Thomas Schirrmacher
Aktuelle ProMundis Blogbeiträge

IIRF veröffentlicht die Videos der Unterzeichnung von „Christliches Zeugnis in einer multireligiösen Welt“, Genf, 28. Juni 2011

20. Januar 2015 von · Schreiben Sie einen Kommentar 

Die Veröffentlichung umfasst die komplette öffentliche Übergabe des Dokuments und etliche Interviews mit Schlüsselpersonen in seinem YouTube Kanal.

BQ337Am 28. Juni 2011 veröffentlichten der Päpstliche Rat für Interreligiösen Dialog (PCID), der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) und die Weltweite Evangelische Allianz (WEA) – womit sie gemeinsam den größten Teil der Christenheit repräsentierten – in Genf das erste Mal in der Geschichte ein gemeinsames Dokument: „Christliches Zeugnis in einer multireligiösen Welt“. Es diskutiert die Ethik der Mission, indem es u.a. feststellt, dass christlicher Mission nie die Menschenrechte anderer verletzen dürfe. Dieses historische Dokument ist das Ergebnis einer fünfjährigen Zusammenarbeit zwischen der WEA, dem ÖRK und dem Vatikan. Das Dokument wurde inzwischen von derselben Gruppe von Kirchen in vielen Ländern der Welt übernommen.

Die Serie der YouTube-Videos umfasst:

 

Links:

  • Bonner Querschnitte Nr 172 (18/2011): Heute schreiben wir Geschichte: Empfehlungen für einen Verhaltenskodex für das „Christliches Zeugnis in einer multireligiösen Welt“ veröffentlicht

Der Spiegel muss der Kirche den Spiegel vorhalten

18. Januar 2015 von · Schreiben Sie einen Kommentar 

„Du bist Israels Lehrer und weißt das nicht?“

Jan Fleischauer hat zu Recht darauf hingewiesen, wie merkwürdig es ist, dass Margot Käßmann in ihrer Verteidigung des radikalen Pazifismus die Frage des Bösen in der Welt ausblendet. Er schreibt:

„Das eigentlich Erstaunliche ist, dass nicht einmal eine deutschlandweit bekannte Theologin noch eine Vorstellung vom Bösen zu haben scheint. Bei einer Vertreterin der Kirche sollte man eigentlich ein Verständnis für die Natur des Teuflischen erwarten können – das Denken in metaphysischen Kategorien war zwei Jahrtausende lang das Privileg dieser Institution. Aber das Einzige, was davon übrig geblieben ist, ist die Verteufelung von allem, was schießt.“ (Quelle)

Nun muss also der Spiegel der Kirche den Spiegel vorhalten, wohin sie kommt, wenn sie sich nicht an der Bibel orientiert.

Jesus fragte Nikodemus einst: „Du bist Israels Lehrer und weißt das nicht?“ Die liberale Theologie führt dazu, dass man die in ihr Sozialisierten oft fragen muss: „Du bist der Kirche LehrerIn und weißt das nicht?“

Wenn die Kirche nicht über die Realität des Bösen und der Sünde spricht, hat sie keinen Grund, über Vergebung und Versöhnung zu sprechen. Dann kann sie auch nicht mehr Geldgier oder Rassismus „Sünde“ nennen. Sie verweigert der Welt das eigentlich Besondere an ihr und ist dann schlicht und einfach überflüssig.

Eine Luther-Botschafterin, die nicht weiß, dass das gerade Luthers großer Beitrag war, uns den „In-sich-verkrümmten Menschen“ vor Augen zu führen und zu insistieren, dass Christen keine besseren Menschen, sondern begnadete Sünder sind, die von Gottes Vergebung und Bewahrung leben, ist bemerkenswert.

Henryk M. Broder schreibt treffend dazu:

„Der Preis des Glücks liegt in der Entkoppelung von der Realität. Wie Truman Burbank, gespielt von Jim Carrey in der ‚Truman Show‘, haben wir uns in einer virtuellen Welt gemütlich eingerichtet, aus der das Böse verbannt wurde. Niemand ist böse. Niemand meint es böse, nicht einmal die Taliban oder die Kopfjäger des Islamischen Staates. Auch die Täter sind, genau genommen, Opfer historischer oder gesellschaftlicher Verhältnisse; wenn es nicht die Kolonialzeit ist, die nachwirkt, dann eine schwierige Kindheit voller Entbehrungen. Es gibt keinen Konflikt, den man nicht friedlich, auf dem Verhandlungswege, lösen könnte. Am Hindukusch ebenso wie in Neukölln.“ (Quelle)

Wessen Daten?

