Thomas Schirrmacher
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Gefallene Soldaten als Märtyrer in Gottes Sache? Erschreckendes in Edinburgh

Juli 20, 2010 by Schirrmacher · 1 Kommentar 

Schon als Teenager und auch bei späteren Besuchen des Scottish National War Museum am höchsten Punkt von Edinburgh Castle (siehe Foto) fand ich die Verquickung von Kriegerverehrung und christlichem Glauben oder zumindest Gottesglauben schockierend. Doch diesmal hatte ich erstmals Gelegenheit zu einem offiziellen Besuch mit genauem Studium der Inschriften und Fotos, dazu mein inzwischen erworbenes religionssoziologisches Wissen mit der Vergleichsmöglichkeit entsprechender Heldenverehrung in anderen Ländern, Kulturen und Religionen.

Nun weiß ich auch, dass der Glaube, dass Soldaten für Gott gestorben sind und als Märtyrer einer guten Sache von Gott belohnt werden und zu ihm eingehen, keine typisch schottische oder britische Angelegenheit ist, sondern weltweit und ähnlich in allen Religionen zu finden ist und einst in allen europäischen Ländern an der Tagesordnung war. In Deutschland zeugen die Inschriften zahlloser, inzwischen bisweilen überwucherter und selten prominent gepflegter Gedenkstätten und -steine für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges davon.

Doch am höchsten Punkt des Edinburgher Schlosshügels findet sich dies Phänomen höchst lebendig. Es löst heute für die betroffenen Landsleute religiöse Gefühle aus und etliche der Gedenkstätten und Inschriften sind jüngeren Datums. Die gigantische Anlage wurde 1927 eröffnet (siehe Foto), bezieht sich aber überwiegend auf den 2. Weltkrieg und die letzte Gedenkstätte (besser Kapelle) wurde 2003 hinzugefügt.

Damit mich keiner falsch versteht: Der Krieg gegen das nationalsozialistische Deutschland war weitgehend eine gerechte Sache und ich danke als Deutscher allen Ländern, deren Bürger dafür gestorben sind, dass Deutschland von der Nazidiktatur befreit wurde und ich heute in einem Deutschland der Freiheit leben kann. Aber die Überhöhung eines gerechten Krieges zu einer Art Religionskrieg im Namen Gottes und die Behauptung, Gefallene würden automatisch zu Gott kommen – übrigens ganz gleich, wes Glaubens sie tatsächlich gewesen sind –, kann die christliche Ethik nur ablehnen.

Nun aber zu einigen Details:

Die große Inschrift im Westflügel „Whether their fame centuries long should ring, They cared not overmuch, But they cared greatly to serve God and the King.“ (Henry Newbolt) oder die keltische Inschrift in der Ostkapelle für die schottischen Corps (übersetzt): „My country, my honour, my God“ (darunter ein keltisches Kreuz), mag man noch unter harmlos abtun und „Gott und König“ als Floskel verstehen. Auch die Schreine, Engel und religiösen Symbole mag man unter einer eher allgemeinen und diffusen Religiosität verbuchen; Fachleute würden wohl von einer „Zivilreligion“ sprechen.

Doch in der großen Kapelle um den sogenannten ‚Schrein‘ finden sich Engel, die die Wappen tragen. Die sehr große umlaufende Schrift in der gesamten Kapelle zitiert aus den sog. Apokryphen: „The souls of the righteous are in the hand of God. There shall no evil happen to them. The are in peace.“ („Die Seelen der Gerechten sind in der Hand Gottes. Ihnen wird nichts Böses geschehen. Sie sind in Frieden.“ aus Weisheit 3,1+3) (siehe Foto)

Darunter werden die unbekannten gefallenen Soldaten mit einer Anspielung auf das neutestamentliche Buch des Lebens (Offb 20,12 u. ö.) geehrt: „Others also there are who perished unknown; their sacrifice is not forgotten, and their names, though lost to us, are written in the Books of God.“ („Es sind noch andere da, die unbekannt starben; ihr Opfer ist nicht vergessen, und ihre Namen, auch wenn sie für uns verloren sind, stehen im Buch Gottes.“) (Siehe Foto) Vier betende und kniende Engel (siehe Foto) und der von der Decke herabhängende Erzengel Michael (s. Offb 12,7-8) ergänzen die religiös-christliche Ausrichtung.

Sehr unmittelbar wird Gott instrumentalisiert, wenn Gott für die Royal Air Force in der Hall of Honour in der ersten Person sagt: „I bare you on eagles’ wings and brought you unto myself“, entnommen aus 2Mose 19,4 (siehe Foto).

