Thomas Schirrmacher
ArchivChristenverfolgung

Religion und Gewalt in Indien 2: Die Hindutva

September 23, 2012 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar 

24% der Bevölkerung, also über eine viertel Milliarde Einwohner gehören zu den unterprivilegierten, in der Verfassung eigens erfassten und eigentlich in Artikel 17 seit 1947 abgeschafften ‚Scheduled Castes‘ (SC), die sich in die Dalits (früher bei uns ‚Kastenlose‘ oder ‚Unberührbare‘ genannt) und den wesentlich kleineren Teil der ‚Scheduled Tribes‘ (ST), der Stammesvölker, unterteilen. Millionen von ihnen machen den Hinduismus und sein Kastendenken für ihre Lage verantwortlich und sind zum Islam, Buddhismus und Christentum übergetreten – die Hauptzielscheibe der Religionsverfolgung und das Ziel der Hindutva-Fundamentalisten ist, eine weitere Abwanderung zu verhindern und so viele wie möglich zwangsweise zurückzubekehren.

Wie man in anderen Ländern zwischen friedlichem Mehrheitsislam und die politische Herrschaft anstrebendem Islamismus differenzieren muss, muss man zwischen dem friedlichen Mehrheitshinduismus und dem, was man in Indien Hindutva nennt – dem fundamentalistischen Hinduismus, unterscheiden, wie er in der Partei ‚Bharatiya Janata Party‘ (BJP) verkörpert wird, die der politische Arm des größten und militanten Freiwilligenkorps der Welt ‚Rashtriya Swayamsevak Sangh‘ (RSS, ‚Reichsfreiwilligenkorps‘) und zahlreicher damit verbundener Organisationen ist.[1]

Die fundamentalistischen Bewegungen in Islam, Buddhismus (vor allem in Sri Lanka) und im Hinduismus stammen alle von Vordenkern aus den 20ern und 30er Jahren des letzten Jahrhunderts ab und sind in der Schlussphase des Kolonialismus entstanden.[2] Sie alle vertreten eine neue Form ihrer jeweiligen Religion, die es vorher so nicht gegeben hat. Die Partei ist geboren aus der Idee der 1920/30er Jahre, dass Indien allein dem Gott Rama gehöre. Das ist natürlich nicht einfach eine radikale Form des klassischen Hinduismus, der Begriff „Hinduismus“ wurde ja erst von den Engländern zum Zwecke von Volkszählungen geschaffen, um die zahllosen indischen Religionen zusammenzufassen. Das ist eine ganz neue Theorie, denn dass das Land nur einem Gott gehöre, ist eine Entlehnung aus monotheistischen Religionen.

In Indien hat es lange gedauert, bis die Ideologie der Hindutva in der großen Politik ankam,[3] in einer Demokratie natürlich in Form einer Partei, der Bharatiya Janata Party (BJP). Noch in meinem Studium beschäftigten wir uns mit der Hindutva als theologischer Größe, nicht als politischer, auch wenn mein Lehrer, der Religionswissenschaftler Hans-Joachim Klimkeit schon 1981 Schlimmeres kommen sah.[4]

Überall, wo diese Partei als Koalitionspartei mitregiert oder gar die Regierung stellt, werden Gesetze gegen andere Religionen verabschiedet oder kommt es, wie im Bundesstaat Orissa, gleich zu einem Gemetzel an Anhängern anderer Religionen.

„Eine Trennung von Staat und Religion ist für Hindu-Fundamentalisten unvorstellbar. Ich darf an dieser Stelle noch einmal daran erinnern, dass der Hinduismus von seinem Selbstverständnis eine Religion ist, die alle Bereiche des menschlichen Daseins vom Moment der Zeugung bis zum Tod und darüber hinaus durchdringt. Die durch die indische Verfassung garantierte Gleichbehandlung aller Religionen sehen insbesondere die politisch orientierten Fundamentalisten als Verrat am Hinduismus. Daher ist es eines ihrer wesentlichen Ziele, den Hinduismus zur vorherrschenden und allein bestimmenden Religion in Indien zu machen.“[5]

In den 1990er Jahren erlebte der Hindu-Nationalismus einen großen Aufschwung, was sich zum Teil mit den Problemen und Fehlern der seit Jahrzehnten unangefochtenen Kongresspartei erklärt, aber auch mit der radikalen wirtschaftlichen Modernisierung des Landes. Der Hindutva-Extremismus wandte sich traditionell vor allem gegen Muslime, massiv dann ab den 1990er Jahren. Die BJP und die ihre verbundenen Organisationen waren – um nur die herausragendsten Beispiele zu nennen – 1992/93 die Aufwiegler bei den schweren Unruhen in Mumbai und ganz Indien nach der Zerstörung der Babri-Moschee und Verursacher der Gewaltwellen zwischen Hindus und Muslimen im westindischen Bundesstaat Gujarat im Jahr 2002.

Die den Anspruch, dass Indien nur den Hindus gehöre, vertretende Partei BJP wuchs in den neunziger Jahren zur stärksten politischen Kraft Indiens. 1998 ging die BJP mit 23,3% der Stimmen als zweitstärkste Partei aus den Wahlen hervor. Zwischen 1998 und 2004 bildete sie die Regierung in Indien mit dem Premierminister Atal Behari Vajpayee, erlitt dann aber Wahlniederlagen gegen die säkulare Kongresspartei, zuletzt 2009. Man sieht als einen Grund für die Niederlage der BJP an, dass es in den von ihr regierten Bundesstaaten, zuletzt in Orissa, zu schweren Christenverfolgungen mit vielen Toten und Zigtausenden Vertriebenen kam.

Ironischerweise griff der Neo-Hinduismus als Grundlage des gewalttätigen hinduistischen Fundamentalismus der Gegenwart mit der Berufung auf den ‚Hinduismus‘ ein von der britischen Kolonialmacht eingeführtes Etikett auf: Erst im 19. Jahrhundert wurden von den Briten verschiedenste religiöse Traditionen in Indien unter dem Sammelbegriff ‚Hinduismus‘ zusammengeführt. Zuvor gab es eigentlich kein Bewusstsein dafür, dass die vielfältigen religiösen Richtungen und Praktiken in Indien eine gemeinsame Religion bilden. Seit dem 19. Jahrhundert wurde die klassische, brahmanische Traditione des Hinduismus neu formuliert und betont (Re-Hinduisierung), zum anderen wurde der Hinduismus als Gemeinsamkeit stiftende Tradition politisch genutzt (Neo-Hinduismus), wobei man sich – mit zum Teil ganz neuen Interpretationen – auf die alten religiösen Schriften des Veda oder der großen indischen Epen (Mahabharata, Ramayana) stützte. Ein Beispiel dafür ist der Rama-Kult, die Verehrung Ramas als königlicher Inkarnation des Gottes Vishnu, den es in dieser Form früher nicht gab. Daraus entstand die moderne politische Idee des Ramarajya, der Herrschaft Ramas über ganz Indien. Der Neo-Hinduismus entwickelte eine neue Geschichtsauffassung, in der für Islam und Christentum kein Platz war. Der Hinduismus erscheint nun als ursprüngliche Religion der Inder, der von späteren Entwicklungen gereinigt werden muss. Die indische Geschichte wird nun periodisiert. Einer ersten Periode, dem Goldenen Zeitalter der Hindu-Herrscher folgt die muslimische und dann die britische Invasion und Verunreinigung. Jetzt muss Indien wieder ganz für den Hinduismus zurückerobert werden. Das gemeinschaftsbildende Element des hinduistischen Fundamentalismus ist der Glaube an die Einzigartigkeit der indischen Erde. Indien, Pakistan, Bangladesch, Nepal, Sri Lanka, Bhutan und große Teile Birmas, werden als ‚heiliges Land‘ mit zentraler Bedeutung für die Weltgeschichte und als Wohnort der Götter betrachtet, eine Folge der gemeinsamen Kontrolle dieses Gebietes durch den britischen Kolonialherren. Obwohl die Politisierung des Hinduismus bereits im 19. Jahrhundert begann, konnte sein Einfluss zunächst durch die säkulare Staatsgründungsidee Indiens und die lange Herrschaft der Kongresspartei zurückgedrängt werden. Seine schon lange gewaltsame Seite trat in das Blickfeld der Weltöffentlichkeit, als Hindus 1992 die Babri-Moschee von Ayodhya zerstörten, um an gleicher Stelle einen Tempel des Hindu-Gottes Rama zu errichten.

Ich habe mehrfach die These vertreten, dass die Hauptursache für zunehmende Christenverfolgung aber auch Einschränkung von Religionsfreiheit überhaupt einerseits fundamentalistische Bewegungen sind, andererseits ein zunehmender religiöser Nationalismus, der Nationalismus mit der Zugehörigkeit zur Mehrheitsreligion gleichsetzt.[6] In Indien findet sich eine untrennbare Mischung beider Bewegungen als Hauptproblem für die abnehmende Toleranz gegenüber religiösen Minderheiten.

