ArchivGesellschaft
Frauenquote und Menschenhandel,
April 18, 2013 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar
oder: Die Gleichberechtigung der gut Situierten
Die Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (gemeinsam mit sie unterstützenden Parteifreunden) kann Forderungen und Programme mit ungeheurer Beharrlichkeit und Sturheit so lange vorantreiben, bis ihre Partei ermüdet zumindest zum Teil nachgibt. So jüngst mit der Frauenquote für Aktiengesellschaften geschehen.
Im Falle der Frauenquote geschieht das im Namen der Gleichberechtigung. Ich habe aber das Empfinden, dass hier gut situierte Frauen vor allem an die Gleichberechtigung von gut situierten Frauen denken. Ich wünschte mir, dass die Bundesarbeitsministerin ebenso beharrlich, forsch und fordernd gegen Menschenhandel in Deutschland und der EU vorgehen würde, von der – vor allem in der Zwangsprostitution – überwiegend Frauen betroffen sind. Hier kann man Frauen helfen, deren erzwungene Arbeit überhaupt nicht bezahlt wird. Hier kann man Gleichberechtigung herbeiführen, wo sie massiv verletzt und die Würde von Frauen mit Füßen getreten wird.
Dass das nicht nur an die Adresse der Arbeitsministerin, sondern auch an die Adresse der Frauenquotenpläne der derzeitigen Oppositionsparteien zu sagen ist, ist klar. Aber diese Parteien stellen derzeit nun mal nicht die Arbeitsministerin. Und das Bundesarbeitsministerium hat eine Schlüsselstellung, das Justizministerium und andere Behörden zu notwendigen rechtlichen, ausstattungsmäßigen und ideellen Verbesserungen in Bezug auf Menschenhandel zu drängen.
Nur wenn wir an die schwächsten Frauen zuerst denken, die unterdrückt werden, und ihre Würde wieder her stellen, haben wir auch die moralische Berechtigung, die Gleichberechtigung der oberen Etagen auszubauen.
Totgesagte leben länger: Die traditionelle Familie stirbt noch lange nicht aus
November 7, 2011 by Schirrmacher · 1 Kommentar
„Die Traditionelle Familie stirbt aus“ titelte der Spiegel 2007 und in ähnlicher Form bis in die Gegenwart im Einklang mit zahllosen Zeitungen und Medien und das Jahr für Jahr – man gebe diese Überschrift nur einmal bei Google ein. Ja, der Spiegel ist sogar prophetisch begabt und verkündet: „Das Zusammenleben von Vater, Mutter und Kind wird zum Auslaufmodell“.
Doch solche Ankündigungen offenbaren mehr über das, was ihre Autoren gerne hätten, als dass sie Berichterstattung sind. Zu derselben Entwicklung titelt nämlich die WELT treffend: „Ehe mit Kindern bleibt aber wichtigstes Lebensmodell in Deutschland“ (Die Welt vom 23.7.2008).
Denn es ist es richtig, dass der Anteil der Kinder, die in Patchworkfamilien leben oder unverheiratete und alleinerziehende Eltern haben, zunimmt. Derzeit wächst etwa jedes vierte Kind in einer alternativen Lebensform auf, wie die neuesten Zahlen aus dem Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes in dessen Bericht „Wie leben Kinder in Deutschland“ ausweisen.
Aber angesichts des Umstandes, dass seit Jahrzehnten der Untergang der traditionellen Familie verkündet, ja oft sogar gefordert und gefördert wird, erweist sie sich als erstaunlich zählebig. Denn wer hätte gedacht, dass Jahrzehnte später immer noch 75% aller Kinder bei verheirateten Eltern aufwachsen? Und das soll ein Auslaufmodell sein? Bis diese Zahl unter 50% sinkt, also nicht mehr die Mehrheit stellt, dürfte noch viel Zeit vergehen. In den letzten 15 Jahren sank der Anteil insgesamt um 6%. Selbst einmal angenommen, das Tempo hält an, wonach es derzeit nicht aussieht, wären es immerhin noch 60 Jahre bis zu den 50%.
Davon, dass viele derjenigen, die in alternativen Familienmodellen leben, trotzdem die traditionelle Familie als Ideal sehen, einmal gar nicht zu sprechen. Viele alternative Familienformen entstehen ja nicht dadurch, dass jemand sie begeistert propagiert, sondern durch den ungewollten Zusammenbruch von Beziehungen, die man sich einmal anders vorgestellt hat. „Etwas ist schief gegangen: Moderne Familienformen sind meist nicht geplant, sondern das Ergebnis gescheiterter Beziehungen“, titelte der Focus einst (Belege siehe in meinem Buch ‚Der Segen von Ehe und Familie‘, 2006, S. 29-31, 34-37). Und eine Studie des Bundesfamilienministeriums vermeldete: „Nichteheliche Elternschaft als bewußt geplante ‚unbemannte Mutterschaft‘ ist eine Ausnahmeposition.“
Auch in ihrer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedeutung braucht sich die traditionelle Familie nicht zu verstecken. So heißt es etwa treffend: „Der Zerfall der Familie ist denn auch eine Hauptursache für die starke Zunahme der Kinderarmut in Deutschland.“
Der britische Premierminister David Cameron hat vor allem den Zusammenbruch der traditionellen Familie für die Unruhen in britischen Großstädten im August (2011) verantwortlich gemacht. Auffällig viele der Täter seien de iure oder de facto vaterlos aufgewachsen. Die häufige Armut der Kinder alleinerziehender Eltern sei auffällig. Sicher sind solche Aussagen am Ende zu pauschal und monokausal, aber die grundsätzliche Erkenntnis ist richtig, dass wir einen hohen Preis für die Zerstörung der Familie bezahlen.
Weiter das kinderärmste Land Europas!
November 4, 2011 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar
Vor etwas mehr als einem Jahr veröffentlichte ich meinen Blogeintrag „Deutschland, einer der ärmsten Staaten der Erde – Geburtenzahl sinkt dramatisch: Über das einzige Land der Erde, dass seit 30 Jahren eine Geburtenrate unter 1,4 hat, obwohl 2,08 nötig wären“ (http://www.thomasschirrmacher.info/archives/1547).
Die neuesten Zahlen aus dem Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes in dessen Bericht „Wie leben Kinder in Deutschland“ bestätigen dies, obwohl einige Medien schon die große Wende verkündigen, weil die Geburtenrate ganz leicht angestiegen ist und neuerdings die Geburtenrate in den neuen Bundesländern etwas höher als die in den alten Bundesländern ist. Das ist ja durchaus eine positive Entwicklung, hat sich damit doch die Geburtenrate in den neuen Bundesländern von einem weltweiten historischen Tiefpunkt nach der Wiedervereinigung praktisch verdoppelt. Das ändert aber nichts daran, dass die Zahl der unter 18jährigen in den neuen Bundesländern seit 1990 um 29 % (S. 8) gesunken ist (in den alten Bundesländern um 10%).