Nun noch der offizielle Kommentar des 2004 erschienenen Führers zu einer Statue in der Ostkapelle: „A statue in bronze, partly overlaid with gold and silver, with a background of carved and painted stone showing the rising sun, the land and the sea (Earth, Air, Fire and Water). The symbolic figure represents the Soul rising purified from the Flames of Sacrifice, the left hand grasps the broken blade – the end of war – and the right hand raises the hilt – now the Cross Triumphant – while the eyes seem to gaze beyond the range of mortal vision and to find there ‚A new Heaven and a new Earth‘ (Revelation, xxi 1)“ Scottish National War Memorial: Official Guide. Norwich: Jarrold Publ., 2004. S. 26). („Eine Statue aus Bronze, teilweise mit Gold und Silber überzogen, mit einem Hintergrund aus geschliffenem und bemaltem Stein zeigt die aufgehende Sonne, das Land und das Meer (Erde, Luft, Feuer und Wasser). Die symbolische Figur repräsentiert die Seele, die gereinigt aus dem Opferfeuer emporsteigt, die Linke hält ein gebrochenes Schwert – das Ende des Krieges – die Rechte reckt den Schwertgriff nach oben – jetzt das triumphierende Kreuz – während das Auge über den Rand der sterblichen Vision hinwegzuschauen scheint und dort ‚einen neuen Himmel und eine neue Erde‘ (Offenbarung 21, 1) zu finden scheint.“) (siehe Foto).

Man, man, als wäre nichts geschehen, wird das Schwert zum siegenden Kreuz und erstreitet die Armee den neuen Himmel und die neue Erde. Und gefallene Soldaten dürfen damit rechnen, dass sie für ihr Opfer von Gott belohnt werden?! Haben wir denn nichts aus der Geschichte gelernt?

Cornelsen muss anti-evangelikale Passagen streichen: Hier meine Stellungnahme

So meldete es der Börsenverein des deutschen Buchhandels:

Cornelsen muss anti-evangelikale Passagen streichen
Das bayerische Kultusministerium duldet keine anti-evangelikalen Passagen in einem Schulbuch und verwehrt dem Cornelsen-Verlag die Zulassung des neuen Englischbuchs „Context 21“, „wenn es weiter Aussagen enthält, die Evangelikale in den USA in ein sehr schlechtes Licht rücken“. Das hat die Behörde auf Anfrage der Evangelischen Nachrichtenagentur idea mitgeteilt.
In dem Kapitel „Fundamentalismus in Amerika“ behaupte die Journalistin Susan Jacoby, dass „ein unbestreitbarer, starker Zusammenhang zwischen religiösem Fundamentalismus und einer fehlenden Bildung“ bestehe. Kreationismus habe „die öffentliche Bildung in vielen Regionen des Landes nachhaltig beeinflusst“. Er sei ein wichtiger Grund dafür, dass amerikanische Gymnasiasten weniger über die Wissenschaft wissen, als Gleichaltrige in Europa und Asien. Diese Darstellung stimme „teilweise nicht mit den in Artikel 131 der Bayerischen Verfassung formulierten Obersten Bildungszielen überein“, so das Kultusministerium.

Bereits im März hatten sich zwei Lehrer über das Buch beschwert. Ein führender Mitarbeiter der Weltweiten Evangelischen Allianz, Thomas Schirrmacher, warf Jacoby vor, „hochkomplexe Zusammenhänge in einem stark religiösen Land wie den USA auf einfache Stereotypen zu reduzieren“. Danach hatte der Verlag angekündigt, den Text zu überarbeiten. Dies geschah allerdings nach Ansicht der Kritiker nur sehr unzureichend. Sie beschwerten sich erfolgreich beim Ministerium. Der Cornelsen-Verlag wollte sich nach Angaben der Evangelischen Nachrichtenagentur bislang nicht zu dem Vorgang äußern. (Quelle)

Auf vielseitige Bitte gebe ich hier meine Stellungnahme vom 4.3.2010 zu den antievangelikalen Passagen in einem Englischbuch des Cornelsen Verlages wieder, die das Bayrische Kultusministerium abgelehnt und der Verlag daraufhin zurückgezogen hat:

Susan Jacoby reduziert hochkomplexe Zusammenhänge in einem stark religiösen Land wie den USA auf ganz einfache Stereotypen, mit denen sie wunderbar bestimmte Gruppen diskriminieren kann. So führt sie zum Beispiel den Kreationismus und Intelligent Design rein auf die Evangelikalen zurück. Unter Evangelikalen – so Gallupumfragen in den USA – glauben 70% nicht an Evolution, unter Katholiken 30%, das heißt über 20 Millionen. Das zeigt, dass die wirklichen Verläufe wesentlich komplizierter sind, denn es gibt Zigmillionen von Evangelikalen, die die theistische Evolution vertreten und Zigmillionen von Nichtevangelikalen, die die Evolution ablehnen. Aber wenn man einer Gruppe die Schuld an allen Miseren geben will, ist für solche Differenzierungen natürlich kein Platz.

