Thomas Schirrmacher
ArchivTheologie

Dürfen Christen sich für verfolgte Christen einsetzen?

Oktober 24, 2011 by Schirrmacher · 1 Kommentar 

Immer wieder wird bemängelt, dass sich Christen für diskriminierte und verfolgte Christen einsetzen. Ja, Christen tun das, aber sie setzen sich zugleich auch für die Religionsfreiheit anderer ein. Aber warum kritisiert man denn nicht die Religionen, die sich wirklich nur für sich selbst einsetzen?

Nehmen wir das Beispiel der Organisation der Islamischen Konferenz (Organisation of Islamic Conference, OIC). Die Statuten erklären klar, dass sich diese 59 Staaten nur für die Belange verfolgter muslimischer Minderheiten einsetzen und es ist nicht bekannt, dass sie jemals davon abgewichen wären. (Dass sie sich dabei sogar nur für muslimische Minderheiten in nichtmuslimischen Ländern einsetzen, nie in islamischen Ländern, ist dann doppelt bitter.)

Dass sich kleine Religionen wie die Bahai vor allem für sich selbst einsetzen, ist nachvollziehbar, reichen die Ressourcen meist noch nicht einmal, dass eigene Schicksal wirklich bekannt zu machen. Aber gerade die Bahai betonen ständig, dass Religionsfreiheit für alle gilt und unterstützen übergreifende Initiativen für die Religionsfreiheit aller regelmäßig, national wie international.

Auf die Schnelle kann ich nicht erkennen, dass es über den christlichen und säkularen Einsatz für die Bahai (und über die wenigen jüdischen Ansätze in Israel) hinaus irgendeinen nennenswerten Einsatz für die Bahai von buddhistischer, hinduistischer, geschweige denn islamischer Seite gäbe.

Ansonsten sind es doch praktisch nur säkulare bzw. weltanschauungsneutrale und christliche Organisationen, die sich gegen die Verfolgung jedweder religiöser Gruppen einsetzen.

Bei der Anhörung im Menschenrechtsausschuss im Bundestag zum Thema ‚Religionsfreiheit in Europa‘ im Herbst 2010 sprach der muslimische Experte praktisch nur für Muslime und Migranten, die Vertreterin der Humanistischen Union beklagte eigentlich nur die Lage der Atheisten in Deutschland. Für alle sprachen die beiden Juristen sowie der katholische und ich als der evangelische Experte. Ich benannte auch klar Beispiele, wo ‚christliche‘ Staaten wie Griechenland mit Unterstützung von Kirchen anderen wenig Religionsfreiheit gewähren.

Ähnlich erlebe ich es bei Dialogtreffen. Humanisten beklagen ihr Schicksal, Muslime ihres, während manche Christen nur von anderen sprechen, die meisten von anderen, als von ihren eigenen Leuten, und selbst die, die vor allem zugunsten von Christen sprechen, erwähnen dauernd andere Beispiele von Religionsfreiheit und betonen, dass Religionsfreiheit für alle gilt.

Menschenrechtsorganisationen, die sich auffällig häufig gegen Diskriminierung und Unterdrückung von christlichen Minderheiten wenden, wie die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte oder die Gesellschaft für bedrohte Völker, sind dieselben, die am häufigsten auf das Schicksal anderer religiöser Minderheiten hinweisen. Bei ihnen sitzen Christen und Anhänger anderer Religionen in Vorstand und Leitung – im Kampf für Religionsfreiheit vereint.

In der Bundestagsdebatte zum Thema Religionsfreiheit/Christenverfolgung am 17.12.2010 stellte denn auch Sibylle Pfeiffer die Frage: Wenn sich Christen nicht mehr für Christen einsetzen sollen, wird sich vermutlich niemand mehr für die verfolgten Christen einsetzen (S. 9185).

Thomas Schmid, der Chefredakteur der Welt, titelt dazu aus Anlass der wenigen Reaktionen auf die in die Luft gesprengte Kirche in Alexandria: „Wir achten unsere eigenen Traditionen nicht“ (http://www.welt.de/debatte/article11805258/Wir-achten-unsere-eigenen-Traditionen-nicht.html).

Arabellion – die Chance auf Religionsfreiheit

Oktober 13, 2011 by Schirrmacher · 2 Kommentare 

Macht die arabische Welt zu einer freien und geliebten Heimat für Millionen von Christen

Hier vorab mein Vorwort für das in Kürze erscheinende Jahrbuch „Märtyrer 2011“:

In den meisten arabischsprachigen Ländern ist ein erfreulicher Prozess in Gang gekommen, der oft kurz „Arabellion“ genannt wird. Die Zivilgesellschaft steht gegen Diktaturen und fehlende Rechtsstaatlichkeit auf und Bürger fordern Freiheit, Gleichheit und demokratische Strukturen. Dabei kommt es auch zu einer erfreulichen Zusammenarbeit von Muslimen, Christen und Menschen mit anderen Religionen und Weltanschauungen.

Kurz nach dem 40jährigen Jubiläum des Mauerbaus haben wir als Deutsche deutlich vor Augen, wie Millionen friedliche Bürger die Diktatur im Osten unseres Landes zu Fall brachten – und damit auch Religionsfreiheit wieder dort einkehrte. Ähnliches vollzog sich in vielen osteuropäischen Ländern, nur waren nicht alle so glücklich wie wir Deutschen, dass alles ohne Gewalt abging, da sich in Ländern wie Ungarn und Rumänien die Machthaber gewaltsam wehrten.

Die Geschichte und die Lage in den einzelnen arabischsprachigen Ländern ist viel zu verschieden, von ganz unterschiedlichen Forderungen geprägt, und unterschiedlich mit der Gewaltfrage verknüpft – von reiner Gewaltausübung der noch Herrschenden bis hin zu Krieg und Bürgerkrieg –, als dass es von außen her möglich ist, eine abschließende Beurteilung vorzunehmen oder im Detail Empfehlungen auszusprechen, geschweige denn zu erahnen, wie die Zukunft aussehen wird. In den meisten Ländern ist selbst bei Durchführung von Wahlen völlig offen, wer morgen regieren wird und ob die Lage sich für die Menschen wesentlich verbessern wird oder gar schlimmer wird.

Ich will an dieser Stelle nur an zwei Dinge erinnern:

Demokratie darf nicht einfach mit Wahlen verwechselt werden. Das muss gerade uns Deutschen bewusst sein, da die Machtergreifung Hitlers 1933 scheinbar durch Wahlen legitimiert war. Deswegen macht das Grundgesetz als deutsche Verfassung unmissverständlich deutlich: Demokratie ist zuallererst die Gewährung der Menschenrechte für alle gleichberechtigten Bürger, wie sie in den ersten Artikeln festgeschrieben sind und wie sie selbst der Deutsche Bundestag nicht aufheben kann (sogenannte „Ewigkeitsklausel“). Die Demokratie im Sinne der Wahl des Deutschen Bundestages ist dabei das beste denkbare Mittel, um diese Freiheit, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit dauerhaft zu gewährleisten und die Möglichkeit zu haben, Regierungen, die das nicht tun, ohne Blutvergießen durch Abwählen loszuwerden. Wo immer aber eine gewählte Regierung die Menschenrechte massiv mit Füßen tritt, handelt es sich nicht um eine Demokratie.

Also: Freiheit, Gleichheit, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit sind das Ziel, demokratische Strukturen sind das Mittel. Wahlen sind kein Selbstzweck, sondern Ausdruck freier Bürger, die allen gleichberechtigt Zugang zur Gesellschaft bieten wollen.

Es kann keine echte Freiheit und keine Menschenrechte ohne Meinungs-, Gewissens- und Religionsfreiheit geben. Wie bei der Pressefreiheit, die nicht bedeutet, dass jemand nur privat seine Texte oder Meinung sagen darf, sondern sie eben öffentlich verbreiten darf, also etwa drucken oder senden darf, machen auch Meinungs-, Gewissens- und Religionsfreiheit, wenn sie nur auf den privaten Bereich oder nur auf innerreligiöse Feiern bezogen werden, wenig Sinn.

Es hat jedoch den Anschein, als wenn nur wenige der Akteure der Arabellion überhaupt verstehen, dass die fehlende Religionsfreiheit in allen arabischsprachigen Ländern – wenn auch graduell unterschiedlich – eines der deutlichsten Kennzeichen der fehlenden Freiheit ist und diese fehlende Religionsfreiheit auf das engste und untrennbar mit vielen anderen Problemen verknüpft war und ist. Und es scheint vielen nicht bewusst zu sein, dass sich Religionsfreiheit nicht einfach von selbst einstellt, sondern einen bewussten Willen aller Beteiligten und den Willen der großen Masse der Bürger, andere in Frieden anders sein zu lassen, voraussetzt.

Nun leiden nicht nur Christen unter der fehlenden Religionsfreiheit und selbstverständlich fordern wir die Religionsfreiheit für alle Religionen, seien es unterdrückte islamische Richtungen, seien es aus dem Islam heraus entstandene Richtungen wie die Aleviten oder die Bahai, seien es alteingesessene Religionen wie Juden oder Yeziden, seien es neue religiöse Gruppen.

Aber das Schicksal der Christen ist von besonderer Bedeutung, da es alle arabischen Länder gleichermaßen – wenn auch in unterschiedliche Quanität – betrifft, ihre Zahl in der Region seit langem rapide abnimmt, und es sich hier überwiegend um autochthone Gruppen handelt, die lange vor der Ankunft des Islam in der Region heimisch waren und die kaum woanders heimisch werden können. So hat etwa die Kultur der Kopten in Ägypten seit der sehr frühen Christianisierung Ägyptens im 1. und 2. Jahrhundert n. Chr. viele Elemente der alten ägyptischen Kultur weiter tradiert, die im islamisch-arabischen Umfeld verloren gegangen sind.

Außerdem ist die Entchristlichung der arabischen Welt wohl die derzeit quantitativ schwerwiegendste Verletzung der Religionsfreiheit (und auch die schwerwiegendste Vertreibung bedrohter Ethnien) weltweit, die bereits seit hundert Jahren im Gange ist, in den letzten Jahren aber einen dramatischen Höhepunkt erfährt. Während die meisten arabischen Landstriche bereits frei von Juden sind, zeichnet sich für die viel zahlreicheren Christen der Region eine ähnliche Entwicklung ab.

