Thomas Schirrmacher
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Gott kommt uns nahe – ein Unterschied des Christentums zum Islam

September 23, 2011 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar 

Im christlichen Glauben kommt Gott in seiner Offenbarung den Menschen nahe. Er kommt zum Menschen, er spricht mit den Menschen, er spricht die Sprache der Menschen, er gibt der Beziehung zwischen Gott und Mensch eine tragfähige Grundlage, indem er sich selbst an sein Wort bindet und als der absolut Treue und Zuverlässige Glauben und Vertrauen ermöglicht.

Gerade deswegen drängt aber die fortlaufende Offenbarung Gottes in der Heilsgeschichte auf eine schriftliche Fassung, die die Zuverlässig­keit greifbarer macht und allen Menschen Gott in menschlicher Sprache nahe bringt.

Die schriftliche Offenbarung ihrerseits drängt aber wieder auf ihre Erfüllung in einer Weise, in der uns Gott von sich aus noch näher kommt: Gott wird in Christus Mensch und „wohnt unter uns“ (Joh 1,14). Gott wird in Christus „Immanuel“, „Gott unter uns“ (Mt 1,23). Deswegen hebt die Fleischwerdung Gottes in Jesus die schriftliche Offenbarung nicht auf, sondern erfüllt sie als das eigentliche Wort Gottes.

Doch auch damit nicht genug! Gott will uns noch näher kommen. Jesus, wahrer Mensch und wahrer Gott, verlässt nach seiner Auferstehung mit seinem neuen Leib die Erde und sendet an seiner Statt den Heiligen Geist, der nicht nur der gesamten Menschheit viel näher kommen kann, als Jesus, sondern seit Pfingsten in den Gläubigen wohnt, ihrem Geist Gottes Geist bezeugt, und ihnen die innere Kraft gibt, nach Gottes Willen zu leben (Rom 8,3–4). Näher kann uns Gott nicht kommen!

Der Dreischritt
1. Schritt: Gott kommt den Menschen nahe, indem er ihre Sprache spricht, sich ihnen offenbart und ihnen seinen Willen auch in schriftlicher Form übergibt. (z. B. 2Tim 3,14–17)
2. Schritt: Gott kommt den Menschen noch näher, indem er selbst in Christus Mensch wird und sich den Menschen unmittelbar offenbart. (z. B. Joh 1,1+14; 14,9)
3. Schritt: Gott kommt den Menschen noch näher, indem er durch seinen Geist in allen wohnt, die an Jesus Christus glauben. (z. B. Röm 8,9–14)

Für einen Muslim ist es schon sehr schwer nachzuvollziehen, dass die Bibel Menschenwort und Gotteswort zugleich ist, da er sich Gottes Wort nur ohne menschliches Zutun denken kann.

Noch schwerer ist es für ihn nachzuvollziehen, dass in Jesus Christus Gott und Mensch zusammenkommen, zumal er davon geprägt ist, dass das nur Götzendienst sein kann.

Doch so sehr dieser Punkt im Mittelpunkt der Ablehnung des Christentums steht, da schon der Koran als Hauptübel der Christen sieht, dass sie den menschlichen Propheten Jesus dem einen Gott als Sohn „beigesellen“, so sehr zeigt die Erfahrung, dass der nächste Schritt endgültig die Vorstellungskraft eines Muslims übersteigt, dass nämlich Christen glauben, dass Gottes Geist als dritte Person des einen Gottes in den Gläubigen wohnt.

Erzbischof Aktaş informiert Weltweite Evangelische Allianz über die Lage in Mor Gabriel

September 16, 2011 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar 

(Bonn, 26.08.2011) Der Direktor des Internationalen Instituts für Religionsfreiheit der Weltweiten Evangelischen Allianz und Vorstandsmitglied der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte, Thomas Schirrmacher, hat sich persönlich über den Stand der Verhandlungen um das bedrohte syrisch-orthodoxen Kloster Mor Gabriel vom Abt des Klosters und vom Rechtsanwalt des Klosters informieren lassen.

