Thomas Schirrmacher
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Bitte um Rat oder Mitarbeit: Stammt die historisch-kritische Methode wirklich aus der Literatur- oder der Geschichtswissenschaft?

27. November 2014 von · Schreiben Sie einen Kommentar 

Kann man wirklich sagen, dass die Theologie mit den historisch-kritischen Methoden wirklich die Methoden der Geschichts- oder Literaturwissenschaft übernommen hat und sich auch weiterhin an deren Entwicklung in anderen Wissenschaft orientiert?

Ich kann nicht erkennen, dass sich die Theologie an der Geschichtswissenschaft orientiert hat oder heute orientiert, lasse mich aber gerne eines Besseren belehren.

Ich finde auch den Ausdruck „historisch-kritische Methode“ nicht als einschlägigen Fachausdruck in Standardwerken der gegenwärtige Geschichtswissenschaft oder Sprachwissenschaft (etwa Altphilologie). Aber ich lasse mich gerne eines Besseren belehren. Also: Wer kann mir mit mich korrigierenden Literaturhinweisen helfen, wo und dass nichttheologische Disziplinen ihre Arbeitsweise vor allem als „historisch-kritisch“ bezeichnen? Wer kennt Beispiele dafür, dass sich einflussreiche Theologen des letzten Jahrzehntes konkret informieren, wie die Geschichtswissenschaft heute arbeitet? Gibt es Beispiele dafür, dass Fortschritte im Bereich der Geschichts- oder Literaturwissenschaft auch die Theologie veränderten?

Oder sollte die historisch-kritische Theologie nur ihrer eigenen, eben theologischen Tradition folgen, und nur behaupten, sie sei nicht speziell theologisch, sondern auf dem immer neuesten Stand anderer Fachdisziplinen?

Leopold von Ranke (1795–1886) gilt als „Begründer der historisch-kritischen Geschichtswissenschaft in Deutschland“ (Berthold Seewald, 5.8.2008). Mein Urgroßvater Friedrich-Wilhelm Schirrmacher war einer seiner bedeutendsten Schüler, weswegen ich die einschlägigen Schriften besitze.

Ranke ist einer der, wenn nicht der Begründer der modernen Geschichtswissenschaft. Ab 1810 setzte sich der Historismus durch, der an die Stelle der vornehmlich philosophischen und erzählenden Geschichtsbetrachtung einen systematischen und quellenkritisch arbeitenden Ansatz stellte. Die Geschichtswissenschaft wird professionalisiert und soll aufzeigen, „wie es eigentlich gewesen“ ist. Ranke geht es um möglichst große Objektivität bei der Wiedergabe der Geschichte. Dass von Ranke und seine Schule die Theologie beeinflusst hätte, kann ich nicht ersehen. Und so sehr wir heute nüchterner sehen, dass Neutralität und Objektivität nicht völlig möglich sind, bleibt das Ideal doch im Hintergrund und bis heute arbeiten sich alle neuen Ansichten an Ranke ab.

Die historisch-kritische Jesusforschung begann mit Hermann Samuel Reimarus (1694–1768) und seiner Betrugshypothese und mit David Friedrich Strauß (1808–1874), der an die Stelle der Betrugshypothese absichtslos erdichtete Sagen stellte und über seiner Kritik das Christentum verließ und eine eigene humanistische Religion begründete. Zu welchem Zeitpunkt wechselte die historisch-kritische Methode von dem Versuch, die Quellen des Christentums unglaubwürdig zu machen, zu einer ergebnisoffenen Geschichtswissenschaft?

Natürlich gibt es „historisch-kritische“ Textausgaben in allen Geisteswissenschaften. Aber entsprechende textkritische Ausgaben der Bibel oder des Neuen Testamentes gab es schon bei den Kirchenvätern und Reformatoren, das heißt sie waren keine Neuerung der „historisch-kritischen Theologie“. Deswegen unterscheidet das Englische diese Textkritik als „lower criticism“ von „higher criticism“, wenn es um die Inhalte geht.