Der Anteil der unter 18jährigen in Deutschland liegt bei einmalig niedrigen 16,5 % (= 13,1 Mio.; 2000: 18,8% = 15,2 Mio., S. 7) und ohne die vielen Kinder mit Migrationshintergrund läge die Zahl noch niedriger! Selbst in den Nachbarländern liegt der Prozentsatz überall über 20%. Der Präsident des Statistischen Bundeslandes, Roderich Egeler, sprach deswegen zu recht vom „kinderärmsten Land Europas“. Das Bundesamt berechnet, dass im Jahr 2030 der Anteil auf 15% sinken wird, bis 2060 auf 14%.
Die Finanzkrisen haben unmittelbar einen verheerenden Effekt, der Effekt der Kinderarmut wird demgegenüber zwar schleichend kommen, aber noch schlimmer sein. Denn Kinder kann man nicht schnell irgendwo leihen und auf den Markt ‚schießen‘. Von dem Moment, da man versucht, eine neue Generation von Menschen zu gewinnen, gerne und mehr Kinder zu haben, bis zu dem Moment, an dem diese Kinder in den Arbeitsmarkt eintreten und mit ihrem individuellen Schaffen und Können die Kultur bereichern, vergehen nämlich Jahrzehnte.
Das Statistische Bundesamt sagt: „Kinder sind das Wertvollste einer Gesellschaft“ (Bericht S. 5; auch hier). Was aber tun, wenn das zwar einflusslose Statistiker so sehen, breite Teile der Medien und Politik sich aber in immer neuen familien- und kinderfeindlichen Forderungen überbieten und seit Jahrzehnten schlicht nichts dagegen unternehmen? Wenn das Bundesverfassungsgericht immer wieder neu entscheidet, dass in Deutschland Familien systematisch im großen Stil benachteiligt werden und bisher kein Urteil wirklich umgesetzt wurde?
Gute Berichte zum Kinderbericht des Statistischen Bundesamtes: WELT, Focus
„Alle Menschen sind Sünder“ (4) als Grundlage der Demokratie
September 7, 2011 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar
Im letzten Blog haben wir gesehen, dass die Aussage ‚Alle Menschen sind Sünder‘ eine eminent gesellschaftspolitische und politische Bedeutung hat. Die Aussage, dass alle Menschen Sünder sind, bildet auch eine wichtige Grundlage der Demokratie und ist mit einer der Gründe, warum fast alle ehemals christlichen Länder heute Demokratien sind [siehe meinen Aufsatz „Demokratie und christliche Ethik“. Aus Politik und Zeitgeschichte (Beilage zu Das Parlament) 14/2009 (30.3.2009): 21-26, auch unter http://www1.bpb.de/publikationen/N6VK9L,0,Demokratie_und_christliche_Ethik.html].
Das Christentum ist sehr selbstkritisch angelegt (ob es das in der Realität immer war oder ist, steht auf einem anderen Blatt) und ist sehr misstrauisch, da es davon ausgeht, dass jeder – beginnend bei sich selbst – sich nicht nur gelegentlich den einen oder anderen Schnitzer erlaubt, sondern im ganz normalen Alltag davon geprägt ist, als Egoist sich selbst und anderen zu schaden. Das färbt auch auf das Verständnis der Politik und ihrer Gefahren ab.
1532 schrieb Niccolò Machiavelli mit ‚Der Fürst‘ eine Bedienungsanleitung für machthungrige Herrscher. Entscheidend sei immer der Enderfolg, der Pöbel unterstütze immer den Sieger und ehre im Nachhinein alle Mittel, die ihn dazu geführt hätten.
So richtig es ist, dass der Sieger immer die Geschichte schreibt, so moralisch verwerflich bleibt es, wenn Mächtige nur herrschen, um Macht zu haben und ihrem eigenen Vorteil zu dienen. Der deutsche Amtseid für die Bundesregierung lautet dagegen im Grundgesetz Artikel 56 & 64): „Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden … und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde. So wahr mir Gott helfe.“
Um Machtmissbrauch zu verhindern, wurde 1787 die Gewaltenteilung in der Verfassung der USA, als „checks and balances“ bekannt, verankert, ebenso wie andere Mechanismen, etwa die Beschränkung der Amtszeit des Präsidenten auf höchstens zweimal 4 Jahre. ‚Checks and Balances‘ bezeichnet die gegenseitige Kontrolle (checks) von Verfassungsorganen eines Staates zur Herstellung eines dem Erfolg des Ganzen förderlichen Systems partiellen Gleichgewichtes an Macht (balances), vor allem, um einer Diktatur vorzubeugen. Es geht dabei weniger um eine strikte Trennung der Gewalten, sondern gerade um eine gegenseitige Eingriffsmöglichkeit und Kontrolle, weswegen die Gewaltenverschränkung wesentlich zur Gewaltenteilung gehört.
Die Demokratie hat sehr viel mit der Frage zu tun, wie man potenzielle Diktatoren aus dem Verkehr ziehen kann und wie man schlechte und ihre Macht missbrauchende Politiker und Politikerinnen wieder los werden kann.
Sir Karl Popper hat das 1960 treffend so formuliert:
„Wer soll herrschen? Diese Frage verlangt nach einer autoritären Antwort: etwa ‚die Besten‘ oder ‚die Weisesten‘ oder ‚das Volk‘ oder ‚die Mehrheit‘. … Man sollte eine ganz andere Fragestellung an ihre Stelle setzen, etwa: Was können wir tun, um unsere politischen Institutionen so zu gestalten, daß schlechte oder untüchtige Herrscher (die wir natürlich zu vermeiden suchen, aber trotzdem nur allzu leicht bekommen können) möglichst geringen Schaden anrichten? …“ („Erkenntnis ohne Autorität”. S. 26-39 in: Karl Popper. Lesebuch. Tübingen: Mohr, 2000. S. 32)
In „Freiheit und intellektuelle Verantwortung“ hat Popper das 1989 näher ausgeführt (Karl P. Popper. Alles leben ist Problemlösen. S. 239-254, weitere Beiträge zur Demokratie S. 207-238; guter Auszug „Wer soll herrschen“ unter www.gewaltenteilung.de/popper.htm, eigentlich aus Karl P. Popper. Alle Menschen sind Philosophen. München: Piper, 2002. S. 211-218, siehe auch „Worauf es in der Demokratie ankommt“. S. 219-227). Popper versteht Demokratie dort weniger als ‚Volksherrschaft‘, denn als „Volksgericht“. Demokratie ist kein Weg, die besten Herrscher zu finden und auch keine Garantie für gute Entscheidungen („Eine Mehrheitsdiktatur kann für die Minderheit fürchterlich sein“), sondern die beste Antwort auf die Frage „Wie können wir die Konstitution des Staates so gestalten, daß wir die Regierung ohne Blutvergießen loswerden können?“.
