Thomas Schirrmacher
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„Alle Menschen sind Sünder“ (1), sagt der Glaube oder die Vernunft?

Wenn Christen göttliche Offenbarung zum Ausgangspunkt ihres Denkens machen, bedeutet das nie und nimmer, dass sie Unsinniges glauben oder dass sich die Offenbarung grundsätzlich vernünftiger Begrün­dung oder Diskussion entzieht. Es bedeutet nur, dass Gott bzw. die Offenbarung Aussagen machen kann, die für uns in ihrer Gesamtheit nicht zu erfassen sind, so dass wir sie erst begreifen, wenn wir sie akzeptieren und im Alltag nachvollziehen.

Wählen wir ein Beispiel: Die bibli­sche Aussage, die die christliche Dogmatik übernommen hat, dass alle Menschen Sünder sind, kann man beispiels­weise nur ‚glauben‘, nicht beweisen, denn wie sollte man eine Unter­suchung an allen Menschen durchführen und wer könnte vorurteilslos jedem Menschen gerecht werden. Wer kennt schon ‚alle‘ Menschen, geschweige denn so gut, dass er ein solches Urteil über sie fällen könnte? Und wer wollte ein solches Urteil über die Men­schen anderer Kulturen, über Verstorbene oder gar über die erst in Zukunft geborenen machen und wissenschaftlich erfassen? Nur der Schöpfer hat das Wissen – und das Recht und die Gerechtigkeit –, eine solche allumfas­sende Aussage zu machen.

Heißt das aber, dass die Aussage nur auf blindem Glauben beruht und jeder Vernunft widerspricht? Nein, denn die grundsätzliche Aussage, die für uns zu umfassend ist, wird uns Tag für Tag an uns selbst, an den Menschen, die wir kennen und an der Menschheit (wie wir sie etwa durch die Medienberichterstattung kennenlernen), bestätigt und damit auch vernünftig ‚bewiesen‘. Die Bibel konkretisiert die grundsätzli­che Aussage, dass alle Menschen Sünder sind, deswegen pausenlos an konkreten Menschen, Beispielen und Sünden. Wir alle lügen konkret, hassen konkrete Menschen, lassen andere unseren Geiz spüren und leben auf Kosten anderer. Und Rassismus oder Menschen verhungern zu lassen, gibt es nur, weil konkrete Menschen daran beteiligt sind.

Da wir noch nie jemanden getrof­fen haben, von dem wir sagen könnten, dass er kein Sünder sei, erweist sich diese aufgrund der göttlichen Offenbarung getroffene Aussage im Rahmen unserer Überprüf­barkeit als richtig und vernünftig, weil mit der Wirklichkeit überein­stimmend. Kein Mensch hat jemals einen Menschen kennengelernt, der von klein auf nur selbstlos, liebevoll und edel war, nie betrogen oder gelogen hätte. Selbst Mutter Theresa soll bei aller Selbstlosigkeit im Großen im alltäglichen Umgang nicht immer einfach gewesen sein und hat auch neben ihren großen, weltbewegenden Worten auch manche merkwürdige politische Äußerung von sich gegeben.

Nun ist ja mit der Aussage, dass alle ‚Sünder‘ sind, noch nicht im Detail gesagt, was Sünde ist. Aber ganz gleich, wie auch immer man im Einzelnen Sünde, das Falsche, das Böse usw. definiert, man wird keinen Menschen finden, der davon völlig frei ist.

Wie man aber grundsätzlich davon ausgehen kann, dass die Bibel und das Christentum sich irren, wenn sie davon sprechen, dass alle Menschen zum Bösen neigen, ist mir schleierhaft. Haben Menschen, die das abstreiten, mit anderen Menschen zu tun als ich? Lesen sie andere Zeitungen als ich? Und haben sie noch nie von der philosophischen Einsicht gehört „Der Mensch ist des Menschen Wolf“?

Zur Kritik der Zahl von 178.000 (2010) bzw. 100.000 (2011) christlichen Märtyrern pro Jahr

August 22, 2011 by Schirrmacher · 1 Kommentar 

Seit vielen Jahren gibt es für jedes Jahr immer nur eine einzige Zahl, die jährlich als Gesamtzahl der christlichen Märtyrer pro Jahr angegeben wird, die Zahl des ‚Global Status of Mission’. Diese Zahl wird zwar von verschiedenen Institutionen zitiert, aber nur von einer Institution errechnet. Derzeit wird sie am häufigsten vom päpstlichen Missionswerk ‚Kirche in Not’ (‚Aid to the Church in Need’) zitiert, das von 130.000–170.000 Märtyrern pro Jahr spricht, aber keine eigenen Untersuchungen durchgeführt hat.

Diese Zahl wird jährlich im International Bulletin for Missionary Research[1] vorgelegt. Für 2010 stand die Zahl bei 178.000, für 2009 bei 176.000,[2] für 2011 ist sie – unter anderem aufgrund unseres Einspruchs – auf 100.000 korrigiert worden.[3] Da die Zahl sich jährlich ändert, denkt jeder, es handele sich um die Zahl der Märtyrer im jeweiligen Jahr, aber tatsächlich soll den Durchschnitt pro Jahr des jeweils letzten vollen Jahrzehnts angeben (also z. B. 1990-2000, 2000-2010).

Der Kommentar zu ‚Global Status of Mission’ gibt selbst an, dass die Zahl die wohl am häufigsten zitierte Zahl aus dieser Statistik ist.[4] Durch die Bücher ‚World Christian Encyclopedia’, ‚World Christian Trends’, ‚Atlas of Global Christianity’ und die elektronische ‚World Christian Database’ ist die Zahl in dieser Größenordnung weit verbreitet worden.

