Thomas Schirrmacher
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Die Bibel wird in evangelischen Bekenntnisschulen nicht zum Gesetz

Januar 25, 2012 by Schirrmacher · 2 Kommentare 

Anmerkungen zu einigen Aussagen im Artikel von Ann-Kristin Schäfer „Wenn die Bibel zum Gesetz wird“ in der Süddeutschen Zeitung vom 19.12.2011

Thomas Schirrmacher,
Direktor des International Instituts für Religionsfreiheit (Bonn, Kapstadt, Colombo)

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Im Folgenden möchte ich zu einigen – jeweils kursiv gedruckten – Aussagen des Artikels von Ann-Kristin Schäfer kurz Stellung nehmen.

„in den staatlich anerkannten Privatschulen spielt christlicher Glaube immer eine Rolle …“ / „Bekenntnisschulen müssen sich zwar auch an den Lehrplan ihres Bundeslandes halten, arbeiten aber auf der Basis einer religiösen Weltanschauung.“

Antwort: Bekenntnisgebundene Privatschulen jedweden religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses, auch des christlichen, sind im Grundgesetz verankert. Wenn Frau Schäfer das Grundgesetz ändern möchte, sollte sie das offen sagen. Zu unser freiheitlichen Grundordnung gehört, dass nicht nur der Staat Schulen betreiben darf, sondern auch religiöse und weltanschauliche Gemeinschaften oder die sich einem gemeinsamen religiösen Bekenntnis verpflichtend fühlenden Eltern eigene Schulen betreiben dürfen.

Dabei ist Fakt: Würde der christliche Glaube in einer christlichen Bekenntnisschule keine Rolle spielen, müsste der Schule die Zulassung entzogen werden. So sehr man das im Detail sehr unterschiedlich füllen mag, so nüchtern muss man sehen, dass die Schulaufsicht und die Genehmigungsbehörden sehr genau kontrollieren, ob das Bekenntnis nur zum Schein vorgegeben wird oder für die Schule tragend ist. Entsprechendes gilt für alle christlichen wie nichtchristlichen Religionsgemeinschaften. Ich erinnere mich an einen Fall, wo eine Bekenntnisschule muslimischen Kindern den christlichen Religionsunterricht erließ und ihr das von der staatlichen Schulaufsicht untersagt wurde, weil es eine christliche Schule sei – wobei das sicher in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich gehandhabt wird. Es hätte also nicht heißen müssen: „arbeiten aber auf der Basis einer religiösen Weltanschauung“, sondern richtig: „müssen aber auf der Basis einer religiösen Weltanschauung arbeiten“.

„Dann ist die allmorgendliche Fünf-Minuten-Andacht vorbei.“

Zu dem verpflichtenden religiösen Charakter einer Bekenntnisschule gehören auch religiöse Veranstaltungen neben dem Unterricht. Im katholischen Gymnasium, das mein Sohn besucht hat, beginnt der Unterricht mit dem Vaterunser (im Fremdsprachenunterricht in der jeweiligen Sprache), Schulgottesdienste gehören zum festen Programm, es gibt Einkehrwochen im Kloster, Sammelaktionen für kirchliche Sozialprojekte in der Dritten Welt und das Angebot von Beichte und Seelsorge. An anderen Schulen gibt es christliche Schüler-Eltern-Lehrer Chöre oder Deckenverteilungen an Obdachlose im Winter. Eltern, die ihre Kinder an der Schule anmelden, wissen das im Voraus und wollen das in der Regel auch ausdrücklich.

Eine Fünf-Minuten-Andacht, die man zudem freiwillig besucht, zumal wenn sie noch einen so fördernden Inhalt hat, wie in Frau Schäfer beschreibt („Du bis wertvoll“, wobei ja alle Menschen als wertvoll beschrieben werden, nicht nur Christen), finde ich eine angemessene Lösung, die christliche Ausrichtung deutlich zu machen, ohne Zwang auszuüben oder Schüler über Gebühr zeitlich zusätzlich zu belasten.