Brief vom 1.9.1838 an meinen Ururgroßvater wegen schlechter Schulleistungen meines Urgroßvaters Prof. Dr. Friedrich-Wilhelm Schirrmacher

24. November 2014 von · Schreiben Sie einen Kommentar 

Den folgenden Brief seines Lehrers an seinen Vater Carl Friedrich Schirrmacher (1790–1855) hat Friedrich-Wilhelm Schirrmacher (1824–1904) aufgehoben (zu beiden siehe zuletzt meine Blogs Das Glaubensbekenntnis meines Ururgroßvaters und Leopold von Ranke über meinen Großvater Friedrich Wilhelm Schirrmacher von Oktober 2010). Er beweist einmal mehr, das schlechte Schulleistungen kein Indikator dafür sind, dass man später nicht zu Leistungen in der Wissenschaft fähig ist. Mein Urgroßvater schrieb auf den Umschlag:

Dieses energische Eingreifen meines heiß geliebten Lehrers in meine von den Zielen vorgeschriebener Pflichten ablenkenden Liebhabereien hat das Verdienst einen Wendepunkt in meinem Leben zu bezeichnen.

Fr. Schirrmacher

Rostock, nach Marquardt’s Tode. 30.Nov. 1882

Herrn Oberlehrer Schirrmacher Westgarben (?)

Euer Wohlgeboren,

werden aus der beifolgenden Censur sehen, daß es nach den Ferien mit Ihrem Sohn schlecht gegangen ist. Schon seine schriftlichen Ferienarbeiten waren unvollständig, ohne daß er dafür eine Entschuldigung brachte, gelernt aber hatte er gar nichts. Auch nach den Ferien hat er sich keineswegs angestrengt, und ich habe gestern, als ich wegen einer fehlenden Präperation, die er übrigens zu haben vorgab, als ich ihn aber nach Hause schickte, nicht bringen konnte, ihn nach der Stunde noch besonders zu Rede steckte, erfahren, daß er sich mit allerlei zeitraubenden u weniger nützlichen Dingen beschäftigt, die ihm zu seinen Schularbeiten die Zeit rauben. Er macht nämlich als Geschenk für Sie einen Atlas, was ich insofern lobe, als er später eine Freude dadurch zu machen denkt, was ihn jedoch so sehr in Anspruch nehmen muß, daß ich kein Bedenken trage, Ihnen diese Überraschung früher zu entdecken, damit Sie selbst dabei helfen mögen. Dann wie sehr Ihr Sohn im Lateinischen zurück ist, können Sie aus dem beifolgenden vorgestern geschriebenen Monatsextemporale sehen, welches das schlechteste in der ganzen Claße, und so schlecht ist, daß mit Ausnahme einiger ganz schlechter Schüler noch über 12 Fehler, von den besten nur 1, 2, 3 Fehler gemacht worden, während Ihr Sohn es bis auf 32 gebracht hat. Ich glaube nach unserer Verabredung Ihnen diese Mitteilung nun genauso schuldig zu sein, als nur durch baldige Anstrengung Ihres Sohnes hierbei geholfen werden kann, u bleibe hochachtungsvoll Ihr ergebender Marquart

Danzig, 1.Sept. 1838

Vorgeburtlich Selektion, nachgeburtlich Inklusion? oder: Das ideale Kind

21. November 2014 von · Schreiben Sie einen Kommentar 

Das Kind im deutschsprachigen Europa muss heute vor und nach der Geburt funktionieren. Die Pränataldiagnostik sorgt für eine vorgeburtliche Selektion, nachgeburtlich wird zwar im Widerspruch dazu – und ethisch allein richtig – die Inklusion gefordert, in der Realität aber hat das Kind auch dann zu funktionieren.