Angeblich sollen amerikanische Gymnasiasten wegen des verbreiteten Kreationismus weniger über Wissenschaft wissen, als Gymnasiasten in Europa und Asien. Das ist schlicht Unsinn und wird von keinem Erziehungswissenschaftler so vertreten. Die Gründe dafür sind vielschichtig und haben nur bedingt mit Religion zu tun. Und gerade die vielen Gymnasiasten an christlichen (evangelikalen) Privatschulen ebenso wie in der Homeschoolbewegung in den USA liegen in ihrem Kenntnisstand wissenschaftlicher Zusammenhänge weit vor ihren amerikanischen Altersgenossen. Man vergesse bitte nicht: An kreationistischen Schulen wird Evolution und Schöpfung unterrichtet, die Evolutionstheorie kann danach in der Regel besser referiert werden.

Weil angeblich in der USA in der Unterschicht der Glaube an die Bibel verbreiter ist als unter Hochschulabsolventen, sei die Verbindung zwischen Fundamentalismus und fehlender Bildung bewiesen. Auch das ist Unsinn. In aller Welt gehören die Gebildeten nun einmal zu den unreligiösesten Menschen. Die Evangelikalen in den USA gehören überwiegend zur gebildeten Mittelschicht, nicht zur Unterschicht. Wer die USA kennt, weiß, dass große religiös motivierte – auch evangelikale – Universitäten in den USA ganz vorne mitmischen.

Im übrigen bedient die Darstellung von Jacoby in einem Schulbuch viele irrige Klischees über die USA. Die ach so gebildeten Europäer sind den religiösen Amerikanern haushoch überlegen. Der Schüler, der die USA dann tatsächlich besucht, wird dort eine ganz andere Welt vorfinden.

Und hier die dazugehörige idea-Meldung vom 7.3.2010 und anschließend die Meldung aus PRO vom 28.6.2010 zum weiteren Verlauf, danach weitere Links zur Debatte:

Kritik an Darstellung Evangelikaler: Schulbuch wird überarbeitet

Berlin/Bonn (idea) – Weil zwei Lehrer die einseitige Darstellung Evangelikaler in einem geplanten Englischbuch kritisieren, will der Cornelsen-Verlag (Berlin) die umstrittene Passage überarbeiten. In dem noch nicht erschienenen Band „Context 21“ werden evangelikale Christen in den USA in ein negatives Licht gerückt.

Im Kapitel „Fundamentalismus in Amerika“ behauptet die Atheistin und Journalistin Susan Jacoby, dass „ein unbestreitbarer, starker Zusammenhang zwischen religiösem Fundamentalismus und einer fehlenden Bildung“ bestehe. Kreationismus habe „die öffentliche Bildung in vielen Regionen des Landes nachhaltig beeinflusst und ist ein wichtiger Grund dafür, dass amerikanische Gymnasiasten weniger über die Wissenschaft wissen, als Gleichaltrige in Europa und Asien“. Der Direktor des Internationalen Instituts für Religionsfreiheit der Weltweiten Evangelischen Allianz, Prof. Thomas Schirrmacher (Bonn), sagte auf idea-Anfrage, Jacoby reduziere hochkomplexe Zusammenhänge in einem stark religiösen Land wie den USA auf einfache Stereotypen. So führe sie zum Beispiel Kreationismus und Intelligent Design rein auf die Evangelikalen zurück. Laut Umfragen würden aber in den USA nicht nur 70 Prozent der Evangelikalen, sondern auch 30 Prozent der Katholiken die Evolutionstheorie ablehnen. „Das zeigt, dass die wirklichen Verläufe wesentlich komplizierter sind, denn es gibt Zig-Millionen von Evangelikalen, die die theistische Evolution vertreten, und Zig-Millionen von Nichtevangelikalen, die die Evolution ablehnen“, so Schirrmacher. „Aber wenn man einer Gruppe die Schuld an allen Miseren geben will, ist für solche Differenzierungen natürlich kein Platz.“ Die Aussage, dass amerikanische Gymnasiasten wegen des verbreiteten Kreationismus weniger über Wissenschaft wissen als Gymnasiasten in Europa und Asien, sei zudem „schlicht Unsinn“. Die Evangelikalen in den USA gehörten überwiegend zur gebildeten Mittelschicht, nicht zur Unterschicht. Wer die USA kenne, wisse, dass große religiös motivierte – auch evangelikale – Universitäten ganz vorne mitmischten.

