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Ein Konservativer gegen Rechts- und Linksextremismus: Mein Lehrer Manfred Funke ist verstorben
September 28, 2010 by Schirrmacher · 10 Kommentare
Am 20.9.2010 verstarb mein verehrter Lehrer der Soziologie und Politologie Prof. Dr. Manfred Funke im Alter von 71 Jahren. Zusammen mit dem Religionswissenschaftler Prof. Dr. Karl Hoheisel betreute er meine Dissertation ‚Hitlers’ Kriegsreligion’ (sein Gutachten siehe hier). Er war außerplanmäßiger Professor für Politische Wissenschaft an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. 35 Jahre lang lehrte und forschte er am Seminar für Politische Wissenschaft und Soziologie, bis er im Jahre 2004 in den Ruhestand ging. Ich war sein letzter Doktorand.
Noch letztes Jahr erschien die Festschrift zu seinen Ehren eine von Karl Dietrich Bracher u. a. herausgegebene Festschrift unter dem Titel ‚Politik, Geschichte und Kultur: Wissenschaft in Verantwortung für die res publica’ erschienen (dort S. 407–425 seine Bibliografie, seine Bücher siehe hier). Sein Vermächtnis war sein Vortrag ‚Totalitarismus, Extremismus, Radikalismus’ bei der Konrad-Adenauer-Stiftung aus dem Jahr 2008.
Er prägte mich sowohl als einer der bedeutendsten Hitlerforscher (vor allem durch sein ‚Starker oder schwacher Diktator?’, 1989) als auch in der soziologischen Untersuchung des Extremismus in jeder Form, auch des Rechtsxetremismus und Rassismus, dem er als Konservativer scharf entgegentrat (z. B. ‚Rechtsextremismus in Deutschland’, 1994 und als Herausgeber: ‚Extremismus im demokratischen Rechtsstaat’, 1987 und ‚’Terrorismus’, 1978). Als eindeutiger Verfechter der Demokratie scheute er sich doch nicht, der deutschen Demokratie (z. B. ‚ Demokratie und Diktatur’, 1987) auch die Leviten zu lesen, etwa in ‚Parteien in der Kritik’ (1993). All’ das habe ich von ihm übernommen und nicht nur meine Dissertation, sondern auch meine Bücher ‚Rassismus’ und ‚Fundamentalismus’ sind tief von ihm geprägt.
Der Rheinische Merkur schreibt in seinem Tagebuch treffend:
RM-Lesern ist er als exzellenter Kenner des 20. Jahrhunderts bekannt, der Geschichte mit Geschichten zu verbinden wusste. In der Fachwelt machte er mit Büchern über die NS-Zeit und aktuellen Extremismus auf sich aufmerksam. Der Bonner Politikwissenschaftler Manfred Funke schrieb regelmäßig für das Politische Buch und die Geschichtsseite, zuletzt über die Genese von Hitlers Antisemitismus. Anfang dieser Woche ist er im Alter von 71 Jahren verstorben. Wir werden seine feine Feder vermissen. (zur Quelle)
Ich freue mich, dass meine Frau dem Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie der Bonner Universität, an dem Funke wirkte, im Rahmen der Vorlesung „ Neuere politikwissenschaftliche Debatten um das Verhältnis von Politik und Religion“ verbunden bleibt (siehe hier und hier).
Einschränkung der Kirchen auf leisen Sohlen?
September 26, 2010 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar
Ein Auszug daraus erschien in der Evangelischen Zeitung
Gemessen an der Lage eines Großteil der Weltchristenheit in Ländern ohne wirkliche Religionsfreiheit ist es vermessen, in den westlichen Demokratien von der Gefahr der Christenverfolgung zu sprechen. Christen in China oder gar Iran können nur den Kopf schütteln, wenn bei uns vorschnell von Verfolgung gesprochen wird, da sie sehen, welche Freiheiten Christen bei uns haben, wie der Rechtsstaat funktioniert und von Christen in Anspruch genommen werden kann und welche Möglichkeiten Christen haben, sich über eigene und andere Medien breites Gehör zu verschaffen.
Das darf aber nicht dazu führen, dass man sich nicht mit drohenden Gefahren für die Religionsfreiheit auch bei uns auseinandersetzt. Dabei muss man nüchtern sehen: Wenn es innerhalb der EU oder überhaupt innerhalb der westlichen Wertegemeinschaft zu einer Bedrückung von Kirchen und Religionsgemeinschaften kommt, dann sicher nicht auf dem plumpen Weg der Gewalt, sondern auf dem sanften Weg des Gesetzes und auf dem Weg der verzerrten Darstellung in den Medien. Gegen letztere kann man sich dabei durch Aufklärungsarbeit wehren, gegen das Gewaltmonopol des Rechtsstaates ist dagegen nur wenig auszurichten, wenn nicht zuständige höchste Gerichte selbst ungerechte Gesetze eingrenzen.