15. Januar 2015 von · Schreiben Sie einen Kommentar 

Leserbrief zum Weltverfolgungsindex

Leserbrief zum Artikel „Wo der Hass auf Christen besonders groß ist“ von Mathias Kamann, DIE WELT 7.1.2015

Abgedruckt in DIE WELT 8.1.2015, S. 2 und gekürzt 9.1.2015, S. 2

[kursiv] = im Druck gekürzt, bzw. in zweiter Fassung einen Tag später

[Herzlichen Dank für ihre wirklich gute Zusammenfassung des Weltverfolgungsindex und den darüber hinaus gehenden strategischen Überlegungen.] Da das Internationales Institut für Religionsfreiheit [vertreten durch unser Kapstädter Büro] jährlich eine unabhängige Überprüfung des Weltverfolgungsindex durch internationale Experten vornimmt – wobei wir [– gewissermaßen wie Wirtschaftsprüfer –] vor allem stichprobenartig [die komplette Datenbasis von drei von uns ausgewählten Ländern durch-] vorgehen, würde ich gerne ihre Kritik an gewissen Aspekten kommentieren:

Erstens: Natürlich können Sie den veröffentlichten Teilen des Berichts nicht die Gewährsleute und die Fragebögen für jedes Land entnehmen. Aber die wissenschaftliche Methodologie ist veröffentlicht und das Angebot steht und wird genutzt, dass Wissenschaftler Einsicht in die Datenbasis und die Originalauskünfte nehmen – wir tun das regelmäßig. Das ist ein gewaltiger Fortschritt im Vergleich zur Situation vor 5 Jahren.

Zweitens: Die Zahl von 100 Millionen verfolgten Christen ist kein Bestandteil des Originalberichtes und wird durch die Fragebögen und Experten nicht erhoben oder erfasst. Es ist eine grobe Schätzung, was man sicher deutlicher sagen sollte.

Drittens: Der Vergleich mit dem ökumenischen Bericht der DBK und EKD hinkt etwas, da dafür keinerlei eigene Daten erfasst wurden, sondern die Angaben des amerikanischen PEW-Think Tank übernommen wurden, die wiederum überwiegend amerikanische Regierungsberichte zusammenfassen. Hier wird Christenverfolgung nicht eigens thematisiert, sondern nur gesagt, dass keine Religion in mehr Ländern bedrängt wird als das Christentum, gefolgt vom Islam, kein Wunder, sind es ja auch die Religionen, die es in den weitaus meisten Ländern gibt.

Viertens: Es ist richtig, dass es schade ist, dass wir keine entsprechenden Daten zu anderen Religionen haben. Das ist aber eine Frage der Finanzen: Da derzeit niemand weltweit solche Forschung finanziert, können das nur private Spendenorganisationen leisten, und die kommen zu dem Thema derzeit fast ausschließlich aus dem christlichen Bereich. Wir fordern schon lange eine konzertierte Aktion zur globalen Datenerhebung, die weder auf eine Religion abzielt, noch regional stark gefärbt ist (wie die amerikanischen Berichte), aber die Wissenschaft behandelt das Thema immer noch sehr stiefmütterlich. Das einzige Land, das ich kenne, in denen alle Religionen einschließlich des Islam gemeinsam derartige Daten erfassen, ist Indonesien. Allerdings ist Open Doors zu danken, die dafür nötige Vorarbeit durch ihre Art der Erfassung geleistet zu haben, die leicht auf andere Religionen zu übertragen ist.

Fünftens: Schließlich stellen Sie die Frage, ob es sich in Mexiko (und anderen Situationen) wirklich um Christenverfolgung handelt, und bringen dabei eine korrekte Definition ein. Bei einem derart umfangreichen Datenwerk werden solche Einzelfragen immer möglich bleiben. Insgesamt aber zeigt unsere Überprüfung, dass die Definition von Christenverfolgung für alle Länder gleich angewendet wird, und das ist das Wichtigste für ein solches Ranking.

Thomas Schirrmacher, Bonn, Direktor des Internationalen Instituts für Religionsfreiheit, Präsident des Internationalen Rates der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte

Man kann nur für Menschenrechte kämpfen, wenn man Korruption bekämpft

10. Januar 2015 von · Schreiben Sie einen Kommentar 

Interview mit den Autoren des neuen Buches „Korruption“ David und Thomas Schirrmacher

Korruption_CoverBonner Querschnitte: Warum sollte jemand, der selbst nicht korrupt oder von Korruption betroffen ist, Ihr Buch lesen?

Thomas Schirrmacher: Korruption ist kein privates Problem und kein Kavaliersdelikt. Korruption kann töten, etwa wenn minderwertige Ersatzteile in Flugzeuge eingebaut werden oder Entwicklungsgelder für Hungernde privat abgezweigt werden. Von Korruption sind alle oder wenigstens sehr viele betroffen, auch wenn sie es meist nicht unmittelbar merken oder wissen. Alle sind davon betroffen, weltweit aber am meisten die Ärmsten der Armen, etwa wenn entscheidendes Geld für Trinkwasser oder medizinische Versorgung fehlt.

