Thomas Schirrmacher
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Zur Forderung von Mark A. Gabriel, wir brauchten eine neue arabische Bibelübersetzung ohne ‚Allah’

Dezember 31, 2009 by Schirrmacher · 3 Kommentare 

Leserbrief zur Aussage von Mark A. Gabriel in factum 8/2009, ‚Allah’ finde sich erst seit dem 19. Jh. in arabisch-christlicher Literatur

Erscheint in Factum 1/2010

In einem Interview in factum 8/2009 bittet Mark. A. Gabriel um Spenden für eine neue arabische Bibelübersetzung, die nicht ‚Allah’ für Gott, sondern ‚Al-Elah’ verwendet. ‚Allah’ sei erst im 19. Jahrhundert vom Bibelübersetzer „Van Dycke“ in die arabische-christliche Literatur eingeführt worden.

In meinem Heft „Dürfen arabische Christen Gott ‚Allah‘ nennen?“ (MBS-Text 96, Bonn: Martin Bucer Seminar, 2008, kann hier heruntergeladen werden) bin ich ausführlich darauf eingegangen, dass ‚Allah’ schon lange vor Muhammad die christliche Bezeichnung für Gott auf Arabisch war. Angesichts des Interviews habe ich noch einmal mit mehreren Experten gesprochen und alles erneut überprüft, aber ich kam nur zu dem Schluss, dass ich niemand finde, der Gabriels Auffassung teilt oder belegt und meine Ausführungen immer noch aktuell sind: Allah leitet sich nicht von der Mondgöttin ‚Al-Lat’ ab, sondern entspricht dem gemeinsemtischen Wort für Gott, das wir als ‚El’ bzw. ‚Elohim’ aus dem Alten Testament kennen, und wird schon Jahrhunderte vor Muhammad von Christen auch für den christlichen Schöpfergott verwendet.

Es lie­gen uns Texte des Konzils von Nizäa im 4. Jahrhundert, an dem sechs arabische Bischöfe teilnah­men, auf Arabisch vor, einschließlich des Glaubensbekenntnisses („Ich glaube an Gott …“) mit der Wiedergabe von ‚Gott’ mit ‚Allah’. Übersetzer war Bischof Maruta von Maipherkat, der 420 n. Chr. starb. Am Konzil von Chalcedon nahmen 20 arabische Bischöfe teil, die Gott ebenfalls ‚Allah’ nannten.

Noch ein anderes Beispiel: Auf der Insel Malta wird ein arabischer Mischdialekt gesprochen. Die Malteser sind zu 100% christlich und haben bekanntlich eine Jahrhunderte lange Geschichte der Ablehnung des Islam hinter sich. Gott beten sie aber seit Jahrhunderten in jedem Gottesdienst als ‚Allah’, nicht als ‚Al-Elah’ oder anders an.

Und dann habe ich arabische Christen angerufen, sie mögen doch in ihren alten, ererbten Familienbibeln aus der Zeit vor van Dyke nachschauen. Auch dort findet sich ‚Allah’ und nicht ‚Al-Elah’.

Im übrigen sei daran erinnert, dass das Alte wie das Neue Testament Gottesbegriffe benutzen (Elohim im AT und theos im NT), die in der Umwelt damals üblich waren und mit denen gleichzeitig auch ganz andere Götter bezeichnet wurden. Das Neue Testament benutzt kein Wort für Gott, dass nur Christen verwendeten. Und das deutsche Wort ‚Gott’ hat, wie ich in meinem Beitrag gezeigt habe, eine sehr merkwürdige germanische Vorgeschichte als geschlechtslose Bezeichnung einer Gottheit bzw. eines Dämons, und wir benutzen es trotzdem.

Den wahren Unterschied zwischen dem Wachstum von Islam und Christentum hat der SPIEGEL nicht erfasst

Dezember 22, 2009 by Schirrmacher · 4 Kommentare 

(Wer auf der Suche nach einem kurzen Beitrag zum Abdruck ist, kann sich auf die am Ende nummerierten Punkte 1.-3. beschränken.)