Die wichtigsten Organisationen des politischen Hinduismus

(1) Die RSS (Rashtria Svayamsevak Sangh = Nationaler Freiwilligenverband) ist die Mutterorganisation der Sangh Parivar, der ‚Nationalen Gemeinschaft aller Hindus‘. 1925 unter dem charismatischen Führer K. B. Hedgewar gegründet, entwickelte sie sich schnell zur führenden Organisation des politisch erneuerten Hindutums. Die paramilitärisch und hierarchisch straff strukturierte Organisation hat etwa 5 Mio. Anhängern und unterhält über 27.000 Trainingslager (Shakas) für Kämpfer für ein ‚Hindustan‘.

(2) Ein Ableger des RSS ist der 1964 in Bombay gegründete Weltrat der Hindus (VHP = Vishwa Hindu Parishad). Er ist das eigentliche kultur- und religionspolitische Sprachrohr des fundamentalistischen Spektrums weltweit. Die VHP unterhält in ganz Indien und weltweit soziale, karikative, religiöse und publizistische Einrichtungen. Ziel ist vor allem, die Konvertierung von Hindus zum Islam, Buddhismus oder Christentum zu verhindern.

(3) Die aus der RSS hervorgegangen Partei ist die Allindische Volkspartei (BJP = Bharatya Janata Partei). Sie versteht sich als Hüterin des hinduistischen Erbes und kämpft gegen die angebliche Bevorzugung von Muslimen und gegen den Säkularismus der derzeit wieder regierenden Kongresspartei. Die BJP stellt in einigen Bundesstaaten die Regierung und einige Jahre den Ministerpräsidenten.

(4) Radikaler, aber nur regional vertreten als die BJP ist die Shiv Sena, die „Armee Shivas” unter straffer Führung ihres Gründers Bal Thackeray stellt seit 1968 mit Unterbrechungen den Bürgermeister der Riesenstadt Mumbais (früher Bombay). „Die Schlägertrupps der Shiv Sena sind nicht nur bei fast allen blutigen Auseinandersetzungen zwischen Hindus und Muslimen an vorderster Front, sondern sie sind auch oftmals deren Drahtzieher und Organisatoren, wie z.B. 1992 in Mumbai, als fast 1000 Menschen, vorwiegend Muslime, bei blutigen Ausschreitungen ihr Leben verloren.”[7]

An vielen Orten unternimmt die örtliche Polizei nichts, wenn Hinduextremisten gegen Muslime, Christen oder andere vorgehen. Eher werden noch einige der Opfer vorübergehend festgenommen. Zwar sind spätere Eingaben bei höheren Autoritäten oder bei Gerichten meist erfolgreich, aber bis dahin sind die Opfer Freiwild und weder die Täter noch die inaktiven Polizisten werden belangt. Oft wird auch ein Kompromiss erzwungen, etwa eine Bestechungszahlung durch die Opfer oder das Angebot, dass die Opfer nicht mehr behelligt werden, aber den Ort verlassen und ihre Häuser aufgeben müssen.

Im westindischen Bundesstaat Gujarat wurde im März 2003 von der Polizei versucht, alle Bekehrungen zum Christentum und alle christlichen Organisationen zu erfassen und deren subversiven Tätigkeiten für das Ausland zu belegen, um ein Gesetz gegen Religionswechsel von Hindus zu erlassen. Der Oberste Gerichtshof des Bundeslandes untersagte diese Umfragen als gegen die Verfassung gerichtet, sie wurden aber dennoch fortgesetzt und das Gesetz schließlich verabschiedet.

Anfang 2012 wurde in Mumbai eine Synagoge zerstört und der Rabbi und seine Frau getötet. Die Regierung stellte sich nicht etwa auf die Seite der Juden, sondern verwies am 3.2.2012 den 2010 eingereisten Rabbiner einer der ältesten Synagogen im Land in Ernakulam im Bundesstaat Kerala – erbaut im Jahr 1568 – innerhalb von zwei Monaten des Landes, angeblich aus Sicherheitsgründen.

Es sei noch angemerkt, dass es kein Zufall ist, dass die religiöse Gewalt in Bundesstaaten mit Antibekehrungsgesetzen am höchsten ist, ohne hier monokausale Beziehungen herstellen zu wollen. Aber weltweit lässt sich zeigen, dass Einschränkung von Religionsfreiheit eher Gewalt hervorbringt, als Religionsfreiheit und freie Religionsausübung eine friedliche Gesellschaft begünstigt, während deren Beschränkung, um Unruhe zu verneiden, diese Unruhe oft gerade herbeiredet.[8]


[1] Jakob Rösel. „Ideologie, Organisation und politische Praxis des Hindunationalismus: Lehre, Rituale und Wirkung des RSS und der BJP“. Internationales Asienforum 25 (1994): S. 285–313.

[2] Siehe ausführlicher Thomas Schirrmacher. Fundamentalismus: Wenn Religion zur Gewalt wird. Holzgerlingen: SCM Hänssler, 2010.

[3] Michael Schied. Nationalismus und Fundamentalismus in Indien. Der Ayodhya-Konflikt. Saarbrücken: Müller, 2008; Clemens Six. Hindu-Nationalismus und Globalisierung. Frankfurt: Brandes, 2001; Andreas Schworck. Ursachen und Konturen eines Hindu-Fundamentalismus in Indien aus modernisierungstheoretischer Sicht. Berlin: Verlag für Wissenschaft und Bildung, 1997; Ernst Pulsfort. Indien am Scheideweg zwischen Säkularismus und Fundamentalismus. Würzburg: Echter, 1991.

[4] Hans-Joachim Klimkeit. Der Politische Hinduismus. Wiesbaden: Harrasowitz, 1981.

[5] Katharina Ceming. „Hinduismus: Auf dem Weg vom Universalismus zum Fundamentalismus?“. polylog. Zeitschrift für interkulturelles Philosophieren 12 (2004), S. 99–114 (= 1-15), auch unter http://them.polylog.org/5/ack-de.htm (15.3.2012). S. 7.

[6] Zuletzt in „Aktuelle Entwicklungen der Christenverfolgung weltweit“. S. 59–82 in Kuno Kallnbach, Helmut Matthies (Hg.). Bedrängt, verfolgt, getötet. Gießen: Brunnen, 2012.

[7] Katharina Ceming. „Hinduismus: Auf dem Weg vom Universalismus zum Fundamentalismus?“. polylog. Zeitschrift für interkulturelles Philosophieren 12 (2004), S. 99–114 (= 1-15), auch unter them.polylog.org/5/ack-de.htm (15.3.2012). S. 13.

[8] Siehe Brian J. Grim, Roger Finke. The Price of Freedom Denied: Religious Persecution and Conflict in the Twenty-First Century. Cambridge: Cambridge University Press, 2010 und meinen Kommentar dazu unter http://www.thomasschirrmacher.info/archives/1792 (15.3.2012).

Religion und Gewalt in Indien 1

September 20, 2012 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar 

Auch wenn im Folgenden viel Negatives zu berichten ist, ist festzustellen, dass in Indien über eine Milliarde Menschen friedlich zusammenleben und Indien angesichts der aufs Ganze gesehen noch sehr kleinen Zahlen gewalttätiger Übergriffe noch alle Hoffnungen hat, der Lage Herr zu werden, wenn die Regierung nur bereit ist, entschlossen durchzugreifen und die Religionsfreiheit zu einem hohen Gut und unverzichtbaren Kennzeichen der Demokratie macht.

Das Verhältnis der Religionen untereinander ist ein seit der Geburt Indiens 1947 ungelöstes Problem. Das kann man nur mit großem Bedauern feststellen, hat doch dies wunderschöne und vielfältige Riesenland viele andere Hausaufgaben gemacht und in vielen Punkten gegenüber anderen ehemaligen Kolonien große Erfolge aufzuweisen. Es fällt mir schwer, so negativ über ein Land zu schreiben, dass mir solch große Gastfreundschaft gewährt hat.

Doch Mahatma Gandhis unrealistischer Traum der Hindu-Muslim-Einheit ging bereits vor und während der Unabhängigkeit Indiens nicht nur in seiner Ermordung durch einen Hinduextremisten, sondern vor allem in der Spaltung in das vorwiegend hinduistische Indien und das fast rein muslimische Pakistan unter. Die ethnische Säuberung Pakistans und die Vertreibung von Muslimen aus Restindien führten zu einem riesigen Blutbad flüchtender Muslime und Hindus mit 750.000 bis 1.000.000 Toten. 1947–1954, 1965, 1971 und 1999 kam es zu direkten Kriegen zwischen Indien und Pakistan bzw. muslimischen Terrorbewegungen in Kaschmir, der an Pakistan angrenzenden nördlichsten indischen Provinz mit einem hohen Prozentsatz an Muslimen. Seit 1986 kämpfen Muslime in Indien gewaltsam für ein unabhängiges Kaschmir, der Konflikt kostete seit 1989 21.000 Zivilisten das Leben. Die größten Anschläge fanden 1993 in Mumbai (257 Tote), 2001 in Srinagar 2003 und 2006 in Mumbai (57 + 200 Tote), 2005 in Neu-Delhi (62 Tote), 2007 in Hyderabad (42 Tote), 2007 in einem Zug nach Pakistan (65 Tote) und 2008 in verschiedenen Städten (130 Tote) und in Mumbai (174 Tote) statt.

