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Künstliche Kinderpornografie produzieren, um Kindesmissbrauch zu reduzieren?
April 22, 2011 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar
Zur Kritik der These von Milton Diamond
Der emeritierte Medizinprofessor von der Universität Hawaii und Leiter des ‚Pacific Center for Sex and Society‘, Milton Diamond, hat zusammen mit den beiden tschechischen Forschern Eva Jozifkova und Petr Weiss in einem Artikel „Pornography and Sex Crime in the Czech Republic“ der Onlineausgabe der angesehenen Fachzeitschrift des Springer Verlages ‚Archives of Sexual Behavior‘ vom 30.11.2010 (hier und hier; Kurzfassung hier: Springer. „Legalizing pornography: Lower sex crime rates? Study carried out in Czech Republic shows results similar to those in Japan and Denmark.“ ScienceDaily 30 November 2010. 10 February 2011 www.sciencedaily.com) behauptet, in der Tschechischen Republik sei mit der Freigabe der Kinderpornografie die Zahl der Fälle von Kindesmissbrauch gesunken, weswegen man Kinderpornografie legalisieren sollte. Angesichts der steilen und umstrittenen Forderung ist der Artikel erstaunlich oberflächlich und lässt eine breite internationale Diskussion einfach links liegen. Vier Dinge habe ich zu kritisieren:
1. Die Datengrundlage ist sehr unzuverlässig. Wenn man bedenkt, dass Diamond die gesetzliche Freigabe der Kinderpornografie darauf aufbaut, ist es erstaunlich, dass er die Unzuverlässigkeit, ja Unvergleichbarkeit seiner Datengrundlage praktisch nicht diskutiert. Kann man davon ausgehen, dass das Erfassen von Fällen von Kindesmissbrauch in den Jahrzehnten des Kommunismus, in der Zeit nach der Wende und heute wirklich so gleichermaßen und zuverlässig erfolgte, gerade bei einem Vergehen, bei dem die Dunkelziffer immer sehr hoch ist und stark schwankt? Doch wenn man wissen will, wie die Daten erfasst wurden, wie kontrolliert wurde, ob sie vergleichbar sind, erfährt man nur „Data on the number of crimes reported were obtained from the Ministry of Interior.“ Das schließt jede Möglichkeit der wissenschaftlichen Überprüfung aus.
2. Kann man tatsächlich eine so einlinige Verbindung herstellen, dass die Freigabe von Kinderpornografie und das Sinken der Zahl der registrierten Fälle von Kindesmissbrauch zusammenhängen, insbesondere wenn innerhalb des Sinkens über einen langen Zeitraum Schwankungen liegen, ja eine Spitze 1995 ff., die über den Zahlen für die Zeit vor 1989 liegt? Das ist wirklich zu simpel, wenn man anschaut, welchen grundlegenden politischen Wandel die Tschechische Republik durchgemacht hat, wie kompliziert moderne Gesellschaften sind und wie schwer es ist, in Bereichen mit großen Dunkelziffern wie dem Kindesmissbrauch verlässliche Zahlen zu bekommen. Diamond diskutiert jedoch noch nicht einmal andere Erklärungsansätze oder versucht, andere Faktoren abzugleichen oder herauszurechnen, ein für soziologische Forschung inakzeptables Verfahren. Auch gibt Diamond an, das die Zahl der Fälle von Kindesmissbrauch von 1989 bis 1995 erst anstieg, dann ab 1998 aber wieder fiel. Eine Erklärung dafür, warum die Freigabe der Kinderpornografie erst ein Jahrzehnt zu einem Anstieg des Kindesmissbrauches führte und erst dann zu einem Rückgang, gibt er nicht.
3. Selbst wenn sich dieser Zusammenhang zwischen Freigabe der Kinderpornografie und der Häufigkeit von Kindesmissbrauch herstellen ließe: Die Logik, dass man ein Übel freigibt, weil es hilft ein anderes Übel zu reduzieren, ist sehr gefährlich. Sollen wir das Schlagen von Frauen zulassen, wenn es nachweislich die Zahl ermordeter Frauen reduzieren würde?
