Thomas Schirrmacher
Aktuelle ProMundis Blogbeiträge

Mein Grußwort zum IGFM-CH Menschenrechtspreis 2015

18. Dezember 2014 von · Schreiben Sie einen Kommentar 

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der Menschenrechte!

Eine Websuche zeigt mir, dass alle wichtigen Schweizer Medien – Fernsehen, Print und Online; sfr, NZZ und Schweiz am Sonntag – die Preisverleihung des Menschenrechtspreises der Schweizer Sektion der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte an den Kriegsreporter Kurt Pelda berichtet haben. Kein Wunder, sind sie doch alle Abnehmer seiner begehrten und ungewöhnlichen Kriegsreportagen. Aber auch in Deutschland finden sich alle führenden Medien unter den Beziehern der Reportagen, wie Spiegel, Focus, WELT oder ARD und ZDF.

Doch so bewundernswert Kriegsreporter an sich schon sind, Pelda ist eine seltene Spezies unter ihnen. Denn sein Interesse gilt nicht vorrangig Kriegsverläufen oder Analysen der Waffenstärke, sondern dem persönlichen Schicksal der Menschen und den gerade im Krieg überbordenden Menschenrechtsverletzungen. Kürzlich gefragt, warum er sich in Syrien und Irak in Gefahr begibt, antwortete er:

„Weil mich das Schicksal der Menschen … nicht kalt lässt. Es ist die grösste humanitäre Katastrophe seit Jahrzehnten, deshalb müssen wir wissen, was dort passiert, und zwar von unabhängigen Reportern, die sich bis ins Krisengebiet vorwagen. Es gibt schon viel zu viele Journalisten, die sich ihre Berichte aus dem Internet zusammenschreiben. Das ist unseriös. Ich glaube, dass sich der Augenschein am Ort des Geschehens durch nichts ersetzen lässt. Er ist auch ausschlaggebend für jede ernsthafte Analyse. … Die Tendenz der Medien zur Fern-Diagnose und -Analyse halte ich für fatal.“

Jede Menschenrechtsorganisation kann dem nur zustimmen. Das ist nicht die Haltung eines Mannes, der möglichst schnell zu Ruhm oder Geld kommen will, nicht die Haltung eines Mannes, den Abdruckquoten oder ‚Political correctness‘ interessieren, sondern eines Mannes, der das wahre Schicksal der Opfer sehen, mitfühlen und wahrhaft und nachvollziehbar berichten will, auch wenn das nicht nur sein Leben in Gefahr bringt, sondern ihn auch wirtschaftlich stark gefährdet. Bedeutet es doch nicht nur fehlende Anstellung, sondern auch viele Extrakosten für Sicherheitsmassnahmen, die keiner ersetzt.

Um so erfreulicher, dass Kurt Pelda nun hohes Lob von einer Menschenrechtsorganisation erfährt, die beurteilen kann, dass am Ende das tatsächliche Einzelschicksal zählt, nicht das politische Ausschlachten einer Situation. In Kriegen werden sind mehr Menschen von Menschenrechtsverletzungen betroffen, werden Menschenrechtsverletzungen oft flächendeckend begangen, sind Menschenrechtsverletzungen am leichtesten zu vertuschen. Das immer wieder neu aufzudecken und westlichen Lesern bewusst zu machen, ist ein Verdienst des Preisträgers. Ich bin stolz darauf, dass eine unserer Sektionen das erkannt und in ein öffentliches Dankeschön umgesetzt hat.

Thomas Schirrmacher
Präsident des Internationalen Rates der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte/
International Society for Human Rights

Falschmeldungen zur Christenverfolgung

13. Dezember 2014 von · Schreiben Sie einen Kommentar 

Falschmeldungen, Enten, bewusst als Propaganda platzierte Nachrichten gab und gibt es auch im Bereich der Religionsfreiheit und der Diskriminierung und Verfolgung von Christen schon immer. Da soll ein Baptistenpastor in Bethlehem verhaftet worden sein, weil er pro-israelische Äußerungen machte: Wir kontaktieren ihn und er weiß von nichts. Ein kurzes Video zeigt, wie ein Riesen-Bulldozer in China eine Kirche in einem Geschäftshaus abreißt. Als dann endlich der gesamte Film gefunden ist, zeigt sich: Die Bulldozer planierten eine illegal erbaute Siedlung am Hang. Die Menschen waren längst umgesiedelt, niemand wohnte mehr dort und die Kirche war nur eines unter Tausenden von Gebäuden.