Verlag räumt falsche Darstellung ein

Der Cornelsen-Verlag teilte auf idea-Anfrage mit, dass er derartige Hinweise sehr ernst nehme. „Wie jeder andere Text des Buches spiegelt der angesprochene Text die Sichtweise seines Verfassers, aber nicht notwendigerweise die Sicht der Redaktion wider“, hieß es. „Wir werden aber Aufgabenstellungen so überarbeiten oder ergänzen, dass eine kritische Auseinandersetzung mit dem Text stärker in den Fokus gerückt wird. Gleichzeitig müssen wir einräumen, dass die Definition von ,Intelligent Design‘ tatsächlich so verknappt ist, dass sie falsch ist. Wir werden sie überarbeiten.“ Ob der geplante Erscheinungstermin im Mai zu halten sein wird, sei unklar.

Kein Einzelfall

Es ist nicht das erste Mal, dass der Cornelsen-Verlag in die Kritik gerät. Ende vergangenen Jahres hatte die Kirchliche Sammlung um Bibel und Bekenntnis in Bayern sich kritisch zu einem Deutschbuch geäußert, in der die „Sage vom Doktor Faust“ behandelt wird. Zu den Aufgabenstellungen für die Fünftklässler gehörte unter anderem, eine Beschwörungsformel für den Teufel zu verfassen und zu überlegen, welche Verlockungen heute einen Teufelspakt rechtfertigen könnten. In einem anderen Englischbuch, das im vergangenen Jahr erschienen ist, wurden Evangelikale diskreditiert. So hieß es in einem Text: „Wir können über diese Menschen lachen, aber wir sollten sie nicht abweisen. Dass ihr Glaube schwachsinnig ist, bedeutet nicht, dass sie eine Randerscheinung sind.“

Ministerium verbietet anti-evangelikales Schulbuch

In einem Schulbuch für die Oberstufe dürfen evangelikale Christen nicht pauschal als weniger gebildet bezeichnet werden. Das entschied das bayerische Kultusministerium nach Protesten gegen das Buch „Context 21“ aus dem Schulbuchverlag Cornelsen.

Ein Englisch-Buch des Schulbuchverlages Cornelsen verstößt gegen die bayerische Verfassung, weil es keine Achtung vor religiösen Gefühlen anderer zeige, urteilte das bayerische Kultusministerium

Das Englisch-Lehrbuch „Context 21“ enthält ein Kapitel zum Thema „Fundamentalismus in Amerika“. Darin steht ein Text der amerikanischen Schriftstellerin Susan Jacoby, in dem sie behauptet, dass „ein unbestreitbarer, starker Zusammenhang zwischen religiösem Fundamentalismus und einer fehlenden Bildung“ bestehe. Der Glaube an die göttliche Schöpfung unserer Welt habe „die öffentliche Bildung in vielen Regionen des Landes nachhaltig (negativ) beeinflusst“, heißt es da. Dies sei ein Grund dafür, dass das Wissen amerikanischer Gymnasiasten geringer sei als das von gleichaltrigen Schülern in Europa und Asien.

Im März hatten sich zwei Lehrer über das Buch beschwert. Auch der Vorsitzende der Theologischen Kommission der Weltweiten Evangelischen Allianz, Thomas Schirrmacher, warf Jacoby vor, in ihrem Text „hochkomplexe Zusammenhänge in einem stark religiösen Land wie den USA auf einfache Stereotypen zu reduzieren“. Danach hatte der Verlag angekündigt, den Text zu überarbeiten. Dies geschah allerdings nach Ansicht der Kritiker nur sehr unzureichend.

Wie die Evangelische Nachrichtenagentur „idea“ berichtet, entschied nun das Kultusministerium von Bayern, dass das Schulbuch des Berliner Cornelsen-Verlages nicht zugelassen werden könne, wenn es die umstrittenen, anti-evangelikalen Aussagen enthalte. Die Politiker erklärten, die Passage stimme  nicht mit Artikel 131 der Bayerischen Verfassung überein. Darin heißt es unter „Ziele der Bildung“: „Oberste Bildungsziele sind Ehrfurcht vor Gott, Achtung vor religiöser Überzeugung und vor der Würde des Menschen (…)“.