David Schirrmacher: Korruption selbst ist Wirtschaftskriminalität, aber zugleich ist sie eine dauerhafte Begleiterscheinung aller anderen Arten von Wirtschaftskriminalität. Schwarzgeldkonten, Kartellabsprachen, Menschenhandel, organisierte Schwarzarbeit, Zwangsprostitution oder Insideraktienhandel sind praktisch alle nicht zu haben, wenn man nicht „schmiert“.

BQ: Gibt es eine Besonderheit Ihres Buches?

David Sch.: Es ist kurz+bündig! Ein Fernsehkrimi weniger und man weiß Bescheid.

Thomas Sch.: Wir haben im Buch ungezählte konkrete Beispiele für Korruption kurz dargestellt, sehr übersichtlich in jeweils einem Absatz und mit Stichworten darüber, für welche Art von Korruption das Beispiel steht.

David Sch.: Wie die Logos hinten zeigen, wird das Buch für Kampagnen der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte, Gebende Hände, der Micha-Initiative und von StoppArmut 2015 in der Schweiz eingesetzt. Es ist also ein echtes Buch für Leute, die etwas verändern wollen!

BQ: Haben Sie ein paar Zahlen für uns?

David Sch.: Die Weltbank schätzt, dass jedes Jahr mehr als eine Billion Dollar in korrupte Kanäle fließen. Die Beseitigung der extremsten Armut (Menschen, die von weniger als 1,25 US-Dollar am Tag leben) würde geschätzte 60 Milliarden US Dollar pro Jahr kosten. Bei industriellen Großprojekten munkelt man selbst innerhalb von Deutschland, Österreich und der Schweiz von 3 Prozent des Auftragswertes als Schmiergeldsumme. Internationale Manager gehen davon aus, dass Korruption die Projektkosten im Schnitt um 10 Prozent erhöht.

BQ: Aber betrifft uns das in den deutschsprachigen Ländern wirklich?

Thomas Sch.: Immer neue Sensationsartikel und Prozesse bringen es an den Tag: Korruption und Bestechlichkeit greifen auch in den deutschsprachigen Ländern immer mehr um sich, im kleinen, im mittleren wie im ganz großen Bereich. Noch in den 1980er Jahren galt Korruption vornehmlich als ein nationales Problem der weniger entwickelten Staaten. Dann erschütterte die Flick-Affäre die Republik.

David Sch.: Was uns einst nur aus dem Globalen Süden oder aus Italien bekannt zu sein schien, wird mehr und mehr auch bei uns alltäglich. Der unbestechliche Beamte, einst Leitbild preußischer Disziplin, wird seltener und ist nicht mehr Leitbild etwa für Ausbildung oder Auswahlverfahren. Wenn auch die Richterschaft in Deutschland, Österreich und der Schweiz selbst noch weitgehend von Bestechungsfällen ver­schont geblieben ist, greift das „Schmieren“ etwa bei Botschaften, bei Zoll und Polizei, in Behörden und Aufsichtsgremien immer mehr um sich, um vom Bereich der Wirtschaft einmal gar nicht zu sprechen.

Thomas Sch.: Sicher gibt es auch gute Zeichen. So geben laut Eurobarometer statistisch gesehen 0 Prozent der Deutschen an, sie hätten mit Bestechung von Polizisten Erfahrung. (In Österreich sind es 2 %, die Schweiz wird nicht erfasst.) In Lettland liegt die Zahl innerhalb der EU mit 8 % am höchsten.

Aber leider stehen auf der anderen Seite auch in Deutschland auch Korruptionsaffären, die die Spitzen des Staates involvieren. Die CDU-Spendenaffäre rund um das Jahr 1991 wurde 1999 aufgedeckt, 2000 trat der frühere Bundeskanzler Helmut Kohl als CDU-Ehrenvorsitzender zurück. Bundeskanzler Gerhard Schröder peitschte 2005 kurz vor seiner Abwahl die russische Ostsee-Gaspipeline durch, gab nach der Wahl – als er nur noch geschäftsführend im Amt war – unter Ausschluss der Öffentlichkeit einen großzügig ausgestatteten Milliardenkredit zum Bau einer Gaspipeline von Russland nach Deutschland. Er erhielt wenige Wochen nach der Wahl von Wladimir Putin ein sehr lukratives Aufsichtsratsmandat, das bis heute seinen Lebensabend verschönert.

BQ: Was haben Korruption und Moral miteinander zu tun?