Mit großer Dramatik beschreibt der Spiegel in seinem Titelbeitrag „Die Rückkehr des Allmächtigen“ als neu, was nie anders war: Die beiden größten Weltreligionen sind am wachsen und es sind die ‚Fundamentalisten‘ und wirklich Überzeugten, die vor allem Mission betreiben. War das je anders? Der Allmächtige ist zurück und der Spiegel merkt es als erstes? Oder als letztes? War das nicht alles seit dem Untergang des kommunistischen Imperiums vorprogrammiert?

Der Spiegel tut dabei so, als wenn nur Islam und Christentum missionieren würden, dagegen Buddhismus und Hinduismus nicht. Und was ist mit dem Dalai Lama und seinen Welttouren? Warum werden in Indien Zwangsbekehrungen zum Hinduismus durchgeführt und der Islam mit Gewalt bekämpft? Und das gerade der Spiegel ob seiner vielen Kampagnen, auch gegen das Christentum (man denke an das Jesusbuch von Augstein), anderen das missionieren vorwirft, ist schon fast zum Schmunzeln.

Aber immerhin, vieles ist gut recherchiert und manches wird mutig ausgesprochen, etwa, dass der islamistischen Gewalt „deutlich mehr Muslime zum Opfer“ gefallen sind als Christen. Erfreulich ist auch, dass sich der Spiegel in seiner Polemik gegenüber Evangelikalen zurückhält. Dass der Spiegel die Säkularisierungstheorie – je moderner, desto unreligiöser – widerruft, ist immerhin selbst eine Schlagzeile wert, war er doch selbst lange ihr eifrigster Verfechter, ja fast ihr Symbol. Das mein Lehrer Peter Berger, der wohl bedeutendste Religionssoziologe der Welt, der diese These vor über 40 Jahren mit aufstellte, sie schon Mitte der 1980er Jahre widerrufen hatte, hat der Spiegel nämlich bisher nie gemeldet. Der Schlusssatz „Islam und Christentum werden die prägenden Kräfte bleiben, auch wenn kein Schulkind mehr weiß, wer Marx und Nietzsche gewesen sind“ ist gerade für den Spiegel doch ein sehr ehrliches Eingeständnis auch in eigener Sache. Denn dem ganzen Artikel ist ja abzuspüren, dass man bloß nicht in den Verdacht geraten will, dass man selbst etwa etwas mit dem Glauben an den „Allmächtigen“ zu tun habe.

Vieles zeigt aber auch, dass hier religiös Unmusikalische schreiben. Wenn etwa mit großer Dramatik darauf verwiesen wird, dass neuerdings ganze Hochschulen in den USA der Missionarsausbildung dienen, fehlt offensichtlich das Wissen, dass schon die Jesuiten Jahrhunderte lang deswegen Hochschulen gründeten, dass die erste Universität Asiens in Indien (Serampore College) im 18. Jahrhundert diesem Zweck diente, dass viele Eliteuniversitäten der USA, wie Harvard und Princeton, hier ihren Ursprung haben und oft Missionare wie David Livingstone hochgebildete Leute waren.

An anderer Stelle heißt es, es gebe „mehr als 400 Millionen Freikirchler weltweit“. De facto ist das die Zahl der Evangelikalen. Freikirchler nennt man Angehörige von kleinen Kirchen in Ländern mit ehemaligen Staatskirchen. In den meisten Ländern dieser Erde, in den USA, Korea, China oder Indien gibt es keine Freikirchen bzw. sind alle Kirchen Freikirchen. Und in den Ländern mit ehemaligen Staatskirchen wie Schweden, England oder Deutschland ist ein erheblicher Teil der Evangelikalen jeweils in den ehemaligen Staatskirchen, in Deutschland etwa 50% der Evangelikalen. Umgekehrt gibt es nicht wenige Freikirchler, die dezidiert keine Evangelikalen sein wollen.

Die Parallelisierung von Ausbreitung des Islam auch mit Gewalt und der angeblich ebenso gefährlichen christlichen Mission entbehrt jeder Grundlage. Nicht zufällig kann der Spiegel viele Beispiele von Gewalt seitens islamistischer Gruppen anführen, aber keines auf christlicher Seite, auch wenn der Spiegel christliche Missionare „Gottesstreiter, die Soldaten Christ“ nennt, übrigens die Bezeichnung der wahrhaft nicht für Gewalt bekannten Heilsarmee. Stattdessen weicht der Spiegel als Gegenüber zu Beispielen islamistischer Gewalt auf christliche Äußerungen als Gegenüber aus, etwa die Erde sei 6000 Jahre alt. Da habe ich doch lieber einen Nachbarn, der das friedlich glaubt, als einen der mich mit Gewalt bedroht!

