Thomas Schirrmacher
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Trauung in mittelalterlicher Umgebung

Mai 30, 2009 by admin · Schreiben Sie einen Kommentar 

trauung1Heute konnte ich meine Nichte und ihren Ehemann in der wunderschönen Veitskapelle in Stuttgart-Mühlhausen trauen. Die kleine Kirche wurde 1380 errichtet und verfügt noch über die vollständige mittelalterliche Ausmalung. Eine traditionelle Hochzeit vom Feinsten mit bestem Hochzeitswetter und großer Verwandschaft aus mehreren Ländern. An einem so wunderschönen Tag, in dieser historischen Umgebung, mit einem Paar, dass meiner Predigt zur lebenslänglichen Ehe voll und ganz zustimmt, könnte man für einen Moment meinen, dass Ehe und Familie tatsächlich noch – wie im Grundgesetz vorgesehen – Gesellschaft und Staat als Grundbaustein und Quell von Liebe und Gemeinschaft vorgegeben sind, weswegen sie unter dem ‚Schutz‘ der öffentlichen Ordnung stehen und auch von der Kirche hochgehalten werden. Hoffentlich werden Langzeitehen nicht eines Tages ebenso als Museumsstück bestaunt, wie die Veithskapelle: wunderschön, aber fern der alltäglichen Realität.

Will OECD Mädchen zwingen wie Jungen zu sein?

Die OECD hat wieder einmal festgestellt, dass Mädchen und Jungen in der Schule unterschiedlich sind und macht dafür wieder einmal die bösen Eltern und die Umwelt verantwortlich. Es muss doch irgendwie möglich sein zu erzwingen, dass Mädchen und Jungen gleich werden, selbst wenn die Mädchen das gar nicht wollen, oder?

Meine Frau und ich haben fast den gleichen Beruf, sie als Professorin für Islamwissenschaft, ich als Professor für Religionssoziologie und für Theologie. Wir haben uns gegenseitig immer gefördert und sind beruflich beide etwa auf demselben Niveau angekommen. Auf unterschiedlichem Wege sind wir auch unabhängig voneinander zu Sprechern der Weltweiten Evangelischen Allianz geworden, ich für Menschenrechte, sie für Fragen des Islam.

Dennoch sind unsere beiden Kinder zweierlei Geschlechts der perfekte Beweis für die Ergebnisse der neuen OECD-PISA-Ergebnisse. Mehr will ich nicht sagen, da das Privatleben meiner Kinder hier nicht her gehört. Nur, an den Eltern oder an unserer Förderung und Ermutigung liegt es bestimmt nicht, dass unsere Kinder so typisch männliche und weibliche Interessen entwickeln. Meine Mutter war Chemikerin bei den Behringwerken und an der Universität in Marburg, warum sollte also meine Tochter nicht ebenfalls zu so etwas tendieren? Von klein auf habe ich ihr naturwissenschaftliche Bücher geschenkt, um unsere Einseitigkeit bezüglich Sozialwissenschaften auszugleichen – scheinbar erfolglos.

Nur: Könnte der Aufschrei der OECD, dass selbst in den skandinavischen Ländern, die ‚Gender Mainstream‘ schon viel länger, viel intensiver und teils mit der Brechstange durchgeführt haben, Schülerinnen immer noch in anderen Fächern im Durchschnitt besser seien als Schüler, nicht eher Anzeichen für ideologische und damit unwissenschaftliche Reflexe sein?

Oder anders gesagt: Soll ich jetzt meine Tochter zwingen, statt ihre Lebensträume zu verwirklichen und ihre Gaben und Fähigkeiten umzusetzen, etwas anderes zu machen, damit die OECD und Politiker zufrieden sind?

Im übrigen weiß ich aus eigener Erfahrung, dass manche Lehrerinnen Jungen regelrecht verachten und in Mädchen ‚umstricken‘ wollen. Warum wird das angesichts der sich aufhäufenden Belege für die Benachteiligung von Jungen in unserem Schulsystem von der OECD nicht thematisiert? Warum gilt es nicht als Benachteiligung, dass fast nur noch Frauen Lehrer werden? Warum immer nur dieselbe Leier, als lebten wir noch in den 1960er Jahren? Ich bin ein moderner Vater (siehe mein Buch ‚Moderne Väter‘) und habe keine Lust, mich an althergebrachten Weisheiten zu messen, die unterschiedlichen Gewichtungen und Interessen von Jungen und Mädchen seien nur Folge gesellschaftlicher und elterlicher Borniertheit. Vor 40 Jahren konnte man das nicht widerlegen, heute aber durchaus.

