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Emma im Widerspruch oder: Alices Panik, als konservativ zu gelten
Juli 21, 2011 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar
Nach dem kompletten Lesen der beiden Ausgaben Emma 298: Winter 2011 und Emma 299: Frühling 2011 möchte ich auf den Widerspruch aufmerksam machen, dass Emma geradezu verbissen gegen Konservative kämpft und diese als ständige Bedrohung darstellt, ihre am häufigsten thematisierten Forderungen 1. Kampf den Islamisten, 2. Kampf der Pornografie und 3. Kampf der Prostitution aber gerade mit den Forderungen der Konservativen übereinstimmen.
Ich werfe hier bewusst einmal Frau Schwarzer und Emma in einen Topf, da in ‚Emma‘ erkennbar nichts gegen ihren Willen erscheint. Die Belege lassen aber nachvollziehen, was sie selbst und was andere gesagt haben.
Die Gefahr der Republik sind nicht nur die Konservativen in CDU/CSU, sondern in allen Parteien
In ihrem einführenden Artikel „Die PID und die Heiligkeit des Lebens“ (Emma 298: Winter 2011:6–7) sieht Alice Schwarzer die gesamte Republik nach Rechts abdriften und die konservativen Gegner von Abtreibung und PID weit im Lager von SPD, FDP, Grünen und Linken. Das deutsche Abtreibungsrecht sei eh schon rechts-konservativ und „nur im frenetisch katholischen Polen und Irland heute strenger geregelt“ (6). Zu den ja wirklich nur zaghaften und symbolischen Verschärfungen bei Spätabtreibungen kritisiert Schwarzer vehement das Engagement gegen Spätabtreibungen von Renate Schmidt und Andrea Nahles und kritisiert, dass die Stimmen für die Gesetzesergänzungen von „einem Viertel der SozialdemokratInnen, einem Drittel der Grünen und ja, 80 Prozent der Liberalen“ (7) kamen. Die „Debatte“ sei „munitioniert von konservativen bis fundamentalistischen Christen“ (7) – ja gibt es denn aus Schwarzers Sicht auch andere? Und hat sie bei der Bundestagsdebatte wirklich zugehört? Wo war denn da die christliche Munition? Braucht Schwarzer hier nicht eher die Verschwörungstheorie, dass Christen dahinter stehen, um sich nicht die umgekehrte Frage stellen zu müssen, ob ihr Begriff von ‚konservativ‘ und ‚rechts‘ nicht einfach irrig ist, wenn so Frau Nahles plötzlich zum konservativen Flügel der SPD mutiert?
Die Bundeskanzlerin Angela Merkel, so Schwarzer, hat PID „auf dem Altar des konservativen Flügels der CDU“ (7) geopfert. „Sekundiert wird die Kanzlerin dabei von der katholischen und gläubigen Forschungsministerin Annette Schavan“ (7). Und warum gibt es dann auch in der CDU/CSU keinen Fraktionszwang? Und könnte es nicht auch sein, dass Frau Merkel tatsächlich gegen PID ist und nicht nur Wählerstimmen sucht?
Margaret Heckel sekundiert in „Rechtsruck in der CDU“ (Emma 298: Winter 2011: 21): Angeblich will Frau Merkel durch konservative Positionen ihre Stammwähler wieder einfangen. Nun, erstens gibt es ja nun mal diese Stammwähler und in einer Demokratie dürfen die ja auch ihre Vertretung finden, oder? Aber dass nun die CDU, die unter Merkel fast jede ihrer traditionell konservativen Positionen geräumt hat – völlig gleichgültig, ob man das gut oder schlecht findet –, einen Rechtsruck erlebt, existiert nur in Emmas Feindbild. Im besten Fall ist die CDU in den letzten Jahren fünf Schritte nach links gegangen und macht nun einen Schritt zurück.
Feinde überall
An dieser Stelle muss Thomas Geisterkamps. „Männerbünde und Evangelikale: Die unheilige Allianz der Anti-Feministen“ (Emma 298: Winter 2011: 54–57) angesprochen werden.