Der Spiegel schreibt: „Es waren überzeugte Wahhabiten, welche ihre gekaperten Flugzeuge in die Türme des World Trade Center steuerten, es sind Pastoren fundamentalistischer US-Kirchen, die inzwischen häufig vom ‚Islamofaschismus‘ sprechen.“ Also, eine dumme, islamkritische Vokabel zu verwenden (und ich bin auch gegen so etwas, siehe mein Buch „Feindbild Islam“) ist dasselbe wie Tausende von Menschen umbringen?

Also nochmal: Der Spiegel führt kein einziges Beispiel dafür an, dass christliche Mission mit Gewalt betrieben wird oder Gewalt legitimiert. Er stößt sich – wie ich auch – nur an bisweilen drastischer Sprache, nur ist das eben ein ganz anderes Kapitel und nichts, wogegen das Gewaltmonopol des Staates in Stellung gebracht werden müsste.

Fundamentalist ist nicht einfach jeder, der meint, die Wahrheit zu haben, denn dann wäre die große Mehrheit der Menschheit Fundamentalisten und nur die Westeuropäer wären gute Menschen. Fundamentalismus heißt vielmehr, einen Wahrheitsanspruch mit Gewalt oder wenigstens undemokratischen Mitteln durchsetzen zu wollen. Das ist, wovor die Menschen Angst haben. Demnach hat der Islam einen leider zu großen, insgesamt aber kleinen Flügel an gewaltbereiten Fundamentalisten, die Christen und auch die Evangelikalen dagegen praktisch keinen – die wenigen Ausnahmen lehnen alle selbst den Kontakt zur evangelikalen Mehrheit ab.

Dazu kommt: Selbst wenn stimmt, was über Evangelikale in den USA gesagt wird: Seit wann gilt in Deutschland die Sippenhaft noch? Muss wirklich jeder konservative Christ weltweit für alles haften, was irgendwo in der Welt gesagt wird?

Damit sind wir bei meiner religionssoziologischen Grundsatzkritik:

  1. Auch wenn der Spiegel den Eindruck erweckt, darzustellen, was die Hälfte der Menschheit bewegt, ist er von einem Gesamtbild der weltweiten Lage weit entfernt. Ein Beispiel unter vielen: Die katholische Kirche erscheint praktisch nur als Zuschauer, die auf die Erfolge der Evangelikalen neidisch ist. In Wirklichkeit ist die katholische Kirche etwa in Afrika stark am Wachsen und gerade in dem dargestellten Weltlauf zwischen Islam und Christentum ein zentraler Faktor.
  2. Religionssoziologisch ist die Frage von zentraler Bedeutung, wodurch die Religionen denn vor allem wachsen. Der Spiegel übergeht hier völlig, dass sich gerade hier ein tief greifender Unterschied zwischen Islam und Christentum auftut: Der Islam wächst fast ausschließlich durch sein enormes Bevölkerungswachstum (und in einigen Ländern durch die starke Auswanderung von Muslimen aus ihren Kernländern). Dazu kommt der Anpassungsdruck in islamischen Ländern. Die ‚Erfolge‘ durch klassische Überzeugungsarbeit und Einzelübertritte sind vergleichsweise gering. Das Christentum wächst praktisch nirgends durch Anpassungsdruck. Das Bevölkerungswachstum ist in vielen ehemals christlichen Ländern zum Stillstand gekommen, und selbst in Asien und Afrika, wo Christen mehr Kinder haben, trägt das Bevölkerungswachstum weniger zum Wachstum bei, weil die nächste Generation – anders als im Islam – vergleichsweise einfach den christlichen Glauben wieder aufgeben kann und das auch in Teilen tut. Das Wachstum des Christentums geht deswegen zu weit mehr als 90% auf inhaltliche Werbung und Einzelbekehrungen aus Überzeugungen zurück. Das war längst nicht immer so, gilt heute aber fast überall. Man mag das beurteilen, wie man will, in das Gesamtbild eines Wettlaufes zwischen Christentum und Islam hätte das unbedingt hineingehört. Erst diese Gegenüberstellung zeigt, wie ungleich der Wettbewerb zwischen den beiden Religionen ist, den der Spiegel erfreulicherweise zum Thema gemacht hat.
  3. Ein Grundirrtum ist die Aussage: „Es sind nicht die Mütter Teresa dieser Welt, die das Missionsgeschäft mit größter Leidenschaft betreiben“. Doch, es sind sie. Denn Mutter Teresa war nun einmal hochgradig religiös motiviert (‚Fundamentalistin‘ würde das der Spiegel nennen). Denn einerseits wird die weltweite christliche Sozialarbeit unter den Ärmsten der Armen von sehr überzeugten Christen betrieben. World Vision und die Heilsarmee seien hier stellvertretend genannt. Und andererseits ist der Einsatz für die Schwachen integraler Bestandteil gerade des Eifers überzeugter Christen. Die Evangelikalen investieren Milliarden für die sozial Schwachen weltweit. Das mag man schätzen oder schlimm finden. Aber eine simple Unterscheidung in gute christliche Entwicklungshelfer und schlechte Missionsprediger wird der Realität fast nirgends gerecht. Übrigens gilt das auch für die islamische Seite. Viele Erfolge der islamischen Fundamentalisten sind dem Umstand zu verdanken, dass sie ein eigenes, funktionierendes Sozialsystem aufbauen, wo der Staat versagt – auch wenn es nur für Muslime gilt. Die Palästinensischen Autonomiegebiete sind dafür das bekannteste Beispiel.