Mit Blick auf seine spätere Verwendung in der Wirtschaft kann das Kind nicht früh genug ‚Bildung‘ in der Tagesbetreuung und Kita bekommen, als wüssten Kinder, die dort ihre Jahre verbringen, nicht am Ende doch weniger als wir früher. Birgitta vom Lehn schreibt dazu in der WELT:

„Aber: Wie soll ein Kind denn beschaffen sein, wenn es überhaupt das Licht der Welt erblicken darf? Es hat heute ja schon im Mutterleib eine Vielzahl an Prüfungen zu durchlaufen. Stichwort Pränataldiagnostik. Dabei fahnde man heute aber nicht mehr nach Krankheiten, sondern nach Abweichungen von der Norm … Während wir nach der Geburt neuerdings ständig von Inklusion reden, geht es vor der Geburt nur noch um Selektion und Optimierung.“ (Birgitta vom Lehn. „Neulich im Zug“. WELT vom 30.11.2013; Webausgabe als „Es muss eben passen, das moderne Kind“)

„Es muss eben passen, dieses moderne Kind. Es muss sich schon von der Zeugung an bewährt haben. Es wird dann später von sich sagen können, der Embryo mit der besten Qualität, nämlich der Güteklasse A, gewesen zu sein, ausgestattet mit dem besten Genpool. Schließlich wird es funktionieren müssen, dieses Kind, es muss krippen- und ganztagsschulstauglich sein, weil beide Eltern arbeiten müssen. … Es muss sich durchsetzen können in Kita und Schule, im Leben generell, es soll auch hübsch sein; dann kommt man weiter.“

Im Leben vieler Eltern ist kein Platz mehr für nicht funktionierende Kinder. Da rät eine Topspezialistin für kindliche Früherziehung, Fabienne Becker-Stoll, Direktorin des Staatsinstituts für Frühpädagogik in München (siehe FAZ Sonntagszeitung vom 3.8.2014, „Krippe im ersten Lebensjahr? – Nein!“), Kinder ab 2 Jahren sofort aus einer Betreuung zu nehmen, wenn es dort emotional nicht zu Hause ist, und eine andere Betreuung zu finden. Sie schätzt, dass für zwei Drittel aller Kitas gilt (etwa fortwährend weint), dass wegen fehlender Qualität die emotionale Versorgung der Kinder nicht gewährleistet ist. Aber welche Eltern haben Zeit, ihr Kind erst einmal wieder nach Hause zu nehmen und nach einem besseren Platz zu suchen? Nein, die Kinder haben gefälligst zu funktionieren, und dass die Qualität der Kitas gehoben wird, mag noch ein paar Jahre dauern, was soll’s!

Lasst Kinder Kinder sein! Liebt Kinder wie sie sind. Messt sie nicht an irgendwelchen heimlichen Maßstäben, schon gar nicht an ihrem Nutzen in Zukunft. Messt Kinder auch nicht an Träumen, wie wir sie gerne gehabt hätten.

Tony Palmer (†): Der plötzliche Tod eines Freundes erinnert mich an das Zentrum unseres Glaubens

18. November 2014 von · Schreiben Sie einen Kommentar 

Mein letztes Foto mit Tony Palmer im Petersdom

Mein letztes Foto mit Tony Palmer im Petersdom

Mein Freund Bischof (†) Tony Palmer starb am Sonntag, den 20. Juli 2014 bei einem Motorradunfall mit Fahrerflucht trotz einer mehrstündigen Operation. Wie nahe doch Leben und Tod beieinander liegen. Eben noch waren wir zusammen beim Papst und schmiedeten langfristige Pläne, da weilt er schon nicht mehr unter uns.

Er war auf vier Kontinenten zu Hause. Geboren und aufgewachsen in Südafrika lebte er in den USA, in Argentinien, in Italien und England. So global wie sein Lebenshorizont war auch sein ökumenischer Horizont. Am Ende reiste er ständig rund um die Welt, etwas was wir gemeinsam hatten.