Bei dem Treffen betonte der Abt des Klosters, Erzbischof Timotheos Samuel Aktaş, wie wichtig die internationale Unterstützung für das Kloster sei. Der 1945 im Tur Abdin geborene Aktaş ist seit 1973 Abt des Klosters, seit 1985 Erzbischof und Metropolit des Tur Abdin.

An dem Gespräch mit Schirrmacher nahmen als Gesandtschaft der syrisch-orthodoxen Kirche außerdem Rechtsanwalt Rudi Sümer, Prozessbevollmächtigter von Mor Gabriel, Kuryakos Ergün, Vorsitzender der Gemeindestiftung Mor Gabriel, Shemun (Simon) Barmano als Vertreter der Assyrer in Europa sowie Bischof Julius Hanna Aydin und Pfarrer Murat Üzel von der syrisch-orthodoxen Kirche in Deutschland teil.

Erzbischof Aktaş und Schirrmacher verbindet seit längerem, dass beide Preisträger des finnischen Menschenrechtspreises ‚ProFide‘ sind und beide für ihren Einsatz für irakische Flüchtlinge geehrt wurden, Aktaş 1993 für seinen Einsatz für die Flüchtlinge während des 2. Golfkrieges, Schirrmacher 2009 für die Flüchtlinge der Gegenwart seit dem Sturz Saddam Husseins.

Das Kloster Mor Gabriel wird vom türkischen Staat seit Jahren massiv unter Druck gesetzt. Mehrere verlorene Gerichtsverfahren, in dem kurdische Nachbardörfer mit absurden Gründen Grund und Boden erstreiten, der seit Jahrhunderten zum Kloster gehört, bedrohen das Kloster in seiner Existenz. Erzbischof Aktaş ist überzeugt, dass der türkische Staat die Gerichtsverfahren als Vorwand nutzt, um die verbliebenen Christen aus der Südosttürkei zu vertreiben. Dafür spricht etwa, dass die Mönche selbst innerhalb der Klostermauern keine Schüler unterrichten dürfen und sie die jahrhundertelangen Traditionen nicht an die nächste Generation weitergeben können.

Das im Jahr 367 gegründete syrisch-orthodoxe Kloster Mor Gabriel ist eines der ältesten Klöster der Christenheit. Die Kuppel mit einem Durchmesser von 11,50 m stammt vom Anfang des 6. Jahrhunderts und war eine Meisterleistung der Baukunst. 1915 wurden während des Genozids an den christlichen Minderheiten alle Bewohner des Klosters auf Veranlassung der osmanischen Regierung durch Milizen umgebracht. In den 1950er Jahren wurde nach Renovierungsarbeiten ein Priesterseminar eingerichtet, dass die türkische Regierung 1980 schloss und verbot.

Meldung der IGFM

Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) hat das Auswärtige Amt und Bundestagsabgeordnete zum Eintreten für das christliche Kloster Mor Gabriel in der Osttürkei aufgerufen. Deutschland müsse gegen die faktische Enteignung des Klosters protestieren und weitere EU-Beitrittsverhandlungen von einer Respektierung der Rechte der christlichen Minderheit in der Türkei abhängig machen, heißt es in einem Appell der IGFM. Das aus dem 4. Jahrhundert stammende Kloster Mor Gabriel gehöre zu den ältesten Stätten des christlichen Glaubens in der Türkei und sei „die letzte geistliche Zufluchtsstätte der Christen in Südostanatolien“. Vor 100 Jahren hätten in der Region Tur Abdin noch rund 950.000 assyrische Christen gelebt. Jetzt sei zu befürchten, dass den verbliebenen 2.500 bis 3.000 Christen ihr geistliches Zentrum weggenommen und zu einem touristischen Objekt umfunktioniert werde, so die IGFM. Die Organisation verwies auf den historisch „absurden Vorwurf“, vor dem Bau des Klosters habe auf dem Gelände eine Moschee gestanden. Forderungen, das Kloster müsse die angeblich geraubten Güter zurückgeben, griffen die „Grundfesten der Toleranz des türkischen Staates gegenüber religiösen und ethnischen Minderheiten“ an und ließen die Achtung und den Willen zur Verständigung mit anderen Kulturkreisen vermissen. Das Angebot, dem Kloster die betreffenden Ländereien zu vermieten, nannte die IGFM „eine weitere Form der Enteignungspolitik gegenüber der christlichen Minderheit“. Dies dürften europäische Politiker nicht hinnehmen. Die Organisation rief die Abgeordneten und die Regierung auf, den Rechtsstreit der Christen gegen den türkischen Staat zu unterstützen. Ohne einen Schutz der Eigentums- und Menschenrechte durch die Türkei dürfe es keine Verhandlungen über einen EU-Beitritt geben, so die IGFM.