Der aufziehende Kulturkampf 2.0

Dezember 3, 2009 by Schirrmacher · 2 Kommentare 

Hinweis: Liegt nur als pdf-Datei vor.

Die “Manhatten Erklärung”

Dezember 3, 2009 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar 

Hinweis: Liegt nur als pdf-Datei vor.

Der aufziehende Kulturkampf 2.0

Dezember 3, 2009 by Schirrmacher · 4 Kommentare 

ethik+werte

Warum die Manhattan Erklärung recht hat

Eine Stellungnahme für das Institut für Ethik und Werte, Gießen

Prof. Dr. phil. Dr. theol. Thomas Schirrmacher

  • Die Originalstellungnahme findet sich hier oder zum Download hier.
  • Die deutsche Übersetzung der Manhattan Erklärung des Instituts für Ethik und Werte findet sie hier oder zum Download hier.

Der sogenannte Kulturkampf war eine Auseinandersetzung zwischen der römisch-katholischen Kirche unter Papst Pius IX. und dem Königreich Preußen beziehungsweise dem kaiserlichen Deutschen Reich unter Reichskanzler Otto von Bismarck zwischen 1871 und 1887. Mit Hilfe des Gesetzes sollte der öffentliche Einfluss der Kirche zurückgedrängt werden. Gemeint war die katholische Kirche, die Gesetzgebung traf jedoch alle Kirchen, ja trifft teilweise alle Religionen in Deutschland bis heute, insofern damalige Bestimmungen heute noch greifen.

Am Anfang stand 1871 der berühmte „Kanzelparagraph“, der Pfarrer für politische oder vermeintlich politische Aussagen haftbar machte. Es folgte 1875 die Zivilehe – eine Eheschließung vor religiösen Würdenträgern war fortan streng verboten (außer als Nachfeier). 1875 folgte das „Brotkorbgesetz“, durch das man den Kirchen systematisch indirekte finanzielle Unterstützungen entzog. Schließlich wurden alle kirchlichen Schulen einer rigorosen staatlichen Schulaufsicht unterstellt. Auch in vielen anderen Fragen sollten die Kirchen gezwungen werden, nach den Spielregeln des Staates zu spielen.

Viele der Bestimmungen galten lange oder gelten heute noch. Der Kanzelparagraph wurde erst 1953 aufgehoben. Erst seit 2009 muss einer kirchlichen Ehe keine standesamtliche mehr vorangehen. Dass die religiöse Trauung rechtlich im Gegensatz zu fast allen anderen westlichen Ländern in Deutschland nicht existiert, hat sich bis heute aber nicht geändert.

