Thomas Schirrmacher
ArchivEthik

Kain und Abel

Mir geht es heute nicht um den Mord, nicht um den Totschlag, sondern ganz besonders um die Vorgeschichte, die hier in un­serm Text deutlich wird. Es wird berichtet, wo denn der Zorn des Kain herkam. Es geht um das Thema „Opfer“.

I. Es geht um den Glauben

Der Mensch hatte sich soeben von Gott abgewandt, hatte sich entschieden, dass der Teufel die Wahrheit sagt und dementspre­chend Gott ein Lügner sein muss. Und von diesem Moment an stand und steht die Frage im Raum, wie der Mensch denn wieder in die Gemeinschaft mit Gott kommen kann. Und instinktiv wussten Abel und Kain, wussten die Menschen, dass das nicht so einfach geht. Vielmehr stoßen wir sofort nach 1Mose 3, dem Sündenfall, in 1Mose 4 auf die Opfer. Und wir wissen, dass von dort eine zwar lange, aber eine ganz direkte Linie zu dem Opfer geht, welches Jesus Christus am Kreuz gebracht hat. Die Schuld, die der Mensch auf sich gela­den hat, ist nur durch das Op­fer Jesu, durch das Blut Jesu wieder gutzumachen.
Aber worüber hat sich Kain ei­gentlich geärgert? Kain war doch ein frommer Mann, oder? Er hat doch Opfer gebracht? Er hat mit Gott gesprochen? Das Opfer: Kain bringt ein Op­fer. Und dann haben wir den so scheinbar willkürlichen Gott, der bei Abel sagt: „Ich schaue auf dieses Opfer mit Wohlgefallen“,
und das Opfer von Kain sah Er überhaupt nicht. Nun, wir ver­stehen: Natürlich wusste Gott, dass Kain ein Opfer gebracht hatte. Aber er hat es – wir wür­den heute sagen – ignoriert. O­der anders ausgedrückt. Das war für Ihn kein Opfer. Ja, aber wa­rum denn nicht? Nun ist es typisch für uns, dass wir das Problem gleich in einer Äußerlichkeit sehen. Wir sagen: „Der eine hat Tiere gebracht und der andere Getreide, das wird das Problem gewesen sein.“ Aber das kann nicht ganz stim­men. Denn wenn wir das weitere Alte Testament verfolgen, wis­sen wir, dass es durchaus Opfer gab, bei denen nicht Tiere betei­ligt waren, wo Getreide, Mehl oder Öl geopfert wurde.  Wer schon so seine Zweifel hat, ob es hier wirklich um Äußer­lichkeiten geht, der wird spätes­tens im Neuen Testament eines Besseren belehrt. Denn im Neu­en Testament werden Kain und Abel und ihre Geschichte er­staunlich häufig erwähnt. Da ist
z. B. Hebr 11,4. In diesem Kapi­tel geht es um die großen Glau­benszeugen der Geschichte. Männer und Frauen, die nicht errettet worden sind, weil sie Großartiges geleistet hätten – obwohl manche von ihnen wirk­lich Großartiges erlebt und auch geleistet haben –, sondern es geht um etwas ganz anderes:
Die gesamte Geschichte hin­durch, von der Schöpfung bis zur Wiederkunft Jesu, gibt es nur eines, was Menschen in die Beziehung zu Gott führt und
was zählt: der Glaube. Durch Glauben hatte Abraham Gott gehorcht und die Heilsgeschich­te des Volkes Israel begonnen. Durch Glauben haben die Pro­pheten Verfolgung und Terror und Folter überlebt. Der Glau­ben und die Hoffnung darauf, dass Gott absolut glaubwürdig ist, das war das, was zählte und das war es auch, was bei Eva und dann auch bei Adam durch den Sündenfall zerstört worden war – der Glaube. Und deswe­gen heißt es in Hebr 11,4:
„Durch Glauben brachte Abel Gott ein besseres Opfer als Kain, und durch diesen Glauben erhielt er das Zeugnis, dass er gerecht war, indem Gott Zeugnis gab zu seinen Gaben. Und die­ser Glaube redet auch heute noch, obwohl er längst tot ist.“
Das ist für den Schreiber des Hebräerbriefes das Geheimnis. Nicht, dass Abel mehr Geld aus­gegeben hätte für sein Opfer oder Altar größer gewesen wäre oder er korrektere Vorschriften eingehalten hätte oder er viel­leicht zu einer richtigeren Uhr­zeit mit dem Opfer begonnen hätte oder ausgeschlafen und ganz auf Gott konzentriert ge­wesen wäre, und Kain nicht so ganz bei der Sache gewesen wäre. Der Unterschied war viel­mehr: Für Abel war das Opfer nur ein Ausdruck von etwas viel Wichtigerem, nämlich des Glaubens in ihm. Er vertraute Gott. Er liebte Gott. Er hatte eine Beziehung zu Gott. Wenn der Schreiber des Hebräerbriefes das hier so schreibt, will er schreibt, will er damit natürlich sagen, dass das bei Kain nicht der Fall war. Kain hatte alles schön, korrekt und richtig ge­macht. Wir hätten vielleicht gar nichts gemerkt. Sie wissen ja:
„Ein Mensch sieht was vor Au­gen ist“ (1Sam 16,7). Und des­wegen lieben wir es so, uns zu überlegen, ob das Problem nicht in irgendwelchen Äußerlichkei­ten zu suchen wäre, ob vielleicht der Altar nicht ganz nach Osten ausgerichtet war, oder was auch sonst. Nein. „Ein Mensch sieht, was vor Augen ist. Gott aber sieht das Herz an.“ Gott interes­sierten nicht diese Äußerlichkei­ten, sondern wie Kain wirklich zu Ihm stand, wie er dachte. Und Gott wusste, dass dieser Un­glaube, dieser Zorn, dieser Är­ger, dieser Neid, die hier wie ein Vulkan ausbrechen und schließ­lich im Mord des eigenen Bru­ders enden, schon längst in sei­nem Herzen waren, obwohl er ganz fromm tat. Das ist die Botschaft der Bibel – von vorn bis hinten: Gott inte­ressiert keine äußerliche Fröm­migkeit, sondern Er möchte eine Beziehung, eine Glaubens-, eine Vertrauens-, eine Liebesbezie­hung zu uns haben.

II. Biblische Beispiele

Ein paar biblische Beispiele mö­gen das illustrieren. Jesaja klagt über das ganze Volk Gottes:

„Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, aber sein Herz ist weit entfernt von mir“ (Jes 29,13; vgl. Mk 7,6). Überlegen Sie mal. Das sagt Jesaja nicht über die Ägypter oder die Hethiter. Das sagt er über das Volk Israel, und die konnten sagen: „Wieso? Wir haben jeden Sabbat einen riesi­gen Tempelgottesdienst. 1.200 Leute im Chor. Und du behaup­test, der Chor ehrt Gott nur mit den Lippen?“ „Ja“, behauptet
Jesaja, „nur mit den Lippen. Klingt alles wunderschön. Aber Gott sagt dazu: „Ich kann das Geplärr eurer Lieder nicht mehr hören.“ (vgl. Am 5,23). Ein anderes Beispiel: 2Tim 3,5. Da werden Menschen beschrie­ben, die einen „Schein der Frömmigkeit haben, aber deren Kraft verleugnen sie.“ Gibt es so etwas? Millionenfach. Auch heute. Unser ganzes Land ist von Menschen geprägt, die ei­nen Schein der Frömmigkeit haben und die Kraft Gottes in ihrem Leben nicht erfahren. Sie kennen die Kraft der Vergebung, die Kraft der Veränderung, die Kraft, das Evangelium weiter­zugeben, die Kraft des Heiligen Geistes, die in unserem Leben möglich macht, was kein Mensch bei sich selbst schaffen kann, einfach nicht. Ja, sie wol­len noch nicht einmal eine Ah­nung davon haben: „… die einen Schein der Frömmigkeit oder: einen Schein der Gottseligkeit haben, aber die Kraft verleug­nen sie.“ In Röm 1,16 heißt es: „Ich schäme mich des Evangeliums nicht, ist es doch Gottes Kraft zur Errettung für jeden, der glaubt.“ Da ist diese ganze Sprengkraft drin. Für wen? Für den, der glaubt! Und was ist das Evangelium dann? Nicht eine schön aufgebaute Theorie, nicht eine Kraft des positiven Den­kens, keine Philosophie, die mich intellektuell befriedigt. Das Evangelium ist deshalb un­schlagbar, weil es die Kraft Got­tes zur Errettung ist, nicht nur irgendeine Richtigkeit, etwas, womit man den Sonntagvormit­tag schön gestalten kann. Am Beginn der Geschichte bei Kain und Abel steht die Bot­schaft der Bibel, dass Gott nicht an Äußerlichkeiten interessiert ist, sondern an uns selbst. Es ist wunderschön, gemeinsam Lie­
der zu singen, in denen wir Gott loben und preisen. Und trotz­dem: Wenn unser Herz nicht dabei ist, wird die schönste Mu­sik zum Geplärr.
III. Heutige Beispiele
Wir haben keine Opfer mehr wie Kain und Abel. Aber wir haben ähnliche Dinge in neu­testamentlicher Zeit: z. B. das Abendmahl. Was gibt es nicht alles für Streitigkeiten um das Abendmahl. Und ich bin ja gar nicht dagegen, über die richtige Form und das richtige Verständ­nis des Abendmahls nachzuden­ken. Aber ich glaube, dass es kein Zufall ist, dass wir in der Kirchengeschichte als Christen uns immer tausendmal mehr darüber gestritten haben, wie das Abendmahl äußerlich ablaufen soll, als wie wir eigentlich zu diesem Jesus stehen, den wir da im Abendmahl feiern. Wir wis­sen doch, dass stockungläubige Leute, die nicht glauben, dass es Gott gibt, sich trotzdem streiten können, wie das Abendmahl ablaufen soll. Da wird das ganze doch absurd. Wofür ein Abend­mahl, wenn da gar keine Bezie­hung zu diesem Jesus ist? Wofür daran erinnern, dass er für meine Sünde gestorben ist, wenn das für mein Leben überhaupt keine Rolle spielt? Wofür feiern, dass Jesus durch sein Blut auch die Gemeinde geschaffen hat, die Versöhnung von Christen unter­einander, wenn ich gleichzeitig da stehe und denke: „Was bin ich froh, wenn der in einem hal­ben Jahr endlich wegzieht, dann habe ich endlich wieder Ruhe in der Gemeinde“, anstatt sich mit seinem Bruder vorher zu ver­söhnen, wie es Jesus gesagt hatte (Mt 5,23-24). Unser Land ist zutiefst geprägt von einer Frömmigkeit, die immer noch erstaunlich weit
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verbreitet ist. Man sollte ja meinen, bei den vielen Men­schen, die nicht mehr an Gott glauben, hätten diese äußerli­chen Formen des Christentums längst ausgespielt. Aber für ein ordentliches Konzert ist eine Kirche immer noch der schöns­te Raum. Und wenn Spenden­aufrufe gemacht werden, heißt es selbst in säkularen Spenden­aufrufen: „Der Herr segne Sie für Ihre Gabe.“ Das wollen wir doch auch irgendwie. Wenn irgend etwas Schreckliches ge­schieht, soll doch bitte auch noch ein Pfarrer da sein, der noch ein paar Worte sagt. Und „Das Wort zum Sonntag“, das bitteschön möglichst nichts sagt und nichts von mir verlangt, gibt mir immerhin das Gefühl, ich hätte dem Religiösen doch noch ein bisschen Raum gege­ben. Wir lieben das irgendwie alle. Aber, Gott sagt im Zwei­felsfalle nicht: „Ist mir ja im­mer noch lieber, hier finden überall christliche Gottesdiens­te statt, anstatt dass die Mo­scheen voll sind“. Gott schaut gar nicht hin! Wie bei Kain. Er hat das Opfer ignoriert. Er hat nicht gesagt: „Ist ja immer noch besser, als wenn er kein Opfer bringt.“ Sondern Gott denkt: „Wenn du’s nicht meinst, dann ist es besser, du zeigst es auch nicht. Wenn du nicht glaubst, dass du dein Le­ben mir zu verdanken hast, dann tu bitte auch in der Öf­fentlichkeit nicht so. Dann steh bitte dazu.“