„… lernen an freikirchlichen Bekenntnisschulen …“ / „Diese Privatschulen sind staatlich anerkannt, gehören aber keiner der großen Kirchen an, sondern werden meist von freikirchlichen Organisationen getragen.“

Auch die meisten katholischen und landeskirchlich-evangelischen Schule „gehören“ nicht den „großen Kirchen“ an, sondern haben normalerweise einen eigenen Träger und sind mit den Kirchen durch das Bekenntnis in ihrer Verfassung/Satzung, oft durch personelle Verzahnung und/oder durch eine kirchliche Schulaufsicht verbunden. (Ich lasse hier einmal die vom Staat betriebenen evangelischen und katholischen Bekenntnisschulen außen vor, die zahlenmäßig überwiegen, aber schon gar nicht den großen Kirchen angehören.) Die im Artikel beschriebenen Bekenntnisschulen haben von Eltern initiierte Trägervereine, die in ihrer Satzung notwendigerweise ein Bekenntnis voranstellen müssen. Die Mitglieder kommen aus allen Kirchen, auch aus den „großen“. Dabei gibt es gerade im Süden solche evangelischen Schulen, die vorwiegend landeskirchlich geprägt sind (das heißt, dass unter Trägervereinsmitgliedern, Eltern, Schüler und Lehrern die Mitglieder der Gliedkirchen der EKD überwiegen), an anderen Orten solche, die Freikirchen angehören, die übrigens überwiegend als Körperschaften öffentlichen Rechtes denselben staatlichen Rechtsschutz genießen, wie die großen Kirchen. (In anderen Ländern sind es dieselben Freikirchen, die dort die Mehrheit gegenüber den bei uns vorherrschenden Konfessionen stellen. Und wir haben ja keine Staatskirchen mehr und so stünde es auch einer Zeitung gut, diesen kirchlichen Pluralismus nicht pauschal an Hand der Mitgliederzahl zu verdächtigen.)

Das meist von den Bekenntnisschulen zugrunde gelegte Bekenntnis ist die „Glaubensbasis“ der Deutschen Evangelischen Allianz. Sie ist ein breit angelegtes ökumenisches Bekenntnis mit nur wenigen Punkten und ist gerade deswegen so beliebt, weil es viele strittige Punkte zwischen den Kirchen ausklammert und weil sie um ein mehrfaches kürzer ist, als die üblichen kirchlichen Bekenntnisse. Die Bekenntnisse, auf die sich die großen Kirchen verpflichten, sind also viel detaillierter. Und wenn eigens der Glaube an die „Inspiration“ der Schrift angeführt wird: Die Bekenntnisse der Großkirchen geben genauso Wahrheiten vor und die Rheinische Kirche – um nur ein beliebiges Beispiel zu nennen – gibt gleich zu Anfang ihrer Verfassung an, dass sie auf der Grundlage der Bibel steht und die Bibel im Verfassungsrang den anderen Bekenntnissen, hier dem Kleinen Katechismus von Luther und dem Heidelberger Katechismus, vorausgeht.

„Das bedeutet: die Bibel kann zwar interpretiert, aber nicht kritisiert werden. Was in ihr steht, ist Gesetz.“ / Titel: „Wenn die Bibel zum Gesetz wird“.

Das ist Unsinn. Als die Evangelische Allianz als älteste ökumenische Bewegung der Welt 1846 in London gegründet wurde, stand im Bekenntnis noch zusätzlich, dass jeder Christ das Recht und die Pflicht hat, die Bibel selbst auszulegen. Die Evangelikalen sind vor allem eine Laien- und Bibelbewegung, in der jeder, nicht nur Theologen, die Bibel diskutieren und dazu Stellung nehmen darf, ja soll. Nur so ist die enorme Bandbreite an theologischen Auffassungen unter Evangelikalen zu erklären, die sich übrigens auch unter den Lehrern der Bekenntnisschulen findet. Was aber für den einen Interpretation ist, ist für den anderen schon Kritik. Den Vorwurf, dass die Bibel an sich in ihrer Rolle nicht angetastet wird, kann man dagegen allen Kirchen, auch den „großen“ machen. Denn obwohl jeder einzelne Vers umstritten zu sein scheint, halten die evangelischen Kirchen daran fest, dass die Bibel ihre Grundlage ist und allein wahres Zeugnis von Jesus Christus ablegt, und lehrt die katholische Kirche weiterhin, dass die Bibel das inspirierte Wort Gottes ist, auch wenn das kirchliche Lehramt stärker als in den anderen Kirchen betont wird.