Erstmals, wenn auch nicht ganz so deutlich, hat Popper diese Gedanken 1944 in seiner Kritik an Plato im Abschnitt „Das Prinzip des Führertums“ vorgetragen (Karl R. Popper. Der Zauber Platons. Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Band 1. Bern: Francke, 1957. S. 169-174; erste englische Ausgabe 1944; verfasst 1938-1943). Nicht wer soll herrschen, ist nach Popper die Frage, sondern wie man schlechte Herrscher wieder und friedlich los wird, ist neben der Beschränkung der Macht die Frage, die zur Demokratie führt (ebd. S. 170-173).
„… so erhebt sich die Frage, ob sich das politische Denken nicht von Anfang an mit der Möglichkeit schlechter Regierungen vertraut machen sollte … es zwingt uns die Frage: Wer soll regieren? durch eine neue Frage zu ersetzen: Wie können wir politische Institutionen so organisieren, daß es schlechten und inkompetenten Herrschern unmöglich ist, allzugroßen Schaden anzurichten?“ (S. 170). „Ich neige zu der Ansicht, daß Herrscher sich moralisch oder intellektuell selten über und oft unter dem Durchschnitt befinden. Und ich halte es für ein kluges Prinzip, wenn wir uns, so gut wir es können, auf das Ärgste vorbereiten, obschon wir natürlich zur gleichen Zeit versuchen sollten, das Beste zu erreichen.“ (S. 172)
So wird zum Paradoxon der Demokratie die Frage, was man tun soll, wenn das Volk einen Tyrannen wählen will (S. 173).
Der Gedanke der Demokratie ist also untrennbar mit dem Gedanken verbunden, dass es schlechte Herrschende geben kann, die Böses planen und tun. Historische Erfahrung lehrt, dass Demokratie besser als jede andere Staatsform Tyrannei, Menschenrechtsverletzungen und einen zu großen Machtmissbrauch verhindern kann. Christen gehen immer von der Neigung des Menschen zum Bösen aus und halten es deswegen für weise, dass kein Einzelner eine zu große Machtfülle erlangt.
Die Gewaltenteilung der Demokratie ist ein Folge der christlichen Sicht, dass alle Menschen zum Bösen neigen und deswegen Herrscher und Politiker nicht gelegentlich ihre Macht zum Bösen gebrauchen, sondern die Wahrscheinlichkeit sehr groß, ja fast zwangsläufig ist, wenn es keine Beschränkungen und Kontrollen gibt. Nicht, dass man Christ sein müsste, um Gewaltenteilung zu befürworten (sonst hätte ich sicher nicht Popper angeführt). Aber geschichtlich gesehen ist dies nun einmal der Ursprung und etwa einer der Gründe, warum islamischen Staaten eine demokratische Gewaltenteilung meist fern liegt, auch wenn sie dort prinzipiell natürlich ebenso praktizierbar ist, da der Islam ein sehr optimistisches Menschenbild hat und das Böse nur im Unglauben und Ungläubigen, nicht aber bei sich selbst sieht.
Wäre der Mensch so gut und edel, wie ihn manche zeichnen, brauchten wir keine parlamentarischen Kontrollen, keine Verfassungsgerichte zur Kontrolle der Regierungen, keine Untersuchungsausschüsse und keine kritische Presse.
Noch einmal: Nicht, dass nur Christen Gewaltenteilung begründen oder umsetzen könnten. Aber wer nur an das Gute im Menschen glaubt, braucht eigentlich keine Gewaltenteilung. Die Demokratie ist die Staatsform, die am nüchternsten und selbstverständlichsten mit dem Bösen rechnet und keinem so viel Macht geben will, dass seine Versuchlichkeit und sein böses Planen und Handeln allein viele oder gar alle in den Abgrund ziehen kann.
Die Finanzmärkte zeigen, was geschieht, wenn der Hang zum Bösen nicht nüchtern einkalkuliert und durch Gewaltenteilung und Kontrolle eingedämmt wird. Ein einziger gieriger Vorstand kann heute die Welt an den Rand des Abgrundes bringen. Es ist erstaunlich, wie wenige Menschen trotz all dem Schrecken, den das verursacht, dies mit der Frage nach der Bosheit des Menschen in Verbindung bringen, schon gar nicht mit der eigenen.
„Alle Menschen sind Sünder“ (3) als Grundlage der Bekämpfung gesellschaftlicher und struktureller Übel
September 4, 2011 by Schirrmacher · 2 Kommentare
In meinen beiden letzten Blogs habe ich die Aussage ‚Alle Menschen sind Sünder‘ angesprochen. Diese Aussage, dass alle Menschen ‚Sünder‘ sind, hat auch eine eminent gesellschaftspolitische und politische Bedeutung.
So bedeutet sie etwa, dass wir als Christen gesellschaftliche Probleme aller Art nicht nur als strukturelle Probleme sehen, die man mit Aufklärung, (Um-)erziehung und politischen Programmen allein bekämpfen kann.
Hinter Folter, Rassismus, Hyperkapitalismus, Unterdrückung von Frauen oder sexuellem Kindesmissbrauch – um nur einige Beispiel zu nennen – steht die Realität der Sünde, und so sehr wir die Folgen der Sünde vor Ort bekämpfen mögen, so sehr wir auch das strukturelle Böse gesamtgesellschaftlich und politisch angehen wollen, steht doch dahinter eine unheimliche Gemeinsamkeit, die – wenn in einer Form unterdrückt – an immer neuen Stellen und mit immer neuen Gesichtern an die Öffentlichkeit drängt. Zu viele Menschen nutzen die Möglichkeiten, dass es uns allen besser geht, mutwillig nicht, sondern versuchen allein für sich einen Vorteil herauszuschlagen, auch wenn sie dafür bisweilen so tun müssen, als ginge es ihnen um das Gemeinwohl (siehe Jesus in Lk 22,25: „… ihre Machthaber lassen sich dafür Wohltäter nennen“).
Die Formen des Bösen wie Neid, Gier, Hass oder Schadenfreude zeigen ihre Fratze immer wieder im Kleinen wie im Großen. Ohne einen Blick auf dies Gesamtbild wird jeder, der sich gesellschaftspolitisch einsetzt, unrealistisch in seiner Einschätzung der Möglichkeiten bleiben. Wir müssen nüchtern sehen, dass die Wurzel der großen gesellschaftlichen Übel das Böse, also die Sünde ist – die vieler Einzelner ebenso wie die gesellschaftlicher Strukturen.
Ohne Hass, Neid, Stolz und Lüge kein Rassismus. Ohne Gier, Sucht und Betrug keine Ausbeutung. Ohne Machtgelüste und Unbeherrschtheit kein Missbrauch und keine sexuelle Gewalt.