18 Menschenrechtsorganisationen und religiöse Verbände wie die Katholische Bischofskonferenz und der Amerikanisch-Islamische Kongress, sowie die Generalstaatsanwälte von 13 amerikanischen Bundesstaaten haben gerade eine gemeinsame Eingabe beim Supreme Court der USA gemacht, dass das Recht religiöser Gemeinschaften, selbst über ihre Mitgliedschaft entscheiden zu können, unbedingt geschützt werden müsse. Anlass ist ein Rechtsstreit um eine christliche Studentenorganisation, die eine juristische Fakultät nicht zugelassen hatte, weil sie dadurch, dass ihr nur Christen angehören könnten, andere Menschen diskriminiere. In den USA ist eine massive Auseinandersetzung darüber entbrannt, inwieweit neuere Gesetze im Interessenkonflikt zwischen Religionsfreiheit und anderen Werten die Religionsfreiheit weit stärker einschränken dürfen, als es bisher üblich war.
Und tatsächlich haben die zunehmenden Antidiskriminierungsbestimmungen, so begrüßenswert sie in manchen Bereichen sind, zwei Folgen, die die Kirchen betreffen, auch im Bereich der EU.
Zum einen geht es beim Arbeitsrecht darum, inwiefern die Religionsgemeinschaften noch selbst entscheiden können, wer für sie arbeitet und wer sie repräsentiert. Deutschland hat sich entschieden, den diesbezüglich Ausnahmetatbestand für religiöse Organisationen der EU-Antidiskrimierungsrichtlinie sehr großzügig auszulegen, warum uns bisher Urteile gegen Religionsgemeinschaften erspart blieben – die dazugehörigen Rechtsstreitigkeiten gab es bereits gelegentlich. Großbritannien etwa ist den umgekehrten Weg gegangen und hat den Ausnahmetatsbestand noch weiter eingeschränkt. Katholische Adoptionsstellen mußten im Dutzend geschlossen werden, weil sie keine Kinder an homosexuelle Paare vermitteln wollen, obwohl diese Paare doch eigentlich genügend andere Vermittlungsstellen finden. Die EU-Kommission ringt derzeit um weitere Antidiskriminierungsrichtlinien, der Ausnahmetatbestand für religiöse Organisationen steht dabei zur Disposition.
Zum anderen geht es darum, inwiefern Religionsgemeinschaften ihre Sicht weiterhin öffentlich vertreten können, oder inwieweit in ihren ethischen Positionen oder in ihrer Abgrenzung von anderen Religionen oder etwa Sekten Hassrede gegen andere gesehen wird. Auch hier hat Deutschland sehr zurückhaltend reagiert. Großbritannien dagegen ist so weit vorgeprescht, dass bereits zweimal harmlose anglikanische Bischöfe in das Räderwerk der Justiz gerieten, weil sie sich in Predigten zu ethischen Fragen geäußert haben. Der eine wurde freigesprochen, der andere zu einer Geldstrafe und einem Antidiskriminierungskurs verurteilt. Die Gesetze gegen Hassrede, so moralisch wünschenswert es ist, dass Menschen einander nicht hassen, sind aber meist Gummiparagraphen, die die Meinungsfreiheiten immer weiter einschränken.
„Junge Freiheit“ spielt mit dem Feuer von Rassismus und Antisemitismus
September 20, 2010 by thomas · 3 Kommentare
Angesichts der Diskussion, ob die ‚Junge Freiheit‘ nur sehr weit rechts steht oder rechtspopulistisch oder rechtsradikal sei, lese ich von Zeit zu Zeit eine komplette Ausgabe mit einer Strichliste in der Hand, wo die Artikel einzuordnen sind. Bisher fand ich in jeder Ausgabe einen Beitrag der mich schockierte.
Mit der Nummer 38 vom 17.9.2010 schien es etwas anders zu sein. Ein Kreuz bis in den Namenszug hinein, ein Hinweis auf eine Demonstration gegen Abtreibung in Berlin.
