ArchivDogmatik
„Alle Menschen sind Sünder“ (2): Eine merkwürdige Spannung
September 1, 2011 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar
Die jüdisch-christliche Anthropologie (Lehre vom Menschen) lebt von einer merkwürdigen Spannung. Einerseits ist der Mensch als „Ebenbild Gottes“ geschaffen und von Gott mit unglaublichen Fähigkeiten und Vielfältigkeiten ausgestattet. Andererseits hat sich der Mensch als „Sünder“ von Gott abgewandt und ist zu unglaublich bösen Gedanken und Taten fähig. Dieses Böse in der Welt kann (etwa durch den Staat) nur durch Begrenzung, Hinderung und Bestrafung einerseits, und durch Vergebung, Gnade, Friedenstiften und Versöhnung andererseits angegangen werden.
Wählen wir als Beispiel unsere Kinder. Sie werden als Ebenbilder Gottes gesehen, die Anleitung und Ermutigung brauchen, die ihnen von Gott gegebenen Fähigkeiten zu entfalten, denkerische ebenso wie künstlerische, literarische ebenso wie mitmenschliche. Die selbstständige Persönlichkeit unter ihrem Schöpfer ist das Ziel der Erziehung. Erziehung ist kein Selbstzweck, sondern zielt auf eine Zeit ab, in der der zu Erziehende selbst die volle Verantwortung für sein Leben übernimmt.
Kinder werden aber ebenso als Menschen gesehen, die aufgrund der Sünde nicht mehr ihrer ursprünglichen Bestimmung entsprechend leben und deswegen Erziehung vom Bösen weg brauchen, was Ermahnung, Grenzen und Strafe ebenso einschließt wie gnädige Zuwendung, Beratung und Ermutigung zum Neuanfang.
„Alle Menschen sind Sünder“ (1), sagt der Glaube oder die Vernunft?
August 28, 2011 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar
Wenn Christen göttliche Offenbarung zum Ausgangspunkt ihres Denkens machen, bedeutet das nie und nimmer, dass sie Unsinniges glauben oder dass sich die Offenbarung grundsätzlich vernünftiger Begründung oder Diskussion entzieht. Es bedeutet nur, dass Gott bzw. die Offenbarung Aussagen machen kann, die für uns in ihrer Gesamtheit nicht zu erfassen sind, so dass wir sie erst begreifen, wenn wir sie akzeptieren und im Alltag nachvollziehen.
Wählen wir ein Beispiel: Die biblische Aussage, die die christliche Dogmatik übernommen hat, dass alle Menschen Sünder sind, kann man beispielsweise nur ‚glauben‘, nicht beweisen, denn wie sollte man eine Untersuchung an allen Menschen durchführen und wer könnte vorurteilslos jedem Menschen gerecht werden. Wer kennt schon ‚alle‘ Menschen, geschweige denn so gut, dass er ein solches Urteil über sie fällen könnte? Und wer wollte ein solches Urteil über die Menschen anderer Kulturen, über Verstorbene oder gar über die erst in Zukunft geborenen machen und wissenschaftlich erfassen? Nur der Schöpfer hat das Wissen – und das Recht und die Gerechtigkeit –, eine solche allumfassende Aussage zu machen.
Heißt das aber, dass die Aussage nur auf blindem Glauben beruht und jeder Vernunft widerspricht? Nein, denn die grundsätzliche Aussage, die für uns zu umfassend ist, wird uns Tag für Tag an uns selbst, an den Menschen, die wir kennen und an der Menschheit (wie wir sie etwa durch die Medienberichterstattung kennenlernen), bestätigt und damit auch vernünftig ‚bewiesen‘. Die Bibel konkretisiert die grundsätzliche Aussage, dass alle Menschen Sünder sind, deswegen pausenlos an konkreten Menschen, Beispielen und Sünden. Wir alle lügen konkret, hassen konkrete Menschen, lassen andere unseren Geiz spüren und leben auf Kosten anderer. Und Rassismus oder Menschen verhungern zu lassen, gibt es nur, weil konkrete Menschen daran beteiligt sind.