Geisterkamp rührt für Emma einen großen Brei aus Junge Freiheit, CDU, DEA, Evangelikalen, Bundesforum Männer, EKD, Katholiken und schmeißt Leute inklusive Foto in einen Topf, die in der Realität nichts miteinander zu tun haben, nämlich die Familienministerin Kristina Schröder, den FAZ-Ressortchef Volker Zastrow, den Soziologieprofessor Gerhard Amendt und die Moderatorin Eva Hermann. Dass der Autor das alles als Mitarbeiter der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung schreibt und ihm seine Parteilichkeit aus allen Knopflöchern kommt, ficht ‚Emma‘ dabei scheinbar nicht an.
Allen voran müssen verschwörerisch wieder die Evangelikalen zu Drahtziehern werden, die wachsen (was in der Realität nicht stimmt) und einen enormen Einfluss auf die Politik haben (was erst recht nicht stimmt). „Aber das sind auch die in Deutschland erstarkenden Bibeltreuen, quasi das christliche Pendant zu den islamischen Fundamentalisten.“ (54) Na ja, da ist mir der evangelikale Hardliner zwar immer noch lieber als Bin Laden, weil er keinen umbringt. Aber einen Beleg für solche Aussagen bleibt Geisterkamp sowieso schuldig.
Und alles, was er über Evangelikale schreibt, ist inhaltlich nicht zu belegen. Angeblich vertreten die Evangelikalen, Frauen seine nur zum Kinderkriegen geschaffen. Kann er das bitteschön mal belegen? Das hat er bestenfalls mit der Position des Papstes verwechselt und selbst der würde so was Plumpes nicht sagen. In der von mir herausgegebenen idea-Dokumentation ‚Familienplanung’ steht da etwa ganz Anderes.
Oder es heißt: „Unter dem Dach der DEA versammeln sich allein in Deutschland etwa 1,8 Millionen erzkonservative Evangelikale, von denen die Mehrheit Kreationisten sind“ (54). Nun gehören zu den Evangelikalen auch die sogenannten Linksevangelikalen, die traditionell SPD oder die ‚Grünen’ wählen. Aber wer will schon differenzieren? Und die Mehrheit sind Kreationisten? Hat er das erforscht? Bisher jedenfalls hat niemand eine solche Zahl erhoben und auch Insider wissen das nicht, denn der Ausgang der hin und her wabernden innerevangelikalen Diskussion zu diesem Thema ist noch völlig offen.
Geisterkamp spricht „die von Amerika ausgehende, internationale Evangelikale Bewegung“ (54) an. Weiß er nicht oder will er nicht wissen, dass das bestenfalls Geschichte ist und dass etwa nur 30 Mio. der 600 Mio. Mitglieder der Weltweiten Evangelischen Allianz aus den USA kommen und dort die Kirchen und Christen des Globalen Südens längst in allen Gremien die Mehrheit haben und ihren eigenen Weg gehen?
Angeblich ist es das dritte Prinzip der Evangelikalen, dass die Gläubigen sich in die Politik einmischen sollen. Das ist ja wohl ein Scherz, oder? Zumindest in Deutschland. Die evangelikale Bewegung ist lange Zeit völlig unpolitisch gewesen und auch gegenwärtig ist der größere Teile der Meinung, überzeugte Christen sollten sich aus der Politik heraushalten – leider! Im Übrigen: In der Demokratie dürfen doch alle Staatsbürger an der politischen Willensbildung teilnehmen, oder? Oder gilt das nur für Nichtevangelikale oder für von ‚Emma‘ Zugelassene?
Aber, was haben die Evangelikalen mit irgendetwas von dem zu tun, was dann im Folgenden diskutiert wird? Nichts. Aber Geisterkamp kann die Verschwörung trotzdem konstruieren, indem er die Familienministerin zur Evangelikalen mutieren lässt. Kristina Schröder wird zur Evangelikalen, weil sie zur Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) gehört, von denen angeblich zahlreiche Mitglieder bei der ‚Deutschen Evangelischen Allianz‘ mitarbeiten. In der DEA arbeiten Hunderttausende Mitglieder der evangelischen Landeskirche mit. Also sind diese Landeskirchen evangelikal und folglich auch andere Mitglieder wie die Synodenvorsitzende der EKD auch evangelikal? In örtlichen Allianzen arbeiten oft auch Katholiken mit – also ist die Deutsche Bischofskonferenz auch evangelikal? Und alle Katholiken unter den Ministern?
