ArchivEthik
5. Auflage meiner Ethik ist erschienen
Januar 3, 2012 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar
Die 5. Auflage meiner 8-bändigen Ethik ist bereits 2011 erschienen, leider nur als Nachdruck mit kleineren Korrekturen. Die Übernahme des Vorsitzes der Theologischen Kommission der Weltweiten Evangelischen Allianz hat mein Projekt der Erarbeitung einer stark aktualisierten und teils neuen Ethik hinausgeschoben. Für Besitzer der 3. Auflage und der 4. Auflage lohnt sich der Kauf der 5. Auflage nicht, wesentliche Änderungen gab es zwischen der 3. und der 4. Auflage in vier Lektionen. Ich erlaube mir deswegen, meinen Kommentar zur Veröffentlichung der 4. Auflage aus der Einleitung hier zu wiederholen (http://www.thomasschirrmacher.info/archives/1207):
Auch wenn ich an einer grundsätzlichen Neuausgabe meiner Ethik arbeite, die neue Themen und Literatur und auch einige veränderte exegetische oder theologische Einsichten enthalten wird, dafür auch manches Bisherige auslassen wird, erschien es mir doch gut, aufgrund aktueller Entwicklungen eine Zwischenauflage mit Korrekturen in vier Lektionen zu veröffentlichen. Die vier Lektionen sind so bearbeitet, dass sie grundsätzlich die gleiche Länge haben und sich die Seitenzahlen der unbearbeiteten Lektionen nicht verschieben, so dass die 3. und 4. Auflage im Unterricht problemlos nebeneinander verwendet werden können. Gleiche und ähnliche Abschnitte verschieben sich innerhalb der bearbeiteten Lektionen höchstens um bis zu drei Seiten. Das ist im neuen Kursbuch und neuen Register bereits berücksichtigt. Es handelt sich um folgende Lektionen: 40 „Mann und Frau“ in Band 4; 47 „Homosexualität“ in Band 4; 48 „Erziehung und Vorbild“ in Band 5; 62 „Zur Todesstrafe“ in Band 6.
Thomas Schirrmacher. Ethik
- Band 1: Das Gesetz der Liebe (Gott, Glaube, Ethik)
- Band 2: Das Gesetz der Liebe (Der Bund zwischen Gott und Mensch)
- Band 3: Das Gesetz der Freiheit (Die Differenzierung von Gottes Willen)
- Band 4: Das Gesetz der Freiheit (Das AT im NT, Sexualethik)
- Band 5: Gottes Ordnungen (Erziehung, Wirtschaft, Kirche)
- Band 6: Gottes Ordnungen (Staat, Recht)
- Band 7: Kursbuch
- Band 8: Register
Verlage: VTR, Nürnberg & Reformatorischer Verlag, Hamburg, 5. Auflage, 2011. 2830 S. ISBN: 978-3-933372-55-0 (VTR), 978-3-928936-51-4 (RVB), Paperback. 148,00 Eur [D] UVP / 152,20 Eur [A] UVP / 198,00 CHF UVP
Totgesagte leben länger: Die traditionelle Familie stirbt noch lange nicht aus
November 7, 2011 by Schirrmacher · 1 Kommentar
„Die Traditionelle Familie stirbt aus“ titelte der Spiegel 2007 und in ähnlicher Form bis in die Gegenwart im Einklang mit zahllosen Zeitungen und Medien und das Jahr für Jahr – man gebe diese Überschrift nur einmal bei Google ein. Ja, der Spiegel ist sogar prophetisch begabt und verkündet: „Das Zusammenleben von Vater, Mutter und Kind wird zum Auslaufmodell“.
Doch solche Ankündigungen offenbaren mehr über das, was ihre Autoren gerne hätten, als dass sie Berichterstattung sind. Zu derselben Entwicklung titelt nämlich die WELT treffend: „Ehe mit Kindern bleibt aber wichtigstes Lebensmodell in Deutschland“ (Die Welt vom 23.7.2008).
Denn es ist es richtig, dass der Anteil der Kinder, die in Patchworkfamilien leben oder unverheiratete und alleinerziehende Eltern haben, zunimmt. Derzeit wächst etwa jedes vierte Kind in einer alternativen Lebensform auf, wie die neuesten Zahlen aus dem Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes in dessen Bericht „Wie leben Kinder in Deutschland“ ausweisen.
Aber angesichts des Umstandes, dass seit Jahrzehnten der Untergang der traditionellen Familie verkündet, ja oft sogar gefordert und gefördert wird, erweist sie sich als erstaunlich zählebig. Denn wer hätte gedacht, dass Jahrzehnte später immer noch 75% aller Kinder bei verheirateten Eltern aufwachsen? Und das soll ein Auslaufmodell sein? Bis diese Zahl unter 50% sinkt, also nicht mehr die Mehrheit stellt, dürfte noch viel Zeit vergehen. In den letzten 15 Jahren sank der Anteil insgesamt um 6%. Selbst einmal angenommen, das Tempo hält an, wonach es derzeit nicht aussieht, wären es immerhin noch 60 Jahre bis zu den 50%.
Davon, dass viele derjenigen, die in alternativen Familienmodellen leben, trotzdem die traditionelle Familie als Ideal sehen, einmal gar nicht zu sprechen. Viele alternative Familienformen entstehen ja nicht dadurch, dass jemand sie begeistert propagiert, sondern durch den ungewollten Zusammenbruch von Beziehungen, die man sich einmal anders vorgestellt hat. „Etwas ist schief gegangen: Moderne Familienformen sind meist nicht geplant, sondern das Ergebnis gescheiterter Beziehungen“, titelte der Focus einst (Belege siehe in meinem Buch ‚Der Segen von Ehe und Familie‘, 2006, S. 29-31, 34-37). Und eine Studie des Bundesfamilienministeriums vermeldete: „Nichteheliche Elternschaft als bewußt geplante ‚unbemannte Mutterschaft‘ ist eine Ausnahmeposition.“
Auch in ihrer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedeutung braucht sich die traditionelle Familie nicht zu verstecken. So heißt es etwa treffend: „Der Zerfall der Familie ist denn auch eine Hauptursache für die starke Zunahme der Kinderarmut in Deutschland.“
Der britische Premierminister David Cameron hat vor allem den Zusammenbruch der traditionellen Familie für die Unruhen in britischen Großstädten im August (2011) verantwortlich gemacht. Auffällig viele der Täter seien de iure oder de facto vaterlos aufgewachsen. Die häufige Armut der Kinder alleinerziehender Eltern sei auffällig. Sicher sind solche Aussagen am Ende zu pauschal und monokausal, aber die grundsätzliche Erkenntnis ist richtig, dass wir einen hohen Preis für die Zerstörung der Familie bezahlen.
Weiter das kinderärmste Land Europas!
November 4, 2011 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar
Vor etwas mehr als einem Jahr veröffentlichte ich meinen Blogeintrag „Deutschland, einer der ärmsten Staaten der Erde – Geburtenzahl sinkt dramatisch: Über das einzige Land der Erde, dass seit 30 Jahren eine Geburtenrate unter 1,4 hat, obwohl 2,08 nötig wären“ (http://www.thomasschirrmacher.info/archives/1547).