In jüngster Zeit muss immer wieder einmal vor Falschmeldungen zur Lage der Christen in Irak und Syrien gewarnt werden.

Jüngst machte monatelang eine dringende Meldung die Runde, drei namentlich genannte Christen seien zum Tod verurteilt worden – eine Ente.

Seit Längerem tauchen immer wieder Bilder von durch ISIS gekreuzigte Christen auf. In Italien schafften sie es sogar gleichzeitig auf die Titelseite fast aller großen Zeitungen. Die Fotos zeigen aber ältere Ereignisse und keine Christen, sondern Kurden, und schließlich wurden die Opfer erst getötet und dann an den Armen aufgehängt, nicht gekreuzigt (Details jetzt hier). Das ist natürlich ebenso furchtbar, aber sollte korrekt dazugeschrieben werden.

Da sind Bilder im Umlauf, die die vermeintliche Enthauptung eines Babys durch IS in Syrien zeigen sollen. Ausnahmsweise ließ sich die Geschichte der Bilder zurückverfolgen, nämlich auf eine für Assad kämpfende Webseite: Das Bild ist mindestens ein Jahr alt und stammt aus dem Jemen. Es ist offensichtlich gestellt, denn man sieht nur ein sitzendes Baby und einen Mann, der ein Schwert erhebt. Inwiefern es wirklich Enthauptungen von Babys gab, ist derzeit unklar, da die Aussagen dazu nicht von Augenzeugen stammen. Aber mir geht es hier nur um die Bilder.

Die Christenverfolgung in Irak und Syrien kann nicht aus dem Medienkrieg herausgehalten werden, der in und um den Nahen Osten tobt. Ist sowieso immer schon Sorgfalt im Umgang mit Nachrichten geboten, gilt dies in Kriegszeiten allemal, und erst recht im Nahen Osten der Gegenwart mit seinen vielen, unübersichtlichen Fraktionen, die zum Teil über erhebliche Gelder für die mediale Selbstdarstellung und den Krieg gegen andere auch mit Mitteln des Internets verfügen. Wenn Israel und Palästinenser, Iran und Saudi Arabien, Assad und IS im Medienkrieg sind, sind hervorragende Fälscherprofis am Werk.

Christen, die sich gegen die Diskriminierung und Verfolgung von Christen einsetzen, sei selbstkritisch gesagt: Blauäugigkeit und Setzen auf unbestätigte, dabei womöglich möglichst dramatische Berichte schadet bisweilen mehr als es nutzt. Insbesondere dort, wo Nachrichten an Politiker oder säkulare Medien weitergegeben werden, muss sichergestellt werden, dass es sich um glaubwürdige Informationen auf dem neuesten Stand handelt.

Eine besondere Gefahr sind natürlich typische Erscheinungen des Webs und der sozialen Medien, etwa Kettenemails oder Kettentweets, die Monate lang, manchmal sogar Jahre lang im Internet herumgeistern. Man muss nicht nur damit rechnen, dass Meldungen veraltet sind oder dass man sie nicht verwenden kann, wenn nicht angegeben wird, wer die Verantwortung dafür übernimmt, sondern muss nüchtern sehen, dass einige auch bewusst als Enten im Internet auf den Weg gebracht werden.

Es gibt so viele gut belegbare schreckliche Fälle rund um das Thema Diskriminierung und Verfolgung von Christen, dass es wirklich nicht nötig ist, mit Meldungen hausieren zu gehen, die nicht aus zuverlässiger Quelle stammen und die Politiker oder Medienschaffende in Schwierigkeiten bringen, wenn sie sie verwenden und bei Kritik dann von uns die genaueren Quellen erbitten, wir aber nicht liefern können.