Trotzdem fragt ‚Emma‘ allen Ernstes ohne Beleg aus dem Tun und Reden von Frau Schröder, ob die Ministerin „eine erzkonservative Christin oder gar Fundamentalistin ist?“. Und dann der Höhepunkt: Da es mit Bush ein Evangelikaler ins Weiße Haus geschafft habe, blühe uns dann jetzt mit Schröder Ähnliches in Deutschland?
Da Geisterkamp nun schon so einen großen Topf hat, rührt er gleich einen noch größeren Brei: In den großen Topf gehört auch, dass der Koalitionsvertrag eine eigenständige Jungen- und Männerpolitik vereinbart und die Konrad-Adenauer-Stiftung Referenten zu Männerthemen sprechen lässt. Aha, CDU und FDP sind bereits auf die Christen hereingefallen! Klänge überzeugender, wenn es nicht aus SPD-Mund käme. Und auch die evangelischen Kirchen werden in denselben Pott geschmissen, schließlich hätten sie federführend das Bundesforum Männer mitbegründet. Und dann werden noch FAZ und Junge Freiheit (und das noch im selben Atemzug) hineingerührt.
Gehöre ich selbst in den Topf? Dazu müsste Geisterkamp etwa mein Buch „Moderne Väter“ lesen. Wahrscheinlich wird er alles zur Gleichberechtigung überlesen und aus meiner Kernthese, dass die Frage nach Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht bei der Mutter allein abgeladen werden darf, sondern Einsatz und Opfer des Vaters verlangt, auch nur als Männerkram abtun.
Exkurs
Schon in seinem Bericht der Friedrich-Ebert-Stiftung „Geschlechterkampf von rechts: Wie Männerrechtler und Familienfundamentalisten sich gegen das Feindbild Feminismus radikalisieren“ (http://www.state.gov/g/drl/rls/irf/2010/148798.htm), den Geisterkamp hier offensichtlich zu Grunde legt, subsumiert er unter „Geschlechterkampf von rechts: Konservative Publizisten, Männerrechtler, Familienfundamentalisten, militante Abtreibungsgegner, evangelikale Christen und rückwärts gewandte katholische Kirchenobere“ (4). Da findet sich denn Paul Kirchhof in einem Boot mit Eva Hermann, Frank Schirrmacher mit Christa Meves (8, 10). Ins Boot gehört für ihn nicht nur die Junge Freiheit (8, 10) oder ein Deutschlandfunk-Redakteur, sondern es heißt: „Die Welt, die Frankfurter Allgemeine Zeitung, Cicero, Focus und auch der Spiegel bilden hier die Vorreiter des neuen Geschlechterkampfes in den Leitmedien“ (8).
Wie einfach ist doch das Leben, wenn es nur die Guten und Bösen gibt – und man diese Weltsicht dann noch seinen Gegnern vorwirft.
(Übrigens löst Geisterkampf auch hier nirgends den Scheck ein, dass die Evangelikalen in dieses Boot gehören, außer einem Link auf S. 20, der aber zu einem anderen Thema gehört.)
Islamismus
In fast jeder Nummer von ‚Emma‘ werden Islamismus, Prostitution und Pornografie bekämpft, oft mit eigenen Dossiers.
Beginnen wir mit dem Islamismus (http://www.emma.de/kampagnen/islamismus/; Dossiers: Emma 298: Winter 2011: 110–114 und Emma 299: Frühling 2011: 114–117). ‚Emma protestiert‘ gegen Pakistan und Saudi Arabien in der Leitung der UN-Women-Konferenz und gegen Pakistans im Menschenrechtsausschuss der UN bis 2010 immer wieder verabschiedete Erklärung ‚Defamation of Religion‘ („Urs Gehringer. „Islamisten bei UN Women“. Emma 298: Winter 2011: 20).