Die neuesten Zahlen aus dem Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes in dessen Bericht „Wie leben Kinder in Deutschland“ bestätigen dies, obwohl einige Medien schon die große Wende verkündigen, weil die Geburtenrate ganz leicht angestiegen ist und neuerdings die Geburtenrate in den neuen Bundesländern etwas höher als die in den alten Bundesländern ist. Das ist ja durchaus eine positive Entwicklung, hat sich damit doch die Geburtenrate in den neuen Bundesländern von einem weltweiten historischen Tiefpunkt nach der Wiedervereinigung praktisch verdoppelt. Das ändert aber nichts daran, dass die Zahl der unter 18jährigen in den neuen Bundesländern seit 1990 um 29 % (S. 8) gesunken ist (in den alten Bundesländern um 10%).
Der Anteil der unter 18jährigen in Deutschland liegt bei einmalig niedrigen 16,5 % (= 13,1 Mio.; 2000: 18,8% = 15,2 Mio., S. 7) und ohne die vielen Kinder mit Migrationshintergrund läge die Zahl noch niedriger! Selbst in den Nachbarländern liegt der Prozentsatz überall über 20%. Der Präsident des Statistischen Bundeslandes, Roderich Egeler, sprach deswegen zu recht vom „kinderärmsten Land Europas“. Das Bundesamt berechnet, dass im Jahr 2030 der Anteil auf 15% sinken wird, bis 2060 auf 14%.
Die Finanzkrisen haben unmittelbar einen verheerenden Effekt, der Effekt der Kinderarmut wird demgegenüber zwar schleichend kommen, aber noch schlimmer sein. Denn Kinder kann man nicht schnell irgendwo leihen und auf den Markt ‚schießen‘. Von dem Moment, da man versucht, eine neue Generation von Menschen zu gewinnen, gerne und mehr Kinder zu haben, bis zu dem Moment, an dem diese Kinder in den Arbeitsmarkt eintreten und mit ihrem individuellen Schaffen und Können die Kultur bereichern, vergehen nämlich Jahrzehnte.
Das Statistische Bundesamt sagt: „Kinder sind das Wertvollste einer Gesellschaft“ (Bericht S. 5; auch hier). Was aber tun, wenn das zwar einflusslose Statistiker so sehen, breite Teile der Medien und Politik sich aber in immer neuen familien- und kinderfeindlichen Forderungen überbieten und seit Jahrzehnten schlicht nichts dagegen unternehmen? Wenn das Bundesverfassungsgericht immer wieder neu entscheidet, dass in Deutschland Familien systematisch im großen Stil benachteiligt werden und bisher kein Urteil wirklich umgesetzt wurde?
Gute Berichte zum Kinderbericht des Statistischen Bundesamtes: WELT, Focus
Zwangsabtreibung in China
September 16, 2011 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar
Petra Kolonko hat in ihrem Buch Maos Enkel: Innenansicht aus dem neuen China (München: C. H. Beck, 2009) eine faszinierende Gesamtschau Chinas geliefert, die ihresgleichen sucht. Die vielen positiven Entwicklungen werden genauso verständlich gemacht wie die Ursachen für viele Fehlentwicklungen und sich anbahnende Katastrophen.
Erstaunlich direkt und kritisch spricht sie die Probleme der Ein-Kind-Politik an. Am bekanntesten ist dabei die Selektion zugunsten von Jungen und zuungunsten von Mädchen. Sie schreibt dazu: „Die Ein-Kind-Politik tötet Mädchen. Seit die Ultraschalluntersuchungen überall verbreitet sind und selbst die einfachsten Krankenhäuser auf dem Land oder fahrende Doktoren den Blick auf den Embryo anbieten können, ist das Geschlechterverhältnis empfindlich aus dem Gleichgewicht geraten. Als normal gilt bei Geburten ein Verhältnis von 100 Mädchen zu 110 Jungen. In China waren es im Jahr 2005 an manchen Orten schon 100 zu 118 Jungen und im Jahr 2007 wurden im landesweiten Durchschnitt sogar schon 122 Jungen im Vergleich zu 100 Mädchen geboren. In einigen Orten in der südchinesischen Provinz Guangdong lag der ‚Überschuss‘ der Jungen bei 130 zu 100. Für das unnatürliche Geschlechterverhältnis gibt es nur eine Erklärung: Nach einer Geschlechterbestimmung durch Ultraschalluntersuchung werden weibliche Embryos abgetrieben.“ (S. 119). Weil der prozentuale Überhang der Jungen unübersehbar wurde, so Kolonko, hat die chinesische Regierung erfolglos verboten, das in Arztpraxen und Krakenhäusern das Geschlecht der Ungeborenen bestimmt wird. Im Zweifelsfall ist dem medizinischen Personal ein Gefallen oder Geld lieber. „Überall auf den Dörfern in China kann man Werbung für ‚Ultraschalluntersuchungen‘ sehen. In China dann eine Schwangerschaft abbrechen zu lassen, ist nicht schwierig. Abtreibungen werden in allen Krankenhäusern wie am Fließband vorgenommen, ohne Fragen und Genehmigung. Der Staat ist froh über jede verhinderte außerplanmäßige Geburt.“ (S. 120).
Die Mädchen sind aber noch lange nicht sicher, wenn sie trotz allem zur Welt gekommen sind, wie Kolonko feststellt: „Weiter kommt es auch vor, dass Bauern, die eine Tochter ‚zu viel‘ haben oder die Geburt eines Kindes den Familienplanungsbehörden verheimlichen wollen, neugeborene Mädchen aussetzen. Es gibt keine offiziellen Angaben darüber, wie viele Mädchen jedes Jahr ausgesetzt werden.“ (ebd.) Aber praktisch alle Findelkinder sind Mädchen. „Immer wieder werden auch Fälle von Babyhandel bekannt. Bauersfrauen, die eine ungewollte Tochter geboren haben, geben sie gegen eine Bezahlung zur Adoption frei oder ‚verkaufen‘ sie direkt an Mädchenhändler. Oft sind Krankenhäuser an diesem Kinderhandel beteiligt. All dies ist illegal und wird, wenn es denn bekannt und verfolgt wird, bestraft.“ (ebd.).
Was aber tut die Regierung, um der Selektion der Mädchen entgegenzuwirken? Kolonko schreibt dazu: „Als die chinesische Regierung den Bauern erlaubte, ein zweites Kind zu haben, wenn ihr erstes ein Mädchen war, bestärkte sie die Missachtung der Mädchen, die auf dem Land aus traditionellen und praktischen Erwägungen weiter vorherrscht. Um solcher Kritik entgegenzuwirken, behauptet die chinesische Regierung jetzt, dass ihre Familienplanungskader nicht nur Geburten verhindern, sondern auch Aufklärungsarbeit leisten. Eine Kampagne ‚Schützt unsere Mädchen‘ soll besonders dem Landvolk beibringen, dass auch Mädchen ihren Wert haben.“ (ebd.) Die Kampagne verspricht Bauern beim Verzicht auf eine weitere Geburt nach der Geburt eines Mädchens eine staatliche Rente und eine Einmalprämie. Doch eine unerwartete soziale Entwicklung ist eher für eine Änderung verantwortlich: „Eine erste Änderung in der Einstellung zu den Töchtern hat sich in den letzten Jahren auch ohne staatliche Kampagne dort entwickelt, wo die jungen Leute in die Städte abwandern. Eltern konnten feststellen, dass nicht nur ihre Söhne, sondern auch die Töchter Geld nach Hause schicken, wenn sie als Wanderarbeiterinnen in die Städte gehen.“ (ebd.).