Die Arabellion könnte die Möglichkeit schaffen, dass die verbliebenen Millionen von Christen in den arabischsprachigen Ländern endlich völlig gleichberechtigt werden und so weder vertrieben werden, noch ein Interesse haben, vor der ständigen Diskriminierung und Schikanierung in Länder der westlichen Welt auszuwandern. Sie könnte sogar Christen in der arabischsprachigen Welt eine solche freie Heimat bieten, dass sich viele der ausgewanderten arabischsprachigen Christen entschließen, in ihre Heimatländer zurückzukehren.

Es ist aber nüchtern darauf hinz weisen, dass die Arabellion nicht automatisch dazu führt, dass religiöse Minderheiten besser behandelt werden. Das hängt damit zusammen, dass die meisten der Diktatoren oder Herrscher, die beginnend mit Saddam Hussein zurücktreten mussten, viel weniger religiös bestimmt waren, als die Bevölkerung oder kommende, gewählte Parteien und Regierungen. Etliche der Diktatoren stammen gar noch aus der Zeit des panarabischen Sozialismus, der zur Zeit der Kalten Krieges die arabische Seele beflügelte. Sie schenkten zwar religiösen Minderheiten und vor allem alteingesessenen christlichen Kirchen keine wirkliche Freiheit, aber schirmten sie doch oft gegen islamistische Tendenzen ganz oder teilweise ab und nutzten zwar religiöse Gefühle zu ihren Gunsten, waren aber nicht selbst davon beflügelt, islamische Staaten aufzubauen. So erging es Christen unter Saddam Hussein offensichtlich besser als im heutigen Irak, den Christen in Ägypten unter Mubarak besser als derzeit. Denn während viele Christen sich für eine kommende ägyptische Demokratie stark machen, unternimmt die gegenwärtige Übergangsregierung oft noch weniger, um islamistische Gewalt gegen Kirchen einzudämmen, als Mubarak. De facto werden heute in Ägypten mehr Kirchen angezündet, mehr Christen getötet, mehr christliche Mädchen entführt und mit Muslimen zwangsverheiratet, als in früheren Jahren.

Es ist deutlich zu machen, dass es ein Irrtum islamischer Länder ist, dass zu große Religionsfreiheit Unruhe und Gewalt im Land hervorbringt. Brian Grim und Roger Finke haben in ihrer jüngsten internationalen Studie „The Price of Freedom Denied“ (Cambridge: Cambridge University Press, 2010) belegt, dass Länder ohne Religionsfreiheit im Schnitt viel mehr Unruhe und Gewalt innerhalb des Landes generieren oder auch in andere Ländern exportieren, als solche mit Religionsfreiheit. Der Zwang zu einer einheitlichen Religion schafft nicht Frieden und Ruhe im Land, sondern sorgt für ständige Spannungen der Mehrheitsbevölkerung zu ethnischen, sozialen oder religiösen Minderheiten. Wo immer Religionsfreiheit eingeführt wird, nehmen insbesondere gewalttätige Spannungen unter solchen Gruppen ab.

Praktisch alle arabischsprachigen Länder haben alle einschlägigen Menschenrechtsvereinbarungen der Vereinten Nationen unterzeichnet. Alle Staaten der Erde haben sie daran zu erinnern, gleich ob die Länder gleichzeitig in ihrer Verfassung oder über die Islamische Erklärung für Menschenrechte einen Schariavorbehalt formuliert haben. Die Arabische Charta von 2004 bestätigt erneut die Gültigkeit der Allgemeinen Erklärung für Menschenrechte und des Internationalen Paktes für Bürgerliche und Politische Freiheiten der UN. Bürger aller arabischsprachigen Länder haben also rechtlich bereits alle Freiheiten, die wir hier anmahnen. Sie werden ihnen nur oft gegen Recht und Gesetz nicht gewährt.

So könnte ein Forderungskatalog aussehen – die Veranstalter des Kongresses zur Christenverfolgung in Schwäbisch-Gmünd Ende Oktober 2011 werden bald eine breiter erarbeitete Resolution dazu vorlegen:

Wir fordern die Übergangsregierungen und die gegenwärtig aktive Zivilgesellschaft der arabischsprachigen Länder auf, sofern sie an der Umgestaltung ihrer Ländern mitwirken oder mitwirken könnten, die Verwirklichung jedes Details von Artikel 18 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte hinzuwirken, sowohl in einer Verfassung und in neuen Gesetzen, als auch im politischen und gesellschaftlichen Alltag.

Wir fordern andere Staaten – insbesondere die Bundesregierungen von Deutschland, Schweiz und Österreich als die Vertretungen unserer eigenen Staaten – auf, auf jedem nur möglichen ständigen oder außerordentlichen Weg die Staaten und die Akteure der Zivilgesellschaften zu ermutigen, aufzufordern und bei Verstoß deutlich zu kritisieren;

  • dass es Demokratie nur mit Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit geben kann,
  • dass Religionsfreiheit ein integraler Bestandteil davon ist,
  • dass Hilfszusagen für den Wiederaufbau daran geknüpft werden, dass es Gleichberechtigung und Zugang zur Zivilgesellschaft für alle gleichermaßen gibt, auch für Nichtmuslime.

Wir fordern die Organisation der Islamischen Konferenz auf, zu deren 59 Mitgliedsstaaten alle arabischsprachigen Länder gehören:

  • Beenden Sie ihre schriftlich fixierte Politik, sich nur für islamische Minderheiten außerhalb ihrer 59 Mitgliedsstaaten einzusetzen.
  • Gewähren Sie also auch islamischen Minderheiten aller Art in ihren Ländern Religionsfreiheit und üben Sie untereinander Einfluss auf Mitgliedsländer aus, statt so zu tun, als gäbe es Verletzung der Religionsfreiheit nur außerhalb der islamischen Welt.
  • Formulieren Sie erstmals deutlich, dass Sie sich auch für die Freiheit aller religiöser Minderheiten einsetzen, in den 59 Mitgliedsstaaten ebenso wie in allen Ländern der Erde, und nennen sie die größten davon beim Namen, damit diese wissen, dass sie zu deren Schutz da sein wollen.

Wir verpflichten uns selbst:

  • Für alle Menschen in der arabischsprachigen Welt häufig zu beten und ihnen Frieden und Freiheit zu wünschen.
  • Insbesondere dafür zu beten, dass die Christen dort Weisheit und Mut vom Heiligen Geist empfangen, wie sie die Zukunft mitgestalten können und sollen und in ihrem Respekt anderen Menschen gegenüber als Vorbilder wirken.
  • Uns persönlich bekannte Bürger der arabischsprachigen Länder zu ermutigen, in ihren Ländern einen ganz neuen Weg zu wagen, der Rechtstaatlichkeit und Religionsfreiheit für alle einschließt.
  • Unsere Kirchen zu ermutigen oder aufzufordern, auch die Kirchen in arabischsprachigen Ländern besonders zu unterstützen, die nicht im Mittelpunkt der medialen oder kirchlichen Öffentlichkeit stehen.
  • Unsere Kirchen zu ermutigen oder aufzufordern, überhaupt oder weiterhin jeden vorhandenen Kontakt in die arabischsprachigen Länder zu nutzen, um eine auf Menschenrechte gegründete Demokratie mit Religionsfreiheit zu fördern.
  • Diejenigen Politiker zu unterstützen, die sich in dieser Sache besonders engagieren.

„Alle Menschen sind Sünder“ (2): Eine merkwürdige Spannung

September 1, 2011 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar 

Die jüdisch-christliche Anthropologie (Lehre vom Menschen) lebt von einer merkwürdigen Spannung. Einerseits ist der Mensch als „Ebenbild Gottes“ geschaffen und von Gott mit unglaublichen Fähigkeiten und Vielfältigkeiten ausgestattet. Andererseits hat sich der Mensch als „Sünder“ von Gott abgewandt und ist zu unglaublich bösen Gedanken und Taten fähig. Dieses Böse in der Welt kann (etwa durch den Staat) nur durch Begrenzung, Hinderung und Bestrafung einerseits, und durch Vergebung, Gnade, Friedenstiften und Versöhnung andererseits angegangen werden.

Wählen wir als Beispiel unsere Kinder. Sie werden als Ebenbilder Gottes gesehen, die Anleitung und Ermutigung brauchen, die ihnen von Gott gegebenen Fähigkeiten zu entfalten, denkerische ebenso wie künstlerische, literarische ebenso wie mitmenschliche. Die selbstständige Persönlichkeit unter ihrem Schöpfer ist das Ziel der Erziehung. Erziehung ist kein Selbstzweck, sondern zielt auf eine Zeit ab, in der der zu Erziehende selbst die volle Verantwortung für sein Leben übernimmt.

Kinder werden aber ebenso als Menschen gesehen, die aufgrund der Sünde nicht mehr ihrer ursprünglichen Bestimmung entsprechend leben und deswegen Erziehung vom Bösen weg brauchen, was Ermahnung, Grenzen und Strafe ebenso einschließt wie gnädige Zuwendung, Beratung und Ermutigung zum Neuanfang.

„Alle Menschen sind Sünder“ (1), sagt der Glaube oder die Vernunft?

Wenn Christen göttliche Offenbarung zum Ausgangspunkt ihres Denkens machen, bedeutet das nie und nimmer, dass sie Unsinniges glauben oder dass sich die Offenbarung grundsätzlich vernünftiger Begrün­dung oder Diskussion entzieht. Es bedeutet nur, dass Gott bzw. die Offenbarung Aussagen machen kann, die für uns in ihrer Gesamtheit nicht zu erfassen sind, so dass wir sie erst begreifen, wenn wir sie akzeptieren und im Alltag nachvollziehen.

Wählen wir ein Beispiel: Die bibli­sche Aussage, die die christliche Dogmatik übernommen hat, dass alle Menschen Sünder sind, kann man beispiels­weise nur ‚glauben‘, nicht beweisen, denn wie sollte man eine Unter­suchung an allen Menschen durchführen und wer könnte vorurteilslos jedem Menschen gerecht werden. Wer kennt schon ‚alle‘ Menschen, geschweige denn so gut, dass er ein solches Urteil über sie fällen könnte? Und wer wollte ein solches Urteil über die Men­schen anderer Kulturen, über Verstorbene oder gar über die erst in Zukunft geborenen machen und wissenschaftlich erfassen? Nur der Schöpfer hat das Wissen – und das Recht und die Gerechtigkeit –, eine solche allumfas­sende Aussage zu machen.