Der Verband Evangelischer Bekenntnisschulen begrüßte laut „idea“ diese Entscheidung. Das angesprochene Kapitel stelle die Evangelikalen sehr einseitig dar, so Vorstandsmitglied Gerhard Ellermann. Der Cornelsen-Verlag wollte sich bislang nicht zu dem Vorgang äußern.

Nicht das erste anti-evangelikale Cornelsen-Buch

Es ist nicht das erste Mal, dass der Cornelsen-Verlag Texte in Schulbüchern abdruckt, die evangelikale Christen scharf angreifen. Das Englischbuch „Crossover“ (Band 2, 1. Auflage, ISBN 978-3-06-020483-0) aus dem Jahr 2009 hat ebenfalls „fundamentalistische Christen“ zum Thema gemacht und davor gewarnt, diese seien einem religiösen „Wahn“ verfallen, der auf der Bibel gründe. Es enthält einen Artikel der britischen Tageszeitung „The Guardian“, der überschrieben ist mit „Ihr Glaube ist übergeschnappt, aber sie sind das Herz der Macht“. Diese Christen wollten einen Krieg im Nahen Osten herbeiführen, weil dann der Messias wieder käme. Das Buch forderte die Schüler auf: „Wir können über diese Menschen lachen, aber wir sollten sie nicht abweisen. Dass ihr Glaube schwachsinnig ist, bedeutet nicht, dass sie eine Randerscheinung sind.“

Laut „idea“ brachte der Cornelsen-Verlag außerdem im vergangenen Jahr ein Deutschbuch heraus, in dem die Sage von Doktor Faust behandelt wird. Der Verein „Kirchliche Sammlung um Bibel und Bekenntnis“ (KSBB) in Bayern habe das Buch kritisiert, weil darin die Aufgabe gestellt worden sei, eine Beschwörungsformel für den Teufel zu verfassen und zu überlegen, welche Verlockungen heute einen Teufelspakt rechtfertigen könnten.

Im Sommer 2008 brachte der „Verlag an der Ruhr“ aus Mülheim, der zur Cornelsen-Holding gehört, ein Buch für Schüler der Klassen 7 bis 13 zum Thema „christlicher Fundamentalismus“ heraus. Der damals 25-jährige Verfasser Stephan Sigg schreibt darin, es gebe kaum einen Unterschied zwischen muslimischen und christlichen Fundamentalisten. Während die Welt aus irgendwelchen Gründen jedoch den radikalen Islam zum „Sündenbock“ erkoren habe, gelte: „Christliche Fundamentalisten verbreiten nach wie vor ihren Glauben mit Gewalt.“ Auch in Deutschland versuchten diese christlichen Fundamentalisten ihre Herrschaft auszubreiten. Sie seien antimodern und fortschrittsfeindlich. „Ihre Aktionen können für eine Gesellschaft gefährlich werden“, heißt es in dem Schulbuch.

Quelle: pro-medienmagazin.de

Weitere Beiträge hier.

Atheistische Kritik an der Entscheidung des Landes Bayern („Zensur in der Schule: Bayern lässt anti-evangelikale Passagen in Schulbüchern streichen“) findet sich hier.

Hilft Gender Mainstream bei der Stadtplanung?

Juli 12, 2010 by Schirrmacher · 2 Kommentare 

Seit längerem liegt ein Buch auf meinem Lesestapel, dass ich von der Stadt Bonn erhielt und für dass ich mich besonders interessierte, da es sehr breit auf die Neugestaltung eines großen Verkehrsplatzes in der Nähe unserer Wohnung eingeht: Gleichstellungsstelle Stadtplanungsamt. Geschlechterperspektiven in der Stadtentwicklung. Bonn: Bundesstadt Bonn, 2007.

Als ich endlich anfing zu lesen, war ich nur neugierig. Die fehlende Gleichberechtigung früherer Zeiten hatte mancherlei Folgen, warum nicht auch im Städtebau. Was aber in dem Heft (und ähnlicher Literatur) als Beispiele angeführt wird, grenzt – man entschuldige die Ausdruckweise – ans Lächerliche.