Zu Abtreibungen in China allgemein schreibt Kolonko erstaunlicherweise: „Wenig diskutiert wird eine andere Auswirkung der Ein-Kind-Politik: Abtreibungen sind weitverbreitet und belasten die Frauen psychisch und physisch. Wie viele Abtreibungen jährlich in China ausgeführt werden, ist ein Staatsgeheimnis. Nach einer Schätzung der amerikanischen Organisation Planned Parenthood werden jedes Jahr in China zwischen 500 000 und 700 000 Schwangerschaften abgebrochen. Inoffizielle Umfragen ergeben, dass die meisten älteren Frauen im Durchschnitt zwei bis drei Abtreibungen hinter sich gebracht haben.“ (S. 123). Dabei gilt generell: „Ethische Fragen eines Schwangerschaftsabbruches dürfen nicht aufgeworfen werden.“ (ebd.). Jede Diskussion über den Wert des ungeborenen Lebens wird unterdrückt, da sie leicht in eine Kritik der Ein-Kind-Politik umschlagen könnten.
Moralische und/oder religiöse Kritik aus dem Ausland wird – wie auch sonst – mit dem Hinweis auf die eigene chinesische Kultur zurückgewiesenen. Nur, möchte man die chinesische Regierung fragen: Welche chinesische Besonderheit soll denn hier zum Tragen kommen? Die traditionelle chinesische Sicht der Harmonie des Lebens wird jedenfalls nicht dadurch herausgestellt, dass das Leben eines Mädchen und von ungeborenen Kindern nichts wert ist, ebenso wenig die hohe Stellung der Mehrgenerationenfamilie in der klassischen chinesischen Philosophie.
WikiLeaks und das Grundgesetz
Februar 22, 2011 by Schirrmacher · 3 Kommentare
Nun muss ich mich doch auch einmal zu ‚WikiLeaks‘ zu Wort melden.
Man denke einmal, jemand würde einen Postboten überfallen, alle Briefe seines Postwagens öffnen und im Web zugänglich machen. Gegenüber dem, was WikiLeaks tut, eine Kleinigkeit. Trotzdem würde der Betreffende die Menschenrechte der Briefschreiber und -empfänger verletzen und könnte deswegen ins Gefängnis kommen.
Wenn es um WikiLeaks geht, lese ich dauernd nur etwas von ‚Pressefreiheit‘. Ja, sie ist ein hohes Gut im Grundgesetz und anderen Verfassungen und unter den Menschenrechten. Aber sollte man dann nicht alle Menschenrechte zitieren?
Das Grundgesetz sagt in Artikel 10 (1): „Das Briefgeheimnis sowie das Post- und Fernmeldegeheimnis sind unverletzlich.“ Jeder Mensch hat aufgrund seiner Menschenwürde einen Anspruch darauf, Dinge privat einem anderen bekannt zu machen, die sonst keiner erfahren soll. Doch wenn WikiLeaks morgen einen Liebesbrief an meine Frau in die Hand bekommt und sich davon Aufmerksamkeit verspricht, werden die Briefe veröffentlicht. Regierungen können ihrer Aufgabe nicht nachkommen, wenn alles, was sie diskutieren, erwägen und austauschen, öffentlich ist. Wie soll man die Mafia jagen, wenn alle Informationen in WikiLeaks eingestellt werden? Wie soll ein Parlament Kompromisse finden, wenn WikiLeaks überall lauert?
Mancher sagt, dass das Briefgeheimnis im Zeitalter des Internet sowieso nicht aufrecht erhalten werden kann. Aber das Briefgeheimnis ebenso wie etwa das „Fernmeldegeheimnis“ war immer schon leicht zu umgehen. Postkarten konnte man schon immer lesen und trotzdem unterlagen auch sie dem Briefgeheimnis.
Mütterquote oder Frauenquote für Aufsichtsräte?
Februar 10, 2011 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar
Die Berliner Focus-Online-Korrespondentin Martina Fietz hat in „Fietz am Freitag“ einen ausgezeichneten Kommentar „Wenn schon Quote, dann für Mütter“ zur Forderung nach mehr Frauen im Industriemanagement geschrieben, den ich hier unbedingt auszugsweise wiedergeben möchte. Sie erinnert daran, dass Frauen mit Kindern noch viel stärker benachteiligt sind, als Frauen ohne Kinder, und dass manche Frau in Spitzenpositionen dafür auf Kinder verzichtet hat.
„Die Spitzen der Industrie sind noch immer eine Männer-Domäne. Das muss sich ändern. Es reicht aber nicht, pauschal auf Frauenförderung zu setzen. … Doch nur 13 Prozent der Aufsichtsräte in deutschen Dax-Unternehmen sind weiblich, rechnet uns EU-Kommissarin Viviane Reding vor. Europaweit gibt es unter den Vorstandsvorsitzenden großer Unternehmen nur drei Prozent Frauen. …“
„Zur Betrachtung der Wirklichkeit gehört allerdings eine weitere Zahl: Nach der aktuell vorgestellten Shell-Jugendstudie wünschen sich 73 Prozent der jungen Mädchen Kinder. Und spätestens da beginnt noch immer das Problem. Bei der viel diskutierten Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist die Gesellschaft einen gewaltigen Schritt vorangekommen. Den Familienpolitikern der vergangenen Jahrzehnte – Frauen wie Männern – sei Dank. Doch nach wie vor wird die Erziehung des Nachwuchses zu einem wesentlichen Teil von den Frauen bewältigt und mit Teilzeit-Berufstätigkeit kombiniert. Das hemmt den Aufstieg. Denn nach wie vor wird Karriere weitgehend mit Rund-um-die-Uhr-Einsatz gleichgesetzt. …“
„Hier muss ein Umdenken einsetzen. Ebenso wie der lange dominierende Jugendwahn sich als Fehler erwiesen hat, ist die Einsicht veraltet, dass nur uneingeschränkte Präsenz am Arbeitsplatz den aktuellen Anforderungen eines Unternehmens gerecht werden kann. Als meine Kinder zur Welt kamen, waren es zwei Chefs kurz vor dem Renteneintrittsalter, die mir alle Möglichkeiten eröffneten, meine Rolle als Mutter und Journalistin zu kombinieren. Als es bald darauf um die Frage ging, eine Führungsposition zu übernehmen, lautete die Bedingung weitaus jüngerer Vorgesetzter, von morgens bis abends Präsenz im Büro zu zeigen. Das werden viele Frauen – so wie ich damals – auch heute noch nicht wollen. Denn es geht nicht allein darum, Kinderbetreuung von früh bis spät zu organisieren. Das lässt sich machen, gerade in höher qualifizierten Berufen mit entsprechenden Einkommen – sei es mit Hilfe der Kita, sei es durch Unterstützung privater Kräfte. Wer sich aber bewusst für Kinder entscheidet, will diese nicht den ganzen Tag wegorganisieren, sondern sich ihnen widmen und sie aufwachsen sehen können. Was das Land und Europa also brauchen, ist keine reine Frauenquote, sondern eine Mütterquote. Es muss selbstverständlich werden, dass verantwortungsvolle Tätigkeiten mit einem selbst-verantworteten Zeitmanagement einhergehen. Die Erkenntnis muss Platz greifen, dass nicht allein derjenige Bestleistung liefern kann, der permanent vor Ort ist, und dass wichtige Impulse für die Arbeit auch – und vielleicht gerade – dann zu erwarten sind, wenn der Horizont über den eigenen Berufskosmos hinausreicht.“
Lesen sie den vollständigen Beitrag hier.