In „amnesty und die Fundis“ (Emma 298: Winter 2011: 103) wird beschrieben, wie Gita Sahgal, Leiterin der Gender Unit von Amnesty International, gegen die Zusammenarbeit ihrer Organisation mit Islamisten zu Felde zog. Daraufhin wurde sie gefeuert. Ähnliches geschah mit drei Gründungsmitglieder von AI Algerien.
Prostitution
‚Emma‘ bekämpft das neue Prostitutionsgesetz scharf (siehe http://www.emma.de/kampagnen/prostitution/). Vor allem wird darauf verwiesen, dass längst alle Innenminister, gleich welcher Partei, das Gesetz im Blick auf den Kampf gegen den Menschenhandel für eine Katastrophe halten (Chantal Louis. „Prostitution: Innenminister schlagen Alarm“. Emma 298: Winter 2011: 48–49). Im Dossier zum Thema („Die Ware Frau – Dossier Prostitution“. Emma 299: Frühling 2011: 122–145) beschwert sich ein konkreter Kriminalbeamter („Die Zuhälter baden doch in Schampus!“. Interview mit Hauptkommissar Hohmann. Emma 299: Frühling 2011: 132–133), wird vertreten, dass Prostitution prinzipiell Menschenhandel ist, nicht nur im Fall sogenannter Zwangsprostitution (Catherine MacKinnon. „Prostitution ist Menschenhandel“. Emma 299: Frühling 2011: 140–141), weswegen ‚Emma‘ erfreulicherweise wie ich selbst in meinem kommenden Buch ‚Menschenhandel‘ das Prostitutionsgesetz Schwedens, das schlicht und einfach die Freier bestraft, begrüßt und für sehr erfolgreich hält (Ingrid Meissl-Ärebo. „Sexkauf ist strafbar!“. Emma 299: Frühling 2011: 144–145).
Schon länger gibt es zwei Lager im Bereich des Feminismus, wenn es um Prostitution geht. Die einen sehen die freiwillige Prostitution als Akt der Befreiung der Frau von enger Sexualmoral an und werten die Prostituierte als ‚Sexarbeiterin‘ (Engl. ‘commercial sex workers’ – CSW), wie man sie heute politisch korrekt zu nennen hat. Prostitution müsse deswegen deutlich von Zwangsprostitution unterschieden werden, die erstere geschützt, die zweitere bekämpft werden. Diese Sicht hat sich weltweit bei der UN durchgesetzt und bestimmt etwa die Gesetzgebung in Deutschland.
Das andere Lager sieht Prostitution an sich als Beispiel für die Unterdrückung von Frauen durch Männer an, will sie deswegen abschaffen, aber nicht, indem die Opfer, die Prostituierten bestraft werden, sondern die Täter, die Männer. Diese Sicht wird von vielen führenden deutschen und internationalen Organisationen gegen Frauen- und Menschenhandel vertreten, so SOWODI, die Coalition against Trafficking in Woman (CATW) und die European Women’s Lobby (EWL). Sie bestimmt auch das nordische Modell, das am Beispiel von Schweden unten vorgestellt wird.
Auch in der deutschen feministischen Bewegung gibt es einen erbitterten Kampf zwischen Befürwortern der Prostitution als normaler Tätigkeit als Ausdruck der sexuellen Befreiung und des Selbstbestimmungsrechtes von Frauen und Gegnern der Prostitution, die prinzipiell als Unterdrückung von Frauen gesehen wird, wobei das deutsche Prostitutionsgesetz als Katastrophe gesehen und das nordische Modell befürwortet (siehe dazu unten) wird – allen voran von Alice Schwarzer.
Pornografie
Emmas Kampf gegen die Pornografie ist alt und legendär, wenn auch aktueller denn je (http://www.emma.de/kampagnen/pornografie/; Dossier „Pornografisierung ist Sexualisierung von Erniedrigung und Gewalt“. Emma 298: Winter 2011: 76–97). Emma steht dabei auf Seiten derer, die vor der großen Suchtgefahr der Pornografie warnen (Norman Doidge. „Pornografie macht süchtig“. Emma 298: Winter 2011: 93–95). Die Übereinstimmung mit meinem Buch ‚Internetpornografie‘ ist enorm.