Er darf jetzt sehen, was wir noch glauben. Die Gemeinschaft mit Jesus Christus, die er als Zentrum dessen sah, was der Papst und wir gemeinsam haben, erlebt er nun in seiner Fülle.

Mein Kommentar in PRO

Dies war der Kommentar, den ich direkt nach seinem Tod an das PRO-Magazin geschickt habe:

„Ein sehr guter Freund ist völlig überraschend bei einem Unfall gestorben. Eben waren wir noch beim Papst und diskutierten, unter welchen Umständen wir mit dem Papst erneut die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigung unterzeichnen könnten, da ist er bei dem Herrn und Erlöser, über den wir die ganze Zeit gesprochen haben.    
Anthony Palmer war im Herzen ein Missionar, der auf allen Kontinenten wirkte und auf dreien gelebt hat. Er war ein Brückenbauer zwischen den Konfessionen, nahm aber die tiefgreifenden theologischen Unterschiede dabei immer sehr ernst und blieb im Herzen immer ein Evangelikaler, der wahren Glauben nur in der persönlichen Begegnung mit Jesus und einem Leben mit ihm wiederfand. Das war es auch, was ihn mit dem Papst verband. Christliche Leiter in aller Welt werden eine Motor der Ökumene vermissen.“

In der Meldung zu Palmers Tod hieß es in der PRO dann:

„Noch im Juni hatte Thomas Schirrmacher, deutscher Theologe und Menschenrechtsexperte bei der Weltweiten Evangelischen Allianz, zusammen mit Tony Palmer und vier weiteren evangelikalen und charismatischen Leitern den Papst in einer Delegation zu einem privaten Gespräch besucht. Palmer hatte den Weg zu dem Treffen bereitet. Schirrmacher würdigte Palmer gegenüber dem Medienmagazin pro als einen «Missionar, der auf allen Kontinenten wirkte» und als «Brückenbauer zwischen den Konfessionen». Dabei habe Palmer die tiefgreifenden theologischen Unterschiede immer sehr ernst genommen, erklärte Schirrmacher. Palmer blieb «im Herzen immer ein Evangelikaler, der wahren Glauben nur in der persönlichen Begegnung mit Jesus und einem Leben mit ihm wiederfand», sagte Schirrmacher. «Christliche Leiter in aller Welt werden einen Motor der Ökumene vermissen».“ (Quelle)

Palmer’s Biografie im Web (Englisch)

„Anthony Joseph ‘Tony’ Palmer was a British-born South African Bishop with the Communion of Evangelical Episcopal Churches a Communion of Dioceses and Ministries that are inspired by the ‘middle way’ of classic Anglicism Anglican Communion and count themselves as part of the Convergence Movement. They were originally inspired by Bishop Lesslie Newbigin, a British theologian, missiologist, missionary and author.“ (Wikipedia on the day of his death)

This is the entry of the Community he lead, as it stood on the day of his death:

„Tony is an ordained Minister, ordained by the Anglican/Episcopal Church, within the CEEC (Communion of Evangelical Episcopal Churches). He relates directly to his Archbishop, Robert Wise as his Canon to Church Unity Affairs (www.theceec.org). Our Community is also consecrated within the CEEC as an Inter-denominational Christian Community, and enjoys much input from Father Robert’s wisdom.

Tony is initially trained as a Medical Underwriter (Med. Dip. 1987), with further specialised studies in HIV/AIDS management (WITS University Medical School, RSA). He accepted his vocation to full-time Ministry in 1993 and then studied for 3 years at a Christian College (Rhema Bible Training Centre, RSA). He has also completed a short course in Biblical Archaeology and Biblical Studies (UNISA University, RSA), has a Masters Degree in Philosophy, “College of Theology” (St. Alcuin’s Seminary, USA), and has an English Teachers Certificate from Cambridge University, UK (CELTA).

