Thomas Schirrmacher
ArchivEvangelikale

Die Evangelikalen sind eigentlich nicht gefährlich …

September 5, 2010 by Schirrmacher · 6 Kommentare 

Eine Polemik zur Kritik an Christians Wulffs Verbindung zu ProChrist

Im Deutschlandradio hat Kirsten Dietrich in einem Interview am 22.6.2010 Anklage gegen ‚ProChrist‘ als „fundamentalistische Bewegung“ erhoben (Quelle hier). Anlass war ihre Kritik an der Mitgliedschaft von Christian Wulff im Kuratorium von ‚ProChrist‘.

Einmal ganz davon abgesehen, dass Frau Dietrich offensichtlich mit religiösen Veranstaltungen überhaupt wenig anfangen kann, etwa wenn sie am Beispiel von Wulff vor allem erst einmal erkennt „dass jede Religion immer auch irrationale Elemente hat“ (seit wann gilt das nur für Religion und nicht auch für Medien, Kunst oder Politik?) und sie Irrationales offensichtlich lieber verbieten würde. Also ganz davon abgesehen, klingen ihre Beschreibungen der ProChrist-Veranstaltungen immer irgendwie negativ und verschwörerisch. Die Veranstaltungen sind ‚perfekt organisiert‘! Ist das etwas Schlimmes oder einfach nur typisch deutsch? Und dann: „Also da gibt es Vernetzungen.“ Ja, gibt es die denn irgendwo nicht mehr? Wieso klingt der Vorwurf ‚Netzwerk‘ in Dietrichs Mund mehr nach Al Kaida als nach Facebook?

Die entscheidende Frage ist nun aber: Welche Belege hat Dietrich vorzubringen, dass ProChrist in ähnlicher Weise als fundamentalistisch einzustufen ist, wie Osama bin Laden oder fundamentalistische Hindus, die derzeit in Indien Muslime und Christen töten, da das Land nur Hindus gehöre?

Nein, nein, in diesem modernen Sinn sind sie gar keine Fundamentalisten, so Dietrich, sondern im „eigentlichen Sinn des Wortes“, womit eine Gruppe Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts bezeichnet wurde. („Ja, es ist eine fundamentalistische Bewegung, wenn man den eigentlichen Sinn des Wortes Fundamentalismus nimmt. Das bedeutet ja eigentlich nicht von der Entstehung her den bärtigen Terroristen, den man heute damit assoziiert.“)

Nur: hier liegt eine völlig andere Definition zu Grunde! Dort meinte man Menschen, die ihre Glaubensgrundlage buchstäblich nahmen und sich deswegen von ‚der Welt‘ zurückzogen, heute meint man damit Menschen, die ihren Wahrheitsanspruch mit Gewalt anderen aufzwingen wollen. Hier wird wider besseres Wissen ein Totschlagwort benutzt, obwohl man ganz genau weiß, dass die Hörer darunter etwas ganz anderes verstehen, als man dann auf Nachfrage hin definiert.

Gefragt, ob denn ProChrist „in irgendeiner Weise politisch gefährlich für dieses Land“ ist, druckst Dietrich rum: „Politisch gefährlich würde ich so direkt nicht sagen, denn sie halten sich am Rand des Parteigeschehens“. Warum dann kein klares ‚Nein‘? Aber auch kein ‚Ja‘? Also indirekt gefährlich? Wie ist man denn das? Und dafür liefert Dietrich nicht die Andeutung eines Beweises. Eine Unverschämtheit ist das eigentlich für die Betroffenen. Denn irgendetwas bleibt dann doch hängen.

Nun führt sie doch ein Beispiel an: Für bestimmte Menschen sei es schwierig, in dieser Gruppierung zu leben. Einmal unterstellt, das das stimmt: Ist das politisch gefährlich? Nein! Denn: Werden diese Menschen gezwungen, mitzumachen? Natürlich nicht! Werden sie verfolgt, wenn sie nicht dazu gehören? Nein! Natürlich gibt es Menschen, für die es schwierig ist, in der katholischen Kirchen oder in der SPD zu sein – um beliebige Beispiele zu wählen. Ist die katholische Kirche aber deswegen politisch gefährlich, oder die SPD? Das gehört nun einmal zur grundgesetzlich garantierten Versammlungsfreiheit, dass sich gleichgesinnte zusammenschließen (und damit andere ausschließen) dürfen!

Nun weiß ich nichts weiter über Kirsten Dietrich, aber hier wird kein seriöser Journalismus betrieben und keine Expertenmeinung differenziert dargestellt, sondern jemand, der Evangelikale einfach blöd findet, versucht sie ohne jeden Beleg und offensichtlich wider besseres Wissen als fundamentalistisch und gefährlich darzustellen. Schade, dass wenigstens staatliche Rundfunkanstalten sich nicht etwas mehr Zeit für seriöse Recherche nehmen.

Doch noch einmal zurück: Entspricht ProChrist wenigstens diesen ehemaligen Fundamentalisten der 1920er Jahre? Dietrich meint eigentlich Ja, aber liefert eigentlich nur Gründe, warum dies nicht so ist. So hätten die Fundamentalisten damals Darwin abgelehnt, ProChrist lege sich da heute nicht fest. Nun stimmt die Aussage schon für damals nicht, denn in den berühmten ‚Fundamentals‘ schrieben auch Vertreter der theistischen Evolution mit, aber bei ProChrist? Fakt ist doch, dass in den ungezählten europaweit ausgestrahlten Veranstaltungen noch nie ein Wort zum Thema Evolution gefallen ist und die Verantwortlichen eine viel zu große Bandbreite repräsentieren, als das ProChrist überhaupt eine Position zu einer theologischen, geschweige denn naturwissenschaftlichen Einzelfrage haben könnte.

Gefragt, ob denn ProChrist gegen Darwin ist und alles in der Bibel wörtlich nehme, antwortet Dietrich mit „Ja“, um dann gleich alles zurückzunehmen und Argumente zu liefern, warum die Antwort eigentlich ‚Nein‘ lauten müsste: „Ja, das sind natürlich jetzt nicht, die haben da keine festen Glaubenssätze …“ Aber dann steht ProChrist plötzlich doch für eine „Strömung“, „die genau nach diesen Grundlagen die Bibel interpretiert“ – ja welche „Grundlagen“ denn, wenn Dietrich die nicht benennen, geschweige denn belegen kann? Und dann heißt es wieder: „man schätzt ungefähr, 1,5 Millionen Christen gehören dazu, wobei das auch wieder ganz vielfältig sind“. Und wieder: Es ist „eine ganz unglaublich vielfältige und weit gefächerte Bewegung“, so Dietrich.