Gott hat Mann und Frau gleichwertig, gleichberechtigt, aber nicht gleichartig erschaffen. Diese uralte Einsicht der ersten Kapitel der Bibel scheint mir realitätsnaher und revolutionärer zu sein, als die Forderungen fundamentalistischer Strömungen in vielen Religionen einerseits, aber auch als der im wissenschaftlichen Gewand daherkommende Fundamentalismus des Gender Mainstream: Was nicht sein darf, das nicht sein kann.

Ich stimme dem folgenden Kommentar von Dorothea Siems voll und ganz zu:

Dorothea Siems. „Es lebe der Unterschied“. Die WELT vom 27.5.2009, S. 1:

„Der Aufschrei ist so laut wie erwartbar. Der Pisa-Bericht zu den Unterschieden von Jungen und Mädchen beim Bildungserfolg belegt das, was Lehrer und Eltern tagtäglich beobachten: Den Buben fällt das Rechnen leichter, die Mädels lesen besser. Für Gleichstellungspolitiker ist dieses Ergebnis ein Skandal. Schließlich verkünden sie uns seit Jahren die Botschaft, Rollenbilder seien lediglich antrainiert und ein Ergebnis von Erziehung und gesellschaftlichem Druck. Interessanterweise stehen auch die Vorreiter des Gender Mainstreaming, der Einebnung aller Geschlechterunterschiede, im Norden Europas nicht anders da als wir. Auch in Ländern wie Schweden oder Norwegen studieren die Frauen lieber Soziologie als Physik und werden lieber Krankenschwester als Fliesenlegerin.

Die OECD-Experten selbst weisen darauf hin, dass unabhängig von den jeweiligen Fähigkeiten die Jungen und Mädchen unterschiedliche Interessen haben: Frauen neigen dazu, einen Beruf zu wählen, bei dem sie es mit Menschen zu tun haben; Jungen sind dagegen an Fakten und Technik interessierter. Dass die männlichen Schüler heute häufiger in unserem Bildungssystem durch den Rost fallen, hängt offenbar auch damit zusammen, dass die Stärken der Jungen zu wenig im Vordergrund stehen. … Die Stärke der Männer liegt im Umgang mit Computern und technischen oder mathematischen Jobs. Ginge es nur nach der Neigung der Mädchen, könnten die Jungen diese Bastionen ruhig behalten. Der Zeitgeist aber will, dass die Frauen auf allen Feldern gleichziehen.

Bis zu einem gewissen Maße werden sich die geschlechtsspezifischen Unterschiede verringern lassen. Schließlich haben die Mädchen in früheren Männerdomänen wie Medizin längst aufgeholt. Doch bedeutet Emanzipation nicht, dass die Frauen wie Männer werden sollten oder umgekehrt. Als Neutrum wäre der Mensch mit Sicherheit nicht glücklicher.“

Endzeitmodelle im Vergleich

Mai 25, 2009 by admin · Schreiben Sie einen Kommentar 

 

Köhlers beeindruckende Schlussworte

Bundespräsident Horst Köhler beendete seine Ansprache zur Wiederwahl mit den erfreulichen und beeindruckenden Worten:

Und Dir, Eva, möchte ich Danke sagen. Jede Stunde  ist ein Geschenk mit Dir. Gott halte seine Hand schützend über uns alle und unsere gemeinsame Welt. Gott segne unser Deutschland. Ich danke Ihnen.

Und Gott segne den Bundespräsidenten!

Erklärung zu den politischen Zielen der Evangelischen Allianz

Der Hauptvorstand der Deutschen Evangelischen Allianz (DEA) hat das Ergebnis einer längeren redaktionellen erfreulichen Zusammenarbeit von Dr. Horst Afflerbach und Dr. Stephan Holthaus und mir nach vielen immer neu überarbeiteten und erweiterten Fassungen, die von vielen Entscheidungsträgern immer wieder durchgesehen wurden, nun verabschiedet und veröffentlicht als: „Sucht der Stadt Bestes“: Zur Verantwortung der Christen in Staat und Gesellschaft: Eine Stellungnahme der Deutschen Evangelischen Allianz. Der Text kann als Heft bei der Pressestelle der Allianz unter allianzhaus@ead.de bestellt oder als pdf direkt hier heruntergeladen werden.