4. Die Sichtweise, dass Kinderpornografie harmlos ist und wenn ihre Freigabe die Häufigkeit des Kindesmissbrauchs senkt, erlaubt, ja gefördert werden sollte, scheitert daran, dass die Herstellung von Kinderpornografie selbst fast immer mit dem Missbrauch von Kindern und allzuoft mit Kinderhandel (und Frauenhandel) verbunden ist, angefangen von Eltern, die ihre Kinder zur vorübergehenden Nutzung verkaufen bis hin zu organisierten Verbrechernetzwerken über alle Kontinente hinweg. Das scheint der Autor nicht zu wissen oder bewusst auszulassen, obwohl es dazu eine breite internationale Diskussion gibt.
Wie naiv Diamond hier argumentiert, zeigt sein Schluss: „We do not approve of the use of real children in the production of child pornography but artificially produced materials might serve.“ („Wir sind nicht dafür, das echte Kinder in der Herstellung von Kinderpornografie benutzt werden, aber künstlich hergestelltes Material könnte eine Hilfe sein.“)
Wie kann man so verharmlosend reden? Und was hat ein solcher Unsinn mit Wissenschaft zu tun? Und was heißt „künstlich hergestelltes Material“? Auch in der Erwachsenenpornografie wird zwar eine Menge retuschiert, aber Echtaufnahmen als Ausgangspunkt sind viel billiger als rein virtuelle Produktionen. Wer sich mit Kinderhandel und Sextourismus beschäftigt, weiß, dass versklavte Kinder für Aufnahmen so billig zur Verfügung stehen, dass dafür niemals ein Hightechgrafiker für virtuelle Filme zu bezahlen wäre.
5. Diamond ist sehr voreingenommen gegenüber andersdenkenden Kollegen. Gleich zu Beginn seines Beitrages findet er zwar Platz, um andere Wissenschaftler, die kritische Artikel zum Verhältnis von Pornografienutzung und Sexualdelikten veröffentlichen, verächtlich zu machen („Extremists“) und Leute negativ zu benennen, die den Playboy für Pornografie halten (was mit seinem Thema nichts zu tun hat), aber keinen Platz für ein Wort gegen Kindesmissbrauch an sich, gegen Kinderhandel, Kinderprostitution, Kindersextourismus oder andere Verbrechen. Das alleine zeigt meines Erachtens, wie voreingenommen Diamond ist – wissenschaftlich wie ethisch – und dass er am Ende nur findet, was er immer schon für richtig hielt.
Eine der wichtigsten Veröffentlichungen zur Religionsfreiheit
April 15, 2011 by Schirrmacher · 2 Kommentare
Brian J. Grim, Roger Finke. The Price of Freedom Denied: Religious Persecution and Conflict in the Twenty-First Century. Cambridge: Cambridge University Press, 2010
Dies ist vielleicht die beste und wichtigste Veröffentlichung zum Thema Religionsfreiheit der letzten Jahre. Zwei Religionsstatistiker, Brian J. Grim, bekannt als Chefforscher der Studie „Global Restrictions on Religion“ des Pew-Forums (http://pewforum.org/docs/?DocID=491), und Roger Finke, Soziologieprofessor und Direktor der ‚Association of Religion Data Archives‘, zeigen, dass Religionsfreiheit zum Frieden und Bestand einer Gesellschaft beitragen, nicht diese gefährden.
Ihr Grundthese, die mit enormen Aufwand an Beispielen, Statistiken und Überprüfung anderer Thesen untermauert wird, ist einfach: In Ländern mit Religionsfreiheit gibt es viel mehr sozialen Frieden als in Ländern ohne. Oder anders gesagt: Das Argument vieler Länder mit einer dominierenden Mehrheitsreligion, sie müssten um des sozialen Friedens willen kleinere Religionen in Schach halten, wird von der Wirklichkeit widerlegt.
Die Beschränkung von Religionsfreiheit ist oft erst der Grund für gewalttätige Konflikte (S. 67). Religiöse Homogenität garantiert keine Freiheit vom Konflikt, sondern begünstigt offensichtlich Spannungen.