Leider gibt es beim Thema Christenverfolgung immer mehr selbst ernannte ‚Experten‘. So wie gegenwärtig immer mehr Leute über Nacht zu Islamexperten werden, nimmt auch die Zahl derer zu, die meinen, allerlei Situationen der Diskriminierung und Verfolgung von Christen besser zu kennen und mutiger zu beschreiben, als alle anderen, insbesondere als forschende Fachleute.

Manche mögen meinen, dass ich damit nur die Forschungsarbeit von Institutionen wie unserem Internationalen Institut für Religionsfreiheit für sakrosankt erklären will. Aber ist es bei der Religionsfreiheit nicht wie überall, dass nur gründliche Forschungs- und Quellenarbeit Zuverlässigkeit herstellen kann?

Nichts gelernt: Die Welt versinkt in Schulden


1. Dezember 2014 von · Schreiben Sie einen Kommentar 

Der Welt fehlt der moralische Kompass und da, wo er vorhanden ist, die Kraft, ihn umzusetzen

Derselbe SPIEGEL, der von der Bundesregierung erwartet, kurz vor der schwarzen Null im Bundeshaushalt im großen Stil erneut Schulden zu machen, erklärt zugleich durch den Finanzexperten Henrik Müller, dass die Welt in mehr Schulden denn je versinkt und nichts, aber auch gar nichts aus der Finanzkrise gelernt habe [Henrik Müller. „Globale Finanzmärkte: Die Welt versinkt in Schulden“. 5.10.2014]. Müller schreibt:

„Wer keine Fehler macht, wagt zu wenig. Wer den gleichen Fehler immer wieder macht, dem ist nicht zu helfen. Die Finanzkrise von 2007/08 lässt sich vielleicht noch als Ausrutscher einer überoptimistischen Globalisierungseuphorie verstehen. Dass es seither genauso weitergeht, ist das eigentliche Drama.“

Es geht aber nicht einfach weiter so, sondern es wird seit der Krise alles noch viel schlimmer. Das Schuldenkarussell dreht sich so schnell wie noch nie!

Als Theologe und Soziologe kann ich nicht mit so eindrücklichen Zahlen aufwarten, wie Müller als Fachmann:

„Ein paar Zahlen: Die weltweit aufgelaufenen Schulden der Staaten und der Privatwirtschaft betrugen Ende 2007 stolze 107 Billionen Dollar, gut das Doppelte der globalen Wirtschaftsleistung. Seither ist viel von Schuldenabbau, von strenger Finanzmarktregulierung und von Sparen die Rede. Man darf sich davon nicht täuschen lassen. Geschehen ist tatsächlich das Gegenteil: Die Schulden sind weiter gestiegen, in einigen Ländern sogar explodiert, wie die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich vorgerechnet hat. Bei unglaublichen mehr als 150 Billionen Dollar lagen sie Ende 2013, rund das Zweieinhalbfache des globalen Sozialprodukts.“

„2006 hatte Spanien Nettoauslandsschulden von 860 Milliarden Dollar, heute sind es 1,4 Billionen. Italien hatte damals 450 Milliarden, heute 740. Die Türkei: damals 200 Milliarden, heute mehr als 400. Brasilien: damals 350 Milliarden, heute 750. Indien: damals 180 Milliarden, heute 480. Ach ja: Spitzenreiter USA hatte damals knapp 2 Billionen Dollar Auslandsschulden, heute sind es 5,7 Billionen.“

Auch wenn Deutschland immerhin den ausgeglichenen Haushalt anstrebt – die Altschulden sind davon ja noch nicht weg –, so betrifft uns die Entwicklung aber doch sehr direkt und könnte uns trotz der Haushaltsdisziplin in den Strudel reißen, denn:

„Neben Japan und China hat Deutschland die höchsten Forderungen an den Rest der Welt: 1,7 Billionen Dollar, knapp 50 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung.“

Wie sagte schon Paulus so treffend?

„Die reich werden wollen, fallen in Versuchung und Verstrickung und in viele törichte und schädliche Begierden, die die Menschen in Verderben … versinken lassen. Denn Geldgier ist die Wurzel von allerlei Übeln …“ (1. Brief an Timotheus 6,9–10).