Doch so sehr der islamistische Terror zu verurteilen ist, so ungern wird darüber gesprochen, dass der politische Hinduismus und seine offizielle Duldung mit Schuld an der Situation sind. Er wird offiziell in der Partei Bharatiya Janata Party (BJP) verkörpert, die zeitweise die Bundesregierung stellte und in einigen Bundesstaaten die Parlamentsmehrheit innehat – mit verheerenden Folgen für die Anhänger anderer Religionen.

Diese fundamentalistische Strömung des Hinduismus will zwangsweise den Hinduismus erhalten – etwa indem man die Hunderte Millionen Dalits zwingt, ihre Rolle als Unberührbare weiter zu akzeptieren. Nach ihrer Meinung gehört das Land der Inder nur den Hindus – in den meisten indischen Sprachen sowieso dasselbe Wort. Vielerorts gelten Muslime als Bürger zweiter Klasse und es gab und gibt eine nennenswerte Gewalt seitens indischer Nationalisten gegen Muslime und Moscheen.

Deswegen gibt es in Indien nicht nur gewaltsame Spannungen zwischen Hindus und Muslimen, sondern auch mit anderen Religionen. Im Punjab versuchten die Sikhs gewaltsam einen eigenen Staat zu errichten, was 1980 und 1984 von der indischen Armee brutal beendet wurde, worauf ein Sikh-Leibwächter Indira Gandhi ermordete. Das Problem schwelt bis heute weiter. Das Verhältnis zum Buddhismus ist nur friedlicher, weil viele Hindus den Buddhismus zum Hinduismus zählen. Kommt es aber zu Massenübertritten von Dalits (Unberührbaren) zum Buddhismus, bekommen auch Buddhisten den Hass zu spüren.

Erst wenn man dies sieht, versteht man auch den Zusammenhang mit der erschreckend zunehmenden Gewalt gegen Christen aller Art, gegen die seit 1800 Jahren alteingesessenen Thomaschristen ebenso wie gegen die seit 450 Jahren im Land bestehenden Katholiken und die seit 250 Jahren im Land lebenden Protestanten.

Solange die Zentralregierung gegen religiöse Gewalt von fundamentalistischen Hindus gegen Dalits, Muslime, Sikhs, Stammesreligionen, Juden, Christen und andere nicht konsequent vorgeht, sondern Bundesstaaten gewähren lässt, parteiliche Gerichtsurteile unterstützt und im Wahlkampf mit religionsnationalistischen Äußerungen auf Stimmenfang geht, schürt sie nur die Gegengewalt der Religionsanhänger, die prinzipiell gewaltbereit sind. Glücklicherweise zählen die Christen zu den friedlichen Bürgern des Landes und verhalten sich pazifistisch gegenüber Angriffen, auch wenn sie zwischen die Fronten gewalttätiger Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und Hindus geraten.

Religionsfreiheit ist nie nur eine Frage schöner Worte in Verfassungen, sondern auch eine Frage der Bereitschaft der Träger des Gewaltmonopols, gegen die vorzugehen, die die Religionsfreiheit gewaltsam verhindern wollen. Dazu benötigt man 1. gute Gesetze, 2. den Einsatz von Polizei und Bundesheer zum Schutz der Opfer und 3. durch gerechte Aufarbeitung vor Gericht und gerechte Ahndung. An allen drei Punkten mangelt es in Indien.

Dürfen Christen sich für verfolgte Christen einsetzen?

Oktober 24, 2011 by Schirrmacher · 1 Kommentar 

Immer wieder wird bemängelt, dass sich Christen für diskriminierte und verfolgte Christen einsetzen. Ja, Christen tun das, aber sie setzen sich zugleich auch für die Religionsfreiheit anderer ein. Aber warum kritisiert man denn nicht die Religionen, die sich wirklich nur für sich selbst einsetzen?

Nehmen wir das Beispiel der Organisation der Islamischen Konferenz (Organisation of Islamic Conference, OIC). Die Statuten erklären klar, dass sich diese 59 Staaten nur für die Belange verfolgter muslimischer Minderheiten einsetzen und es ist nicht bekannt, dass sie jemals davon abgewichen wären. (Dass sie sich dabei sogar nur für muslimische Minderheiten in nichtmuslimischen Ländern einsetzen, nie in islamischen Ländern, ist dann doppelt bitter.)

Dass sich kleine Religionen wie die Bahai vor allem für sich selbst einsetzen, ist nachvollziehbar, reichen die Ressourcen meist noch nicht einmal, dass eigene Schicksal wirklich bekannt zu machen. Aber gerade die Bahai betonen ständig, dass Religionsfreiheit für alle gilt und unterstützen übergreifende Initiativen für die Religionsfreiheit aller regelmäßig, national wie international.

Auf die Schnelle kann ich nicht erkennen, dass es über den christlichen und säkularen Einsatz für die Bahai (und über die wenigen jüdischen Ansätze in Israel) hinaus irgendeinen nennenswerten Einsatz für die Bahai von buddhistischer, hinduistischer, geschweige denn islamischer Seite gäbe.

Ansonsten sind es doch praktisch nur säkulare bzw. weltanschauungsneutrale und christliche Organisationen, die sich gegen die Verfolgung jedweder religiöser Gruppen einsetzen.

Bei der Anhörung im Menschenrechtsausschuss im Bundestag zum Thema ‚Religionsfreiheit in Europa‘ im Herbst 2010 sprach der muslimische Experte praktisch nur für Muslime und Migranten, die Vertreterin der Humanistischen Union beklagte eigentlich nur die Lage der Atheisten in Deutschland. Für alle sprachen die beiden Juristen sowie der katholische und ich als der evangelische Experte. Ich benannte auch klar Beispiele, wo ‚christliche‘ Staaten wie Griechenland mit Unterstützung von Kirchen anderen wenig Religionsfreiheit gewähren.

Ähnlich erlebe ich es bei Dialogtreffen. Humanisten beklagen ihr Schicksal, Muslime ihres, während manche Christen nur von anderen sprechen, die meisten von anderen, als von ihren eigenen Leuten, und selbst die, die vor allem zugunsten von Christen sprechen, erwähnen dauernd andere Beispiele von Religionsfreiheit und betonen, dass Religionsfreiheit für alle gilt.

Menschenrechtsorganisationen, die sich auffällig häufig gegen Diskriminierung und Unterdrückung von christlichen Minderheiten wenden, wie die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte oder die Gesellschaft für bedrohte Völker, sind dieselben, die am häufigsten auf das Schicksal anderer religiöser Minderheiten hinweisen. Bei ihnen sitzen Christen und Anhänger anderer Religionen in Vorstand und Leitung – im Kampf für Religionsfreiheit vereint.

In der Bundestagsdebatte zum Thema Religionsfreiheit/Christenverfolgung am 17.12.2010 stellte denn auch Sibylle Pfeiffer die Frage: Wenn sich Christen nicht mehr für Christen einsetzen sollen, wird sich vermutlich niemand mehr für die verfolgten Christen einsetzen (S. 9185).

Thomas Schmid, der Chefredakteur der Welt, titelt dazu aus Anlass der wenigen Reaktionen auf die in die Luft gesprengte Kirche in Alexandria: „Wir achten unsere eigenen Traditionen nicht“ (http://www.welt.de/debatte/article11805258/Wir-achten-unsere-eigenen-Traditionen-nicht.html).

Arabellion – die Chance auf Religionsfreiheit

Oktober 13, 2011 by Schirrmacher · 2 Kommentare 

Macht die arabische Welt zu einer freien und geliebten Heimat für Millionen von Christen

Hier vorab mein Vorwort für das in Kürze erscheinende Jahrbuch „Märtyrer 2011“:

In den meisten arabischsprachigen Ländern ist ein erfreulicher Prozess in Gang gekommen, der oft kurz „Arabellion“ genannt wird. Die Zivilgesellschaft steht gegen Diktaturen und fehlende Rechtsstaatlichkeit auf und Bürger fordern Freiheit, Gleichheit und demokratische Strukturen. Dabei kommt es auch zu einer erfreulichen Zusammenarbeit von Muslimen, Christen und Menschen mit anderen Religionen und Weltanschauungen.

Kurz nach dem 40jährigen Jubiläum des Mauerbaus haben wir als Deutsche deutlich vor Augen, wie Millionen friedliche Bürger die Diktatur im Osten unseres Landes zu Fall brachten – und damit auch Religionsfreiheit wieder dort einkehrte. Ähnliches vollzog sich in vielen osteuropäischen Ländern, nur waren nicht alle so glücklich wie wir Deutschen, dass alles ohne Gewalt abging, da sich in Ländern wie Ungarn und Rumänien die Machthaber gewaltsam wehrten.