Da wir noch nie jemanden getroffen haben, von dem wir sagen könnten, dass er kein Sünder sei, erweist sich diese aufgrund der göttlichen Offenbarung getroffene Aussage im Rahmen unserer Überprüfbarkeit als richtig und vernünftig, weil mit der Wirklichkeit übereinstimmend. Kein Mensch hat jemals einen Menschen kennengelernt, der von klein auf nur selbstlos, liebevoll und edel war, nie betrogen oder gelogen hätte. Selbst Mutter Theresa soll bei aller Selbstlosigkeit im Großen im alltäglichen Umgang nicht immer einfach gewesen sein und hat auch neben ihren großen, weltbewegenden Worten auch manche merkwürdige politische Äußerung von sich gegeben.
Nun ist ja mit der Aussage, dass alle ‚Sünder‘ sind, noch nicht im Detail gesagt, was Sünde ist. Aber ganz gleich, wie auch immer man im Einzelnen Sünde, das Falsche, das Böse usw. definiert, man wird keinen Menschen finden, der davon völlig frei ist.
Wie man aber grundsätzlich davon ausgehen kann, dass die Bibel und das Christentum sich irren, wenn sie davon sprechen, dass alle Menschen zum Bösen neigen, ist mir schleierhaft. Haben Menschen, die das abstreiten, mit anderen Menschen zu tun als ich? Lesen sie andere Zeitungen als ich? Und haben sie noch nie von der philosophischen Einsicht gehört „Der Mensch ist des Menschen Wolf“?
Drei Seiten der Seelsorge
Februar 23, 2009 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar
Hinweis: Der Aufsatz liegt nur als PDF-Datei vor.
Der ursprüngliche Taufritus
Februar 20, 2009 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar
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The Complementary Nature of Biblical Teaching
Februar 20, 2009 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar
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Trinity and Work
Februar 20, 2009 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar
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Eine Sonderethik für die Endzeit?
Februar 18, 2009 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar
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Biblische Ganzheitlichkeit – von Paulus lernen
Februar 16, 2009 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar
[podcast]http://www.thomasschirrmacher.info/wp-content/uploads/2009/02/01.mp3[/podcast]
Christliche Glaubenslehre
Februar 10, 2009 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar
Die ‚Christianae Religionis Institutio‘, kurz ‚Institutio‘ genannt, ist das Hauptwerk des Schweizer Reformators Johannes (Jean) Calvin (1509–1564), dessen Geburtstag sich 2009 zum 500. Mal jährt. In Deutschland wurde fast ausschließlich die letzte, große Auflage des Werkes von 1559 verwendet. Die erste und kürzeste Auflage von Calvins Hauptwerk von 1536 erschien erst 1887 in deutscher Sprache in der unserer Ausgabe zugrunde gelegten Übersetzung von Bernhard Spiess. Für die vorliegende Ausgabe wurde die Übersetzung von Spiess sprachlich und orthographisch modernisiert. Zudem wurden die Abkürzungen und Verweise vereinheitlicht, die biblischen Belegstellen überprüft und korrigiert und neue Zwischenüberschriften zur schnelleren Orientierung eingefügt.
Allzuoft musste die Erstausgabe der ‚Institutio‘ von 1536 hinter der Endfassung des Werkes von 1559 zurücktreten, die bei fünffachem Umfang die reifere und abschließende Leistung Calvins war. Die Erstausgabe ist in der Forschung immer stiefmütterlich behandelt worden. Dabei gerät jedoch leicht in Vergessenheit, dass die Erstausgabe 1536 Calvins legendären Ruf begründete und 1559 die Reformation bereits gefestigt war, 1536 aber noch weitgehend erst um ihren Kurs rang und Calvin mit seiner Kurzdogmatik eine neue Literaturgattung schuf.