Zur Veröffentlichung ließ die DEA verlauten:

Für christliche Grundwerte in unserem Staat:

Stellungnahme der Deutschen Evangelischen Allianz: ‚Sucht der Stadt Bestes’

Die Evangelische Allianz in Deutschland (DEA) hat in einer umfassenden Stellungnahme unter dem Titel „Sucht der Stadt Bestes“ erstmals ihre politischen Grundüberzeugungen im Zusammenhang veröffentlicht. Der Verband, dem sich nach Schätzungen ca. 1,4 Millionen Christen aus Landes- und Freikirchen zugehörig fühlen, will mit dem Dokument über die gesellschaftlichen Ziele der Bewegung informieren. „Manche aktuelle Kritik an den ‚Evangelikalen’ in den Medien, die einseitig einzelne Aspekte unseres gesellschaftlichen Engagements aus dem Zusammenhang reißen und damit falsch interpretieren, erfordern eine umfassendere Stellungnahme dessen, was uns wichtig ist“, betonte der Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz, Hartmut Steeb …

Die DEA ist Teil einer weltweiten „evangelikalen Bewegung“, die rund 500 Millionen Christen umfasst. Mit der Stellungnahme „Sucht der Stadt Bestes“ reagiert die Evangelische Allianz zudem auf eine zunehmende Bereitschaft unter Christen, gesellschaftliche und politische Verantwortung zu übernehmen. „Die Allianz-Bewegung versteht sich grundsätzlich als konstruktiv-kritische Begleiterin aller Regierungen und Parteien, unabhängig davon, welchem politischen Spektrum sie angehören. Immer wieder wird es Situationen geben, in denen Überzeugungen von Regierungen im Kontrast zu Überzeugungen der christlichen Ethik stehen. Christen der Evangelischen Allianz sehen es als ihre politische Verantwortung an, in diesen Fällen respektvoll ihre Positionen ins Gespräch zu bringen“, so die Evangelische Allianz.

In der Stellungnahme wird der freiheitliche Verfassungsstaat der Bundesrepublik Deutschland ausdrücklich bejaht. Dabei lehnt die Evangelische Allianz Forderungen nach einem „christlichen Staat“ ab, betont die bewährte Trennung von Kirche und Staat, fordert aber auch die Parlamentarier und die Regierung auf, sich der christlichen Wurzeln der modernen Demokratie zu erinnern, sie zu fördern und sich davon leiten zu lassen. Wörtlich heißt es in der Stellungnahme: „Die klare Unterscheidung zwischen dem geistlichen Auftrag der Kirche und dem weltlichen Auftrag des Staates ist elementar. Nach unseren Überzeugungen darf sich weder der Staat anmaßen, als totalitäre Ideologie alle Lebensbereiche seiner Bürger zu bestimmen, noch die Kirche, weltliche Herrschaft im säkularen Staat ausüben zu wollen.“

Zu den Grundüberzeugungen der Evangelischen Allianz gehören seit ihrer Gründung 1846 außerdem der Einsatz für weltweite Menschenrechte und Religionsfreiheit, auch für andere Religionen, für den Lebensschutz und die friedliche Beilegung von Konflikten. „Christen der Evangelischen Allianz sehen wie viele andere eine besondere Verantwortung für die Schwachen und Ausgegrenzten in der Gesellschaft. Sie wenden sich gegen jede Form von Rassismus und beugen sich unter die Schuld der Christenheit, in der Vergangenheit Rassismus gefördert, unterstützt oder geduldet zu haben. Jede Form von Sklaverei, auch in der modernen Form der Ausbeutung und des Menschenhandels, ist ein Verstoß gegen die Menschenwürde. Hass gegen Minderheiten, Juden oder Ausländer widerspricht diametral der biblischen Ethik und ist Schuld vor Gott und den Menschen“, so die Evangelische Allianz …