Thomas Sch.: Korruption ist von Geheimnissen bestimmt. Deswegen sind Tarnen ebenso wie Verschleiern, Täuschen, Lügen, Betrügen und Vertrauensverrat immer Bestandteile der Korruption.

David Sch.: Bis zur Finanzkrise galt die Umgehung von Gesetzen, Regeln und Moral zum eigenen Vorteil sehr vielen Bundesbürgern als pfiffig und verständlich. Mit der Finanzkrise wurde aber offensichtlich, dass einige wenige unmoralisch Handelnde Millionen, ja Milliarden Menschen in ihrer Existenz gefährden können. Ein Mensch hat vielleicht eine Jacht mehr, aber Millionen können plötzlich die Lebensmittelpreise nicht mehr bezahlen oder verlieren ihr Erspartes.

BQ: Ihre eigentliche Motivation?

Thomas Sch.: Wir haben uns als Menschenrechtler das Thema Korruption vorgenommen, weil ein erheblicher Teil der Menschenrechtsverletzung erst durch Korruption ermöglicht wird oder die Strafverfolgung bei Menschenrechtsverletzungen wegen korrupter Justiz nicht funktioniert.

David Sch.: Ein ganzes Buch könnte man füllen, um zu belegen, wie oft es wenig Sinn hat, gegen Menschenrechtsverletzungen vorzugehen, wenn man nicht gleichzeitig gegen Korruption vorgeht.

Thomas Sch.: Außerdem denken wir, dass überzeugte Christen verpflichtet sind, gegen Korruption aufzustehen. Der Vater des Pietismus, dem wir uns zurechnen, Philipp Jakob Spener (1635-1705), schrieb 1675 in seiner Hauptschrift „Pia Desideria“ („Fromme Wünsche“), wie schrecklich es sei, dass selbst Christen sich durch Korruption „Vorteile“ verschafften, die „dem Nebenmenschen … beschwerlich sind, ja ihn gar unterdrücken und aussaugen“. Die alttestamentlichen Propheten sahen in der Bekämpfung von Korruption und Habgier den besten Weg zum Schutz der Armen und Rechtlosen. Dem können wir uns nur anschließen.

BQ: Ist Korruption kulturell bedingt? Ist Korruption etwas, dass die ganze Menschheit gleichermaßen definiert und verurteilt? Oder hängt die Definition von Korruption so stark an der jeweiligen Zeit und Gesellschaft, dass man gar keine internationalen Vergleiche ziehen kann?

Thomas Sch.: Korruption ist unseres Erachtens so etwas wie Folter, das immer und überall falsch ist, gleich in welcher Kultur. Es gehört nicht in einen Topf etwa mit Steuerhinterziehung, die man nur in einem bestimmten Jahr und Land definieren kann und die sich je nach Steuergesetzgebung ändert.

David Sch.: Sicher gibt es große kulturelle Unterschiede im Verständnis von öffentlichen Ämtern, etwa im Umgang mit Geschenken, in der Bezahlung von Staatsbediensteten. Und natürlich gab es lange große Unterschiede, welche Art von Korruption bestraft wurde und wie das geschah, auch wenn es in den letzten Jahren eine gewaltige internationale Angleichung der Gesetzgebung gab. Dennoch gibt es von Zweifelsfällen abgesehen viele Arten von Korruption, die die große Mehrheit aller Erdenbürger für falsch und verwerflich hält. Spätestens wenn in fast jeder Revolution die Herrschenden für völlig korrupt gehalten werden und der starke Wunsch da ist, nichtkorrupte Politiker an die Stelle zu setzen, zeigt sich, dass selbst in sehr korrupten Gesellschaft das generelle Wissen vorhanden ist, dass dies nicht so sein sollte und der Gesellschaft schadet.

Thomas Sch.: Ägypten beispielsweise ist eine von Korruption gebeutelte Gesellschaft. Trotzdem oder gerade deswegen konnte Mohammed Mursi mit dem Versprechen Präsident werden, die Korruption zu beenden und für die Armen da zu sein. Dass die Bevölkerung ihn schon ein Jahr später wieder loswerden wollte, lag auch daran, dass er sich als so korrupt wie seine Vorgänger erwies.

David Sch.: Das Argument, die Korruptionsbekämpfung sei kultureller Imperialismus und man müsse akzeptieren, dass es Kulturen gebe, in denen das Beschenken von Amtsinhabern einfach üblich sei, hat seine Durchschlagskraft eigentlich 2003 verloren, weil seitdem 170 Länder der Erde freiwillig die UN-Konvention gegen Korruption ratifiziert haben, und das, obwohl die Konvention über alles hinausging, was bis dahin bereits an Antikorruptionsabkommen etwa in den USA und Europa vorhanden war.