Um so kälter die Dusche bei der eigentlichen Titelgeschichte auf Seite 1 direkt darunter. Da heißt es doch glatt am Ende des Artikel, der sich vermeintlich für Frau Steinbach und die Meinungsfreiheit einsetzt („Was man nicht sagen darf“ von Thorsten Hinz), im letzten Absatz:
„Auf dieser schiefen Grundlage wird die Politik zum Tummelplatz für Charaktere, deren Wertigkeit sich bereits habituell und physiognomisch mitteilt. Dazu muß man Frau Steinbach auf einem Jahresempfang des BdV gesehen haben, wie sie sich aufrecht, stolz, klar konturiert und natürliche Autorität ausstrahlend durch das Publikum bewegt, jeder Zoll an ihr eine Offizierstochter. Dagegen dann die vergnomten, lauernden, verwaschen-amorphen Vertreter der informellen Blockparteien. Frau Steinbach muß sich in der Politik schon lange sehr einsam gefühlt haben.“ (Quelle: JungeFreiheit.de)
„Physiognomisch“, „vergnomt“, „lauernd“, „verwaschen-amorph“ gegen „klar konturiert“ und „natürlich“, dass sind nicht nur Formulierungen aus der biologischen Rasselehre, sondern meint auch inhaltlich, dass man Menschen ihre Zugehörigkeit zu den Guten und den Bösen ansehen kann. Im übrigen ist es lächerlich, Bundeskanzlerin Merkel oder den CDU-Fraktionsvorsitzenden Kauder, immerhin die Hauptempfänger der Kritik Steinbachs, als vergnomt, verwaschen und lauernd zu bezeichnen. Wenn sie den Saal betreten, strahlen sie ebenso natürliche Autorität aus wie Frau Steinbach.
Im Übrigen haben Frau Steinbach und die Lebensrechtsbewegung eine solche Verteidigung nicht verdient. Beide haben sich von derartigen Positionen distanziert. Und ich empfehle der Lebensrechtsbewegung auch weiterhin, sich hier schärfstens von solcher Unterstützung zu distanzieren und sich nicht über die breite Berichterstattung in der ‚Jungen Freiheit‘ zu freuen. Denn den Braunen von einst und den Rechtspopulisten von heute, geht es offensichtlich nur um das ungeborene deutsche Leben, die deutsche Familie und die deutschen Vertriebenen, nicht um die der Muslime oder Sinto und Roma. So sehr ich die deutsche demografische Katastrophe bedauere (siehe Quelle), so sehr sind das ungeborene Leben oder die Familien Nichtdeutscher ethisch gleichwertig. Oder ist es Zufall, dass in dieser Ausgabe der ‚Jungen Freiheit‘ jede Berichterstattung zur Abschiebung von Roma und Sinti aus Frankreich fehlt? (siehe Quelle)? Geht es hier nicht auch um Familie, um Kinder und um Vertriebene?
Die Evangelikalen sind eigentlich nicht gefährlich …
September 5, 2010 by Schirrmacher · 6 Kommentare
Eine Polemik zur Kritik an Christians Wulffs Verbindung zu ProChrist
Im Deutschlandradio hat Kirsten Dietrich in einem Interview am 22.6.2010 Anklage gegen ‚ProChrist‘ als „fundamentalistische Bewegung“ erhoben (Quelle hier). Anlass war ihre Kritik an der Mitgliedschaft von Christian Wulff im Kuratorium von ‚ProChrist‘.
Einmal ganz davon abgesehen, dass Frau Dietrich offensichtlich mit religiösen Veranstaltungen überhaupt wenig anfangen kann, etwa wenn sie am Beispiel von Wulff vor allem erst einmal erkennt „dass jede Religion immer auch irrationale Elemente hat“ (seit wann gilt das nur für Religion und nicht auch für Medien, Kunst oder Politik?) und sie Irrationales offensichtlich lieber verbieten würde. Also ganz davon abgesehen, klingen ihre Beschreibungen der ProChrist-Veranstaltungen immer irgendwie negativ und verschwörerisch. Die Veranstaltungen sind ‚perfekt organisiert‘! Ist das etwas Schlimmes oder einfach nur typisch deutsch? Und dann: „Also da gibt es Vernetzungen.“ Ja, gibt es die denn irgendwo nicht mehr? Wieso klingt der Vorwurf ‚Netzwerk‘ in Dietrichs Mund mehr nach Al Kaida als nach Facebook?
Die entscheidende Frage ist nun aber: Welche Belege hat Dietrich vorzubringen, dass ProChrist in ähnlicher Weise als fundamentalistisch einzustufen ist, wie Osama bin Laden oder fundamentalistische Hindus, die derzeit in Indien Muslime und Christen töten, da das Land nur Hindus gehöre?