In der Stellungnahme bekennt sich die Evangelische Allianz auch zu den Prinzipien der Sozialen Marktwirtschaft. Sie fordert vom Staat eine nachhaltige Wirtschaftspolitik, eine an den wirklichen Bedürfnissen orientierte Entwicklungshilfe und verstärkte Anstrengungen gegen weltweite Armut. Mit der weltweiten „Micha-Initiative“ fördert die Evangelische Allianz bewusst die „Millenniums-Ziele“ der Vereinten Nationen. Hunderte von Sozialwerken im Rahmen der Allianz arbeiten heute schon an der Überwindung der sozialen Nöte im In- und Ausland. Die Stellungnahme der Evangelischen Allianz umfasst zudem Fragen des Umweltschutzes und der Außenpolitik.

Die vollständige Meldung findet sich hier.

Und wieder ruft die Bundeswehr …

Mai 22, 2009 by Schirrmacher · 1 Kommentar 

chirrmacher und Dr. Micewski in der Akademie der Bundeswehr in StrausbergKürzlich hatte ich die Ehre bei einer „Sicherheitspolitischen Expertenrunde“ zur „Umsetzung der ethischen Aus- und Weiterbildung“, die in der Akademie der Bundeswehr für Information und Kommunikation im brandenburgischen Strausberg stattfand, zu referieren. In der Meldung dazu hieß es: „Der in Bonn lebende evangelische Ethiker Thomas Schirrmacher hat Ethiker und Sozialethiker aufgefordert, die Bundeswehr verstärkt in ihrem Bemühen um ethische Ausbildung zu unterstützen und zu begleiten. Es sei gute bundesrepublikanische Tradition, dass die Parlamentsarmee im ständigen Dialog mit der Zivilgesellschaft stehe, wozu auch christliche wie nichtchristliche Ethiker gehörten.“

Nun habe ich die Gelegenheit, diesen Dialog vor internationalen Besuchern beim 2. Global Media Forum der Deutschen Welle (www.dw-gmf.de) am 3.6.2009 (14:30–16:00 Uhr) im ehemaligen Plenarsaal BT, Raum C in Bonn fortzusetzen (hier meine Vorstellung). Das Thema lautet: „The mutual responsibility of the armed forces and civil society“.

Aus diesem Anlass möchte ich aus dem Bericht von Straussberg zitieren (vollständig hier):

Bundeswehr braucht Ethiker!
Protestantischer Ethiker fordert Kollegen zur Unterstützung der Bundeswehr bei ihrem Konzept der ‚Inneren Führung‘ auf

(Bonn, 24.04.2009) Der in Bonn lebende evangelische Ethiker Thomas Schirrmacher hat Ethiker und Sozialethiker aufgefordert, die Bundeswehr verstärkt in ihrem Bemühen um ethische Ausbildung zu unterstützen und zu begleiten. Es sei gute bundesrepublikanische Tradition, dass die Parlamentsarmee im ständigen Dialog mit der Zivilgesellschaft stehe, wozu auch christliche wie nichtchristliche Ethiker gehörten.

Schirrmacher sprach im Rahmen einer „Sicherheitspolitischen Expertenrunde“ zur „Umsetzung der ethischen Aus- und Weiterbildung“, die in der Akademie der Bundeswehr für Information und Kommunikation im brandenburgischen Strausberg stattfand.

Schirrmacher warf manchen seiner Kollegen vor, sich zu wenig mit ethischen Fragen innerhalb einer Armee und für eine Armee im Einsatz zu beschäftigen. Es sei natürlich politisch korrekter, sich allgemein mit Friedensethik zu beschäftigen. Aber erst im Alltag der Bundeswehr und auf ihren Auslandseinsätzen entscheide sich, inwieweit sich unsere Demokratie von Staaten unterscheide, die das Militär einfach zur Durchsetzung politischer Ziele einsetzten.