Heißt das aber, dass die Aussage nur auf blindem Glauben beruht und jeder Vernunft widerspricht? Nein, denn die grundsätzliche Aussage, die für uns zu umfassend ist, wird uns Tag für Tag an uns selbst, an den Menschen, die wir kennen und an der Menschheit (wie wir sie etwa durch die Medienberichterstattung kennenlernen), bestätigt und damit auch vernünftig ‚bewiesen‘. Die Bibel konkretisiert die grundsätzli­che Aussage, dass alle Menschen Sünder sind, deswegen pausenlos an konkreten Menschen, Beispielen und Sünden. Wir alle lügen konkret, hassen konkrete Menschen, lassen andere unseren Geiz spüren und leben auf Kosten anderer. Und Rassismus oder Menschen verhungern zu lassen, gibt es nur, weil konkrete Menschen daran beteiligt sind.

Da wir noch nie jemanden getrof­fen haben, von dem wir sagen könnten, dass er kein Sünder sei, erweist sich diese aufgrund der göttlichen Offenbarung getroffene Aussage im Rahmen unserer Überprüf­barkeit als richtig und vernünftig, weil mit der Wirklichkeit überein­stimmend. Kein Mensch hat jemals einen Menschen kennengelernt, der von klein auf nur selbstlos, liebevoll und edel war, nie betrogen oder gelogen hätte. Selbst Mutter Theresa soll bei aller Selbstlosigkeit im Großen im alltäglichen Umgang nicht immer einfach gewesen sein und hat auch neben ihren großen, weltbewegenden Worten auch manche merkwürdige politische Äußerung von sich gegeben.

Nun ist ja mit der Aussage, dass alle ‚Sünder‘ sind, noch nicht im Detail gesagt, was Sünde ist. Aber ganz gleich, wie auch immer man im Einzelnen Sünde, das Falsche, das Böse usw. definiert, man wird keinen Menschen finden, der davon völlig frei ist.

Wie man aber grundsätzlich davon ausgehen kann, dass die Bibel und das Christentum sich irren, wenn sie davon sprechen, dass alle Menschen zum Bösen neigen, ist mir schleierhaft. Haben Menschen, die das abstreiten, mit anderen Menschen zu tun als ich? Lesen sie andere Zeitungen als ich? Und haben sie noch nie von der philosophischen Einsicht gehört „Der Mensch ist des Menschen Wolf“?

Zur Kritik der Zahl von 178.000 (2010) bzw. 100.000 (2011) christlichen Märtyrern pro Jahr

August 22, 2011 by Schirrmacher · 1 Kommentar 

Seit vielen Jahren gibt es für jedes Jahr immer nur eine einzige Zahl, die jährlich als Gesamtzahl der christlichen Märtyrer pro Jahr angegeben wird, die Zahl des ‚Global Status of Mission’. Diese Zahl wird zwar von verschiedenen Institutionen zitiert, aber nur von einer Institution errechnet. Derzeit wird sie am häufigsten vom päpstlichen Missionswerk ‚Kirche in Not’ (‚Aid to the Church in Need’) zitiert, das von 130.000–170.000 Märtyrern pro Jahr spricht, aber keine eigenen Untersuchungen durchgeführt hat.

Diese Zahl wird jährlich im International Bulletin for Missionary Research[1] vorgelegt. Für 2010 stand die Zahl bei 178.000, für 2009 bei 176.000,[2] für 2011 ist sie – unter anderem aufgrund unseres Einspruchs – auf 100.000 korrigiert worden.[3] Da die Zahl sich jährlich ändert, denkt jeder, es handele sich um die Zahl der Märtyrer im jeweiligen Jahr, aber tatsächlich soll den Durchschnitt pro Jahr des jeweils letzten vollen Jahrzehnts angeben (also z. B. 1990-2000, 2000-2010).

Der Kommentar zu ‚Global Status of Mission’ gibt selbst an, dass die Zahl die wohl am häufigsten zitierte Zahl aus dieser Statistik ist.[4] Durch die Bücher ‚World Christian Encyclopedia’, ‚World Christian Trends’, ‚Atlas of Global Christianity’ und die elektronische ‚World Christian Database’ ist die Zahl in dieser Größenordnung weit verbreitet worden.

Es fällt mir schwer, diese Zahl wegen ihrer weiten Verbreitung zu kritisieren, zumal sie von seriösen Forschern und guten Freunden kommt. Aber als Wissenschaftler habe ich solche Zahlen zu oft vor säkularen Kollegen, Politikern weltweit, des Deutschen Bundestages oder des Europäischen Parlaments, und natürlich Journalisten zu verantworten, als dass unser Institut (das International Institute for Religious Freedom) sie einfach nur übernehmen könnte.

Da die Zahl von vielen säkularen, christlichen, darunter auch evangelikalen[5] Forschern und Fachleuten 1. als viel zu hoch angesehen wird, und 2. als aufgrund zahlreicher Faktoren überhaupt nicht zu erheben gilt, wäre es wünschenswert, wenn es eine genaue Darstellung gäbe, aufgrund von welchen umfangreichen Recherchen die Zahl erhoben wird, welche wissenschaftliche Vorgaben dabei befolgt werden oder wie die Belastbarkeit von Forschungskollegen überprüft werden kann. All’ das liegt nicht vor – auch die ausführlichste Darstellung in den ‚World Christian Trends’ sagt nirgends, woher die Daten kommen und nach welchen Kriterien geschätzt wird.[6]

Nur ist in unserer heutigen Medienwelt natürlich jemand mit einer noch so grob geschätzten Zahl im Vorteil gegenüber demjenigen, der sagt, dass die Zahl derzeit nicht zuverlässig zu erheben ist.

Die Rolle von Bürgerkriegen

Die Zahl der 156.000–178.000 Märtyrer pro Jahr sind nach eigenen Angaben eigentlich eine Durchschnittszahl pro Jahr für die zehn Jahre 1990–2000.[7] Dabei muss man aber wissen, dass der weit aus größte Anteil der 1,6 Mio. Märtyrer in zehn Jahren auf die Bürgerkriege im südlichen Sudan und in Ruanda entfällt, ohne dass das ausdrücklich gesagt wird. Selbst bei einer sehr weiten Definition („martyrs in the widest possible sense“) von Christenverfolgung dürfte es aber zumindest umstritten sein, inwieweit man Ruanda überhaupt dazurechnen darf und wie hoch der Anteil der Toten im Südsudan ist, der auf Verfolgung von Christen durch Muslime zurückgeht und nicht entweder Animisten traf oder von südsudanesischen, brutalisierten Bürgerkriegsparteien ausging.

Für die zehn Jahre 2000–2010, deren Durschnitt die neue Zahl 100.000 aus 2011 ergeben soll, spielen Südsudan und Ruanda keine Rolle mehr. Hier fällt der Mammutanteil der jetzt angegeben 10 x 100.000 auf den Bürgerkrieg in der Demokratischen Republik Kongo (DRC). Zwar starben dabei viele Christen, aber dass sie starben, weil sie Christen waren, wird meines Wissens in der Literatur von niemandem vertreten. Vermuten wir einmal, dass für DRC 900.000 Märtyrer veranschlagt wurden. Der Rest von 100.000 Märtyrern pro Jahr über 10 Jahre käme dann einer viel niedrigeren Zahl schon recht nahe.

Was ich vor allem bemängele ist, dass nirgends die Zusammensetzung der Zahl nach Ländern angegeben wird und zwar so, dass man die Schwerpunktländer erkennen und diskutieren kann, also etwa Kongo. Dann wäre nämlich sehr leicht zu ersehen, auf welche 1–2 Länder die hohe Zahl zurückgeht. Und ich bemängele, dass über diese schwer einzuordnenden 1–2 Situationen dann keine Diskussion stattfindet.

Nun wird ja nicht einfach jeder Christ, der in einem Bürgerkrieg wie im Kongo stirbt, mitgezählt. Es wird ein Anteil der getöteten Christen geschätzt, der als Märtyrer starb. Dieser Anteil müßte dann aber erst einmal diskutiert und begründet werden. Stattdessen erfährt man nirgends, welcher Anteil geschätzt wurde, geschweige denn wieso. Es heißt nur „a substantial proportion“ der 5,4 Mio. im Kongo. Eine Erhöhung des Anteils der Märtyrer im Kongo um 10% würde aber die Gesamtzahl der 100.000 Märtyrer pro Jahr um 54.000, also um 30% noch oben steigen lassen! Würden 10% weniger als der unbekannte Prozentsatz im Kongo geschätzt, wären das jährlich 54.000 weniger, das heißt die Zahl von 100.000 würde auf 46.000 um über 50% schrumpfen! Das heißt, bei der Schätzung des Anteils der Märtyrer an den Opfern der Unruhen in Kongo wird de facto die Gesamtzahl der Märtyrer weltweit entschieden.

Zur Definition

Ich sehe einen generellen Widerspruch zwischen der Definition des ‚Status of Global Mission’, Märtyrer seien „believers in Christ … in a situation of witness“ und der Aussage „Defining and enumerating martyrs in the widest possible sense“.

Eine innerchristliche, theologische Definition wird immer viel enger sein, als eine soziologische. Als Religionssoziologe sehe ich durchaus, dass für die säkulare Welt eine sehr weite Zahl gewählt werden darf, die nicht darauf Rücksicht nimmt, ob der ermordete Christ ein Baby, ein schlechter Kirchgänger oder ein Sektierer war. Ich halte dann selbst die „situation of witness“ für unnötig. Wenn in Ägypten eine Kirche in die Luft gesprengt wird und dabei 20 Menschen getötet werden, ist das Christenverfolgung, sogar dann, wenn die 20 Ermordeten nur interessierte Gäste waren.

Meine weiteste politische Definition wäre: „Getötete Christen, die nicht getötet worden wären, wenn sie keine Christen gewesen wären.“ Aber: Selbst wenn ich diese Definition zugrunde lege, komme ich bei weitem nicht auf 170.000 oder 100.000 christliche Märtyrer pro Jahr.

Mehr als 50 Märtyrer am Tag?

Ereignisse mit 20 oder 50 ermorderten Christen werden heutzutage nicht nur in der christlichen Welt breit berichtet, sondern in einigen Ländern wie Deutschland in der Regel sogar auf der Titelseite von Zeitungen. Experten, die sich mit Christenverfolgung beschäftigen, bekommen sie sowieso mit. Keiner würde sagen, dass das jeden Tag vorkommt. Aber selbst wenn wir einmal davon ausgehen, es gäbe täglich ein Ereignis mit 50 ermorderten Christen, wären das im Jahr immer noch erst 18.250. Bei 20 am Tag wären es 7.300 – eine Zahl, die ich für realistischer halte.