Nein, nein, in diesem modernen Sinn sind sie gar keine Fundamentalisten, so Dietrich, sondern im „eigentlichen Sinn des Wortes“, womit eine Gruppe Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts bezeichnet wurde. („Ja, es ist eine fundamentalistische Bewegung, wenn man den eigentlichen Sinn des Wortes Fundamentalismus nimmt. Das bedeutet ja eigentlich nicht von der Entstehung her den bärtigen Terroristen, den man heute damit assoziiert.“)
Nur: hier liegt eine völlig andere Definition zu Grunde! Dort meinte man Menschen, die ihre Glaubensgrundlage buchstäblich nahmen und sich deswegen von ‚der Welt‘ zurückzogen, heute meint man damit Menschen, die ihren Wahrheitsanspruch mit Gewalt anderen aufzwingen wollen. Hier wird wider besseres Wissen ein Totschlagwort benutzt, obwohl man ganz genau weiß, dass die Hörer darunter etwas ganz anderes verstehen, als man dann auf Nachfrage hin definiert.
Gefragt, ob denn ProChrist „in irgendeiner Weise politisch gefährlich für dieses Land“ ist, druckst Dietrich rum: „Politisch gefährlich würde ich so direkt nicht sagen, denn sie halten sich am Rand des Parteigeschehens“. Warum dann kein klares ‚Nein‘? Aber auch kein ‚Ja‘? Also indirekt gefährlich? Wie ist man denn das? Und dafür liefert Dietrich nicht die Andeutung eines Beweises. Eine Unverschämtheit ist das eigentlich für die Betroffenen. Denn irgendetwas bleibt dann doch hängen.
Nun führt sie doch ein Beispiel an: Für bestimmte Menschen sei es schwierig, in dieser Gruppierung zu leben. Einmal unterstellt, das das stimmt: Ist das politisch gefährlich? Nein! Denn: Werden diese Menschen gezwungen, mitzumachen? Natürlich nicht! Werden sie verfolgt, wenn sie nicht dazu gehören? Nein! Natürlich gibt es Menschen, für die es schwierig ist, in der katholischen Kirchen oder in der SPD zu sein – um beliebige Beispiele zu wählen. Ist die katholische Kirche aber deswegen politisch gefährlich, oder die SPD? Das gehört nun einmal zur grundgesetzlich garantierten Versammlungsfreiheit, dass sich gleichgesinnte zusammenschließen (und damit andere ausschließen) dürfen!
Nun weiß ich nichts weiter über Kirsten Dietrich, aber hier wird kein seriöser Journalismus betrieben und keine Expertenmeinung differenziert dargestellt, sondern jemand, der Evangelikale einfach blöd findet, versucht sie ohne jeden Beleg und offensichtlich wider besseres Wissen als fundamentalistisch und gefährlich darzustellen. Schade, dass wenigstens staatliche Rundfunkanstalten sich nicht etwas mehr Zeit für seriöse Recherche nehmen.
Doch noch einmal zurück: Entspricht ProChrist wenigstens diesen ehemaligen Fundamentalisten der 1920er Jahre? Dietrich meint eigentlich Ja, aber liefert eigentlich nur Gründe, warum dies nicht so ist. So hätten die Fundamentalisten damals Darwin abgelehnt, ProChrist lege sich da heute nicht fest. Nun stimmt die Aussage schon für damals nicht, denn in den berühmten ‚Fundamentals‘ schrieben auch Vertreter der theistischen Evolution mit, aber bei ProChrist? Fakt ist doch, dass in den ungezählten europaweit ausgestrahlten Veranstaltungen noch nie ein Wort zum Thema Evolution gefallen ist und die Verantwortlichen eine viel zu große Bandbreite repräsentieren, als das ProChrist überhaupt eine Position zu einer theologischen, geschweige denn naturwissenschaftlichen Einzelfrage haben könnte.
Gefragt, ob denn ProChrist gegen Darwin ist und alles in der Bibel wörtlich nehme, antwortet Dietrich mit „Ja“, um dann gleich alles zurückzunehmen und Argumente zu liefern, warum die Antwort eigentlich ‚Nein‘ lauten müsste: „Ja, das sind natürlich jetzt nicht, die haben da keine festen Glaubenssätze …“ Aber dann steht ProChrist plötzlich doch für eine „Strömung“, „die genau nach diesen Grundlagen die Bibel interpretiert“ – ja welche „Grundlagen“ denn, wenn Dietrich die nicht benennen, geschweige denn belegen kann? Und dann heißt es wieder: „man schätzt ungefähr, 1,5 Millionen Christen gehören dazu, wobei das auch wieder ganz vielfältig sind“. Und wieder: Es ist „eine ganz unglaublich vielfältige und weit gefächerte Bewegung“, so Dietrich.