Hilft Gender Mainstream bei der Stadtplanung?
Juli 12, 2010 by Schirrmacher · 2 Kommentare
Seit längerem liegt ein Buch auf meinem Lesestapel, dass ich von der Stadt Bonn erhielt und für dass ich mich besonders interessierte, da es sehr breit auf die Neugestaltung eines großen Verkehrsplatzes in der Nähe unserer Wohnung eingeht: Gleichstellungsstelle Stadtplanungsamt. Geschlechterperspektiven in der Stadtentwicklung. Bonn: Bundesstadt Bonn, 2007.
Als ich endlich anfing zu lesen, war ich nur neugierig. Die fehlende Gleichberechtigung früherer Zeiten hatte mancherlei Folgen, warum nicht auch im Städtebau. Was aber in dem Heft (und ähnlicher Literatur) als Beispiele angeführt wird, grenzt – man entschuldige die Ausdruckweise – ans Lächerliche.
So heißt es in der Einführung: „Es geht um die Nutzungsqualitäten von Wohnung, unter anderem im Hinblick auf die Ermöglichung von Betreuungsarbeit. Es geht um die Frage nach integrierten, funktionalen Quartieren und Stadtvierteln, in denen Daseinsvorsorge ebenso möglich ist wie wohnortnahe Erwerbsarbeit. Es geht um Verfügungsmacht und Verfügungsmöglichkeiten über öffentliche Räume, um Nutzungs- und Aufenthaltsqualitäten in Quartieren und in der Stadt. Schließlich geht es um den Abbau von Asymmetrien der Mobilitätschancen, um Bewegungsfreiheit, um die Möglichkeit gleichberechtigter Teilnahme am öffentlichen Leben und qualifizierter Erwerbsarbeit.“ (5–6) Ist das mehr als eine Aneinanderreihung von Worthülsen?
Das ganze Heft erweckt den Eindruck, als wäre der gesamte öffentliche Raum bis heute von Männern so konzipiert worden, dass Frauen das Leben möglichst schwer fällt. Und dabei sind es natürlich ‚die Männer‘, als hätte außer ein paar Politikern und vielleicht noch Unternehmer mit Standortentscheidungsmacht irgendein Mann die Macht, die Struktur seiner Umwelt zu bestimmen. Werde ich da als Einzelner nicht wegen meines Geschlechts vom Opfer zum Täter umdefiniert?
Ist Protzarchitektur rein männlich?
Eine enorm ausdifferenzierte und komplizierte Welt wird dabei in fertige Schablonen gepresst, etwa wenn es heißt: „Irene Wiese von Ofen, ehemalige Stadtbaurätin von Essen, hat bereits 1995 mit Blick auf unterschiedliche Planungsansprüche und daraus resultierende Ergebnisse Folgendes formuliert: ‚Ein Städtebau der großen Geste und eine Architektur harter Kontraste und ausgeklügelter Repräsentanz (corporate Identity, Achsen u.ä.) dürfte damit eher als ,männlich‘ zu bezeichnen sein, die der harmloseren Form, der additiven Elemente und der praktischen Gebrauchsfähigkeit eher als ,weiblich‘.‘ Letztere sind, so von Ofen, ‚Lebensquartiere für uns alle gemeinsam‘.“ (6) Hier wird eine jahrtausendealte Architekturgeschichte monokausal erklärt: praktische und nette Gebäude sind weiblich, alle anderen männlich.
Ich fühle mich als einer, der die Protzarchitektur der Gegenwart nicht leiden kann, beleidigt, dass man billig all das nur den Männern zuschreibt. Und ich kann auch nicht erkennen, was unter einer langjährigen Oberbürgermeisterin in Bonn so grundlegend anders geworden ist.
Es gibt Merkels in dieser Welt, die in wohltuender Weise weibliche Führungselemente in eine Welt der Hirsche bringen, die ihre Geweihe vergleichen, aber gibt es nicht auch die Thatchers, die eisernen Ladys? Das gilt für weibliche Architekten/innen genauso! Schon mal das BMW-Haus in Leipzig von Zaha Mohammad Hadid gesehen oder die Bauten von Lina Bo Bardi in Brasilien?
Sodann ist die Frage: Warum klingt das ganze so nach moralischer Wertung? Warum werden im Falle der Männer eher negative klingende Begriffe verwendet, im Falle der Frauen positiv klingende?
Und wenn schon die Feststellung so pauschal stimmen würde: Warum geht es dann nicht darum, einen gerechten Mix aus zweierlei Sichtweisen und Wünschen zu planen, sondern offensichtlich darum, jetzt endlich einmal ausschließlich ‚weiblich‘ zu planen und zu bauen?
Wirklich empirische Belege finden sich für all das nicht. Weil es viel „Unklarheit“ gibt, ja es bei Gender Mainstream oft darum gehe, einen Pudding an die Wand zu nageln (7), schreibt Brigitte A. (7–19) [wobei ich die Nachnamen bewusst abkürze, weil es mir nicht um bestimmte Personen geht]: „Hinzu kommt, dass die Bezüge zwischen Geschlechtergerechtigkeit und Städtebau erst einmal hergestellt werden müssen.“ (7) Das riecht mir mehr nach Verschwörungstheorie und Geldbeschaffung, als nach etwas, was exakte Forschung hervorbringt und was dann konkret unsere Alltagsumwelt lebenswerter macht.
Frauen wünschen Nähe, Männer Weite? Die Romantik lässt grüßen!
In Dessau wird ein Plangebiet „um ein weiteres Wohngebiet erweitert, um kürzere Wege zu ermöglichen (Erhaltung bzw. Sicherung der Nahversorgung).“ (11) Ist der Umstand, dass der Weg zur nächsten Post immer weiter ist, wirklich ein Gender-Problem? Ist der Umstand wirklich dem fehlenden Einfluss von Frauen geschuldet?
Also, die Männer sind schuld, dass das bisher nicht so war? Und jetzt endlich kommen Baumaßnahmen in Dessau, die alles besser machen? Werden hier nicht selbstverständliche Baumaßnahmen mit einem gewaltigen Brimborium behängt, als sei erst Gender Mainstream darauf gekommen?
Und wieso war dann die Nahversorgung mit Tante-Emma-Laden früher, als es Gender Mainstream noch nicht gab, ja leider noch nicht einmal die Gleichberechtigung, trotzdem so viel besser?
Und wieso wird dann berichtet, dass eine NRW-Studie in allen Städten und Gemeinden, wie Nahversorgung nach dem Wunsch der Bevölkerung aussehen sollte, kein eindeutiges Ergebnis brachte (40)? Offensichtlich lassen sich die Millionen von Einwohnern nicht einfach zwei Kategorien – Mann und Frau – zuordnen, sondern einer enorm großen Vielfalt von Wünschen und Idealvorstellungen.
Und wieso kaufen dann bei HUMA (dem Supergroßmarkt außerhalb von Bonn) so viele Frauen (und Männer) mit Auto ein, während die Lebensmittelläden in der Stadt eingehen, weil zu wenig Frauen (und Männer) dort einkaufen?
„Der ruhende Verkehr wurde unter Gesichtspunkten des Gender Mainstream neu gestaltet.“ (12) Welche Gesichtspunkte? Die der Gleichberechtigung? Die der Frauen? Und welche sind das dann? Empirisch erforschte und erfragte? Oder einfach ideologisch behauptete?