So heißt es in der Einführung: „Es geht um die Nutzungsqualitäten von Wohnung, unter anderem im Hinblick auf die Ermöglichung von Betreuungsarbeit. Es geht um die Frage nach integrierten, funktionalen Quartieren und Stadtvierteln, in denen Daseinsvorsorge ebenso möglich ist wie wohnortnahe Erwerbsarbeit. Es geht um Verfügungsmacht und Verfügungsmöglichkeiten über öffentliche Räume, um Nutzungs- und Aufenthaltsqualitäten in Quartieren und in der Stadt. Schließlich geht es um den Abbau von Asymmetrien der Mobilitätschancen, um Bewegungsfreiheit, um die Möglichkeit gleichberechtigter Teilnahme am öffentlichen Leben und qualifizierter Erwerbsarbeit.“ (5–6) Ist das mehr als eine Aneinanderreihung von Worthülsen?

Das ganze Heft erweckt den Eindruck, als wäre der gesamte öffentliche Raum bis heute von Männern so konzipiert worden, dass Frauen das Leben möglichst schwer fällt. Und dabei sind es natürlich ‚die Männer‘, als hätte außer ein paar Politikern und vielleicht noch Unternehmer mit Standortentscheidungsmacht irgendein Mann die Macht, die Struktur seiner Umwelt zu bestimmen. Werde ich da als Einzelner nicht wegen meines Geschlechts vom Opfer zum Täter umdefiniert?

Ist Protzarchitektur rein männlich?

Eine enorm ausdifferenzierte und komplizierte Welt wird dabei in fertige Schablonen gepresst, etwa wenn es heißt: „Irene Wiese von Ofen, ehemalige Stadtbaurätin von Essen, hat bereits 1995 mit Blick auf unterschiedliche Planungsansprüche und daraus resultierende Ergebnisse Folgendes formuliert: ‚Ein Städtebau der großen Geste und eine Architektur harter Kontraste und ausgeklügelter Repräsentanz (corporate Identity, Achsen u.ä.) dürfte damit eher als ,männlich‘ zu bezeichnen sein, die der harmloseren Form, der additiven Elemente und der praktischen Gebrauchsfähigkeit eher als ,weiblich‘.‘ Letztere sind, so von Ofen, ‚Lebensquartiere für uns alle gemeinsam‘.“ (6) Hier wird eine jahrtausendealte Architekturgeschichte monokausal erklärt: praktische und nette Gebäude sind weiblich, alle anderen männlich.

Ich fühle mich als einer, der die Protzarchitektur der Gegenwart nicht leiden kann, beleidigt, dass man billig all das nur den Männern zuschreibt. Und ich kann auch nicht erkennen, was unter einer langjährigen Oberbürgermeisterin in Bonn so grundlegend anders geworden ist.

Es gibt Merkels in dieser Welt, die in wohltuender Weise weibliche Führungselemente in eine Welt der Hirsche bringen, die ihre Geweihe vergleichen, aber gibt es nicht auch die Thatchers, die eisernen Ladys? Das gilt für weibliche Architekten/innen genauso! Schon mal das BMW-Haus in Leipzig von Zaha Mohammad Hadid gesehen oder die Bauten von Lina Bo Bardi in Brasilien?

Sodann ist die Frage: Warum klingt das ganze so nach moralischer Wertung? Warum werden im Falle der Männer eher negative klingende Begriffe verwendet, im Falle der Frauen positiv klingende?

Und wenn schon die Feststellung so pauschal stimmen würde: Warum geht es dann nicht darum, einen gerechten Mix aus zweierlei Sichtweisen und Wünschen zu planen, sondern offensichtlich darum, jetzt endlich einmal ausschließlich ‚weiblich‘ zu planen und zu bauen?

Wirklich empirische Belege finden sich für all das nicht. Weil es viel „Unklarheit“ gibt, ja es bei Gender Mainstream oft darum gehe, einen Pudding an die Wand zu nageln (7), schreibt Brigitte A. (7–19) [wobei ich die Nachnamen bewusst abkürze, weil es mir nicht um bestimmte Personen geht]: „Hinzu kommt, dass die Bezüge zwischen Geschlechtergerechtigkeit und Städtebau erst einmal hergestellt werden müssen.“ (7) Das riecht mir mehr nach Verschwörungstheorie und Geldbeschaffung, als nach etwas, was exakte Forschung hervorbringt und was dann konkret unsere Alltagsumwelt lebenswerter macht.

Frauen wünschen Nähe, Männer Weite? Die Romantik lässt grüßen!