Man mag entgegen halten, dass es Ereignisse mit höheren Zahlen als 50 gab und gibt. Ja, es gibt sie, aber es sind Einzelereignisse und sie sind über die Jahre versetzt. Ich kenne folgende Länder in den letzten Jahren, auf die das zutrifft: Indonesien, Indien, Irak, Nigeria. Nur dass sich diese Ereignisse kaum überschnitten haben. In den letzten Jahren sind diese schrecklichen Ereignisse punktuell innerhalb von 1–3 Jahren geschehen und in den Jahren danach von anderen Schwerpunktländern abgelöst werden. Oder anders gesagt: Ein Ereignis mit mehr als 100 christlichen Märtyrern in einem Land pro Jahr gibt es in der Regel in einem Jahr nur einmal auf der Welt.

Was für merkwürdige Zahlen herauskommen, wenn man einfach grob schätzt, zeigt sich, wenn man in der ‚World Christian Database’ die Länder nach der jährlichen Zahl der Märtyrer sortiert, wobei dort der Durchschnitt der letzten 50 Jahre gewählt wurde, also ab 1960.

In Dänemark und Finland soll es je 15 Märtyrer pro Jahr geben, in Schweden 19, in der Schweiz 20, in den Niederlanden 39, in Australien 45, in Kanada 76, in Großbritannien 149 und in Deutschland sage und schreibe 192. In all diesen protestantischen Ländern sind seit 1960 keine Märtyrer bekannt, niemals aber das jeweils 50fache der genannten Zahlen.

Dass die hohen Zahlen schwer nachvollziehbar sind und auf großzügige Schätzungen der Anteile christlicher Märtyrer an Krieg und Bürgerkrieg zurück gehen, gilt genauso für die Geschichte. Gab es wirklich 1.000.000 Märtyrer durch die Nationalsozialisten? Kein Erforscher des Nationalsozialismus (zu denen ich mit 2 Dissertationen selbst zähle) würde das bestätigen. Zwar starben im 2. Weltkrieg Millionen von Christen, aber nicht, weil sie als Christen verfolgt wurden. Zu wirklichen christlichen Märtyrern zählen solche Christen, die wegen ihres christlichen Widerstandes oder als Geistliche oder Vetreter von Glaubensgemeinschaften getötet wurden. Ihr Schicksal ist sehr gründlich erforscht, ihre Geschichte wird in Personenlexika dargestellt und zu fast jedem liegt ein Lebenslauf vor.[8] Dennoch sind es insgesamt nur einige Tausende, nicht 1 Mio.

Soviel Märtyrer wie Tote in Bürgerkriegen und Kriegen?

Ich möchte noch einen anderen Vergleich ziehen, der mir die Zahl 170.000 oder 100.000 als zweifelhaft erscheinen läßt. Laut Statistik der World Health Organization gab es 2004 184.000 Opfer von Kriegen und Bürgerkriegen.[9] Und die Zahl der Märtyrer soll etwa genauso groß sein, ohne dass man die Fälle, die diese Zahlen zusammenbringen lassen, selbst als Experte nicht sofort auflisten kann? Man kann doch alle Kriege und Bürgerkriege eines Jahres auflisten und so deutlich machen, wie sich die 184.000 Opfer verteilen. Wenn die Zahl der Märtyrer etwa genauso groß ist: wieso kann man dann nicht genauso die Ereignisse auflisten und zusammenzählen, quasi aus dem Kopf? Wieso fallen dann selbst Experten viel zu wenige Großereignisse ein, die die hohen Zahlen erklären könnten?

Auf dem Weg zu einer tatsächlichen Zahl für vergangene Jahre

Wie hoch ist denn die Zahl der jährlichen christlichen Märtyrer tatsächlich? Ich beschäftige mich seit Jahren damit und habe weltweit mit jedem mir bekannten Experten aller großen Konfessionen und darüber hinaus diskutiert, der dazu etwas zu sagen hat. Einmal ganz abgesehen von der Schwierigkeit der Definition: Selbst wenn man eine konkrete Definition vorgibt, weichen Experten schon für einzelne Länder stark voneinander ab. Sind die ‚verschwundenen Christen’ Nordkoreas vor Jahrzehnten oder Jahren umgebracht worden oder leben sie noch in Zwangslagern und werden auch aktuell getötet?

Fragt man nach der Gesamtzahl weltweit, wagt praktisch keiner eine Schätzung. Zudem sind sich alle einig, dass eine Durchschnittszahl keinen Sinn macht, sondern die Zahl der Märtyrer von Jahr zu Jahr sehr stark schwankt. Deswegen muss die Zahl – wenn überhaupt – für jedes Jahr neu erhoben werden. Wer eine Zahl für z. B. 2010 hört, geht ja sowieso davon aus, dass dies kein Durchschnittswert für 1990–2000 ist, sondern dass irgendeine Institution die Zahl konkret für 2010 erforscht, belegt oder wenigstens realistisch aufgrund von Berichten geschätzt hat.

Insgesamt sind wir meines Erachtens von einer zuverlässigen Zahl der Märtyrer pro Jahr weit entfernt. Das Internationale Institut für Religionsfreiheit wird am Ball bleiben und will zu einer fairen und offenen Diskussion weltweit beitragen.

Was wir brauchen ist eine Datenbank, in der wir für ein Jahr alle bekannten, größeren Fälle eintragen so dass wir am Ende eines Jahres nicht nur eine brauchbare Schätzung gewinnen, sondern jeder anhand der Auflistung die Belastbarkeit der Schätzung überprüfen kann.


[1] www.internationalbulletin.org.

[2] „Status of Global Mission, 2011“, see http://ockenga.gordonconwell.edu/ockenga/globalchristianity/resources.php.

[3] „Status of Global Mission, 2011“. International Bulletin of Missionary Research 35 (1011) 1: 29, line 28; cf. Commentary „Christianity 2011: Martyrs and the Resurgence of Religion“. Ibid. p. 28.

[4] Ibid. p. 28.

[5] Z. B. http://www.persecution.net/faq-stats.htm;

[6] David Barrett, Todd Johnson. World Christian Trends. Pasadena (CA): William Carey Library, 2001. Kap. 16.

[7] „Christianity 2011: Martyrs and the Resurgence of Religion“. Ibid. p. 28.

[8] Z. B. für den katholischen Bereich: Helmut Moll (Hg.). Zeugen für Christus: Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts. 2 Bde. Paderborn: Schöningh, 2010, 5. Aufl.; für den evangelischen Bereich: Harald Schultze und Andreas Kurschat (Hg.). „Ihr Ende schaut an …“: Evangelische Märtyrer des 20. Jahrhunderts. Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 20082.

[9] World Health Organisation. The Global Burden of Disease. Geneva: WHO, 2008. S. 74, s. http://www.who.int/topics/global_burden_of_disease/en/. Vgl. die Angabe von 171.000 für 2002 in der Karte des Atlas der wirklichen Welt: http://www.worldmapper.org/display_extra.php?selected=484.

Religiöser Terror darf nicht das letzte Wort haben!

Schon wieder verliere ich einen Freund, der gegen die Verfolgung religiöser Minderheiten angekämpft hat, durch eben diese Verfolgung! Ich hätte ihn Ende März getroffen, so muss ich auf die Ewigkeit bei Gott warten. Unsere englische Meldung als Weltweite Evangelische Allianz findet sich in meinem Blog hier. In tiefer Trauer stimme ich dem Auslandsbischof der EKD zu:

„Religiöser Terror darf nicht das letzte Wort haben!“
EKD-Auslandsbischof verurteilt Mord an christlichem Minister in Pakistan scharf

Der Auslandsbischof der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Martin Schindehütte, hat den Mord an dem pakistanischen Minister für religiöse Minderheiten am heutigen Mittwoch aufs Schärfste verurteilt. „Shahbaz Bhatti war ein Hoffnungsträger für die religiösen Minderheiten und ist mutig für die Menschenrechte in Pakistan eingetreten. Es ist eine sehr schmerzliche Folge seiner festen Haltung und seines konsequenten Handelns, dass er dafür mit seinem Leben bezahlen musste.“ Dieser schreckliche Anschlag, so befürchtet Schindehütte, solle weiter Unfrieden zwischen den Religionen schüren und den Druck von islamischen Fundamentalisten auf die Regierung erhöhen. „Es kann nicht sein, dass durch solche brutalen Gewalttaten ungehindert Angst und Schrecken verbreitet werden. Der religiöse Terror darf nicht das letzte Wort haben!“ so Schindehütte weiter. Konkret forderte der Auslandsbischof die pakistanische Regierung auf, sich von solchen Attentaten nicht einschüchtern zu lassen und die Minderheiten im eigenen Land besser zu schützen. Aber auch die EU und die Bundesregierung sollten sich gegenüber Pakistan noch entschiedener und mit politischen Konsequenzen für die Menschenrechte und insbesondere für die Religionsfreiheit einsetzen.

Der einzige christliche Minister in der Regierung von Premier Yousuf Raza Gilani hatte sich mit seinem Einsatz gegen das so genannte Blasphemie-Gesetz viele Feinde gemacht. Mit diesem Gesetz können für Menschen, die den Islam kritisieren oder aus dem Islam konvertieren, schwere Strafen bis zur Todesstrafe verhängt werden. Er trat für eine Reform ein und kämpfte für eine Rehabilitation von Asia Bibi. Die christliche Frau wurde zum Tode verurteilt, weil sie in einem privaten Streit den Propheten Mohammed kritisiert haben soll. Schon vor einigen Wochen war der Gouverneur der Provinz Punjab ebenfalls wegen seines Eintretens für religiöse Minderheiten ermordet worden.

Gemeinsam mit zahlreichen ökumenischen Partnern und den pakistanischen Kirchen fordert die Evangelische Kirche in Deutschland schon lange eine Aufhebung dieses Gesetzes, das Angehörige von nichtmuslimischen Religionsgemeinschaften systematisch diskriminiert. Sie bittet die internationale Staatengemeinschaft, insbesondere die UNO mit ihrem Menschenrechtsrat, auf die uneingeschränkte Wahrung der Menschenrechte in Pakistan hinzuwirken.

Hannover, den 02. März 2011, Pressestelle der EKD, Reinhard Mawick

Hier die Originalmeldung als PDF.