BQ: Wie definieren Sie Korruption?

Thomas Sch.: Als Missbrauch von anvertrauter Macht zum privaten Vorteil.

David Sch.: Der private Nutzen muss nicht der eigene sein, es kann sich auch um einen Dritten oder um eine Organisation handeln, etwa die eigene Partei. Bestechung kann durch viel mehr als nur durch Geld und materielle Zuwendungen geschehen. Man kann Menschen mit Ämtern, Titeln, Ehren, Orden oder Beförderung bestechen, mit Mitgliedschaften, Insiderwissen oder sexuellen Dienstleistungen.

BQ: Was kann man denn konkret gegen Korruption tun?

Thomas Sch.: Man muss nicht warten, bis im Einzelfall jemand korrupt wird, sondern alle Systeme von vornherein so anlegen, dass sie mit Korruption rechnen und ihr von Anfang an wehren. Sicher, viele Menschen sind nicht korrupt, aber sie werden sich an solchen Präventionsmaßnahmen, Überprüfungen und Strafen nicht stören. Alle anderen aber sollten von Anfang an wissen, dass Korruption konsequent angegangen wird.

David Sch.: Es gibt wichtige Erfahrungsregeln, die man in jedes System und jede Firma einbauen sollte, etwa, dass Kontrolle unbedingt die unmittelbare Inaugenscheinnahme von Dokumenten und Ergebnissen beinhaltet (also etwa des gekauften Gutes, der Bauten oder Veranstaltungen vor Ort), oder dass nie nur eine Person von Anfang bis Ende allein für einen Einkauf oder ein Projekt verantwortlich sein sollte. Umgekehrt lehrt etwa die Erfahrung, dass Rotation und Umgruppierung von leitenden Mitarbeitern nicht immer die Lösung ist. Dadurch kann Korruption auch allmählich im ganzen System verbreitet werden.

BQ: Kann jeder von ihnen noch einen konkreten Vorschlag äußern?

Thomas Sch.: Bewährt haben sich Antikorruptionsbeauftragte (besonders in Behörden, aber auch in Firmen und NGOs), sie sollten aber erfahrene Rechnungsprüfer sein und den tatsächlichen Betrieb im eigenen Haus mit seinen Heimlichkeiten kennen, das heißt, sie sollten nicht nach politischen Gesichtspunkten oder leistungsfremden Kriterien ausgesucht werden.

David Sch.: Ein Ethikkodex sollte schriftlich vorliegen, verständlich sein, gute Gründe nennen, für alle vom Größten bis zum Kleinsten gleichermaßen gelten, disziplinarische Konsequenzen benennen, Ansprechpartner und Vermittlungsgremien angeben. Zudem muss es ein gelebtes Dokument sein, das klar kommuniziert wird und immer wieder Gegenstand von Besprechungen auf allen Ebenen ist.

BQ: Herzlichen Dank für das Gespräch!

 

Bibliografische Angaben:

  • Thomas und David Schirrmacher. Korruption – Wenn Eigennutz vor Gemeinwohl steht. Hänssler Kurz und Bündig. SCM-Hänssler: Holzgerlingen, 2014. Pb. 112 S. ISBN 978-3775155243. 7,95 EUR [D]
  • Das Buch ist über den örtlichen Buchhandel oder online bei www.genialebuecher.de zu beziehen.

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Meine Erfahrungen als Vertreter der WEA bei der Vollversammlung des ÖRK in Busan 2013

22. Dezember 2014 von · Schreiben Sie einen Kommentar 

Ein Kommentar von Thomas Schirrmacher

Kooperation

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Plenarrede von Thomas Schirrmacher

Das Bemühen des Ökumenischen Rates der Kirchen, der evangelikalen Bewegung nicht feindlich, sondern freundlich zu begegnen, und ihre Sichtweise überall zu erfragen und einzubeziehen, war auf der Vollversammlung in Busan überdeutlich. Sie kam auch darin zum Ausdruck, dass Vertreter der Weltweiten Evangelischen Allianz (WEA) in verschiedenen Kommissionen mitarbeiten und dort gegebenenfalls auch ihre Bedenken ungehindert darlegen konnten.

So gehörte Rolf Hille als Vertreter der WEA dem Programmkomitee an. Ein Mitglied der Missionskommission der WEA ist Mitglied der Kommission für Weltmission und Evangelisation (CWME) des ÖRK. Ich selbst wurde als Mitglied des Ausschusses für öffentliche Fragen berufen, der die Erklärungen der Vollversammlung erarbeitete, und von dort als Vorsitzender des Komitees eingesetzt, dass die Erklärung gegen religiöse Gewalt, für Religionsfreiheit und auch gegen Christenverfolgung verfasst hat, die die Vollversammlung dann verabschiedet hat.