Unmoral – und Gier als eine ihrer Formen – lässt den gesunden Menschenverstand aussetzen. Denn dass der Zug in die falsche Richtung fahrt, lässt sich problemlos von Experten vorrechnen. Aber die Kraft, den Zug anzuhalten, bringt der eine Verstand offensichtlich nicht einfach mit sich. Noch einmal Paulus: „Das Gute, dass ich will, tue ich nicht, sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich“ (Römerbrief 7,19). Wider besseres Wissen und Gewissen nennt man ein solches Handeln. Zur Bekämpfung des Bösen braucht es eben mehr als Aufklärung und gute Argumente.

Unmoral ist eben eine Macht, die auch dann zuschlägt, wenn der gesunde Menschenverstand sich doch noch gemeldet hat und einsieht, dass der Zug in die falsche Richtung fährt. Deswegen bedarf es der Einsicht in eigene Schuld, der Umkehr, der Vergebung und Versöhnung und der Kraft Gottes zum Neuanfang – nicht nur im Privatleben. So sehen es zumindest überzeugte Christen.

Bitte um Rat oder Mitarbeit: Stammt die historisch-kritische Methode wirklich aus der Literatur- oder der Geschichtswissenschaft?

27. November 2014 von · 1 Kommentar 

Kann man wirklich sagen, dass die Theologie mit den historisch-kritischen Methoden wirklich die Methoden der Geschichts- oder Literaturwissenschaft übernommen hat und sich auch weiterhin an deren Entwicklung in anderen Wissenschaft orientiert?

Ich kann nicht erkennen, dass sich die Theologie an der Geschichtswissenschaft orientiert hat oder heute orientiert, lasse mich aber gerne eines Besseren belehren.

Ich finde auch den Ausdruck „historisch-kritische Methode“ nicht als einschlägigen Fachausdruck in Standardwerken der gegenwärtige Geschichtswissenschaft oder Sprachwissenschaft (etwa Altphilologie). Aber ich lasse mich gerne eines Besseren belehren. Also: Wer kann mir mit mich korrigierenden Literaturhinweisen helfen, wo und dass nichttheologische Disziplinen ihre Arbeitsweise vor allem als „historisch-kritisch“ bezeichnen? Wer kennt Beispiele dafür, dass sich einflussreiche Theologen des letzten Jahrzehntes konkret informieren, wie die Geschichtswissenschaft heute arbeitet? Gibt es Beispiele dafür, dass Fortschritte im Bereich der Geschichts- oder Literaturwissenschaft auch die Theologie veränderten?

Oder sollte die historisch-kritische Theologie nur ihrer eigenen, eben theologischen Tradition folgen, und nur behaupten, sie sei nicht speziell theologisch, sondern auf dem immer neuesten Stand anderer Fachdisziplinen?

Leopold von Ranke (1795–1886) gilt als „Begründer der historisch-kritischen Geschichtswissenschaft in Deutschland“ (Berthold Seewald, 5.8.2008). Mein Urgroßvater Friedrich-Wilhelm Schirrmacher war einer seiner bedeutendsten Schüler, weswegen ich die einschlägigen Schriften besitze.

Ranke ist einer der, wenn nicht der Begründer der modernen Geschichtswissenschaft. Ab 1810 setzte sich der Historismus durch, der an die Stelle der vornehmlich philosophischen und erzählenden Geschichtsbetrachtung einen systematischen und quellenkritisch arbeitenden Ansatz stellte. Die Geschichtswissenschaft wird professionalisiert und soll aufzeigen, „wie es eigentlich gewesen“ ist. Ranke geht es um möglichst große Objektivität bei der Wiedergabe der Geschichte. Dass von Ranke und seine Schule die Theologie beeinflusst hätte, kann ich nicht ersehen. Und so sehr wir heute nüchterner sehen, dass Neutralität und Objektivität nicht völlig möglich sind, bleibt das Ideal doch im Hintergrund und bis heute arbeiten sich alle neuen Ansichten an Ranke ab.