Da heißt es dann plump: „Männer fahren Auto, Frauen nutzen den ÖPNV oder gehen zu Fuß.“ (16) Und ich? Ich habe gar kein Auto!
Auch bei Brigitte R. (72–90) ist immer wieder von der nur von Frauen erwünschten „Nähe“ (z. B. 83) die Rede und „kurze Wege“ sind „geschlechtergerechte Planung“ (85).
Die Romantik entwickelte eine lange Liste von typischen Zuordnungen männlicher und weiblicher Eigenschaften. Allen voran stehen da „Weite“, Öffentlichkeit und „außen“ für den Mann und „Nähe“, Haus und Familie und „innen“ für die Frau (s. etwa Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz. Frau – Männin – Menschin: Zwischen Feminismus und Gender. Kevelaer: Butzon & Bercker, 2009. 35). Es ist schon kurios, dass solche mythischen Festschreibungen in der Genderforschung fröhliche Urstände feiern. Ob der Umstand, dass Frauen in vielen älteren Kulturen einen geringeren Bewegungsradius haben als Männer nur kulturell bedingt oder wirklich angeboren ist, ist aber in Wirklichkeit höchst umstritten (s. Doris Bischof-Köhler. Von Natur aus anders: Die Psychologie des Geschlechtsunterschiede. Stuttgart: W. Kohlhammer, 20063. 154).
Der Bertha-von Suttner-Platz – einfach gut erneuert oder gendergerecht?
Von besonderem Interesse war für mich aber nun zu erfahren, welche Rolle Gender Mainstream für den großen Verkehrsplatz ‚Bertha-von-Suttner-Platz‘ spielte (80–81), der 80 m von meinem Haus weg liegt und auf dem und über den sich Teile unseres Familienlebens durch Einkauf, Schnellimbiss und U-Bahn, Straßenbahn und Bus abspielen. Aus meiner Sicht war es eine ganz normale Modernisierung mit dem üblichen langen Vorlauf im Stadtparlament, in ÖPNV-Unternehmen, in den Medien und bei der Finanzierung.
Richtig heißt es im Heft, der Platz lade jetzt zum Verweilen ein (na, vielleicht etwas übertrieben), nachdem man ihn früher nur betrat, um ihn so schnell wie möglich wieder zu verlassen (richtig!), dass die Haltestellen des Verkehrsknotenpunktes nun heller, freundlicher, bequemer und behindertengerechter seien (alles sehr richtig, aber bei einer Platzerneuerung nach 20 Jahren ist das ja auch ohne teure Genderstudien zu erwarten), dass „viele Angsträume“ „verschwunden“ sind (was sind das denn? Und war die Autorin auch mal um 1 Uhr Nachts auf dem neuen Platz?) Der Gehweg ist breiter usw.
Nur, was das alles mit Gender Mainstream zu tun haben soll, wird nicht gesagt. War der unwirtliche Platz vorher männlich und nach Männerwünschen gestaltet? Und wieso halten sich dann jetzt so viele Männer dort auf? Denn irgendein Beleg, dass Männer den Platz früher liebten und heute nicht mehr, fehlt natürlich.
Fakt ist: Der Platz war früher für Männer und Frauen schrecklich und ist heute wesentlich freundlicher gestaltet – zum Hinsetzen und Verweilen lädt er immer noch nicht ein und kann der 50m entfernten Fußgängerzone mit der gemütlichen Außengastronomie immer noch keine Konkurrenz machen, die sich in freundlichen Straßen finden, die in früheren Generationen ja auch wesentlich Männer gestaltet haben!
Was beweisen zwei Badezimmer?
Brigitte R. überbietet alles mit ihrem „Plädoyer für die Überwindung der steingewordenen Geschlechterhierarchie“ (86).
„Bad oder Bäder? Durchaus, auch Sanitärräume können Hierarchien manifestieren. Ein einziges vorhandenes Bad, das zudem klein und eng ist und nur über eine Waschgelegenheit verfügt, erfordert die Verteilung der Nutzungsrechte. Im traditionalistischen Idealfall ist der ‚Familienernährer‘ zuerst dran, da er das Haus oder die Wohnung zuerst verlassen muss. Geht man realistischerweise davon aus, dass Frauen wie Männer einer Erwerbstätigkeit nachgehen oder zumindest eine anstreben (in Bonn beispielsweise liegt der Frauenanteil an den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten bei 49,3%!), gehören Grundrisse für Wohnungen und Häuser, die nicht zwei Bäder oder ein größeres Bad mit zwei Waschgelegenheiten vorsehen, in die Mottenkiste.“ (89–90)
Beruhen solche Aussagen wirklich auf Erforschung der heutigen Realität? Wird hier wirklich Wissenschaft betrieben? Oder werden hier möglicherweise früher einmal vorhandene Realitäten (auch dafür erscheinen sie mir noch reichlich typisiert und verallgemeinert) in den Köpfen fortgeschrieben, um die mit ihnen begründete Ideologie (oder gar nur ihre Finanzierungsquelle) nicht zu verlieren?
Wie reich muss die Autorin sein, dass sie alle Wohnungen ohne zwei Bäder oder zwei Waschgelegenheiten für Familien abschaffen will? Und früher hatten also die armen Familien kleine Badezimmer nicht, weil sie arm waren, sondern weil so die Männer Herren im Haus bleiben wollten?
Ich bezweifele jedenfalls, dass die Gelder, die für solche Beiträge ausgegeben werden, zu irgendeiner sinnvollen Veränderung in irgendwelchen Partnerschaftsbeziehungen führen. Im übrigen: Wenn alles, was einem zur geschlechterhierarchischen Nutzung des Familienbades einfällt, ist, dass man zwei Badezimmer einbaut, beweist man nur, dass man nicht in der modernen Welt der ökologischen Bauweise angekommen ist. Ich gönne jedem, der es sich leisten kann, ein zweites Bad. Aber als ideologisches Muss? Da spare ich mir doch lieber einen Teil meines Geldes für den Einsatz in ärmeren Ländern der Erde, wo viele von sauberen Wasser und nur einem Badezimmer für die Großfamilie träumen.
Das fällt mir am meisten an der Genderforschung auf: Man muss nicht erst wie andere mühsam empirische Beweise erbringen (also etwa bei Kleinkindern erforschen, ob Jungen und Mädchen sich in Sachen Nähe und Ferne unterschiedlich verhalten oder ob sich unterschiedliche Wünsche zur Gestaltung eines Verkehrsplatzes wirklich auf Männer und Frauen verteilen lassen). Solange es nur politisch korrekt klingt, darf man Dinge behaupten, die nicht nur schwer nachweisbar sind, sondern die auch schnell der eigenen Sache entgegenstehen, etwa wenn Genderstudien am Ende keine Gleichberechtigung herbeiführen.
Prof. Klaus S. (50–64) gibt dagegen manch gute Anregung. Ungleiches müsse auch ungleich behandelt werden (58). Gender Mainstream sei Politik für Frauen und Männer (52), so dass alle gehört werden müssten. Ist er aber nicht als einziger Mann unter den Autoren verdächtig, nur in eigener Sache zu sprechen?
Deutschland, einer der ärmsten Staaten der Erde – Geburtenzahl sinkt dramatisch
Juni 7, 2010 by Schirrmacher · 4 Kommentare
Über das einzige Land der Erde, dass seit 30 Jahren eine Geburtenrate unter 1,4 hat, obwohl 2,08 nötig wären.