Beeindruckend war, wie herzlich wir in Busan aufgenommen wurden und wie viel Raum wir bekamen, unsere gemeinsamen, wie auch unsere abweichenden Positionen darzustellen. Wir hatten durch eigene Workshops, Kurzvorträge in Workshops, viele Wortmeldungen und Mitarbeit in Kommissionen völlig frei die Möglichkeit, unsere Sicht der Dinge einzubringen, meist mit breiter Zustimmung der Delegierten und Mitgliedskirchen des ÖRK. Wir hatten sogar zwei Veranstaltungen im offiziellen Programm, in denen die WEA-Repräsentanten ihre Linie abstimmen konnten. Außerdem stand uns eine riesige Standfläche für den viel frequentierten Stand des Internationalen Instituts für Religionsfreiheit zur Verfügung, an dem Joseph Yakubu und Christof Sauer täglich 10 Stunden mit insgesamt über 1000 Delegierten sprachen.

Die WEA hat deutlich gemacht, dass sie dem ÖRK dankbar für die ausgestreckte Hand ist, die es ermöglicht, unsere Sicht überall einzubringen. Sie sieht, dass die Zusammenarbeit im Global Christian Forum, im Forum der Secretary of Christian World Communions und im fünfjährigen Prozess, der zum gemeinsamen Dokument von Vatikan, ÖRK und WEA „Christliches Zeugnis in einer multireligiösen Welt“ führte, und bei gemeinsamen Aktionen für Menschenrechte usw. Früchte tragen.

Als Vorsitzender des Unterausschusses zur Religionsfreiheit erlebte ich also das Entstehen der Erklärung gegen religiöse Gewalt der Vollversammlung aus nächster Nähe, vor allem in Zusammenarbeit mit orientalischen Bischöfen aus der islamischen Welt. Es wurde sehr deutlich, dass der Einsatz der WEA für verfolgte Kirchen auch die ökumenischen Beziehungen verändert und uns Evangelikalen gerade auch mit solchen Mitgliedskirchen des ÖRK zusammenbringt, die früher außerhalb unseres Interesses lagen. Dass ich im ablaufenden Jahr zahlreiche Patriarchen östlicher Kirchen samt des koptischen Papstes traf (ebenso wie die Leiter der meisten evangelischen weltweiten Zusammenschlüsse, etliche Kardinäle und den Papst), liegt da auf einer Linie. Die vielen positiven Reaktionen auf meine Plenarrede in Busan zeigten mir, dass die weltweite kirchlich-konfessionelle Landschaft Verschiebungen wie seit einem halben Jahrhundert nicht mehr erlebt.

Missionspapier

Im Ergebnis sind die auf der Vollversammlung verabschiedeten Texte durchweg für die WEA nicht zu beanstanden oder unterstützenswert.

Im Missionspapier des ÖRK bzw. seiner Missionskommission (CWME) „Together Towards Life: Mission and Evangelism in Changing Landscapes“, das bereits ein Jahr vor der Vollversammlung vom Zentralkomitee des ÖRK am 5.9.2012 verabschiedet worden war und von einigen Evangelikalen in Deutschland heftig kritisiert wurde, ist unsere Sicht der Mission in einigen von der WEA bzw. evangelikalen Theologen mit formulierten Paragrafen zur verbalen Weitergabe des Evangeliums präsent, auch wenn das lange Dokument daneben viele richtige Ziele für unser Handeln auflistet, die wir zwar prinzipiell teilen, die wir aber nicht unbedingt unter dem Stichwort ‚Mission‘ angeführt hätten, sondern allgemein als das, was gerecht und gut für die Welt ist. Diese Ziele entsprechen über weite Strecken der Kapstädter Erklärung, die von der Theologischen Kommission der WEA mit verfasst wurde. Bedauerlich war, dass das Plenum zur Mission und zum Missionspapier recht einseitig nur bestimmte Aspekte des Papiers betonte, nicht aber den holistischen Ansatz. Die Aussage eines katholischen Referenten, der Heilige Geist sei der Ursprung aller Religionen, war denn aber nicht repräsentativ, wie die Reaktionen zeigten. Dass er sich dafür ausgerechnet auf Papst Benedikt XVI. berief, entbehrte nicht einer gewissen Komik.

Synkretismus

Auffällig war, dass traditionell von uns kritisch gesehene Elemente der Vollversammlungen des ÖRK diesmal praktisch völlig fehlten. So fanden keine nichtchristlichen religiösen Riten im offiziellen Programm statt. Also wurde auch in den Plenarveranstaltungen kein einziges Mal – wie früher üblich – Zeremonien anderer Religionen vollzogen. Es gab nur vereinzelte kurze Grußworte von Vertretern anderer Religionen, etwas länger sprach nur der jüdische Vertreter, was ja aber sowieso auf einer anderen Ebene liegt.