Bischöfe wanderten ins Gefängnis, der Staat beobachte erstaunt, wie eine schlafende Masse von unpolitischen Christen plötzlich aus Solidarität den Aufstand probte. Nachdem viel unnötiges Porzellan zerschlagen war, gab der Staat schließlich auf. Er hielt sowieso nur bis 1918.

Den christlichen Kirchen wurde im Kulturkampf zwar schwer geschadet. Zugleich aber erlebten sie über weite Strecken auch eine Neubelebung – und am Ende gab der Staat klein bei. Man traf dabei wesentlich stärker die Kirchen, die man gar nicht meinte, vor allem die evangelischen, während das eigentliche Ziel, die internationale Verflechtung der Kirchen zu brechen, völlig scheiterte. Das Klima wurde auf Jahrzehnte vergiftet. Loyale Staatsbürger wurden gezwungen, sich zwischen ihrem Glauben und dem Staat zu entscheiden, ohne dass irgendjemand davon wirklich einen Nutzen hatte.

Ähnliche Kulturkämpfe hat es immer wieder gegeben. Der Nationalsozialismus hatte nichts gegen Kirchen, wenn sie sich stromlinienförmig der Partei anpassten und Soldaten zu guten Soldaten machten. Die DDR wollte sozialistische und kontrollierbare Kirchen. Praktisch alle westlichen Länder haben von Zeit zu Zeit ähnliche Phasen durchgemacht. In den USA findet der Kulturkampf schleichend seit fast 30 Jahren statt, was schließlich zur Manhattan-Erklärung geführt hat.

Natürlich gibt es Unterschiede zwischen damals und heute. Die politische Macht der katholischen Kirche war damals wesentlich größer. Zudem leben wir heute im Westen in bewährten Demokratien.

Um so erstaunlicher ist es, wie viele Kräfte es heute gibt, die in den friedlichen westlichen Gesellschaften gegenüber den friedlichen Kirchen von heute eine Neuauflage „Kulturkampf 2.0“ anstreben und organisieren. Großbritannien ist darin ein Vorreiter. Dort zahlen bereits Bischöfe der Kirche von England – ironischerweise dort immer noch zumindest offiziell die Staatsreligion – horrende Strafen für Predigten zum Thema Sexualität und müssen zwangsweise Antidiskriminierungsseminare besuchen. Alle katholischen Adoptionsstellen wurden geschlossen, weil man gezwungen wurde, auch an gleichgeschlechtliche Paare Kinder zu vermitteln, und immer öfter werden Christen aus dem Staatsdienst entlassen, etwa weil sie ein Kreuz tragen.

Abtreibung, Bioethik, Sexualität, Ehe, Familie, Gender Mainstream – die Liste der Themen wird immer länger, bei denen man die Kirchen zwingen will, so zu denken und handeln, wie die „veröffentlichte“ Meinung (denn die „öffentliche“ Meinung der Bevölkerungsmehrheit hat man dabei nicht immer auf seiner Seite und interessiert sich nicht unbedingt dafür).

Christen sollen nichts mehr für falsch halten dürfen, was andere tun. Sie sollen ihre Ethik ad acta legen, nicht etwa zugunsten keiner Ethik oder einer freien Ethik nach Gutdünken, sondern zugunsten der Ethik derer, die den Kulturkampf führen. Die Kirchen sollen entweder in ihrer Mitte die Ethik anderer praktizieren, oder andernfalls völlig aus dem öffentlichen Leben verdrängt werden.

Deutlich wird das etwa bei der religiösen Kindererziehung. Die Stadt Berlin macht vor, dass es nicht darum geht, den Religionsunterricht abzuschaffen, sondern alle Kinder zwangsweise in den staatlichen Weltanschauungsunterricht namens ‚Ethik’ zu schicken. Im schulischen Leben spielt das vom Grundgesetz und den internationalen Menschenrechtserklärungen garantierte Recht der Eltern, ihre Kinder im Sinne ihrer Religion erziehen zu dürfen, längst keine Rolle mehr. Und der Trend, dass auch Christen wie jedermann gefälligst ihre Kinder in staatlichen oder staatlich finanzierten Krippen abzugeben haben und schnell jeder, der seine Kinder zu Hause betreut, der Asozialität verdächtigt wird, ist ungebrochen.