Links für die Hintergrundrecherche:

·        www.oecumene.radiovaticana.org/ted/Articolo.asp

·         de.wikipedia.org/wiki/Timotheos_Samuel_Akta

·         Englisch: www.syrianchurch.org/bio/SyriacOrthodox/bio_TimotheosAktas.htm

·         BQ 79 zu ProFide-Preis

·         BQ 95 zu Bischof Aydin

Downloads:

·         Foto 1: Bischof Aydin, Schirrmacher, Erzbischof Aktaş (jpg)

·         Foto 2: Die syrisch-orthodoxe Gesandtschaft mit Schirrmacher (jpg)

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Zwangsabtreibung in China

September 16, 2011 by Schirrmacher · 1 Kommentar 

Petra Kolonko hat in ihrem Buch Maos Enkel: Innenansicht aus dem neuen China (München: C. H. Beck, 2009) eine faszinierende Gesamtschau Chinas geliefert, die ihresgleichen sucht. Die vielen positiven Entwicklungen werden genauso verständlich gemacht wie die Ursachen für viele Fehlentwicklungen und sich anbahnende Katastrophen.

Erstaunlich direkt und kritisch spricht sie die Probleme der Ein-Kind-Politik an. Am bekanntesten ist dabei die Selektion zugunsten von Jungen und zuungunsten von Mädchen. Sie schreibt dazu: „Die Ein-Kind-Politik tötet Mädchen. Seit die Ultraschalluntersuchungen überall verbreitet sind und selbst die einfachsten Krankenhäuser auf dem Land oder fahrende Doktoren den Blick auf den Embryo anbieten können, ist das Geschlechterverhältnis empfindlich aus dem Gleichgewicht geraten. Als normal gilt bei Geburten ein Verhältnis von 100 Mädchen zu 110 Jungen. In China waren es im Jahr 2005 an manchen Orten schon 100 zu 118 Jungen und im Jahr 2007 wurden im landesweiten Durchschnitt sogar schon 122 Jungen im Vergleich zu 100 Mädchen geboren. In einigen Orten in der südchinesischen Provinz Guangdong lag der ‚Überschuss‘ der Jungen bei 130 zu 100. Für das unnatürliche Geschlechterverhältnis gibt es nur eine Erklärung: Nach einer Geschlechterbestimmung durch Ultraschalluntersuchung werden weibliche Embryos abgetrieben.“ (S. 119). Weil der prozentuale Überhang der Jungen unübersehbar wurde, so Kolonko, hat die chinesische Regierung erfolglos verboten, das in Arztpraxen und Krakenhäusern das Geschlecht der Ungeborenen bestimmt wird. Im Zweifelsfall ist dem medizinischen Personal ein Gefallen oder Geld lieber. „Überall auf den Dörfern in China kann man Werbung für ‚Ultraschalluntersuchungen‘ sehen. In China dann eine Schwangerschaft abbrechen zu lassen, ist nicht schwierig. Abtreibungen werden in allen Krankenhäusern wie am Fließband vorgenommen, ohne Fragen und Genehmigung. Der Staat ist froh über jede verhinderte außerplanmäßige Geburt.“ (S. 120).