Die Geschichte und die Lage in den einzelnen arabischsprachigen Ländern ist viel zu verschieden, von ganz unterschiedlichen Forderungen geprägt, und unterschiedlich mit der Gewaltfrage verknüpft – von reiner Gewaltausübung der noch Herrschenden bis hin zu Krieg und Bürgerkrieg –, als dass es von außen her möglich ist, eine abschließende Beurteilung vorzunehmen oder im Detail Empfehlungen auszusprechen, geschweige denn zu erahnen, wie die Zukunft aussehen wird. In den meisten Ländern ist selbst bei Durchführung von Wahlen völlig offen, wer morgen regieren wird und ob die Lage sich für die Menschen wesentlich verbessern wird oder gar schlimmer wird.

Ich will an dieser Stelle nur an zwei Dinge erinnern:

Demokratie darf nicht einfach mit Wahlen verwechselt werden. Das muss gerade uns Deutschen bewusst sein, da die Machtergreifung Hitlers 1933 scheinbar durch Wahlen legitimiert war. Deswegen macht das Grundgesetz als deutsche Verfassung unmissverständlich deutlich: Demokratie ist zuallererst die Gewährung der Menschenrechte für alle gleichberechtigten Bürger, wie sie in den ersten Artikeln festgeschrieben sind und wie sie selbst der Deutsche Bundestag nicht aufheben kann (sogenannte „Ewigkeitsklausel“). Die Demokratie im Sinne der Wahl des Deutschen Bundestages ist dabei das beste denkbare Mittel, um diese Freiheit, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit dauerhaft zu gewährleisten und die Möglichkeit zu haben, Regierungen, die das nicht tun, ohne Blutvergießen durch Abwählen loszuwerden. Wo immer aber eine gewählte Regierung die Menschenrechte massiv mit Füßen tritt, handelt es sich nicht um eine Demokratie.

Also: Freiheit, Gleichheit, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit sind das Ziel, demokratische Strukturen sind das Mittel. Wahlen sind kein Selbstzweck, sondern Ausdruck freier Bürger, die allen gleichberechtigt Zugang zur Gesellschaft bieten wollen.

Es kann keine echte Freiheit und keine Menschenrechte ohne Meinungs-, Gewissens- und Religionsfreiheit geben. Wie bei der Pressefreiheit, die nicht bedeutet, dass jemand nur privat seine Texte oder Meinung sagen darf, sondern sie eben öffentlich verbreiten darf, also etwa drucken oder senden darf, machen auch Meinungs-, Gewissens- und Religionsfreiheit, wenn sie nur auf den privaten Bereich oder nur auf innerreligiöse Feiern bezogen werden, wenig Sinn.

Es hat jedoch den Anschein, als wenn nur wenige der Akteure der Arabellion überhaupt verstehen, dass die fehlende Religionsfreiheit in allen arabischsprachigen Ländern – wenn auch graduell unterschiedlich – eines der deutlichsten Kennzeichen der fehlenden Freiheit ist und diese fehlende Religionsfreiheit auf das engste und untrennbar mit vielen anderen Problemen verknüpft war und ist. Und es scheint vielen nicht bewusst zu sein, dass sich Religionsfreiheit nicht einfach von selbst einstellt, sondern einen bewussten Willen aller Beteiligten und den Willen der großen Masse der Bürger, andere in Frieden anders sein zu lassen, voraussetzt.

Nun leiden nicht nur Christen unter der fehlenden Religionsfreiheit und selbstverständlich fordern wir die Religionsfreiheit für alle Religionen, seien es unterdrückte islamische Richtungen, seien es aus dem Islam heraus entstandene Richtungen wie die Aleviten oder die Bahai, seien es alteingesessene Religionen wie Juden oder Yeziden, seien es neue religiöse Gruppen.

Aber das Schicksal der Christen ist von besonderer Bedeutung, da es alle arabischen Länder gleichermaßen – wenn auch in unterschiedliche Quanität – betrifft, ihre Zahl in der Region seit langem rapide abnimmt, und es sich hier überwiegend um autochthone Gruppen handelt, die lange vor der Ankunft des Islam in der Region heimisch waren und die kaum woanders heimisch werden können. So hat etwa die Kultur der Kopten in Ägypten seit der sehr frühen Christianisierung Ägyptens im 1. und 2. Jahrhundert n. Chr. viele Elemente der alten ägyptischen Kultur weiter tradiert, die im islamisch-arabischen Umfeld verloren gegangen sind.

Außerdem ist die Entchristlichung der arabischen Welt wohl die derzeit quantitativ schwerwiegendste Verletzung der Religionsfreiheit (und auch die schwerwiegendste Vertreibung bedrohter Ethnien) weltweit, die bereits seit hundert Jahren im Gange ist, in den letzten Jahren aber einen dramatischen Höhepunkt erfährt. Während die meisten arabischen Landstriche bereits frei von Juden sind, zeichnet sich für die viel zahlreicheren Christen der Region eine ähnliche Entwicklung ab.

Die Arabellion könnte die Möglichkeit schaffen, dass die verbliebenen Millionen von Christen in den arabischsprachigen Ländern endlich völlig gleichberechtigt werden und so weder vertrieben werden, noch ein Interesse haben, vor der ständigen Diskriminierung und Schikanierung in Länder der westlichen Welt auszuwandern. Sie könnte sogar Christen in der arabischsprachigen Welt eine solche freie Heimat bieten, dass sich viele der ausgewanderten arabischsprachigen Christen entschließen, in ihre Heimatländer zurückzukehren.

Es ist aber nüchtern darauf hinz weisen, dass die Arabellion nicht automatisch dazu führt, dass religiöse Minderheiten besser behandelt werden. Das hängt damit zusammen, dass die meisten der Diktatoren oder Herrscher, die beginnend mit Saddam Hussein zurücktreten mussten, viel weniger religiös bestimmt waren, als die Bevölkerung oder kommende, gewählte Parteien und Regierungen. Etliche der Diktatoren stammen gar noch aus der Zeit des panarabischen Sozialismus, der zur Zeit der Kalten Krieges die arabische Seele beflügelte. Sie schenkten zwar religiösen Minderheiten und vor allem alteingesessenen christlichen Kirchen keine wirkliche Freiheit, aber schirmten sie doch oft gegen islamistische Tendenzen ganz oder teilweise ab und nutzten zwar religiöse Gefühle zu ihren Gunsten, waren aber nicht selbst davon beflügelt, islamische Staaten aufzubauen. So erging es Christen unter Saddam Hussein offensichtlich besser als im heutigen Irak, den Christen in Ägypten unter Mubarak besser als derzeit. Denn während viele Christen sich für eine kommende ägyptische Demokratie stark machen, unternimmt die gegenwärtige Übergangsregierung oft noch weniger, um islamistische Gewalt gegen Kirchen einzudämmen, als Mubarak. De facto werden heute in Ägypten mehr Kirchen angezündet, mehr Christen getötet, mehr christliche Mädchen entführt und mit Muslimen zwangsverheiratet, als in früheren Jahren.

Es ist deutlich zu machen, dass es ein Irrtum islamischer Länder ist, dass zu große Religionsfreiheit Unruhe und Gewalt im Land hervorbringt. Brian Grim und Roger Finke haben in ihrer jüngsten internationalen Studie „The Price of Freedom Denied“ (Cambridge: Cambridge University Press, 2010) belegt, dass Länder ohne Religionsfreiheit im Schnitt viel mehr Unruhe und Gewalt innerhalb des Landes generieren oder auch in andere Ländern exportieren, als solche mit Religionsfreiheit. Der Zwang zu einer einheitlichen Religion schafft nicht Frieden und Ruhe im Land, sondern sorgt für ständige Spannungen der Mehrheitsbevölkerung zu ethnischen, sozialen oder religiösen Minderheiten. Wo immer Religionsfreiheit eingeführt wird, nehmen insbesondere gewalttätige Spannungen unter solchen Gruppen ab.

Praktisch alle arabischsprachigen Länder haben alle einschlägigen Menschenrechtsvereinbarungen der Vereinten Nationen unterzeichnet. Alle Staaten der Erde haben sie daran zu erinnern, gleich ob die Länder gleichzeitig in ihrer Verfassung oder über die Islamische Erklärung für Menschenrechte einen Schariavorbehalt formuliert haben. Die Arabische Charta von 2004 bestätigt erneut die Gültigkeit der Allgemeinen Erklärung für Menschenrechte und des Internationalen Paktes für Bürgerliche und Politische Freiheiten der UN. Bürger aller arabischsprachigen Länder haben also rechtlich bereits alle Freiheiten, die wir hier anmahnen. Sie werden ihnen nur oft gegen Recht und Gesetz nicht gewährt.