Dreimal betont Dietrich im kurzen Interview – zu Recht – die enorme Bandbreite der Bewegung. Müsste sie dann mit ihren Pauschalurteilen nicht vorsichtiger sein? Nein, denn sie macht bei allen „eine möglichst wörtliche Interpretation der Bibel“ aus – was Unsinn ist, geht es doch Evangelikalen um eine möglichst korrekte, dass heißt am ursprünglichen Sinn interessierte Auslegung.
Und dann kommt der Hammer: „ein deutlicher Abstand zu allem, was man als Wissenschaft bezeichnen könnte“. Es mag ja sein, dass bei bestimmten Einzelfragen bestimmte Evangelikale allgemeingültige Aussagen der Wissenschaft anzweifeln. Aber dass die Evangelikalen zu der Wissenschaft Abstand halten, ist wirklich Unsinn und kann nur von jemand stammen, der selbst nicht in der Welt der Wissenschaft zu Hause ist. Wissenschaftsmuffel gibt es in allen sozialen Schichten, Bewegungen und Parteien. Aber dass sie unter den Evangelikalen häufiger anzutreffen sind, als beispielsweise unter Politikern, müsste erst einmal belegt werden.
Evangelikale sitzen auf Lehrstühlen in Oxford ebenso im Fach Mathematik wie im Fach Theologie, finden sich in Deutschland unter Biologie- und Philosophieprofessoren, unterhalten nicht nur in den USA, sondern besonders im globalen Süden Eliteuniversitäten (z. B. die Daystar University in Nairobi). In Indien sind führende Ökologen Evangelikale und auch Barack Obama verlässt sich auf den Sachverstand einiger evangelikaler Kapazitäten.
Und dann: Wo gibt es einen Beleg dafür, dass evangelikale Leiter so einen Unsinn wenigstens fordern? Wo in den Tausenden von Dokumenten, die etwa die Weltweite Evangelische Allianz als Dachverband der Evangelikalen veröffentlicht hat, ließe sich das finden? Nirgends! Aber ich vermute, dass sich Frau Dietrich nie der Mühe unterzogen hat, diese Dokumente zu studieren. An der Entstehung der Naturwissenschaft haben überaus fromme Männer ihren Anteil gehabt und bis heute sind überaus fromme Männer und Frauen in allen Bereichen der naturwissenschaftlichen Forschung anzutreffen. Und sie halten Abstand „zu allem“ was als Wissenschaft gilt?
Irgendwie wird man den Eindruck nicht los, dass Dietrich sowieso immer schon gegen ProChrist war und nun händeringend irgendwelche Gründe dafür zusammenklauben muss.
Da gibt es dann solche Blüten wie: „so amerikanische Erweckungsgottesdienste, wie man sie aus dem Film kennt“. Also, das wäre ja mal interessant! Welche Filme? Und was sind ‚Erweckungsgottesdienste‘? Wenn sie ‚Revivals‘ meint, die gab es in den USA in früheren Jahrhunderten und zuletzt in den 1960ern. Und ProChrist sieht aus wie die? Das sind doch alles Vorurteile, hat aber nichts mit Sachverstand zu tun. Wenn man schon Parallelen ziehen will, dann zu Fernsehgottesdiensten großer amerikanischer Kirchengemeinden aller Richtungen.
Und mit ProChrist kommt die amerikanische Erweckungsbewegung nach Deutschland? Schon mal was vom Pietismus seit dem 17. Jh. gehört? Von Freikirchen seit dem 19. Jh.? Von CVJM oder Innerer Mission? Die innerkirchliche Evangelisationsbewegung in Deutschland stammt aus dem letzten Drittel des 19. Jh., ebenso wie federführende Organisationen, die bei ProChrist mitmachen, wie der CVJM.
Wenn etwas aus den USA stammt, dann erhebliche Teile der verwendeten Technik. Aber das dürfte ja nichts typisch Evangelikales sein. Einmal abgesehen davon, dass es an sich ja noch nichts Unmoralisches ist, Amerikanisches zu übernehmen: Die deutsche evangelikale Bewegung ist ein historisch völlig eigenständiges Gewächs und Ulrich Parzany predigt bei ProChrist als lutherischer Pfarrer in typisch lutherischer Tradition, nicht als Abklatsch amerikanischer Frömmigkeit, was immer das auch ist. Und als Fernsehprediger würde Parzany in den USA sofort durchfallen, so anders ist er.