Ich finde, einer der erschreckendsten Bibeltexte ist Röm 2,24: „Denn euretwegen wird Gottes Name gelästert unter den Heiden, wie geschrieben steht.“ Allzu oft gilt dieser Vers auch der Christenheit. Meine Frau und ich haben viel mit Muslimen zu tun. Das Kernproblem im Gespräch ist, ihnen erst einmal
mal dieses Problem zu erklären, dass sie weltweit ein Christen­tum sehen, wo irgendwelche äußerlichen Formen praktiziert werden, innen aber nichts drin ist. Ich erinnere mich an eine Tunesierin, mit der wir im Ge­spräch waren, die direkt gegen­über einer Kirche wohnte. Sie stellte die Frage, warum die Leute eigentlich alle so raus­kommen, wie sie reingegangen sind. „Warum gehen die da ei­gentlich hin?“ Sie hatte das Empfinden – da waren auch Nachbarn dabei –, dass das auf ihr Leben überhaupt keinen Ein­fluss hätte, und sie hätte noch nie erlebt, dass da einer fröhlich herausgekommen wäre. Wir wissen, dass da der Finger in eine Wunde gelegt wird, die unser Land zutiefst bestimmt, dass diese Frage berechtigt ist. Warum gehen Menschen da ei­gentlich noch hin? Weil die gan­ze Geschichte hindurch Men­schen davon geprägt und be­stimmt sind, so zu tun, als hätten sie doch mit Gott noch irgend etwas zu tun.  Ich glaube, dass wir hier in 1Mose 4 ein Prinzip finden, was sich ebenfalls durch die ganze Kirchengeschichte hindurch­zieht: Die falsche Kirche ver­folgt die wahre Kirche. Die Menschen, die die Frömmigkeit nur vorspielen, sind oft die schlimmsten Feinde derer, die es ernst meinen. Die schlimmsten Feinde in der Geschichte der Gemeinde Jesu sind nicht immer die Marxisten und Atheisten und Philosophen gewesen. Ich will nicht sagen, dass es auch manch­mal schwer sein kann, unter deren Herrschaft zu leben. Aber wenn Sie in die Bibel schauen, ist das anders. Gehen Sie doch bis in die Offenbarung hinein. Wer verfolgt denn da eigentlich die wahre Gemeinde? Die Hure Babylon. Und sie steht für etwas
für etwas sehr Religiöses, für eine Kirche oder eine Gruppe, die vorgibt, den wahren Glauben zu verteidigen, die aber letztlich die wahre Gemeinde im Namen der Religion bekämpft. Das wird hier schon bei Kain deutlich. In der Kirchenge­schichte wurde immer gesagt, dass Abel der erste Märtyrer war. Wir übersehen oft, dass das nicht nur ein privater Bruder­krieg war. Er war der erste Mär­tyrer. Denn wofür ist er gestor­ben? Dafür, dass Kain merkte, dass da etwas in der Beziehung zwischen Abel und Gott war, was ihm fehlte. Und seine Reak­tion war nicht: „Abel, wie kann ich auch so eine Beziehung zu Gott haben?“, sondern Neid, Wut, Hass – und am Ende Mord.
IV. Persönliche Herausforde­rung
Worum es mir heute geht, ist, dass jeder für sich persönlich diese Frage ganz neu beantwor­tet gerade angesichts der Tatsa­che, wie gefährlich es ist, einen Schein der Frömmigkeit zu ha­ben. Es geht darum, dass Gott durch Sein Licht bei uns aufde­cken kann, wo in unserem Leben Bereiche sind, wo wir nur äußer­lich fromm sind. Das ist letzt­endlich etwas, was nur jeder für sich persönlich mit seinem Herrn, mit seinem Vater im Himmel, mit seinem Erretter Jesus Christus abmachen kann. Aber das soll die Frage für uns heute sein: Ist für uns das, was wir äußerlich tun, nicht nur ein Traum? Wir singen hier laut unsere Lieder. Wir falten die Hände oder erheben die Arme oder was wir für Dinge tun. Das ist ja alles gottgewollt, aber ich möchte, dass wir uns heute die Frage stellen: Ist das wirklich Ausdruck unseres innersten Seins? Wenn wir die Hände er­ heben, ist das wirklich der Ausdruck einer Beziehung zwischen mir und Gott oder vor allen Dingen erst mal einer Beziehung zu den anderen, die jetzt gerade zuschauen, so dass ich verhindern möchte, dass mich jemand auf irgend etwas anspricht. Es wäre viel besser, wenn ich in Problemen stecke, das auch äußerlich zum Ausdruck zu bringen und mir gerade zu wünschen, dass jemand mit mir darüber spricht und ich in die Seelsorge gehe. „Du sollst den Herrn deinen Gott lieben von ganzem Herzen und von ganzem Verstand und von deinem ganzen Sein – und deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Unser Glaube muss natürlich sichtbar zum Ausdruck kommen. Es gibt kein unsichtbares Christsein, von dem überhaupt niemand etwas merkt. Aber die Reihenfolge muss richtig sein. Und die Reihenfolge ist, dass das innerste „Ich liebe dich, Herr, von ganzem Herzen“ nach außen geht, und nicht umgekehrt. „Ich schäme mich des Evangeliums nicht, denn es ist eine Kraft Gottes zur Errettung für jeden, der glaubt.“ Das ist die Frage, die ich mir und euch und uns allen stellen möchte. Ist uns das bewusst, dass das, was am Ende zählt, unsichtbar ist, für keinen anderen von uns sichtbar ist, aber für Gott alles ausmacht, dass diese persönliche und innige Beziehung zu unserm Schöpfer, zu unserm Erlöser etwas ist, das wir mit noch so vielen Äußerlichkeiten nicht ersetzen oder kaschieren können? Wenn ich diese Beziehung habe und der Altar ist tatsächlich nicht ganz nach Osten ausgerichtet gewesen oder ich hatte ein paar Gramm zu wenig geopfert, beurteilt uns unser gnädiger Gott nicht danach, sondern stellt die Beziehung zu Ihm über unsere Fehler, die wir schnell mal machen, wenn es um äußerliche Dinge geht. Es geht um die Kraft Gottes, die in der Beziehung zwischen Seinem Sohn Jesus Christus und uns liegt und nichts anderes. „Durch Glauben brachte Abel Gott ein besseres Opfer dar als Kain, und durch diesen Glauben erhielt er das Zeugnis, dass er gerecht war.“ Und dazu möchte ich uns heute alle aufrufen, das ganz neu mit Gott persönlich festzumachen: „Das Allerwichtigste in meinem Leben, Vater im Himmel, ist meine Beziehung zu Dir, dass ich Dir restlos vertraue und dann wird sich schon alles andere regeln.“ Und ich bin Gott so dankbar, dass das die richtige Reihenfolge ist. Denn das bedeutet auch, dass am Ende immer Gott das beurteilt und nicht die Menschen um uns herum, denen wir es vielleicht nicht gut genug gemacht haben, sondern der liebende und absolut gerechte Vater im Himmel. „Durch Glauben brachte Abel Gott ein besseres Opfer dar als Kain, und durch diesen Glauben erhielt er das Zeugnis, dass er gerecht war. Ich wünsche uns allen, dass am Ende unseres Lebens das auch mal über uns gesagt werden kann, dass wir das, was wir gelebt und getan haben, durch Glauben geschah, und deswegen von Gott das Zeugnis bekommen hat, dass es das Richtige und das Wichtigste in unserem Leben war.

Amen.

Predigt in der Arche, Hamburg im April 2000
Dr. Thomas Schirrmacher

Öffentliches Interesse am Thema Menschenhandel wächst

Die Evangelische Allianz Darmstadt plant eine Aktionswoche zum Thema Menschenhandel mit dem Theologen Thomas Schirrmacher als Hauptreferenten. Passend zu der Veranstaltung strahlt das Erste eine Sendung zum Thema Menschenhandel aus.

Die Evangelische Allianz Darmstadt lädt in der kommenden Woche zu einer besonderen Gebetswoche ein. Zum Thema “Menschenhandel” sind verschiedene Aktionen geplant. Den Auftakt bildet eine Art “Sklavenmarkt”, ein Flashmob mit anschließender Demonstration, mit abschließender Kundgebung auf dem Luisenplatz. Bei der Kundgebung soll auch die Hamburger Pastorin Gaby Wentland sprechen. Sie ist Gründerin der Organisation “Mission Freedom”, die sich in Hamburg für die Opfer von Menschenhändlern einsetzt.

Mediale Flankierung erhält die Evangelische Allianz wenige Tage vor der Gebetswoche durch das Erste, das am 16. Januar den Film „Operation Zucker“ ausstrahlt. Dieser erzählt die Geschichte von Kindern aus rumänischen Familien, die in Berliner Clubs zur Prostitution gezwungen werden. In der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung” (FAS) spricht Schauspielerin Nadja Uhl, die die Kommissarin in „Operation Zucker“ spielt, über ihre Empfindungen, als sie mit dem Thema konfrontiert wurde: „Ich als normale deutsche Bürgerin war plötzlich damit konfrontiert, dass mir Menschen erzählten, es gibt in Berlin, direkt bei mir um die Ecke, einen großen Markt aufgrund der Armut in Osteuropa.“ Laut FAS erzählt sie weiter: „Ich bin ein Jahr lang geflohen. Da reagiere ich wie jeder andere: Lasst mich in Ruhe, das verkrafte ich nicht, ich bin Schauspielerin, keine Politikerin.“ Dann habe das Thema sie nicht mehr losgelassen. Mittlerweile fordere sie alle Menschen dazu auf, sich mit dem Thema zu beschäftigen.

Solche Reaktionen erhofft sich auch der Hauptredner, Thomas Schirrmacher, von der Darmstädter Aktion: „Nur wenn die gesellschaftliche Empörung hochkocht, wird die Politik aktiver werden.“ Schirrmacher ist Menschenrechtsbeauftragter der Weltweiten Evangelischen Allianz und als Soziologe und Buchautor ein gefragter Redner zum Thema Menschenrechte.

Über 200 Interessierte in Köln

Am Dienstagabend war der Menschenrechtsexperte bereits in der Universität Köln zu hören. „Über die Einladung der Universität Köln zusammen mit der Konrad Adenauer Stiftung und der Fachschaft Evangelische Theologie habe ich mich besonders gefreut“, betonte Schirrmacher, „denn dass staatliche Hochschulen Menschenrechte als akademisches, wissenschaftliches Thema sehen, ist bislang noch sehr selten.“ Für den Evangelikalen deutet dies auf ein weiter wachsendes Interesse an dem Thema hin.

Als zentrale Facette des Menschenhandels ging Schirrmacher auf die Zwangsprostitution ein: „Fast alle Länder der Erde haben harte Gesetze und Strafen gegen Vergewaltigung, Folter und Entführung.“ Schirrmacher fuhr fort: „Zwangsprostitution umfasst alle drei Verbrechen gleichzeitig, wird aber viel nachlässiger behandelt, kaum ermittelt und gelinde bestraft.“ Der Soziologe vertrat die Ansicht, dass es keinen ertragreicheren Wirtschaftszweig als den Menschenhandel gebe. Er zeichne sich durch „geringe Startkosten, unglaublich hohe Profite, starke und ständig wachsende Nachfrage und sehr geringes Risiko“ aus.

Etwa 30 Millionen Menschen seien weltweit versklavt. Weitere 215 Millionen Kinder würden zur Arbeit gezwungen. „Den unmittelbaren Gewinn, nicht den Umsatz, schätzen Experten jährlich auf 153 Milliarden Dollar“, erklärte Schirrmacher. (pro)

Quelle: pro Christliches Medienmagazin

Schirrmacher stellt Ethikkodex für Mission bei Tagung der Deutschen Gesellschaft für Missionswissenschaft vor

Dezember 17, 2012 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar 

(Bonn, 06.11.2012) Bei der Tagung der Deutschen Gesellschaft für Missionswissenschaft (DGMW) DGMW in Kooperation mit der Evangelischen Akademie der Pfalz und der (evangelischen) Akademie Chateau du Liebfrauenburg in Liebfrauenberg im Elsass 20. bis 22. September 2012 mit dem Titel „Pluralistische Religionstheologie: Sackgasse – Herausforderung – gemeinsame Verpflichtung?“, stellte der Vorsitzende des Arbeitskreises für evangelikale Missiologie e. V. der Deutschen Evangelischen Allianz, Thomas Schirrmacher, den ökumenischen Ethikkodex für Mission „Christliches Zeugnis in einer multireligiösen Welt“ vor, der 2006–2011 gemeinsam von dem Päpstliche Rat für die Religionen, dem Weltkirchenrat und der Weltweiten Evangelischen Allianz erarbeitet und am 28.6.2011 in Genf der Öffentlichkeit vorgestellt worden war. Zur Zusammenarbeit der ehemaligen Kontrahenten sagte Schirrmacher wörtlich: „Wenn die eine Seite Mission nicht in Frage stellt und die andere Seite klarstellt, dass Mission kein Freibrief für jede Art von Propaganda ist, sondern sie immer eingebundenen ist in alle anderen ethischen Grundprinzipien des christlichen Glaubens, gibt es eine sinnvolle Basis für das Gespräch.“

Schirrmacher berichtete auch von Ländern wie Indien, Niederlande oder Kanada, in denen sich entsprechend der globalen Zusammensetzung auf nationaler Ebene Katholische Kirche, Nationaler Kirchenrat und Nationale Evangelische Allianz getroffen, das Dokument diskutiert und dann angenommen oder in eigenen Erklärungen an die örtliche Situation angepasst haben.

Dadurch werde sowohl das Thema des Verhältnisses von Mission und Ethik weltweit etabliert, als auch eine neue Breite ökumenischer Treffen auch auf nationaler Ebene ermöglicht.

Der Ethikkodex spielte auch am Rande der Synode der Katholischen Kirche eine Rolle, da die drei globalen Körperschaften Gespräche darüber führten, wie der Kodex fortgeschrieben werden kann und welche weiteren gemeinsamen Erklärungen man angehen solle. Schirrmacher erklärte nach den Gesprächen, dass es erfreulich sei, dass die erste gemeinsame Erklärung keine Eintagsfliege bleiben werde, sondern weltweite Wirkung entfalte und zu weiteren Erklärungen zu anderen brennenden Themen führe.

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Ein nie gedrucktes Interview zum ökumenischen Ethikkodex für Mission

April 16, 2012 by Schirrmacher · 6 Kommentare 

Im Rückblick ist nichts von dem wahr geworden, was Bedenkenträger befrüchtet haben

Beim Sortieren meiner Unterlagen und Dateien zum inzwischen veröffentlichten Ethikkodex für Mission fielen mir die Artikel einiger Bedenkenträger in die Hand, die Anlass für ein Interview waren, dass nicht gedruckt wurde. Nichts von den damaligen Befürchtungen, ja Prophezeiungen, bezüglich des ökumenischen Ethikkodex für Mission, ist wahr geworden. Mission wurde nicht eingeschränkt oder kritisiert, tatsächlich beginnt der Text mit einem klaren Bekenntnis zur Mission als Wesen der christlichen Kirche und zur Vepflichtung jedes Christen, die Botschaft weiterzugeben. Die Evangelikalen wurden nicht von den Katholiken vereinnahmt (und umgekehrt), es wurde kein Kontrollgremien geschaffen, und nirgends gesagt, dass andere Religionen genauso zu Gott führen. Eigentlich müßten die Endzeitpropheten jetzt ebenso öffentlich sagen, dass sie sich geirrt haben, aber ich habe es weltweit noch nie erlebt, dass sich falsche Propheten wegen ihrer falschen Voraussagen entschulidgen. Sie ignorieren sie einfach und prphezeien fröhlich das Nächste.

Außerdem hänge ich am Ende noch zwei tatsächlich gedruckte Interviews zum Ethik-Kodex für Mission als separaten Post an.