Dreimal betont Dietrich im kurzen Interview – zu Recht – die enorme Bandbreite der Bewegung. Müsste sie dann mit ihren Pauschalurteilen nicht vorsichtiger sein? Nein, denn sie macht bei allen „eine möglichst wörtliche Interpretation der Bibel“ aus – was Unsinn ist, geht es doch Evangelikalen um eine möglichst korrekte, dass heißt am ursprünglichen Sinn interessierte Auslegung.

Und dann kommt der Hammer: „ein deutlicher Abstand zu allem, was man als Wissenschaft bezeichnen könnte“. Es mag ja sein, dass bei bestimmten Einzelfragen bestimmte Evangelikale allgemeingültige Aussagen der Wissenschaft anzweifeln. Aber dass die Evangelikalen zu der Wissenschaft Abstand halten, ist wirklich Unsinn und kann nur von jemand stammen, der selbst nicht in der Welt der Wissenschaft zu Hause ist. Wissenschaftsmuffel gibt es in allen sozialen Schichten, Bewegungen und Parteien. Aber dass sie unter den Evangelikalen häufiger anzutreffen sind, als beispielsweise unter Politikern, müsste erst einmal belegt werden.

Evangelikale sitzen auf Lehrstühlen in Oxford ebenso im Fach Mathematik wie im Fach Theologie, finden sich in Deutschland unter Biologie- und Philosophieprofessoren, unterhalten nicht nur in den USA, sondern besonders im globalen Süden Eliteuniversitäten (z. B. die Daystar University in Nairobi). In Indien sind führende Ökologen Evangelikale und auch Barack Obama verlässt sich auf den Sachverstand einiger evangelikaler Kapazitäten.

Und dann: Wo gibt es einen Beleg dafür, dass evangelikale Leiter so einen Unsinn wenigstens fordern? Wo in den Tausenden von Dokumenten, die etwa die Weltweite Evangelische Allianz als Dachverband der Evangelikalen veröffentlicht hat, ließe sich das finden? Nirgends! Aber ich vermute, dass sich Frau Dietrich nie der Mühe unterzogen hat, diese Dokumente zu studieren. An der Entstehung der Naturwissenschaft haben überaus fromme Männer ihren Anteil gehabt und bis heute sind überaus fromme Männer und Frauen in allen Bereichen der naturwissenschaftlichen Forschung anzutreffen. Und sie halten Abstand „zu allem“ was als Wissenschaft gilt?

Irgendwie wird man den Eindruck nicht los, dass Dietrich sowieso immer schon gegen ProChrist war und nun händeringend irgendwelche Gründe dafür zusammenklauben muss.

Da gibt es dann solche Blüten wie: „so amerikanische Erweckungsgottesdienste, wie man sie aus dem Film kennt“. Also, das wäre ja mal interessant! Welche Filme? Und was sind ‚Erweckungsgottesdienste‘? Wenn sie ‚Revivals‘ meint, die gab es in den USA in früheren Jahrhunderten und zuletzt in den 1960ern. Und ProChrist sieht aus wie die? Das sind doch alles Vorurteile, hat aber nichts mit Sachverstand zu tun. Wenn man schon Parallelen ziehen will, dann zu Fernsehgottesdiensten großer amerikanischer Kirchengemeinden aller Richtungen.

Und mit ProChrist kommt die amerikanische Erweckungsbewegung nach Deutschland? Schon mal was vom Pietismus seit dem 17. Jh. gehört? Von Freikirchen seit dem 19. Jh.? Von CVJM oder Innerer Mission? Die innerkirchliche Evangelisationsbewegung in Deutschland stammt aus dem letzten Drittel des 19. Jh., ebenso wie federführende Organisationen, die bei ProChrist mitmachen, wie der CVJM.

Wenn etwas aus den USA stammt, dann erhebliche Teile der verwendeten Technik. Aber das dürfte ja nichts typisch Evangelikales sein. Einmal abgesehen davon, dass es an sich ja noch nichts Unmoralisches ist, Amerikanisches zu übernehmen: Die deutsche evangelikale Bewegung ist ein historisch völlig eigenständiges Gewächs und Ulrich Parzany predigt bei ProChrist als lutherischer Pfarrer in typisch lutherischer Tradition, nicht als Abklatsch amerikanischer Frömmigkeit, was immer das auch ist. Und als Fernsehprediger würde Parzany in den USA sofort durchfallen, so anders ist er.

Der nächste Hammer kommt zum Thema Mission. Nach dem „Missionsanspruch“ der Evangelikalen gefragt, antwortet sie erst korrekt: „Na ja, im Prinzip hat das natürlich jede christliche Gruppe, das steht so in der Bibel am Ende des Matthäusevangeliums.“ Angeblich missionieren dann aber doch nur die Evangelikalen. Also, in welcher Welt lebt Frau Dietrich eigentlich? Und die evangelische und katholische Kirche in Deutschland versuchen sich angeblich von einer „möglichst wörtlichen Ausführung“ „möglichst fernzuhalten“. Wie führt man denn Mission wörtlich und weniger wörtlich aus? Und selbst wenn dem so wäre, blieben ja die ungezählten Erklärungen der katholischen Kirche oder des Weltkirchenrats zugunsten von Evangelisation und zu Mission gerade der jüngeren Zeit und die enormen Missionserfolge der traditionellen Kirchen, zum Beispiel der katholischen Kirche in Afrika. Und in Deutschland? Warum diskutieren die katholischen Bischöfe die Reevangelisierung Europas? Warum führt die Evangelische Kirche Synoden zum Thema Evangelisation durch? Warum unterhalten die Landeskirchen ‚Missionarische Ämter‘? Woher kommen die Taufen von ehemaligen Atheisten oder von Muslimen in den Großkirchen? Außerdem verlaufen die Fronten, was in Mission geht und nicht, längst quer durch alle Kirchen und durch den Weltkirchenrat ebenso wie mitten durch die evangelikale Bewegung. Eine schwarz-weiße Aufteilung in Evangelikale und Nichtevangelikale mag zwar plakativ sein, hat aber mit der Realität wenig zu tun.