Die Mädchen sind aber noch lange nicht sicher, wenn sie trotz allem zur Welt gekommen sind, wie Kolonko feststellt: „Weiter kommt es auch vor, dass Bauern, die eine Tochter ‚zu viel‘ haben oder die Geburt eines Kindes den Familienplanungsbehörden verheimlichen wollen, neugeborene Mädchen aussetzen. Es gibt keine offiziellen Angaben darüber, wie viele Mädchen jedes Jahr ausgesetzt werden.“ (ebd.) Aber praktisch alle Findelkinder sind Mädchen. „Immer wieder werden auch Fälle von Babyhandel bekannt. Bauersfrauen, die eine ungewollte Tochter geboren haben, geben sie gegen eine Bezahlung zur Adoption frei oder ‚verkaufen‘ sie direkt an Mädchenhändler. Oft sind Krankenhäuser an diesem Kinderhandel beteiligt. All dies ist illegal und wird, wenn es denn bekannt und verfolgt wird, bestraft.“ (ebd.).

Was aber tut die Regierung, um der Selektion der Mädchen entgegenzuwirken? Kolonko schreibt dazu: „Als die chinesische Regierung den Bauern erlaubte, ein zweites Kind zu haben, wenn ihr erstes ein Mädchen war, bestärkte sie die Missachtung der Mädchen, die auf dem Land aus traditionellen und praktischen Erwägungen weiter vorherrscht. Um solcher Kritik entgegenzuwirken, behauptet die chinesische Regierung jetzt, dass ihre Familienplanungskader nicht nur Geburten verhindern, sondern auch Aufklärungsarbeit leisten. Eine Kampagne ‚Schützt unsere Mädchen‘ soll besonders dem Landvolk beibringen, dass auch Mädchen ihren Wert haben.“ (ebd.) Die Kampagne verspricht Bauern beim Verzicht auf eine weitere Geburt nach der Geburt eines Mädchens eine staatliche Rente und eine Einmalprämie. Doch eine unerwartete soziale Entwicklung ist eher für eine Änderung verantwortlich: „Eine erste Änderung in der Einstellung zu den Töchtern hat sich in den letzten Jahren auch ohne staatliche Kampagne dort entwickelt, wo die jungen Leute in die Städte abwandern. Eltern konnten feststellen, dass nicht nur ihre Söhne, sondern auch die Töchter Geld nach Hause schicken, wenn sie als Wanderarbeiterinnen in die Städte gehen.“ (ebd.).

Zu Abtreibungen in China allgemein schreibt Kolonko erstaunlicherweise: „Wenig diskutiert wird eine andere Auswirkung der Ein-Kind-Politik: Abtreibungen sind weitverbreitet und belasten die Frauen psychisch und physisch. Wie viele Abtreibungen jährlich in China ausgeführt werden, ist ein Staatsgeheimnis. Nach einer Schätzung der amerikanischen Organisation Planned Parenthood werden jedes Jahr in China zwischen 500 000 und 700 000 Schwangerschaften abgebrochen. Inoffizielle Umfragen ergeben, dass die meisten älteren Frauen im Durchschnitt zwei bis drei Abtreibungen hinter sich gebracht haben.“ (S. 123). Dabei gilt generell: „Ethische Fragen eines Schwangerschaftsabbruches dürfen nicht aufgeworfen werden.“ (ebd.). Jede Diskussion über den Wert des ungeborenen Lebens wird unterdrückt, da sie leicht in eine Kritik der Ein-Kind-Politik umschlagen könnten.

Moralische und/oder religiöse Kritik aus dem Ausland wird – wie auch sonst – mit dem Hinweis auf die eigene chinesische Kultur zurückgewiesenen. Nur, möchte man die chinesische Regierung fragen: Welche chinesische Besonderheit soll denn hier zum Tragen kommen? Die traditionelle chinesische Sicht der Harmonie des Lebens wird jedenfalls nicht dadurch herausgestellt, dass das Leben eines Mädchen und von ungeborenen Kindern nichts wert ist, ebenso wenig die hohe Stellung der Mehrgenerationenfamilie in der klassischen chinesischen Philosophie.