Es ist, wie Jesus es sagt: Nicht das, was von außen kommt, ist, was uns böse macht, sondern dass, was von innen kommt (Mt 15,18-20; Mk 7,18-23). (Das aus uns heraus kommende Böse wird dann natürlich für die anderen eine Bosheit, die sie von außen trifft. Auch uns trifft das aus anderen herauskommende Böse einzeln oder als strukturelle, gesellschaftlich verfestigte Sünde von außen.) Nicht erst seid Sigmund Freud wissen Menschen, welcher Abgrund sich in ihnen auftun kann.
Zu den Grundaussagen einer Politik auf der Basis eines christlichen Menschenbildes gehört nicht nur, dass alle Menschen von Gott als seine Ebenbilder geschaffen sind, sondern auch, dass jeder auf Versuchungen hereinfallen kann. Es muss immer mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass der Mensch überraschend und plötzlich aus der Höhe in die Tiefe fällt. Vorbildliche Politiker lassen sich plötzlich bestechen, friedliche Mitbürger greifen plötzlich zur Gewalt oder ‚bekehren‘ sich und werden zu religiösen Terroristen.
Christen können nie sagen: ‚Das hätte ich nie für möglich gehalten‘ oder ‚Das hätte mir nie passieren können‘. Doch, alles ist möglich, und gute Politik rechnet damit und baut vor, um das Schlimmste zu verhindern. Auch die Kirche rechnet gut neutestamentlich, dass ihre eigenen Leiter zur Gefahr werden können (z. B. Apg 20,30)! Jeder kann Macht missbrauchen, Priester die Macht über Kinder, Eltern die Macht über ihre süßen Kleinen, der Korruptionsbeauftragte über seine Mitarbeiter.
Es gibt Menschen, die radioaktives Material gegen andere einsetzen wollen. Man muss nicht warten, bis man einen konkreten Anfangsverdacht hat, oder diskutieren, ob dieser oder jener wirklich zuschlagen wird, sondern muss jetzt planen und vorbauen. Denn das Böse, das man denken und planen kann, kann man auch tun. Wohin die Fehleinschätzung führte, Hitler werde schon nicht so böse handeln, wie er sprach und schrieb, kann jeder sehen (vgl. die Einleitung meines Buches ‚Hitlers Kriegsreligion‘).
Fortsetzung folgt …
Integrationsland Deutschland
Juni 19, 2011 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar
Prof. Dr. Dr. Schirrmacher erklärte, wie eine multikulturelle Gesellschaft funktionieren kann
Bericht aus der Frankfurter Neuen Presse – Naussauische Neue Presse vom 1.6.2011
Originalbericht hier.
Von Gundula Stegemann
Ist “multikulti” gescheitert? Ist Deutschland überhaupt multikultifähig? Einen spannenden Vortrag über Entstehung, Chancen und Risiken einer multikulturellen Gesellschaft in Deutschland erlebten die Besucher in der Freien evangelischen Gemeinde (FeG) in der Domäne Blumenrod.

Limburg. Thomas Schirrmacher sprach bei der FeG. Foto: StegemannÜber Jahrzehnte hinweg sei die Problematik der Einwanderung nach Deutschland verdrängt worden. Von Schmidt bis Schröder habe es stets geheißen, Deutschland sei kein Einwanderungsland. Erst unter der Regierung von Angela Merkel habe Wolfgang Schäuble Deutschland erstmals als Einwanderungsland bezeichnet. “Der Christ und Multikulti” hieß das Thema, über das Prof. Dr. Dr. Thomas Schirrmacher, Sprecher für Menschenrechte der Evangelischen Allianz und Direktor des Internationalen Instituts für Religionsfreiheit in Bonn, Kapstadt, Colombo, im Rahmen des FeG-Forums sprach.
Schirrmacher beleuchtete das Thema umfassend aus verschiedenen Blickwinkeln, ohne zu polarisieren. Er skizzierte in einem kurzen Abriss, wie sich die Einwanderung nach Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg gestaltete. So habe der Aufschwung in der Nachkriegszeit dazu geführt, dass die Deutschen in höher qualifizierte, lukrative Berufe strömten, so dass Arbeitsplätze in Bergwerken, Stahlindustrie, Müllabfuhr und dergleichen unbesetzt blieben. Aus diesem Grund seien Gastarbeiter ins Land gerufen worden. Doch im Laufe der Zeit lösten sich ganze Industriezweige und viele Arbeitsplätze in Luft auf. Die Gastarbeiter wurden arbeitslos, ihre Situation wurde schwieriger, aber die meisten gingen nicht zurück in ihre Heimatländer. Viele Jahre verstrichen, ohne dass Politiker die Situation erkannt und gehandelt hätten.
Gastfreundschaft spiele zum Beispiel bei Muslimen eine große Rolle, sagte Schirrmacher. Eine Umfrage habe ergeben, dass der größte Wunsch vieler Muslime nicht mehr Geld oder materielle Güter seien, sondern der, einmal von einer deutschen Familie eingeladen zu werden. Dies brächte vieles in Bewegung. Auch er lade Muslime zu sich ein, sagte Schirrmacher. Ihre Lieblingsthemen seien die gleichen wie die von Christen: ihr Gott und ihre Familie. Sein Rat: „Steigen Sie bei einem Muslimen ins Taxi und fragen Sie ihn“: Dies sei ein guter Einstieg, um ins Gespräch zu kommen. Bei einem deutschen Taxifahrer riet er davon ab; „der setzt Sie sonst am Krankenhaus ab“, sagte er.
Religion und Staat
“Wie unsere Gesellschaft in 50 Jahren aussehen wird, wird nichts mehr entscheiden als die Frage, wie Christentum und Islam sich entwickeln”, sagte Schirrmacher. Derzeit bezeichneten sich mehr als 50 Millionen Menschen in Deutschland als Christen. Man schätze, dass rund sechs Millionen Menschen in Deutschland sich gegenwärtig zum Islam bekennen. Davon neigten etwa fünf Prozent dazu, die Ausbreitung des Islam mit Gewalt zu tolerieren. Schirrmacher sagte, er lege großen Wert auf eine differenzierte Betrachtung: Es gebe verschiedene Spielarten des Islam. Ein zentrales Problem sei, dass christlicher Glaube und Islam sich im Verhältnis der Religion zum Staat unterschieden, der Islam keine wirkliche Trennung kenne und religiöse Angelegenheiten über staatliche stelle.
Wichtig sei, dass die Kinder aus Migrantenfamilien Deutsch lernten. Anhand verschiedener Beispiele zeigte er auf, dass dieser status quo durchaus nicht festgeschrieben ist, sondern – wie alles – einer Entwicklung unterliege. Bei der Bewältigung der Probleme habe Deutschland jedenfalls so gute Karten wie kein anderes Land. „Wenn wir es nicht in den Griff bekommen, haben die anderen gar keine Chance”, sagte er. “Denn wir haben keine Einwanderer, mit denen wir traditionell im Krieg stehen, standen oder die mit uns aus der Kolonialzeit oder sonstigen Gründen noch eine Rechnung offen hätten.“ Außerdem habe Deutschland bereits nach dem Zweiten Weltkrieg bewiesen, dass es Integration bis zur Meisterschaft perfektioniert habe bei der Aufnahme der Vertriebenen und Flüchtlinge. steg
- Vorankündigung: fnp.de.