Und ist nicht gerade die breite Repräsentanz der Großkirchen oder ihrer Mitglieder bei ProChrist – immerhin der Anlass des Interviews – nicht Beweis genug, dass Frau Dietrich sich irrt?

Es ist doch wohl eher so, dass Frau Dietrich eben mit dem Flügel der Großkirchen sympathisiert, der ihrer Auffassung entspricht, dass man nicht missionieren sollte und nicht wahrhaben will, dass Mission so sehr zum Wesen des christlichen Glaubens gehört, dass man, wenn man diese Mission loswerden will, sicher – respektvoll und in aller Freiheit – den christlichen Glauben aufgeben kann – aber ein Christentum zu konstruieren, in dem Christen nicht mehr darüber sprechen, warum sie Christen sind, und in dem im Gottesdienst oder etwa bei Abendmahl bzw. Messe nicht mehr von ‚Verkündigung‘ die Rede ist, schwer zu konstruieren ist. Man kann – und muss – unter Christen darüber diskutieren, ja streiten, wie Mission aussehen sollte und was Mission auf keinen Fall tun sollte, aber sie kurzerhand abschaffen?

Übrigens, auch die Wortwahl lässt kein ökumenisches Miteinander bei Frau Dietrich vermuten, sondern herablassende Besserwisserei. So gehört die Hälfte der Evangelikalen nicht den Evangelischen Landeskirchen an, sondern „ist organisiert in irgendwelchen kleinen Freikirchen“. So hat man vielleicht vor 50 Jahren über kleinere Kirchen in Deutschland gesprochen, die in anderen Ländern zahlenmäßig die Konfessionen der deutschen Großkirchen oft bei weitem überflügeln, aber heute? Das klingt jedenfalls nicht so, als ob Frau Dietrich im ökumenischen Miteinander mit diesen Kirchen Gottesdienst gefeiert oder gemeinsame Sozialprojekte betrieben hätte.

Schließlich geriert sich Frau Dietrich noch zur Fachfrau mit Insiderwissen, wenn sie weiß, dass ProChrist vor allem zu schon Bekehrten spricht und diese stützt, weniger „neue Mitglieder gewinnt“. Nur deswegen, so meint sie, wird ProChrist von den Landeskirchen gestützt, weil sie an diese gestandenen Mitarbeiter heranwollen.

Nun gibt es zum Erfolg dieser Art der Evangelisation genügend – auch wissenschaftliche – Untersuchungen, auch wenn wir Fachleute längst keine so eindeutigen Ergebnisse vorwiesen können, wie Frau Dietrich in einem Satz. Doch das Ergebnis stimmt im Großen und Ganzen mit weltweiten Ergebnissen überein: Bei dieser Art der Evangelisation werden vor allem Außenstehende gewonnen, die schon über längere Zeit persönlichen Kontakt zu engagierten Christen hatten, wobei an den öffentlichen Abenden nun gewissermaßen der Sack zugebunden wird. Und die Angesprochenen gehen dann überwiegend in die Kirche oder Gruppe, zu der ihr Langzeitkontakt gehört. Die Kombination aus dem persönlichen Engagement Hunderttausender im persönlichen Umfeld mit einem großen Medien-Event macht das Erfolgsrezept aus. Und die Kirchen sind daran interessiert, dass ihre engagierten Mitglieder solche persönlichen Kontakte haben oder aufbauen lernen und dass dann diejenigen, die über solche Kontakte für ein aktives Christsein gewonnen werden, dann nicht woanders hin abwandern, sondern die Kirchengemeinden bereichern.

Zum Schluss bietet Dietrich noch ihr Argument, warum Wulff nicht im Kuratorium von ProChrist bleiben sollte. (Ich vermute auch, dass er als Bundespräsident dort aufhören wird, wenn auch aus ganz anderen Gründen, doch darum geht es mir hier nicht.)

Als Bundespräsident, so Dietrich, steht Wulff für den Rechtsstaat, während die Religionen für das Irrationale und eine Macht über dem Rechtsstatt stehen.

Man höre und staune: Es geht also wieder einmal nur vordergründig um die Evangelikalen, auf die man recht einfach einprügeln kann, ohne allzuviele Gegner zu wecken. Im Prinzip aber geht es um Religion an sich. Wulff sollte als Bundespräsident bei keiner irgendwie gearteten Religion ein Amt wahrnehmen, da Religion zu viele irrationale Elemente hat. Hätte Frau Dietrich das gleich im ersten Satz gesagt, hätte jeder Bescheid gewusst und man hätte sich die ganzen Missinformationen zu ProChrist sparen können. Denn selbst wenn ProChrist Frau Dietrich zuliebe ganz anders würde, religiös würde es immer bleiben.

Und wenn der Hauptvorwurf ist, Gott als „höchste Autorität“ anzuerkennen, dann müsste man von Wulff doch nicht nur fordern, ProChrist aufzugeben, sondern überhaupt gleich seinem christlichen Glauben abzuschwören. Denn wer den Rechtsstaat repräsentiert, kann und darf doch nicht an einen Gott glauben, der über allem steht! Grundgesetz und Amtseid des Bundespräsidenten „So wahr mir Gott helfe!“ hin oder her! Oder sollte der Bundespräsident dann konsequenterweise vielleicht sogar für die Änderung der Präambel des Grundgesetzes plädieren, um dort den Gottesbezug rauszustreichen? Ist nicht dort mit der Formulierung „in Verantwortung vor Gott“ genau das gemeint, dass es am Ende eine höhere Macht gibt, vor der sich auch politisches Handeln verantworten muss?