Die historisch-kritische Jesusforschung begann mit Hermann Samuel Reimarus (1694–1768) und seiner Betrugshypothese und mit David Friedrich Strauß (1808–1874), der an die Stelle der Betrugshypothese absichtslos erdichtete Sagen stellte und über seiner Kritik das Christentum verließ und eine eigene humanistische Religion begründete. Zu welchem Zeitpunkt wechselte die historisch-kritische Methode von dem Versuch, die Quellen des Christentums unglaubwürdig zu machen, zu einer ergebnisoffenen Geschichtswissenschaft?

Natürlich gibt es „historisch-kritische“ Textausgaben in allen Geisteswissenschaften. Aber entsprechende textkritische Ausgaben der Bibel oder des Neuen Testamentes gab es schon bei den Kirchenvätern und Reformatoren, das heißt sie waren keine Neuerung der „historisch-kritischen Theologie“. Deswegen unterscheidet das Englische diese Textkritik als „lower criticism“ von „higher criticism“, wenn es um die Inhalte geht.

Brief vom 1.9.1838 an meinen Ururgroßvater wegen schlechter Schulleistungen meines Urgroßvaters Prof. Dr. Friedrich-Wilhelm Schirrmacher

24. November 2014 von · Schreiben Sie einen Kommentar 

Den folgenden Brief seines Lehrers an seinen Vater Carl Friedrich Schirrmacher (1790–1855) hat Friedrich-Wilhelm Schirrmacher (1824–1904) aufgehoben (zu beiden siehe zuletzt meine Blogs Das Glaubensbekenntnis meines Ururgroßvaters und Leopold von Ranke über meinen Großvater Friedrich Wilhelm Schirrmacher von Oktober 2010). Er beweist einmal mehr, das schlechte Schulleistungen kein Indikator dafür sind, dass man später nicht zu Leistungen in der Wissenschaft fähig ist. Mein Urgroßvater schrieb auf den Umschlag:

Dieses energische Eingreifen meines heiß geliebten Lehrers in meine von den Zielen vorgeschriebener Pflichten ablenkenden Liebhabereien hat das Verdienst einen Wendepunkt in meinem Leben zu bezeichnen.

Fr. Schirrmacher

Rostock, nach Marquardt’s Tode. 30.Nov. 1882

Herrn Oberlehrer Schirrmacher Westgarben (?)

Euer Wohlgeboren,

werden aus der beifolgenden Censur sehen, daß es nach den Ferien mit Ihrem Sohn schlecht gegangen ist. Schon seine schriftlichen Ferienarbeiten waren unvollständig, ohne daß er dafür eine Entschuldigung brachte, gelernt aber hatte er gar nichts. Auch nach den Ferien hat er sich keineswegs angestrengt, und ich habe gestern, als ich wegen einer fehlenden Präperation, die er übrigens zu haben vorgab, als ich ihn aber nach Hause schickte, nicht bringen konnte, ihn nach der Stunde noch besonders zu Rede steckte, erfahren, daß er sich mit allerlei zeitraubenden u weniger nützlichen Dingen beschäftigt, die ihm zu seinen Schularbeiten die Zeit rauben. Er macht nämlich als Geschenk für Sie einen Atlas, was ich insofern lobe, als er später eine Freude dadurch zu machen denkt, was ihn jedoch so sehr in Anspruch nehmen muß, daß ich kein Bedenken trage, Ihnen diese Überraschung früher zu entdecken, damit Sie selbst dabei helfen mögen. Dann wie sehr Ihr Sohn im Lateinischen zurück ist, können Sie aus dem beifolgenden vorgestern geschriebenen Monatsextemporale sehen, welches das schlechteste in der ganzen Claße, und so schlecht ist, daß mit Ausnahme einiger ganz schlechter Schüler noch über 12 Fehler, von den besten nur 1, 2, 3 Fehler gemacht worden, während Ihr Sohn es bis auf 32 gebracht hat. Ich glaube nach unserer Verabredung Ihnen diese Mitteilung nun genauso schuldig zu sein, als nur durch baldige Anstrengung Ihres Sohnes hierbei geholfen werden kann, u bleibe hochachtungsvoll Ihr ergebender Marquart

Danzig, 1.Sept. 1838

Thomas Schirrmacher