„Ich bereite nicht der Herrschaft des Antichristen den Weg!“

Interview mit Thomas Schirrmacher zu Vorwürfen der Bekenntnisbewegung und der ART gegen die Weltweite Evangelische Allianz und den Ethik-Kodex für Mission

Ihre Person und der geplante Ethik-Kodex für Mission werden heftig angegriffen: Gottfried Meskemper in „Erneuerung und Abwehr“, Reinhard Möller im Zeit-Journal und den BWL-Regionalinformationen, Wolfgang Nestvogel im Rundbrief der Akademie für Reformatorische Theologie, ein Artikel im „Informationsbrief der Bekenntnisbewegung“ – sie alle haben eins gemeinsam: Sie warnen vor Ihnen und vor dem geplanten Ethik-Kodex für Mission, an dem die Weltweite Evangelische Allianz beteiligt ist. Überrascht Sie das?

Thomas Schirrmacher: Leider nicht, denn diese Reaktionen sind reflexartig und vorhersehbar: Ein Besuch von mir beim Ökumenischen Patriarchen in Istanbul, Gespräche mit Vatikan und Weltkirchenrat, da ist es ganz gleich worum es geht oder was ich eigentlich vertrete, diese Gelegenheit konnten sie sich einige nicht entgehen lassen. Die Beteiligten reagierten bereits, bevor die Weltweite Evangelische Allianz überhaupt meinen Vortrag und ihre Sicht der Dinge veröffentlicht hatte.

Mein Lehrer Georg Huntemann hat mich zu Beginn meines Studiums vor der Theologie gewarnt, weil Theologen oft wie Hyänen seien, die sich übereinander her machen, wenn es sonst nichts zu beißen gibt. Das gilt leider für links, wie für rechts, von fundamentalistisch bis liberal. Er hat zum Glück nur teilweise Recht behalten, denn ich erfreue mich auch der engen Zusammenarbeit und Freundschaft mit vielen Theologen aus aller Welt.

Möller verweist mehrfach zustimmend auf eine ungarische Stimme, die in dem Kodex den Druck sieht, Jesus nicht mehr „als Weg, Wahrheit und Leben“ (Johannes 14,6) zu verkündigen und „dass der Verhaltenskodex dem Antichristen für seine begrenzte Herrschaft den Weg bereitet!“. Sind Sie ein Wegbereiter des Antichristen?

TS: Nein, natürlich nicht, aber bei diesen Kritikern ist die Sprache so inflationär dramatisch geworden, dass sie wahrscheinlich selbst nicht mehr merken, was sie da sagen, wenn sie andere zu Handlangern des Antichristen stempeln oder in jedem Ereignis gleich die schlimmsten aller denkbaren Entwicklungen sehen. Aber sie werden sich – wie so oft – als falsche Propheten erweisen – und sich dann wieder einmal im Nachhinein nicht entschuldigen. Einige der Kritiker sind ja seit drei Jahrzehnten im Geschäft und haben sich mehr als einmal gründlich geirrt, aber öffentlich haben sie nie etwas zurückgenommen.

Nach den früheren Prophezeiungen derselben Autoren müssten wir alle längst in den Schoß Roms zurückgekehrt sein und Jesus als Heilsweg längst mit Buddha gleichauf gezogen haben. Dass die Realität der Ökumene eine ganz andere ist, hat man ganz verschlafen, weil es immer nur bergab gehen darf, nie aber – wie fast immer in der Geschichte – auf und ab und hin und her.

Und Johannes 14,6?

TS: Dass Christus der inkarnierte Gott ist, der am Kreuz das Heil erwirkte, ist die Grundlage des christlichen Glaubens und stand in Toulouse nie zur Diskussion. Aber gerade Jesus hat doch niemanden mit Gewalt, Drogen, Unterstützung des Staates oder Drohungen gezwungen, ihm zu folgen. Es gehört doch gerade zur christlichen Wahrheit in Jesus Christus, dass nur der ihr wirklich folgt, der ‚glaubt’, es also aus Vertrauen tut, und nicht weil er gezwungen ist oder manipuliert wurde. Sagt Paulus nicht: „Was aber nicht aus dem Glauben kommt, das ist Sünde“ (Römer 14,23)?

Erlauben sie mir aber die ebenso deutlich Rückfrage: Soll ich den Verweis auf Johannes 14,6 so verstehen, dass die genannten Kritiker befürworten, Zwangsmittel oder Drogen in der Mission einzusetzen, weil Jesus die Wahrheit ist? Ist der ‚Wahrheit’ also jedes Mittel recht? Ihre Ablehnung eines Ethik-Kodex ist so heftig, ihre Unwilligkeit, sich an so etwas zu halten, so massiv, dass das doch eigentlich nur heißen kann, dass ihrer Meinung in der Mission jedes Mittel recht ist, was aber doch sicher nicht der Fall ist?! Warum muss man sich so ereifern, wenn christliche Gruppierung das Versprechen ablegen wollen, auf Gewalt, Zwang, Geld, Vorteilsnahme und Lüge in der Mission zu verzichten?

Möller schreibt. „Mit seinem brennenden Anliegen Möglichst viele (zum Glauben an Christus) zu gewinnen’ (vgl. 1. Kor 9,19), hätte ein Apostel Paulus in Lariano wohl kaum Zustimmung gefunden.“ Wurde Paulus in Toulouse verraten?

TS: Zum einen war es das Anliegen aller Anwesenden, dass so viele Menschen wie möglich Christen werden. Der anwesende katholische Erzbischof aus Birma oder der anwesende orthodoxe Patriarch aus Indien – um wahllose Beispiele zu wählen – mag ja anders als wir Evangelikalen verstehen, was es konkret heißt, auf Gott zu vertrauen und an Jesus Christus zu glauben, aber nur wer sich nie mit ihnen unterhalten hat, wird behaupten, sie hätten nicht den sehnlichsten Wunsch, dass alle in ihrem Land ihre Hoffnung auf Jesus Christus setzen.

Ich glaube, dass die Kritiker hier vorschnell ihre begrenzten Erfahrungen in der westlichen Welt in der Auseinandersetzung mit vorwiegend liberalen Kirchen auf die weltweite Lage übertragen. Die anglikanische Kirche ist etwa in England und den USA teilweise ethisch sehr lax, die weltweite anglikanische Gemeinschaft außerhalb der westlichen Welt ist über weite Strecken längst von evangelikalen Christen kaum zu unterscheiden. Als ich dem Apostolischen Nuntius von Myanmar erzählte, dass wir im Rahmen eines Interanationalen „30 Tage Gebets“ Millionen evangelikale Christen weltweit für sein Land gebetet haben, hatte er Tränen in den Augen, weil er sich nichts sehnlicher als eine Erweckung im Land wünscht.

Ich glaube eher umgekehrt, dass der Apostel Paulus regelmäßig von den genannten Kritikern kritisiert würde. Man würde sagen, in Athen habe er Jesus verraten, weil er ihn nirgends namentlich erwähnte und stattdessen zu viel griechische Philosophen zitierte. Die Beschneidung des Timotheus und die Nasiräeropfer im Tempel hätte man als Einknicken gegenüber den Juden bezeichnet. Dass er die Gemeinde in Korinth trotz aller Kritik immer noch als Gemeinde Jesus und ihre Mitglieder als voll des Geistes bezeichnete, hätte man als verwirrend für normale Gläubige bezeichnet. Und dass er das Essen von Götzenopferfleisch erlaubte, würde als Götzendienst bezeichnet.

Sie stimmen der Forderung der Indischen Evangelischen Allianz zu, kriegerische Sprache und übertragene Worte aus dem Umfeld des Militärs selten, sorgsam und unter Ausschluss von Missverständnissen zu verwenden. Bedeutet das nicht, dass Sie sich der Sprache der Bibel verweigern?

TS: Ich bin ja auch mit dieser kriegerischen Sprache aufgewachsen, die damals auch außerhalb christlicher Kreise kaum als Problem empfunden wurde. Nun ist es heute leider so, dass in vielen Ländern der Erde die Lage so angespannt ist, dass missverstandene kriegerische Sprache sich leicht in gewaltsamen Konflikten entladen kann. In der ruhigen Schweiz mag Reinhard Möller dafür kämpfen, dass die Heilsarmee ihre Zeitschrift weiter „Kriegsruf“ nennen darf und wir weiter Evangelisationsabende „Kreuzzüge“ nennen dürfen (nur um dann widersprüchlich zu schreiben: „nicht, dass ich das jetzt empfehlen wollte!“). Peinlich ist nur, dass die Heilsarmee in Deutschland selbst ihre Zeitschrift inzwischen in „Heilsarmee-Magazin“ umbenannt hat und die von Möller angeführten Missionswerke selbst schon lange nicht mehr von „Evangelisations-Feldzügen“ oder „Evangelisations-Kreuzzügen“ sprechen. Zudem sind Worte wie „Kreuzzug“ ja noch nicht einmal von der biblischen Sprache gedeckt!

Was würde denn heute ein Normalbürger verstehen, wenn er in der Fußgängerzone ein Schild „Kreuzzug für Jesus“ an einem Stand sieht, wo man ihm erklärt, dass nur die „Eroberung des Landes mit christlichen Waffen“ das Land vor der Islamisierung bewahren kann? Christliche Insider kämen vielleicht darauf, dass hier vom Gebet die Rede ist, aber unsere normalen Zeitgenossen würden eher mit dem Gedanken spielen, die Polizei zu alarmieren. Ich will einmal gar nicht davon sprechen, dass unsere deutschen Begriffe nicht automatisch mit biblischen Begriffen identisch sind.

Es ist doch zutiefst biblisch, sich Gedanken darüber zu machen, ob das, was wir aufgrund der biblischen Offenbarung sagen, vom Empfänger auch so verstanden wird. Dazu fordert uns Paulus etwa in 1 Korinther 9 auf. Wenn ich von einem „Marschbefehl“ der Missionare spreche, die mit einer guten „Taktik“ den „Feind“ durch einen „Vorstoß ins Landesinnere“ „bezwingen“ sollen, bis die „Eroberung“ erfolgreich ist, darf ich mich doch nicht wundern, dass Außenstehende in Indien, Palästina oder Sudan nichts vom Evangelium verstehen, sondern von einer echten Gefahr ausgehen. Ich kann doch heute einfach nicht eine Sprache sprechen, die im Kaiserreich gut ankam, weil alles Militärische damals höchstes Ansehen genoss, heute aber oft zu dem Missverständnis führt, wir spielten mit dem Feuer von Bürgerkrieg und setzten Gewaltspiralen in Gang.

Um hier eine weisere Sprache zu wählen, muss ich doch nicht eine einzige biblische Wahrheit aufgeben. Die Christen in Indien, deren Stellungnahme Möller kritisiert, wissen aus täglicher Erfahrung, wie unweise Sprache zu unmittelbarer Gewalt führen kann. Sie sind bereit, für das Evangelium zu sterben, aber nicht wegen ein paar unbedachter Formulierungen. Ich empfehle Möller dringend eine Weltreise an die Brennpunkte von Mission und Christenverfolgung und viele Gespräche mit Christen aus Asien und Afrika, die einen weisen Weg der Verkündigung in einer oft gewalttätigen Umwelt suchen.

Überhaupt fällt mir in den Stellungnahmen auf, dass politischer Frieden für die Kritiker offensichtlich kein besonders hohes Gut ist. Dass Paulus uns auffordert „Haltet, soweit es an euch liegt, mit allen Menschen Frieden“ (Römer 12,8), gilt doch auch angesichts der politischen Großwetterlage gegenüber den Muslimen oder dem politischen Hinduismus in Indien oder dem politischen Buddhismus in Sri Lanka. Wer ‚bibeltreu’ ist, will doch unbedingt in Frieden leben, solange er dafür nicht Jesus verleugnen muss! Paulus ermahnt uns in 1Timotheus 2,2 „So ermahne ich nun, dass man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen, für die Könige und für alle Obrigkeit, damit wir ein ruhiges und friedliches Leben führen können in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit.“ Das ist doch ‚bibeltreu’, oder?

Dass man gar nicht an einer freundlichen, inhaltlichen Diskussion interessiert ist, sondern einen schwarzen Pappkameraden aufbauen will, zeigt mir ein kleines Beispiel bei Möller. Er wendet sich dagegen, kriegerische Begriffe vorsichtig zu benutzen und warnt vor einem „Index anstößiger Begriffe“, den er uns unterstellt. Er macht aus der Aufforderung der indischen Christen, solche Begriffe nicht unnötig zu betonen, ein Verbot. Und dann mixt er unter die Begriffe, die jetzt wohl fragwürdig würden, auch „Buße“. Wo hat er das denn her? Wer hat jemals behauptet, dieser Begriff sei kriegerisch und solle nicht mehr benutzt werden? Aber für viele Leser wird das ganze erst brisant, wenn die Allianz nicht mehr von „Buße“ redet, denn die kriegerischen Begriffe benutzen sie selbst schon lange nur sehr ungern, aber wenn ‚Buße’ abgeschafft werden soll, werden sie hellhörig.

Können evangelikale Kirchen denn katholischen und ‚liberalen’ als Kirchen begegnen? Haben die Kritiker nicht recht, dass schon ein Gespräch mit ihnen sie automatisch als ‚Kirchen’ adelt?

TS: Die Reformatoren haben zwar eine intensive Auseinandersetzung mit anderen Kirchen geführt, haben aber der katholischen Kirche trotz allem nie ihr Kirchesein grundsätzlich abgesprochen, sondern umgekehrt aus ihrem Kirchesein die Notwendigkeit von Umkehr und Erneuerung abgeleitet. Selbst das sehr strenge reformierte Westminster Bekenntnis (London 1647) schreibt dazu, dass Kirchen mehr oder weniger rein oder korrupt sind, spricht aber selbst irrenden Kirchen das Kirchesein nicht ab.

Das ist gute biblische Tradition. Denn schon Paulus hat die Gemeinde in Korinth mit ihren unhaltbaren ethischen Zuständen zwar schärfstens kritisiert und zur Umkehr aufgerufen, aber sie weiter als „Gemeinde“ Jesu Christi angesprochen und Hoffnung für sie gehabt, weil er sie trotz allem als vom Heiligen Geist und von Erkenntnis erfüllt sah. Auch im Alten Testament blieb das Volk Gottes auch dann Volk Gottes, wenn es moralisch auf Abwege geraten war und nicht nur Gott verehrte. Und selbst die schärfste Kritik der alttestamentlichen Propheten änderte nichts daran, dass sie sich selbst als Teil des Volkes Gottes sahen, weswegen sie mit zu leiden hatten, und nicht als unbeteiligte Außenstehende daneben standen.