Der nächste Hammer kommt zum Thema Mission. Nach dem „Missionsanspruch“ der Evangelikalen gefragt, antwortet sie erst korrekt: „Na ja, im Prinzip hat das natürlich jede christliche Gruppe, das steht so in der Bibel am Ende des Matthäusevangeliums.“ Angeblich missionieren dann aber doch nur die Evangelikalen. Also, in welcher Welt lebt Frau Dietrich eigentlich? Und die evangelische und katholische Kirche in Deutschland versuchen sich angeblich von einer „möglichst wörtlichen Ausführung“ „möglichst fernzuhalten“. Wie führt man denn Mission wörtlich und weniger wörtlich aus? Und selbst wenn dem so wäre, blieben ja die ungezählten Erklärungen der katholischen Kirche oder des Weltkirchenrats zugunsten von Evangelisation und zu Mission gerade der jüngeren Zeit und die enormen Missionserfolge der traditionellen Kirchen, zum Beispiel der katholischen Kirche in Afrika. Und in Deutschland? Warum diskutieren die katholischen Bischöfe die Reevangelisierung Europas? Warum führt die Evangelische Kirche Synoden zum Thema Evangelisation durch? Warum unterhalten die Landeskirchen ‚Missionarische Ämter‘? Woher kommen die Taufen von ehemaligen Atheisten oder von Muslimen in den Großkirchen? Außerdem verlaufen die Fronten, was in Mission geht und nicht, längst quer durch alle Kirchen und durch den Weltkirchenrat ebenso wie mitten durch die evangelikale Bewegung. Eine schwarz-weiße Aufteilung in Evangelikale und Nichtevangelikale mag zwar plakativ sein, hat aber mit der Realität wenig zu tun.
Und ist nicht gerade die breite Repräsentanz der Großkirchen oder ihrer Mitglieder bei ProChrist – immerhin der Anlass des Interviews – nicht Beweis genug, dass Frau Dietrich sich irrt?
Es ist doch wohl eher so, dass Frau Dietrich eben mit dem Flügel der Großkirchen sympathisiert, der ihrer Auffassung entspricht, dass man nicht missionieren sollte und nicht wahrhaben will, dass Mission so sehr zum Wesen des christlichen Glaubens gehört, dass man, wenn man diese Mission loswerden will, sicher – respektvoll und in aller Freiheit – den christlichen Glauben aufgeben kann – aber ein Christentum zu konstruieren, in dem Christen nicht mehr darüber sprechen, warum sie Christen sind, und in dem im Gottesdienst oder etwa bei Abendmahl bzw. Messe nicht mehr von ‚Verkündigung‘ die Rede ist, schwer zu konstruieren ist. Man kann – und muss – unter Christen darüber diskutieren, ja streiten, wie Mission aussehen sollte und was Mission auf keinen Fall tun sollte, aber sie kurzerhand abschaffen?
Übrigens, auch die Wortwahl lässt kein ökumenisches Miteinander bei Frau Dietrich vermuten, sondern herablassende Besserwisserei. So gehört die Hälfte der Evangelikalen nicht den Evangelischen Landeskirchen an, sondern „ist organisiert in irgendwelchen kleinen Freikirchen“. So hat man vielleicht vor 50 Jahren über kleinere Kirchen in Deutschland gesprochen, die in anderen Ländern zahlenmäßig die Konfessionen der deutschen Großkirchen oft bei weitem überflügeln, aber heute? Das klingt jedenfalls nicht so, als ob Frau Dietrich im ökumenischen Miteinander mit diesen Kirchen Gottesdienst gefeiert oder gemeinsame Sozialprojekte betrieben hätte.
Schließlich geriert sich Frau Dietrich noch zur Fachfrau mit Insiderwissen, wenn sie weiß, dass ProChrist vor allem zu schon Bekehrten spricht und diese stützt, weniger „neue Mitglieder gewinnt“. Nur deswegen, so meint sie, wird ProChrist von den Landeskirchen gestützt, weil sie an diese gestandenen Mitarbeiter heranwollen.