Es fällt mir schwer, diese Zahl wegen ihrer weiten Verbreitung zu kritisieren, zumal sie von seriösen Forschern und guten Freunden kommt. Aber als Wissenschaftler habe ich solche Zahlen zu oft vor säkularen Kollegen, Politikern weltweit, des Deutschen Bundestages oder des Europäischen Parlaments, und natürlich Journalisten zu verantworten, als dass unser Institut (das International Institute for Religious Freedom) sie einfach nur übernehmen könnte.

Da die Zahl von vielen säkularen, christlichen, darunter auch evangelikalen[5] Forschern und Fachleuten 1. als viel zu hoch angesehen wird, und 2. als aufgrund zahlreicher Faktoren überhaupt nicht zu erheben gilt, wäre es wünschenswert, wenn es eine genaue Darstellung gäbe, aufgrund von welchen umfangreichen Recherchen die Zahl erhoben wird, welche wissenschaftliche Vorgaben dabei befolgt werden oder wie die Belastbarkeit von Forschungskollegen überprüft werden kann. All’ das liegt nicht vor – auch die ausführlichste Darstellung in den ‚World Christian Trends’ sagt nirgends, woher die Daten kommen und nach welchen Kriterien geschätzt wird.[6]

Nur ist in unserer heutigen Medienwelt natürlich jemand mit einer noch so grob geschätzten Zahl im Vorteil gegenüber demjenigen, der sagt, dass die Zahl derzeit nicht zuverlässig zu erheben ist.

Die Rolle von Bürgerkriegen

Die Zahl der 156.000–178.000 Märtyrer pro Jahr sind nach eigenen Angaben eigentlich eine Durchschnittszahl pro Jahr für die zehn Jahre 1990–2000.[7] Dabei muss man aber wissen, dass der weit aus größte Anteil der 1,6 Mio. Märtyrer in zehn Jahren auf die Bürgerkriege im südlichen Sudan und in Ruanda entfällt, ohne dass das ausdrücklich gesagt wird. Selbst bei einer sehr weiten Definition („martyrs in the widest possible sense“) von Christenverfolgung dürfte es aber zumindest umstritten sein, inwieweit man Ruanda überhaupt dazurechnen darf und wie hoch der Anteil der Toten im Südsudan ist, der auf Verfolgung von Christen durch Muslime zurückgeht und nicht entweder Animisten traf oder von südsudanesischen, brutalisierten Bürgerkriegsparteien ausging.

Für die zehn Jahre 2000–2010, deren Durschnitt die neue Zahl 100.000 aus 2011 ergeben soll, spielen Südsudan und Ruanda keine Rolle mehr. Hier fällt der Mammutanteil der jetzt angegeben 10 x 100.000 auf den Bürgerkrieg in der Demokratischen Republik Kongo (DRC). Zwar starben dabei viele Christen, aber dass sie starben, weil sie Christen waren, wird meines Wissens in der Literatur von niemandem vertreten. Vermuten wir einmal, dass für DRC 900.000 Märtyrer veranschlagt wurden. Der Rest von 100.000 Märtyrern pro Jahr über 10 Jahre käme dann einer viel niedrigeren Zahl schon recht nahe.

Was ich vor allem bemängele ist, dass nirgends die Zusammensetzung der Zahl nach Ländern angegeben wird und zwar so, dass man die Schwerpunktländer erkennen und diskutieren kann, also etwa Kongo. Dann wäre nämlich sehr leicht zu ersehen, auf welche 1–2 Länder die hohe Zahl zurückgeht. Und ich bemängele, dass über diese schwer einzuordnenden 1–2 Situationen dann keine Diskussion stattfindet.

Nun wird ja nicht einfach jeder Christ, der in einem Bürgerkrieg wie im Kongo stirbt, mitgezählt. Es wird ein Anteil der getöteten Christen geschätzt, der als Märtyrer starb. Dieser Anteil müßte dann aber erst einmal diskutiert und begründet werden. Stattdessen erfährt man nirgends, welcher Anteil geschätzt wurde, geschweige denn wieso. Es heißt nur „a substantial proportion“ der 5,4 Mio. im Kongo. Eine Erhöhung des Anteils der Märtyrer im Kongo um 10% würde aber die Gesamtzahl der 100.000 Märtyrer pro Jahr um 54.000, also um 30% noch oben steigen lassen! Würden 10% weniger als der unbekannte Prozentsatz im Kongo geschätzt, wären das jährlich 54.000 weniger, das heißt die Zahl von 100.000 würde auf 46.000 um über 50% schrumpfen! Das heißt, bei der Schätzung des Anteils der Märtyrer an den Opfern der Unruhen in Kongo wird de facto die Gesamtzahl der Märtyrer weltweit entschieden.

Zur Definition

Ich sehe einen generellen Widerspruch zwischen der Definition des ‚Status of Global Mission’, Märtyrer seien „believers in Christ … in a situation of witness“ und der Aussage „Defining and enumerating martyrs in the widest possible sense“.

Eine innerchristliche, theologische Definition wird immer viel enger sein, als eine soziologische. Als Religionssoziologe sehe ich durchaus, dass für die säkulare Welt eine sehr weite Zahl gewählt werden darf, die nicht darauf Rücksicht nimmt, ob der ermordete Christ ein Baby, ein schlechter Kirchgänger oder ein Sektierer war. Ich halte dann selbst die „situation of witness“ für unnötig. Wenn in Ägypten eine Kirche in die Luft gesprengt wird und dabei 20 Menschen getötet werden, ist das Christenverfolgung, sogar dann, wenn die 20 Ermordeten nur interessierte Gäste waren.