Nestvogel kritisiert, dass die amerikanischen Christen sich in ihrem Antwortbrief an die Muslime, dem sogenannten ‚Yalebrief’, für das den Muslimen von Christen zugefügte Unrecht um Vergebung bitten. Knicken wir nicht tatsächlich vorschnell den Muslimen gegenüber ein?

TS: Man hat sich für die Kreuzzüge und Unrecht gegenüber den Muslimen entschuldigt, nicht für das Evangelium! Was ist denn daran unchristlich, wenn wir andere um Vergebung bitten? Müssen wir dem Überlegenheitsgefühl der Muslime mit derselben Haltung begegnen? Ist die Bitte um Vergebung nicht in sich schon ein christliches Zeugnis? Ist Selbstkritik nicht eine Voraussetzung des christlichen Glaubens: „Herr, sei mir Sünder gnädig!“? Oder wollen wir mit dem Pharisäer sagen: „Ich danke dir, dass ich nicht so wie die anderen bin!“ (Lukas 18,11-13)? Ich halte ein Christentum, dem es peinlich ist, sich für Fehler und Sünden zu entschuldigen, jedenfalls nicht für wünschenswert.

Die Angst vor dem Einknicken durch Entschuldigen ist für mich ein Musterbeispiel für etwas Grundsätzliches auf Seiten der Kritiker: Es fehlt jede Selbstkritik. Nestvogel etwa kritisiert mich dafür, dass sich „viele Türen und Herzen geöffnet“ haben, weil ich „negative Beispiele aus der evangelikalen Missionsarbeit dargestellt habe“. Also, wenn das mein Hauptfehler ist, dass ich selbstkritisch berichte, was uns als Evangelikale auch in unseren eigenen Reihen beschwert, dann muss ich damit eben leben, wenn das einigen nicht gefällt. Nur verstehen kann ich das nicht. Nestvogel kritisiert doch selbst die Evangelikalen dauernd und ist der Meinung, dass die Evangelikalen fast alles falsch machen. Was soll denn dann falsch daran sein, solche Fehler auch einmal anderen gegenüber zu benennen?

Nestvogel spricht vom „Dammbruch“, andere vom „Erdrutsch“ auf Seiten der Evangelikalen.

TS: Ja, ja, nur dass dieser Dammbruch seit Jahrzehnten immer wieder verkündigt wird und dann doch immer wieder nicht eintritt. Die Weltweite Evangelische Allianz steht heute theologisch fester und überzeugter da, als zum Beispiel in den 1950er und 60er Jahren. Zu vielen ethischen Themen hat man sich früher viel stärker zurückgehalten. Auch die Deutsche Evangelische Allianz steht heute in der Öffentlichkeit mit einer Vielzahl von Aussagen zu ethischen Fragen, wie es etwa in der 1960er und 70er Jahren nicht der Fall gewesen ist. Die Stellungnahmen zu ethischen Fragen wie Abtreibung und Homosexualität auf der Webseite der Deutschen Evangelischen Allianz sind doch viel klarer als in den 1960er Jahren, wo man sich oft aus solchen Diskussionen herausgehalten hat. Haben die Kritiker eigentlich irgendwelche Erfahrungen aus erster Hand, wie die evangelikale Bewegung weltweit aufgestellt ist? Wissen sie, was sich in Indien, China oder Uganda tut? Oder beziehen sie ihre Informationen nur aus der Presseberichterstattung?

Fakt ist außerdem, dass die genannten Kritiker seit Jahren und Jahrzehnten immer wieder denselben Erdrutsch ankündigen und beklagen, aber selbst sowieso nie in der örtlichen, nationalen oder weltweiten Evangelischen Allianz mitgearbeitet haben, selbst als die Evangelikalen angeblich noch so viel klarer standen. Sie haben mir schon vor vielen Jahren klar gesagt, dass sie meine Mitarbeit in der Evangelischen Allianz für grundfalsch halten. Die prinzipielle Ablehnung der breiten Zusammenarbeit unter evangelikalen Christen wird mit dem Argument versteckt, man könne erst in letzter Zeit aufgrund der Entwicklungen nicht mehr mitmachen.

Es ist doch lächerlich – man entschuldige diesen unfeinen Ausdruck –, wenn Nestvogel den Hauptverfasser der Lausanner Erklärung John Stott und den Gründer von OM George Verwer bezichtigt, sie würden Jesus nicht mehr als Weg zum Heil sehen, weil sie den ‚Yalebrief’ an die muslimischen Führer unterschrieben haben, der zugegebenermaßen nicht besonders gehaltvoll und ein Konsensprodukt aller christlichen Richtungen in den USA ist, aber in dem auch kein falscher Satz steht. Man kann ja über alles diskutieren, auch über die Frage, wie freundlich oder scharf man mit Muslimen reden sollte, aber die Keule des Glaubensabfalles über Leute zu schwingen, die über Jahrzehnte unglaublich viel zur Evangelisierung der Welt beigetragen haben, weil sie einen Brief mitunterzeichnen, den man selbst mehr oder weniger anders geschrieben hätte, dass hat mit besorgten Rückfragen nichts mehr zu tun, das ist einfach Lust an Verleumdung.

Zudem wird natürlich nicht erwähnt, dass die Weltweite Evangelische Allianz einen eigenen Antwortbrief an die 138 Unterzeichner des muslischen Briefes geschrieben hat, inder das Heil in Jesus bezeugt und die Verfolgung von Christen durch Muslime angesprochen wird, aber auch – was sicher gleich einigen wieder nicht gefallen wird – die Hand ausgestreckt wird, gemäß des Briefes der 138 ein friedliches Zusammenleben in der Gesellschaft anzustreben.

Lassen sie mich die Frage von Nestvogel doch einmal an Sie stellen: „Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Islam-Aktion und Schirrmachers Ethik-Kodex“. „Gibt es einen Zusammenhang zwischen der ökumenischen Kooperation in Toulouse und der veränderten Islam-Position der Allianz? Was wusste Schirrmacher …“

TS: Natürlich gibt es diesen Zusammenhang nicht, weil es weder die verschwörerisch vorgetragene Verharmlosung des Islams durch die Weltweite Evangelische Allianz noch durch mich gibt, noch der „Ethik-Kodex“ „Schirrmachers“ ist. Danke der Ehre, aber wir arbeiten in der Weltweiten Evangelischen Allianz im täglichen Kontakt eng zusammen und beziehen die Meinung der Nationalen Allianzen in 128 Ländern ein, da gibt es keinen Alleingang.

Ich bin bezüglich des Ethik-Kodexes und des Briefes der 138 muslimischen Führer nicht nur in Kontakt mit den internationalen Führungsspitzen der Weltweiten Evangelischen Allianz, sondern auch mit vielen nationalen Allianzen und Gemeinden in aller Welt. Sie müssten einmal die Briefe der Gemeindeverbände aus Indien oder Burma lesen, die dankbar sind, dass wir auf Frieden hin wirken und uns zusammen mit der Weltchristenheit von jeder Art unethischer Mission distanzieren. Es ist mir auch schleierhaft, wo die Verharmlosung des Islam bei uns stattfinden soll? Wir haben den Islam seit drei Jahrzehnten zum Thema gemacht, als viele andere noch ahnungslos waren. Die Aktion „30 Tage Gebet für die islamische Welt“ läuft schon viele Jahre. Die Kritiker aber haben bisher immer nur die kritisiert, die über den Islam aufklären, mit Politikern reden, Muslimen das Evangelium darlegen und mit muslimischen Führern im Gespräch sind. Es ist schon merkwürdig, wenn man sich in der Auseinandersetzung mit dem Islam, zum Beispiel im Fernsehen, der Gefahr aussetzt, und wenn man heimkommt, die Kritiker vom Fernsehsofa aus anmahnen, man hätte mehr auf den Putz hauen sollen.

Die Bekenntnisbewegung warnt davor, dass der Verhaltenskodex das Ende von Mission und Evangelisation bedeute. Könnte diese Gefahr nicht tatsächlich bestehen?

TS: Also, zunächst einmal muss man sagen, dass die heutige Bekenntnisbewegung ja selbst kein hervorragender Träger von Mission und Evangelisation mehr ist. Ihre Tätigkeit richtet sich ja nicht an Nichtchristen. Man warnt zwar beispielsweise vor dem wachsenden Einfluss des Islam, ist aber selbst nicht im Gespräch mit Muslimen.

Nun aber zum Ethik-Kodex: Warum sollte die Zusage, dass wir in der Mission keinen politischen Zwang, Drogen oder Bestechung einsetzen wollen, der Weltmission schaden? Irgendwie steckt die Sorge um das Ende der Weltmission noch in den 1960er Jahren fest, in denen die Bekenntnisbewegung gegründet wurde. Damals gab es tatsächlich verheerende theologische Gedanken wie das Missionsmoratorium oder die Auffassung, man solle die jüdische Vorgeschichte des Christentums durch die jeweilige Religionsgeschichte vor Ort – etwa die afrikanischen Religionen – ersetzen. Aber heute? Wer im Vatikan und im Weltkirchenrat ist denn heute noch gegen Mission? Die EKD schreibt in ‚Klarheit und gute Nachbarschaft’ ihre Zeugnispflicht gegenüber den Muslimen fest. Die vatikanische Glaubenskongregation hat gerade in einer „Note zur Evangelisierung“ den Vorrang der Mission betont. Und in der Weltweiten Evangelischen Allianz vibriert die Mission wie nie zuvor. Wer behauptet, die Mission stünde kurz vor dem Ende oder werde durch ein Papier gefährdet, kennt einfach die internationale Lage nicht.

Und selbst wenn das Papier falsch wäre: Das tägliche Wachstum der evangelikalen Bewegung durch etwa 50.000 Taufen am Tag hört doch nicht plötzlich auf, weil wir ein Papier vereinbaren!

Nestvogel fragt: „Was wird hier an den Gemeinden vorbei auf den Weg gebracht?“ Ist das nicht eine Gefahr?

TS: Die Kritik der Kritiker geht doch an den Gemeinden vorbei. Einige der Kritiker sind Einzelkämpfer, die schon längst keine Gemeinde mehr hinter sich haben, in der sie verwurzelt sind. Die anderen können bestenfalls auf eine kleine Zahl sehr kleiner Gemeinden verweisen, die zu ihnen gehören. Wohlgemerkt: Auch eine kleine Minderheit kann Recht haben. Aber der Vorwurf lautet ja gerade, wir seien eine Minderheit, die die Mehrheit der wahrhaft Gläubigen verführt.

Wir haben eine überwältigende Zustimmung von Kirchen, Missionsgesellschaften und Nationalen Allianzen im Globalen Süden erfahren. Verfolgte evangelikale und nichtevangelikale Kirchen sind uns dankbar, dass wir an vorderster Front für ihre Lage kämpfen. Demgegenüber ist die Kritik erstaunlich dünn geblieben – und das, obwohl ich mich eigentlich immer gerne mit Andersdenkenden auseinandersetze, denn gute Ideen gewinnen nur dadurch.

Im übrigen ist der ganze Prozess ja weltweit und öffentlich und viele Menschen und Gremien nehmen offiziell teil, noch viel mehr melden sich einfach und partizipieren.

Deswegen müssen wir ja nicht recht haben. Aber zu behaupten, hier würde an den Gemeinden vorbei gehandelt, wäre nur richtig, wenn man Tausende von Gemeinden und Gemeindeverbänden weltweit nennen könnte, die nie gefragt wurden, aber den ganzen Prozess ablehnen.

Und noch mal: Nicht, dass die Mehrheit entscheidet, was richtig ist, aber die Tendenz der kritischen Beiträge ist doch, hier würde etwas hinter dem Rücken und gegen den Willen der Mehrheit der Evangelikalen geplant – und das hat sich schlicht und einfach als falsch erwiesen.

Und was ist mit der Äußerung von Hermen Shastri, dem Generalsekretär des Kirchenrats von Malaysia, der gesagt haben soll, keine Religion habe das Monopol auf Wahrheit.

TS: Zum ersten ist das kein Statement auf einem Treffen zum Ethik-Kodex gewesen, sondern er hat das einem Journalisten als seine private Meinung gesagt, sofern diese richtig berichtet worden ist. Das hat auch nirgends Eingang in die Verhandlungen oder Papiere gefunden. Aber auch wenn Evangelikale diese Sicht ablehnen und dies auch deutlich gegenüber andersdenkenden Theologen artikulieren: Shastri ist in Malaysia eine Säule des christlichen Zeugnisses in einer schwierigen Situation und hat unter Verfolgung gezeigt, dass er zu Jesus Christus steht. Man sollte das Lebenswerk eines Mannes nicht allein nach einem Zeitungszitat beurteilen.

Noch ein Wort zum Verwenden von Zeitungszitaten, wie es die Kritiker vorwiegend tun. Ich habe vor 25 Jahren selbst ein weitverbreitetes Pamphlet gegen Billy Graham veröffentlicht. Dazu hatte ich einfach sehr viele Zeitungsberichte über Graham gesammelt und ausgewertet. Da standen teilweise wirklich unglaubliche Sachen über ihn drin. Als man dann aber anfing, über mich zu berichten, musste ich feststellen, dass ich vieles davon nie gesagt und gemeint hatte, aber man keine Möglichkeit hat, so etwas richtig zu stellen. Also habe ich mich an Billy Graham selbst gewandt und seine Bücher ausgewertet und habe mein Pamphlet eingestampft, weil es einfach nicht die Wahrheit beinhaltete. Pressemeldungen sind eine sehr unzuverlässige Grundlage für theologische Auseinandersetzung. Der Griff zum Telefonhörer kann da Wunder bewirken …

Können Sie das etwas näher ausführen?