Sicher, Geschichte wiederholt sich nicht, aber dennoch kann man seine Lehren aus ihr ziehen. Die Parallelen sind verblüffend: Das Mittel der Christenverfolgung und der Religionsbedrückung war damals wie heute in der westlichen Welt das Recht und die Gesetzgebung. Mit immer neuen Stellschrauben des Gesetzes wollte und will der Staat Christen zu etwas zwingen, ohne zu offener Gewalt greifen zu müssen. Gewalt war es allemal, aber weil es staatliche Gewalt war, schien sie legitimiert.

Die Auseinandersetzung ist in Deutschland, in Europa, ja in der ganzen westlichen Welt so überflüssig wie ein Kropf. Es sind nicht die Kirchen in Deutschland oder Europa, die an sozialem Unfrieden schuld sind oder von denen Diskriminierung und Gewalt gegen andere ausgehen.

Die Europäische Union hat gewaltige Aufgaben vor sich. Doch statt Arbeitslosigkeit und Rassismus zu bekämpfen, grast sie die Gesetzgebung ab, wo Kirchen als Religionsgemeinschaft vermeintliche Sonderrechte haben. Religionsfreiheit, nein danke? Kirchliches Selbstbestimmungsrecht nach § 140 des deutschen Grundgesetzes, aber wieso denn? Jede Kirche soll gefälligst wie jede Firma dem unmittelbaren Zugriff des Staates unterliegen. Gewissensnöte Gläubiger? Die werden schon einknicken, wenn der Druck nur stark genug ist.

Die EU, genauer bestimmte politische Kräfte in der EU, wollen die christlichen Kirchen in die Knie zwingen. Nicht etwa den in einigen Teilen mit klarem politischen Machtanspruch auftretenden Islam, nicht die islamistische Minderheit, die unverhohlen Gewalt einsetzt, denen man vielmehr erstaunlich sanftmütig entgegentritt und deren Kritiker man mit millionenschweren Aktionen gegen Islamophobie das Leben schwer macht. Nein, den christlichen Kirchen, die in den Ländern der EU ganz wesentlich den Staat mittragen, die Demokratie stützen, die Zivilgesellschaften bereichern. Den Kirchen, die den Gedanken eines friedlichen Europas und seine Begründer mit hervorgebracht haben – man denke nur an europäischen Urvater Robert Schumann.

Es spielt überhaupt keine Rolle, um welche Themen es im Einzelnen geht. Manch ein Christ, manch eine Kirche, wird sich bei manchem Thema lieber wegducken wollen. Manches Thema wird ihnen lästig sein, bei manchen Themen verstehen sie nicht, warum es anderen Christen so wichtig ist. Aber sie alle werden der Grundsatzfrage auf Dauer nicht aus dem Weg gehen können. Die eine oder andere Kirche, der eine oder andere Theologe mögen länger in der Öffentlichkeit als nicht so eng gelten – am Ende wird es alle treffen.

Ich schreibe das ganz unaufgeregt und undramatisch. Die christlichen Kirchen haben die Feindschaft und den Untergang Roms überlebt, wie den Nationalsozialismus, den Stalinismus und den Maoismus und viele weniger brutale Herausforderungen. Die meisten Christen dieser Welt wünschten sich, sie hätten die Freiheiten, die Christen im Westen haben. Die Welt verändert sich ständig, und damit kommen auch für die Kirchen immer neue unvermutete Herausforderungen. Und der Ausbreitung der Botschaft vom Frieden mit Gott durch Jesus Christus weltweit hat aufs ganze gesehen der Druck von außen nicht geschadet – im Gegenteil, die Kirchen wachsen derzeit unter Druck weltweit am stärksten.

Das ändert aber nichts daran, dass die neue Kraftprobe real ist. Gesellschaftliche Kräfte im Westen missbrauchen den Staat, um die Kirchen in die Knie zu zwingen und ethisch stromlinienförmig an ihre Weltanschauung anzupassen. Der Staat wird zur Beute der Weltanschauung der einen, die dann ihre vermeintlichen Gegner unterdrücken.

Das wird dem Staat viele Triumphe bescheren, zumal die Kirchen völlig friedlich reagieren. Der Gesellschaft aber wird es schwer schaden, gute Bürger in unnötige Zwangslagen bringen, die Demokratie aus dem Takt bringen, da Menschen mundtot gemacht werden sollen. Am Ende wird es aber den christlichen Glauben nur gestärkt haben, die Zustimmung zu ‚denen da oben’ aber abnehmen lassen.