Meine weiteste politische Definition wäre: „Getötete Christen, die nicht getötet worden wären, wenn sie keine Christen gewesen wären.“ Aber: Selbst wenn ich diese Definition zugrunde lege, komme ich bei weitem nicht auf 170.000 oder 100.000 christliche Märtyrer pro Jahr.

Mehr als 50 Märtyrer am Tag?

Ereignisse mit 20 oder 50 ermorderten Christen werden heutzutage nicht nur in der christlichen Welt breit berichtet, sondern in einigen Ländern wie Deutschland in der Regel sogar auf der Titelseite von Zeitungen. Experten, die sich mit Christenverfolgung beschäftigen, bekommen sie sowieso mit. Keiner würde sagen, dass das jeden Tag vorkommt. Aber selbst wenn wir einmal davon ausgehen, es gäbe täglich ein Ereignis mit 50 ermorderten Christen, wären das im Jahr immer noch erst 18.250. Bei 20 am Tag wären es 7.300 – eine Zahl, die ich für realistischer halte.

Man mag entgegen halten, dass es Ereignisse mit höheren Zahlen als 50 gab und gibt. Ja, es gibt sie, aber es sind Einzelereignisse und sie sind über die Jahre versetzt. Ich kenne folgende Länder in den letzten Jahren, auf die das zutrifft: Indonesien, Indien, Irak, Nigeria. Nur dass sich diese Ereignisse kaum überschnitten haben. In den letzten Jahren sind diese schrecklichen Ereignisse punktuell innerhalb von 1–3 Jahren geschehen und in den Jahren danach von anderen Schwerpunktländern abgelöst werden. Oder anders gesagt: Ein Ereignis mit mehr als 100 christlichen Märtyrern in einem Land pro Jahr gibt es in der Regel in einem Jahr nur einmal auf der Welt.

Was für merkwürdige Zahlen herauskommen, wenn man einfach grob schätzt, zeigt sich, wenn man in der ‚World Christian Database’ die Länder nach der jährlichen Zahl der Märtyrer sortiert, wobei dort der Durchschnitt der letzten 50 Jahre gewählt wurde, also ab 1960.

In Dänemark und Finland soll es je 15 Märtyrer pro Jahr geben, in Schweden 19, in der Schweiz 20, in den Niederlanden 39, in Australien 45, in Kanada 76, in Großbritannien 149 und in Deutschland sage und schreibe 192. In all diesen protestantischen Ländern sind seit 1960 keine Märtyrer bekannt, niemals aber das jeweils 50fache der genannten Zahlen.

Dass die hohen Zahlen schwer nachvollziehbar sind und auf großzügige Schätzungen der Anteile christlicher Märtyrer an Krieg und Bürgerkrieg zurück gehen, gilt genauso für die Geschichte. Gab es wirklich 1.000.000 Märtyrer durch die Nationalsozialisten? Kein Erforscher des Nationalsozialismus (zu denen ich mit 2 Dissertationen selbst zähle) würde das bestätigen. Zwar starben im 2. Weltkrieg Millionen von Christen, aber nicht, weil sie als Christen verfolgt wurden. Zu wirklichen christlichen Märtyrern zählen solche Christen, die wegen ihres christlichen Widerstandes oder als Geistliche oder Vetreter von Glaubensgemeinschaften getötet wurden. Ihr Schicksal ist sehr gründlich erforscht, ihre Geschichte wird in Personenlexika dargestellt und zu fast jedem liegt ein Lebenslauf vor.[8] Dennoch sind es insgesamt nur einige Tausende, nicht 1 Mio.

Soviel Märtyrer wie Tote in Bürgerkriegen und Kriegen?

Ich möchte noch einen anderen Vergleich ziehen, der mir die Zahl 170.000 oder 100.000 als zweifelhaft erscheinen läßt. Laut Statistik der World Health Organization gab es 2004 184.000 Opfer von Kriegen und Bürgerkriegen.[9] Und die Zahl der Märtyrer soll etwa genauso groß sein, ohne dass man die Fälle, die diese Zahlen zusammenbringen lassen, selbst als Experte nicht sofort auflisten kann? Man kann doch alle Kriege und Bürgerkriege eines Jahres auflisten und so deutlich machen, wie sich die 184.000 Opfer verteilen. Wenn die Zahl der Märtyrer etwa genauso groß ist: wieso kann man dann nicht genauso die Ereignisse auflisten und zusammenzählen, quasi aus dem Kopf? Wieso fallen dann selbst Experten viel zu wenige Großereignisse ein, die die hohen Zahlen erklären könnten?

Auf dem Weg zu einer tatsächlichen Zahl für vergangene Jahre

Wie hoch ist denn die Zahl der jährlichen christlichen Märtyrer tatsächlich? Ich beschäftige mich seit Jahren damit und habe weltweit mit jedem mir bekannten Experten aller großen Konfessionen und darüber hinaus diskutiert, der dazu etwas zu sagen hat. Einmal ganz abgesehen von der Schwierigkeit der Definition: Selbst wenn man eine konkrete Definition vorgibt, weichen Experten schon für einzelne Länder stark voneinander ab. Sind die ‚verschwundenen Christen’ Nordkoreas vor Jahrzehnten oder Jahren umgebracht worden oder leben sie noch in Zwangslagern und werden auch aktuell getötet?

Fragt man nach der Gesamtzahl weltweit, wagt praktisch keiner eine Schätzung. Zudem sind sich alle einig, dass eine Durchschnittszahl keinen Sinn macht, sondern die Zahl der Märtyrer von Jahr zu Jahr sehr stark schwankt. Deswegen muss die Zahl – wenn überhaupt – für jedes Jahr neu erhoben werden. Wer eine Zahl für z. B. 2010 hört, geht ja sowieso davon aus, dass dies kein Durchschnittswert für 1990–2000 ist, sondern dass irgendeine Institution die Zahl konkret für 2010 erforscht, belegt oder wenigstens realistisch aufgrund von Berichten geschätzt hat.