So könnte ein Forderungskatalog aussehen – die Veranstalter des Kongresses zur Christenverfolgung in Schwäbisch-Gmünd Ende Oktober 2011 werden bald eine breiter erarbeitete Resolution dazu vorlegen:

Wir fordern die Übergangsregierungen und die gegenwärtig aktive Zivilgesellschaft der arabischsprachigen Länder auf, sofern sie an der Umgestaltung ihrer Ländern mitwirken oder mitwirken könnten, die Verwirklichung jedes Details von Artikel 18 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte hinzuwirken, sowohl in einer Verfassung und in neuen Gesetzen, als auch im politischen und gesellschaftlichen Alltag.

Wir fordern andere Staaten – insbesondere die Bundesregierungen von Deutschland, Schweiz und Österreich als die Vertretungen unserer eigenen Staaten – auf, auf jedem nur möglichen ständigen oder außerordentlichen Weg die Staaten und die Akteure der Zivilgesellschaften zu ermutigen, aufzufordern und bei Verstoß deutlich zu kritisieren;

  • dass es Demokratie nur mit Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit geben kann,
  • dass Religionsfreiheit ein integraler Bestandteil davon ist,
  • dass Hilfszusagen für den Wiederaufbau daran geknüpft werden, dass es Gleichberechtigung und Zugang zur Zivilgesellschaft für alle gleichermaßen gibt, auch für Nichtmuslime.

Wir fordern die Organisation der Islamischen Konferenz auf, zu deren 59 Mitgliedsstaaten alle arabischsprachigen Länder gehören:

  • Beenden Sie ihre schriftlich fixierte Politik, sich nur für islamische Minderheiten außerhalb ihrer 59 Mitgliedsstaaten einzusetzen.
  • Gewähren Sie also auch islamischen Minderheiten aller Art in ihren Ländern Religionsfreiheit und üben Sie untereinander Einfluss auf Mitgliedsländer aus, statt so zu tun, als gäbe es Verletzung der Religionsfreiheit nur außerhalb der islamischen Welt.
  • Formulieren Sie erstmals deutlich, dass Sie sich auch für die Freiheit aller religiöser Minderheiten einsetzen, in den 59 Mitgliedsstaaten ebenso wie in allen Ländern der Erde, und nennen sie die größten davon beim Namen, damit diese wissen, dass sie zu deren Schutz da sein wollen.

Wir verpflichten uns selbst:

  • Für alle Menschen in der arabischsprachigen Welt häufig zu beten und ihnen Frieden und Freiheit zu wünschen.
  • Insbesondere dafür zu beten, dass die Christen dort Weisheit und Mut vom Heiligen Geist empfangen, wie sie die Zukunft mitgestalten können und sollen und in ihrem Respekt anderen Menschen gegenüber als Vorbilder wirken.
  • Uns persönlich bekannte Bürger der arabischsprachigen Länder zu ermutigen, in ihren Ländern einen ganz neuen Weg zu wagen, der Rechtstaatlichkeit und Religionsfreiheit für alle einschließt.
  • Unsere Kirchen zu ermutigen oder aufzufordern, auch die Kirchen in arabischsprachigen Ländern besonders zu unterstützen, die nicht im Mittelpunkt der medialen oder kirchlichen Öffentlichkeit stehen.
  • Unsere Kirchen zu ermutigen oder aufzufordern, überhaupt oder weiterhin jeden vorhandenen Kontakt in die arabischsprachigen Länder zu nutzen, um eine auf Menschenrechte gegründete Demokratie mit Religionsfreiheit zu fördern.
  • Diejenigen Politiker zu unterstützen, die sich in dieser Sache besonders engagieren.

Zur Kritik der Zahl von 178.000 (2010) bzw. 100.000 (2011) christlichen Märtyrern pro Jahr

August 22, 2011 by Schirrmacher · 1 Kommentar 

Seit vielen Jahren gibt es für jedes Jahr immer nur eine einzige Zahl, die jährlich als Gesamtzahl der christlichen Märtyrer pro Jahr angegeben wird, die Zahl des ‚Global Status of Mission’. Diese Zahl wird zwar von verschiedenen Institutionen zitiert, aber nur von einer Institution errechnet. Derzeit wird sie am häufigsten vom päpstlichen Missionswerk ‚Kirche in Not’ (‚Aid to the Church in Need’) zitiert, das von 130.000–170.000 Märtyrern pro Jahr spricht, aber keine eigenen Untersuchungen durchgeführt hat.

Diese Zahl wird jährlich im International Bulletin for Missionary Research[1] vorgelegt. Für 2010 stand die Zahl bei 178.000, für 2009 bei 176.000,[2] für 2011 ist sie – unter anderem aufgrund unseres Einspruchs – auf 100.000 korrigiert worden.[3] Da die Zahl sich jährlich ändert, denkt jeder, es handele sich um die Zahl der Märtyrer im jeweiligen Jahr, aber tatsächlich soll den Durchschnitt pro Jahr des jeweils letzten vollen Jahrzehnts angeben (also z. B. 1990-2000, 2000-2010).

Der Kommentar zu ‚Global Status of Mission’ gibt selbst an, dass die Zahl die wohl am häufigsten zitierte Zahl aus dieser Statistik ist.[4] Durch die Bücher ‚World Christian Encyclopedia’, ‚World Christian Trends’, ‚Atlas of Global Christianity’ und die elektronische ‚World Christian Database’ ist die Zahl in dieser Größenordnung weit verbreitet worden.

Es fällt mir schwer, diese Zahl wegen ihrer weiten Verbreitung zu kritisieren, zumal sie von seriösen Forschern und guten Freunden kommt. Aber als Wissenschaftler habe ich solche Zahlen zu oft vor säkularen Kollegen, Politikern weltweit, des Deutschen Bundestages oder des Europäischen Parlaments, und natürlich Journalisten zu verantworten, als dass unser Institut (das International Institute for Religious Freedom) sie einfach nur übernehmen könnte.

Da die Zahl von vielen säkularen, christlichen, darunter auch evangelikalen[5] Forschern und Fachleuten 1. als viel zu hoch angesehen wird, und 2. als aufgrund zahlreicher Faktoren überhaupt nicht zu erheben gilt, wäre es wünschenswert, wenn es eine genaue Darstellung gäbe, aufgrund von welchen umfangreichen Recherchen die Zahl erhoben wird, welche wissenschaftliche Vorgaben dabei befolgt werden oder wie die Belastbarkeit von Forschungskollegen überprüft werden kann. All’ das liegt nicht vor – auch die ausführlichste Darstellung in den ‚World Christian Trends’ sagt nirgends, woher die Daten kommen und nach welchen Kriterien geschätzt wird.[6]

Nur ist in unserer heutigen Medienwelt natürlich jemand mit einer noch so grob geschätzten Zahl im Vorteil gegenüber demjenigen, der sagt, dass die Zahl derzeit nicht zuverlässig zu erheben ist.

Die Rolle von Bürgerkriegen

Die Zahl der 156.000–178.000 Märtyrer pro Jahr sind nach eigenen Angaben eigentlich eine Durchschnittszahl pro Jahr für die zehn Jahre 1990–2000.[7] Dabei muss man aber wissen, dass der weit aus größte Anteil der 1,6 Mio. Märtyrer in zehn Jahren auf die Bürgerkriege im südlichen Sudan und in Ruanda entfällt, ohne dass das ausdrücklich gesagt wird. Selbst bei einer sehr weiten Definition („martyrs in the widest possible sense“) von Christenverfolgung dürfte es aber zumindest umstritten sein, inwieweit man Ruanda überhaupt dazurechnen darf und wie hoch der Anteil der Toten im Südsudan ist, der auf Verfolgung von Christen durch Muslime zurückgeht und nicht entweder Animisten traf oder von südsudanesischen, brutalisierten Bürgerkriegsparteien ausging.

Für die zehn Jahre 2000–2010, deren Durschnitt die neue Zahl 100.000 aus 2011 ergeben soll, spielen Südsudan und Ruanda keine Rolle mehr. Hier fällt der Mammutanteil der jetzt angegeben 10 x 100.000 auf den Bürgerkrieg in der Demokratischen Republik Kongo (DRC). Zwar starben dabei viele Christen, aber dass sie starben, weil sie Christen waren, wird meines Wissens in der Literatur von niemandem vertreten. Vermuten wir einmal, dass für DRC 900.000 Märtyrer veranschlagt wurden. Der Rest von 100.000 Märtyrern pro Jahr über 10 Jahre käme dann einer viel niedrigeren Zahl schon recht nahe.

Was ich vor allem bemängele ist, dass nirgends die Zusammensetzung der Zahl nach Ländern angegeben wird und zwar so, dass man die Schwerpunktländer erkennen und diskutieren kann, also etwa Kongo. Dann wäre nämlich sehr leicht zu ersehen, auf welche 1–2 Länder die hohe Zahl zurückgeht. Und ich bemängele, dass über diese schwer einzuordnenden 1–2 Situationen dann keine Diskussion stattfindet.