Und auch die Familie, die dabei allzu oft im selben Zusammenhang für tot erklärt und als unmodern hingestellt wird, wird beweisen, dass sie nicht zufällig als Institution seit Jahrtausenden existiert – und nicht zufällig damit viel länger, als die Staaten, in denen wir leben.

Der Staat erzwingt zunehmend den Widerstand von Christen gegen einen Staat, den sie eigentlich befürworten, ja oft lieben. Doch wenn sie denn völlig unnötig vor die Wahl gestellt werden, werden sie zunehmend und immer geschlossener mit Petrus und Johannes sagen: „Man muss Gott mehr gehorchen, als den Menschen.“ Man muss und will als Christ Menschen oft gehorchen. Der Staat ist für ein friedliches Zusammenleben gottgewollt. Aber man muss Gott mehr gehorchen, wenn der Staat einen vor die Wahl stellt. Petrus und Johannes sollten durch Gefängnishaft daran gehindert werden, öffentlich über Jesus zu sprechen. Die Machthaber, die das beschlossen, sind schon lange vergessen. Die Botschaft von Jesus wird dagegen so oft verkündigt, wie noch nie zuvor, oft unter dem erfreulichen Schutz der Religionsfreiheit, noch öfter trotz staatlichem Verbots oder gesellschaftlicher Bedrohung.

Das ganze kann böse enden. Damit meine ich nicht, dass zu befürchten steht, dass Christen gewalttätig werden. Die Kirchen haben viel Übung im gewaltlosen Widerstand – gegen Kindesaussetzung zur Zeit der Römer, gegen Sklaverei im 18. Jahrhundert, gegen Apartheid in Südafrika, gegen die Auflösung der Familie und die Unterdrückung religiöser Kindererziehung in der Sowjetunion. Aber es wird ein Klima geschaffen, in dem zum einen gegen Christen zunehmend medial und justizial gehetzt wird und in dem starke Kräfte von den wirklichen Problemen unserer Gesellschaften abgezogen werden. Der Staat Bismarcks überlebte bis 1918. Die Überlebenschancen unserer Staaten und Demokratien ist mit den Kirchen sicher viel größer als gegen die Kirchen.

Mein Appell geht an die Politiker: Beteiligt euch nicht an dem aufkommenden Kulturkampf 2.0! Wendet euch den wirklichen Problemen zu!

Mein Appell geht an die Richter: Bremst den ausufernden Kulturkampf 2.0 im Rahmen eurer rechtlichen Möglichkeiten durch Augenmaß und friedliche Lösungen.

Mein Appell geht an die Medien: Beteiligt euch nicht an Hetze, die sozialen Unfrieden heraufbeschwört, sondern berichtet versöhnlich, demokratisch und fair über religiöse Fragen und über Minderheiten aller Art. Und lasst die Betroffenen selbst zu Wort kommen, statt sie zu ächten.

Mein Appell geht an die Kirchen, Freikirchen und Gemeinschaften: Setzt euch nüchtern mit den kommenden Entwicklungen auseinander und erhebt eure Stimme. Lasst euch nicht auseinander dividieren, weil ihr in der einen oder anderen ethischen Fragen unterschiedliche Akzente setzt, sondern seht das Gesamtbild. Wer heute schweigt, wird morgen selbst Zielscheibe sein. Mit den Worten von Ulrich Parzany sage ich: „Steht auf, wenn ihr Christen seid!“

Mein Appell an alle ist: Einer friedlichen und demokratischen Gesellschaft zuliebe bitten wir euch, den aufkommenden Kulturkampf 2.0 zu beenden und nicht ständig an rechtlichen Stellschrauben zu drehen, die den Spielraum der Kirchen einengen sollen.

Das westliche Christentum hat sich sowieso in weiten Teilen der westlichen Kultur bis kurz vor die Selbstaufgabe angepasst. Jetzt ist ein Punkt erreicht, wo dies nicht weiter möglich ist, ohne den christlichen Glauben selbst aufzugeben. Wer es trotzdem erzwingen will, tut der Christenheit vielleicht sogar einen Dienst, weil sie sich ganz neu fragen muss, was ihr Glaube an Gott eigentlich im Alltag bedeutet und wie viel er ihnen eigentlich wert ist.