Besonders aufwendig wird die These mit der von Samuel Huntington ausgehenden These verglichen, Gewalt und Unruhe seien die Folge eines Zusammenstoßes der Zivilisationen. Diese These, so die Autoren, wird der internen Vielfalt der Religionen und Kulturen nicht gerecht (S. 62–68), etwa der Spannung zwischen Sunniten und Schiiten innerhalb eines islamischen Landes. Alle verfügbaren Zahlen widerlegen die These, dass es die Spannungen zwischen den Kulturen seien, die weitere Spannungen auslösten (S. 77–82). Vielmehr sei es gewissermaßen die Unterdrückung dieser Spannungen zugunsten einer vermeintlichen Monokultur im Land, die die Spannungen verschärfe.
Zwischen Mitte 2000 und Mitte 2007 gab es unter 143 Ländern 123 Länder (= 86%), in denen Menschen aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit Gewalt zugefügt wurde oder sie vertrieben wurden („physically abused or displaced“, S. 18). In 25 Ländern waren davon mehr als 10.000 Menschen betroffen (S. 20), darunter auffällig viele islamische Länder.
Die Religionsfreiheit, so belegen Grim und Finke, hat aufs Ganze gesehen in den sechzig Jahren von 1945 bis 2005 in den christlichen Ländern zugenommen, in den islamischen abgenommen (S. 172). Dass heißt, dass es aufs Ganze gesehen heute in islamischen Ländern weniger Religionsfreiheit gibt als vor einem Jahrhundert – und die Entwicklung ist immer noch rückläufig!
Zwei Beispiele dazu: 1. In islamischen Ländern (dazu S. 160–201), in denen es fast ausschließlich keine Religionsfreiheit gibt, ist der Pegel der Gewalt und die Neigung zu Bürgerkrieg sehr hoch.
2. Terroristische Bewegungen kommen überwiegend aus Ländern ohne Religionsfreiheit (S. 198). Die wenigen Ausnahmen richten sowohl in ihren Ländern viel geringeren Schaden an, als auch wirken sie nicht international, sondern national.
Speziell dargestellt werden in dem Buch unter den freieren Ländern (S. 88–119) Japan (große Religionsfreiheit), Brasilien (Religionsfreiheit mit einigen Spannungen), Nigeria (religiös gespaltenes Land); unter den unfreien Ländern (S. 120–159) China (Religion als Bedrohung), Indien (Religion als soziales Monopol) und Iran (Religion als soziales und politisches Monopol); sowie eigens die islamischen Länder insgesamt (S. 160-201).
Das ausgezeichnete Buch ist ein Beweis dafür, dass die Forschung zum Thema Religionsfreiheit immer mehr Fahrt aufnimmt. Es setzt Maßstäbe für die Zukunft.
Wird Europa ohne koranische Todesstrafe untergehen?
April 8, 2011 by Schirrmacher · 4 Kommentare
Bei einem hochrangig besetzten Treffen der OSZE zum Thema Religionsfreiheit im Rahmen der Menschenrechtskonsultationen ‚OSCE Supplementary Human Dimension Implementation Meeting on Freedom of Religion or Belief‘ am 9.–10. Dezember 2010 in der Hofburg in Wien kam es zu einem totgeschwiegenen Eklat.
Da Kasachstan den Vorsitz der OSZE inne hatte, war der erste ‚keynote speaker‘ Frau Iman Valeriya Porokhova, Mitglied der Russischen Akademie für Naturwissenschaften und führende russische Muslimin (siehe http://koran-valeria.narod.ru/). Die fachlich ausgewiesene und persönlich sehr sympathische Frau forderte zu einem friedlichen Zusammengehen der Religionen auf (allerdings nannte sie immer nur Islam, Christentum und Judentum, nicht aber eine der anwesenden Minderheitenreligionen, geschweige denn säkulare Weltanschauungen). Möglich sei das, weil die universalen Prinzipien des Koran und der Scharia ja auch von Bibel und Thorah gestützt würden. Zum Thema Menschenrechte oder dem Menschenrecht auf Religionsfreiheit sagte sie eigentlich kaum etwas.
Je länger, je mehr wurde ihr Beitrag zu einer Predigt mit vielen Koranzitaten. Europa gehe seinem Untergang entgegen, so Porokhova, weil es nicht mehr Gottes Wort in Koran, Bibel und Thorah folge, sondern seine eigenen Gesetze mache. Ich denke, mir wäre zu diesem Zeitpunkt längst das Wort entzogen worden.