Auch eine demokratische Parlamentsarmee beginne mit einem der größten ethischen Dilemmata, die es gebe, an dem sich viele nicht die Hände schmutzig machen wollten, Theologen wie Politiker gleichermaßen. Der Schutz des Lebens und das Tötungsverbot sei einer der höchsten Werte, den unsere Verfassung kenne und den (fast) alle Bürger instinktiv teilten. Da es aber Menschen – Staaten ebenso wie Bürgerkriegsarmeen und Terroristen – auf der Erde gäbe, die bereit seien zu töten oder schon töteten, müsse zum Schutz vor ihnen jemand bereit sein, potentiell sein Leben zu riskieren oder nötigenfalls sogar das Leben der Angreifer zu beenden. Ohne dieses Dilemma benötige man keine Armee und eine Armee komme nur dort zum Einsatz, wo die Bedrohung des Lebens real sei – sonst würde etwa das Rote Kreuz in Afghanistan ausreichen.
Das Gewaltmonopol des Staates, so Schirrmacher, erlaube nur diesem, rechtmäßig eine Armee zu unterhalten. Diese könne jedoch von den vielen menschenrechtsverachtenden und kriegsfördernden Armeen der Geschichte und Gegenwart nur unterschieden werden, wenn politisch, aber auch in der innermilitärischen Ausrichtung und Struktur die Ausrichtung auf Menschenrechtsschutz und Friedensziel gewährleistet sei.

Ethiker – christliche wie andere – dürften nach Meinung von Schirrmacher die Bundeswehr in der ethischen Diskussion ebenso wenig im Regen stehen lassen, wie Politiker, die gerne hochgefährliche Einsätze als Friedensmissionen oder humanitäre Einsätze tarnten, um gegenüber der Öffentlichkeit den Schein wahren zu können, sie seien nicht an einem Krieg beteiligt.

Die Bundeswehr habe in der Theorie mit ihrem Konzept der ‚Inneren Führung‘, gerade erneut bestätigt durch die ihre Zentrale Dienstvorschrift 10/01, weltweit die besten Voraussetzungen, nur müssten die hochgesteckten Ziele auch im Detail durchdacht, vermittelt und umgesetzt werden.

Auf der Sicherpolitischen Expertenrunde sprach neben Schirrmacher als militärischer Vertreter Dr. Edwin Micewski vom österreichischen Bundesheer, der sowohl an der österreichischen Militärakademie als auch an Hochschulen in den USA Ethik lehrt. Obwohl er im Gegensatz zu Schirrmacher nicht auf die christliche Ethik zurückgriff, sondern auf eine Pflichtethik in der Tradition Kants, kam er bezüglich des Ausgangsdilemmas einer Armee zum selben Ergebnis. Auch er forderte, dieses Problem nicht schön zu reden, sondern den Soldaten und Offizieren bei seiner Bewältigung alle Unterstützung zuteil werden zu lassen.

Weitere Informationen:

Ralph Winter (1924-2009) – Ruhe in Frieden

Ralph WinterAm 20.4.2009, um 9:05, ist mein Lehrer Ralph Winter im Alter von 84 Jahren gestorben und in den ewigen Frieden zu dem Herrn eingegangen, dem er sein Leben gewidmet hatte.

Zu einer ersten Zusammenarbeit mit ihm kam es 1979 auf der Missionskonferenz in Edinburgh. Als frisch gebackener Student klinkte ich mich dort in die neue internationale Missionsbewegung ein, die von der Lausanner Kongress 1974 ausgehend Mission auf die unerreichten Völker neu ausrichten wollte. Wir gründeten in Anlehnung das US Center for World Mission das German Center for World Mission (Institut für Weltmission und Gemeindebau) im Verbund des Center for World Mission Network, die European Hidden People Study Group und stürzten uns auf Völkerkunde, Kulturanthropologie und Sprachwissenschaft. Das German Center mündete später in das Martin Bucer Seminar ein.

Von Winter empfing ich die Prägung für Missionswissenschaft, das Interesse am umfassenden Studium der Kulturanthropologie, aber auch für seine Spezialität, die alternative theologische Ausbildung.

Unvergesslich die Zeiten der Kooperation mit seinem US Center for World Mission, meine Zeit als Promotionsbetreuer an seiner William Carey International University, die Mitarbeit an der von ihm initiierten International Journal for Frontier Mission. Die Besuche in Pasadena waren immer viel zu kurz, um all die Anregungen aufzunehmen, die dieser ruhelose Geist pausenlos ausspuckte. Man hatte das Empfinden, dass Winter je älter, desto innovativer wurde. Was hat er nicht alles initiert. Und ständig war er dabei, alles zu überdenken und zu verbessern. Wer wird wohl sein Nachfolger werden?