- Weiterer Bericht: Nassauer Tageblatt, mittelhessen.de.
- Weiterer Bericht: Pro-Medienmagazin.
- Weiterer Bericht: Blog der Atheisten.
- Download: Seite aus ProKompakt.
Mütterquote oder Frauenquote für Aufsichtsräte?
Februar 10, 2011 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar
Die Berliner Focus-Online-Korrespondentin Martina Fietz hat in „Fietz am Freitag“ einen ausgezeichneten Kommentar „Wenn schon Quote, dann für Mütter“ zur Forderung nach mehr Frauen im Industriemanagement geschrieben, den ich hier unbedingt auszugsweise wiedergeben möchte. Sie erinnert daran, dass Frauen mit Kindern noch viel stärker benachteiligt sind, als Frauen ohne Kinder, und dass manche Frau in Spitzenpositionen dafür auf Kinder verzichtet hat.
„Die Spitzen der Industrie sind noch immer eine Männer-Domäne. Das muss sich ändern. Es reicht aber nicht, pauschal auf Frauenförderung zu setzen. … Doch nur 13 Prozent der Aufsichtsräte in deutschen Dax-Unternehmen sind weiblich, rechnet uns EU-Kommissarin Viviane Reding vor. Europaweit gibt es unter den Vorstandsvorsitzenden großer Unternehmen nur drei Prozent Frauen. …“
„Zur Betrachtung der Wirklichkeit gehört allerdings eine weitere Zahl: Nach der aktuell vorgestellten Shell-Jugendstudie wünschen sich 73 Prozent der jungen Mädchen Kinder. Und spätestens da beginnt noch immer das Problem. Bei der viel diskutierten Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist die Gesellschaft einen gewaltigen Schritt vorangekommen. Den Familienpolitikern der vergangenen Jahrzehnte – Frauen wie Männern – sei Dank. Doch nach wie vor wird die Erziehung des Nachwuchses zu einem wesentlichen Teil von den Frauen bewältigt und mit Teilzeit-Berufstätigkeit kombiniert. Das hemmt den Aufstieg. Denn nach wie vor wird Karriere weitgehend mit Rund-um-die-Uhr-Einsatz gleichgesetzt. …“
„Hier muss ein Umdenken einsetzen. Ebenso wie der lange dominierende Jugendwahn sich als Fehler erwiesen hat, ist die Einsicht veraltet, dass nur uneingeschränkte Präsenz am Arbeitsplatz den aktuellen Anforderungen eines Unternehmens gerecht werden kann. Als meine Kinder zur Welt kamen, waren es zwei Chefs kurz vor dem Renteneintrittsalter, die mir alle Möglichkeiten eröffneten, meine Rolle als Mutter und Journalistin zu kombinieren. Als es bald darauf um die Frage ging, eine Führungsposition zu übernehmen, lautete die Bedingung weitaus jüngerer Vorgesetzter, von morgens bis abends Präsenz im Büro zu zeigen. Das werden viele Frauen – so wie ich damals – auch heute noch nicht wollen. Denn es geht nicht allein darum, Kinderbetreuung von früh bis spät zu organisieren. Das lässt sich machen, gerade in höher qualifizierten Berufen mit entsprechenden Einkommen – sei es mit Hilfe der Kita, sei es durch Unterstützung privater Kräfte. Wer sich aber bewusst für Kinder entscheidet, will diese nicht den ganzen Tag wegorganisieren, sondern sich ihnen widmen und sie aufwachsen sehen können. Was das Land und Europa also brauchen, ist keine reine Frauenquote, sondern eine Mütterquote. Es muss selbstverständlich werden, dass verantwortungsvolle Tätigkeiten mit einem selbst-verantworteten Zeitmanagement einhergehen. Die Erkenntnis muss Platz greifen, dass nicht allein derjenige Bestleistung liefern kann, der permanent vor Ort ist, und dass wichtige Impulse für die Arbeit auch – und vielleicht gerade – dann zu erwarten sind, wenn der Horizont über den eigenen Berufskosmos hinausreicht.“
Lesen sie den vollständigen Beitrag hier.
Kultur und Politik der Versöhnung
Oktober 18, 2010 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar
Auch wenn man sicher als Christ zwischen der tatsächlichen geschehenden Versöhnung für glaubende Christen und dem allgemeinen Versöhnungsaufruf an jedermann unterscheiden muss, so prägt doch eine christliche Kultur auch diejenigen in Richtung Versöhnung, die sie selbst nicht glaubend oder religiös in Anspruch nehmen.
Ebenso gilt: Auch wenn man zwischen Kirche und Staat unterscheiden muß und man zwischen der Versöhnung und Vergebung, die die Kirche verkündigt und praktiziert und der Bedeutung der Versöhnung für den Staat, der irdische Gerechtigkeit aufrichten soll, unterscheiden muß, gilt doch: Christliche Kulturen sind von dem Versöhnungs- und Vergebungskonzept auf allen Ebenen der Gesellschaft geprägt (Eltern und Kinder, Arbeitgeber und Arbeitnehmer, Völker untereinander), auch wenn dies oft nur noch säkular vollzogen wird.
Die aufs Ganze gesehen erfolgreiche Versöhnung zwischen Deutschland und Frankreich nach zwei Weltkriegen war zwischen zwei christlichen Völkern möglich, auch wenn sie wirksame Hilfsmittel wie den gigantischen Schüleraustausch der Nachriegsjahre zu Hilfe nahm. (Sie war aber nicht zwingend, wie Nordirland leider lange bewies und Belgien von Tag zu Tag mehr beweist). Es war kein Wunder, dass das Symbol der Versöhnung zwischen Adenauer und De Gaulle ein Gottesdienst in der Kathedrale von Reims am 8.7.1962 war (leider kann ich das Foto hier nicht einstellen, siehe also hier).
Wo dagegen dieser kulturelle Hintergrund fehlt, ist eine Versöhnung viel schwieriger. So ist eine entsprechende grundlegende Versöhnung zwischen Juden und Palästinensern aufgrund der anderen religiösen Hintergründe kaum zu erwarten, so dass wohl bestenfalls ein Waffenstillstand wie zwischen Israel und Ägypten in Aussicht stehen kann.
Hilft Gender Mainstream bei der Stadtplanung?
Juli 12, 2010 by Schirrmacher · 2 Kommentare
Seit längerem liegt ein Buch auf meinem Lesestapel, dass ich von der Stadt Bonn erhielt und für dass ich mich besonders interessierte, da es sehr breit auf die Neugestaltung eines großen Verkehrsplatzes in der Nähe unserer Wohnung eingeht: Gleichstellungsstelle Stadtplanungsamt. Geschlechterperspektiven in der Stadtentwicklung. Bonn: Bundesstadt Bonn, 2007.