Chantal Louis beschreibt zudem in ihrem brillanten Artikel „Sportlerinnen oder Pornostars?“ (Emma 299: Frühling 2011: 81–82), wie der Sport zunehmend von pornografischen und hypererotischen Darstellungen durchdrungen wird, vom Beachvolleyball, der seine plötzliche Popularität den neuen Kleidervorschriften zu verdanken hat, über Sportlerinnen als häufigste Berufsgruppe im ‚Playboy‘ bis hin zu den neuen Footballspielen in den USA vor ausverkauften Stadien, in denen ehemalige Pornodarstellerinnen und andere üppige und sportunerfahrene ‚Sportlerinnen‘ gegeneinander antreten. Besser hätte das kein Bischof kritisieren können!
Zu guter Letzt
Man könnte weitere ‚konservative‘ Anliegen und ‚evangelikale‘ Gemeinsamkeiten auflisten, die nur nicht ganz so häufig in ‚Emma‘ erscheinen, so etwa der gut begründete Protest gegen Freispruch bei sexuellem Kindesmissbrauch aufgrund aussagepsychologischer Gutachten (Chantal Louis. „Alles wird gut“. Emma 299: Frühling 2011: 54–61).
Ach ja, zu guter Letzt: Da heißt es noch in einem Artikel über Frauen, die es in Europa an die Staatsspitze geschafft haben: „In Europa kommen Staatenlenkerinnen häufiger aus dem konservativen Lager.“ (Emma 299: Frühling 2011: 36). Vielleicht stimmen ja einfach die Schwarz-Weiß-Weltbilder von Emma nicht mehr.
Korangelehrter fordert Abschaffung aller Apostasiegesetze
Juli 14, 2011 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar
Das Internationale Institut für Religionsfreiheit veranstaltet Panel zur Religionsfreiheit als Partner des Global Media Forums
(Bonner Querschnitte Nr. 171, 17/2011) Bei einer der größten Journalistenkonferenzen der Welt, dem jährlich stattfindenden Global Media Forum in Bonn, hat der Korangelehrte Abduallah Saeed die islamische Theologie und die islamischen Staaten aufgefordert, die Bestrafung der Apostasie, also des Abwendens vom Islam, völlig aufzugeben, alle Apostasiegesetze abzuschaffen und Muslimen und Nichtmuslimen die Wahl ihrer Religion freizustellen. Dass sei zwar in der klassischen islamischen Theologie noch eine Minderheitenmeinung, er sei aber zuversichtlich, dass der Freiheitsdrang der Menschen helfen werde, zu verstehen, dass die harte Unterdrückung Menschen anderen Glaubens sich nicht zwingend aus dem Koran und der Lehre des Propheten ergebe, sondern erst Jahrhunderte später festgeschrieben worden sei. Es sei eine Schande, dass praktisch alle Länder mit islamischer Mehrheit bei internationalen Studien und Rankings sehr schlechte Noten in puncto Religionsfreiheit bekämen. Der die Religionsfreiheit fordernde Artikel 18 der Allgemeinen Menschenrechtserklärung der UN sei so gut und richtig und nutze der Religion so viel, dass sich die islamische Theologie fragen müsse, was sie ändern müsse, damit dieser Artikel wie selbstverständlich mit dem Islam in Verbindung gebracht wird.
Der aus den Malediven stammende Saeed, der in Pakistan aufwuchs und seine theologische Ausbildung in Saudi Arabien empfing, hat den vom Staat Oman finanzierten Lehrstuhl für Islamische Studien an der Universität Melbourne inne. Durch seine zahlreichen Bücher und Vorträge auf allen Kontinenten übt er einen großen Einfluss im gesamten Pazifikbereich und weltweit aus. In seinem Buch ‚Freedom of Religion and Apostasie‘ beschreibt Saeed die schreckliche Seite der Bestrafung von Apostaten in vielen islamischen Ländern.