TS: Für  mich gehört zur theologischen Auseinandersetzung, dass man sich gegenseitig sehr gut kennt, um sich nicht falsch darzustellen, und so oft wie möglich die persönliche Begegnung sucht.

Meine Kritiker dagegen sind der Meinung, dass es schon an sich falsch ist, dass ich so oft katholischen und orthodoxen Kirchenführern die Hand schüttele, und sicher erst recht, wenn ich mit dem Präsidenten des Zentralrates der Muslime diskutiere. Da brauchen sie gar keine genauen Kenntnisse, worum es eigentlich geht.

Nur wenige theologische Seminare stürzen sich so in die alltägliche theologische und ethische Diskussion, wie unser Martin Bucer Seminar, seien es innerevangelikale Diskussion wie die Bibelfrage oder den Umgang mit der Postmoderne, seien es konfessionsübergreifende oder gesellschaftliche Fragen. Wir sind mit unserer Haltung meist eindeutig präsent, aber bauen dabei viele Beziehungen, ja Freundschaften zu unseren Gegenübern auf, um sicherzustellen, dass wir sie nicht missinterpretieren und weil man nur so echte Überzeugungen austauschen und auch den anderen nur so gewinnen kann.

Ich gewinne lieber die Diskussion miteinander – oder verliere auch, wenn ich Unrecht habe –, als aus der Deckung heraus auf andere nur durch Zeitschriftenartikel zu schießen.

Wenn der Informationsbrief der Bekenntnisbewegung etwa schreibt, dass in der evangelikalen Bewegung für die Bekehrung „das Verhältnis zu Jesus“ eine zentrale Rolle spielt, in der römisch-katholischen Kirche und dem Weltkirchenrat aber nicht, dann ist das einfach Unsinn. Ich habe mich in vielen Büchern, Artikeln, Vorträgen und Tagungen mit der katholischen Theologie auseinander gesetzt und kritisch die Arbeit des liberalen Zweigs des Weltkirchenrates begleitet, aber zu einer solchen Kritik, dass es dort niemandem vorrangig um das Verhältnis zu Jesus geht, würde ich mich nicht versteigen. Was ist denn mit der neuesten Enzyklika des Papstes zur Hoffnung oder der neuesten Note zu Evangelisation der vatikanischen Kongregation für die Glaubenslehre, in der es um Jesus als die einzige Hoffnung der Welt geht und aufgrund von Joh 17,4 das Christentum kurz darin zusammengefasst wird, dass in Jesus, dem Sohn Gottes, allein das Heil liegt? Haben die Kritiker eigentlich jemals solche Dokumente gelesen? Oder steht ihr Urteil sowieso schon fest, so dass es gar nicht überprüft oder belegt werden muss?

Was sagen sie zu der Kritik der Bekenntnisbewegung: „Nachgefragt wird wohl nicht mehr, wer theologisch im Recht ist.“

TS: Die weltweite evangelikale Bewegung diskutiert ununterbrochen darüber, wer theologisch und auch exegetisch im Recht ist. An unserem theologischen Seminar ist das eine Dauerfrage, ebenso wie an tausenden theologischen Seminaren in aller Welt. Das ist doch etwas billig: Wenn jemand nicht zu demselben Ergebnis kommt, wie die Kritiker, hat er damit schon bewiesen, dass er weder nachfragt, noch an richtig und falsch interessiert ist?

Was meinen sie: Was müssten Sie tun, damit die Kritik verstummt?

TS: Es ist doch ganz einfach: Ich wüsste nicht, was ich machen müsste, um einmal die ungeteilte Zustimmung dieser Kritiker zu gewinnen. Und wenn, dann könnte ich bestenfalls einem von ihnen gefallen.

Nehmen Sie ein Beispiel: Ich habe meine schon erwähnte Kritik der Ablasstheologie in Buchform. Was war die Reaktion: Mein Vorwort, dass solche Kritik gute Kenntnisse voraussetze und man nur diskutieren solle, was wirklich heute gelehrt und praktiziert werde, wurde als Verrat an der Reformation gesehen und außerdem kritisiert, dass ich orthodoxe Stimmen zu Wort kommen lasse – die orthodoxe Kirche lehnt ebenfalls die Ablasslehre ab.

Zudem wäre ja die Frage, welchen der Kritiker ich als Ausgangspunkt wählen sollte. Sie vertreten ja jeder für sich wieder andere Standpunkte und können untereinander nur schwer oder gar nicht zusammenarbeiten und spalten sich selbst in jüngster Zeit noch fortlaufend untereinander. Ja, an wen sollte ich mich denn anpassen? Würde ich mich mit Haut und Haaren einem der Kritiker verschreiben, würde mir das ja die Kritik der anderen nicht ersparen.

Möller beklagt etwa, dass die Kindertaufe doch eine Zwangsbekehrung sei und deswegen im Ethik-Kodex verboten werde müsse. Warum sagt er das aber nicht der Bekenntnisbewegung, der ART und den Herausgebern der Zeitschrift, in der er schreibt, die doch alle für die Kindertaufe eintreten?

Sie sind doch selbst einmal in der Bekenntnisbewegung gewesen.

TS: Ja, das war damals eine tolle Zeit. Ich bin seit meinem 18. Lebensjahr viele Jahre – zunächst als Studentenvertreter – im Bundesarbeitskreis der Bekenntnisbewegung gewesen, bevor diese nach dem Tod des Mitgründers und Vorsitzenden (und einem meiner geistlichen Väter) Rudolf Bräumer einen völlig neuen Kurs der ständigen Kritik anderer Evangelikaler und der Distanzierung von der Evangelischen Allianz einschlug und deswegen alle ihre prominenten Mitglieder verlor. Davor brachte die Bekenntnisbewegung Zigtausende auf die Beine, etwa wenn es um das Lebensrecht der Ungeborenen oder der Bibel als ‚Verfassung’ der Kirchen ging. Dort habe ich den Respekt vor Vorbildern und Freunden wie Gerhard Bergmann, Paul Deitenbeck, Bärbel Wilde, Burkhard Affeld oder Alexander Schick gelernt, die an ihrer Kirche litten, aber um so eifriger und klarer das Evangelium verkündigten. Sie alle hätten sich nie dafür hergegeben, das Evangelisieren anderer zu kritisieren. Heute ist die Bekenntnisbewegung leider nur noch ein Schatten ihrer einstigen Größe, weil sie nichts mehr selbst positiv aufbaut, sondern von der Kritik an anderen lebt.

Möller kritisiert, dass ein solches Regelwerk niemandem „konkret dienen“ würde und dass Sie wohl meinen, staatliche Organe sollten zukünftig seine Einhaltung überwachen.

TS: Hier zeigt sich wieder, dass die Kritiker die eigentliche Thematik in der internationalen Situation nicht kennen. Ich kenne den täglichen Umgang von Kirchenführern mit den Staaten und der Gerichtsbarkeiten ihrer Länder. Es ist für mich nicht verwunderlich, dass weltweit die Kritik am Ethik-Kodex nur aus der westlichen Welt kommt. Die großen und wachsenden Kirchen der Dritten Welt atmen auf, dass die Weltweite Evangelische Allianz sich so offensiv dieses Themas annimmt.

Es ist doch nicht so, dass wir den Staat erst darum bitten müssten, sondern in jedem Land der Erde gibt es bereits Gesetze, die Religionsfreiheit und die Rechte der Religionen festschreiben, zum Guten wie zum Schlechten. Täglich finden irgendwo auf der Welt Gerichtsprozesse statt, in denen es um Fragen der Missionstätigkeit geht. Wenn wir uns in die Diskussion einschalten und einerseits lautstark das Recht auf Mission fordern, andererseits deutlich machen, dass das für uns nicht das Recht einschließt, andere Menschenrechte mit Füßen zu treten, dann geht es um etwas sehr Konkretes, Nützliches und Praktisches.

Und natürlich bin ich aufgrund meiner ethischen Position der Meinung, dass der Staat eingreifen darf, wenn unmoralische Methoden der Mission genutzt werden. Wenn mein Sohn durch Drogen zum Übertritt zu einer anderen Religion gezwungen oder verführt würde, wäre das für mich nicht nur ein Erziehungsproblem, sondern auch Sache des Staates und der Polizei. Und nach Paulus in Römer 13,1-7 gilt das dann ebenso, wenn Christen solche Straftaten begehen.

Fast alle Beispiele, die zum Ethik-Kodex erarbeitet oder veröffentlicht worden sind, betreffen Straftaten oder Einsatz der Politik für Mission. Ich kann einfach nicht verstehen, dass die Ablehnung von Drogen, Gewalt, politischem Druck und Bestechung in der Mission derartig angegriffen wird! Haben wir denn gar nichts aus der Geschichte gelernt? Wollen wir ins Zeitalter der Kreuzzüge zurückkehren?

Möller fragt: „Wo findet sich im Wort Gottes ein Mandat, um ‚moralischen Druck’ auszuüben?“

TS: Also, diesen Satz habe ich immer wieder gelesen, weil ich es nicht glauben konnte. Zum einen: Möller baut in seinem Artikel ebenso wie die ganze Zeitschrift, in der er schreibt, einen ungeheuren moralischen Druck mir gegenüber, ja allen Christen gegenüber auf. Jeder Schritt, wird von Seinesgleichen überwacht und bewertet.

Aber davon einmal abgesehen: Auch wenn der Begriff „Druck“ nicht so glücklich ist: Worum anderes geht es denn in einer biblisch-christlichen Ethik? Es geht doch nie nur darum, festzustellen, was gut und böse, nützlich oder schädlich, weise oder unweise ist, sondern immer auch darum, dass das Menschen in ihr Leben umsetzen. Gottes Liebe ist doch immer Geschenk und zugleich auch Aufforderung. Und will ausgerechnet Möller jetzt die biblische ‚Gemeindezucht’ abschaffen, weil dadurch moralischer Druck aufgebaut wird?

Und ja: Wenn evangelikale Christen Geld oder andere Begünstigungen einsetzen, um andere Menschen zu Jesus bekehren, dann will ich allerdings moralischen ‚Druck’ aufbauen, dass sie das möglichst unterlassen oder wir uns zumindest von ihnen distanzieren, weil es schlicht und einfach Sünde ist!

Noch eine Feststellung von Möller: „Demgegenüber klingt das Ziel ‚Verhaltenskodex für Bekehrungen’ fast so, als wolle man Gott vorschreiben, wie er zukünftig ‚Bekehrungen’ zu bewirken habe.“

TS: Also, das als reformierter Theologe vorgeworfen zu bekommen, ist schon fast grotesk. Sonst bekomme ich immer zu hören, ich würde dem Menschen zu wenig Platz bei der Bekehrung einräumen und immer nur von Gottes Wirken sprechen.

Wir reden beim Ethik-Kodex doch nicht davon, was Gott kann und darf, sondern was wir können und dürfen. Darf ich also nicht darauf verzichten, dem anderen materielle Vorteile im Falle einer Bekehrung zu bieten, weil das vielleicht der Weg ist, den Gott für die Bekehrung wählen möchte? War zu Karls des Großen Zeiten rechtens, die sächsischen Adeligen entweder zu taufen, oder, wenn sie das verweigerten, zu köpfen, weil Gott es möglicherweise als Werkzeug benutzen wollte?

Umgekehrt wird ein Schuh daraus. Weil Gott Menschen zu sich zieht, derzeit täglich Zigtausende, haben wir es gar nicht nötig, sündige Mittel in der Mission einzusetzen! Dort wo unser Zeugnis in Wort und Tat nicht ausreicht, um die Herzen der Menschen zu erreichen, endet unsere Aufgabe! „Der Glaube kommt aus der Verkündigung“ (Röm 10,17), bitte aus nichts sonst. Was die Predigt des Evangeliums nicht bewirkt, sollen wir nicht mit Gewalt erzwingen. Gott kann auch später noch Wunder bewirken, aber wenn er es nicht und zunächst nicht tut, dürfen wir nicht mit unlauteren Mitteln nachhelfen. Wir sollen das „Wort“ Gottes verkündigen – nicht mehr und nicht weniger – und ihm dann selbst seinen Lauf überlassen.

Gott wirkt wann und wie er will. Er kann auf krummen Wegen gerade schreiben. Aber wir als Menschen sollten wissen „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist …“ (Micha 6,8) und auf jeden Einsatz sündiger Mittel in der Evangelisation verzichten.

Es gibt eben Methoden der Verkündigung des Evangeliums, die Sünde sind. Wir können nicht verkündigen, dass Jesus am Kreuz die Vergebung der Sünden erwirkt hat und uns ein neues befreites Leben schenkt und dabei eine verfehlte, weil sündhafte Verkündigungsmethode wählen.

Wie gehen sie denn mit solch bibeltreuer Kritik um?

TS: ‚Bibeltreu’? Mit der Haltung zur Bibel hat das doch nun wirklich nicht viel zu tun! In der Weltweiten Evangelischen Allianz arbeiten hunderte Millionen ‚Bibeltreue’ mit, während umgekehrt etliche der Kritiker nicht die sogenannte ‚Irrtumslosigkeit’ der Schrift teilen. So lehnen etwa die meisten Vorstandsmitglieder und Autoren der Bekenntnisbewegung ‚Kein anderes Evangelium’ die historisch-kritische Methode nicht grundsätzlich ab, gehören auch der Landeskirche an.

Im übrigen habe ich im Gespräch mit diesen Kritikern sehr selten erlebt, dass sie ein biblisches Argument überzeugt hätte.

Wenn wir uns als Evangelische Allianz in der Micha-Initiative gegen Armut einsetzen, dann haben wir angeblich das Evangelium verraten oder sind auf die ‚antichristliche’ UNO hereingefallen. Und was ist mit den zahlreichen biblischen Forderungen, sich der Armen anzunehmen?

Wenn wir weltweit verfolgte Christen vor Gericht verteidigen, heißt es, dass Christen nicht vor Gericht gehen und sich nicht politischer Mittel bedienen dürften. Und warum hat dann Paulus das römische Rechtssystem so intensiv genutzt?