Der Höhepunkt wurde erreicht, als sie als Beispiel für den Unterschied zwischen Islam und Europa die Abschaffung der Todesstrafe anführte. Gegen den Willen Gottes, wie er in den heiligen Büchern festgelegt sei, habe Europa die Todesstrafe abgeschafft. Würde das nicht rückgängig gemacht, könne kein Segen auf Europa liegen. Es ginge darum, auf Gottes Wort zu hören oder aber der menschlichen Rebellion Raum zu geben. Die Rednerin drohte dabei Europa unverhohlen. Im Übrigen ordnete sie dabei alle anderen Religionen ohne Einschränkung unter den Islam unter.
Alle 200 Anwesenden (Boschafter, Religionsvertreter, Experten) schwiegen immer noch vornehm. Auch die anwesenden Muslime, die zum Teil viel freiheitlichere Ansätze vertreten, schwiegen. Viele Medienvertreter sprachen mich hinterher darauf an, berichtet hat keiner davon.
Ich habe mich gefragt: Was, wenn der Apostolische Nuntius des Heiligen Stuhls bei der UN in Genf, Msgr. Silvano M. Tomasi, der später sprach, mit Verweis auf die Bibel die Wiedereinführung der Todesstrafe gefordert hätte und andernfalls Europa mit Gericht gedroht hätte, oder Msgr. Michael Banach als Vertreter des Heiligen Stuhls (als Staat) bei der OSZE. Das hätte eine große Empörung der Medien und darauf folgend scharfe Statements von Politikern quer durch Europa geführt.
Oder noch besser: Ich hätte so etwas als Vertreter der Weltweiten Evangelischen Allianz gefordert. Ich hätte möglicherweise die Berühmtheit des religiösen Exzentrikers Terry Jones erreicht, der den Koran verbrennen wollte. (Und zum Glück gibt es so etwas wie das Strafrecht der Scharia, also ein heiliges christliches Strafrecht, nicht, so dass auch niemand seine Einführung fordern kann.)
Ich setze mich seit Langem für ein friedliches Zusammenleben mit allen Religionen und Weltanschauungen, auch dem Islam, ein. Ich habe mich schon oft offiziell mit muslimischen Führern in aller Welt getroffen, von vielen anderen Kontakten und vertrauensbildenden Maßnahmen einmal gar nicht zu reden.
Aber manchmal stehe ich nur noch kopfschüttelnd davor, mit welch zweierlei Maß das säkulare Europa Islam und Christentum misst. Dabei haben doch gerade säkular orientierte Menschen alles zu verlieren, wenn eine solche islamistische Sicht Schule machen würde, während Christen so etwas weder fordern, noch fördern, sondern Demokratie, Menschenrechte und Religionsfreiheit aus theologischen Gründen begründen und stabilisieren helfen.
Nachtrag Juni 2011: Inzwischen ist eine schriftliche Form der Rede auf der offiziellen Webseite der OSZE eingestellt worden! Die Rede ist zwar gekürzt und verändert, aber jeder kann hier – im Rahmen eines Menschenrechtsbehörde und eines Symposiums zur Religionsfreiheit! – nachlesen:
- dass Religionsfreiheit und Menschenrechte praktisch nicht vorkamen,
- dass es eigentlich eher eine islamische Predigt war, die mit einer Koranvers-Sammlung endet,
- dass der Islam die einzige nicht von Menschen gemachte Religion ist (S. 3 Mitte) und die einzige Religion, die Gott wirklich im Mittelpunkt hat (S. 4 Mitte),
- dass die Rede damit endet, dass die Bibel verfälscht ist (S. 6),
- dass die Todesstrafe wieder eingeführt werden muss und Ehebruch, Alkoholgenuss, Schweinefleischgenuss und moderne Frauenbekleidung in ganz Europa bestraft werden sollten (S. 5).
Terry Jones, lies deine Bibel und setze dich nicht an die Stelle Gottes!