Als ich endlich anfing zu lesen, war ich nur neugierig. Die fehlende Gleichberechtigung früherer Zeiten hatte mancherlei Folgen, warum nicht auch im Städtebau. Was aber in dem Heft (und ähnlicher Literatur) als Beispiele angeführt wird, grenzt – man entschuldige die Ausdruckweise – ans Lächerliche.
So heißt es in der Einführung: „Es geht um die Nutzungsqualitäten von Wohnung, unter anderem im Hinblick auf die Ermöglichung von Betreuungsarbeit. Es geht um die Frage nach integrierten, funktionalen Quartieren und Stadtvierteln, in denen Daseinsvorsorge ebenso möglich ist wie wohnortnahe Erwerbsarbeit. Es geht um Verfügungsmacht und Verfügungsmöglichkeiten über öffentliche Räume, um Nutzungs- und Aufenthaltsqualitäten in Quartieren und in der Stadt. Schließlich geht es um den Abbau von Asymmetrien der Mobilitätschancen, um Bewegungsfreiheit, um die Möglichkeit gleichberechtigter Teilnahme am öffentlichen Leben und qualifizierter Erwerbsarbeit.“ (5–6) Ist das mehr als eine Aneinanderreihung von Worthülsen?
Das ganze Heft erweckt den Eindruck, als wäre der gesamte öffentliche Raum bis heute von Männern so konzipiert worden, dass Frauen das Leben möglichst schwer fällt. Und dabei sind es natürlich ‚die Männer‘, als hätte außer ein paar Politikern und vielleicht noch Unternehmer mit Standortentscheidungsmacht irgendein Mann die Macht, die Struktur seiner Umwelt zu bestimmen. Werde ich da als Einzelner nicht wegen meines Geschlechts vom Opfer zum Täter umdefiniert?
Ist Protzarchitektur rein männlich?
Eine enorm ausdifferenzierte und komplizierte Welt wird dabei in fertige Schablonen gepresst, etwa wenn es heißt: „Irene Wiese von Ofen, ehemalige Stadtbaurätin von Essen, hat bereits 1995 mit Blick auf unterschiedliche Planungsansprüche und daraus resultierende Ergebnisse Folgendes formuliert: ‚Ein Städtebau der großen Geste und eine Architektur harter Kontraste und ausgeklügelter Repräsentanz (corporate Identity, Achsen u.ä.) dürfte damit eher als ,männlich‘ zu bezeichnen sein, die der harmloseren Form, der additiven Elemente und der praktischen Gebrauchsfähigkeit eher als ,weiblich‘.‘ Letztere sind, so von Ofen, ‚Lebensquartiere für uns alle gemeinsam‘.“ (6) Hier wird eine jahrtausendealte Architekturgeschichte monokausal erklärt: praktische und nette Gebäude sind weiblich, alle anderen männlich.
Ich fühle mich als einer, der die Protzarchitektur der Gegenwart nicht leiden kann, beleidigt, dass man billig all das nur den Männern zuschreibt. Und ich kann auch nicht erkennen, was unter einer langjährigen Oberbürgermeisterin in Bonn so grundlegend anders geworden ist.
Es gibt Merkels in dieser Welt, die in wohltuender Weise weibliche Führungselemente in eine Welt der Hirsche bringen, die ihre Geweihe vergleichen, aber gibt es nicht auch die Thatchers, die eisernen Ladys? Das gilt für weibliche Architekten/innen genauso! Schon mal das BMW-Haus in Leipzig von Zaha Mohammad Hadid gesehen oder die Bauten von Lina Bo Bardi in Brasilien?
Sodann ist die Frage: Warum klingt das ganze so nach moralischer Wertung? Warum werden im Falle der Männer eher negative klingende Begriffe verwendet, im Falle der Frauen positiv klingende?
Und wenn schon die Feststellung so pauschal stimmen würde: Warum geht es dann nicht darum, einen gerechten Mix aus zweierlei Sichtweisen und Wünschen zu planen, sondern offensichtlich darum, jetzt endlich einmal ausschließlich ‚weiblich‘ zu planen und zu bauen?
Wirklich empirische Belege finden sich für all das nicht. Weil es viel „Unklarheit“ gibt, ja es bei Gender Mainstream oft darum gehe, einen Pudding an die Wand zu nageln (7), schreibt Brigitte A. (7–19) [wobei ich die Nachnamen bewusst abkürze, weil es mir nicht um bestimmte Personen geht]: „Hinzu kommt, dass die Bezüge zwischen Geschlechtergerechtigkeit und Städtebau erst einmal hergestellt werden müssen.“ (7) Das riecht mir mehr nach Verschwörungstheorie und Geldbeschaffung, als nach etwas, was exakte Forschung hervorbringt und was dann konkret unsere Alltagsumwelt lebenswerter macht.
Frauen wünschen Nähe, Männer Weite? Die Romantik lässt grüßen!
In Dessau wird ein Plangebiet „um ein weiteres Wohngebiet erweitert, um kürzere Wege zu ermöglichen (Erhaltung bzw. Sicherung der Nahversorgung).“ (11) Ist der Umstand, dass der Weg zur nächsten Post immer weiter ist, wirklich ein Gender-Problem? Ist der Umstand wirklich dem fehlenden Einfluss von Frauen geschuldet?
Also, die Männer sind schuld, dass das bisher nicht so war? Und jetzt endlich kommen Baumaßnahmen in Dessau, die alles besser machen? Werden hier nicht selbstverständliche Baumaßnahmen mit einem gewaltigen Brimborium behängt, als sei erst Gender Mainstream darauf gekommen?
Und wieso war dann die Nahversorgung mit Tante-Emma-Laden früher, als es Gender Mainstream noch nicht gab, ja leider noch nicht einmal die Gleichberechtigung, trotzdem so viel besser?
Und wieso wird dann berichtet, dass eine NRW-Studie in allen Städten und Gemeinden, wie Nahversorgung nach dem Wunsch der Bevölkerung aussehen sollte, kein eindeutiges Ergebnis brachte (40)? Offensichtlich lassen sich die Millionen von Einwohnern nicht einfach zwei Kategorien – Mann und Frau – zuordnen, sondern einer enorm großen Vielfalt von Wünschen und Idealvorstellungen.
Und wieso kaufen dann bei HUMA (dem Supergroßmarkt außerhalb von Bonn) so viele Frauen (und Männer) mit Auto ein, während die Lebensmittelläden in der Stadt eingehen, weil zu wenig Frauen (und Männer) dort einkaufen?