Deutschland einer der ärmsten Staaten? War Deutschland nicht bis 2008 Exportweltmeister, 2009 knapp hinter China Vizeexportweltmeister? Findet sich in Deutschland nicht ein soziales Netz, das wohl nur noch von den skandinavischen Ländern übertroffen wird? Da soll Deutschland arm sein?
Der Heidelberger Finanz- und Steuerrechtler und ehemalige Richter am Bundesverfassungsgericht Paul Kirchhof schrieb 2006 in ‚Das Gesetz der Hydra‘ (München: Droemer) über „Das Drama der sterbenden Gesellschaft“ (S. 173): „Deutschland ist einer der ärmsten Staaten dieser Erde“ (S. 173, siehe S. 173–175) und machte darauf aufmerksam, dass einer der reichsten Länder der Erde eines der „kinderärmsten“ sei und Kinderarmut langfristig in echte Armut führen werde.
Während das Nachbarland Frankreich eine Geburtenrate von 2,02 aufzuweisen hat, liegt Deutschland für 2009 bei 1,35, einem der niedrigsten Werte weltweit – und dass schließt ja bereits die kinderreichen Familien von Migranten mit deutschem Pass ein. (Die Geburtenrate ist hier Zahl der Geburten pro Frau. Um die Bevölkerungszahl in Deutschland stabil zu halten, wäre eine Geburtenrate von 2,08 nötig. Es gibt auch eine Geburtenrate als Lebendgeburten pro 1000 Einwohner, die Ergebnisse für einen Ländervergleich sind dieselben.)
Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung hat schon lange vorgerechnet, dass schon lange jede Kindergeneration kleiner ist, als die jeweils vorangegangene – gleich welche man miteinander vergleicht, und nennt deswegen „Deutschland – eines der kinderärmsten Länder“ (Sabine Sütterlin. „Deutschland – eines der kinderärmsten Länder“).
Der 56. FDP-Bundesparteitag fasste das am 7.5.2005 so zusammen: „Demografische Veränderungen haben einen langen Vorlauf. Seit Jahren gehen in Deutschland die Kinderzahlen zurück. Seit Anfang der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts ist jede Kindergeneration um ein Drittel kleiner als die ihrer Eltern. Dieser Rückgang ist aus zwei Gründen bisher kaum wahrgenommen worden: Die Lebenserwartung ist in den letzten 30 Jahren um ca. acht Lebensjahre angestiegen, und in Deutschland leben mittlerweile zwölf Millionen Aussiedler, Ausländer und eingebürgerte Migranten und Migrantinnen.“ (parteitag.ftp.de)
Selbst der Spiegel schreibt zu den allerneuesten Zahlen für 2009: „Geburtenzahl in Deutschland sinkt dramatisch“ (spiegel.de).
Das Statistische Bundesamt gibt in „Mikrozensus 2008 – Neue Daten zur Kinderlosigkeit in Deutschland“ an, dass 2008 21% der 40–44jährigen Frauen kinderlos waren – in höherem Alter danach erhöht sich die Rate der Mütter kaum noch. Die zehn Jahre älteren Jahrgänge (1944–1948) waren zu 16% kinderlos, die zwanzig Jahre älteren zu 12%. Für 2008 lag der Anteil der Kinderlosen unter den 40–44jährigen Frauen unter Akademikerinnen noch höher, als der Durchschnitt, nämlich bei 28% (destatis.de).
Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes („Geburten in Deutschland“, 2007) lag die Geburtenrate mit 2,5 Anfang der 1960er Jahre am höchsten, Tiefpunkt war mit weniger als 1,3 die Mitte der 1980er Jahre. Bis 1990 stieg die Geburtenrate auf 1,5, seit 1998 sinkt sie wieder bis auf 1,3 im Jahr 2006. In diesem Jahr hatten sich auch die Geburtenrate in den alten und den neuen Bundesländern einander angeglichen.
Frauen mit Migrationshintergrund (ohne Eingebürgerte) hatten Anfang der 1990er Jahre eine Geburtenrate von 2,0, aber auch hier ist die Rate bereits auf 1,6 gesunken.
Deutschland, so das Statistische Bundesamt, hat zwar nicht die niedrigste Geburtenrate der Welt, da Italien, Griechenland und sieben osteuropäische Länder ein bisschen niedriger liegen, aber Deutschland verfügt doch über eine besorgniserregende Besonderheit, weil es als einziges Land der Erde bereits seit fast 30 Jahren eine Geburtenrate unter 1,4 hat.
Übrigens gilt eine geringere Kinderlosigkeit bei Frauen mit Migrationshintergrund nur, wenn sie selbst, nicht schon ihre Eltern zugewandert sind. Bei den in Deutschland geborenen Frauen mit Migrationshintergrund hat sich die Zahl der kinderlosen Frauen praktisch der der Frauen ohne Migrationshintergrund angepasst!
Damit mich keiner falsch versteht: Jeder Rassismus ist mir fern und dem ‚deutschen‘ Boden dürfte es ziemlich egal sein, welche Menschen auf ihm leben. Und wenn ein Teil der ‚Deutschen‘ eben nicht mehr für eine Zukunft mit Kindern leben will, dann werden eben andere Menschen den Platz ausfüllen.
Aber ich gebe Kirchhof recht: „Wir stehen vor der Frage, ob wir eine im Erwerbsleben stehende oder eine im Kind vitale Gesellschaft sein wollen“ (S. 194). Ersteres funktioniert nur einige Jahre lang, nie aber über längere Zeit. Deswegen gilt: „Familienpolitik ist die beste Wirtschaftspolitik“ (S. 194) und „Familienpolitik ist deswegen kein Gegensatz zur Wirtschaftspolitik, sondern deren Grundlage“ (S. 195).
Gutachten zu gewaltätigen Abtreibungsgegnern jetzt auf Englisch
Januar 12, 2010 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar
Die Weltweite Evangelische Allianz hat jetzt die englische Fassung meines Gutachtens „Gewalt gegen Abtreibungskliniken – ein evangelikales oder konservativ-katholisches Problem?“ (zuletzt hier) offiziell herausgegeben und auf ihre Webseite gestellt: www.worldevangelicals.org
Der aufziehende Kulturkampf 2.0
Dezember 3, 2009 by Schirrmacher · 4 Kommentare

Warum die Manhattan Erklärung recht hat
Eine Stellungnahme für das Institut für Ethik und Werte, Gießen
Prof. Dr. phil. Dr. theol. Thomas Schirrmacher
- Die Originalstellungnahme findet sich hier oder zum Download hier.
- Die deutsche Übersetzung der Manhattan Erklärung des Instituts für Ethik und Werte findet sie hier oder zum Download hier.
Der sogenannte Kulturkampf war eine Auseinandersetzung zwischen der römisch-katholischen Kirche unter Papst Pius IX. und dem Königreich Preußen beziehungsweise dem kaiserlichen Deutschen Reich unter Reichskanzler Otto von Bismarck zwischen 1871 und 1887. Mit Hilfe des Gesetzes sollte der öffentliche Einfluss der Kirche zurückgedrängt werden. Gemeint war die katholische Kirche, die Gesetzgebung traf jedoch alle Kirchen, ja trifft teilweise alle Religionen in Deutschland bis heute, insofern damalige Bestimmungen heute noch greifen.