„Was in ihr steht …“ Diese Formulierung erweckt den Eindruck, als gäbe es eine einigermaßen von der Mehrheit der Evangelikalen akzeptierte Meinung, was denn die Bibel sagt beziehungsweise, was über das rein Berichtende hinaus auch heute dogmatisch oder ethisch verbindlich ist. Es gibt aber zum Beispiel kein evangelikales Buch, das wenigstens von der Mehrheit der Evangelikalen als gute Zusammenfassung dessen gelten würde, was ‚in der Bibel steht‘. Das kann ich als Vorsitzender der Theologischen Kommission der Weltweiten Evangelischen Allianz für die internationale Bewegung ebenso feststellen, wie es sich in den hier besprochenen Schulen schon von Lehrer zu Lehrer und von Schule zu Schule zeigt. Jede Schule hat hier ihre eigene Ausprägung – eine verbindliche Vorgabe gibt es nicht.

Dann fällt das Wort „Gesetz“. So, wie es dasteht, klingt es wie ein Anklang an die Scharia oder das mittelalterliche Kirchenrecht. Nun sind erhebliche Teile der Bibel bereits nicht als ‚Gesetz‘ formuliert. Wie kann die Lebensgeschichte Josephs ‚Gesetz‘ sein? Dann ist es zentraler Bestandteil der Heiligen Schrift, dass das ‚Gesetz‘ nicht rettet und niemand das ‚Gesetz‘ erfüllen kann, weswegen Gnade, Vergebung, gegenseitige Hilfe Markenzeichen des Christentums sind. Und schließlich ist es in der evangelischen Theologie sehr umstritten, ob es in neutestamentlicher Zeit überhaupt noch ein ‚Gesetz‘ für Christen gibt und wenn ja, welche biblischen Gebote denn überhaupt darunter fallen. Alle hierbei vertretenen Positionen gibt es auch unter Evangelikalen. Unter den Evangelikalen dürfte die Auffassung, dass das Neuen Testament von der Gnade bestimmt ist und keine Entsprechung zum alttestamentlichen Gesetz mehr kennt, die Mehrheitsauffassung sein.

Schäfer reduziert die spannungsreiche theologische Diskussion über die Frage, welche ethischen Gebote denn heute noch verbindlich sind, die auch die Bandbreite an Auffassungen unter Evangelikalen widerspiegelt, auf ein simples Wort „Gesetz“, was emotional beim Leser negative Konnotationen auslöst, aber mit dem Alltag der Schulen nichts zu tun hat.

Nun gibt es auch unter Evangelikalen – wie unter allen Christen, ja allen Menschen – Machtmenschen, die gerne religiöse Argumente gebrauchen, damit man ihnen Recht gibt oder die für Gehorsam bessere Noten vergeben als für Widerspruch und selbstständiges Denken. Jede Schule tut gut daran, solche Fälle aufzuarbeiten. Aber dass das theologisches System habe und es an Bekenntnisschulen nur solche Lehrer gäbe (und an anderen Schulen nicht), entspricht – bis zum Beweis des Gegenteils durch eine gediegene Untersuchung – nicht der konkreten Erfahrung.

Denn das muss man hinzufügen: Über die Schulordnung hinaus kann und wird kein Schüler an Bekenntnisschulen gezwungen, irgendwelche „Gesetze“ einzuhalten. Wenn überhaupt solche ethischen Fragen anstehen, dann werden sie an die Eltern übermittelt, die – so lehrt die Erfahrung – sehr unterschiedlich damit umgehen.

Ich habe gerade bei der Abiturfeier einer solchen Schule gesprochen. Etwa die Hälfte der Schüler waren engagierte Christen, die andere Hälfte nicht. Von den Elternhäusern war darauf ebenso wenig zu schließen, wie von ihrem Äußeren. Ich habe einige der Abiturienten befragt, ob sie sich gezwungen gefühlt hätten, bestimmte christliche Werte zu leben – und sei es nur zum Schein. Konkrete Beispiele belegten das Gegenteil. Auch dort, wo eine Schule bestimmte sexualethische christliche Werte darstellt, leben die Schüler so, wie sie es für richtig halten und bekommen bei Abweichung keine schlechteren Noten …

„Also bringt er seinen Zehntklässlern die Evolutionstheorie zwar zunächst so bei, wie sie in den Schulbüchern steht, konfrontiert sie dann aber mit der Weltanschauung des ‚Intelligent Design‘“

„‚Die Schüler wissen, dass ich persönlich den Argumenten der Evolutionstheorie nicht folge. Das zu behaupten, wäre geheuchelt, und das möchte ich nicht. Trotzdem bringe ich den Schülern alles so bei, wie es der Lehrplan vorsieht‘, betont Lehrer Martens.“