Faire Berichterstattung über verfolgte Christen

Dezember 4, 2010 by Schirrmacher · 1 Kommentar 

Die Landessynode der ‚Evangelischen Landeskirche in Württemberg‘ hat auf ihrer Herbsttagung nach kontroverser Diskussion mehrheitlich folgenden beachtentswerten Beschluss verabschiedet:

Faire Berichterstattung über verfolgte Christen

Menschenrechte sind für uns unteilbar. Deshalb danken wir Presse und Rundfunk für eine aufmerksame Berichterstattung bei einer Verletzung der Menschenrechte. Wenn Christen leiden und ermordet werden, ist dies ebenfalls eine Frage der Menschenrechte, aber auch eine Herausforderung für die Kirche, bei der wir unsere Stimme erheben. Leitend ist für uns 1. Korinther 12,26: „Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit.“ So bitten wir Rundfunk und Presse, sich dieses Themas weiter anzunehmen, um entrechteten Menschen eine Stimme zu geben, auch damit Politiker reagieren können.

  • Wir bitten die Presse, auf präzise Unterscheidungen zu achten. Es darf nicht sein, dass unter dem Stichwort Fundamentalismus islamistische Selbstmordattentäter mit christlichen Missionaren, die im Dienste der Nächstenliebe anderen helfen, in Eins gesetzt werden.
  • Wir bitten den Oberkirchenrat, die Gemeinden schnell von Menschenrechtsverletzungen und Christenverfolgung zu informieren, damit in Gottesdiensten Fürbitte geleistet werden kann.
  • Wir bitten alle Delegierten der Landeskirche in Rundfunk- und Medienbeiräten, konstruktiv mitzuarbeiten und Journalisten sachgemäß über kirchliche Zusammenhänge zu informieren und zu beraten.
  • Wir bitten die Missionswerke und freien Werke, konstruktiv und offen mit Medien zusammenzuarbeiten, auch offen zu sein für kritische Anfragen.

Mehrheitlicher Beschluss der Württembergischen Evangelischen Landessynode am 24.11.2010

Quelle: Hier und hier.

In der Pressemeldung der Synode heißt es zu dem ausgezeichnet Bericht zur Lage verfolgter Christen in Nigeria, Nordkorea, Iran und Irak, mit diese Landeskirche ihre langjährige Vorreiterolle in dieser Frage weiter ausbaut:

In einem bewegenden Bericht über verfolgte Christen schilderte Kirchenrat Klaus Rieth die oft hoffnungslose Situation von Christen in anderen Ländern. So erinnerte Rieth an die Ereignisse in der Erlöserkirche der Syrisch-Katholischen Gemeinde in Bagdad am 31. Oktober 2010. Bei der gewaltsamen Beendigung einer Geiselnahme in dieser Kirche in Bagdad seien über 50 Personen getötet und nahezu ebenso viele verletzt worden. Hintergrund der Tat seien Forderungen nach Freilassung von Al-Kaida-Mitgliedern gewesen. Auch Nordkorea gelte seit Jahren als das religiös repressivste System der Welt. Gerade deshalb sollten Christen trotz der schwierigen Informationslage der bedrängten und verfolgten Menschen dort gedenken. Die Synodalen sprachen sich für deutliche Signale an Politik und in die Gemeinden aus, um das Thema bekannt zu machen und verfolgte Christen, die als Flüchtlinge nach Deutschland kommen, zu unterstützen und  für die Verfolgten in ihren Ländern zu beten.

Siehe auch den Bericht S. 12 hier.

Der Bericht selbst findet sich hier als PDF.

Einschränkung der Kirchen auf leisen Sohlen?

September 26, 2010 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar 

Ein Auszug daraus erschien in der Evangelischen Zeitung

Gemessen an der Lage eines Großteil der Weltchristenheit in Ländern ohne wirkliche Religionsfreiheit ist es vermessen, in den westlichen Demokratien von der Gefahr der Christenverfolgung zu sprechen. Christen in China oder gar Iran können nur den Kopf schütteln, wenn bei uns vorschnell von Verfolgung gesprochen wird, da sie sehen, welche Freiheiten Christen bei uns haben, wie der Rechtsstaat funktioniert und von Christen in Anspruch genommen werden kann und welche Möglichkeiten Christen haben, sich über eigene und andere Medien breites Gehör zu verschaffen.

Das darf aber nicht dazu führen, dass man sich nicht mit drohenden Gefahren für die Religionsfreiheit auch bei uns auseinandersetzt. Dabei muss man nüchtern sehen: Wenn es innerhalb der EU oder überhaupt innerhalb der westlichen Wertegemeinschaft zu einer Bedrückung von Kirchen und Religionsgemeinschaften kommt, dann sicher nicht auf dem plumpen Weg der Gewalt, sondern auf dem sanften Weg des Gesetzes und auf dem Weg der verzerrten Darstellung in den Medien. Gegen letztere kann man sich dabei durch Aufklärungsarbeit wehren, gegen das Gewaltmonopol des Rechtsstaates ist dagegen nur wenig auszurichten, wenn nicht zuständige höchste Gerichte selbst ungerechte Gesetze eingrenzen.

18 Menschenrechtsorganisationen und religiöse Verbände wie die Katholische Bischofskonferenz und der Amerikanisch-Islamische Kongress, sowie die Generalstaatsanwälte von 13 amerikanischen Bundesstaaten haben gerade eine gemeinsame Eingabe beim Supreme Court der USA gemacht, dass das Recht religiöser Gemeinschaften, selbst über ihre Mitgliedschaft entscheiden zu können, unbedingt geschützt werden müsse. Anlass ist ein Rechtsstreit um eine christliche Studentenorganisation, die eine juristische Fakultät nicht zugelassen hatte, weil sie dadurch, dass ihr nur Christen angehören könnten, andere Menschen diskriminiere. In den USA ist eine massive Auseinandersetzung darüber entbrannt, inwieweit neuere Gesetze im Interessenkonflikt zwischen Religionsfreiheit und anderen Werten die Religionsfreiheit weit stärker einschränken dürfen, als es bisher üblich war.

Und tatsächlich haben die zunehmenden Antidiskriminierungsbestimmungen, so begrüßenswert sie in manchen Bereichen sind, zwei Folgen, die die Kirchen betreffen, auch im Bereich der EU.

Zum einen geht es beim Arbeitsrecht darum, inwiefern die Religionsgemeinschaften noch selbst entscheiden können, wer für sie arbeitet und wer sie repräsentiert. Deutschland hat sich entschieden, den diesbezüglich Ausnahmetatbestand für religiöse Organisationen der EU-Antidiskrimierungsrichtlinie sehr großzügig auszulegen, warum uns bisher Urteile gegen Religionsgemeinschaften erspart blieben – die dazugehörigen Rechtsstreitigkeiten gab es bereits gelegentlich. Großbritannien etwa ist den umgekehrten Weg gegangen und hat den Ausnahmetatsbestand noch weiter eingeschränkt. Katholische Adoptionsstellen mußten im Dutzend geschlossen werden, weil sie keine Kinder an homosexuelle Paare vermitteln wollen, obwohl diese Paare doch eigentlich genügend andere Vermittlungsstellen finden. Die EU-Kommission ringt derzeit um weitere Antidiskriminierungsrichtlinien, der Ausnahmetatbestand für religiöse Organisationen steht dabei zur Disposition.

Zum anderen geht es darum, inwiefern Religionsgemeinschaften ihre Sicht weiterhin öffentlich vertreten können, oder inwieweit in ihren ethischen Positionen oder in ihrer Abgrenzung von anderen Religionen oder etwa Sekten Hassrede gegen andere gesehen wird. Auch hier hat Deutschland sehr zurückhaltend reagiert. Großbritannien dagegen ist so weit vorgeprescht, dass bereits zweimal harmlose anglikanische Bischöfe in das Räderwerk der Justiz gerieten, weil sie sich in Predigten zu ethischen Fragen geäußert haben. Der eine wurde freigesprochen, der andere zu einer Geldstrafe und einem Antidiskriminierungskurs verurteilt. Die Gesetze gegen Hassrede, so moralisch wünschenswert es ist, dass Menschen einander nicht hassen, sind aber meist Gummiparagraphen, die die Meinungsfreiheiten immer weiter einschränken.

Die Evangelikalen sind eigentlich nicht gefährlich …

September 5, 2010 by Schirrmacher · 6 Kommentare 

Eine Polemik zur Kritik an Christians Wulffs Verbindung zu ProChrist

Im Deutschlandradio hat Kirsten Dietrich in einem Interview am 22.6.2010 Anklage gegen ‚ProChrist‘ als „fundamentalistische Bewegung“ erhoben (Quelle hier). Anlass war ihre Kritik an der Mitgliedschaft von Christian Wulff im Kuratorium von ‚ProChrist‘.

Einmal ganz davon abgesehen, dass Frau Dietrich offensichtlich mit religiösen Veranstaltungen überhaupt wenig anfangen kann, etwa wenn sie am Beispiel von Wulff vor allem erst einmal erkennt „dass jede Religion immer auch irrationale Elemente hat“ (seit wann gilt das nur für Religion und nicht auch für Medien, Kunst oder Politik?) und sie Irrationales offensichtlich lieber verbieten würde. Also ganz davon abgesehen, klingen ihre Beschreibungen der ProChrist-Veranstaltungen immer irgendwie negativ und verschwörerisch. Die Veranstaltungen sind ‚perfekt organisiert‘! Ist das etwas Schlimmes oder einfach nur typisch deutsch? Und dann: „Also da gibt es Vernetzungen.“ Ja, gibt es die denn irgendwo nicht mehr? Wieso klingt der Vorwurf ‚Netzwerk‘ in Dietrichs Mund mehr nach Al Kaida als nach Facebook?

Die entscheidende Frage ist nun aber: Welche Belege hat Dietrich vorzubringen, dass ProChrist in ähnlicher Weise als fundamentalistisch einzustufen ist, wie Osama bin Laden oder fundamentalistische Hindus, die derzeit in Indien Muslime und Christen töten, da das Land nur Hindus gehöre?

Nein, nein, in diesem modernen Sinn sind sie gar keine Fundamentalisten, so Dietrich, sondern im „eigentlichen Sinn des Wortes“, womit eine Gruppe Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts bezeichnet wurde. („Ja, es ist eine fundamentalistische Bewegung, wenn man den eigentlichen Sinn des Wortes Fundamentalismus nimmt. Das bedeutet ja eigentlich nicht von der Entstehung her den bärtigen Terroristen, den man heute damit assoziiert.“)

Nur: hier liegt eine völlig andere Definition zu Grunde! Dort meinte man Menschen, die ihre Glaubensgrundlage buchstäblich nahmen und sich deswegen von ‚der Welt‘ zurückzogen, heute meint man damit Menschen, die ihren Wahrheitsanspruch mit Gewalt anderen aufzwingen wollen. Hier wird wider besseres Wissen ein Totschlagwort benutzt, obwohl man ganz genau weiß, dass die Hörer darunter etwas ganz anderes verstehen, als man dann auf Nachfrage hin definiert.