Nun gibt es zum Erfolg dieser Art der Evangelisation genügend – auch wissenschaftliche – Untersuchungen, auch wenn wir Fachleute längst keine so eindeutigen Ergebnisse vorwiesen können, wie Frau Dietrich in einem Satz. Doch das Ergebnis stimmt im Großen und Ganzen mit weltweiten Ergebnissen überein: Bei dieser Art der Evangelisation werden vor allem Außenstehende gewonnen, die schon über längere Zeit persönlichen Kontakt zu engagierten Christen hatten, wobei an den öffentlichen Abenden nun gewissermaßen der Sack zugebunden wird. Und die Angesprochenen gehen dann überwiegend in die Kirche oder Gruppe, zu der ihr Langzeitkontakt gehört. Die Kombination aus dem persönlichen Engagement Hunderttausender im persönlichen Umfeld mit einem großen Medien-Event macht das Erfolgsrezept aus. Und die Kirchen sind daran interessiert, dass ihre engagierten Mitglieder solche persönlichen Kontakte haben oder aufbauen lernen und dass dann diejenigen, die über solche Kontakte für ein aktives Christsein gewonnen werden, dann nicht woanders hin abwandern, sondern die Kirchengemeinden bereichern.
Zum Schluss bietet Dietrich noch ihr Argument, warum Wulff nicht im Kuratorium von ProChrist bleiben sollte. (Ich vermute auch, dass er als Bundespräsident dort aufhören wird, wenn auch aus ganz anderen Gründen, doch darum geht es mir hier nicht.)
Als Bundespräsident, so Dietrich, steht Wulff für den Rechtsstaat, während die Religionen für das Irrationale und eine Macht über dem Rechtsstatt stehen.
Man höre und staune: Es geht also wieder einmal nur vordergründig um die Evangelikalen, auf die man recht einfach einprügeln kann, ohne allzuviele Gegner zu wecken. Im Prinzip aber geht es um Religion an sich. Wulff sollte als Bundespräsident bei keiner irgendwie gearteten Religion ein Amt wahrnehmen, da Religion zu viele irrationale Elemente hat. Hätte Frau Dietrich das gleich im ersten Satz gesagt, hätte jeder Bescheid gewusst und man hätte sich die ganzen Missinformationen zu ProChrist sparen können. Denn selbst wenn ProChrist Frau Dietrich zuliebe ganz anders würde, religiös würde es immer bleiben.
Und wenn der Hauptvorwurf ist, Gott als „höchste Autorität“ anzuerkennen, dann müsste man von Wulff doch nicht nur fordern, ProChrist aufzugeben, sondern überhaupt gleich seinem christlichen Glauben abzuschwören. Denn wer den Rechtsstaat repräsentiert, kann und darf doch nicht an einen Gott glauben, der über allem steht! Grundgesetz und Amtseid des Bundespräsidenten „So wahr mir Gott helfe!“ hin oder her! Oder sollte der Bundespräsident dann konsequenterweise vielleicht sogar für die Änderung der Präambel des Grundgesetzes plädieren, um dort den Gottesbezug rauszustreichen? Ist nicht dort mit der Formulierung „in Verantwortung vor Gott“ genau das gemeint, dass es am Ende eine höhere Macht gibt, vor der sich auch politisches Handeln verantworten muss?
Michael Prüller hat das in der österreichischen Zeitung ‚Die Presse‘ treffend so kommentiert:
„Aus dem Mund einer Theologin ist das ein interessantes Gebot: Du sollst keinen höheren Gott haben als das Gesetz, also als die Bundestagsmehrheit! Ansonsten ist die Idee ja nicht neu. Im römischen Imperium hat es zunächst den Juden und dann den Christen gar nicht gut bekommen, sich den Luxus eines an Gottes Geboten ausgerichteten Gewissens zu leisten, das über dem gesetzten Recht steht. Später wurde das dann allgemein anerkannt. Heute wird wieder mehr darüber diskutiert, ob nicht doch die Grundrechte das Höchste sind, das alle bindet.“ „Oder hat Frau Dietrich gemeint, dass Wulff deswegen aus dem Kuratorium austreten solle, damit er den deutschen Bürger nicht ermuntere, gelegentlich mal das Gewissen über das Gesetz zu stellen?“
Michael Prüller. „Die höchste Autorität“. DiePresse.com vom 3.7.2010 (Quelle hier, in der Printausgabe vom 4.7.2010)
Wider die Sippenhaft für alle Roma und Sinti
September 1, 2010 by Schirrmacher · 2 Kommentare
Der alte Zigeunerrassismus ist leider immer noch nicht tot
In meinem Buch gegen ‚Rassismus‘ habe ich die drei einzigen Arten des Rassismus zusammengestellt, die über alle Kontinente und über viele Jahrhunderte verfolgt werden können, von denen einer für einen ‚großen‘ Rassismus steht, der sich gegen einen Großteil der Menschheit wendet, und zwei für einen ‚kleinen‘ Rassismus, der sich gegen Minderheiten und kleine Volksgruppen wendet:
Die drei international und in der Geschichte verbreitetsten Rassismen
Die Verleumdung und Bekämpfung oder Unterdrückung
1. der „Schwarzen“ (oder von Menschen, die eine dunklere Hautfarbe haben als man selbst) – sie sind angeblich dumm, roh und unzivilisiert;
2. der Juden – sie sind angeblich verschlagen, raffgierig und herrschsüchtig;
3. die „Zigeuner“ – sie sind angeblich asozial und diebisch.