Insgesamt sind wir meines Erachtens von einer zuverlässigen Zahl der Märtyrer pro Jahr weit entfernt. Das Internationale Institut für Religionsfreiheit wird am Ball bleiben und will zu einer fairen und offenen Diskussion weltweit beitragen.

Was wir brauchen ist eine Datenbank, in der wir für ein Jahr alle bekannten, größeren Fälle eintragen so dass wir am Ende eines Jahres nicht nur eine brauchbare Schätzung gewinnen, sondern jeder anhand der Auflistung die Belastbarkeit der Schätzung überprüfen kann.


[1] www.internationalbulletin.org.

[2] „Status of Global Mission, 2011“, see http://ockenga.gordonconwell.edu/ockenga/globalchristianity/resources.php.

[3] „Status of Global Mission, 2011“. International Bulletin of Missionary Research 35 (1011) 1: 29, line 28; cf. Commentary „Christianity 2011: Martyrs and the Resurgence of Religion“. Ibid. p. 28.

[4] Ibid. p. 28.

[5] Z. B. http://www.persecution.net/faq-stats.htm;

[6] David Barrett, Todd Johnson. World Christian Trends. Pasadena (CA): William Carey Library, 2001. Kap. 16.

[7] „Christianity 2011: Martyrs and the Resurgence of Religion“. Ibid. p. 28.

[8] Z. B. für den katholischen Bereich: Helmut Moll (Hg.). Zeugen für Christus: Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts. 2 Bde. Paderborn: Schöningh, 2010, 5. Aufl.; für den evangelischen Bereich: Harald Schultze und Andreas Kurschat (Hg.). „Ihr Ende schaut an …“: Evangelische Märtyrer des 20. Jahrhunderts. Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 20082.

[9] World Health Organisation. The Global Burden of Disease. Geneva: WHO, 2008. S. 74, s. http://www.who.int/topics/global_burden_of_disease/en/. Vgl. die Angabe von 171.000 für 2002 in der Karte des Atlas der wirklichen Welt: http://www.worldmapper.org/display_extra.php?selected=484.

Breivik und die Stunde der Pharisäer

August 10, 2011 by Schirrmacher · 1 Kommentar 

Eine Kurzfassung erschien in ProKompakt. Eine überarbeitet Version der Kurzfassung erscheint im Druck in der Zeitschrift PRO.

Anders Behring Breivik setzte am 22. Juli 2011, als Polizist getarnt, auf die norwegische Insel Utøya über und eröffnete eine Stunde lang das Feuer auf die Jugendlichen des alljährlichen Zeltlagers der sozialdemokratischen Jugendorganisation Arbeidernes Ungdomsfylking. 68 Menschen starben. Er soll auch für die Bomben verantwortlich sein, die zwei Stunden vorher am Regierungssitz Oslo detoniert waren und acht Menschen töteten, wohl auch, um die Polizei von dem Massaker in Utøya abzulenken.

Ein nichtreligiöser Mensch wird zum christlichen Fundamentalismus mutiert

Dass der ZDF-Terrorismusexperte Elmar Theveßen den Anschlag vorschnell den Islamisten zuschob, hat seinem Ruf sehr geschadet (Berliner Zeitung: „Der Seher im Zweiten“). Dass er kurz darauf ebenso überzeugt und ebensowenig mit Fakten unterfüttert Breivik zum christlichen Fundamentalisten erklärte, läßt man ihm aber merkwürdigerweise durchgehen. Er räsoniert, dass es eine solche aus den USA beeinflusste christlich-fundamentalistische Szene auch in Deutschland gebe, wen er dabei meint, sagt er aber nirgends. Jedenfalls sollte er dringend dafür sorgen, dass die Verfassungsschutzberichte um diese bisher allen unbekannten Gruppen ergänzt werden. Gewalttätigen Rechtsextremismus, ja den gibt es bei uns zuviel, aber denselben von frommen Bibelglauben beflügelt – das ist doch frei erfunden!

Es waren ausnahmsweise einmal nicht Journalisten, die den Begriff „christliche-fundamentalistisch“ völlig irreführend aufbrachten, sondern der Fahndungschef der norwegischen Polizei Øystein Mæland, der in einer ersten Stellungnahme frühzeitig den Attentäter Anders Breivik „wohl eine rechtsextreme, christlich-fundamentalistische Haltung“ andichtete. Woher er das so früh wissen konnte, wird sein Geheimnis bleiben. Aber Journalisten aller Coleur beteten das weltweit begierig nach, und zwar bevor irgend jemand das 1500seitige Pamphlet des Attentäters gründlich studiert hatte oder irgendetwas über sein Leben wußte. Wie man diese Beschreibung eigentlich rechtfertigt, hat auch Tage danach noch keiner genauer begründet. Aber die Beschreibung ‚christlich-fundamentalistisch‘ will ja offensichtlich keine Information vermitteln, sondern einfach Stimmung machen, gegen wen auch immer. Und es fanden sich auch einzelne Kirchenführer, die prompt echoten, jetzt sei eine großangelegte Auseinandersetzung mit dem christlichen Fundamentalismus angesagt.

