evangelischen Allianz an die Orientalischen Christen in Deutschland finden sich folgende zusätzlichen oder auf Deutschland bezogenen Abschnitte:

Wir sind insbesondere als Christen in Deutschland beschämt, dass Deutschland als Kriegspartner der Türkei um die Vorgänge wusste, aber seine Stimme nicht erhob und seinen Einfluss nicht geltend machte. Wir halten alle Menschen, darunter Pfarrer und Missionare, in Ehren, die schonungslos ehrlich über den sich vollziehenden Völkermord nach Hause berichteten oder vor Ort versuchten, Opfern zu helfen, besonders der wachsenden Zahl von Waisenkindern. Stellvertretend sei der Theologe Johannes Lepsius genannt, dessen Gedenken das wichtige Archiv im Lepsiushaus in Potsdam garantiert.

Deswegen wenden wir uns heute an die Hunderttausenden orientalischer Christen in Deutschland, die wegen der Verfolgungen in ihrer Heimat in großer Zahl in unser Land kamen und gut integriert zum Wohl unserer Landes arbeiten und die in den letzten zehn Jahren fortlaufend als Folge der Verfolgung im Irak und in Syrien nach Deutschland gekommen sind und weiterhin kommen. Wir wissen, dass Ihr gerade wegen Eurer Friedlichkeit und demokratischen Gesinnung der deutschen Gesellschaft gegenüber im Vergleich zu anderen Migrantengruppen aus dem Blick geraten seid. Ihr sollt wissen: Wir stehen an Eurer Seite, sowohl im Gedenken und Erinnern als auch in der gegenwärtigen Lage, in der viele mit Schrecken auf Nachrichten ihrer Verwandten im Nahen Osten warten.

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Thomas Schirrmacher