Homosexualität

Offensichtlich ist, dass der Ökumenische Rat der Kirchen zunehmend zu Themen schweigt, die unter den Kirchen umstritten sind. So kam das für die ökumenischen Beziehungen weltweit brandgefährliche Thema Homosexualität praktisch nicht vor, wenn man von dem deutlichen Statement des russisch-orthodoxen Metropoliten Hilarion vor der geschlossenen Geschäftssitzung und von einigen Ständen in der Ausstellung einmal absieht. Dass sich der ÖRK und seine Leitung trotz wiederholter Anfrage weigerte, irgendeine positive Stellungnahme zur Homosexualität abzugeben, verärgerte manche Mitgliedskirchen und angereiste Lobbygruppen sehr, wurde aber trotzdem von allen Beteiligten erfolgreich durchgehalten.

Demonstranten

Die WEA distanzierte sich bewusst von den plakativen Aktionen und Äußerungen einiger extremer evangelikaler Gruppen außerhalb der Vollversammlung und führte die Diskussionen mit dem ÖRK im direkten Gespräch, nicht über die Medien.

Ich habe mich namens der WEA und ihres Generalsekretärs in Busan von den Demonstranten deutlich distanziert. Nicht einzelne Protestierer hatten jedes Maß verloren, sondern alle, weswegen sie auch nur einen Bruchteil der Evangelikalen in Korea repräsentierten. „Tod dem Weltkirchenrat“ stand auf vielen Plakaten, der Generalsekretär des ÖRK (wie ich auch) wurde als Antichrist verleumdet, übelste Beschimpfungen wurden ausgesprochen, auf dem Gelände der Vollversammlung waren oft störend laut die Megaphone zu hören. Polizeieinsatz zur Entfernung von Eindringlingen, die widerwärtige Flugblätter verteilten, das Verschmieren von Exkrementen auf die Bühne während eines laufenden Gottesdienst in der Kirche des Vorsitzenden des Host-Komitees, in Korea noch unvergleichlich viel schambesetzter als bei uns: Das alles hat nichts mit theologischer Auseinandersetzung zu tun, sondern mit Politik und fast schon Gewalt, und hat nichts mit dem zu tun, wie die WEA theologische Differenzen diskutieren möchte.

Auch die drei inhaltlichen Hauptwürfe der Demonstranten liefen ins Leere.

Der Vorwurf des Synkretismus der Demonstranten an den ÖRK wurde durch die Generalversammlung selbst widerlegt, in der – wie gesagt – im offiziellen Programm, vor allem in den Plenarveranstaltungen, nicht ein einziges Mal – wie früher üblich – Zeremonien anderer Religionen vollzogen wurden. Diese und manch andere deutliche Verbesserungen hätten erwähnt werden müssen.

Der Vorwurf, öffentlich für Homosexualität einzutreten, entsprach – wie wir gesehen haben – ebenfalls nicht der Wahrheit. Die Demonstranten mussten doch wissen, dass zum Weltkirchenrat ebenso Kirchen gehören, die für Homosexualität eintreten, als auch solche – etwa orthodoxe oder evangelikale – Mitgliedskirchen, die Homosexualität für nicht mit dem Willen Gottes vereinbar halten.

Der Vorwurf an den ÖRK, den Kommunismus zu fördern und zu vertreten und der Vorwurf der Steuerung durch kommunistische Länder und Geheimdienste stammt aus der Zeit des Kalten Krieges, der in Korea noch anhält, hat aber nichts mit dem realen ÖRK der Gegenwart zu tun.

Grußwort Busan

The World Evangelical Alliance greets the Assembly of the World Council of Churches

Greetings

Thank you very much for the invitation to bring greetings to the plenary session of the General Assembly of the World Council of Churches and its many member churches from around the globe represented here – on behalf of the World Evangelical Alliance representing churches with some 600 million Christians worldwide. I do this on behalf of our Secretary General, Geoff Tunnicliffe, the Director of Ecumenical Affairs, Rolf Hille, who is among us, as well as on behalf of the International Council, the Theological Commission, the Religious Liberty Commission, and the Mission Commission which are all represented at this Assembly.

“Christian Witness in a multicultural World”

When the Evangelical Alliance was established in 1846 it sought to work in four primary areas of concern:

Christian unity

Human rights, and in particular at that time the abolition of slavery

World Evangelism

Religious freedom for all

One hundred and sixty years later these are still primary commitments of the World Evangelical Alliance.