Michael Prüller hat das in der österreichischen Zeitung ‚Die Presse‘ treffend so kommentiert:

„Aus dem Mund einer Theologin ist das ein interessantes Gebot: Du sollst keinen höheren Gott haben als das Gesetz, also als die Bundestagsmehrheit! Ansonsten ist die Idee ja nicht neu. Im römischen Imperium hat es zunächst den Juden und dann den Christen gar nicht gut bekommen, sich den Luxus eines an Gottes Geboten ausgerichteten Gewissens zu leisten, das über dem gesetzten Recht steht. Später wurde das dann allgemein anerkannt. Heute wird wieder mehr darüber diskutiert, ob nicht doch die Grundrechte das Höchste sind, das alle bindet.“ „Oder hat Frau Dietrich gemeint, dass Wulff deswegen aus dem Kuratorium austreten solle, damit er den deutschen Bürger nicht ermuntere, gelegentlich mal das Gewissen über das Gesetz zu stellen?“

Michael Prüller. „Die höchste Autorität“. DiePresse.com vom 3.7.2010 (Quelle hier, in der Printausgabe vom 4.7.2010)

Cornelsen muss anti-evangelikale Passagen streichen: Hier meine Stellungnahme

So meldete es der Börsenverein des deutschen Buchhandels:

Cornelsen muss anti-evangelikale Passagen streichen
Das bayerische Kultusministerium duldet keine anti-evangelikalen Passagen in einem Schulbuch und verwehrt dem Cornelsen-Verlag die Zulassung des neuen Englischbuchs „Context 21“, „wenn es weiter Aussagen enthält, die Evangelikale in den USA in ein sehr schlechtes Licht rücken“. Das hat die Behörde auf Anfrage der Evangelischen Nachrichtenagentur idea mitgeteilt.
In dem Kapitel „Fundamentalismus in Amerika“ behaupte die Journalistin Susan Jacoby, dass „ein unbestreitbarer, starker Zusammenhang zwischen religiösem Fundamentalismus und einer fehlenden Bildung“ bestehe. Kreationismus habe „die öffentliche Bildung in vielen Regionen des Landes nachhaltig beeinflusst“. Er sei ein wichtiger Grund dafür, dass amerikanische Gymnasiasten weniger über die Wissenschaft wissen, als Gleichaltrige in Europa und Asien. Diese Darstellung stimme „teilweise nicht mit den in Artikel 131 der Bayerischen Verfassung formulierten Obersten Bildungszielen überein“, so das Kultusministerium.

Bereits im März hatten sich zwei Lehrer über das Buch beschwert. Ein führender Mitarbeiter der Weltweiten Evangelischen Allianz, Thomas Schirrmacher, warf Jacoby vor, „hochkomplexe Zusammenhänge in einem stark religiösen Land wie den USA auf einfache Stereotypen zu reduzieren“. Danach hatte der Verlag angekündigt, den Text zu überarbeiten. Dies geschah allerdings nach Ansicht der Kritiker nur sehr unzureichend. Sie beschwerten sich erfolgreich beim Ministerium. Der Cornelsen-Verlag wollte sich nach Angaben der Evangelischen Nachrichtenagentur bislang nicht zu dem Vorgang äußern. (Quelle)

Auf vielseitige Bitte gebe ich hier meine Stellungnahme vom 4.3.2010 zu den antievangelikalen Passagen in einem Englischbuch des Cornelsen Verlages wieder, die das Bayrische Kultusministerium abgelehnt und der Verlag daraufhin zurückgezogen hat:

Susan Jacoby reduziert hochkomplexe Zusammenhänge in einem stark religiösen Land wie den USA auf ganz einfache Stereotypen, mit denen sie wunderbar bestimmte Gruppen diskriminieren kann. So führt sie zum Beispiel den Kreationismus und Intelligent Design rein auf die Evangelikalen zurück. Unter Evangelikalen – so Gallupumfragen in den USA – glauben 70% nicht an Evolution, unter Katholiken 30%, das heißt über 20 Millionen. Das zeigt, dass die wirklichen Verläufe wesentlich komplizierter sind, denn es gibt Zigmillionen von Evangelikalen, die die theistische Evolution vertreten und Zigmillionen von Nichtevangelikalen, die die Evolution ablehnen. Aber wenn man einer Gruppe die Schuld an allen Miseren geben will, ist für solche Differenzierungen natürlich kein Platz.

Angeblich sollen amerikanische Gymnasiasten wegen des verbreiteten Kreationismus weniger über Wissenschaft wissen, als Gymnasiasten in Europa und Asien. Das ist schlicht Unsinn und wird von keinem Erziehungswissenschaftler so vertreten. Die Gründe dafür sind vielschichtig und haben nur bedingt mit Religion zu tun. Und gerade die vielen Gymnasiasten an christlichen (evangelikalen) Privatschulen ebenso wie in der Homeschoolbewegung in den USA liegen in ihrem Kenntnisstand wissenschaftlicher Zusammenhänge weit vor ihren amerikanischen Altersgenossen. Man vergesse bitte nicht: An kreationistischen Schulen wird Evolution und Schöpfung unterrichtet, die Evolutionstheorie kann danach in der Regel besser referiert werden.

Weil angeblich in der USA in der Unterschicht der Glaube an die Bibel verbreiter ist als unter Hochschulabsolventen, sei die Verbindung zwischen Fundamentalismus und fehlender Bildung bewiesen. Auch das ist Unsinn. In aller Welt gehören die Gebildeten nun einmal zu den unreligiösesten Menschen. Die Evangelikalen in den USA gehören überwiegend zur gebildeten Mittelschicht, nicht zur Unterschicht. Wer die USA kennt, weiß, dass große religiös motivierte – auch evangelikale – Universitäten in den USA ganz vorne mitmischen.

Im übrigen bedient die Darstellung von Jacoby in einem Schulbuch viele irrige Klischees über die USA. Die ach so gebildeten Europäer sind den religiösen Amerikanern haushoch überlegen. Der Schüler, der die USA dann tatsächlich besucht, wird dort eine ganz andere Welt vorfinden.

Und hier die dazugehörige idea-Meldung vom 7.3.2010 und anschließend die Meldung aus PRO vom 28.6.2010 zum weiteren Verlauf, danach weitere Links zur Debatte:

Kritik an Darstellung Evangelikaler: Schulbuch wird überarbeitet

Berlin/Bonn (idea) – Weil zwei Lehrer die einseitige Darstellung Evangelikaler in einem geplanten Englischbuch kritisieren, will der Cornelsen-Verlag (Berlin) die umstrittene Passage überarbeiten. In dem noch nicht erschienenen Band „Context 21“ werden evangelikale Christen in den USA in ein negatives Licht gerückt.