„Alle Menschen sind Sünder“ (4) als Grundlage der Demokratie

September 7, 2011 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar 

Im letzten Blog haben wir gesehen, dass die Aussage ‚Alle Menschen sind Sünder‘ eine eminent gesellschaftspolitische und politische Bedeutung hat. Die Aussage, dass alle Menschen Sünder sind, bildet auch eine wichtige Grundlage der Demokratie und ist mit einer der Gründe, warum fast alle ehemals christlichen Länder heute Demokratien sind [siehe meinen Aufsatz „Demokratie und christliche Ethik“. Aus Politik und Zeitgeschichte (Beilage zu Das Parlament) 14/2009 (30.3.2009): 21-26, auch unter http://www1.bpb.de/publikationen/N6VK9L,0,Demokratie_und_christliche_Ethik.html].

Das Christentum ist sehr selbstkritisch angelegt (ob es das in der Realität immer war oder ist, steht auf einem anderen Blatt) und ist sehr misstrauisch, da es davon ausgeht, dass jeder – beginnend bei sich selbst – sich nicht nur gelegentlich den einen oder anderen Schnitzer erlaubt, sondern im ganz normalen Alltag davon geprägt ist, als Egoist sich selbst und anderen zu schaden. Das färbt auch auf das Verständnis der Politik und ihrer Gefahren ab.

1532 schrieb Niccolò Machiavelli mit ‚Der Fürst‘ eine Bedienungsanleitung für machthungrige Herrscher. Entscheidend sei immer der Enderfolg, der Pöbel unterstütze immer den Sieger und ehre im Nachhinein alle Mittel, die ihn dazu geführt hätten.

So richtig es ist, dass der Sieger immer die Geschichte schreibt, so moralisch verwerflich bleibt es, wenn Mächtige nur herrschen, um Macht zu haben und ihrem eigenen Vorteil zu dienen. Der deutsche Amtseid für die Bundesregierung lautet dagegen im Grundgesetz Artikel 56 & 64): „Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden … und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde. So wahr mir Gott helfe.“

Um Machtmissbrauch zu verhindern, wurde 1787 die Gewaltenteilung in der Verfassung der USA, als „checks and balances“ bekannt, verankert, ebenso wie andere Mechanismen, etwa die Beschränkung der Amtszeit des Präsidenten auf höchstens zweimal 4 Jahre. ‚Checks and Balances‘ bezeichnet die gegenseitige Kontrolle (checks) von Verfassungsorganen eines Staates zur Herstellung eines dem Erfolg des Ganzen förderlichen Systems partiellen Gleichgewichtes an Macht (balances), vor allem, um einer Diktatur vorzubeugen. Es geht dabei weniger um eine strikte Trennung der Gewalten, sondern gerade um eine gegenseitige Eingriffsmöglichkeit und Kontrolle, weswegen die Gewaltenverschränkung wesentlich zur Gewaltenteilung gehört.

Die Demokratie hat sehr viel mit der Frage zu tun, wie man potenzielle Diktatoren aus dem Verkehr ziehen kann und wie man schlechte und ihre Macht missbrauchende Politiker und Politikerinnen wieder los werden kann.

Sir Karl Popper hat das 1960 treffend so formuliert:

„Wer soll herrschen? Diese Frage verlangt nach einer autoritären Antwort: etwa ‚die Besten‘ oder ‚die Weisesten‘ oder ‚das Volk‘ oder ‚die Mehrheit‘. … Man sollte eine ganz andere Fragestellung an ihre Stelle setzen, etwa: Was können wir tun, um unsere politischen Institutionen so zu gestalten, daß schlechte oder untüchtige Herrscher (die wir natürlich zu vermeiden suchen, aber trotzdem nur allzu leicht bekommen können) möglichst geringen Schaden anrichten? …“ („Erkenntnis ohne Autorität”. S. 26-39 in: Karl Popper. Lesebuch. Tübingen: Mohr, 2000. S. 32)