Als ich zum Thema Christenverfolgung in einem Ausschuss des Deutschen Bundestages referiert habe, hieß es, ich würde mich jetzt anbiedern, dabei wäre Paulus sicher dort genauso zugunsten seiner Leidensgenossen hingegangen, von Daniel und Josef einmal gar nicht zu sprechen, die jeweils zweiter Mann in einem nichtjüdischen Staat waren.

Hätten Sie lieber, dass ihre theologischen Kritiker schweigen?

TS: Ich wäre der letzte, der etwas gegen eine gediegene theologische Auseinandersetzung hätte. Ich bin an vielen internationalen theologischen Debatten beteiligt. Innerhalb der Weltweiten Evangelischen Allianz haben wir über Jahre viele intensive Diskussionen über den Ethik-Kodex geführt. Da sind auch viel gewichtigere Bedenken als die der genannten Kritiker angesprochen worden und wir sind erst gemeinsam an die Öffentlichkeit gegangen, als wir uns sicher waren, was wir gemeinsam vertreten können und dass Vatikan und Weltkirchenrat unsere Grenzziehungen respektieren.

Aber hier geht es nicht um eine gediegene Diskussion, sondern um Kritikpunkte um jeden Preis. „Schirrmachers Ethik-Kodex“ zur Bezeichnung einer Initiative der Weltweiten Evangelischen Allianzbeziehungsweise fast aller Kirchen: So spricht nur jemand, der den anderen lächerlich machen möchte, nicht jemand, der sich biblisch-theologische Sorgen macht.

Oder lassen Sie mich es einmal anders formulieren: Ich lasse mich gerne kritisieren für das, was ich gesagt oder gemacht habe. Hier aber soll ich mich für Dinge rechtfertigen, die erst zum Problem werden, nachdem man sie falsch dargestellt hat. Dass Nestvogel versucht, eine heimliche Agenda der Anpassung an den Islam zu finden, die hinter allem steht, macht das deutlich. Das heißt auch, was immer ich, was immer wir antworten, wird die Kritiker nicht überzeugen, denn sie sind ja sowieso davon überzeugt, dass wir der Öffentlichkeit etwas vormachen und eine heimliche Agenda verfolgen.

Möller konstruiert zum Beispiel den Widerspruch zwischen der Aussage, ich sei als Privatperson in Toulouse gewesen, die Weltweite Evangelische Allianz aber sage, ich hätte sie dort vertreten. Von mir als Privatperson sprach nur die schlecht informierte ‚Washington Post’. Die Sache so hinzustellen, als würden wir täuschen oder sogar lügen, zeigt, dass man auf Biegen und Brechen etwas finden will.

Typisch ist für mich, dass Nestvogels Schreiben ein Spendenruf ist. Wenn jetzt selbst Schirrmacher vom wahren Glauben abgefallen ist, ist es um so wichtiger, an die ART zu spenden. Und indem er schreibt „Schirrmacher, der auch als Dozent an der FTA in Gießen mitarbeitet“, wird auch sichergestellt, dass dorthin bitte auch keine Spenden gehen sollten. Vor einigen Jahren hat Nestvogel ebenso in einem Spendenbrief behauptet, Schirrmacher und der Rektor der FTA Helge Stadelmann seien jetzt auch nicht mehr ‚bibeltreu’. Schade, wenn man Spenden nicht für seine überzeugende Aufbauarbeit bekommen kann, sondern indem man große ‚Konkurrenten’ anschwärzt und das mit aus der Luft gegriffenen Anschuldigungen.

Ich habe die herzliche Bitte an meine Kritiker: Lasst uns in Liebe und Frieden über den richtigen Weg der Gemeinde Jesu in die Zukunft auseinandersetzen. Lasst uns miteinander reden, statt in Zeitschriften übereinander zu streiten. Und vor allem, bitte vermischt eure theologische Kritik nicht mit persönlichen Angriffen.

Darf ich dazu zweimal unseren Namensgeber Martin Bucer zitieren, der an den innerevangelischen Auseinandersetzungen in der Reformationszeit unendlich litt?

Ja, immer zu.

TS: „Wenn man sofort denjenigen als vom Geist Christi verlassen verurteilen will, der nicht ganz genau so ur­teilt, wie man selbst, und sogleich bereit ist, gegen den als Feind der Wahrheit an­zugehen, der vielleicht etwas Falsches für richtig hält: wen, frage ich, kann man denn noch als Bruder ansehen? Ich habe jeden­falls noch nie zwei Menschen gesehen, von denen jeder genau dasselbe denkt. Und das gilt auch in der Theologie.“ (Martin Bucer)

Und zu guter letzt:

„In der wahren Gotteserkenntnis weiß jemand eigentlich nur so viel, wie er im eigenen Leben zum Ausdruck bringt.“ (Martin Bucer)

Das ist doch ein guter Schluss! Herzlichen Dank für das Interview.

Zwei Interviews zum Ehrenkodex für Mission

„Eine ergaunerte Bekehrung ist keine Bekehrung …“: Der Religionssoziologe und Ethiker Thomas Schirrmacher über den Ethik-Kodex für Mission und die Religionsfreiheit

EINS, Zeitschrift der Deutschen Evangelischen Allianz, 4/2007: 15-17

Interview mit Thomas Schirrmacher

In einer historisch einmaligen Begegnung – nie zuvor wurden fast alle Christen der Welt bei einem solchen Treffen repräsentiert – haben im August 2007 in Toulouse der Weltkirchenrat, der Vatikan und die Weltweite Evangelische Allianz begonnen, einen Ethikkodex der Mission zu diskutieren und festzulegen, der auflistet, welche Mittel der Mission als unethisch und grundsätzlich zu verwerfen gelten. Dazu gehören etwa der Einsatz von Gewalt, Drohungen, Drogen oder Gehirnwäsche ebenso wie das Verschaffen materieller Vorteile oder der Einsatz von Polizei oder Armee zur Verbreitung einer Religion. Ein solcher Ethikkodex für Mission würde auch die Grenzen der Religionsfreiheit aus christlicher Sicht bennnen und damit auch der Politik eine große Hilfe sein. Die Weltweite Evangelische Allianz hat mittlerweile auf einer Sitzung in Bangkok im September 2007 diesen Prozess gutgeheißen und für seine Fortsetzung plädiert.

Einer der Architekten einer solchen Selbstverpflichtung der gesamten Christenheit ist der Bonner evangelikale Ethiker und Religionssoziologe Thomas Schirrmacher, der seine Vorschläge zur Weiterführung des Prozesses im soeben als idea-Dokumentation erschienen Jahrbuch „Märtyrer 2007“ vorgelegt hat. Er ist derzeit weltweit unterwegs, um für den Ethikkodex zu werben, so im Moment in Istanbul beim Ökumenischen Patriarch von Konstantinopel Bartholomäus I., dem Oberhaupt der Orthodoxen Kirchen.

Professor Schirrmacher, warum ein Ethikkodex für Mission?

Täglich sehen wir im Fernsehen Menschen, die ihre Religion mit Gewalt oder unlauteren Mitteln ausbreiten oder es zumindest versuchen. Das Christentum hat viele dieser Mittel selbst in seiner Geschichte eingesetzt und weite Teile der heutigen christlichen Stammländer sind militärisch oder wirtschaftlich buchstäblich erobert worden. Da ist es an der Zeit, dass wir erklären, dass wir solche Methoden als unmoralisch und unchristlich verwerfen und das sie mit Mission überhaupt nichts zu tun hat. Und wir wollen in unseren eigenen Reihen Selbstkritik ermöglichen aufräumen. Als Christen wünschen wir uns überall Freiheit für friedliche und würdevolle Missionsarbeit, aber eben auch nur dafür.

Sollte uns nicht jedes Mittel recht sein, um Menschen für den Glauben an Gott zu gewinnen?

Eindeutig Nein! Ethik und Mission gehören zusammen. Im Missionsbefehl in Mt 28,18-20 schickt uns Jesus nicht nur mit der frohen Botschaft in die ganze Welt, sondern auch, um alle seine Gebote zu lehren („lehret sie alles halten, was ich euch geboten habe“). Das christliche Zeugnis ist kein ethikfreier Raum; es braucht eine ethische Grundlage, damit wir wirklich das tun, was Christus uns aufgetragen hat.

Wir Christen müssen heute deutlich sagen, welche Mittel der Mission Jesus uns untersagt hat! Das Motto der amerikanischen Teenager: WWJD („What would Jesus do?“, „Was würde Jesus tun?“), muss uns gerade auch dann anleiten, wenn wir den Missionsbefehl Jesu ausführen.

Wer genau war denn eigentlich in Toulouse dabei?

Organisiert wurde das ganze vom Päpstlichen Rat für Interreligiösen Dialog (PCID), die insbesondere Erzbischöfe und andere Kirchenführer aus Asien und Afrika entsandten, und dem Büro für Interreligiöse Beziehungen und Dialog (IRRD) des Weltkirchenrates (WCC), die neben evangelischen Kirchenführern auch Vertreter der orientalischen und orthodoxen Kirchen und der Pfingstkirchen mitbrachten. Für die Weltweite Evangelische Allianz wurde ich vom Generalsekretär der Indischen Allianz, Richard Howell, und von John Langlois, Vorsitzender der Kommission für Religionsfreiheit und langjähriges Vorstandsmitglied der Weltweiten Evangelischen Allianz unterstützt.

Wird die Evangelische Allianz also jetzt katholisch oder liberal?

Die Gefahr war vermutlich nie so klein! Denn die wachsende Zahl und das wachsende Selbstbewußtsein der Evangelikalen weltweit läßt es gar nicht mehr attraktiv erscheinen, sich um der Anerkennung willen zu verkaufen. Die Bibel als höchster Maßstab und die Betonung der persönlichen Umkehr und Beziehung zu Gott – warum sollten wir das aufgeben? Zudem wurden wir in Toulouse als theologische und politsiche Gesprächspartner sehr ernst genommen und niemand hat von uns erwartet, unsere Überzeugungen zu vertuschen. Wir drei Vertreter sind ja zudem alle eher konservative Vertreter der evangelikalen Welt.

Also alles wie gehabt?

Nein, das nun auch wieder nicht. Zum einen wollen wir unsere Sicht anderen freundlich darlegen, von Anderen lernen und gute Zuhörer sein. Das alles kann man aber nicht, wenn man nie miteinander redet. Die Allianzen in der weltweiten Christenheit verschieben sich ja immer häufiger und gehen längst quer durch alle Reihen, etwa in ethischen Fragen. Zudem haben wir viel zu gewinnen, wenn wir gemeinsam auftreten und uns nicht gegenseitig das Leben schwer machen.

In Indien und Malaysia haben die Katholische Kirche, der Nationale Kirchenrat und die Nationale Evangelische Allianz bereits Dachverbände gegründet, die mit einer Stimme dem Staat gegenüber treten. Im Falle von Christenverfolgung arbeitet man dann nicht gegeneinander, sondern gemeinsam und füreinander. Diese Dachverbände können sich sowohl gegen falsche Vorwürfe gegen Mission wenden, als auch berechtigten Beschwerden nachgehen. Schade, dass so etwas in Deutschland noch undenkbar ist!

Ist eine solche Übereinkunft zwischen den Konfessionen angesichts der gegenwärtigen Lage der Ökumene Illusion?

Eine gemeinsame christliche Aussage, dass es verwerflich ist, Menschen durch Drohungen oder mit materiellen Vorteilen zur Bekehrung zu zwingen oder zu verführen, hängt doch nicht daran, dass wir uns erst über das Papstamt verständigt haben, oder? Auch muss ich nicht mit der katholischen Abendmahlsauffassung übereinstimmen, um Katholiken zuzusichern, dass ich Katholiken nicht mit Gewalt zum Übertritt zwingen werde! Die Zusicherung, dass wir die Religionsfreiheit anderer achten und nicht mittels Gewalt einschränken werden, dürfte heute Gemeingut aller Kirchen sein und hängt nicht an der Übereinstimmung in allen anderen theologischen Fragen.

Die neuen Gespräche haben also nichts mit einer Annäherung der Konfessionen zu tun?

Doch haben sie. Im Einsatz für die Religionsfreiheit, gegen Christenverfolgung und auch gegen unlauteres Bedrängen anderer Christen hat es sicher große Fortschritte gegeben. So verzichtet heute die katholische Kirche viel stärker auf das Einspannen des Staates in Sachen der Mission als etwa vor 50 Jahren, umgekehrt sind die Evangelikalen heute sowohl selbstkritischer bereit, über ihre Missionsmethoden nachzudenken, als auch sich im Bereich von Politik und Menschenrechte einzusetzen. Noch vor zehn Jahren wäre ein solches Treffen undenkbar gewesen.

Wie kommt es, dass jetzt die Evangelikalen und Pfingstler mit im Boot sind?

Das hat zum einen natürlich damit zu tun, dass wir selbst unsere Hausaufgaben gemacht haben und etwa gut organisiert für die Religionsfreiheit eintreten, aber heute auch selbstkritischer in der evangelikalen Missionswissenschaft untersuchen, was wir eigentlich tun und welche Fehler wir machen. Als wir in Toulouse negative Beispiele aus der evangelikalen Missionsarbeit dargestellt haben, hat uns das natürlich viele Türen und Herzen geöffnet. Zum anderen setzt sich mehr und mehr bei den anderen Konfessionen das Bewußtsein durch, dass sich die Probleme der Mission nicht auf eine bestimmte Richtung eingrenzen lassen, sondern alle Richtungen ihre schwarzen Schafe haben, die etwa politische Mittel für die Mission einzusetzen versuchen oder öffentliche Aussagen machen, die grßen Schaden anrichten.

Dazu trägt auch bei, dass zunehmend alle Konfessionen bei Christenverfolgung in einem Boot sitzen. Die angehörigen der evangelikalen, katholischen, orthodoxen oder altorientalischen Kirchen in der Türkei haben etwa alle gemeinsam, dass sie keinerlei Rechte haben.

Haben denn die bisherigen Treffen und Konferenzen schon eine Wirkung gezeigt?