Gefragt, ob denn ProChrist „in irgendeiner Weise politisch gefährlich für dieses Land“ ist, druckst Dietrich rum: „Politisch gefährlich würde ich so direkt nicht sagen, denn sie halten sich am Rand des Parteigeschehens“. Warum dann kein klares ‚Nein‘? Aber auch kein ‚Ja‘? Also indirekt gefährlich? Wie ist man denn das? Und dafür liefert Dietrich nicht die Andeutung eines Beweises. Eine Unverschämtheit ist das eigentlich für die Betroffenen. Denn irgendetwas bleibt dann doch hängen.

Nun führt sie doch ein Beispiel an: Für bestimmte Menschen sei es schwierig, in dieser Gruppierung zu leben. Einmal unterstellt, das das stimmt: Ist das politisch gefährlich? Nein! Denn: Werden diese Menschen gezwungen, mitzumachen? Natürlich nicht! Werden sie verfolgt, wenn sie nicht dazu gehören? Nein! Natürlich gibt es Menschen, für die es schwierig ist, in der katholischen Kirchen oder in der SPD zu sein – um beliebige Beispiele zu wählen. Ist die katholische Kirche aber deswegen politisch gefährlich, oder die SPD? Das gehört nun einmal zur grundgesetzlich garantierten Versammlungsfreiheit, dass sich gleichgesinnte zusammenschließen (und damit andere ausschließen) dürfen!

Nun weiß ich nichts weiter über Kirsten Dietrich, aber hier wird kein seriöser Journalismus betrieben und keine Expertenmeinung differenziert dargestellt, sondern jemand, der Evangelikale einfach blöd findet, versucht sie ohne jeden Beleg und offensichtlich wider besseres Wissen als fundamentalistisch und gefährlich darzustellen. Schade, dass wenigstens staatliche Rundfunkanstalten sich nicht etwas mehr Zeit für seriöse Recherche nehmen.

Doch noch einmal zurück: Entspricht ProChrist wenigstens diesen ehemaligen Fundamentalisten der 1920er Jahre? Dietrich meint eigentlich Ja, aber liefert eigentlich nur Gründe, warum dies nicht so ist. So hätten die Fundamentalisten damals Darwin abgelehnt, ProChrist lege sich da heute nicht fest. Nun stimmt die Aussage schon für damals nicht, denn in den berühmten ‚Fundamentals‘ schrieben auch Vertreter der theistischen Evolution mit, aber bei ProChrist? Fakt ist doch, dass in den ungezählten europaweit ausgestrahlten Veranstaltungen noch nie ein Wort zum Thema Evolution gefallen ist und die Verantwortlichen eine viel zu große Bandbreite repräsentieren, als das ProChrist überhaupt eine Position zu einer theologischen, geschweige denn naturwissenschaftlichen Einzelfrage haben könnte.

Gefragt, ob denn ProChrist gegen Darwin ist und alles in der Bibel wörtlich nehme, antwortet Dietrich mit „Ja“, um dann gleich alles zurückzunehmen und Argumente zu liefern, warum die Antwort eigentlich ‚Nein‘ lauten müsste: „Ja, das sind natürlich jetzt nicht, die haben da keine festen Glaubenssätze …“ Aber dann steht ProChrist plötzlich doch für eine „Strömung“, „die genau nach diesen Grundlagen die Bibel interpretiert“ – ja welche „Grundlagen“ denn, wenn Dietrich die nicht benennen, geschweige denn belegen kann? Und dann heißt es wieder: „man schätzt ungefähr, 1,5 Millionen Christen gehören dazu, wobei das auch wieder ganz vielfältig sind“. Und wieder: Es ist „eine ganz unglaublich vielfältige und weit gefächerte Bewegung“, so Dietrich.

Dreimal betont Dietrich im kurzen Interview – zu Recht – die enorme Bandbreite der Bewegung. Müsste sie dann mit ihren Pauschalurteilen nicht vorsichtiger sein? Nein, denn sie macht bei allen „eine möglichst wörtliche Interpretation der Bibel“ aus – was Unsinn ist, geht es doch Evangelikalen um eine möglichst korrekte, dass heißt am ursprünglichen Sinn interessierte Auslegung.

Und dann kommt der Hammer: „ein deutlicher Abstand zu allem, was man als Wissenschaft bezeichnen könnte“. Es mag ja sein, dass bei bestimmten Einzelfragen bestimmte Evangelikale allgemeingültige Aussagen der Wissenschaft anzweifeln. Aber dass die Evangelikalen zu der Wissenschaft Abstand halten, ist wirklich Unsinn und kann nur von jemand stammen, der selbst nicht in der Welt der Wissenschaft zu Hause ist. Wissenschaftsmuffel gibt es in allen sozialen Schichten, Bewegungen und Parteien. Aber dass sie unter den Evangelikalen häufiger anzutreffen sind, als beispielsweise unter Politikern, müsste erst einmal belegt werden.

Evangelikale sitzen auf Lehrstühlen in Oxford ebenso im Fach Mathematik wie im Fach Theologie, finden sich in Deutschland unter Biologie- und Philosophieprofessoren, unterhalten nicht nur in den USA, sondern besonders im globalen Süden Eliteuniversitäten (z. B. die Daystar University in Nairobi). In Indien sind führende Ökologen Evangelikale und auch Barack Obama verlässt sich auf den Sachverstand einiger evangelikaler Kapazitäten.

Und dann: Wo gibt es einen Beleg dafür, dass evangelikale Leiter so einen Unsinn wenigstens fordern? Wo in den Tausenden von Dokumenten, die etwa die Weltweite Evangelische Allianz als Dachverband der Evangelikalen veröffentlicht hat, ließe sich das finden? Nirgends! Aber ich vermute, dass sich Frau Dietrich nie der Mühe unterzogen hat, diese Dokumente zu studieren. An der Entstehung der Naturwissenschaft haben überaus fromme Männer ihren Anteil gehabt und bis heute sind überaus fromme Männer und Frauen in allen Bereichen der naturwissenschaftlichen Forschung anzutreffen. Und sie halten Abstand „zu allem“ was als Wissenschaft gilt?

Irgendwie wird man den Eindruck nicht los, dass Dietrich sowieso immer schon gegen ProChrist war und nun händeringend irgendwelche Gründe dafür zusammenklauben muss.

Da gibt es dann solche Blüten wie: „so amerikanische Erweckungsgottesdienste, wie man sie aus dem Film kennt“. Also, das wäre ja mal interessant! Welche Filme? Und was sind ‚Erweckungsgottesdienste‘? Wenn sie ‚Revivals‘ meint, die gab es in den USA in früheren Jahrhunderten und zuletzt in den 1960ern. Und ProChrist sieht aus wie die? Das sind doch alles Vorurteile, hat aber nichts mit Sachverstand zu tun. Wenn man schon Parallelen ziehen will, dann zu Fernsehgottesdiensten großer amerikanischer Kirchengemeinden aller Richtungen.

Und mit ProChrist kommt die amerikanische Erweckungsbewegung nach Deutschland? Schon mal was vom Pietismus seit dem 17. Jh. gehört? Von Freikirchen seit dem 19. Jh.? Von CVJM oder Innerer Mission? Die innerkirchliche Evangelisationsbewegung in Deutschland stammt aus dem letzten Drittel des 19. Jh., ebenso wie federführende Organisationen, die bei ProChrist mitmachen, wie der CVJM.

Wenn etwas aus den USA stammt, dann erhebliche Teile der verwendeten Technik. Aber das dürfte ja nichts typisch Evangelikales sein. Einmal abgesehen davon, dass es an sich ja noch nichts Unmoralisches ist, Amerikanisches zu übernehmen: Die deutsche evangelikale Bewegung ist ein historisch völlig eigenständiges Gewächs und Ulrich Parzany predigt bei ProChrist als lutherischer Pfarrer in typisch lutherischer Tradition, nicht als Abklatsch amerikanischer Frömmigkeit, was immer das auch ist. Und als Fernsehprediger würde Parzany in den USA sofort durchfallen, so anders ist er.

Der nächste Hammer kommt zum Thema Mission. Nach dem „Missionsanspruch“ der Evangelikalen gefragt, antwortet sie erst korrekt: „Na ja, im Prinzip hat das natürlich jede christliche Gruppe, das steht so in der Bibel am Ende des Matthäusevangeliums.“ Angeblich missionieren dann aber doch nur die Evangelikalen. Also, in welcher Welt lebt Frau Dietrich eigentlich? Und die evangelische und katholische Kirche in Deutschland versuchen sich angeblich von einer „möglichst wörtlichen Ausführung“ „möglichst fernzuhalten“. Wie führt man denn Mission wörtlich und weniger wörtlich aus? Und selbst wenn dem so wäre, blieben ja die ungezählten Erklärungen der katholischen Kirche oder des Weltkirchenrats zugunsten von Evangelisation und zu Mission gerade der jüngeren Zeit und die enormen Missionserfolge der traditionellen Kirchen, zum Beispiel der katholischen Kirche in Afrika. Und in Deutschland? Warum diskutieren die katholischen Bischöfe die Reevangelisierung Europas? Warum führt die Evangelische Kirche Synoden zum Thema Evangelisation durch? Warum unterhalten die Landeskirchen ‚Missionarische Ämter‘? Woher kommen die Taufen von ehemaligen Atheisten oder von Muslimen in den Großkirchen? Außerdem verlaufen die Fronten, was in Mission geht und nicht, längst quer durch alle Kirchen und durch den Weltkirchenrat ebenso wie mitten durch die evangelikale Bewegung. Eine schwarz-weiße Aufteilung in Evangelikale und Nichtevangelikale mag zwar plakativ sein, hat aber mit der Realität wenig zu tun.

Und ist nicht gerade die breite Repräsentanz der Großkirchen oder ihrer Mitglieder bei ProChrist – immerhin der Anlass des Interviews – nicht Beweis genug, dass Frau Dietrich sich irrt?