In „Freiheit und intellektuelle Verantwortung“ hat Popper das 1989 näher ausgeführt (Karl P. Popper. Alles leben ist Problemlösen. S. 239-254, weitere Beiträge zur Demokratie S. 207-238; guter Auszug „Wer soll herrschen“ unter www.gewaltenteilung.de/popper.htm, eigentlich aus Karl P. Popper. Alle Menschen sind Philosophen. München: Piper, 2002. S. 211-218, siehe auch „Worauf es in der Demokratie ankommt“. S. 219-227). Popper versteht Demokratie dort weniger als ‚Volksherrschaft‘, denn als „Volksgericht“. Demokratie ist kein Weg, die besten Herrscher zu finden und auch keine Garantie für gute Entscheidungen („Eine Mehrheitsdiktatur kann für die Minderheit fürchterlich sein“), sondern die beste Antwort auf die Frage „Wie können wir die Konstitution des Staates so gestalten, daß wir die Regierung ohne Blutvergießen loswerden können?“.

Erstmals, wenn auch nicht ganz so deutlich, hat Popper diese Gedanken 1944 in seiner Kritik an Plato im Abschnitt „Das Prinzip des Führertums“ vorgetragen (Karl R. Popper. Der Zauber Platons. Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Band 1. Bern: Francke, 1957. S. 169-174; erste englische Ausgabe 1944; verfasst 1938-1943). Nicht wer soll herrschen, ist nach Popper die Frage, sondern wie man schlechte Herrscher wieder und friedlich los wird, ist neben der Beschränkung der Macht die Frage, die zur Demokratie führt (ebd. S. 170-173).

„… so erhebt sich die Frage, ob sich das politische Denken nicht von Anfang an mit der Möglichkeit schlechter Regierungen vertraut machen sollte … es zwingt uns die Frage: Wer soll regieren? durch eine neue Frage zu ersetzen: Wie können wir politische Institutionen so organisieren, daß es schlechten und inkompetenten Herrschern unmöglich ist, allzugroßen Schaden anzurichten?“ (S. 170). „Ich neige zu der Ansicht, daß Herrscher sich moralisch oder intellektuell selten über und oft unter dem Durchschnitt befinden. Und ich halte es für ein kluges Prinzip, wenn wir uns, so gut wir es können, auf das Ärgste vorbereiten, obschon wir natürlich zur gleichen Zeit versuchen sollten, das Beste zu erreichen.“ (S. 172)

So wird zum Paradoxon der Demokratie die Frage, was man tun soll, wenn das Volk einen Tyrannen wählen will (S. 173).

Der Gedanke der Demokratie ist also untrennbar mit dem Gedanken verbunden, dass es schlechte Herrschende geben kann, die Böses planen und tun. Historische Erfahrung lehrt, dass Demokratie besser als jede andere Staatsform Tyrannei, Menschenrechtsverletzungen und einen zu großen Machtmissbrauch verhindern kann. Christen gehen immer von der Neigung des Menschen zum Bösen aus und halten es deswegen für weise, dass kein Einzelner eine zu große Machtfülle erlangt.

Die Gewaltenteilung der Demokratie ist ein Folge der christlichen Sicht, dass alle Menschen zum Bösen neigen und deswegen Herrscher und Politiker nicht gelegentlich ihre Macht zum Bösen gebrauchen, sondern die Wahrscheinlichkeit sehr groß, ja fast zwangsläufig ist, wenn es keine Beschränkungen und Kontrollen gibt. Nicht, dass man Christ sein müsste, um Gewaltenteilung zu befürworten (sonst hätte ich sicher nicht Popper angeführt). Aber geschichtlich gesehen ist dies nun einmal der Ursprung und etwa einer der Gründe, warum islamischen Staaten eine demokratische Gewaltenteilung meist fern liegt, auch wenn sie dort prinzipiell natürlich ebenso praktizierbar ist, da der Islam ein sehr optimistisches Menschenbild hat und das Böse nur im Unglauben und Ungläubigen, nicht aber bei sich selbst sieht.