Nun wird ja nicht einfach jeder Christ, der in einem Bürgerkrieg wie im Kongo stirbt, mitgezählt. Es wird ein Anteil der getöteten Christen geschätzt, der als Märtyrer starb. Dieser Anteil müßte dann aber erst einmal diskutiert und begründet werden. Stattdessen erfährt man nirgends, welcher Anteil geschätzt wurde, geschweige denn wieso. Es heißt nur „a substantial proportion“ der 5,4 Mio. im Kongo. Eine Erhöhung des Anteils der Märtyrer im Kongo um 10% würde aber die Gesamtzahl der 100.000 Märtyrer pro Jahr um 54.000, also um 30% noch oben steigen lassen! Würden 10% weniger als der unbekannte Prozentsatz im Kongo geschätzt, wären das jährlich 54.000 weniger, das heißt die Zahl von 100.000 würde auf 46.000 um über 50% schrumpfen! Das heißt, bei der Schätzung des Anteils der Märtyrer an den Opfern der Unruhen in Kongo wird de facto die Gesamtzahl der Märtyrer weltweit entschieden.

Zur Definition

Ich sehe einen generellen Widerspruch zwischen der Definition des ‚Status of Global Mission’, Märtyrer seien „believers in Christ … in a situation of witness“ und der Aussage „Defining and enumerating martyrs in the widest possible sense“.

Eine innerchristliche, theologische Definition wird immer viel enger sein, als eine soziologische. Als Religionssoziologe sehe ich durchaus, dass für die säkulare Welt eine sehr weite Zahl gewählt werden darf, die nicht darauf Rücksicht nimmt, ob der ermordete Christ ein Baby, ein schlechter Kirchgänger oder ein Sektierer war. Ich halte dann selbst die „situation of witness“ für unnötig. Wenn in Ägypten eine Kirche in die Luft gesprengt wird und dabei 20 Menschen getötet werden, ist das Christenverfolgung, sogar dann, wenn die 20 Ermordeten nur interessierte Gäste waren.

Meine weiteste politische Definition wäre: „Getötete Christen, die nicht getötet worden wären, wenn sie keine Christen gewesen wären.“ Aber: Selbst wenn ich diese Definition zugrunde lege, komme ich bei weitem nicht auf 170.000 oder 100.000 christliche Märtyrer pro Jahr.

Mehr als 50 Märtyrer am Tag?

Ereignisse mit 20 oder 50 ermorderten Christen werden heutzutage nicht nur in der christlichen Welt breit berichtet, sondern in einigen Ländern wie Deutschland in der Regel sogar auf der Titelseite von Zeitungen. Experten, die sich mit Christenverfolgung beschäftigen, bekommen sie sowieso mit. Keiner würde sagen, dass das jeden Tag vorkommt. Aber selbst wenn wir einmal davon ausgehen, es gäbe täglich ein Ereignis mit 50 ermorderten Christen, wären das im Jahr immer noch erst 18.250. Bei 20 am Tag wären es 7.300 – eine Zahl, die ich für realistischer halte.

Man mag entgegen halten, dass es Ereignisse mit höheren Zahlen als 50 gab und gibt. Ja, es gibt sie, aber es sind Einzelereignisse und sie sind über die Jahre versetzt. Ich kenne folgende Länder in den letzten Jahren, auf die das zutrifft: Indonesien, Indien, Irak, Nigeria. Nur dass sich diese Ereignisse kaum überschnitten haben. In den letzten Jahren sind diese schrecklichen Ereignisse punktuell innerhalb von 1–3 Jahren geschehen und in den Jahren danach von anderen Schwerpunktländern abgelöst werden. Oder anders gesagt: Ein Ereignis mit mehr als 100 christlichen Märtyrern in einem Land pro Jahr gibt es in der Regel in einem Jahr nur einmal auf der Welt.

Was für merkwürdige Zahlen herauskommen, wenn man einfach grob schätzt, zeigt sich, wenn man in der ‚World Christian Database’ die Länder nach der jährlichen Zahl der Märtyrer sortiert, wobei dort der Durchschnitt der letzten 50 Jahre gewählt wurde, also ab 1960.

In Dänemark und Finland soll es je 15 Märtyrer pro Jahr geben, in Schweden 19, in der Schweiz 20, in den Niederlanden 39, in Australien 45, in Kanada 76, in Großbritannien 149 und in Deutschland sage und schreibe 192. In all diesen protestantischen Ländern sind seit 1960 keine Märtyrer bekannt, niemals aber das jeweils 50fache der genannten Zahlen.

Dass die hohen Zahlen schwer nachvollziehbar sind und auf großzügige Schätzungen der Anteile christlicher Märtyrer an Krieg und Bürgerkrieg zurück gehen, gilt genauso für die Geschichte. Gab es wirklich 1.000.000 Märtyrer durch die Nationalsozialisten? Kein Erforscher des Nationalsozialismus (zu denen ich mit 2 Dissertationen selbst zähle) würde das bestätigen. Zwar starben im 2. Weltkrieg Millionen von Christen, aber nicht, weil sie als Christen verfolgt wurden. Zu wirklichen christlichen Märtyrern zählen solche Christen, die wegen ihres christlichen Widerstandes oder als Geistliche oder Vetreter von Glaubensgemeinschaften getötet wurden. Ihr Schicksal ist sehr gründlich erforscht, ihre Geschichte wird in Personenlexika dargestellt und zu fast jedem liegt ein Lebenslauf vor.[8] Dennoch sind es insgesamt nur einige Tausende, nicht 1 Mio.

Soviel Märtyrer wie Tote in Bürgerkriegen und Kriegen?

Ich möchte noch einen anderen Vergleich ziehen, der mir die Zahl 170.000 oder 100.000 als zweifelhaft erscheinen läßt. Laut Statistik der World Health Organization gab es 2004 184.000 Opfer von Kriegen und Bürgerkriegen.[9] Und die Zahl der Märtyrer soll etwa genauso groß sein, ohne dass man die Fälle, die diese Zahlen zusammenbringen lassen, selbst als Experte nicht sofort auflisten kann? Man kann doch alle Kriege und Bürgerkriege eines Jahres auflisten und so deutlich machen, wie sich die 184.000 Opfer verteilen. Wenn die Zahl der Märtyrer etwa genauso groß ist: wieso kann man dann nicht genauso die Ereignisse auflisten und zusammenzählen, quasi aus dem Kopf? Wieso fallen dann selbst Experten viel zu wenige Großereignisse ein, die die hohen Zahlen erklären könnten?

Auf dem Weg zu einer tatsächlichen Zahl für vergangene Jahre

Wie hoch ist denn die Zahl der jährlichen christlichen Märtyrer tatsächlich? Ich beschäftige mich seit Jahren damit und habe weltweit mit jedem mir bekannten Experten aller großen Konfessionen und darüber hinaus diskutiert, der dazu etwas zu sagen hat. Einmal ganz abgesehen von der Schwierigkeit der Definition: Selbst wenn man eine konkrete Definition vorgibt, weichen Experten schon für einzelne Länder stark voneinander ab. Sind die ‚verschwundenen Christen’ Nordkoreas vor Jahrzehnten oder Jahren umgebracht worden oder leben sie noch in Zwangslagern und werden auch aktuell getötet?

Fragt man nach der Gesamtzahl weltweit, wagt praktisch keiner eine Schätzung. Zudem sind sich alle einig, dass eine Durchschnittszahl keinen Sinn macht, sondern die Zahl der Märtyrer von Jahr zu Jahr sehr stark schwankt. Deswegen muss die Zahl – wenn überhaupt – für jedes Jahr neu erhoben werden. Wer eine Zahl für z. B. 2010 hört, geht ja sowieso davon aus, dass dies kein Durchschnittswert für 1990–2000 ist, sondern dass irgendeine Institution die Zahl konkret für 2010 erforscht, belegt oder wenigstens realistisch aufgrund von Berichten geschätzt hat.

Insgesamt sind wir meines Erachtens von einer zuverlässigen Zahl der Märtyrer pro Jahr weit entfernt. Das Internationale Institut für Religionsfreiheit wird am Ball bleiben und will zu einer fairen und offenen Diskussion weltweit beitragen.

Was wir brauchen ist eine Datenbank, in der wir für ein Jahr alle bekannten, größeren Fälle eintragen so dass wir am Ende eines Jahres nicht nur eine brauchbare Schätzung gewinnen, sondern jeder anhand der Auflistung die Belastbarkeit der Schätzung überprüfen kann.


[1] www.internationalbulletin.org.

[2] „Status of Global Mission, 2011“, see http://ockenga.gordonconwell.edu/ockenga/globalchristianity/resources.php.

[3] „Status of Global Mission, 2011“. International Bulletin of Missionary Research 35 (1011) 1: 29, line 28; cf. Commentary „Christianity 2011: Martyrs and the Resurgence of Religion“. Ibid. p. 28.

[4] Ibid. p. 28.

[5] Z. B. http://www.persecution.net/faq-stats.htm;

[6] David Barrett, Todd Johnson. World Christian Trends. Pasadena (CA): William Carey Library, 2001. Kap. 16.

[7] „Christianity 2011: Martyrs and the Resurgence of Religion“. Ibid. p. 28.