Auf dem vom Internationalen Institut für Religionsfreiheit organisierten Panel auf dem Global Media Forum stellten drei Professoren jeweils die Begründung ihrer Religion für Religionsfreiheit dar, neben dem muslimischen auch ein christlicher und ein buddhistischer Vertreter. Prof. Somseen Chanawangsa aus Thailand erläuterte, dass es der buddhistischen Lehre völlig widerspreche, andere Menschen wegen ihres Glaubens zu verunglimpfen oder zu unterdrücken. Allerdings sei mehr gefordert, als nur negativ die Grenzen der Menschenrechte nicht zu überschreiten. Es müsse positiv dazu kommen, dass man mit anderen Menschen tatsächlich in Harmonie zusammenlebe. Für die buddhistische Welt sei die Religionsfreiheit kein heikles Thema. „Aus buddhistischer Sicht ist die Achtung der Menschenrechte notwendig, aber leider wird sie ungenügend umgesetzt“, so Chanawangsa. Autoritäre Regime stützten sich auf Religionen, um ihre Herrschaft zu verankern und sich als gottgegeben zu legitimieren.
Thomas Schirrmacher, der das Panel zugleich moderierte, erläuterte, dass Religionsfreiheit in einem Staat nur dann wirklich umgesetzt werden könne, wenn sie nicht nur vom Staat gefordert und erzwungen würde, sondern die Religionen, vor allem die jeweilige Mehrheitsreligion, dies wollten. Deswegen sei es wichtig, dass die Religionen selbst aus sich heraus die Religionsfreiheit begründen, fordern und nötigenfalls auch gegen ihre eigenen Anhänger durchsetzten.
Schirrmacher führt die christliche Perspektive zur Religionsfreiheit auf die Menschenwürde zurück, die der Mensch als geschaffenes Wesen von Gott erhalten habe und die der Christ immer zu respektieren habe. Glaube sei vor allem Vertrauen auf Gott und damit eine ganz persönliche Herzensentscheidung. „Wenn man jemanden zwingt, Christ zu werden, ist er in Wirklichkeit kein Christ geworden, da er nicht Gott vertraut und ihm seine Sorgen, aber auch seine Schuld anvertraut.“ Aus christlicher Sicht sei es unmöglich, entweder selbst andere wegen eines anderen Glaubens zu bestrafen oder den Staat dafür zu missbrauchen.
Über seinen muslimischen Kollegen Saeed sagte Schirrmacher mit Blick auf Deutschland: „Ich wünschte, wir hätten einen vergleichbaren islamischen Theologen deutscher Zunge, der ohne Wenn und Aber die Einschränkung der Religionsfreiheit in islamischen Ländern kritisiert und Muslimen, die gerne für Religionsfreiheit eintreten würden, das schlechte Gewissen nimmt, ihr Glaube verbiete ihnen dies.“ Man könne nur wünschen, dass seine Bücher ins Deutsche übersetzt würden.
Das Panel wurde von mehreren islamischen und europäischen Radiostationen aufgezeichnet. Die Tonaufzeichnung ist bereits weltweit verfügbar, die Filmaufnahme und die Langfassung der drei Beiträge wird in Kürze veröffentlicht werden.
Das Global Media Forum ist ein internationaler Medienkongress mit 1600 Teilnehmern, vorwiegend Medienschaffende, aus 188 Ländern, der seit 2008 jährlich mit wechselndem Thema vom Auslandsrundfunk Deutsche Welle in Bonn veranstaltet wird.
Das Internationale Institut für Religionsfreiheit (Bonn, Cape Town, Colombo) der Weltweiten Evangelischen Allianz ist ein Netzwerk von Professoren und Forschungseinrichtungen von allen Kontinenten, die im Bereich der Religionsfreiheit und ihrer weltweiten Verletzung forschen und ihre Ergebnisse Universitäten, Politikern und Medien zugänglich machen. Das Institut gibt das International Journal for Religious Freedom heraus.
Originale Information des GMF:
Freedom of religion and belief in the age of fundamentalism
It is often underestimated as a fundamental human right, but freedom of religion and belief is an essential component of free, democratic societies. Without it, a democratic state and neutral world outlook aren’t possible. But religious freedom must be supported by the religious communities themselves to be truly guaranteed in a given country. For this reason, advocates of religious freedom representing three world religions – Islam, Christianity and Buddhism – will engage in debate here.