Wäre der Mensch so gut und edel, wie ihn manche zeichnen, brauchten wir keine parlamentarischen Kontrollen, keine Verfassungsgerichte zur Kontrolle der Regierungen, keine Untersuchungsausschüsse und keine kritische Presse.

Noch einmal: Nicht, dass nur Christen Gewaltenteilung begründen oder umsetzen könnten. Aber wer nur an das Gute im Menschen glaubt, braucht eigentlich keine Gewaltenteilung. Die Demokratie ist die Staatsform, die am nüchternsten und selbstverständlichsten mit dem Bösen rechnet und keinem so viel Macht geben will, dass seine Versuchlichkeit und sein böses Planen und Handeln allein viele oder gar alle in den Abgrund ziehen kann.

Die Finanzmärkte zeigen, was geschieht, wenn der Hang zum Bösen nicht nüchtern einkalkuliert und durch Gewaltenteilung und Kontrolle eingedämmt wird. Ein einziger gieriger Vorstand kann heute die Welt an den Rand des Abgrundes bringen. Es ist erstaunlich, wie wenige Menschen trotz all dem Schrecken, den das verursacht, dies mit der Frage nach der Bosheit des Menschen in Verbindung bringen, schon gar nicht mit der eigenen.

„Alle Menschen sind Sünder“ (3) als Grundlage der Bekämpfung gesellschaftlicher und struktureller Übel

September 4, 2011 by Schirrmacher · 2 Kommentare 

In meinen beiden letzten Blogs habe ich die Aussage ‚Alle Menschen sind Sünder‘ angesprochen. Diese Aussage, dass alle Menschen ‚Sünder‘ sind, hat auch eine eminent gesellschaftspolitische und politische Bedeutung.

So bedeutet sie etwa, dass wir als Christen gesellschaftliche Probleme aller Art nicht nur als strukturelle Probleme sehen, die man mit Aufklärung, (Um-)erziehung und politischen Programmen allein bekämpfen kann.

Hinter Folter, Rassismus, Hyperkapitalismus, Unterdrückung von Frauen oder sexuellem Kindesmissbrauch – um nur einige Beispiel zu nennen – steht die Realität der Sünde, und so sehr wir die Folgen der Sünde vor Ort bekämpfen mögen, so sehr wir auch das strukturelle Böse gesamtgesellschaftlich und politisch angehen wollen, steht doch dahinter eine unheimliche Gemeinsamkeit, die – wenn in einer Form unterdrückt – an immer neuen Stellen und mit immer neuen Gesichtern an die Öffentlichkeit drängt. Zu viele Menschen nutzen die Möglichkeiten, dass es uns allen besser geht, mutwillig nicht, sondern versuchen allein für sich einen Vorteil herauszuschlagen, auch wenn sie dafür bisweilen so tun müssen, als ginge es ihnen um das Gemeinwohl (siehe Jesus in Lk 22,25: „… ihre Machthaber lassen sich dafür Wohltäter nennen“).

Die Formen des Bösen wie Neid, Gier, Hass oder Schadenfreude zeigen ihre Fratze immer wieder im Kleinen wie im Großen. Ohne einen Blick auf dies Gesamtbild wird jeder, der sich gesellschaftspolitisch einsetzt, unrealistisch in seiner Einschätzung der Möglichkeiten bleiben. Wir müssen nüchtern sehen, dass die Wurzel der großen gesellschaftlichen Übel das Böse, also die Sünde ist – die vieler Einzelner ebenso wie die gesellschaftlicher Strukturen.

Ohne Hass, Neid, Stolz und Lüge kein Rassismus. Ohne Gier, Sucht und Betrug keine Ausbeutung. Ohne Machtgelüste und Unbeherrschtheit kein Missbrauch und keine sexuelle Gewalt.