Am Anfang stand 1871 der berühmte „Kanzelparagraph“, der Pfarrer für politische oder vermeintlich politische Aussagen haftbar machte. Es folgte 1875 die Zivilehe – eine Eheschließung vor religiösen Würdenträgern war fortan streng verboten (außer als Nachfeier). 1875 folgte das „Brotkorbgesetz“, durch das man den Kirchen systematisch indirekte finanzielle Unterstützungen entzog. Schließlich wurden alle kirchlichen Schulen einer rigorosen staatlichen Schulaufsicht unterstellt. Auch in vielen anderen Fragen sollten die Kirchen gezwungen werden, nach den Spielregeln des Staates zu spielen.
Viele der Bestimmungen galten lange oder gelten heute noch. Der Kanzelparagraph wurde erst 1953 aufgehoben. Erst seit 2009 muss einer kirchlichen Ehe keine standesamtliche mehr vorangehen. Dass die religiöse Trauung rechtlich im Gegensatz zu fast allen anderen westlichen Ländern in Deutschland nicht existiert, hat sich bis heute aber nicht geändert.
Bischöfe wanderten ins Gefängnis, der Staat beobachte erstaunt, wie eine schlafende Masse von unpolitischen Christen plötzlich aus Solidarität den Aufstand probte. Nachdem viel unnötiges Porzellan zerschlagen war, gab der Staat schließlich auf. Er hielt sowieso nur bis 1918.
Den christlichen Kirchen wurde im Kulturkampf zwar schwer geschadet. Zugleich aber erlebten sie über weite Strecken auch eine Neubelebung – und am Ende gab der Staat klein bei. Man traf dabei wesentlich stärker die Kirchen, die man gar nicht meinte, vor allem die evangelischen, während das eigentliche Ziel, die internationale Verflechtung der Kirchen zu brechen, völlig scheiterte. Das Klima wurde auf Jahrzehnte vergiftet. Loyale Staatsbürger wurden gezwungen, sich zwischen ihrem Glauben und dem Staat zu entscheiden, ohne dass irgendjemand davon wirklich einen Nutzen hatte.
Ähnliche Kulturkämpfe hat es immer wieder gegeben. Der Nationalsozialismus hatte nichts gegen Kirchen, wenn sie sich stromlinienförmig der Partei anpassten und Soldaten zu guten Soldaten machten. Die DDR wollte sozialistische und kontrollierbare Kirchen. Praktisch alle westlichen Länder haben von Zeit zu Zeit ähnliche Phasen durchgemacht. In den USA findet der Kulturkampf schleichend seit fast 30 Jahren statt, was schließlich zur Manhattan-Erklärung geführt hat.
Natürlich gibt es Unterschiede zwischen damals und heute. Die politische Macht der katholischen Kirche war damals wesentlich größer. Zudem leben wir heute im Westen in bewährten Demokratien.
Um so erstaunlicher ist es, wie viele Kräfte es heute gibt, die in den friedlichen westlichen Gesellschaften gegenüber den friedlichen Kirchen von heute eine Neuauflage „Kulturkampf 2.0“ anstreben und organisieren. Großbritannien ist darin ein Vorreiter. Dort zahlen bereits Bischöfe der Kirche von England – ironischerweise dort immer noch zumindest offiziell die Staatsreligion – horrende Strafen für Predigten zum Thema Sexualität und müssen zwangsweise Antidiskriminierungsseminare besuchen. Alle katholischen Adoptionsstellen wurden geschlossen, weil man gezwungen wurde, auch an gleichgeschlechtliche Paare Kinder zu vermitteln, und immer öfter werden Christen aus dem Staatsdienst entlassen, etwa weil sie ein Kreuz tragen.
Abtreibung, Bioethik, Sexualität, Ehe, Familie, Gender Mainstream – die Liste der Themen wird immer länger, bei denen man die Kirchen zwingen will, so zu denken und handeln, wie die „veröffentlichte“ Meinung (denn die „öffentliche“ Meinung der Bevölkerungsmehrheit hat man dabei nicht immer auf seiner Seite und interessiert sich nicht unbedingt dafür).
Christen sollen nichts mehr für falsch halten dürfen, was andere tun. Sie sollen ihre Ethik ad acta legen, nicht etwa zugunsten keiner Ethik oder einer freien Ethik nach Gutdünken, sondern zugunsten der Ethik derer, die den Kulturkampf führen. Die Kirchen sollen entweder in ihrer Mitte die Ethik anderer praktizieren, oder andernfalls völlig aus dem öffentlichen Leben verdrängt werden.
Deutlich wird das etwa bei der religiösen Kindererziehung. Die Stadt Berlin macht vor, dass es nicht darum geht, den Religionsunterricht abzuschaffen, sondern alle Kinder zwangsweise in den staatlichen Weltanschauungsunterricht namens ‚Ethik’ zu schicken. Im schulischen Leben spielt das vom Grundgesetz und den internationalen Menschenrechtserklärungen garantierte Recht der Eltern, ihre Kinder im Sinne ihrer Religion erziehen zu dürfen, längst keine Rolle mehr. Und der Trend, dass auch Christen wie jedermann gefälligst ihre Kinder in staatlichen oder staatlich finanzierten Krippen abzugeben haben und schnell jeder, der seine Kinder zu Hause betreut, der Asozialität verdächtigt wird, ist ungebrochen.
Sicher, Geschichte wiederholt sich nicht, aber dennoch kann man seine Lehren aus ihr ziehen. Die Parallelen sind verblüffend: Das Mittel der Christenverfolgung und der Religionsbedrückung war damals wie heute in der westlichen Welt das Recht und die Gesetzgebung. Mit immer neuen Stellschrauben des Gesetzes wollte und will der Staat Christen zu etwas zwingen, ohne zu offener Gewalt greifen zu müssen. Gewalt war es allemal, aber weil es staatliche Gewalt war, schien sie legitimiert.
Die Auseinandersetzung ist in Deutschland, in Europa, ja in der ganzen westlichen Welt so überflüssig wie ein Kropf. Es sind nicht die Kirchen in Deutschland oder Europa, die an sozialem Unfrieden schuld sind oder von denen Diskriminierung und Gewalt gegen andere ausgehen.
Die Europäische Union hat gewaltige Aufgaben vor sich. Doch statt Arbeitslosigkeit und Rassismus zu bekämpfen, grast sie die Gesetzgebung ab, wo Kirchen als Religionsgemeinschaft vermeintliche Sonderrechte haben. Religionsfreiheit, nein danke? Kirchliches Selbstbestimmungsrecht nach § 140 des deutschen Grundgesetzes, aber wieso denn? Jede Kirche soll gefälligst wie jede Firma dem unmittelbaren Zugriff des Staates unterliegen. Gewissensnöte Gläubiger? Die werden schon einknicken, wenn der Druck nur stark genug ist.
Die EU, genauer bestimmte politische Kräfte in der EU, wollen die christlichen Kirchen in die Knie zwingen. Nicht etwa den in einigen Teilen mit klarem politischen Machtanspruch auftretenden Islam, nicht die islamistische Minderheit, die unverhohlen Gewalt einsetzt, denen man vielmehr erstaunlich sanftmütig entgegentritt und deren Kritiker man mit millionenschweren Aktionen gegen Islamophobie das Leben schwer macht. Nein, den christlichen Kirchen, die in den Ländern der EU ganz wesentlich den Staat mittragen, die Demokratie stützen, die Zivilgesellschaften bereichern. Den Kirchen, die den Gedanken eines friedlichen Europas und seine Begründer mit hervorgebracht haben – man denke nur an europäischen Urvater Robert Schumann.