Das Erscheinen der ‚Institutio‘ sieht der bedeutende französische Calvinforscher Bernard Cottret als historische Schwelle der Reformationszeit, denn hier geschah eine Fixierung vieler Fragen und Themen, die im Fluss waren und viele Umherirrende gewannen eine feste Orientierung.
Durch den erstmals 1552 vom Hamburger lutherischen Pastor Joachim Westphal verwendeten und polemisch gemeinten Ausdruck ‚calvinistisch‘ ist der Eindruck entstanden, Calvin sei nur für einen Teil der Christenheit als Ziehvater von Bedeutung. Weit gefehlt. Kaum ein Reformator hat schon zu Lebzeiten so breit gewirkt, und viele Grundprinzipien der Theologie Calvins haben alle christlichen Konfessionen stark beeinflusst, wie viele Autoren betont haben. Heidi Neuenschwander-Schindler schreibt: „Unter den Reformatoren des 16. Jahrhunderts ist keiner auf Weltebene so erfolgreich gewesen wie Jean Calvin, keiner ist aber auch mehr hinter sein Werk zurückgetreten.“
Calvins ‚Institutio‘ gilt auch außerhalb der reformierten Welt als bedeutende Zusammenfassung des christlichen Glaubens. Selbst einer der polemischsten und unsachlichsten Kritiker Calvins, Stefan Zweig, schreibt: „Diese ‚Institutio‘ ist eines der zehn oder zwanzig Bücher der Welt, von denen man ohne Übertreibung sagen kann, dass sie den Ablauf der Geschichte bestimmt und das Antlitz Europas verändert haben.“
Dieser Einfluss gilt nicht nur im Bereich sozialer und gesellschaftlicher Themen oder etwa darin, dass heute selbst örtliche katholische Kirchengemeinden und praktisch fast alle Konfessionen die von Calvin eingeführte Gemeindeleitungsstruktur aus gewählten Laienältesten plus den Pastoren verwenden, sondern auch in Calvins ureignen Fachgebieten, der Exegese und – was hier herausgestellt werden soll – der Dogmatik.
Gebet ist wichtig
Februar 10, 2009 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar
Die ‚Christianae Religionis Institutio‘, kurz ‚Institutio‘ genannt, ist das Hauptwerk des Schweizer Reformators Johannes (Jean) Calvin (1509–1564), dessen Geburtstag sich 2009 zum 500. Mal jährt. In Deutschland wurde fast ausschließlich die letzte, große Auflage des Werkes von 1559 verwendet. Die erste und kürzeste Auflage von Calvins Hauptwerk von 1536 erschien erst 1887 in deutscher Sprache in der unserer Ausgabe zugrunde gelegten Übersetzung von Bernhard Spiess. Für die vorliegende Ausgabe wurde die Übersetzung von Spiess sprachlich und orthographisch modernisiert. Zudem wurden die Abkürzungen und Verweise vereinheitlicht, die biblischen Belegstellen überprüft und korrigiert und neue Zwischenüberschriften zur schnelleren Orientierung eingefügt.
Allzuoft musste die Erstausgabe der ‚Institutio‘ von 1536 hinter der Endfassung des Werkes von 1559 zurücktreten, die bei fünffachem Umfang die reifere und abschließende Leistung Calvins war. Die Erstausgabe ist in der Forschung immer stiefmütterlich behandelt worden. Dabei gerät jedoch leicht in Vergessenheit, dass die Erstausgabe 1536 Calvins legendären Ruf begründete und 1559 die Reformation bereits gefestigt war, 1536 aber noch weitgehend erst um ihren Kurs rang und Calvin mit seiner Kurzdogmatik eine neue Literaturgattung schuf. Read more


Prof. Dr. theol. Dr. phil. Thomas Schirrmacher (geb. 1960) ist Sprecher für Menschenrechte und Vorsitzender der Theologischen Kommission der Weltweiten Evangelischen Allianz, die weltweit etwa 600 Mio. evangelische Christen vertritt und Direktor von deren 2006 gegründeten Internationalen Instituts für Religionsfreiheit (Bonn, Kapstadt, Colombo)