Wie endet die Manhattanerklärung so treffend: „Wir werden ganz und ohne Widerwille dem Kaiser geben, was des Kaisers ist. Doch unter keinen Umständen werden wir dem Kaiser geben, was Gottes ist.“

Das ist keine Drohung – das steht uns Christen nicht an. Es ist einfach eine Feststellung. Und dass wir sie ernst meinen, haben wir in der Geschichte zu Genüge bewiesen.

Christenverfolgung in der BILD Zeitung

Dezember 2, 2009 by Schirrmacher · 1 Kommentar 

Nach langem Interview erschien heute folgender Artikel in der BILD, zum Glück auf Seite 2, nicht wie beim letzten Mal mit mir auf S. 1 neben einer Nacktdarstellung :-)

Minarett-Verbot in der Schweiz erzürnt Moslems

Wie viel Kirchturm erlaubt Allah?

02.12.2009 – 00:45 UHR

Moslems in der ganzen Welt protestieren gegen das Minarett-Verbot der Schweiz.

Der Rat der islamischen Gemeinschaften in Hamburg empörte sich gestern über das „intolerante“ Verbot, das die Schweizer in einer Volksabstimmung beschlossen haben. Es missachte „verfassungsmäßige Rechte einer religiösen Minderheit“. Der türkische Premier Erdogan sprach von einer „rassistischen und faschistischen Haltung“ der Schweiz gegen Moslems.

Aber wie steht es um die Religionsfreiheit in islamischen Ländern – wie viel christlichen Kirchturm erlaubt Allah?

„Die Türkei, Malaysia, Iran, Jordanien, Saudi-Arabien, Marokko sind – in verschiedenen Abstufungen – noch immer meilenweit von religiöser Toleranz entfernt, wie wir sie in Mitteleuropa kennen. Die wenigsten islamischen Länder kennen echte Religionsfreiheit“, meint der Bonner Theologe und Religionssoziologe Prof. Thomas Schirrmacher.

Beispiel Türkei: Offiziell herrscht dort zwar Religionsfreiheit. Doch in der Praxis werden Christen am Bosporus behindert, verfolgt, bespitzelt, in seltenen Fällen sogar mit dem Tode bedroht! 2007 ermordeten Jugendliche drei Missionare in der Stadt Malatya, fesselten ihre Opfer, schnitten ihnen die Kehlen durch. Auf dem Höhepunkt des Streits um die 2006 in dänischen Zeitungen veröffentlichten Mohammed-Karikaturen wurde der katholische Priester Andrea Santaro (60) erschossen.

Christliche Kirchen dürfen in der Türkei keine Häuser oder Grundstücke kaufen, keine Schulen oder Klöster einrichten. „Bestehende Einrichtungen werden systematisch dem Verfall preisgegeben“, so Prof. Schirrmacher. Folge: Die deutsche Evangelische Gemeinde in Ankara hält ihre Gottesdienste auf dem Gelände der Deutschen Botschaft ab.

Beispiel Saudi-Arabien: Dort genügt es, wenn Christen ein Kreuz oder eine Bibel mit sich führen, um sie für Monate ins Gefängnis zu sperren. Selbst in der eigenen Wohnung ist das christliche Gebet verboten! Ein katholischer Gastarbeiter von den Philippinen landete im Knast, weil er auf einem Foto in seiner Brieftasche einen Rosenkranz betet. Verboten!

Beispiel Iran: Dort herrscht die strenge Scharia: Wer zum Christentum „konvertiert“, Werbung für Christen macht, wird mit dem Tode bestraft. Christentreffen finden – wie im alten Rom – heimlich statt, in Kellern und Scheunen. Jüngster Fall: Ehsan Fattahian († 28), ein Christ aus dem Nordiran. Wegen „Abfallens von Gott“ verurteilte ihn das Revolutionsgericht zum Tode. Das Urteil (Tod durch Erhängen) wurde – trotz internationaler Proteste – vor genau drei Wochen, am 11. November um vier Uhr früh vollstreckt.

Quelle: www.bild.de

Thomas Schirrmacher