Es ist doch wohl eher so, dass Frau Dietrich eben mit dem Flügel der Großkirchen sympathisiert, der ihrer Auffassung entspricht, dass man nicht missionieren sollte und nicht wahrhaben will, dass Mission so sehr zum Wesen des christlichen Glaubens gehört, dass man, wenn man diese Mission loswerden will, sicher – respektvoll und in aller Freiheit – den christlichen Glauben aufgeben kann – aber ein Christentum zu konstruieren, in dem Christen nicht mehr darüber sprechen, warum sie Christen sind, und in dem im Gottesdienst oder etwa bei Abendmahl bzw. Messe nicht mehr von ‚Verkündigung‘ die Rede ist, schwer zu konstruieren ist. Man kann – und muss – unter Christen darüber diskutieren, ja streiten, wie Mission aussehen sollte und was Mission auf keinen Fall tun sollte, aber sie kurzerhand abschaffen?

Übrigens, auch die Wortwahl lässt kein ökumenisches Miteinander bei Frau Dietrich vermuten, sondern herablassende Besserwisserei. So gehört die Hälfte der Evangelikalen nicht den Evangelischen Landeskirchen an, sondern „ist organisiert in irgendwelchen kleinen Freikirchen“. So hat man vielleicht vor 50 Jahren über kleinere Kirchen in Deutschland gesprochen, die in anderen Ländern zahlenmäßig die Konfessionen der deutschen Großkirchen oft bei weitem überflügeln, aber heute? Das klingt jedenfalls nicht so, als ob Frau Dietrich im ökumenischen Miteinander mit diesen Kirchen Gottesdienst gefeiert oder gemeinsame Sozialprojekte betrieben hätte.

Schließlich geriert sich Frau Dietrich noch zur Fachfrau mit Insiderwissen, wenn sie weiß, dass ProChrist vor allem zu schon Bekehrten spricht und diese stützt, weniger „neue Mitglieder gewinnt“. Nur deswegen, so meint sie, wird ProChrist von den Landeskirchen gestützt, weil sie an diese gestandenen Mitarbeiter heranwollen.

Nun gibt es zum Erfolg dieser Art der Evangelisation genügend – auch wissenschaftliche – Untersuchungen, auch wenn wir Fachleute längst keine so eindeutigen Ergebnisse vorwiesen können, wie Frau Dietrich in einem Satz. Doch das Ergebnis stimmt im Großen und Ganzen mit weltweiten Ergebnissen überein: Bei dieser Art der Evangelisation werden vor allem Außenstehende gewonnen, die schon über längere Zeit persönlichen Kontakt zu engagierten Christen hatten, wobei an den öffentlichen Abenden nun gewissermaßen der Sack zugebunden wird. Und die Angesprochenen gehen dann überwiegend in die Kirche oder Gruppe, zu der ihr Langzeitkontakt gehört. Die Kombination aus dem persönlichen Engagement Hunderttausender im persönlichen Umfeld mit einem großen Medien-Event macht das Erfolgsrezept aus. Und die Kirchen sind daran interessiert, dass ihre engagierten Mitglieder solche persönlichen Kontakte haben oder aufbauen lernen und dass dann diejenigen, die über solche Kontakte für ein aktives Christsein gewonnen werden, dann nicht woanders hin abwandern, sondern die Kirchengemeinden bereichern.

Zum Schluss bietet Dietrich noch ihr Argument, warum Wulff nicht im Kuratorium von ProChrist bleiben sollte. (Ich vermute auch, dass er als Bundespräsident dort aufhören wird, wenn auch aus ganz anderen Gründen, doch darum geht es mir hier nicht.)

Als Bundespräsident, so Dietrich, steht Wulff für den Rechtsstaat, während die Religionen für das Irrationale und eine Macht über dem Rechtsstatt stehen.

Man höre und staune: Es geht also wieder einmal nur vordergründig um die Evangelikalen, auf die man recht einfach einprügeln kann, ohne allzuviele Gegner zu wecken. Im Prinzip aber geht es um Religion an sich. Wulff sollte als Bundespräsident bei keiner irgendwie gearteten Religion ein Amt wahrnehmen, da Religion zu viele irrationale Elemente hat. Hätte Frau Dietrich das gleich im ersten Satz gesagt, hätte jeder Bescheid gewusst und man hätte sich die ganzen Missinformationen zu ProChrist sparen können. Denn selbst wenn ProChrist Frau Dietrich zuliebe ganz anders würde, religiös würde es immer bleiben.

Und wenn der Hauptvorwurf ist, Gott als „höchste Autorität“ anzuerkennen, dann müsste man von Wulff doch nicht nur fordern, ProChrist aufzugeben, sondern überhaupt gleich seinem christlichen Glauben abzuschwören. Denn wer den Rechtsstaat repräsentiert, kann und darf doch nicht an einen Gott glauben, der über allem steht! Grundgesetz und Amtseid des Bundespräsidenten „So wahr mir Gott helfe!“ hin oder her! Oder sollte der Bundespräsident dann konsequenterweise vielleicht sogar für die Änderung der Präambel des Grundgesetzes plädieren, um dort den Gottesbezug rauszustreichen? Ist nicht dort mit der Formulierung „in Verantwortung vor Gott“ genau das gemeint, dass es am Ende eine höhere Macht gibt, vor der sich auch politisches Handeln verantworten muss?

Michael Prüller hat das in der österreichischen Zeitung ‚Die Presse‘ treffend so kommentiert:

„Aus dem Mund einer Theologin ist das ein interessantes Gebot: Du sollst keinen höheren Gott haben als das Gesetz, also als die Bundestagsmehrheit! Ansonsten ist die Idee ja nicht neu. Im römischen Imperium hat es zunächst den Juden und dann den Christen gar nicht gut bekommen, sich den Luxus eines an Gottes Geboten ausgerichteten Gewissens zu leisten, das über dem gesetzten Recht steht. Später wurde das dann allgemein anerkannt. Heute wird wieder mehr darüber diskutiert, ob nicht doch die Grundrechte das Höchste sind, das alle bindet.“ „Oder hat Frau Dietrich gemeint, dass Wulff deswegen aus dem Kuratorium austreten solle, damit er den deutschen Bürger nicht ermuntere, gelegentlich mal das Gewissen über das Gesetz zu stellen?“

Michael Prüller. „Die höchste Autorität“. DiePresse.com vom 3.7.2010 (Quelle hier, in der Printausgabe vom 4.7.2010)

Cornelsen muss anti-evangelikale Passagen streichen: Hier meine Stellungnahme

So meldete es der Börsenverein des deutschen Buchhandels:

Cornelsen muss anti-evangelikale Passagen streichen
Das bayerische Kultusministerium duldet keine anti-evangelikalen Passagen in einem Schulbuch und verwehrt dem Cornelsen-Verlag die Zulassung des neuen Englischbuchs „Context 21“, „wenn es weiter Aussagen enthält, die Evangelikale in den USA in ein sehr schlechtes Licht rücken“. Das hat die Behörde auf Anfrage der Evangelischen Nachrichtenagentur idea mitgeteilt.
In dem Kapitel „Fundamentalismus in Amerika“ behaupte die Journalistin Susan Jacoby, dass „ein unbestreitbarer, starker Zusammenhang zwischen religiösem Fundamentalismus und einer fehlenden Bildung“ bestehe. Kreationismus habe „die öffentliche Bildung in vielen Regionen des Landes nachhaltig beeinflusst“. Er sei ein wichtiger Grund dafür, dass amerikanische Gymnasiasten weniger über die Wissenschaft wissen, als Gleichaltrige in Europa und Asien. Diese Darstellung stimme „teilweise nicht mit den in Artikel 131 der Bayerischen Verfassung formulierten Obersten Bildungszielen überein“, so das Kultusministerium.

Bereits im März hatten sich zwei Lehrer über das Buch beschwert. Ein führender Mitarbeiter der Weltweiten Evangelischen Allianz, Thomas Schirrmacher, warf Jacoby vor, „hochkomplexe Zusammenhänge in einem stark religiösen Land wie den USA auf einfache Stereotypen zu reduzieren“. Danach hatte der Verlag angekündigt, den Text zu überarbeiten. Dies geschah allerdings nach Ansicht der Kritiker nur sehr unzureichend. Sie beschwerten sich erfolgreich beim Ministerium. Der Cornelsen-Verlag wollte sich nach Angaben der Evangelischen Nachrichtenagentur bislang nicht zu dem Vorgang äußern. (Quelle)

Auf vielseitige Bitte gebe ich hier meine Stellungnahme vom 4.3.2010 zu den antievangelikalen Passagen in einem Englischbuch des Cornelsen Verlages wieder, die das Bayrische Kultusministerium abgelehnt und der Verlag daraufhin zurückgezogen hat:

Susan Jacoby reduziert hochkomplexe Zusammenhänge in einem stark religiösen Land wie den USA auf ganz einfache Stereotypen, mit denen sie wunderbar bestimmte Gruppen diskriminieren kann. So führt sie zum Beispiel den Kreationismus und Intelligent Design rein auf die Evangelikalen zurück. Unter Evangelikalen – so Gallupumfragen in den USA – glauben 70% nicht an Evolution, unter Katholiken 30%, das heißt über 20 Millionen. Das zeigt, dass die wirklichen Verläufe wesentlich komplizierter sind, denn es gibt Zigmillionen von Evangelikalen, die die theistische Evolution vertreten und Zigmillionen von Nichtevangelikalen, die die Evolution ablehnen. Aber wenn man einer Gruppe die Schuld an allen Miseren geben will, ist für solche Differenzierungen natürlich kein Platz.

Angeblich sollen amerikanische Gymnasiasten wegen des verbreiteten Kreationismus weniger über Wissenschaft wissen, als Gymnasiasten in Europa und Asien. Das ist schlicht Unsinn und wird von keinem Erziehungswissenschaftler so vertreten. Die Gründe dafür sind vielschichtig und haben nur bedingt mit Religion zu tun. Und gerade die vielen Gymnasiasten an christlichen (evangelikalen) Privatschulen ebenso wie in der Homeschoolbewegung in den USA liegen in ihrem Kenntnisstand wissenschaftlicher Zusammenhänge weit vor ihren amerikanischen Altersgenossen. Man vergesse bitte nicht: An kreationistischen Schulen wird Evolution und Schöpfung unterrichtet, die Evolutionstheorie kann danach in der Regel besser referiert werden.