Obwohl Experten aus Norwegen ebenso wie in aller Welt längst Einspruch erhoben haben, bahnt sich die Einsicht nur mühsam in die Hintergrundartikel der Medien: Breivik will zwar das christliche Abendland als kulturell-rassistische Größe retten, aber ohne selbst religiös zu sein und ohne das Christentum gutzuheißen, dafür kritisert er wirklich zuviel an allen Kirchen, an der Bibel, am Papst, allem vorneweg das vermeintliche Liebesgehudel des Christentums, nicht zuletzt auch den Muslimen gegenüber. Breivik schreibt: „Als nichtreligiöser Mensch, der aber den Einfluss des jüdisch-christlichen Denkens auf die westliche Kultur anerkennt und respektiert, habe ich vor dem naiven Mitleid der Christen für muslimische Einwanderer gewarnt …“

Fakt ist: Eine Beauftragung oder Legitimierung durch Gott oder eine existierende Religion, geschweige denn die christliche, spielt bei Breivik überhaupt keine Rolle. Gott kommt bei ihm praktisch überhaupt nicht vor und da wo ein Gebet zu ihm erwähnt wird, weiß Bereivik nicht, ob es ihn überhaupt gibt oder nicht! Er schreibt ausdrücklich in seinem Machwerk „Ich bin ein nichtreligiöser Mensch …“. Man hätte also genauso gut den Atheismus verantwortlich machen können, schließlich gibt es Gottlosigkeit auch im rechtsextremen Lager und Hass auf Muslime setzt keine eigene Religion voraus. Breivik dazu: „Also nein, man braucht keine persönliche Beziehung zu Gott oder Jesus, um für das christliche kulturelle Erbe zu kämpfen. Es reicht, wenn du ein christlicher Agnostiker oder ein christlicher Atheist bist (ein Atheist, der wenigstens das Grundlegendste des europäischen christlichen kulturellen Erbes bewahren will) …“ „Die Spaltung von Christen und Nichtchristen ist die am schwersten zu überwindende Spaltung des Westens heute. Ich kämpfe selbst mit ihr.“

Aber irgendwie war man so froh, dass es einmal nicht islamistische Fundamentalisten waren und christliche Fundamentalisten sind ja sowieso ein Übel, da spielt es keine so große Rolle, ob sie wirklich etwas mit dem Attentat zu tun haben. Und waren da nicht Leute, die Abtreibungskliniken beschädigt und Abtreibungsärzte erschossen haben? Das geschieht zwar nur in den USA und im Schnitt alle 10 Jahre einmal und wird von restlos allen christlichen Gruppen verurteilt, aber irgendwie muss man ja Vorurteile in der Bevölkerung wachhalten.

Der Chefredakteur der Schwäbischen Post schoss den Vogel ab, als er den württembergischen Bischof Frank Otfried July in der Ausgabe vom 26.7. in der ersten Frage damit konfrontierte: der Täter „bezeichnet sich als ‚christlichen Fundamentalisten‘“. Haben das all’ die Tausende, die die 1500 Seiten Breiviks durchstöberten, überlesen? Tatsächlich erklärt sich Breivik in seinem Text mehrfach grundsätzlich gegen christliche „Fundamentalisten”. Breivik schreibt: „Ich war ein hingegebener, praktizierender Christ. Heute kann ich mich aber in keinem gegenwärtig bestehenden Zweig der Christenheit wiederfinden. Viele meiner Freunde sagen mir: ‚Ich kann keine Kirche betreten, ohne meinen Verstand an der Tür abzugeben‘. In dieser Hinsicht sind evangelistische, fundamentalistische Kirchen nicht besser als liberale. Ich besuchte einmal einen  Vortrag über Armut in der Dritten welt in einer Pfingstgemeinde. Die Ursache [ihrer Meinung nach]: Fehlende Infrastruktur. Wir müßten nur tiefer in unsere Taschen greifen und dann würden sich die Proleme lösen.“

Zurück zur Schwäbischen Post. Ist hier nicht eher der Wunsch Vater des Gedankens? Der Bischof läßt sich zum Glück nicht aufs Glatteis führen, nimmt den Pietismus ausdrücklich vom Fundamentalismus aus, meint dann aber doch, „dass der Glaube immer „zeitbezogen sein muss“ und „sich nicht einmauern“ darf und „kein falsches Bibelverständnis haben“ darf. Was aber hat das mit Breivik oder mit dem furchtbaren Verbrechen zu tun? Dessen wirre Weltanschauung war doch durchaus „zeitbezogen“. Und was hat ein falsches Bibelverständnis zu seiner Tat beigetragen? Und ist ein „richtiges“ Bibelverständnis eine Garantie gegen Gewalt? Kann man nicht auch mit einem sehr kritischen Bibelverständnis Kriege begründen, wie es der Nestor der liberalen Theologie Adolf von Harnack tat, dessen sehr ‚zeitbezogene’ Brandrede zum 1. Weltkrieg selbst Kaiser Wilhelm II. bekanntlich zu scharf war?

‚Christlicher Terrorist’ – die US-Variante

Die USA haben ihre eigene Version der Darstellung. Hier wird kaum der Begriff ‚Fundamentalist‘ verwendet, sondern Breivik als ‚christlicher Terrorist‘ bezeichnet. In den USA ist der Soziologe Mark Juergensmeyer der Hauptverteidiger der Zuschreibung ‚christlicher Terrorist‘. Die englische Wikipedia bezeichnet Breivik einfach als solchen und kann dazu viele führende Medien in den USA anführen. Die Wikipedia stellt die Morde von Breivik zusätzlich in ihrem Artikel über ‚christlichen Terrorismus‘ ausführlich dar. Der wissenschaftlich unhaltbare Artikel listet zwar allerlei historische Beispiele auf, aber Breivik ist das einzige aktuelle Beispiel.