Im Kapitel „Fundamentalismus in Amerika“ behauptet die Atheistin und Journalistin Susan Jacoby, dass „ein unbestreitbarer, starker Zusammenhang zwischen religiösem Fundamentalismus und einer fehlenden Bildung“ bestehe. Kreationismus habe „die öffentliche Bildung in vielen Regionen des Landes nachhaltig beeinflusst und ist ein wichtiger Grund dafür, dass amerikanische Gymnasiasten weniger über die Wissenschaft wissen, als Gleichaltrige in Europa und Asien“. Der Direktor des Internationalen Instituts für Religionsfreiheit der Weltweiten Evangelischen Allianz, Prof. Thomas Schirrmacher (Bonn), sagte auf idea-Anfrage, Jacoby reduziere hochkomplexe Zusammenhänge in einem stark religiösen Land wie den USA auf einfache Stereotypen. So führe sie zum Beispiel Kreationismus und Intelligent Design rein auf die Evangelikalen zurück. Laut Umfragen würden aber in den USA nicht nur 70 Prozent der Evangelikalen, sondern auch 30 Prozent der Katholiken die Evolutionstheorie ablehnen. „Das zeigt, dass die wirklichen Verläufe wesentlich komplizierter sind, denn es gibt Zig-Millionen von Evangelikalen, die die theistische Evolution vertreten, und Zig-Millionen von Nichtevangelikalen, die die Evolution ablehnen“, so Schirrmacher. „Aber wenn man einer Gruppe die Schuld an allen Miseren geben will, ist für solche Differenzierungen natürlich kein Platz.“ Die Aussage, dass amerikanische Gymnasiasten wegen des verbreiteten Kreationismus weniger über Wissenschaft wissen als Gymnasiasten in Europa und Asien, sei zudem „schlicht Unsinn“. Die Evangelikalen in den USA gehörten überwiegend zur gebildeten Mittelschicht, nicht zur Unterschicht. Wer die USA kenne, wisse, dass große religiös motivierte – auch evangelikale – Universitäten ganz vorne mitmischten.

Verlag räumt falsche Darstellung ein

Der Cornelsen-Verlag teilte auf idea-Anfrage mit, dass er derartige Hinweise sehr ernst nehme. „Wie jeder andere Text des Buches spiegelt der angesprochene Text die Sichtweise seines Verfassers, aber nicht notwendigerweise die Sicht der Redaktion wider“, hieß es. „Wir werden aber Aufgabenstellungen so überarbeiten oder ergänzen, dass eine kritische Auseinandersetzung mit dem Text stärker in den Fokus gerückt wird. Gleichzeitig müssen wir einräumen, dass die Definition von ,Intelligent Design‘ tatsächlich so verknappt ist, dass sie falsch ist. Wir werden sie überarbeiten.“ Ob der geplante Erscheinungstermin im Mai zu halten sein wird, sei unklar.

Kein Einzelfall

Es ist nicht das erste Mal, dass der Cornelsen-Verlag in die Kritik gerät. Ende vergangenen Jahres hatte die Kirchliche Sammlung um Bibel und Bekenntnis in Bayern sich kritisch zu einem Deutschbuch geäußert, in der die „Sage vom Doktor Faust“ behandelt wird. Zu den Aufgabenstellungen für die Fünftklässler gehörte unter anderem, eine Beschwörungsformel für den Teufel zu verfassen und zu überlegen, welche Verlockungen heute einen Teufelspakt rechtfertigen könnten. In einem anderen Englischbuch, das im vergangenen Jahr erschienen ist, wurden Evangelikale diskreditiert. So hieß es in einem Text: „Wir können über diese Menschen lachen, aber wir sollten sie nicht abweisen. Dass ihr Glaube schwachsinnig ist, bedeutet nicht, dass sie eine Randerscheinung sind.“

Ministerium verbietet anti-evangelikales Schulbuch

In einem Schulbuch für die Oberstufe dürfen evangelikale Christen nicht pauschal als weniger gebildet bezeichnet werden. Das entschied das bayerische Kultusministerium nach Protesten gegen das Buch „Context 21“ aus dem Schulbuchverlag Cornelsen.

Ein Englisch-Buch des Schulbuchverlages Cornelsen verstößt gegen die bayerische Verfassung, weil es keine Achtung vor religiösen Gefühlen anderer zeige, urteilte das bayerische Kultusministerium

Das Englisch-Lehrbuch „Context 21“ enthält ein Kapitel zum Thema „Fundamentalismus in Amerika“. Darin steht ein Text der amerikanischen Schriftstellerin Susan Jacoby, in dem sie behauptet, dass „ein unbestreitbarer, starker Zusammenhang zwischen religiösem Fundamentalismus und einer fehlenden Bildung“ bestehe. Der Glaube an die göttliche Schöpfung unserer Welt habe „die öffentliche Bildung in vielen Regionen des Landes nachhaltig (negativ) beeinflusst“, heißt es da. Dies sei ein Grund dafür, dass das Wissen amerikanischer Gymnasiasten geringer sei als das von gleichaltrigen Schülern in Europa und Asien.

Im März hatten sich zwei Lehrer über das Buch beschwert. Auch der Vorsitzende der Theologischen Kommission der Weltweiten Evangelischen Allianz, Thomas Schirrmacher, warf Jacoby vor, in ihrem Text „hochkomplexe Zusammenhänge in einem stark religiösen Land wie den USA auf einfache Stereotypen zu reduzieren“. Danach hatte der Verlag angekündigt, den Text zu überarbeiten. Dies geschah allerdings nach Ansicht der Kritiker nur sehr unzureichend.

Wie die Evangelische Nachrichtenagentur „idea“ berichtet, entschied nun das Kultusministerium von Bayern, dass das Schulbuch des Berliner Cornelsen-Verlages nicht zugelassen werden könne, wenn es die umstrittenen, anti-evangelikalen Aussagen enthalte. Die Politiker erklärten, die Passage stimme  nicht mit Artikel 131 der Bayerischen Verfassung überein. Darin heißt es unter „Ziele der Bildung“: „Oberste Bildungsziele sind Ehrfurcht vor Gott, Achtung vor religiöser Überzeugung und vor der Würde des Menschen (…)“.

Der Verband Evangelischer Bekenntnisschulen begrüßte laut „idea“ diese Entscheidung. Das angesprochene Kapitel stelle die Evangelikalen sehr einseitig dar, so Vorstandsmitglied Gerhard Ellermann. Der Cornelsen-Verlag wollte sich bislang nicht zu dem Vorgang äußern.