April 5, 2011 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar
Eine Stellungnahme von Thomas Schirrmacher, Vorsitzender der Theologischen Kommission der Weltweiten Evangelischen Allianz
Dieser Blogeintrag ist eine Ergänzung zu folgender Meldung aus BQ, Pro, idea u.a.
Die Weltweite Evangelische Allianz verurteilt den Mord an UN-Mitarbeitern
Aber Jones habe zuvor den Namen Jesu in den Schmutz gezogen
(Bonn, 01.04.2011) Die Weltweite Evangelische Allianz (WEA) hat sowohl die Verbrennung des Koran durch eine winzige Splittergruppe in den USA, als auch die Ermordung von UN-Mitarbeitern in Afghanistan auf das Schärfste verurteilt. Wie der Generalsekretär der WEA, der Kanadier Geoff Tunnicliffe, in einer Erklärung mitteilte, könne eine verabscheuungswürdige Tat, die mit dem christlichen Glauben nichts zu tun habe, niemals eine noch verabscheuungswürdigere Tat rechtfertigen. Tunnicliffe sprach den Angehörigen der UN-Mitarbeiter sein tiefes Beileid aus und forderte muslimische Leiter weltweit auf, gewaltbereite Menschen zu beruhigen und deutlich zu machen, dass die Koranverbrennung von allen christlichen Kirchen verurteilt worden wäre.
Der Vorsitzende der Theologischen Kommission der Weltweiten Evangelischen Allianz, Thomas Schirrmacher, erklärte, die Koranverbrennung sei gegen den eindeutigen Willen Jesu geschehen, der seinen Jüngern sowohl das Schwert gegen andere untersagt habe, als auch den Ruf nach Feuer vom Himmel. Die Gemeinde in Gainesville habe im Beisein von Terry Jones habe mit ihrem Akt den Namen Jesu Christi vor aller Welt in den Schmutz gezogen. Er verwies darauf, dass sich die WEA mehrfach massiv gegen die Koranverbrennung gewandt und in den USA in dieser Sache einen Schulterschluss mit muslimischen Leitern vollzogen habe.
Schirrmacher verwies auch darauf, dass die WEA Jones und andere mehrfach gewarnt hatte, dass den Preis für seinen Irrsinn nicht Jones und andere im sicheren Amerika, sondern Unschuldige in aller Welt bezahlen müssten. Genau das sei jetzt geschehen, sowenig die Verbrennung eines Buches die Ermordung von Menschen rechtfertigen könne.
Dass bei dem Anschlag auch Hindus und Nichtreligiöse ermordet wurden, zeige, so Schirrmacher, dass der Islamismus nicht nur gegen das Christentum antrete, sondern gegen alle Andersdenkenden mobil mache. Dagegen müssten sich friedliebende Menschen aller Religionen und Weltanschauungen gemeinsam wenden. Religionsfreiheit, Frieden und Gerechtigkeit seien unteilbar.
Während Jesus seinen Nachfolgern prophezeit: „Die Sanftmütigen werden das Erdreich besitzen. … Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ (Mt 5,5.9) und sein Apostel Paulus uns auffordert: „Haltet, solange es an euch liegt, mit allen Menschen Frieden“ (Röm 12,18), hat Jones beschlossen, dass Zündeln angesagt ist, zunächst wörtlich, jetzt durch Nutzung der sozialen Netzwerke im Web für eine internationale Gerichtsverhandlung gegen den Koran und die anschließende Verurteilung und Verbrennung eines Koranexemplars.
Auch wenn wir alle in Gefahr stehen, nicht dem Evangelium entsprechend zu leben, gilt doch hier ganz besonders, was Gott sagt: „Um euretwillen wird Gottes Name verlästert unter den Heidenvölkern“ (Röm 2,24). Bisher hat Terry Jones jedenfalls weder den Gott der Liebe noch Jesus weltweit bekannt gemacht, sondern nur sich selbst!
Terry Jones versucht aus der politischen Stimmung gegen den Islam Kapital für den Glauben – oder besser für sich selbst – zu schlagen. Doch: „Wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen“ (Mt 26,52). Dem steht entgegen: „Die Frucht aber des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut …“ (Gal 5,22–23). Unser Auftrag lautet deswegen anders: „Erinnere sie daran, dass sie der Gewalt der Obrigkeit untertan und gehorsam seien, zu allem guten Werk bereit, niemanden verleumden, nicht streiten, gütig seien, alle Sanftmut beweisen gegen alle Menschen.“ (Tit 3,1–2).