Weil angeblich in der USA in der Unterschicht der Glaube an die Bibel verbreiter ist als unter Hochschulabsolventen, sei die Verbindung zwischen Fundamentalismus und fehlender Bildung bewiesen. Auch das ist Unsinn. In aller Welt gehören die Gebildeten nun einmal zu den unreligiösesten Menschen. Die Evangelikalen in den USA gehören überwiegend zur gebildeten Mittelschicht, nicht zur Unterschicht. Wer die USA kennt, weiß, dass große religiös motivierte – auch evangelikale – Universitäten in den USA ganz vorne mitmischen.

Im übrigen bedient die Darstellung von Jacoby in einem Schulbuch viele irrige Klischees über die USA. Die ach so gebildeten Europäer sind den religiösen Amerikanern haushoch überlegen. Der Schüler, der die USA dann tatsächlich besucht, wird dort eine ganz andere Welt vorfinden.

Und hier die dazugehörige idea-Meldung vom 7.3.2010 und anschließend die Meldung aus PRO vom 28.6.2010 zum weiteren Verlauf, danach weitere Links zur Debatte:

Kritik an Darstellung Evangelikaler: Schulbuch wird überarbeitet

Berlin/Bonn (idea) – Weil zwei Lehrer die einseitige Darstellung Evangelikaler in einem geplanten Englischbuch kritisieren, will der Cornelsen-Verlag (Berlin) die umstrittene Passage überarbeiten. In dem noch nicht erschienenen Band „Context 21“ werden evangelikale Christen in den USA in ein negatives Licht gerückt.

Im Kapitel „Fundamentalismus in Amerika“ behauptet die Atheistin und Journalistin Susan Jacoby, dass „ein unbestreitbarer, starker Zusammenhang zwischen religiösem Fundamentalismus und einer fehlenden Bildung“ bestehe. Kreationismus habe „die öffentliche Bildung in vielen Regionen des Landes nachhaltig beeinflusst und ist ein wichtiger Grund dafür, dass amerikanische Gymnasiasten weniger über die Wissenschaft wissen, als Gleichaltrige in Europa und Asien“. Der Direktor des Internationalen Instituts für Religionsfreiheit der Weltweiten Evangelischen Allianz, Prof. Thomas Schirrmacher (Bonn), sagte auf idea-Anfrage, Jacoby reduziere hochkomplexe Zusammenhänge in einem stark religiösen Land wie den USA auf einfache Stereotypen. So führe sie zum Beispiel Kreationismus und Intelligent Design rein auf die Evangelikalen zurück. Laut Umfragen würden aber in den USA nicht nur 70 Prozent der Evangelikalen, sondern auch 30 Prozent der Katholiken die Evolutionstheorie ablehnen. „Das zeigt, dass die wirklichen Verläufe wesentlich komplizierter sind, denn es gibt Zig-Millionen von Evangelikalen, die die theistische Evolution vertreten, und Zig-Millionen von Nichtevangelikalen, die die Evolution ablehnen“, so Schirrmacher. „Aber wenn man einer Gruppe die Schuld an allen Miseren geben will, ist für solche Differenzierungen natürlich kein Platz.“ Die Aussage, dass amerikanische Gymnasiasten wegen des verbreiteten Kreationismus weniger über Wissenschaft wissen als Gymnasiasten in Europa und Asien, sei zudem „schlicht Unsinn“. Die Evangelikalen in den USA gehörten überwiegend zur gebildeten Mittelschicht, nicht zur Unterschicht. Wer die USA kenne, wisse, dass große religiös motivierte – auch evangelikale – Universitäten ganz vorne mitmischten.

Verlag räumt falsche Darstellung ein

Der Cornelsen-Verlag teilte auf idea-Anfrage mit, dass er derartige Hinweise sehr ernst nehme. „Wie jeder andere Text des Buches spiegelt der angesprochene Text die Sichtweise seines Verfassers, aber nicht notwendigerweise die Sicht der Redaktion wider“, hieß es. „Wir werden aber Aufgabenstellungen so überarbeiten oder ergänzen, dass eine kritische Auseinandersetzung mit dem Text stärker in den Fokus gerückt wird. Gleichzeitig müssen wir einräumen, dass die Definition von ,Intelligent Design‘ tatsächlich so verknappt ist, dass sie falsch ist. Wir werden sie überarbeiten.“ Ob der geplante Erscheinungstermin im Mai zu halten sein wird, sei unklar.

Kein Einzelfall

Es ist nicht das erste Mal, dass der Cornelsen-Verlag in die Kritik gerät. Ende vergangenen Jahres hatte die Kirchliche Sammlung um Bibel und Bekenntnis in Bayern sich kritisch zu einem Deutschbuch geäußert, in der die „Sage vom Doktor Faust“ behandelt wird. Zu den Aufgabenstellungen für die Fünftklässler gehörte unter anderem, eine Beschwörungsformel für den Teufel zu verfassen und zu überlegen, welche Verlockungen heute einen Teufelspakt rechtfertigen könnten. In einem anderen Englischbuch, das im vergangenen Jahr erschienen ist, wurden Evangelikale diskreditiert. So hieß es in einem Text: „Wir können über diese Menschen lachen, aber wir sollten sie nicht abweisen. Dass ihr Glaube schwachsinnig ist, bedeutet nicht, dass sie eine Randerscheinung sind.“

Ministerium verbietet anti-evangelikales Schulbuch

In einem Schulbuch für die Oberstufe dürfen evangelikale Christen nicht pauschal als weniger gebildet bezeichnet werden. Das entschied das bayerische Kultusministerium nach Protesten gegen das Buch „Context 21“ aus dem Schulbuchverlag Cornelsen.

Ein Englisch-Buch des Schulbuchverlages Cornelsen verstößt gegen die bayerische Verfassung, weil es keine Achtung vor religiösen Gefühlen anderer zeige, urteilte das bayerische Kultusministerium

Das Englisch-Lehrbuch „Context 21“ enthält ein Kapitel zum Thema „Fundamentalismus in Amerika“. Darin steht ein Text der amerikanischen Schriftstellerin Susan Jacoby, in dem sie behauptet, dass „ein unbestreitbarer, starker Zusammenhang zwischen religiösem Fundamentalismus und einer fehlenden Bildung“ bestehe. Der Glaube an die göttliche Schöpfung unserer Welt habe „die öffentliche Bildung in vielen Regionen des Landes nachhaltig (negativ) beeinflusst“, heißt es da. Dies sei ein Grund dafür, dass das Wissen amerikanischer Gymnasiasten geringer sei als das von gleichaltrigen Schülern in Europa und Asien.

Im März hatten sich zwei Lehrer über das Buch beschwert. Auch der Vorsitzende der Theologischen Kommission der Weltweiten Evangelischen Allianz, Thomas Schirrmacher, warf Jacoby vor, in ihrem Text „hochkomplexe Zusammenhänge in einem stark religiösen Land wie den USA auf einfache Stereotypen zu reduzieren“. Danach hatte der Verlag angekündigt, den Text zu überarbeiten. Dies geschah allerdings nach Ansicht der Kritiker nur sehr unzureichend.

Wie die Evangelische Nachrichtenagentur „idea“ berichtet, entschied nun das Kultusministerium von Bayern, dass das Schulbuch des Berliner Cornelsen-Verlages nicht zugelassen werden könne, wenn es die umstrittenen, anti-evangelikalen Aussagen enthalte. Die Politiker erklärten, die Passage stimme  nicht mit Artikel 131 der Bayerischen Verfassung überein. Darin heißt es unter „Ziele der Bildung“: „Oberste Bildungsziele sind Ehrfurcht vor Gott, Achtung vor religiöser Überzeugung und vor der Würde des Menschen (…)“.

Der Verband Evangelischer Bekenntnisschulen begrüßte laut „idea“ diese Entscheidung. Das angesprochene Kapitel stelle die Evangelikalen sehr einseitig dar, so Vorstandsmitglied Gerhard Ellermann. Der Cornelsen-Verlag wollte sich bislang nicht zu dem Vorgang äußern.

Nicht das erste anti-evangelikale Cornelsen-Buch

Es ist nicht das erste Mal, dass der Cornelsen-Verlag Texte in Schulbüchern abdruckt, die evangelikale Christen scharf angreifen. Das Englischbuch „Crossover“ (Band 2, 1. Auflage, ISBN 978-3-06-020483-0) aus dem Jahr 2009 hat ebenfalls „fundamentalistische Christen“ zum Thema gemacht und davor gewarnt, diese seien einem religiösen „Wahn“ verfallen, der auf der Bibel gründe. Es enthält einen Artikel der britischen Tageszeitung „The Guardian“, der überschrieben ist mit „Ihr Glaube ist übergeschnappt, aber sie sind das Herz der Macht“. Diese Christen wollten einen Krieg im Nahen Osten herbeiführen, weil dann der Messias wieder käme. Das Buch forderte die Schüler auf: „Wir können über diese Menschen lachen, aber wir sollten sie nicht abweisen. Dass ihr Glaube schwachsinnig ist, bedeutet nicht, dass sie eine Randerscheinung sind.“

Laut „idea“ brachte der Cornelsen-Verlag außerdem im vergangenen Jahr ein Deutschbuch heraus, in dem die Sage von Doktor Faust behandelt wird. Der Verein „Kirchliche Sammlung um Bibel und Bekenntnis“ (KSBB) in Bayern habe das Buch kritisiert, weil darin die Aufgabe gestellt worden sei, eine Beschwörungsformel für den Teufel zu verfassen und zu überlegen, welche Verlockungen heute einen Teufelspakt rechtfertigen könnten.

Im Sommer 2008 brachte der „Verlag an der Ruhr“ aus Mülheim, der zur Cornelsen-Holding gehört, ein Buch für Schüler der Klassen 7 bis 13 zum Thema „christlicher Fundamentalismus“ heraus. Der damals 25-jährige Verfasser Stephan Sigg schreibt darin, es gebe kaum einen Unterschied zwischen muslimischen und christlichen Fundamentalisten. Während die Welt aus irgendwelchen Gründen jedoch den radikalen Islam zum „Sündenbock“ erkoren habe, gelte: „Christliche Fundamentalisten verbreiten nach wie vor ihren Glauben mit Gewalt.“ Auch in Deutschland versuchten diese christlichen Fundamentalisten ihre Herrschaft auszubreiten. Sie seien antimodern und fortschrittsfeindlich. „Ihre Aktionen können für eine Gesellschaft gefährlich werden“, heißt es in dem Schulbuch.

Quelle: pro-medienmagazin.de

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Atheistische Kritik an der Entscheidung des Landes Bayern („Zensur in der Schule: Bayern lässt anti-evangelikale Passagen in Schulbüchern streichen“) findet sich hier.

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Thomas Schirrmacher