Nicht das erste anti-evangelikale Cornelsen-Buch

Es ist nicht das erste Mal, dass der Cornelsen-Verlag Texte in Schulbüchern abdruckt, die evangelikale Christen scharf angreifen. Das Englischbuch „Crossover“ (Band 2, 1. Auflage, ISBN 978-3-06-020483-0) aus dem Jahr 2009 hat ebenfalls „fundamentalistische Christen“ zum Thema gemacht und davor gewarnt, diese seien einem religiösen „Wahn“ verfallen, der auf der Bibel gründe. Es enthält einen Artikel der britischen Tageszeitung „The Guardian“, der überschrieben ist mit „Ihr Glaube ist übergeschnappt, aber sie sind das Herz der Macht“. Diese Christen wollten einen Krieg im Nahen Osten herbeiführen, weil dann der Messias wieder käme. Das Buch forderte die Schüler auf: „Wir können über diese Menschen lachen, aber wir sollten sie nicht abweisen. Dass ihr Glaube schwachsinnig ist, bedeutet nicht, dass sie eine Randerscheinung sind.“

Laut „idea“ brachte der Cornelsen-Verlag außerdem im vergangenen Jahr ein Deutschbuch heraus, in dem die Sage von Doktor Faust behandelt wird. Der Verein „Kirchliche Sammlung um Bibel und Bekenntnis“ (KSBB) in Bayern habe das Buch kritisiert, weil darin die Aufgabe gestellt worden sei, eine Beschwörungsformel für den Teufel zu verfassen und zu überlegen, welche Verlockungen heute einen Teufelspakt rechtfertigen könnten.

Im Sommer 2008 brachte der „Verlag an der Ruhr“ aus Mülheim, der zur Cornelsen-Holding gehört, ein Buch für Schüler der Klassen 7 bis 13 zum Thema „christlicher Fundamentalismus“ heraus. Der damals 25-jährige Verfasser Stephan Sigg schreibt darin, es gebe kaum einen Unterschied zwischen muslimischen und christlichen Fundamentalisten. Während die Welt aus irgendwelchen Gründen jedoch den radikalen Islam zum „Sündenbock“ erkoren habe, gelte: „Christliche Fundamentalisten verbreiten nach wie vor ihren Glauben mit Gewalt.“ Auch in Deutschland versuchten diese christlichen Fundamentalisten ihre Herrschaft auszubreiten. Sie seien antimodern und fortschrittsfeindlich. „Ihre Aktionen können für eine Gesellschaft gefährlich werden“, heißt es in dem Schulbuch.

Quelle: pro-medienmagazin.de

Weitere Beiträge hier.

Atheistische Kritik an der Entscheidung des Landes Bayern („Zensur in der Schule: Bayern lässt anti-evangelikale Passagen in Schulbüchern streichen“) findet sich hier.

Dr. Reinhard Hempelmann schafft eine Grundlage für das Gespräch mit den Evangelikalen

Frank Hinkelmann und Thomas Schirrmacher zu einem neuen Text der EZW

Dass die Evangelische Kirche fundiert, informiert, differenziert und fair über Evangelikale berichten kann, ohne Besorgniserregendes und Kritisches zu verschweigen, hat der Leiter der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in seinem Büchlein „Evangelikale Bewegungen: Beiträge zur Resonanz des konservativen Protestantismus“ (EZW-Texte 206, Berlin, 2010) soeben bewiesen.

Gratulation und herzlichen Dank, Dr. Hempelmann, können wir da als Evangelikale nur sagen. Evangelikale wie Nichtevangelikale in den Kirchen sollten diese Studie lesen und als Grundlage für intensivere Gespräche nutzen.

Ich (Thomas Schirrmacher) gebe zwar offen zu, dass ich in meinem soeben erschienen Buch ‚Fundamentalismus‘ einen anderen Fundamentalismusbegriff vorschlage, als ihn Hempelmann verwendet, der einen eher innerchristlichen Begriff verwendet und deswegen die Frage des Schriftverständnisses für die Definition von Fundamentalismus für zentral hält, während ich für alle Religionen und Weltanschauungen von einem ‚militanten Wahrheitsanspruch‘ als Fundamentalismus ausgehe, die Schriftfrage aber für zweitrangig halte (schon bei der katholischen Kirche geht es nicht um die Schrift als letzte Instanz, sondern um das päpstliche Lehramt und im Hinduismus und anderen Religionen gibt es gewalttätigen Fundamentalismus ohne Rückbezug auf irgendwelche Schriften).

Aber da Dr. Hempelmann deutlich macht, dass man mit einem sehr konservativen Schriftverständnis tolerant und demokratiefreundlich und ohne ein solches trotzdem unbelehrbar sein kann, können wir kann ich dennoch fast alles nachvollziehen, was er schreibt.

„Es gibt berechtigten Anlass, differenzierende Begriffsverwendungen anzumahnen.“ (29), schreibt Dr. Hempelmann, etwa nicht Fundamentalismus und Evangelikalismus gleichzusetzen. Auch bei einem fundamentalistischen Schriftverständnis mahnt er immer noch weitere Differenzierungen an, ob man sich „offen und anerkennend in einer größeren Gemeinschaft von Christinnen und Christen bewegt“ oder ob man andersdenkenden Christen einfach das Christsein abspricht (29).

Offen sieht Hempelmann den Fundamentalismus auch als Anfrage an die Kirche und die Kirchen, zeigt er doch „Defizite an gemeinschaftsbildender Kraft, ethischer Verbindlichkeit und religiöser Orientierung auf“ (35).

Sicher wird es im von Hempelmann gut dargestellten enorm breiten Spektrum der Evangelikalen, Charismatiker und Pfingstler auch solche geben, die weder das Gespräch mit anderen Evangelikalen, noch das mit der Evangelischen Kirche wünschen. Aber wer unter den Evangelikalen an dem Gebot Jesu zur Einheit der Christen festhält und wer davon überzeugt ist, dass wir nur gemeinsam unserem Volk die christliche Botschaft bezeugen können, wird die Anfragen selbstkritisch prüfen und die ausgestreckte Hand nicht ausschlagen, die angesichts des Drucks der Medien nicht selbstverständlich ist, sondern ihrerseits Mut erfordert.