„Der ruhende Verkehr wurde unter Gesichtspunkten des Gender Mainstream neu gestaltet.“ (12) Welche Gesichtspunkte? Die der Gleichberechtigung? Die der Frauen? Und welche sind das dann? Empirisch erforschte und erfragte? Oder einfach ideologisch behauptete?
Da heißt es dann plump: „Männer fahren Auto, Frauen nutzen den ÖPNV oder gehen zu Fuß.“ (16) Und ich? Ich habe gar kein Auto!
Auch bei Brigitte R. (72–90) ist immer wieder von der nur von Frauen erwünschten „Nähe“ (z. B. 83) die Rede und „kurze Wege“ sind „geschlechtergerechte Planung“ (85).
Die Romantik entwickelte eine lange Liste von typischen Zuordnungen männlicher und weiblicher Eigenschaften. Allen voran stehen da „Weite“, Öffentlichkeit und „außen“ für den Mann und „Nähe“, Haus und Familie und „innen“ für die Frau (s. etwa Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz. Frau – Männin – Menschin: Zwischen Feminismus und Gender. Kevelaer: Butzon & Bercker, 2009. 35). Es ist schon kurios, dass solche mythischen Festschreibungen in der Genderforschung fröhliche Urstände feiern. Ob der Umstand, dass Frauen in vielen älteren Kulturen einen geringeren Bewegungsradius haben als Männer nur kulturell bedingt oder wirklich angeboren ist, ist aber in Wirklichkeit höchst umstritten (s. Doris Bischof-Köhler. Von Natur aus anders: Die Psychologie des Geschlechtsunterschiede. Stuttgart: W. Kohlhammer, 20063. 154).
Der Bertha-von Suttner-Platz – einfach gut erneuert oder gendergerecht?
Von besonderem Interesse war für mich aber nun zu erfahren, welche Rolle Gender Mainstream für den großen Verkehrsplatz ‚Bertha-von-Suttner-Platz‘ spielte (80–81), der 80 m von meinem Haus weg liegt und auf dem und über den sich Teile unseres Familienlebens durch Einkauf, Schnellimbiss und U-Bahn, Straßenbahn und Bus abspielen. Aus meiner Sicht war es eine ganz normale Modernisierung mit dem üblichen langen Vorlauf im Stadtparlament, in ÖPNV-Unternehmen, in den Medien und bei der Finanzierung.
Richtig heißt es im Heft, der Platz lade jetzt zum Verweilen ein (na, vielleicht etwas übertrieben), nachdem man ihn früher nur betrat, um ihn so schnell wie möglich wieder zu verlassen (richtig!), dass die Haltestellen des Verkehrsknotenpunktes nun heller, freundlicher, bequemer und behindertengerechter seien (alles sehr richtig, aber bei einer Platzerneuerung nach 20 Jahren ist das ja auch ohne teure Genderstudien zu erwarten), dass „viele Angsträume“ „verschwunden“ sind (was sind das denn? Und war die Autorin auch mal um 1 Uhr Nachts auf dem neuen Platz?) Der Gehweg ist breiter usw.
Nur, was das alles mit Gender Mainstream zu tun haben soll, wird nicht gesagt. War der unwirtliche Platz vorher männlich und nach Männerwünschen gestaltet? Und wieso halten sich dann jetzt so viele Männer dort auf? Denn irgendein Beleg, dass Männer den Platz früher liebten und heute nicht mehr, fehlt natürlich.
Fakt ist: Der Platz war früher für Männer und Frauen schrecklich und ist heute wesentlich freundlicher gestaltet – zum Hinsetzen und Verweilen lädt er immer noch nicht ein und kann der 50m entfernten Fußgängerzone mit der gemütlichen Außengastronomie immer noch keine Konkurrenz machen, die sich in freundlichen Straßen finden, die in früheren Generationen ja auch wesentlich Männer gestaltet haben!
Was beweisen zwei Badezimmer?
Brigitte R. überbietet alles mit ihrem „Plädoyer für die Überwindung der steingewordenen Geschlechterhierarchie“ (86).
„Bad oder Bäder? Durchaus, auch Sanitärräume können Hierarchien manifestieren. Ein einziges vorhandenes Bad, das zudem klein und eng ist und nur über eine Waschgelegenheit verfügt, erfordert die Verteilung der Nutzungsrechte. Im traditionalistischen Idealfall ist der ‚Familienernährer‘ zuerst dran, da er das Haus oder die Wohnung zuerst verlassen muss. Geht man realistischerweise davon aus, dass Frauen wie Männer einer Erwerbstätigkeit nachgehen oder zumindest eine anstreben (in Bonn beispielsweise liegt der Frauenanteil an den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten bei 49,3%!), gehören Grundrisse für Wohnungen und Häuser, die nicht zwei Bäder oder ein größeres Bad mit zwei Waschgelegenheiten vorsehen, in die Mottenkiste.“ (89–90)
Beruhen solche Aussagen wirklich auf Erforschung der heutigen Realität? Wird hier wirklich Wissenschaft betrieben? Oder werden hier möglicherweise früher einmal vorhandene Realitäten (auch dafür erscheinen sie mir noch reichlich typisiert und verallgemeinert) in den Köpfen fortgeschrieben, um die mit ihnen begründete Ideologie (oder gar nur ihre Finanzierungsquelle) nicht zu verlieren?
Wie reich muss die Autorin sein, dass sie alle Wohnungen ohne zwei Bäder oder zwei Waschgelegenheiten für Familien abschaffen will? Und früher hatten also die armen Familien kleine Badezimmer nicht, weil sie arm waren, sondern weil so die Männer Herren im Haus bleiben wollten?
Ich bezweifele jedenfalls, dass die Gelder, die für solche Beiträge ausgegeben werden, zu irgendeiner sinnvollen Veränderung in irgendwelchen Partnerschaftsbeziehungen führen. Im übrigen: Wenn alles, was einem zur geschlechterhierarchischen Nutzung des Familienbades einfällt, ist, dass man zwei Badezimmer einbaut, beweist man nur, dass man nicht in der modernen Welt der ökologischen Bauweise angekommen ist. Ich gönne jedem, der es sich leisten kann, ein zweites Bad. Aber als ideologisches Muss? Da spare ich mir doch lieber einen Teil meines Geldes für den Einsatz in ärmeren Ländern der Erde, wo viele von sauberen Wasser und nur einem Badezimmer für die Großfamilie träumen.
Das fällt mir am meisten an der Genderforschung auf: Man muss nicht erst wie andere mühsam empirische Beweise erbringen (also etwa bei Kleinkindern erforschen, ob Jungen und Mädchen sich in Sachen Nähe und Ferne unterschiedlich verhalten oder ob sich unterschiedliche Wünsche zur Gestaltung eines Verkehrsplatzes wirklich auf Männer und Frauen verteilen lassen). Solange es nur politisch korrekt klingt, darf man Dinge behaupten, die nicht nur schwer nachweisbar sind, sondern die auch schnell der eigenen Sache entgegenstehen, etwa wenn Genderstudien am Ende keine Gleichberechtigung herbeiführen.