Schon jetzt gibt es eine zunehmende internationale Diskussion, was unter der Religionsfreiheit unbedingt zu schützen ist und was einen Mißbrauch der Religionsfreiheit darstellt. Die Washington Post diskutiert da ebenso mit wie führende indische Tageszeitungen. Viele Regierungen sind sehr daran interessiert, dass die Religionen selbst ihre Sicht formulieren und haben uns Mut gemacht, weiter zu machen. Gerade die Sicht der Kirchen spielt dabei für viele westliche Länder eine zentrale Rolle. Ich glaube, dass wie in anderen Menschenrechtsfragen durchaus ein wachsender internationaler Konsens möglich ist und wir auf gutem Weg dorthin sind.

Wie sollte denn ihrer Meinung nach Missions aussehen, wenn sie ethisch vertretbar und christlich ist?

Grundsätzlich bedeutet Evangelisation, dem anderen friedlich den eigenen Glauben ungeheuchelt darzustellen und dabei Überzeugungskraft und Vorbild zu verbinden mit dem Respektieren der Würde des anderen. Menschen, die Christen werden, sollen wissen, was sie tun und warum sie es tun, sollen dies aus Überzeugung und nicht aus Berechnung tun, sollen Gelegenheit haben, ihre Entscheidung zu überdenken, und sollen es schließlich aus tiefstem Herzen im Vertrauen auf Gott und nicht uns zuliebe tun. Alle Formen der Evangelisation, die das bewußt umgehen wollen und für einen Übertritt die Verletzung der Menschenrechte des anderen in Kauf nehmen, sind aus meiner Sicht falsch, ob sie nun Gewalt, politischen oder wirtschaftlichen Druck oder Lüge und Manipulation benutzen.

Ist Mission nicht immer ein Stück weit Konfrontation? Besteht nicht die Gefahr, dass man der christlichen Mission ihren Kern nimmt, wenn sie möglichst ‚nett’ und einwandfrei sein soll?

Selbstverständlich stellt Mission einen Anspruch, der oft auf Widerspruch stößt, aber es soll die Konfrontation des anderen mit Gott selbst und seiner Wahrheit bleiben, nicht mit mir. Petrus fordert uns in 1Petrus 3,15-17 auf, jedem, auch dem der uns übel will, alle Fragen zu beantworten und die eigene „Hoffnung“ klar zu verteidigen. Aber das soll eben gerade „in Sanftmut und Ehrerbietung“ geschehen. Menschen, die anderen gegenüber nicht zu ihren Überzeugungen stehen, sind keine ernstzunehmenden Gesprächspartner, aber zwischen der Verbreitung der eigenen Überzeugung und dem gewaltsamen Ausbreiten der eigenen Überzeugung, die die Würde des anderen nicht respektiert, ist ein himmelweiter Unterschied.

Jesus sagt in Joh 14,6: „Niemand kommt zum Vater denn durch mich“, weil er „der Weg, die Wahrheit und das Leben“ ist. Darf man das in Zukunft noch sagen?

Ja, denn das ist die Grundlage des christlichen Glaubens, die etwa in Toulouse bei allen Konfessionen nie zur Diskussion stand. Aber gerade Jesus hat doch niemanden mit Gewalt, Drogen, Drohungen, Geldgeschenken oder der Unterstützung des Staates gezwungen oder über den Tisch gezogen, ihm zu folgen. Es gehört doch gerade zur christlichen Wahrheit in Jesus Christus, dass nur der ihr wirklich folgt, der „glaubt“, es also aus tiefsten Vertrauen auf Gott tut, und nicht weil er gezwungen oder manipuliert wurde. Eine ergaunerte Bekehrung ist eben keine wirkliche Bekehrung zu Gott!

Interview: Glaube 24

Glaube 24: Sie fordern die Erarbeitung eines Verhaltenskodexes für Mission. In Anlehnung an das Vorgehen Malaysia und Indien plädieren Sie dabei für ein möglichst konfessionsübergreifendes, gemeinsames Handeln und dafür, dass die Praxis in diesem Prozess vor der Einigkeit in theologischen Fragen stehen sollte. Wie aber kann man in der Praxis zu einer Übereinkunft kommen, wenn die theologische Basis nicht geklärt ist?

TS: Eine gemeinsame christliche Aussage, dass es verwerflich ist, Menschen mit materiellen Vorteilen zur Bekehrung zu verführen, hängt nicht daran, dass wir uns erst über das Papstamt verständigt haben, oder? Auch muss ich nicht mit der katholischen Abendmahlsauffassung übereinstimmen, um Katholiken zuzusichern, dass ich Katholiken nicht mit Gewalt zum Übertritt zwingen werde. Die Zusicherung, dass wir die Religionsfreiheit anderer achten und nicht mittels Gewalt einschränken werden, dürfte Gemeingut aller Kirchen sein und hängt doch nicht an der Übereinstimmung in anderen Fragen.

Was ist Ihre bisherige Erfahrung: Ist diese Zusammenarbeit von anderen Konfessionen erwünscht?

Ja, jedenfalls inzwischen. Alle Konfessionen, die sich ohne Wenn und Aber für die Religionsfreiheit aussprechen, sind auch daran interessiert, dass gemeinsam über die Grenze der Religionsfreiheit und über unethische Methoden der Mission gesprochen wird und alle wissen inzwischen, dass sich die Probleme nicht auf eine bestimmte Richtung eingrenzen lassen, sondern alle Richtungen ihre schwarzen Schafe haben, die etwa politische Mittel für die Mission einzusetzen versuchen. Eine Ausnahme ist wohl die russisch-orthodoxe Kirche, die weiterhin ihre vermeintlichen Territorien gegen katholische und evangelikale ‘Eindringlinge’ schützen will, auch mit politischen Mitteln, aber auch hier könnte uns ein Kodex als Bekenntnis aller anderen Kirchen viel nützen.

Der Verhaltenskodex soll auf internationaler Ebene eine Rolle spielen. Wie sehen Sie die Chancen dafür, dass solch ein Kodex von Regierungen bzw. staatlichen Stellen in aller Welt angenommen bzw. respektiert wird?

Schon jetzt gibt es eine zunehmende internationale Diskussion, was unter der Religionsfreiheit unbedingt zu schützen ist und was einen Missbrauch der Religionsfreiheit darstellt. Dabei sind die Regierungen schon jetzt sehr daran interessiert, dass die Religionen selbst ihre Sicht formulieren. Und die Sicht der Kirchen spielt dabei für viele westliche Länder natürlich eine zentrale Rolle. Ich glaube, dass wie in anderen Menschenrechtsfragen durchaus ein wachsender internationaler Konsens möglich ist. Ob der Iran oder Nordkorea dabei mitziehen, ist allerdings sicher unwahrscheinlich.

Wie sollte Ihrer Meinung nach die konkrete Praxis eines solchen Kodexes aussehen? Wer kontrolliert seine Einhaltung? Und wer wird kontrolliert?

Da die Kirchen ja gerade nicht Staat sein wollen und zudem es viele verschiedene Kirchen gibt, wird es sicher keine zentrale Kontrolle geben können. Aber wie bei anderen Dokumenten wäre ein Kodex eine Basis, mit dem Kirchen mit ihren eigenen Problemkindern besser ins Gespräch kommen können und es wäre auch eine gute Grundlage für Beschwerden von Anhängern anderer Religionen. Zudem würde ein solcher Kodex auch dem Staat das Recht zubilligen, bei bestimmten Verstößen einzugreifen, z. B. wenn ein Religionswechsel durch Drogen, Zwang, Entführung usw. erreicht werden soll.

Für die Erarbeitung des Verhaltenskodexes wäre das Finden von annehmbaren Formen der Evangelisation grundlegend. Was genau sind annehmbare Formen?

Grundsätzlich bedeutet Evangelisation, dem anderen friedlich den eigenen Glauben ungeheuchelt darzustellen und dabei Überzeugungskraft zu verbinden mit dem Respektieren der Würde des Anderen. Menschen, die Christen werden, sollen wissen, was sie tun, sollen dies aus Überzeugung und nicht aus Berechnung tun, sollen Gelegenheit haben, ihre Entscheidung zu überdenken, und sollen es schließlich aus tiefstem Herzen im Vertrauen auf Gott tun. Alle Formen der Evangelisation, die das bewusst umgehen wollen und für einen Übertritt die Verletzung der Menschenrechte des anderen in Kauf nehmen, sind aus meiner Sicht falsch.

Bleibt Evangelisation nicht immer ein Stück weit Konfrontation – zumindest wenn man von den Inhalten ausgeht? Oder anders gefragt: Nimmt man der Evangelisation nicht ihren Kern, wenn man von „annehmbar“ spricht?

Selbstverständlich, aber es soll die Konfrontation des anderen mit der Wahrheit Gottes, mit dem „Ärgernis des Kreuzes“ bleiben, nicht mit mir. Petrus fordert uns in 1Petrus 3 auf, jedem, auch dem der uns übel will, alle Fragen zu beantworten und die eigene Hoffnung klar zu verteidigen. Aber das soll eben gerade „in Sanftmut und Ehrerbietung“ geschehen. Menschen, die anderen gegenüber nicht zu ihren Überzeugungen stehen, sind keine ernstzunehmenden Gesprächspartner, aber zwischen der Verbreitung der eigenen Überzeugung und dem gewaltsamen Ausbreiten der eigenen Überzeugung ist ein himmelweiter Unterschied.

- Sie rufen die christlichen Konfessionen in diesem Vorhaben dazu auf, eine Vorreiterrolle zu spielen. Wie könnte man darüber hinaus vorgehen, um andere Religionen zu einem ähnlichen Schritt zu bringen?

Das wird sich zeigen, sobald die Christen sich einig sind. Wir werden sicher mit Religionen wie Bahai und Buddhismus schnell gute Fortschritte erzielen können, beim Islam wird das nur mit einzelnen Gruppen möglich sein, die meist nicht den klassischen Islam der Kernländer widerspiegeln, da das Konzept der Trennung von Kirche und Staat fehlt. Wo immer wir im politischen Raum alle Religionen auf eine friedliche, die Menschenrechte anderer respektierende Art der Mission festlegen können, wird dies ein Gewinn sein.

5. Auflage meiner Ethik ist erschienen

Januar 3, 2012 by Schirrmacher · 1 Kommentar 

Die 5. Auflage meiner 8-bändigen Ethik ist bereits 2011 erschienen, leider nur als Nachdruck mit kleineren Korrekturen. Die Übernahme des Vorsitzes der Theologischen Kommission der Weltweiten Evangelischen Allianz hat mein Projekt der Erarbeitung einer stark aktualisierten und teils neuen Ethik hinausgeschoben. Für Besitzer der 3. Auflage und der 4. Auflage lohnt sich der Kauf der 5. Auflage nicht, wesentliche Änderungen gab es zwischen der 3. und der 4. Auflage in vier Lektionen. Ich erlaube mir deswegen, meinen Kommentar zur Veröffentlichung der 4. Auflage aus der Einleitung hier zu wiederholen (http://www.thomasschirrmacher.info/archives/1207):

Auch wenn ich an einer grundsätzlichen Neuausgabe meiner Ethik arbeite, die neue Themen und Literatur und auch einige veränderte exegetische oder theologische Einsichten enthalten wird, dafür auch manches Bisherige auslassen wird, erschien es mir doch gut, aufgrund aktueller Entwicklungen eine Zwischenauflage mit Korrekturen in vier Lektionen zu veröffentlichen. Die vier Lektionen sind so bearbeitet, dass sie grundsätzlich die gleiche Länge haben und sich die Seitenzahlen der unbearbeiteten Lektionen nicht verschieben, so dass die 3. und 4. Auflage im Unterricht problemlos nebeneinander verwendet werden können. Gleiche und ähnliche Abschnitte verschieben sich innerhalb der bearbeiteten Lektionen höchstens um bis zu drei Seiten. Das ist im neuen Kursbuch und neuen Register bereits berücksichtigt. Es handelt sich um folgende Lektionen: 40 „Mann und Frau“ in Band 4; 47 „Homosexualität“ in Band 4; 48 „Erziehung und Vorbild“ in Band 5; 62 „Zur Todesstrafe“ in Band 6.

Thomas Schirrmacher. Ethik

  • Band 1: Das Gesetz der Liebe (Gott, Glaube, Ethik)
  • Band 2: Das Gesetz der Liebe (Der Bund zwischen Gott und Mensch)
  • Band 3: Das Gesetz der Freiheit (Die Differenzierung von Gottes Willen)
  • Band 4: Das Gesetz der Freiheit (Das AT im NT, Sexualethik)
  • Band 5: Gottes Ordnungen (Erziehung, Wirtschaft, Kirche)
  • Band 6: Gottes Ordnungen (Staat, Recht)
  • Band 7: Kursbuch
  • Band 8: Register

Verlage: VTR, Nürnberg & Reformatorischer Verlag, Hamburg, 5. Auflage, 2011. 2830 S. ISBN: 978-3-933372-55-0 (VTR), 978-3-928936-51-4 (RVB), Paperback. 148,00 Eur [D] UVP / 152,20 Eur [A] UVP / 198,00 CHF UV

Totgesagte leben länger: Die traditionelle Familie stirbt noch lange nicht aus

November 7, 2011 by Schirrmacher · 1 Kommentar 

„Die Traditionelle Familie stirbt aus“ titelte der Spiegel 2007 und in ähnlicher Form bis in die Gegenwart im Einklang mit zahllosen Zeitungen und Medien und das Jahr für Jahr – man gebe diese Überschrift nur einmal bei Google ein. Ja, der Spiegel ist sogar prophetisch begabt und verkündet: „Das Zusammenleben von Vater, Mutter und Kind wird zum Auslaufmodell“.

Doch solche Ankündigungen offenbaren mehr über das, was ihre Autoren gerne hätten, als dass sie Berichterstattung sind. Zu derselben Entwicklung titelt nämlich die WELT treffend: „Ehe mit Kindern bleibt aber wichtigstes Lebensmodell in Deutschland“ (Die Welt vom 23.7.2008).

Denn es ist es richtig, dass der Anteil der Kinder, die in Patchworkfamilien leben oder unverheiratete und alleinerziehende Eltern haben, zunimmt. Derzeit wächst etwa jedes vierte Kind in einer alternativen Lebensform auf, wie die neuesten Zahlen aus dem Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes in dessen Bericht „Wie leben Kinder in Deutschland“ ausweisen.