Those four areas never were combined more clearly than in the first-ever joint document signed by the Vatican, the World Council of Churches and the World Evangelical Alliance, entitled “Christian Witness in a Multi-Religious World: Recommendations for Conduct”. The General Secretary of the World Council of Churches already emphasized its historic importance in his report to the General Assembly. The document speaks clearly against any kind of unethical way of doing mission. Witnessing to the gospel should never be done in a way that overrules the human dignity and the human rights of others. This is a document that fulfills all four of the historic concerns of the WEA: Christian unity, human rights, a positive outlook on mission and evangelism, and a major step towards religious freedom. Having been involved in the process for five years myself, I was amazed about the agreement found in the first sentence:

“Mission belongs to the very being of the church. Therefore proclaiming the word of God and witnessing to the world is essential for every Christian. However it is necessary to do so according to gospel principles, with full respect and love for all human beings.”

We are grateful to the World Council of Churches for its flexibility in including the World Evangelical Alliance in this project and keeping the process going for several years. Finally, the World Evangelical Alliance became a full partner in the drafting, with the result that our members in 128 nations agreed to the text. This has resulted in a historic document in which for the first time the three large global Christian bodies representing the majority of world Christianity have spoken with one voice. Presently the document goes from one country to the next and furthers Christian unity on a very broad base.

Global Christian Forum

Thus, the WCC and WEA have a common experience in giving Christian unity worldwide a higher priority than furthering their own organizations. One well developed example – again together with the Roman Catholic Church – is the Global Christian Forum, which the World Evangelical Alliance fully endorses on a global and on a regional level. This open platform makes it obvious that our organizations are no longer the main focus, but the unity of Christians itself. And it reaches out to those churches and Christians who for some reason or the other are still outside any global ecumenical community. The Global Christian Forum can become a useful resource in helping resolve some of the ongoing conflicts within the Christian family. In particular I mention the situation in the Middle East and Holy Land.

Holistic mission

“Evangelical” is a broad term that can be used to designate all kind of groups. Definitions vary. So we ask you not to mix what so called “Evangelicals” do and say and what the World Evangelical Alliance stands for. We want to take responsibility for what we as a global community say and do, but we cannot influence what happens outside our membership. Often enough we are ourselves the goal of attacks by others.

Evangelism is the proclamation in word, deed and Christian character of the saving work of Jesus Christ on the cross and through the resurrection. He alone overcame sin and can forgive and overcome sin. Yes, evangelism lies at the core of the identity of being evangelical. Our churches are committed to seeing the gospel proclaimed and demonstrated in all nations of the world. The WEA stands for what we call holistic evangelism or integral mission. We emphasize the connection between both proclaiming the good news of Jesus Christ in word and practicing it in our actions. Both are necessary for the integrity of the gospel. Furthermore, personal conversion must result in the growth of Christian character and witness. There have been times when mistakes have been made and evangelicals have struggled to link the proclamation of the gospel with acts of justice and peace. Yet in our history there have been many strong voices and lives that exemplify the holistic nature of evangelism and – by God’s grace – are on a good path to recover this aspect of witness to the gospel in the world.

Further, I would add that the WEA is deeply committed to biblical engagement. While there are more Bibles available in our world than ever before we find growing biblical illiteracy. Given the reality that our work and mission in the church is built on the authority of the Scriptures we must emphasize a recommitment to not only reading but following the Holy Scripture. This also is the necessary backing for holistic mission, as it is the Bible that also calls us to feed the hungry, help the poor, speak for the oppressed and utter our prophetic voice against structural evils in societies such as corruption or racism.

Religious Freedom /Korea

As mentioned,  religious freedom was a central focus of the WEA already as early as the mid-19th century, as was the fight for freedom and human rights, at that time especially in the fight against slavery. Our International Institute for Religious Freedom is offering a workshop and a Madang exhibition stand in Busan.

I cannot finish my greetings without mentioning our lovely host country. We join others in working towards the reunification of Korea. Coming from Germany I can understand the feelings accompanying this, even though the situation of the two divided countries is very different in detail. But as in Germany we believe that human rights and freedom, including religious freedom, is the real goal, and reunification can be the result or even the means to achieve this, not the other way round. South Korea has a good history progressing from dictatorship to a functioning democracy. Receiving many shocking reports about the situation in North Korea, we want to work and pray for a day when the people in North Korea will experience freedom including religious freedom, and Christians in the North and South can unite in worshiping the Saviour.

Blessing

Thus we ask God’s blessing on all the ongoing work of the Assembly of the WCC. May God the Father give us all the strength to work on behalf of his creation. May Jesus Christ, Son of God, who saved us from sin and death, be our example willing to give his live for the good of others. And may the Holy Spirit keep us all from evil ways and unjust thoughts and lead us into the growing truth promised to his church on earth.

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Thomas Schirrmacher