Prof. Klaus S. (50–64) gibt dagegen manch gute Anregung. Ungleiches müsse auch ungleich behandelt werden (58). Gender Mainstream sei Politik für Frauen und Männer (52), so dass alle gehört werden müssten. Ist er aber nicht als einziger Mann unter den Autoren verdächtig, nur in eigener Sache zu sprechen?
Deutschland, einer der ärmsten Staaten der Erde – Geburtenzahl sinkt dramatisch
Juni 7, 2010 by Schirrmacher · 4 Kommentare
Über das einzige Land der Erde, dass seit 30 Jahren eine Geburtenrate unter 1,4 hat, obwohl 2,08 nötig wären.
Deutschland einer der ärmsten Staaten? War Deutschland nicht bis 2008 Exportweltmeister, 2009 knapp hinter China Vizeexportweltmeister? Findet sich in Deutschland nicht ein soziales Netz, das wohl nur noch von den skandinavischen Ländern übertroffen wird? Da soll Deutschland arm sein?
Der Heidelberger Finanz- und Steuerrechtler und ehemalige Richter am Bundesverfassungsgericht Paul Kirchhof schrieb 2006 in ‚Das Gesetz der Hydra‘ (München: Droemer) über „Das Drama der sterbenden Gesellschaft“ (S. 173): „Deutschland ist einer der ärmsten Staaten dieser Erde“ (S. 173, siehe S. 173–175) und machte darauf aufmerksam, dass einer der reichsten Länder der Erde eines der „kinderärmsten“ sei und Kinderarmut langfristig in echte Armut führen werde.
Während das Nachbarland Frankreich eine Geburtenrate von 2,02 aufzuweisen hat, liegt Deutschland für 2009 bei 1,35, einem der niedrigsten Werte weltweit – und dass schließt ja bereits die kinderreichen Familien von Migranten mit deutschem Pass ein. (Die Geburtenrate ist hier Zahl der Geburten pro Frau. Um die Bevölkerungszahl in Deutschland stabil zu halten, wäre eine Geburtenrate von 2,08 nötig. Es gibt auch eine Geburtenrate als Lebendgeburten pro 1000 Einwohner, die Ergebnisse für einen Ländervergleich sind dieselben.)
Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung hat schon lange vorgerechnet, dass schon lange jede Kindergeneration kleiner ist, als die jeweils vorangegangene – gleich welche man miteinander vergleicht, und nennt deswegen „Deutschland – eines der kinderärmsten Länder“ (Sabine Sütterlin. „Deutschland – eines der kinderärmsten Länder“).
Der 56. FDP-Bundesparteitag fasste das am 7.5.2005 so zusammen: „Demografische Veränderungen haben einen langen Vorlauf. Seit Jahren gehen in Deutschland die Kinderzahlen zurück. Seit Anfang der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts ist jede Kindergeneration um ein Drittel kleiner als die ihrer Eltern. Dieser Rückgang ist aus zwei Gründen bisher kaum wahrgenommen worden: Die Lebenserwartung ist in den letzten 30 Jahren um ca. acht Lebensjahre angestiegen, und in Deutschland leben mittlerweile zwölf Millionen Aussiedler, Ausländer und eingebürgerte Migranten und Migrantinnen.“ (parteitag.ftp.de)
Selbst der Spiegel schreibt zu den allerneuesten Zahlen für 2009: „Geburtenzahl in Deutschland sinkt dramatisch“ (spiegel.de).
Das Statistische Bundesamt gibt in „Mikrozensus 2008 – Neue Daten zur Kinderlosigkeit in Deutschland“ an, dass 2008 21% der 40–44jährigen Frauen kinderlos waren – in höherem Alter danach erhöht sich die Rate der Mütter kaum noch. Die zehn Jahre älteren Jahrgänge (1944–1948) waren zu 16% kinderlos, die zwanzig Jahre älteren zu 12%. Für 2008 lag der Anteil der Kinderlosen unter den 40–44jährigen Frauen unter Akademikerinnen noch höher, als der Durchschnitt, nämlich bei 28% (destatis.de).
Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes („Geburten in Deutschland“, 2007) lag die Geburtenrate mit 2,5 Anfang der 1960er Jahre am höchsten, Tiefpunkt war mit weniger als 1,3 die Mitte der 1980er Jahre. Bis 1990 stieg die Geburtenrate auf 1,5, seit 1998 sinkt sie wieder bis auf 1,3 im Jahr 2006. In diesem Jahr hatten sich auch die Geburtenrate in den alten und den neuen Bundesländern einander angeglichen.
Frauen mit Migrationshintergrund (ohne Eingebürgerte) hatten Anfang der 1990er Jahre eine Geburtenrate von 2,0, aber auch hier ist die Rate bereits auf 1,6 gesunken.
Deutschland, so das Statistische Bundesamt, hat zwar nicht die niedrigste Geburtenrate der Welt, da Italien, Griechenland und sieben osteuropäische Länder ein bisschen niedriger liegen, aber Deutschland verfügt doch über eine besorgniserregende Besonderheit, weil es als einziges Land der Erde bereits seit fast 30 Jahren eine Geburtenrate unter 1,4 hat.
Übrigens gilt eine geringere Kinderlosigkeit bei Frauen mit Migrationshintergrund nur, wenn sie selbst, nicht schon ihre Eltern zugewandert sind. Bei den in Deutschland geborenen Frauen mit Migrationshintergrund hat sich die Zahl der kinderlosen Frauen praktisch der der Frauen ohne Migrationshintergrund angepasst!
Damit mich keiner falsch versteht: Jeder Rassismus ist mir fern und dem ‚deutschen‘ Boden dürfte es ziemlich egal sein, welche Menschen auf ihm leben. Und wenn ein Teil der ‚Deutschen‘ eben nicht mehr für eine Zukunft mit Kindern leben will, dann werden eben andere Menschen den Platz ausfüllen.
Aber ich gebe Kirchhof recht: „Wir stehen vor der Frage, ob wir eine im Erwerbsleben stehende oder eine im Kind vitale Gesellschaft sein wollen“ (S. 194). Ersteres funktioniert nur einige Jahre lang, nie aber über längere Zeit. Deswegen gilt: „Familienpolitik ist die beste Wirtschaftspolitik“ (S. 194) und „Familienpolitik ist deswegen kein Gegensatz zur Wirtschaftspolitik, sondern deren Grundlage“ (S. 195).


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Prof. Dr. theol. Dr. phil. Thomas Schirrmacher (geb. 1960) ist Sprecher für Menschenrechte und Vorsitzender der Theologischen Kommission der Weltweiten Evangelischen Allianz, die weltweit etwa 600 Mio. evangelische Christen vertritt und Direktor von deren 2006 gegründeten Internationalen Instituts für Religionsfreiheit (Bonn, Kapstadt, Colombo)