[8] Z. B. für den katholischen Bereich: Helmut Moll (Hg.). Zeugen für Christus: Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts. 2 Bde. Paderborn: Schöningh, 2010, 5. Aufl.; für den evangelischen Bereich: Harald Schultze und Andreas Kurschat (Hg.). „Ihr Ende schaut an …“: Evangelische Märtyrer des 20. Jahrhunderts. Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 20082.

[9] World Health Organisation. The Global Burden of Disease. Geneva: WHO, 2008. S. 74, s. http://www.who.int/topics/global_burden_of_disease/en/. Vgl. die Angabe von 171.000 für 2002 in der Karte des Atlas der wirklichen Welt: http://www.worldmapper.org/display_extra.php?selected=484.

Religiöser Terror darf nicht das letzte Wort haben!

Schon wieder verliere ich einen Freund, der gegen die Verfolgung religiöser Minderheiten angekämpft hat, durch eben diese Verfolgung! Ich hätte ihn Ende März getroffen, so muss ich auf die Ewigkeit bei Gott warten. Unsere englische Meldung als Weltweite Evangelische Allianz findet sich in meinem Blog hier. In tiefer Trauer stimme ich dem Auslandsbischof der EKD zu:

„Religiöser Terror darf nicht das letzte Wort haben!“
EKD-Auslandsbischof verurteilt Mord an christlichem Minister in Pakistan scharf

Der Auslandsbischof der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Martin Schindehütte, hat den Mord an dem pakistanischen Minister für religiöse Minderheiten am heutigen Mittwoch aufs Schärfste verurteilt. „Shahbaz Bhatti war ein Hoffnungsträger für die religiösen Minderheiten und ist mutig für die Menschenrechte in Pakistan eingetreten. Es ist eine sehr schmerzliche Folge seiner festen Haltung und seines konsequenten Handelns, dass er dafür mit seinem Leben bezahlen musste.“ Dieser schreckliche Anschlag, so befürchtet Schindehütte, solle weiter Unfrieden zwischen den Religionen schüren und den Druck von islamischen Fundamentalisten auf die Regierung erhöhen. „Es kann nicht sein, dass durch solche brutalen Gewalttaten ungehindert Angst und Schrecken verbreitet werden. Der religiöse Terror darf nicht das letzte Wort haben!“ so Schindehütte weiter. Konkret forderte der Auslandsbischof die pakistanische Regierung auf, sich von solchen Attentaten nicht einschüchtern zu lassen und die Minderheiten im eigenen Land besser zu schützen. Aber auch die EU und die Bundesregierung sollten sich gegenüber Pakistan noch entschiedener und mit politischen Konsequenzen für die Menschenrechte und insbesondere für die Religionsfreiheit einsetzen.

Der einzige christliche Minister in der Regierung von Premier Yousuf Raza Gilani hatte sich mit seinem Einsatz gegen das so genannte Blasphemie-Gesetz viele Feinde gemacht. Mit diesem Gesetz können für Menschen, die den Islam kritisieren oder aus dem Islam konvertieren, schwere Strafen bis zur Todesstrafe verhängt werden. Er trat für eine Reform ein und kämpfte für eine Rehabilitation von Asia Bibi. Die christliche Frau wurde zum Tode verurteilt, weil sie in einem privaten Streit den Propheten Mohammed kritisiert haben soll. Schon vor einigen Wochen war der Gouverneur der Provinz Punjab ebenfalls wegen seines Eintretens für religiöse Minderheiten ermordet worden.

Gemeinsam mit zahlreichen ökumenischen Partnern und den pakistanischen Kirchen fordert die Evangelische Kirche in Deutschland schon lange eine Aufhebung dieses Gesetzes, das Angehörige von nichtmuslimischen Religionsgemeinschaften systematisch diskriminiert. Sie bittet die internationale Staatengemeinschaft, insbesondere die UNO mit ihrem Menschenrechtsrat, auf die uneingeschränkte Wahrung der Menschenrechte in Pakistan hinzuwirken.

Hannover, den 02. März 2011, Pressestelle der EKD, Reinhard Mawick

Hier die Originalmeldung als PDF.

Faire Berichterstattung über verfolgte Christen

Dezember 4, 2010 by Schirrmacher · 1 Kommentar 

Die Landessynode der ‚Evangelischen Landeskirche in Württemberg‘ hat auf ihrer Herbsttagung nach kontroverser Diskussion mehrheitlich folgenden beachtentswerten Beschluss verabschiedet:

Faire Berichterstattung über verfolgte Christen

Menschenrechte sind für uns unteilbar. Deshalb danken wir Presse und Rundfunk für eine aufmerksame Berichterstattung bei einer Verletzung der Menschenrechte. Wenn Christen leiden und ermordet werden, ist dies ebenfalls eine Frage der Menschenrechte, aber auch eine Herausforderung für die Kirche, bei der wir unsere Stimme erheben. Leitend ist für uns 1. Korinther 12,26: „Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit.“ So bitten wir Rundfunk und Presse, sich dieses Themas weiter anzunehmen, um entrechteten Menschen eine Stimme zu geben, auch damit Politiker reagieren können.

  • Wir bitten die Presse, auf präzise Unterscheidungen zu achten. Es darf nicht sein, dass unter dem Stichwort Fundamentalismus islamistische Selbstmordattentäter mit christlichen Missionaren, die im Dienste der Nächstenliebe anderen helfen, in Eins gesetzt werden.
  • Wir bitten den Oberkirchenrat, die Gemeinden schnell von Menschenrechtsverletzungen und Christenverfolgung zu informieren, damit in Gottesdiensten Fürbitte geleistet werden kann.
  • Wir bitten alle Delegierten der Landeskirche in Rundfunk- und Medienbeiräten, konstruktiv mitzuarbeiten und Journalisten sachgemäß über kirchliche Zusammenhänge zu informieren und zu beraten.
  • Wir bitten die Missionswerke und freien Werke, konstruktiv und offen mit Medien zusammenzuarbeiten, auch offen zu sein für kritische Anfragen.

Mehrheitlicher Beschluss der Württembergischen Evangelischen Landessynode am 24.11.2010

Quelle: Hier und hier.

In der Pressemeldung der Synode heißt es zu dem ausgezeichnet Bericht zur Lage verfolgter Christen in Nigeria, Nordkorea, Iran und Irak, mit diese Landeskirche ihre langjährige Vorreiterolle in dieser Frage weiter ausbaut:

In einem bewegenden Bericht über verfolgte Christen schilderte Kirchenrat Klaus Rieth die oft hoffnungslose Situation von Christen in anderen Ländern. So erinnerte Rieth an die Ereignisse in der Erlöserkirche der Syrisch-Katholischen Gemeinde in Bagdad am 31. Oktober 2010. Bei der gewaltsamen Beendigung einer Geiselnahme in dieser Kirche in Bagdad seien über 50 Personen getötet und nahezu ebenso viele verletzt worden. Hintergrund der Tat seien Forderungen nach Freilassung von Al-Kaida-Mitgliedern gewesen. Auch Nordkorea gelte seit Jahren als das religiös repressivste System der Welt. Gerade deshalb sollten Christen trotz der schwierigen Informationslage der bedrängten und verfolgten Menschen dort gedenken. Die Synodalen sprachen sich für deutliche Signale an Politik und in die Gemeinden aus, um das Thema bekannt zu machen und verfolgte Christen, die als Flüchtlinge nach Deutschland kommen, zu unterstützen und  für die Verfolgten in ihren Ländern zu beten.

Siehe auch den Bericht S. 12 hier.

Der Bericht selbst findet sich hier als PDF.

Einschränkung der Kirchen auf leisen Sohlen?

September 26, 2010 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar 

Ein Auszug daraus erschien in der Evangelischen Zeitung

Gemessen an der Lage eines Großteil der Weltchristenheit in Ländern ohne wirkliche Religionsfreiheit ist es vermessen, in den westlichen Demokratien von der Gefahr der Christenverfolgung zu sprechen. Christen in China oder gar Iran können nur den Kopf schütteln, wenn bei uns vorschnell von Verfolgung gesprochen wird, da sie sehen, welche Freiheiten Christen bei uns haben, wie der Rechtsstaat funktioniert und von Christen in Anspruch genommen werden kann und welche Möglichkeiten Christen haben, sich über eigene und andere Medien breites Gehör zu verschaffen.

Das darf aber nicht dazu führen, dass man sich nicht mit drohenden Gefahren für die Religionsfreiheit auch bei uns auseinandersetzt. Dabei muss man nüchtern sehen: Wenn es innerhalb der EU oder überhaupt innerhalb der westlichen Wertegemeinschaft zu einer Bedrückung von Kirchen und Religionsgemeinschaften kommt, dann sicher nicht auf dem plumpen Weg der Gewalt, sondern auf dem sanften Weg des Gesetzes und auf dem Weg der verzerrten Darstellung in den Medien. Gegen letztere kann man sich dabei durch Aufklärungsarbeit wehren, gegen das Gewaltmonopol des Rechtsstaates ist dagegen nur wenig auszurichten, wenn nicht zuständige höchste Gerichte selbst ungerechte Gesetze eingrenzen.