Drs. Frank Hinkelmann, Vorsitzender der Österreichischen Evangelischen Allianz

Prof. Dr. Thomas Schirrmacher, Sprecher für Menschenrechte der weltweiten Evangelischen Allianz

Link: http://www.ekd.de/ezw/Publikationen_2109.php

Fundamentalismus ist militanter Wahrheitsanspruch

November 21, 2009 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar 

In Kürze erscheint in der Reihe ‚kurz und bündig’ (Verlag: SCM Hänssler) mein Taschenbuch ‚Fundamentalismus’. Da erlaube ich mir im Vorfeld schon einmal als Religionssoziologe, meine Fundamentalismus-Definition in den Ring zu werfen. Man sollt nämlich meines Erachtens nur von Fundamentalismus sprechen, wenn Gewalt im Spiel ist oder eine echte Gefahr für die innere Sicherheit besteht.

Fundamentalismus wird seit den Anschlägen vom 11. September 2001 in der Öffentlichkeit meist einfach als radikale, gewaltbereite, religiös motivierte Extremisten oder einfach gar als religiöse Terroristen verstanden. Was der Volksmund mit ‚Fundamentalismus’ meint, ist militanter Wahrheitsanspruch und genau das finde ich die kürzeste Definition.

Meines Erachtens gibt es nur zwei Möglichkeiten, den Begriff ‚Fundamentalismus’ für eine seriöse Anwendung zu retten: Entweder wird der Fundamentalismusbegriff näher an den alltäglichen Sprachgebrauch herangeführt und auf wirklich gewaltnahe Bewegungen bezogen. Oder aber die weite Verwendung auf allerlei Bewegungen ist gewünscht, dann muss der Begriff dringend entemotionalisiert werden und eine neutrale, nicht abwertende Bedeutung erlangen und dazu müsste es einen Großeinsatz von Fachleuten geben, die sich den Massenmedien entgegenstellen, derzeit eine Illusion.

Meines Erachtens sollten sich diejenigen, die die Öffentlichkeit vor fundamentalitischen Strömungen warnen, auf die Gruppen beschränken, die durch ihre prinzipielle Rechtfertigung von Gewalt oder durch Gewaltbereitschaft – oder gar durch angewandte Gewalt – gefährlich sind, oder von denen wenigstens die Gefahr ausgeht, dass sie auf undemokratische Weise politische Gewalt über Andersdenkende gewinnen wollen. Deswegen lautet meine Definition im in Kürze erscheinenden Buch:

Fundamentalismus ist ein militanter Wahrheitsanspruch, der aus nicht hinterfragbaren höheren Offenbarungen, Personen, Werten oder Ideologien einen Herrschaftsanspruch ableitet, der sich gegen Religionsfreiheit und Friedensgebot richtet und nichtsstaaliche oder nichtdemokratisch-staatliche Gewalt zur Durchsetzung seiner Ziele rechtfertigt, fordert oder anwendet. Dabei beruft er sich oft gegen bestimmte Errungenschaften der Moderne auf historische Größen und Zeiten, nutzt diese Errungenschaften aber zugleich zur Ausbreitung und schafft meist eine moderne Variante alter Religionen und Weltanschauungen. Fundamentalismus ist eine modernitätsbestimmte Transformation von Religion oder Weltanschauung.

Wer hat schon Angst vor evangelikalen Terroristen?

Oktober 21, 2009 by Schirrmacher · 8 Kommentare 

Wider die bösartige Gleichsetzung von Evangelikalen und islamistischen Terroristen

Innerhalb von drei Tagen fand ich folgende wahllos herausgegriffenen Meldungen über Islamisten, die parallel in fast allen großen Medien Deutschlands veröffentlicht wurden:

In der pakistanischen Hauptstadt Islambad hat ein islamistischer Selbstmordattentäter durch einen Bombenanschlag auf das örtliche Hauptquartier des Welternährungsprogrammes vier UN-Angestellte getötet.

Islamisten haben einen Tag lang das Hauptquartier der pakistantischen Armee durch Beschuss und Geißenahme lahmgelegt. 30.000 pakistanische Soldaten versuchen nun, gegen Islamisten vorzugehen und die Schande wieder gut zu machen.

Ein einstündiges deutschsprachiges Video einer mit Al-Kaida verbundenen islamistischen Gruppe, in dem mehrere deutsche und deutschsprachige Islamisten Deutschland drohen, zeigt im Hintergrund Bilder aus den Terrorcamps, auf denen sich auffällig viele blonde oder europäisch wirkende Kinder befinden.

Im Jemen kämpft die Regierung einen verzweifelten Kampf gegen das islamistsiche Netzwerk Al-Kaida, dass Jemen zu seiner neuen Hauptzentrale ausbauen will. Obwohl sich hier die Zukunft des islamischen Terrorismus entscheiden könnte, fehlt Jemen die internationale Unterstützung.

In Hamburg wurde eine zehnköpfige islamistische Terrorzelle entdeckt, die im März zur Terrorausbildung in den Hindukusch gereist sind. In Deutschland sollen derzeit rund 80 ausgebildete islamistische Terroristen leben.

155 Beamte durchsuchen in Berlin Wohnungen in einem Schlag gegen eine Gruppe von 15 Islamisten, die im Verdacht stehen, Anschläge gegen Russland zu planen, und die sich absetzen wollten.
Ein Buch über Ehrenmorde im Droste Verlag erscheint in letzter Minute aus Angst vor Racheakten von Islamisten doch nicht.

Das waren nur drei Tage!

Und mit solchen Islamisten werden Evangelikale verglichen? Absurd! Haltlos! Böswillig!

Schon meine friedlichen muslimischen Nachbarn mit solchen Terroristen zu vergleichen, wäre eine Schande, aber friedliche, oft pazifistisch eingestellte Evangelikale?

Evangelikale dürfen mit ihren Zwangsgebühren ARD und ZDF bezahlen, damit die mit konspirativen Mitteln ‚beweisen‘ und propagieren, was nicht zu beweisen ist, dass Evangelikale eine Art christlicher Islamisten sind. Fakt ist: Es gibt keine evangelikalen Terroristen, keine Selbstmordattentäter und kein evangelikales Netzwerk, dass irgendeine Gewalt plant. Es gibt überhaupt keine Evangelikalen, die planen irgendetwas durch Tod und Gewalt durchzusetzen. Alles andere ist faktischer Unsinn und übelste Verleumdung.