Weltanschauungskampf Auf dem Rücken der Opfer

Dazu kommt ein anderes. Warum muss man die brutale und irre Gewalttat eines Mannes wie Breivik überhaupt einer Gruppe oder Weltanschauung in die Schuhe schieben? Was habe ich da nicht alles gelesen! Schuld sind Sarrazin und seine Anhänger, schuld sind alle Islamkritiker, schuld sind Schützenvereine, schuld sind konservative Kräfte und alle ‚Rechten‘, und jedesmal geschieht dies im Tone einer uns alle endlich aufklärenden, tiefschürfenden Analyse. Warum aber nicht gleich noch alle Männer, alle Bauern, alle Schützen, oder was Breivik zufällig alles auch noch war, verantwortlich machen?

Und all’ das atmet den Geist: Wer zu meiner Gruppe gehört, ist vor solchen Gewaltverbrechen gefeit. Wir sind die Guten, die anderen die Bösen, und wo das hinführt, kann man jetzt ja wieder einmal sehen. Das Unerklärliche, für das selbst erfahrene Psychologen viele Worte benötigen, wird zur billigen Selbstbestätigung genutzt. Da ist die Bibel doch realistischer: „Wer stehe, sehe zu, dass er nicht falle.“

Riecht das nicht danach, das Journalisten und inzwischen auch Politiker hier versuchen, ihnen unliebige Weltanschauungen und Ansichten auf dem Rücken der Opfer mißliebig zu machen? Die Freimaurer, zu denen Breivik zeitweise gehörte, wollte keiner schlecht machen, also kamen sie nie in Verdacht – und natürlich hat ihre Weltanschauung mit diesem Verbrechen nichts zu tun. Aber warum dann das Christentum anführen, zu dem Breivik keinen Bezug hat? Er gehörte keiner christlichen Gruppe an und keine würde sich je zu seinen Taten bekennen. Für seinen erfundenen Tempelritterorden muss man, so Breivik, nicht Christ sein, sondern er hat auch gerne Agnostiker, Atheisten, ja sogar aufgeklärte Muslime dabei.

Musterbeispiel ist hier jedoch ein Politiker, kein Journalist, der dafür immerhin einen Sturm der Entrüstung erntete. Sigmar Gabriel diktierte dpa: „In einer Gesellschaft, in der der Anti-Islamismus und die Abgrenzung von anderen wieder hoffähig wird, in der das Bürgertum Herrn Sarrazin applaudiert, da gibt es natürlich auch an den Rändern der Gesellschaft Verrückte, die sich letztlich legitimiert fühlen, härtere Maßnahmen anzuwenden.“ Na, wenn das keine Abgrenzung ist! Gabriel vermittelt deutlich, dass es kein Wunder ist, wenn im Bereich seiner politischen Gegner Gewalttaten geschehen, während das offensichtlich bei Gleichgesinnten nicht geschehen kann. „Rechtsradikalismus, Rechtspopulismus und deren Gewalttaten sind aus Sicht des SPD-Chefs kein Problem der Ränder der Gesellschaft, sondern stünden in deren Mitte“, so dpa weiter. „Um dem künftig den Nährboden zu entziehen, brauche es einen Gesinnungswandel: ‚Das Zentrum der Gesellschaft muss klar machen, dass das bei uns keinen Platz hat – auch nicht weichgespülte Versionen davon. Nur dann dämmt man das ein.‘“. So eine Frechheit! Die Mitte der Gesellschaft ist also rechtsradikal und schuld an einem Klima, dass Breivik begünstigt hat. Und ein Gesinnunsgwandel hin zu Gabriels Ansichten verhindert Terrorismus zukünftig? Dass Sarazin im Übrigen Mitglied seiner eigenen Partei und völlig und unreligiös ist, hat er in diesem Zusammenhang nicht erwähnt. Wenn die eigentliche Gefahr denn wirklich „in der Mitte der Gesellschaft“ lauert, dann gehört Gabriels Partei jedenfalls dazu.

Gabriel fühlt sich jetzt falsch verstanden. Er habe Sarrazin nicht direkt verantwortlich machen wollen. Ob Gabriel auch Mitgefühl für die Millionen hat, die sich mit seiner Zuschreibung falsch verstanden fühlen? Gabriel hat doch immerhin klar gesagt, dass es starke gesellschaftliche Kräfte in Deutschland gebe, die das nötige Klima für Anschläge wie die in Norwegen schaffeten. (Davon, dass er erst einmal zeigen müßte, wie ein Klima in Deutschland einen Einzelgänger in Norwegen beeinflußt, wollen wir einmal gar nicht sprechen.)

Ulrich Poschard nennt es in der ‚Welt‘ treffend „das durchsichtige Manövrieren um politischen Landgewinn im Windschatten einer Katastrophe“. Das geht für ihn quer durch alle Parteien. „Der innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion plädierte fast rituell für die Vorratsdatenspeicherung. Claudia Roth von den Grünen forderte die Bundesregierung zum Kampf gegen rechts auf. Andrea Nahles erneuerte ihren Wunsch nach einem NPD-Verbot, ein grüner Innenexperte schrie nach einem verschärften Waffenrecht, und schließlich war es der stammtischerprobte SPD-Chef Sigmar Gabriel, der wusste, wer Schuld an der norwegischen Tragödie hatte: Thilo Sarrazin.“

Es sind nach Jesus die Pharisäer, die sagen „Herr, ich danke dir, dass ich nicht so bin, wie diese da.“ Überzeugte Christen sagen mit dem Zöllner: „Herr, sei mir Sünder gnädig!“ und wissen, dass das Böse überall seine Fratze erheben kann, auch unter uns und in uns. Breivik’s Tata sollte nicht die Stunde der Pharisäer sein, sondern die Stunde echter Trauer.