Terry Jones verquickt gegenüber dem Islam die Aufgabe der Kirche und die Aufgabe des Staates bis zur Unkenntlichkeit miteinander. Am Ende gesteht er aber weder der Kirche noch dem Staat irgendeinen Platz, sondern nimmt als Individuum das Heft des Handelns an Stelle der vermeintlich zu freundlichen Kirche und des zu laschen Staates selbst in die Hand. Der islamistische Gedanke, dass der Einzelne Gewalt üben und den Islam durchsetzen darf, wenn der Staat und die Gemeinschaft das tun müssten, aber nicht tun, der jedes staatliche Rechts- und Gewaltmonopol unmöglich macht, findet hier seine Entsprechung im pseudochristlichen Gewand.
Natürlich ist es falsch, dass Muslime auf solche Provokationen mit Gewalt reagieren. Aber wer trotzdem derart überzogen provoziert und bewusst Gewalt schürt und dabei selbst kriegerische Sprache benutzt, ist für die anschließende Gewalt zumindest mit verantwortlich. Deswegen hatte die Weltweite Evangelische Allianz Jones zu Recht den Besuch von Witwen von Christen angekündigt, deren Männer Opfer islamistischer Gewalt waren.
Christen sind froh, dass Gott selbst der Richter ist und sich selbst jedes endgültige Urteil vorbehalten hat. Nur Gott selbst kann Menschen ins Herz schauen und sein Urteil am Ende kennen wir nicht, denn „Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der HErr aber sieht das Herz an.“ (1Sam 16,7).
Gott hat uns auch untersagt, irgendeine Art von Strafurteil über unsere Kritiker zu vollziehen und Menschen für ihren ‚Unglauben‘ zu strafen. Schon Jona musste erleben, dass Gott barmherziger war als Jona selbst, der lieber das Gericht über Ninive gesehen hätte (Jona 4,1–10). Und Jesus verwarf den Gedanken seiner Jünger deutlich, auf ablehnende Dörfer Feuer vom Himmel zu schicken (Lk 9,51–56). Christliche Verkündiger mögen blutenden Herzens bedauern, dass andere Menschen das Angebot der Erlösung in Christus ablehnen, aber sie haben nie das Recht, sie dafür zu Unmenschen zu erklären, zu beschimpfen, den Staat auf sie zu hetzen oder das Gericht über sie herbeizuflehen oder es auszuführen.
Das Gewaltmonopol in dieser Welt hat nach biblischem Verständnis nur der Staat inne, der aber weder die Aufgabe hat, das Evangelium zu verkündigen, noch die christliche Kirche zu vergrößern, ja überhaupt sich aus Fragen des Gewissens und der Religion herauszuhalten hat, weswegen er im Gegenzug sogar ausdrücklich als „Gottes Diener“ Christen bestrafen muss, die Böses tun (Röm 13,1–7). Der Staat hat Christen nur insofern zu beschützen, als er alle beschützen soll, die Gutes tun und als er im Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden alle daran hindern muss, die Gewalt planen oder ausüben, gleich ob religiös motiviert oder nicht.
Hätte Jesus wohl einen Koran verbrannt? Hätte Paulus das befürwortet? Zwar „ergrimmte“ auch er über die vielen Götzen in Athen (Apg 17,16), redete aber anschließend freundlich und in Hochachtung mit den griechischen Philosophen (Apg 17,22–23). Denn Christen „verteidigen“ ihren Glauben immer „in Sanftmut und Ehrerbietung“ gegenüber Kritikern (1Petr 3,15–16).


Prof. Dr. theol. Dr. phil. Thomas Schirrmacher (geb. 1960) ist Sprecher für Menschenrechte und Vorsitzender der Theologischen Kommission der Weltweiten Evangelischen Allianz, die weltweit etwa 600 Mio. evangelische Christen vertritt und Direktor von deren 2006 gegründeten Internationalen Instituts für Religionsfreiheit (Bonn, Kapstadt, Colombo)