Weiterführende Links:

Marburg: Christus als gekreuzigtes Schwein

Mai 19, 2009 by admin · 1 Kommentar 

blogIn verschiedenen Veröffentlichungen der letzten Zeit habe ich betont, dass die zunehmenden Angriffe auf Evangelikale letztlich alle Christen meinen und nur ein Schulterschluss aller Christen verhindern kann, dass christliche Werte und Inhalte Freiwild in Deutschland werden.

Der Protest gegen einen evangelikalen Psychologenkongress in Marburg beweist von Tag zu Tag mehr nicht nur, dass hier zu Schmierereien und gewaltsamen Behinderungen bereite Extremisten am Werk sind, sondern auch, dass der christliche Glaube, ja Jesus Christus selbst gemeint sind.

Die gotteslästerliche Darstellung an einer Eingangstür der Universität zeigt jetzt Jesus als gekreuzigtes Schwein. Hier geht es nicht mehr um vermeintliche Menschenrechte oder um Sexualethik, hier geht es für Christen um alles oder nichts.

Und den Journalisten, die derzeit in Buch (‚Mission Gottesreich‘), Zeitung (‚Q-Rage‘) und allerlei Medien gegen die Evangelikalen zu Felde ziehen: Werdet ihr die Geister wirklich wieder los, die ihr da ruft? Und wann distanziert ihr euch von den Schmiereien, Spöttereien und Androhungen von gewaltsamen Behinderungen?

Die Schöpfung bewahren – unter oder gegen den Schöpfer?

Was ich in meinem Buch „Drewermann und der Buddhismus“ ebenso wie im Kapitel zum Umweltschutz in meiner „Ethik“ vor vielen Jahren angesprochen habe, ist heute aktueller denn je, wie mein Kommentar „Environmental Ethics“ in „Lausanne World Pulse“, der Zeitschrift der Internationalen Lausanner Bewegung und des Wheaton College, zeigen soll. Die Ökologie wird immer mehr selbst zur Religion bzw. zu allerlei Religionen, oder aber wird zur Spielwiese allerlei religiöser, esoterischer, aber auch atheistischer Propheten. Mit selbstkritischer und sich auf das, was man wissen kann, beschränkender Wissenschaft hat vieles immer weniger zu tun. Wenn die Stahlindustrie im großen Stil Windmühlenfirmen zur Energiegewinnung fördert und besitzt (Nach der Autoindutsrie der zweitgrößte Stahlabnehmer) und Mitbegründer der Grünen und Ex-Politiker durch Solarfirmen Multimillionäre werden, ist auch der einstige moralisierende Appell Kleine gegen Große und Gute gegen Böse passè.

Nur wenn der Mensch sich dem Schöpfer unterstellt, wird er als Krone der Schöpfung seiner Verantwortung gegenüber der Schöpfung gerecht. Wer die Schöpfung (Natur, Umwelt) selbst vergöttlicht oder wer den Menschen esoterisch mit der Schöpfung gleich stellt, hat für seinen Appell an seine vermeintliche Verantwortung keinerlei Grundlage. Wir werden uns einst nicht vor unseren Enkeln, sondern vor Gott verantworten müssen.

Weitere Informationen:

Frühere Artikel von mir in „Lausanne World Pulse“ zum Thema Christenverfolgung:

Wahrheiten, die die Demokratie binden

Mai 16, 2009 by admin · Schreiben Sie einen Kommentar 

Der in Münster lehrende katholische Systematiker William J. Hoye hat zu Recht betont, dass sich Demokratien bei aller Offenheit für den rationalen Diskurs aller Beteiligten letztlich auf unantastbare „Wahrheiten“ stützen (William J. Hoye. Demokratie und Christentum: Die christliche Verantwortung für demokratische Prinzipien. Aschendorff: Münster, 1999. S. 29-33, 47-49 u. ö.). Das Grundgesetzt „bekennt“ sich zu den Menschenrechten und die Präambel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 spricht von „Anerkennung“ und sogar von „Glauben“, wenn sie sagt: „Da die Anerkennung der angeborenen Würde und der gleichen und unveräußerlichen Rechte aller Mitglieder der Gemeinschaft der Menschen die Grundlage von Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden in der Welt bildet“ und vom „Glauben an die grundlegenden Menschenrechte, an die Würde und den Wert der menschlichen Person und an die Gleichberechtigung von Mann und Frau“ spricht. Ähnliche Formulierungen, die die Anerkennung einer vorgegebenen, offensichtlich unumstößlichen Wahrheit voraussetzen, finden sich in vielen Menschenrechts- und Verfassungstexten, so Hoye. Deutsche Landesverfassungen sprechen von „Achtung“ der „Wahrheit“ und von „Gesinnung“, es geht ihnen etwa um die „Erziehung zur Achtung vor der Wahrheit“ (Verfassung Bremens, Art. 26.3) „in freier demokratischer Gesinnung“ (Verfassung von Rheinland-Pfalz, Art. 33).