Latent und offen finden sich die rassistischen Vorurteile gegen die Roma und Sinti (‚Zigeuner‘) weltweit, in Australien, wo es sie praktisch nicht gibt, aber jeder zu wissen scheint, wie sie ‚wirklich‘ sind, in den USA, wo man sie seit 1880 offiziell bis heute nicht als Einwanderer haben will, in ihrem vermutlichen Ursprungsort Indien, wo sie als Abschaum gelten, in Rumänien, wo ihr Bevölkerungsanteil innerhalb von Europa am höchsten ist und keiner sie haben will, ebenso wie in Malta und Dänemark, wo es sie gar nicht gibt, aber eine Bevölkerungsmehrheit sie ablehnt, wie eine EU-Untersuchung jüngst gezeigt hat.
Neu ist aber, wie über Nacht rassistisches Denken in die große Politik zurückkehren kann, die sonst Antirassismusprogramme finanziert, sei es nun in Frankreichs Regierung, in die deutschen Länderregierungen oder in eine wachsende Zahl von Kommunen in ganz Europa. EU-Bürger werden gezwungen, in das Land ihres Passes oder gar nur ihrer vermuteten Heimat zurückzukehren, nicht weil sie selbst kriminell gehandelt hätten, sondern weil man für das Handeln Einzelner alle in Sippenhaft nimmt. Statt das der Rechtsstaat Übeltäter von ehrlichen Mitbürgern trennt, werden alle in einen Topf geschmissen.
Es mag ja sein, dass es jeweils formale Grundlagen dafür gibt, EU-Bürger in einem EU-Staat keine Aufenthaltserlaubnis zu gewähren und sie abzuschieben, der Rassismus liegt aber auch dann darin, dass man dies flächendeckend nur mit Roma und Sinti tut. Man vergleiche im Gegenzug dazu, wie schwer sich dieselben Länder oder Behörden tun, türkische und arabische Gewalttäter in ihre Heimatländer außerhalb der EU abzuschieben!
Die Hälfte der Abgeschobenen sind Kinder. Sie kehren in den Kosovo zurück, wo sie nicht zur Schule gehen können, oder nach Rumänien, wo sie die Verachtung nicht nur der Bevölkerung, sondern auch die Diskriminierung seitens der Regierung mit voller Wucht trifft. Ohne Schulabschluss aber ist die Gefahr einer kriminellen Karriere für die jungen Roma und Sinti so groß wie bei allen Kindern ohne Zukunftsperspektive, eine selbsterfüllende Prophetie des Rassismus.
Im 9.-11. Jh. wurden die Roma und Sinti vermutlich von arabischen Eroberern aus dem indischen Punjab als Soldaten und Sklaven ins Oströmische Reich verschleppt, dann zogen sie aus der Türkei in den Balkan – die Geschichte der „Zigeuner“ ist eine tausend Jahre lange Geschichte der rassistischen Verachtung und Unterdrückung auf fast allen Erdteilen.
Die ersten Zigeunerverfolgungen sind aus den rumänischen Fürstentümern Walachei und Moldawien bekannt, wo Roma seit dem 14. und bis ins 19. Jh. versklavt, inhaftiert, vertrieben und ausgegrenzt wurden – dort ist bis heute die Zigeunerverachtung am stärksten, zuletzt zu erkennen an den schrecklichen Pogromen kurz nach dem Fall der Mauer Anfang der 1990-er Jahre.
Trotz 300.000 Opfern unter dem Naziregime entschied noch 1956 der Bundesgerichtshof, dass die Verfolgung der Zigeuner durch den Nationalsozialismus vorwiegend nicht rassistisch gewesen sei, sondern den „asozialen Eigenschaften der Zigeuner“ gegolten habe. Haben wir denn seitdem nichts gelernt?




Prof. Dr. theol. Dr. phil. Thomas Schirrmacher (geb. 1960) ist Sprecher für Menschenrechte und Vorsitzender der Theologischen Kommission der Weltweiten Evangelischen Allianz, die weltweit etwa 600 Mio. evangelische Christen vertritt und Direktor von deren 2006 gegründeten Internationalen Instituts für Religionsfreiheit (Bonn, Kapstadt, Colombo)