Wo muss man evangelikale Gemeinden nach Waffen durchsuchen? Wo unterhalten Evangelikale Terrorcamps, überfallen Armeehauptquartiere und liefern sich Gefechte mit 30.000 Soldaten?
Wer hat schon Angst, in ein Urlaubsland zu fahren, weil dort Evangelikale wohnen? Wo sind die Evangelikalen, die andersdenkende Journalisten oder ihre Familien bedrohen? Warum kommt keine evangelikale Gruppe in irgendeinem Verfassungsschutz vor, weder in deutschland noch irgendwo weltweit?

Und dazu kommt: Trotz dieser pausenlosen Horrormeldungen über den Islamismus, werden wir – zu Recht – immer wieder daran erinnert, ja erinnern selbst immer wieder daran, dass man Islamisten und friedliche Muslime auseinander halten muss. Überlegen sie einmal, 1,8 Mio. Evangelikale in Deutschland wollten Freiheit mit Gewalt einschränken. Und davon hat noch keiner etwas mit bekommen, wo uns gleichzeitig einige Tausend Islamisten in Atem halten?

Denn im Falle der 400 Millionen Evangelikalen muss man dagegen wohl nicht zwischen Terroristen (wo immer die sein mögen) und Zigmillionen friedlichen Anhängern unterscheiden. Da reicht ein negatives Beispiel, über Zigmllionen in Sippenhaft zu nehmen! Selbst wenn es einen einzigen evangelikalen Terroristen geben sollte oder wenigstens einen, der davon träumt einer zu sein, müßte man in klar von den Zigmillionen friedlichen Evangelikalen unterscheiden.

Noch eine Frage an ARD und ZDF: Gehört nicht zur Religionsfreiheit auch, dass man vor Verfolgung durch staatliche und quasistaatliche Institutionen geschützt ist? Wissen unsere staatlichen Medien eigentlich, dass es keine Verfolgung von Minderheiten gibt, in denen nicht die Medien eine zentrale Rolle spielen und dass heute oft die Medien mehr als andere darüber entscheiden, welche Minderheit als Opfer und welche als aussätzig und selbst dran schuld gilt?

Die Kriminalisierung der Evangelikalen

April 18, 2009 by Schirrmacher · 1 Kommentar 

Meine lange Stellungnahme zum Buch:

  • Oda Lambrecht, Christian Baars, Mission Gottesreich: Fundamentalistische Christen in Deutschland, Ch. Links Verlag: Berlin, 2009

ist nun endlich unter www.die-evangelikalen.de erschienen. Eine Kurzfassung des Kommentars hat das Christliche Medienmagazin PRO in seiner Ausgabe 2/2009 veröffentlicht, die gerade in den Versand geht. Die Langfassung kann man als pdf-Datei beim Martin Bucer Seminar oder am Originalplatz herunter geladen werden.

Gern darf die PDF-Datei über e-mail-Verteiler versandt oder an anderer Stelle eingestellt werden.

Hier ein Auszug:

Die Logik des Ganzen: Kontrollieren, Beschränken, Verhindern oder: wie man seine evangelikalen Gegner schachmatt setzt. Damit sind wir bei einem zentralen Dauerbrenner des Buches: Kontrollieren, Beschränken, Verhindern. Die Autoren sprechen nie direkt von Verbieten. Aber worauf anderes läuft es hinaus, wenn sie verhindern wollen, dass je wieder ein freikirchlicher Gottesdienst im staatlichen Fernsehen übertragen wird? Öffentliche Auftritte der Evangelikalen sollten verhindert werden, wenn immer der Staat eine Mögichkeit dazu hat – etwa als Vermieter. Politiker sollten nicht bei evangelikalen Veranstaltungen auftreten. Ihre Privatschulen sollten noch stärker kontrolliert werden – obwohl immer wieder die Stellungnahmen der Kultusministerien und Schulämter zitiert werden, die Schulen hielten sich an die gesetzlichen Vorgaben und Deutschland die strengste Privatschulkontrolle eines freien Landes kennt. Steuergelder für evangelikale Institutionen sollten gestrichen werden, die Gemeinnützigkeit ihrer Organisationen in Frage gestellt werden. Die Evangelikalen sollten keine Bücher an Bundestagsabgeordnete verteilen und religiöse Sendungen im Privatfernsehen sollten besser nicht stattfinden … Die These der Autoren, dass Evangelikale mutwillig Gesetze brechen würden, wird von dafür zuständigen Behörden nicht geteilt. Könnte das nicht daran liegen, dass sie die Gesetze eben nicht brechen? Jedenfalls ist die Marschrichtung der Autoren eindeutig: Gesetze und Überwachung müssen verschärft werden. Die Autoren treten ganz eindeutig für eine Kriminalisierung des Evangelikalseins ein. Sieht so die demokratische Toleranz aus, die die Autoren von Evangelikalen einfordern?

Eine Stellungnahme der Deutschen Evangelischen Allianz können Sie hier herunter laden: mission-gottesreich.pdf.

Viele Evangelikale sind katholischer als die katholische Kirche

Zu meinem Vortrag ‚Sola Gratia’ auf den ‚Internationalen Studientagen’ des Arche Studienzentrums in Hamburg unter dem Gesamtthema „Die ‚Sola’ der Reformation“ schrieb Thomas Josiger in einem Presseartikel:

Nach einer Darstellung der Gnadenlehre der katholischen Kirche, nach der der Gnade Gottes sowohl zeitlich als auch in ihrer Wirksamkeit der Vorrang zustehe und nur aufgrund dieser Gnade Gott die Verdienste des Menschen ermögliche und anerkenne, behauptete der Bonner Theologe Schirrmacher, dass bei vielen Evangelikalen das Tun des Menschen in der Lehre oder in der Praxis eine größere Rolle spiele, als in der katholischen Kirche.

Die Kernfrage zwischen Papst und Luther und zwischen katholisch und evangelisch sei aber nie gewesen, ob die Gnade oder die Werke zählen, sondern ob nur die Gnade zählt oder neben und unter der Gnade die Verdienste des Menschen oder die Sakramente eine Rolle spielen.

Schirrmacher wörtlich: „Wenn wir die Rechenmaschine anwerfen, sind wir so oder so verloren. Denn unsere Schuld wiegt immer viel schwerer als die wenigen guten Taten, die wir vielleicht getan haben. Gottes Gnade bedeutet, dass Gott die Rechenmaschine ungenutzt läßt.“ Genau das sei die Botschaft, die Paulus in Römer 4,4–8 am Beispiel Abrahams erläutere.

Thomas Schirrmacher