Der Demokratie wohnt auch der Gedanke inne, dass alle Völker ihre Wahrheit teilen sollten (ebd. S. 39). Denn „Wie kein anderes politisches System ist Demokratie vom Wesen her auf philosophisches Denken angewiesen.“ (ebd. S. 53) Auch wenn die wenigstens demokratischen Systeme ihre Struktur anderen Ländern aufzwingen wollen, ist die Demokratie doch ein stark missionarisches Staatsmodell, dass sich beileibe nicht auf zufällig gewonnene Abstimmungen stützt, sondern auf letzte Wahrheiten, die zu hinterfragen einen Menschen ‚undemokratisch’ machen. Man sehe einmal, mit welcher Letztüberzeugung die Überlegenheit von Demokratien oft von Politikern vorgetragen wird, wie ‚Demokrat’ als ultimatives Gütezeichen gehandelt wird oder etwa wie radikal von Muslimen eine Unterordnung unter das Grundgesetz verlangt wird.

Läuft nicht auch der Aufbau einer internationalen Gerichtsbarkeit für Völkermord, vor der sich auch Staatsoberhäupter verantworten müssen, darauf hinaus, dass es eine alle Staaten und alles positive Recht übersteigende Ethik gibt? Wird nicht viel zu wenig diskutiert, ob hier nicht säkularerseits ein ebenso umspannendes universales Ethos vorausgesetzt wird wie auf religiöser Seite, wie es das Christentum vom Judentum herkommend mit der Tora oder dem einst vorherrschenden Naturrecht kannte, oder – in viel konkreterer Ausführung und völlig anderer Bedeutung – der Islam mit der Scharia? Und müsste ein solches Weltethos nicht ebenso einer intensiven Diskussion um seine letzte Begründung ausgesetzt sein, wie es die christliche Ethik in ihrer Geschichte immer schon war? Verstecken nicht viele ihren Mangel an Letztbegründung hinter dem Vorwand, sie allein wollten ja nicht religiös oder gar fundamentalistisch argumentieren?
Oft wird so getan, als wenn Religionen mit ihrem Wahrheitsanspruch per se nicht demokratiefähig wären und den Staat der eigenen religiösen Wahrheit unterordnen. Aber ist das im säkularen Humanismus wirklich anders – um einmal diese beiden Pole etwas plakativ einander gegenüber zu stellen? Geht die Auseinandersetzung nicht allzuoft auf beiden Seiten um letzte Wahrheiten, die als Menschenrechte jeden Staat binden sollen?

Stellt unser Staat nicht zu Recht Religionen und nichtreligiöse Weltanschauungen auf eine Stufe, wenn es um Religions- oder Meinungsfreiheit geht. Bedeutet das nicht aber zugleich, dass nichtreligiöse Weltanschauungen ebenso wenig neutral sind wie Religionen und ebenso ehrlich beschreiben sollten, was ihre letzten, nicht hinterfragbaren Grundlagen sind? Im Alltag wie in der akademischen Welt lässt sich seit langem beobachten, dass sich nichtreligiöse Menschen wegen ihrer Nichtreligiosität automatisch als neutraler, der Wahrheit verpflichteter und rationaler ansehen, die ihre Denkgrundlagen gar nicht erst offen legen müssen, während religiöse Menschen von ihnen den schwarzen Peter der Borniertheit und Voreingenommenheit zugeschoben bekommen. Wie fair, rational, dialogfähig jemand ist und wie sehr er echter Forschung verpflichtet, dürfte aber kaum darüber zu ermitteln sein, ob er religiös ist oder nicht.