Es spielt überhaupt keine Rolle, um welche Themen es im Einzelnen geht. Manch ein Christ, manch eine Kirche, wird sich bei manchem Thema lieber wegducken wollen. Manches Thema wird ihnen lästig sein, bei manchen Themen verstehen sie nicht, warum es anderen Christen so wichtig ist. Aber sie alle werden der Grundsatzfrage auf Dauer nicht aus dem Weg gehen können. Die eine oder andere Kirche, der eine oder andere Theologe mögen länger in der Öffentlichkeit als nicht so eng gelten – am Ende wird es alle treffen.
Ich schreibe das ganz unaufgeregt und undramatisch. Die christlichen Kirchen haben die Feindschaft und den Untergang Roms überlebt, wie den Nationalsozialismus, den Stalinismus und den Maoismus und viele weniger brutale Herausforderungen. Die meisten Christen dieser Welt wünschten sich, sie hätten die Freiheiten, die Christen im Westen haben. Die Welt verändert sich ständig, und damit kommen auch für die Kirchen immer neue unvermutete Herausforderungen. Und der Ausbreitung der Botschaft vom Frieden mit Gott durch Jesus Christus weltweit hat aufs ganze gesehen der Druck von außen nicht geschadet – im Gegenteil, die Kirchen wachsen derzeit unter Druck weltweit am stärksten.
Das ändert aber nichts daran, dass die neue Kraftprobe real ist. Gesellschaftliche Kräfte im Westen missbrauchen den Staat, um die Kirchen in die Knie zu zwingen und ethisch stromlinienförmig an ihre Weltanschauung anzupassen. Der Staat wird zur Beute der Weltanschauung der einen, die dann ihre vermeintlichen Gegner unterdrücken.
Das wird dem Staat viele Triumphe bescheren, zumal die Kirchen völlig friedlich reagieren. Der Gesellschaft aber wird es schwer schaden, gute Bürger in unnötige Zwangslagen bringen, die Demokratie aus dem Takt bringen, da Menschen mundtot gemacht werden sollen. Am Ende wird es aber den christlichen Glauben nur gestärkt haben, die Zustimmung zu ‚denen da oben’ aber abnehmen lassen.
Und auch die Familie, die dabei allzu oft im selben Zusammenhang für tot erklärt und als unmodern hingestellt wird, wird beweisen, dass sie nicht zufällig als Institution seit Jahrtausenden existiert – und nicht zufällig damit viel länger, als die Staaten, in denen wir leben.
Der Staat erzwingt zunehmend den Widerstand von Christen gegen einen Staat, den sie eigentlich befürworten, ja oft lieben. Doch wenn sie denn völlig unnötig vor die Wahl gestellt werden, werden sie zunehmend und immer geschlossener mit Petrus und Johannes sagen: „Man muss Gott mehr gehorchen, als den Menschen.“ Man muss und will als Christ Menschen oft gehorchen. Der Staat ist für ein friedliches Zusammenleben gottgewollt. Aber man muss Gott mehr gehorchen, wenn der Staat einen vor die Wahl stellt. Petrus und Johannes sollten durch Gefängnishaft daran gehindert werden, öffentlich über Jesus zu sprechen. Die Machthaber, die das beschlossen, sind schon lange vergessen. Die Botschaft von Jesus wird dagegen so oft verkündigt, wie noch nie zuvor, oft unter dem erfreulichen Schutz der Religionsfreiheit, noch öfter trotz staatlichem Verbots oder gesellschaftlicher Bedrohung.
Das ganze kann böse enden. Damit meine ich nicht, dass zu befürchten steht, dass Christen gewalttätig werden. Die Kirchen haben viel Übung im gewaltlosen Widerstand – gegen Kindesaussetzung zur Zeit der Römer, gegen Sklaverei im 18. Jahrhundert, gegen Apartheid in Südafrika, gegen die Auflösung der Familie und die Unterdrückung religiöser Kindererziehung in der Sowjetunion. Aber es wird ein Klima geschaffen, in dem zum einen gegen Christen zunehmend medial und justizial gehetzt wird und in dem starke Kräfte von den wirklichen Problemen unserer Gesellschaften abgezogen werden. Der Staat Bismarcks überlebte bis 1918. Die Überlebenschancen unserer Staaten und Demokratien ist mit den Kirchen sicher viel größer als gegen die Kirchen.
Mein Appell geht an die Politiker: Beteiligt euch nicht an dem aufkommenden Kulturkampf 2.0! Wendet euch den wirklichen Problemen zu!
Mein Appell geht an die Richter: Bremst den ausufernden Kulturkampf 2.0 im Rahmen eurer rechtlichen Möglichkeiten durch Augenmaß und friedliche Lösungen.
Mein Appell geht an die Medien: Beteiligt euch nicht an Hetze, die sozialen Unfrieden heraufbeschwört, sondern berichtet versöhnlich, demokratisch und fair über religiöse Fragen und über Minderheiten aller Art. Und lasst die Betroffenen selbst zu Wort kommen, statt sie zu ächten.
Mein Appell geht an die Kirchen, Freikirchen und Gemeinschaften: Setzt euch nüchtern mit den kommenden Entwicklungen auseinander und erhebt eure Stimme. Lasst euch nicht auseinander dividieren, weil ihr in der einen oder anderen ethischen Fragen unterschiedliche Akzente setzt, sondern seht das Gesamtbild. Wer heute schweigt, wird morgen selbst Zielscheibe sein. Mit den Worten von Ulrich Parzany sage ich: „Steht auf, wenn ihr Christen seid!“
Mein Appell an alle ist: Einer friedlichen und demokratischen Gesellschaft zuliebe bitten wir euch, den aufkommenden Kulturkampf 2.0 zu beenden und nicht ständig an rechtlichen Stellschrauben zu drehen, die den Spielraum der Kirchen einengen sollen.
Das westliche Christentum hat sich sowieso in weiten Teilen der westlichen Kultur bis kurz vor die Selbstaufgabe angepasst. Jetzt ist ein Punkt erreicht, wo dies nicht weiter möglich ist, ohne den christlichen Glauben selbst aufzugeben. Wer es trotzdem erzwingen will, tut der Christenheit vielleicht sogar einen Dienst, weil sie sich ganz neu fragen muss, was ihr Glaube an Gott eigentlich im Alltag bedeutet und wie viel er ihnen eigentlich wert ist.
Wie endet die Manhattanerklärung so treffend: „Wir werden ganz und ohne Widerwille dem Kaiser geben, was des Kaisers ist. Doch unter keinen Umständen werden wir dem Kaiser geben, was Gottes ist.“
Das ist keine Drohung – das steht uns Christen nicht an. Es ist einfach eine Feststellung. Und dass wir sie ernst meinen, haben wir in der Geschichte zu Genüge bewiesen.



Prof. Dr. theol. Dr. phil. Thomas Schirrmacher (geb. 1960) ist Sprecher für Menschenrechte und Vorsitzender der Theologischen Kommission der Weltweiten Evangelischen Allianz, die weltweit etwa 600 Mio. evangelische Christen vertritt und Direktor von deren 2006 gegründeten Internationalen Instituts für Religionsfreiheit (Bonn, Kapstadt, Colombo)