18 Menschenrechtsorganisationen und religiöse Verbände wie die Katholische Bischofskonferenz und der Amerikanisch-Islamische Kongress, sowie die Generalstaatsanwälte von 13 amerikanischen Bundesstaaten haben gerade eine gemeinsame Eingabe beim Supreme Court der USA gemacht, dass das Recht religiöser Gemeinschaften, selbst über ihre Mitgliedschaft entscheiden zu können, unbedingt geschützt werden müsse. Anlass ist ein Rechtsstreit um eine christliche Studentenorganisation, die eine juristische Fakultät nicht zugelassen hatte, weil sie dadurch, dass ihr nur Christen angehören könnten, andere Menschen diskriminiere. In den USA ist eine massive Auseinandersetzung darüber entbrannt, inwieweit neuere Gesetze im Interessenkonflikt zwischen Religionsfreiheit und anderen Werten die Religionsfreiheit weit stärker einschränken dürfen, als es bisher üblich war.

Und tatsächlich haben die zunehmenden Antidiskriminierungsbestimmungen, so begrüßenswert sie in manchen Bereichen sind, zwei Folgen, die die Kirchen betreffen, auch im Bereich der EU.

Zum einen geht es beim Arbeitsrecht darum, inwiefern die Religionsgemeinschaften noch selbst entscheiden können, wer für sie arbeitet und wer sie repräsentiert. Deutschland hat sich entschieden, den diesbezüglich Ausnahmetatbestand für religiöse Organisationen der EU-Antidiskrimierungsrichtlinie sehr großzügig auszulegen, warum uns bisher Urteile gegen Religionsgemeinschaften erspart blieben – die dazugehörigen Rechtsstreitigkeiten gab es bereits gelegentlich. Großbritannien etwa ist den umgekehrten Weg gegangen und hat den Ausnahmetatsbestand noch weiter eingeschränkt. Katholische Adoptionsstellen mußten im Dutzend geschlossen werden, weil sie keine Kinder an homosexuelle Paare vermitteln wollen, obwohl diese Paare doch eigentlich genügend andere Vermittlungsstellen finden. Die EU-Kommission ringt derzeit um weitere Antidiskriminierungsrichtlinien, der Ausnahmetatbestand für religiöse Organisationen steht dabei zur Disposition.

Zum anderen geht es darum, inwiefern Religionsgemeinschaften ihre Sicht weiterhin öffentlich vertreten können, oder inwieweit in ihren ethischen Positionen oder in ihrer Abgrenzung von anderen Religionen oder etwa Sekten Hassrede gegen andere gesehen wird. Auch hier hat Deutschland sehr zurückhaltend reagiert. Großbritannien dagegen ist so weit vorgeprescht, dass bereits zweimal harmlose anglikanische Bischöfe in das Räderwerk der Justiz gerieten, weil sie sich in Predigten zu ethischen Fragen geäußert haben. Der eine wurde freigesprochen, der andere zu einer Geldstrafe und einem Antidiskriminierungskurs verurteilt. Die Gesetze gegen Hassrede, so moralisch wünschenswert es ist, dass Menschen einander nicht hassen, sind aber meist Gummiparagraphen, die die Meinungsfreiheiten immer weiter einschränken.

Christenverfolgung in der BILD Zeitung

Dezember 2, 2009 by Schirrmacher · 1 Kommentar 

Nach langem Interview erschien heute folgender Artikel in der BILD, zum Glück auf Seite 2, nicht wie beim letzten Mal mit mir auf S. 1 neben einer Nacktdarstellung :-)

Minarett-Verbot in der Schweiz erzürnt Moslems

Wie viel Kirchturm erlaubt Allah?

02.12.2009 – 00:45 UHR

Moslems in der ganzen Welt protestieren gegen das Minarett-Verbot der Schweiz.

Der Rat der islamischen Gemeinschaften in Hamburg empörte sich gestern über das „intolerante“ Verbot, das die Schweizer in einer Volksabstimmung beschlossen haben. Es missachte „verfassungsmäßige Rechte einer religiösen Minderheit“. Der türkische Premier Erdogan sprach von einer „rassistischen und faschistischen Haltung“ der Schweiz gegen Moslems.

Aber wie steht es um die Religionsfreiheit in islamischen Ländern – wie viel christlichen Kirchturm erlaubt Allah?

„Die Türkei, Malaysia, Iran, Jordanien, Saudi-Arabien, Marokko sind – in verschiedenen Abstufungen – noch immer meilenweit von religiöser Toleranz entfernt, wie wir sie in Mitteleuropa kennen. Die wenigsten islamischen Länder kennen echte Religionsfreiheit“, meint der Bonner Theologe und Religionssoziologe Prof. Thomas Schirrmacher.

Beispiel Türkei: Offiziell herrscht dort zwar Religionsfreiheit. Doch in der Praxis werden Christen am Bosporus behindert, verfolgt, bespitzelt, in seltenen Fällen sogar mit dem Tode bedroht! 2007 ermordeten Jugendliche drei Missionare in der Stadt Malatya, fesselten ihre Opfer, schnitten ihnen die Kehlen durch. Auf dem Höhepunkt des Streits um die 2006 in dänischen Zeitungen veröffentlichten Mohammed-Karikaturen wurde der katholische Priester Andrea Santaro (60) erschossen.

Christliche Kirchen dürfen in der Türkei keine Häuser oder Grundstücke kaufen, keine Schulen oder Klöster einrichten. „Bestehende Einrichtungen werden systematisch dem Verfall preisgegeben“, so Prof. Schirrmacher. Folge: Die deutsche Evangelische Gemeinde in Ankara hält ihre Gottesdienste auf dem Gelände der Deutschen Botschaft ab.

Beispiel Saudi-Arabien: Dort genügt es, wenn Christen ein Kreuz oder eine Bibel mit sich führen, um sie für Monate ins Gefängnis zu sperren. Selbst in der eigenen Wohnung ist das christliche Gebet verboten! Ein katholischer Gastarbeiter von den Philippinen landete im Knast, weil er auf einem Foto in seiner Brieftasche einen Rosenkranz betet. Verboten!

Beispiel Iran: Dort herrscht die strenge Scharia: Wer zum Christentum „konvertiert“, Werbung für Christen macht, wird mit dem Tode bestraft. Christentreffen finden – wie im alten Rom – heimlich statt, in Kellern und Scheunen. Jüngster Fall: Ehsan Fattahian († 28), ein Christ aus dem Nordiran. Wegen „Abfallens von Gott“ verurteilte ihn das Revolutionsgericht zum Tode. Das Urteil (Tod durch Erhängen) wurde – trotz internationaler Proteste – vor genau drei Wochen, am 11. November um vier Uhr früh vollstreckt.

Quelle: www.bild.de

Institut für Religionsfreiheit begrüßt Passage im Koalitionsvertrag

Oktober 24, 2009 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar 

Hier eine brandaktuelle Meldung über meine Reaktion auf den Koalitionsvertrag, der soeben den Fraktionen der CDU/CSU und der FDP vorgelegt wird:

Der Direktor des Internationalen Instituts für Religionsfreiheit (Bonn, Kapstadt, Colombo) der Weltweiten Evangelischen Allianz, der Religionssoziologe und Theologe Prof. Dr. Dr. Thomas Schirrmacher (Bonn), begrüßt den ausdrücklichen Hinweis auf Religionsfreiheit und Christenverfolgung im Entwurf des Koalitionsvertrages, wie er heute den Fraktionen vorgelegt wird. Dort heißt es im Abschnitt, in dem die Bedeutung des Menschenrechtsschutzes für die Außenpolitik hervorgehoben wird: „Ebenso kontinuierlich wird sich die Bundesregierung weltweit für Religionsfreiheit einsetzen und dabei ein besonderes Augenmerk auf die Lage christlicher Minderheiten legen.“

„Ich bin erfreut“, so Schirrmacher wörtlich, „dass die künftige Bundesregierung auch nach dem Regierungswechsel an der in den letzten Jahren erworbenen Vorreiterrolle Deutschlands im Einsatz gegen Verfolgung Andersgläubiger festhalten will.“ Religionsfreiheit sei ein wichtiges Menschenrecht im Konzert aller Menschenrechte, für das sich Außenpolitik weltweit unabhängig von jeder Parteizugehörigkeit einsetzen müsse.

Zur ausdrücklichen Erwähnung christlicher Minderheiten betonte Schirrmacher, dass dies aus seiner Sicht keine Bevorzugung sei, denn Religionsfreiheit gelte ja deutlich für alle. Sie sei einfach dem Umstand geschuldet, dass derzeit in Ländern wie Irak, Türkei, Iran oder Indien große, meist alteingessesene ethnische Minderheiten mit christlichem Hintergrund verfolgt würden, deren Rechte es zu schützen gelte.

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Thomas Schirrmacher