Wählen wir das Beispiel der Zulässigkeit des Schwangerschaftsabbruchs. Auf beiden Seiten wird hier mit überstaatlichem Recht argumentiert – wir übergehen einmal das breite Spektrum dazwischen, dass Kompromisse sucht. Das katholische Lehramt und der größere Teil der evangelikalen Bewegung sieht ungeborene Menschen als Menschen mit voller Menschenwürde an und gesteht keinem Staat zu, zuzulassen, dass dieses menschliche Leben angetastet wird (Klassisch ist die Darstellung eines zum katholischen Glauben übergetretenen führenden Evangelikalen Francis J. Beckwith, Defending Life. A moral and legal case against abortion choice, Cambridge 2007). Der Staat wird also tatsächlich an der religiösen Wahrheit gemessen, die nach dem Verständnis seiner Verfechter allerdings jedem vernünftigen Menschen einsehbar sein müsste.

Aber ihre Gegner verweisen auch nicht einfach nur auf das positive Recht, das auf parlamentarischen Mehrheitsentscheidungen zugunsten der Freigabe von Abtreibungen beruht, sonst müssten sie akzeptieren, dass in Irland, Polen oder vielen nichtwestlichen Ländern ebenso rechtmäßig aufgrund von parlamentarisch beschlossenen Gesetzen oder von Volksentscheiden Abtreibung nicht zulässig ist. Hier aber argumentieren sie mit über den Staat hinausgehenden Rechten aller Menschen, wie dem Selbstbestimmungsrecht der Frau, oder direkt mit einem Menschenrecht auf Abtreibung. Beide Seiten messen also den Staat gewissermaßen fundamentalistisch an nicht aufgebbaren, die Demokratie bindenden, ‚ewigen‘ Werten und gehen davon aus, dass diese dem jeweils anderen aus niederen Motiven trotz aller Vernünftigkeit nicht einsehbar sein wollen.

Oder wählen wir den Kulturkampf, der in Kalifornien um die Einführung der Ehe für Homosexuelle und die gegenwärtige Volksabstimmung unter dem Stichwort ‚proposition 8’ tobt. Sicher ist eine kompromisslose Koalition aus Religiösen (vor allem katholischen Latinos, Mormonen und einem Teil der Evangelikalen) und Nichtreligiösen (sonst gäbe es keine solche Mehrheiten!) gegen deren Einführung, aber ihre Gegner sind ebenso kompromisslos und kämpfen um letzte Wahrheiten. Weder kümmert die einen, dass bei einer Volksabstimmung im November 2008 52% der Wähler gegen die Einführung waren, noch kümmert die anderen, was Staatsparlament oder Richter beschlossen haben. Die demokratischen Mechanismen sind für beide Seiten eher Werkzeuge, die eigene Wahrheit durchzusetzen, die gewissermaßen ‚fundamentalistisch‘ oberhalb des Staates angesiedelt wird. Die Demokratie kann oft einen Ausgleich zwischen ‚Wahrheiten‘ und Interessen schaffen, aber bisweilen kommt das Ergebnis nur durch Entscheidung der Mehrheit oder sogar nur aufgrund der oft zufälligen vorhandenen Mechanismen (Wahlmodus, Referendum, Gültigkeit von Gerichtsbeschlüssen) zustande.

Aber die Demokratie kommt ohne die Bindung an solch höhere Werte letztlich nicht aus. Demokratie ist kein Selbstzweck in sich. Sie kann sich bekanntlich mit ihren Mechanismen selbst abwählen. Nur wenn und weil die Demokratie höhere Werte wie Menschenwürde, Rechtsstaatlichkeit, Minderheitenschutz, Gerechtigkeit oder Sozialstaatlichkeit besser gewährleisten kann, ist sie auf Dauer allen anderen Staatsformen überlegen. Wie etwa wollte eine Demokratie Minderheitenschutz praktizieren, wenn die Meinung der Mehrheit und die Abstimmungsmehrheit heilig und unantastbar wäre.

Es wäre besser, alle Befürworter der Demokratie würden offenlegen, welches die höchsten Werte und Wahrheiten sind, die die Demokratie verteidigen soll, anstatt dass einige so tun, als wären sie neutral und nur andere würden ihre Wahrheiten der Demokratie überstülpen wollen.

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Thomas Schirrmacher