In Dessau wird ein Plangebiet „um ein weiteres Wohngebiet erweitert, um kürzere Wege zu ermöglichen (Erhaltung bzw. Sicherung der Nahversorgung).“ (11) Ist der Umstand, dass der Weg zur nächsten Post immer weiter ist, wirklich ein Gender-Problem? Ist der Umstand wirklich dem fehlenden Einfluss von Frauen geschuldet?

Also, die Männer sind schuld, dass das bisher nicht so war? Und jetzt endlich kommen Baumaßnahmen in Dessau, die alles besser machen? Werden hier nicht selbstverständliche Baumaßnahmen mit einem gewaltigen Brimborium behängt, als sei erst Gender Mainstream darauf gekommen?

Und wieso war dann die Nahversorgung mit Tante-Emma-Laden früher, als es Gender Mainstream noch nicht gab, ja leider noch nicht einmal die Gleichberechtigung, trotzdem so viel besser?

Und wieso wird dann berichtet, dass eine NRW-Studie in allen Städten und Gemeinden, wie Nahversorgung nach dem Wunsch der Bevölkerung aussehen sollte, kein eindeutiges Ergebnis brachte (40)? Offensichtlich lassen sich die Millionen von Einwohnern nicht einfach zwei Kategorien – Mann und Frau – zuordnen, sondern einer enorm großen Vielfalt von Wünschen und Idealvorstellungen.

Und wieso kaufen dann bei HUMA (dem Supergroßmarkt außerhalb von Bonn) so viele Frauen (und Männer) mit Auto ein, während die Lebensmittelläden in der Stadt eingehen, weil zu wenig Frauen (und Männer) dort einkaufen?

„Der ruhende Verkehr wurde unter Gesichtspunkten des Gender Mainstream neu gestaltet.“ (12) Welche Gesichtspunkte? Die der Gleichberechtigung? Die der Frauen? Und welche sind das dann? Empirisch erforschte und erfragte? Oder einfach ideologisch behauptete?

Da heißt es dann plump: „Männer fahren Auto, Frauen nutzen den ÖPNV oder gehen zu Fuß.“ (16) Und ich? Ich habe gar kein Auto!

Auch bei Brigitte R. (72–90) ist immer wieder von der nur von Frauen erwünschten „Nähe“ (z. B. 83) die Rede und „kurze Wege“ sind „geschlechtergerechte Planung“ (85).

Die Romantik entwickelte eine lange Liste von typischen Zuordnungen männlicher und weiblicher Eigenschaften. Allen voran stehen da „Weite“, Öffentlichkeit und „außen“ für den Mann und „Nähe“, Haus und Familie und „innen“ für die Frau (s. etwa Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz. Frau – Männin – Menschin: Zwischen Feminismus und Gender. Kevelaer: Butzon & Bercker, 2009. 35). Es ist schon kurios, dass solche mythischen Festschreibungen in der Genderforschung fröhliche Urstände feiern. Ob der Umstand, dass Frauen in vielen älteren Kulturen einen geringeren Bewegungsradius haben als Männer nur kulturell bedingt oder wirklich angeboren ist, ist aber in Wirklichkeit höchst umstritten (s. Doris Bischof-Köhler. Von Natur aus anders: Die Psychologie des Geschlechtsunterschiede. Stuttgart: W. Kohlhammer, 20063. 154).

Der Bertha-von Suttner-Platz – einfach gut erneuert oder gendergerecht?

Von besonderem Interesse war für mich aber nun zu erfahren, welche Rolle Gender Mainstream für den großen Verkehrsplatz ‚Bertha-von-Suttner-Platz‘ spielte (80–81), der 80 m von meinem Haus weg liegt und auf dem und über den sich Teile unseres Familienlebens durch Einkauf, Schnellimbiss und U-Bahn, Straßenbahn und Bus abspielen. Aus meiner Sicht war es eine ganz normale Modernisierung mit dem üblichen langen Vorlauf im Stadtparlament, in ÖPNV-Unternehmen, in den Medien und bei der Finanzierung.

Richtig heißt es im Heft, der Platz lade jetzt zum Verweilen ein (na, vielleicht etwas übertrieben), nachdem man ihn früher nur betrat, um ihn so schnell wie möglich wieder zu verlassen (richtig!), dass die Haltestellen des Verkehrsknotenpunktes nun heller, freundlicher, bequemer und behindertengerechter seien (alles sehr richtig, aber bei einer Platzerneuerung nach 20 Jahren ist das ja auch ohne teure Genderstudien zu erwarten), dass „viele Angsträume“ „verschwunden“ sind (was sind das denn? Und war die Autorin auch mal um 1 Uhr Nachts auf dem neuen Platz?) Der Gehweg ist breiter usw.