Tony is currently busy with his Doctorate Degree in “Early Church” studies (33-600 A.D), with a particular interest in the Community life of the early Celtic Church.

Emiliana also completed 3 years of Biblical Studies at the same Christian College (RBTC), and also holds a Cambridge English Teachers Certificate (CELTA). Together, Emiliana and Tony had the privilege of serving as Directors for Kenneth and Gloria Copeland, KCM RSA, and Tony served as Development Director at Acres of Love, providing homes for abandoned HIV/AIDS babies and children.“

Aus dem Web

Links:

Deutsch:

Englisch:

 

Die Junge Freiheit zur Ehrenrettung der ‚deutschen‘ Rocker

15. November 2014 von · Schreiben Sie einen Kommentar 

Die Junge Freiheit ist in einem ganzseitigen Artikel „Die Spreu vom Weizen trennen“ von Josef Hämmerling zur Ehrenrettung der Rocker angetreten (Nr. 19 – 2.5.2014, S. 12).

Die Kriminalitätsrate unter Rockern sei gesunken (eigentlich heißt das nur, dass es weniger Verfahren gibt) und sie seien seltener in Schwerverbrechen verwickelt. Die Razzien gegen die Hells Angels seien Verschwendung von Steuergeld, es sei schlimm, dass man nicht wisse wie viel Geld genau hier ausgegeben wird. Von 1.000 Hells Angels gäbe es für 990 keine Erkenntnisse bzw. Beweise, dass sie zur Organisierten Kriminalität gehören. 2012 gab es nur 31 Ermittlungsverfahren.

RTEmagicC_Hells_Angels.jpgGemäß einer solchen Argumentation hätten wir auch kein Problem mit Zwangsprostitution, Geldwäsche, Mafia oder muslimischen Ehrenmorden, überall ist die Zahl der Verfahren beschämend gering, die Zahl der Verurteilungen noch geringer und die Zahl der Dunkelziffer hoch. Die Junge Freiheit meint, dass Rocker in Deutschland diskriminiert werden, nur weil man ihre Zugehörigkeit an der Kleidung sehen kann. Arme Rocker! Die JF lobt auch die Auflösung etlicher gewalttätiger Chapter. Das ist wirklich nicht nachzuvollziehen. Die Chapter werden aufgelöst, wenn der Verfolgungsdruck zu stark wird, und meist an der nächsten Stelle wiedereröffnet.

Die Junge Freiheit wäre nicht die Junge Freiheit, wenn sie nicht das Problem stattdessen bei Nichtdeutschen sehen würde. Und zwar gleich auf zweifache Weise.

Zum einen verweist die JF darauf, dass die Streetgangs, die vorwiegend aus Migranten bestehen und sich oft nach Ethnien oder Nationalitäten organisieren, ein viel größeres Problem darstellten. 1. Die Streetgangs seien viel gefährlicher, weil viel eher Unbeteiligte Opfer werden. 2. Zudem hätten die Hells Angels und die Rockergangs einen Ehrenkodex, während die Streetgangs „mit den traditionellen Rockerclubs absolut nichts gemein haben“.

Zu 1. Hat die JF noch nie von unbeteiligten Menschen gehört, die starben oder querschnittsgelähmt sind, weil sie zufällig in einer Bar oder in einem Bahnhof waren, als Rockergangs sich gegenseitig angriffen? (Mehr dazu unten.) Zu 2. „Ehrenkodex“? Nach allen einschlägigen Veröffentlichungen besteht der vor allem darin, Mitglieder mit Gewalt zu verteidigen, egal ob sie schuldig oder unschuldig sind, und Aussteiger zu bedrohen. Und 3. Und selbst wenn das stimmt: Seit wann entschuldigen sich Verbrechen damit, dass andere noch mehr begehen?