Aber angesichts des Umstandes, dass seit Jahrzehnten der Untergang der traditionellen Familie verkündet, ja oft sogar gefordert und gefördert wird, erweist sie sich als erstaunlich zählebig. Denn wer hätte gedacht, dass Jahrzehnte später immer noch 75% aller Kinder bei verheirateten Eltern aufwachsen? Und das soll ein Auslaufmodell sein? Bis diese Zahl unter 50% sinkt, also nicht mehr die Mehrheit stellt, dürfte noch viel Zeit vergehen. In den letzten 15 Jahren sank der Anteil insgesamt um 6%. Selbst einmal angenommen, das Tempo hält an, wonach es derzeit nicht aussieht, wären es immerhin noch 60 Jahre bis zu den 50%.

Davon, dass viele derjenigen, die in alternativen Familienmodellen leben, trotzdem die traditionelle Familie als Ideal sehen, einmal gar nicht zu sprechen. Viele alternative Familienformen entstehen ja nicht dadurch, dass jemand sie begeistert propagiert, sondern durch den ungewollten Zusammenbruch von Beziehungen, die man sich einmal anders vorgestellt hat. „Etwas ist schief gegangen: Moderne Familienformen sind meist nicht geplant, sondern das Ergebnis gescheiterter Beziehungen“, titelte der Focus einst (Belege siehe in meinem Buch ‚Der Segen von Ehe und Familie‘, 2006, S. 29-31, 34-37). Und eine Studie des Bundesfamilienministeriums vermeldete: „Nichteheliche Elternschaft als bewußt geplante ‚unbemannte Mutterschaft‘ ist eine Ausnahmeposition.“

Auch in ihrer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedeutung braucht sich die traditionelle Familie nicht zu verstecken. So heißt es etwa treffend: „Der Zerfall der Familie ist denn auch eine Hauptursache für die starke Zunahme der Kinderarmut in Deutschland.“

Der britische Premierminister David Cameron hat vor allem den Zusammenbruch der traditionellen Familie für die Unruhen in britischen Großstädten im August (2011) verantwortlich gemacht. Auffällig viele der Täter seien de iure oder de facto vaterlos aufgewachsen. Die häufige Armut der Kinder alleinerziehender Eltern sei auffällig. Sicher sind solche Aussagen am Ende zu pauschal und monokausal, aber die grundsätzliche Erkenntnis ist richtig, dass wir einen hohen Preis für die Zerstörung der Familie bezahlen.

Weiter das kinderärmste Land Europas!

November 4, 2011 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar 

Vor etwas mehr als einem Jahr veröffentlichte ich meinen Blogeintrag „Deutschland, einer der ärmsten Staaten der Erde – Geburtenzahl sinkt dramatisch: Über das einzige Land der Erde, dass seit 30 Jahren eine Geburtenrate unter 1,4 hat, obwohl 2,08 nötig wären“ (http://www.thomasschirrmacher.info/archives/1547).

Die neuesten Zahlen aus dem Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes in dessen Bericht „Wie leben Kinder in Deutschland“ bestätigen dies, obwohl einige Medien schon die große Wende verkündigen, weil die Geburtenrate ganz leicht angestiegen ist und neuerdings die Geburtenrate in den neuen Bundesländern etwas höher als die in den alten Bundesländern ist. Das ist ja durchaus eine positive Entwicklung, hat sich damit doch die Geburtenrate in den neuen Bundesländern von einem weltweiten historischen Tiefpunkt nach der Wiedervereinigung praktisch verdoppelt. Das ändert aber nichts daran, dass die Zahl der unter 18jährigen in den neuen Bundesländern seit 1990 um 29 % (S. 8) gesunken ist (in den alten Bundesländern um 10%).

Der Anteil der unter 18jährigen in Deutschland liegt bei einmalig niedrigen 16,5 % (= 13,1 Mio.; 2000: 18,8% = 15,2 Mio., S. 7) und ohne die vielen Kinder mit Migrationshintergrund läge die Zahl noch niedriger! Selbst in den Nachbarländern liegt der Prozentsatz überall über 20%. Der Präsident des Statistischen Bundeslandes, Roderich Egeler, sprach deswegen zu recht vom „kinderärmsten Land Europas“. Das Bundesamt berechnet, dass im Jahr 2030 der Anteil auf 15% sinken wird, bis 2060 auf 14%.

Die Finanzkrisen haben unmittelbar einen verheerenden Effekt, der Effekt der Kinderarmut wird demgegenüber zwar schleichend kommen, aber noch schlimmer sein. Denn Kinder kann man nicht schnell irgendwo leihen und auf den Markt ‚schießen‘. Von dem Moment, da man versucht, eine neue Generation von Menschen zu gewinnen, gerne und mehr Kinder zu haben, bis zu dem Moment, an dem diese Kinder in den Arbeitsmarkt eintreten und mit ihrem individuellen Schaffen und Können die Kultur bereichern, vergehen nämlich Jahrzehnte.

Das Statistische Bundesamt sagt: „Kinder sind das Wertvollste einer Gesellschaft“ (Bericht S. 5; auch hier). Was aber tun, wenn das zwar einflusslose Statistiker so sehen, breite Teile der Medien und Politik sich aber in immer neuen familien- und kinderfeindlichen Forderungen überbieten und seit Jahrzehnten schlicht nichts dagegen unternehmen? Wenn das Bundesverfassungsgericht immer wieder neu entscheidet, dass in Deutschland Familien systematisch im großen Stil benachteiligt werden und bisher kein Urteil wirklich umgesetzt wurde?

Gute Berichte zum Kinderbericht des Statistischen Bundesamtes: WELTFocus

Zwangsabtreibung in China

September 16, 2011 by Schirrmacher · 1 Kommentar 

Petra Kolonko hat in ihrem Buch Maos Enkel: Innenansicht aus dem neuen China (München: C. H. Beck, 2009) eine faszinierende Gesamtschau Chinas geliefert, die ihresgleichen sucht. Die vielen positiven Entwicklungen werden genauso verständlich gemacht wie die Ursachen für viele Fehlentwicklungen und sich anbahnende Katastrophen.

Erstaunlich direkt und kritisch spricht sie die Probleme der Ein-Kind-Politik an. Am bekanntesten ist dabei die Selektion zugunsten von Jungen und zuungunsten von Mädchen. Sie schreibt dazu: „Die Ein-Kind-Politik tötet Mädchen. Seit die Ultraschalluntersuchungen überall verbreitet sind und selbst die einfachsten Krankenhäuser auf dem Land oder fahrende Doktoren den Blick auf den Embryo anbieten können, ist das Geschlechterverhältnis empfindlich aus dem Gleichgewicht geraten. Als normal gilt bei Geburten ein Verhältnis von 100 Mädchen zu 110 Jungen. In China waren es im Jahr 2005 an manchen Orten schon 100 zu 118 Jungen und im Jahr 2007 wurden im landesweiten Durchschnitt sogar schon 122 Jungen im Vergleich zu 100 Mädchen geboren. In einigen Orten in der südchinesischen Provinz Guangdong lag der ‚Überschuss‘ der Jungen bei 130 zu 100. Für das unnatürliche Geschlechterverhältnis gibt es nur eine Erklärung: Nach einer Geschlechterbestimmung durch Ultraschalluntersuchung werden weibliche Embryos abgetrieben.“ (S. 119). Weil der prozentuale Überhang der Jungen unübersehbar wurde, so Kolonko, hat die chinesische Regierung erfolglos verboten, das in Arztpraxen und Krakenhäusern das Geschlecht der Ungeborenen bestimmt wird. Im Zweifelsfall ist dem medizinischen Personal ein Gefallen oder Geld lieber. „Überall auf den Dörfern in China kann man Werbung für ‚Ultraschalluntersuchungen‘ sehen. In China dann eine Schwangerschaft abbrechen zu lassen, ist nicht schwierig. Abtreibungen werden in allen Krankenhäusern wie am Fließband vorgenommen, ohne Fragen und Genehmigung. Der Staat ist froh über jede verhinderte außerplanmäßige Geburt.“ (S. 120).

Die Mädchen sind aber noch lange nicht sicher, wenn sie trotz allem zur Welt gekommen sind, wie Kolonko feststellt: „Weiter kommt es auch vor, dass Bauern, die eine Tochter ‚zu viel‘ haben oder die Geburt eines Kindes den Familienplanungsbehörden verheimlichen wollen, neugeborene Mädchen aussetzen. Es gibt keine offiziellen Angaben darüber, wie viele Mädchen jedes Jahr ausgesetzt werden.“ (ebd.) Aber praktisch alle Findelkinder sind Mädchen. „Immer wieder werden auch Fälle von Babyhandel bekannt. Bauersfrauen, die eine ungewollte Tochter geboren haben, geben sie gegen eine Bezahlung zur Adoption frei oder ‚verkaufen‘ sie direkt an Mädchenhändler. Oft sind Krankenhäuser an diesem Kinderhandel beteiligt. All dies ist illegal und wird, wenn es denn bekannt und verfolgt wird, bestraft.“ (ebd.).

Was aber tut die Regierung, um der Selektion der Mädchen entgegenzuwirken? Kolonko schreibt dazu: „Als die chinesische Regierung den Bauern erlaubte, ein zweites Kind zu haben, wenn ihr erstes ein Mädchen war, bestärkte sie die Missachtung der Mädchen, die auf dem Land aus traditionellen und praktischen Erwägungen weiter vorherrscht. Um solcher Kritik entgegenzuwirken, behauptet die chinesische Regierung jetzt, dass ihre Familienplanungskader nicht nur Geburten verhindern, sondern auch Aufklärungsarbeit leisten. Eine Kampagne ‚Schützt unsere Mädchen‘ soll besonders dem Landvolk beibringen, dass auch Mädchen ihren Wert haben.“ (ebd.) Die Kampagne verspricht Bauern beim Verzicht auf eine weitere Geburt nach der Geburt eines Mädchens eine staatliche Rente und eine Einmalprämie. Doch eine unerwartete soziale Entwicklung ist eher für eine Änderung verantwortlich: „Eine erste Änderung in der Einstellung zu den Töchtern hat sich in den letzten Jahren auch ohne staatliche Kampagne dort entwickelt, wo die jungen Leute in die Städte abwandern. Eltern konnten feststellen, dass nicht nur ihre Söhne, sondern auch die Töchter Geld nach Hause schicken, wenn sie als Wanderarbeiterinnen in die Städte gehen.“ (ebd.).

Zu Abtreibungen in China allgemein schreibt Kolonko erstaunlicherweise: „Wenig diskutiert wird eine andere Auswirkung der Ein-Kind-Politik: Abtreibungen sind weitverbreitet und belasten die Frauen psychisch und physisch. Wie viele Abtreibungen jährlich in China ausgeführt werden, ist ein Staatsgeheimnis. Nach einer Schätzung der amerikanischen Organisation Planned Parenthood werden jedes Jahr in China zwischen 500 000 und 700 000 Schwangerschaften abgebrochen. Inoffizielle Umfragen ergeben, dass die meisten älteren Frauen im Durchschnitt zwei bis drei Abtreibungen hinter sich gebracht haben.“ (S. 123). Dabei gilt generell: „Ethische Fragen eines Schwangerschaftsabbruches dürfen nicht aufgeworfen werden.“ (ebd.). Jede Diskussion über den Wert des ungeborenen Lebens wird unterdrückt, da sie leicht in eine Kritik der Ein-Kind-Politik umschlagen könnten.

Moralische und/oder religiöse Kritik aus dem Ausland wird – wie auch sonst – mit dem Hinweis auf die eigene chinesische Kultur zurückgewiesenen. Nur, möchte man die chinesische Regierung fragen: Welche chinesische Besonderheit soll denn hier zum Tragen kommen? Die traditionelle chinesische Sicht der Harmonie des Lebens wird jedenfalls nicht dadurch herausgestellt, dass das Leben eines Mädchen und von ungeborenen Kindern nichts wert ist, ebenso wenig die hohe Stellung der Mehrgenerationenfamilie in der klassischen chinesischen Philosophie.

WikiLeaks und das Grundgesetz

Februar 22, 2011 by Schirrmacher · 3 Kommentare 

Nun muss ich mich doch auch einmal zu ‚WikiLeaks‘ zu Wort melden.

Man denke einmal, jemand würde einen Postboten überfallen, alle Briefe seines Postwagens öffnen und im Web zugänglich machen. Gegenüber dem, was WikiLeaks tut, eine Kleinigkeit. Trotzdem würde der Betreffende die Menschenrechte der Briefschreiber und -empfänger verletzen und könnte deswegen ins Gefängnis kommen.

Wenn es um WikiLeaks geht, lese ich dauernd nur etwas von ‚Pressefreiheit‘. Ja, sie ist ein hohes Gut im Grundgesetz und anderen Verfassungen und unter den Menschenrechten. Aber sollte man dann nicht alle Menschenrechte zitieren?

Das Grundgesetz sagt in Artikel 10 (1): „Das Briefgeheimnis sowie das Post- und Fernmeldegeheimnis sind unverletzlich.“ Jeder Mensch hat aufgrund seiner Menschenwürde einen Anspruch darauf, Dinge privat einem anderen bekannt zu machen, die sonst keiner erfahren soll. Doch wenn WikiLeaks morgen einen Liebesbrief an meine Frau in die Hand bekommt und sich davon Aufmerksamkeit verspricht, werden die Briefe veröffentlicht. Regierungen können ihrer Aufgabe nicht nachkommen, wenn alles, was sie diskutieren, erwägen und austauschen, öffentlich ist. Wie soll man die Mafia jagen, wenn alle Informationen in WikiLeaks eingestellt werden? Wie soll ein Parlament Kompromisse finden, wenn WikiLeaks überall lauert?

Mancher sagt, dass das Briefgeheimnis im Zeitalter des Internet sowieso nicht aufrecht erhalten werden kann. Aber das Briefgeheimnis ebenso wie etwa das „Fernmeldegeheimnis“ war immer schon leicht zu umgehen. Postkarten konnte man schon immer lesen und trotzdem unterlagen auch sie dem Briefgeheimnis.

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Thomas Schirrmacher