Moderation/Panelist:
Thomas Schirrmacher, Director of the International Institute for Religious Freedom, Germany
Other Panelists:
Abdullah Saeed, Sultan of Oman Professor of Arab and Islamic Studies & Director, National Centre of Excellence for Islamic Studies, Australia
Somseen Chanawangsa, Lecturer and writer, Thailand
Links:
- Link zu Soundcloud – Tonaufnahme des Panels W10: http://soundcloud.com/dwgmf
- Link zum Panel: http://www.dw-world.de/dw/article/0,,6374981,00.html
- Link IIRF als Partner des GMF: http://www.dw-world.de/dw/article/0,,6445707,00.html
- Link IIRF als Partner neben Amnesty International (sechste Reihe): http://www.dw-world.de/dw/0,,14100,00.html
- Link zur GMF-Bio Saeed: http://www.dw-world.de/dw/article/0,,6503445,00.html
- Link zur GMF-Bio Chanawangsa: http://www.dw-world.de/dw/article/0,,6518294,00.html
- Link zur GMF-Bio Schirrmacher: http://www.dw-world.de/dw/article/0,,6503452,00.html
- Link: Fotos der Deutschen Welle vom GMF: http://www.flickr.com/photos/deutschewelle/5852379813/in/set-72157627005426430
- Pressemeldung auf Deutsch (PRO): http://www.pro-medienmagazin.de/?id=gesellschaft&news%5Baction%5D=detail&news%5Bid%5D=4133
- Pressebericht auf Deutsch (Deutsche Welle): http://blogs.dw-world.de/weltzeit/?p=12553
- Youtube Kurzinterview mit Saeed: http://blogs.dw-world.de/weltzeit/?p=12553
- Pressemeldung Pro (pdf)
- Seite des Programmbuches (jpg)
„Der Fundamentalismus spiegelt oft westliches Überlegenheitsdenken wider“
Juli 6, 2011 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar
Direktor des IIRF hält Gastvorlesung in Nepal
(Bonner Querschnitte 173, Bonn, 04.07.2011) In einer Gastvorlesung an der größten Universität in Nepal vertrat der Religionssoziologe und Direktor des Internationalen Instituts für Religionsfreiheit, Thomas Schirrmacher, unter dem Beifall Hunderter, überwiegend hinduistischer Studenten, dass der Begriff Fundamentalismus oft im Westen eingesetzt werde, um Menschen aller Religionen im Globalen Süden pauschal zu verunglimpfen.
Schirrmacher war vom Leiter des ‚Department of Conflict, Peace and Development Studies‘ der ‚Faculty of Humanities and Social Sciences‘ der ‚Tribhuvan University‘, Prof. Dr. Hem Raj Subedee, zum Thema „Fundamentalismus als militanter Wahrheitsanspruch: Wie Religionsfreiheit Fundamentalismus auf dem Weg in eine friedliche Gesellschaft überwindet“ eingeladen worden. Die 1959 gegründete staatliche Universität in einem Vorort der Hauptstadt Kathmandu ist die größte des Landes. Der Premierminister von Nepal ist Kanzler der Universität, der Kultusminister Prokanzler.
Hintergrund der Einladung ist, dass die Verfassung von Nepal erst seit 2007 Religionsfreiheit garantiert – lediglich Proselytismus bleibt verboten –, aber die vorläufige Fassung bis Mitte des Jahres 2011 durch eine endgültige Verfassung ersetzt werden muss.