Zum Zweiten führt die JF die wachsenden Probleme der Rockergangs darauf zurück, dass diese zunehmend Ausländer aufnehmen. „Richtig ist, daß die MCs zum Teil selbst schuld an ihrem Image sind. Gerade in den Chaptern der Städte mit großem Rotlichtmilieu gab es zuletzt Verteilungskämpfe. Dabei nahmen viele MCs verstärkt auch ausländische Mitglieder auf, denen es nur um Geld und Einfluß ging. Die alten Traditionen wie das Prinzip der Bruderschaft und selbst das Motorradfahren gelten ihnen nichts mehr – und der in den jeweiligen Clubs geltende Ehrenkodex erst recht nicht. Da fällt es zunehmend schwer, die Spreu vom Weizen zu trennen. So gab es in vielen Rockerclubs zum Teil massive interne Auseinandersetzungen bis hin zu Schlägereien zwischen den Alten und den, wie sie genannt werden, jungen Wilden. Medienberichten zufolge trafen sich vor kurzem sogar führende Hells Angels aus ganz Europa in Luxemburg, um über diese Problematik zu sprechen.“

Ausländischen Mitgliedern geht „es nur um Geld und Einfluß“ und deutschen nie? Motorradfahren gilt „ihnen nichts mehr“, den deutschen Mitgliedern aber doch und das macht sie zu besseren Menschen? Deutschen Mitgliedern geht es um einen „Ehrenkodex“, alte „Traditionen“, um das „Prinzip der Bruderschaft“ und um „das Motorradfahren“. Ausländische haben keinen Ehrenkodex und keine Traditionen? Und: ob all das die Opfer von Schutzgelderpressung, Schlägereien, bis hin zu Totschlag auch so sehen?

Also kaufte ich mir zwei Bücher von Stefan Schubert, dessen neues Buch zu den Streetgangs in der JF beworben wurde (Gangland Deutschland: Wie kriminelle Banden unser Land bedrohen. Riva: München, 2014) und dessen anderes Buch über die Rockergangs (Wie die Hells Angels Deutschlands Unterwelt eroberten. Riva: München, 2012), das vor zwei Jahren erschien. Beide Bücher breiten detailliert erschreckendes Material aus. Beide zeigen, dass unser Rechtsstaat vor allem durch die übliche Einschüchterung von Zeugen lahmgelegt wird, aber auch durch völlig unverständlich weiche Urteile zahlreicher Gerichte. Überaus deutlich weist Schubert auf den ethnischen Hintergrund der meisten Streetgangs hin und dass der deutsche Staat diesem Umstand immer noch nichts Sinnvolles entgegenzusetzen hat. Und er zeigt auf, dass das Problem seit 2010 förmlich explodiert.

Aber gerade deswegen ist Schubert völlig unverdächtig, wenn er über die Hells Angels und ihre Konkurrenten schreibt. Demnach ist das Problem brutaler Gewalt so alt wie die Hells Angels selbst, nämlich sechs Jahrzehnte. Es wurde so schon nach Deutschland exportiert, wo die Hells Angels nach den USA heute am verbreitetsten sind. Schutzgelderpressung, Schlägereien mit Todesfolge, Einschüchterung von Zeugen sind Alltag. Man kann es kaum glauben, was Schubert detailliert belegt und beschreibt. An ungezählten Beispielen zeigt er etwa auch, dass die Auflösung von Chaptern eine jahrzehntealte Methode ist, der Strafverfolgung aus dem Weg zu gehen. Und er liefert viele erschütternde Beispiele dafür, dass deutsche Richter seines Erachtens nicht nur bei ausländischen Streetgangs, sondern auch bei ‚deutschen‘ Rockern allzu häufig viel zu geringe Urteile fällen und alle Augen zudrücken.

Die JF beweist hier jedenfalls, dass sie die ganze Problematik nur durch die Brille Deutsche/Ausländer sieht und deutsche Verbrecher schönredet, nur weil sie deutsch sind.

Thomas Schirrmacher