All das hat mit Fundamentalismus nichts zu tun

Noch einmal zurück zur Bezeichnung „fundamentalistisch“. Was für eine unsinnige Bezeichnung im Zusammenhang mit diesem Verbrechen! In meinem Buch „Fundamentalismus“ vertrete ich zwar, dass Fundamentalismus im Alttagsdeutsch auf Leute bezogen wird, die ihre Weltanschauung mit Gewalt anderen aufzwingen wollen. Dementsprechend sollte der Begriff nie und nimmer für friedliche Menschen jedweder Relgion und Weltanschauung verwendet werden. Aber selbst dieser mein Fundamentalismusbegriff paßt bei Breivik nicht. Wenn man aber Fundamentalismus an nderen Fragen wie der Stellung zu einer Heiligen Schrift festmacht, wird die Verwendung noch unsinniger.

Dom Radio Köln berichtet: „Auch nach Einschätzung des Theologen Reinhard Hempelmann ist der Attentäter von Oslo kein christlicher Fundamentalist. Die Bezeichnung sei ‚irreführend‘, weil damit suggeriert werde, es gebe einen Bezug zu derartigen Strömungen oder Gruppen, sagte der Fundamentalismus-Experte der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen am Montag in Berlin im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Er könne im ‚Pamphlet‘ Breiviks keine Charakteristika erkennen, die auf religiösen Fundamentalismus hindeuteten. ‚Nach meiner Überzeugung ist der Versuch, dieses Attentat auf dem Hintergrund eines christlichen Fundamentalismus zu interpretieren, nicht zielführend‘, so Hempelmann. Viele andere Aspekte in Breiviks Äußerungen spielten eine wesentlich dominierendere Rolle. Ein Fundamentalist berufe sich pointiert auf bestimmte heilige Schriften und verstehe diese wortwörtlich. Ferner hänge er einem spezifisches Religionssystem an und wolle dies durchsetzen. All dies sei bei Breivik nicht der Fall. Auch spielte bei dem Attentäter die religiöse Überzeugung als Motivation ‚für die monströse und menschenverachtende Tat‘ offenbar keine Rolle. Der Bezug des Attentäters auf die Religion sei ideologisches und eklektisches Beiwerk …“ So jedenfalls sehen es Experten, die sich seit Jahren mit dem Thema beschäftigen.

Warum nicht mal zur Abwechslung selbst recherchieren?

Noch ein letzter Gedanke. Ich dachte immer, dass Journalisten nicht abschreiben, sondern selbst recherchieren. Die durch nichts begründete Formulierung ‚christlich-fundamentalistisch‘ wabert aber durch alle deutschsprachigen Medien (die englischen hatten ihren ‚christlichen Terroristen‘), und zwar auch nach Tagen noch, als Fachleute längst offengelegt haben, dass es keine christlichen und keine fundamentalistischen Elemente in Breiviks Pamphlet gibt. Ebenso wurde die dümmliche Formulierung „blond und blauäugig“ – einmal in die Welt gesetzt – immer und immer wieder angeführt, warum, weiß wohl keiner. Wofür haben wir aber eigentlich zwei staatliche und mehrere private Fernsehanstalten, zahlreiche Tageszeitungen usw., wenn am Ende doch alle nicht selbst recherchieren, sondern nur nachbeten beziehunsweise erst Tage später gut recherchierte Hintergundartikel liefern?

Ein Science-Fiction-Rassenkrieg in echt

Wie aber ist Breivik religiös-weltanschaulich denn wirklich zu verorten? Frieder Leipold hat dies in Focus-Online mittlerweile am treffendsten getan: „Das Vorgehen von Behring Breivik weist Parallelen zu dem rassistischen Science-Fiction-Roman ‚Turner Diaries‘ aus dem Jahr 1978 auf. Das Buch kursiert in rechtsradikalen Kreisen und beschreibt einen fiktiven Rassenkrieg. … Der Einfluss … in rechtsradikalen Kreisen kann schwer eingeschätzt werden, da der Roman zum freien Download zur Verfügung steht und in früheren Jahren fotokopiert und verbreitet wurde. So verkaufte etwa der US-Amerikaner Timothy McVeigh 1993 Kopien der Turner Diaries auf Waffenmessen. Zwei Jahre später beging er den Terroranschlag von Oklahoma City, der bis zu den Anschlägen auf das World Trade Center als der verheerendste Terroranschlag auf die USA galt. Wie in dem Roman – und wie 2011 Behring Breivik in Norwegen – wählte er für seine Zwecke eine Autobombe mit Sprengstoff aus Düngemitteln und als Ziel ein offizielles Gebäude.“ Ein Science-Fiction-Rassenkrieg, der auf einen Sieg der weißen Europäer im Jahr 2083 ausgeht, entspricht tatsächlich am ehesten der Stimmung der 1500 Seiten Breiviks.

Übrigens erinnert mich Breiviks Stil sehr an ein Buch, dass ich in einer Dissertation gründlich analyisert habe: Hitlers ‚Mein Kampf‘. Sich selbst als Nabel der Welt und Beginn eines neuen Zeitalters zu sehen und zu glauben, dass aus der fehlenden Anhängerschaft einmal Millionen werden, ein krudes Gemisch aus angelesenen vermeintlichen Geschichtswahrheiten, ein chaotischer Stil, der den Leser verzweifeln lässt und manches mehr haben Hitler und Breivik gemeinsam. Aber vielleicht würde Hilter heute ja auch als christlicher Fundamentalist bezeichnet, immerhin trat er nie aus der Kirche aus.