Zwar sei es richtig, so Schirrmacher, dass religiöser Fundamentalismus eine echte Bedrohung auch im Globalen Süden darstelle, so etwa der hinduistische Fundamentalismus in Nepal, der für die Serie von blutigen Bombenanschlägen auf die erst 1995 erbaute katholische Kathedrale verantwortlich sei, aber man dürfe nicht einfach Fundamentalismus mit jedem Wahrheitsanspruch gleichsetzen, sonst gäbe es auf der Welt mehr Fundamentalisten als Andere. „Ich vertrete“, so Schirrmacher wörtlich, „dass eine Religions- und Weltanschauungsgemeinschaft, die die Religionsfreiheit vertritt, propagiert und in der Praxis respektiert, nicht fundamentalistisch sein kann und nicht so genannt werden sollte!“ Umgekehrt, so Schirrmacher, sollte die Ablehnung der Religionsfreiheit ein klarer Indikator Richtung Fundamentalismus sein, wenn auch nicht der einzige.
Was kann man von einer Religionsgemeinschaft mehr verlangen, als dass sie sich im ‚modernen‘, demokratischen Staat für Religionsfreiheit, damit für die Religionsneutralität des Staates und für die Trennung von Staat und Kirche bzw. religiöser Struktur einsetzt und andere Religionen und Weltanschauungen im politischen Umfeld respektiert?
Zuvor hatte Schirrmacher Erzbischof Anthony Francis Sharma, S.J., Vicar Apostolic, einen Besuch abgestattet. Sharma ist seit 1984 der höchste katholische Würdenträger der römisch-katholischen Kirche in Nepal, seit 2007 im Rang eines Apostolischen Vikars. Viele Jahre feierte Sharma an wechselnden Orten eine verbotene Ostermesse und wurde jedes Mal erst nach Ende des Gottesdienstes verhaftet. Seine Auferstehungs-Kathedrale wurde 1995 als erstes katholisches Gotteshaus im Land gebaut, zuvor gab es seit 1952 nur vereinzelte evangelische Kirchen. Auf die Kirche wurden mehrfach Bombenanschläge verübt. Zuletzt explodierte am 23. Mai 2009 eine selbstgebastelte, mit scharfen Nägel gefüllte Bombe inmitten von 500 Besuchern der Sonntagsmesse, die drei Teilnehmer tötete und 14 schwer verletzte. Eine kleine Organisation aus dem Umfeld des hinduistischen Fundamentalismus, die ‚National Defence Army‘, bekannte sich durch ein liegen gelassenes Pamphlet vor Ort zu dem Anschlag. Der Attentäter und sein Auftraggeber wurden wenige Wochen später verhaftet, aber bisher nicht in dieser Sache angeklagt, wohl weil sie wegen anderer Verbrechen eine Gefängnisstrafe verbüßen.
Außerdem traf sich Schirrmacher mit dem Leiter der internationalen Menschenrechtsorganisation Human Rights Without Frontiers in Nepal, Raju Thapa, der ihn in die aktuelle Lage der Menschenrechte in Nepal und seiner kleinen Nachbarländer einführte.
Ein Thema war dabei auch der Stand der Verhandlungen des Obersten Gerichtshof, inwieweit die Kinder- und Menschenrechte der Kumaris – vorpubertären Mädchen, die göttlich verehrt werden, wobei die bedeutendsten nicht zur Schule gehen, sondern immer in einem großen Tempelraum leben – verletzt werden. Schirrmacher hatte zuvor die Verehrung des Mädchens gemeinsam mit Raju Thapa beobachtet. Diese Frage steht im Zusammenhang mit einem internationalen Forschungsprojekt des IIRF, inwieweit Religionsfreiheit durch andere Menschenrechte beschränkt wird.
Weitere Quellen:
- Zur Lage der Religionsfreiheit in Nepal: http://www.state.gov/g/drl/rls/irf/2010/148798.htm
- Zur Geschichte des Apostolischen Vikariats in Nepal: http://www.apostolicnunciatureindia.com/nepalhistory.htm
- Zum Department: http://dcpds-tu.edu.np/
- Zur Universität: http://www.tribhuvan-university.edu.np/






Prof. Dr. theol. Dr. phil. Thomas Schirrmacher (geb. 1960) ist Sprecher für Menschenrechte und Vorsitzender der Theologischen Kommission der Weltweiten Evangelischen Allianz, die weltweit etwa 600 Mio. evangelische Christen vertritt und Direktor von deren 2006 gegründeten Internationalen Instituts für Religionsfreiheit (Bonn, Kapstadt, Colombo)