Es ist, wie Jesus es sagt: Nicht das, was von außen kommt, ist, was uns böse macht, sondern dass, was von innen kommt (Mt 15,18-20; Mk 7,18-23). (Das aus uns heraus kommende Böse wird dann natürlich für die anderen eine Bosheit, die sie von außen trifft. Auch uns trifft das aus anderen herauskommende Böse einzeln oder als strukturelle, gesellschaftlich verfestigte Sünde von außen.) Nicht erst seid Sigmund Freud wissen Menschen, welcher Abgrund sich in ihnen auftun kann.

Zu den Grundaussagen einer Politik auf der Basis eines christlichen Menschenbildes gehört nicht nur, dass alle Menschen von Gott als seine Ebenbilder geschaffen sind, sondern auch, dass jeder auf Versuchungen hereinfallen kann. Es muss immer mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass der Mensch überraschend und plötzlich aus der Höhe in die Tiefe fällt. Vorbildliche Politiker lassen sich plötzlich bestechen, friedliche Mitbürger greifen plötzlich zur Gewalt oder ‚bekehren‘ sich und werden zu religiösen Terroristen.

Christen können nie sagen: ‚Das hätte ich nie für möglich gehalten‘ oder ‚Das hätte mir nie passieren können‘. Doch, alles ist möglich, und gute Politik rechnet damit und baut vor, um das Schlimmste zu verhindern. Auch die Kirche rechnet gut neutestamentlich, dass ihre eigenen Leiter zur Gefahr werden können (z. B. Apg 20,30)! Jeder kann Macht missbrauchen, Priester die Macht über Kinder, Eltern die Macht über ihre süßen Kleinen, der Korruptionsbeauftragte über seine Mitarbeiter.

Es gibt Menschen, die radioaktives Material gegen andere einsetzen wollen. Man muss nicht warten, bis man einen konkreten Anfangsverdacht hat, oder diskutieren, ob dieser oder jener wirklich zuschlagen wird, sondern muss jetzt planen und vorbauen. Denn das Böse, das man denken und planen kann, kann man auch tun. Wohin die Fehleinschätzung führte, Hitler werde schon nicht so böse handeln, wie er sprach und schrieb, kann jeder sehen (vgl. die Einleitung meines Buches ‚Hitlers Kriegsreligion‘).

Fortsetzung folgt …

„Alle Menschen sind Sünder“ (2): Eine merkwürdige Spannung

September 1, 2011 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar 

Die jüdisch-christliche Anthropologie (Lehre vom Menschen) lebt von einer merkwürdigen Spannung. Einerseits ist der Mensch als „Ebenbild Gottes“ geschaffen und von Gott mit unglaublichen Fähigkeiten und Vielfältigkeiten ausgestattet. Andererseits hat sich der Mensch als „Sünder“ von Gott abgewandt und ist zu unglaublich bösen Gedanken und Taten fähig. Dieses Böse in der Welt kann (etwa durch den Staat) nur durch Begrenzung, Hinderung und Bestrafung einerseits, und durch Vergebung, Gnade, Friedenstiften und Versöhnung andererseits angegangen werden.

Wählen wir als Beispiel unsere Kinder. Sie werden als Ebenbilder Gottes gesehen, die Anleitung und Ermutigung brauchen, die ihnen von Gott gegebenen Fähigkeiten zu entfalten, denkerische ebenso wie künstlerische, literarische ebenso wie mitmenschliche. Die selbstständige Persönlichkeit unter ihrem Schöpfer ist das Ziel der Erziehung. Erziehung ist kein Selbstzweck, sondern zielt auf eine Zeit ab, in der der zu Erziehende selbst die volle Verantwortung für sein Leben übernimmt.

Kinder werden aber ebenso als Menschen gesehen, die aufgrund der Sünde nicht mehr ihrer ursprünglichen Bestimmung entsprechend leben und deswegen Erziehung vom Bösen weg brauchen, was Ermahnung, Grenzen und Strafe ebenso einschließt wie gnädige Zuwendung, Beratung und Ermutigung zum Neuanfang.

Thomas Schirrmacher