Nur, was das alles mit Gender Mainstream zu tun haben soll, wird nicht gesagt. War der unwirtliche Platz vorher männlich und nach Männerwünschen gestaltet? Und wieso halten sich dann jetzt so viele Männer dort auf? Denn irgendein Beleg, dass Männer den Platz früher liebten und heute nicht mehr, fehlt natürlich.

Fakt ist: Der Platz war früher für Männer und Frauen schrecklich und ist heute wesentlich freundlicher gestaltet – zum Hinsetzen und Verweilen lädt er immer noch nicht ein und kann der 50m entfernten Fußgängerzone mit der gemütlichen Außengastronomie immer noch keine Konkurrenz machen, die sich in freundlichen Straßen finden, die in früheren Generationen ja auch wesentlich Männer gestaltet haben!

Was beweisen zwei Badezimmer?

Brigitte R. überbietet alles mit ihrem „Plädoyer für die Überwindung der steingewordenen Geschlechterhierarchie“ (86).

„Bad oder Bäder? Durchaus, auch Sanitärräume können Hierarchien manifestieren. Ein einziges vorhandenes Bad, das zudem klein und eng ist und nur über eine Waschgelegenheit verfügt, erfordert die Verteilung der Nutzungsrechte. Im traditionalistischen Idealfall ist der ‚Familienernährer‘ zuerst dran, da er das Haus oder die Wohnung zuerst verlassen muss. Geht man realistischerweise davon aus, dass Frauen wie Männer einer Erwerbstätigkeit nachgehen oder zumindest eine anstreben (in Bonn beispielsweise liegt der Frauenanteil an den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten bei 49,3%!), gehören Grundrisse für Wohnungen und Häuser, die nicht zwei Bäder oder ein größeres Bad mit zwei Waschgelegenheiten vorsehen, in die Mottenkiste.“ (89–90)

Beruhen solche Aussagen wirklich auf Erforschung der heutigen Realität? Wird hier wirklich Wissenschaft betrieben? Oder werden hier möglicherweise früher einmal vorhandene Realitäten (auch dafür erscheinen sie mir noch reichlich typisiert und verallgemeinert) in den Köpfen fortgeschrieben, um die mit ihnen begründete Ideologie (oder gar nur ihre Finanzierungsquelle) nicht zu verlieren?

Wie reich muss die Autorin sein, dass sie alle Wohnungen ohne zwei Bäder oder zwei Waschgelegenheiten für Familien abschaffen will? Und früher hatten also die armen Familien kleine Badezimmer nicht, weil sie arm waren, sondern weil so die Männer Herren im Haus bleiben wollten?

Ich bezweifele jedenfalls, dass die Gelder, die für solche Beiträge ausgegeben werden, zu irgendeiner sinnvollen Veränderung in irgendwelchen Partnerschaftsbeziehungen führen. Im übrigen: Wenn alles, was einem zur geschlechterhierarchischen Nutzung des Familienbades einfällt, ist, dass man zwei Badezimmer einbaut, beweist man nur, dass man nicht in der modernen Welt der ökologischen Bauweise angekommen ist. Ich gönne jedem, der es sich leisten kann, ein zweites Bad. Aber als ideologisches Muss? Da spare ich mir doch lieber einen Teil meines Geldes für den Einsatz in ärmeren Ländern der Erde, wo viele von sauberen Wasser und nur einem Badezimmer für die Großfamilie träumen.

Das fällt mir am meisten an der Genderforschung auf: Man muss nicht erst wie andere mühsam empirische Beweise erbringen (also etwa bei Kleinkindern erforschen, ob Jungen und Mädchen sich in Sachen Nähe und Ferne unterschiedlich verhalten oder ob sich unterschiedliche Wünsche zur Gestaltung eines Verkehrsplatzes wirklich auf Männer und Frauen verteilen lassen). Solange es nur politisch korrekt klingt, darf man Dinge behaupten, die nicht nur schwer nachweisbar sind, sondern die auch schnell der eigenen Sache entgegenstehen, etwa wenn Genderstudien am Ende keine Gleichberechtigung herbeiführen.

Prof. Klaus S. (50–64) gibt dagegen manch gute Anregung. Ungleiches müsse auch ungleich behandelt werden (58). Gender Mainstream sei Politik für Frauen und Männer (52), so dass alle gehört werden müssten. Ist er aber nicht als einziger Mann unter den Autoren verdächtig, nur in eigener Sache zu sprechen?

Thomas Schirrmacher