Heute schreiben wir Geschichte

August 3, 2011 by Schirrmacher · 1 Kommentar 

Empfehlungen für einen Verhaltenskodex für das „Christliches Zeugnis in einer multireligiösen Welt“ veröffentlicht

(Bonner Querschnitte 18/2011, 29.06.2011) „Heute ist ein historischer Moment für das gemeinsame christliche Zeugnis“, sagte Jean-Louis Kardinal Tauran, Präsident des Päpstlichen Rates für Interreligiösen Dialog. „Zum ersten Mal in der Geschichte haben der Ökumenische Rat der Kirchen zusammen mit der Weltweiten Evangelischen Allianz und dem Päpstlichen Rat für Interreligiösen Dialog ein Dokument veröffentlicht.“

„Mission gehört zutiefst zum Wesen der Kirche.“ Mit diesen Worten beginnt das Dokument, das gestern in Genf am Sitz des Weltkirchenrates in einer feierlichen Stunde der Öffentlichkeit übergeben wurde. Mehr als fünf Jahre lang hatten Repräsentanten der genannten kirchlichen Organisationen in einer Reihe von größeren und kleineren Konferenzen daran gearbeitet, was es heißt, den christlichen Glauben im 21. Jahrhundert in einer multireligösen Welt zu bezeugen und weiterzugeben. Entstanden ist ein Dokument mit klassischen Grundlagen für das christliche Zeugnis, gefolgt von Prinzipien und Empfehlungen.

Im Großen Saal des Weltkircherats bei der Veröffentlichung des Kodex

Im Großen Saal des Weltkircherats bei der Veröffentlichung des Kodex, von links nach rechts: Erzbischof Pier Luigi Celata (Sekretär, Päpstlicher Rat für Interreligiösen Dialog (PCID)), Jean-Louis Pierre Kardinal Tauran (Präsident, PCID), Dr. Olav Fykse Tveit (Generalsekretär, Ökumenischer Rat der Kirchen), Dr. Geoff Tunicliffe (Generalsekretär, Weltweite Evangelische Allianz (WEA)), Monsignor Andrew Vissanu Thanya-Anan (Untersekretär, PCID), beim Verlesen der Erklärung: Prof. Dr. Thomas Schirrmacher (Vorsitzender, Theologische Kommision und Sprecher für Menschenrechte, WEA). Foto: © IIRF, Lutz Brée



„Wir Christen haben die Pflicht, unseren Glauben ohne jeden Kompromiss zu proklamieren“, rief Kardinal Tauran die Anwesenden auf. „Wir sind nicht Lehrer, die Lektionen über Gott weitergeben. Wir sind Botschafter der Errettung, die durch den Tod und die Auferstehung Christi, der heute noch lebt, zu uns gekommen ist.“

Geoff Tunicliffe, der Generalsekretär der Weltweiten Evangelischen Allianz (WEA), wies darauf hin, dass in dem vorgelegten Dokument alle vier Hauptanliegen, die die WEA seit ihrer Gründung 1846 vertritt, eine tragende Rolle spielen: 1. Einheit in Christus, 2. Menschenrechte, 3. Evangelisation, 4. Religionsfreiheit. Der Generalsekretär der WEA sprach von einem „kraftvollen Dokument“, nicht zuletzt, weil durch die Vertreter der verschiedenen Organisationen 90 Prozent der Weltchristenheit repräsentiert sei. Mission sei das „Herz des Evangeliums“, ohne Mission sei die Kirche tot. Das christliche Zeugnis solle aber nicht nur durch Worte, sondern ebenso durch Taten geschehen.

Thomas Schirrmacher, Chefunterhändler für die Weltweite Evangelische Allianz, machte deutlich, dass es sich bei dem vorgelegten Dokument keineswegs um ein Kompromisspapier handele. Im Laufe der Jahre habe es aus dem Umfeld verschiedener Seiten immer wieder auch sehr skeptische Stimmen gegeben, die ein inhaltlich substanzielles Dokument zum Thema Religionsfreiheit und Mission nicht für möglich gehalten hätten. Am Ende stünden nun klare Empfehlungen, die einerseits den Auftrag Jesu an seine Kirche deutlich bezeugten, andererseits aber auch die Grenzen einer an der biblischen Botschaft ausgerichteten Mission aufzeigten.

So verweise der Text bereits im ersten Punkt der Grundlagen darauf, dass es nicht nur eine Freude sei, über die eigene Hoffnung anderen gegenüber Rechenschaft abzulegen, sondern dass dies mit „Sanftmut und Respekt“ zu geschehen habe (mit Verweis auf 1. Petrus 3,15). Im letzten Punkt der Grundlagen werde bekräftigt, dass es die Verantwortung der Christen sei, von Jesus Zeugnis abzulegen, „dass die Bekehrung dabei jedoch letztendlich das Werk des Heiligen Geistes ist“. Dies schließe, so Schirrmacher, auch theologisch jeden Gedanken an die Möglichkeit einer Zwangsbekehrung aus. Damit begrenze sich die christliche Mission selbst, dies aber nicht z. B. aus politischen Gründen, sondern weil es biblisch geboten sei.

Erzbischof Pier Luigi Celata sagte in der anschließenden Pressekonferenz, dass das Dokument auf zwei Säulen aufgebaut sei: erstens der Auftrag Jesu, das Evangelium bekannt zu machen, und zweitens die Würde, die jeder Mensch von der Schöpfung her habe.

Verschiedene Vertreter der WEA äußerten sich in Genf hocherfreut über den Inhalt und überhaupt über das Zustandekommen dieser Empfehlungen. „Die vorliegenden Empfehlungen für einen Verhaltenskodex enthalten die Hauptthemen, die zum Beispiel im International Journal of Religious Freedom diskutiert und empfohlen wurden“, so Prof. Thomas K. Johnson vom Internationalen Institut für Religionsfreiheit der WEA gegenüber BQ.

Thomas Schirrmacher