Ich finde es sehr erfreulich, dass Frau Schäfer den Schulen ohne Wenn und Aber zugesteht, dass sie den Lehrplan erfüllen und das einschließt, dass alle Schüler die Evolutionstheorie so kennenlernen, wie jeder andere deutsche Schüler auch. Wo immer die Schulaufsicht das überprüft hat, hat sich das bestätigt. Im Übrigen liegen die Bekenntnisschulen beim Abitur, auch beim naturwissenschaftlichen Abitur im Notendurchschnitt immer weit vorne, was ja gar nicht ginge, wenn die Schüler in diesen Themen nicht firm wären.

Frau Schäfer beschreibt sehr korrekt und richtig – und dafür sei ihr ausdrücklich gedankt –, dass es immer um die Frage geht, zusätzlich einen anderen Standpunkt darzustellen. (Ich lasse einmal ganz außen vor, dass das oft im Religionsunterricht geschieht, für den ja sowieso etwas andere Spielregeln gelten.) Welcher Standpunkt das im Einzelnen ist, ist dann ja von Schule zu Schule und von Lehrer zu Lehrer wieder unterschiedlich, da die Bandbreite von ‚Kreationismus‘ über ‚Schöpfungsforschung‘ und ‚Intelligent Design‘ hin zur ‚theistischen Evolution‘ ja enorm ist und es irgendeine einzige anerkannte Version von Kritik der Evolutionstheorie, geschweige denn eine die Wahrheit vorgebende Instanz dafür, unter den Evangelikalen nicht gibt.

In ihrem Artikel beschreibt Frau Schäfer beispielsweise die Position des zitierten Lehrers wie folgt: „Diese Lehre besagt, dass hinter der Entstehung der Welt ein intelligenter Schöpfer stecken müsse, der genetische Informationen in jedes Lebewesen lege und bewusst deren Evolution steuere.“ Ja, was ist denn daran so aufregend? Das wäre ja noch nicht einmal ‚Kreationismus‘, sondern einfach die theistische Evolution, die sich fast automatisch aufdrängt, wenn man glaubt, dass es Gott gibt!?

Am häufigsten wird in den diskutierten Schulen das Lehrbuch von Junker und Scherer „Entstehung des Lebens“ benutzt. Das Lehrbuch selbst diskutiert viele Schwächen der Evolutionstheorie, versucht zudem, zwischen der Evolutionsbiologie als naturgesetzlich zu belegenden Vorkommnissen und der Evolutionstheorie als Weltanschauung zu unterscheiden, schreibt aber sehr deutlich gleich zu Beginn, dass es eine wissenschaftlich verantwortbare positive Alternative zur Evolutionstheorie derzeit nicht gibt, sondern lediglich Rückfragen und Einwände im Detail. Bescheidener kann man doch gar nicht auftreten! Und dass Schüler höherer Klassen nicht in der Lage wären, daraufhin ihre eigene Entscheidung zu fällen, glaube ich nicht.

Zudem muss man sich die zeitliche Komponente vor Augen führen. Um den Lehrplan zu erfüllen, muss zeitlich der größte Teil des Unterrichts dafür aufgewandt werden. Zusätzliche Themen, Anfragen und Diskussionen bilden zeitlich gesehen immer nur eine Minderheit, erst recht, wenn man gar keine umfassende Alternative darstellen kann, weil es sie nicht gibt.

„Man versuche, bei jedem Thema christliche Inhalte in den Unterricht einzustreuen.“

Das Einstreuen der eigenen Weltanschauung gilt doch nicht nur für christliche Privatschulen und nicht nur für christliche Lehrer. In meiner eigenen Schulzeit wussten wir von jedem Lehrer, wo er weltanschaulich stand und neben dem Lehrplan vertraten die Lehrer ständig auch ihre eigenen Standpunkte. Meine Kinder können mir von jedem Lehrer sagen, wofür er sich engagiert, was er vertritt und welche Positionen er erbittert verteidigt. Von fast allen wissen sie, welche Partei sie wählen oder was sie von Religion oder bestimmten Religionen halten. Der neutrale Lehrer ist doch ein Chimäre und ich weiß noch nicht einmal, ob es gut für den Schüler ist, wenn der Lehrer ihm seinen weltanschaulichen Standpunkt verheimlicht und so tut, als wäre alles, was er sagt, neutrales, unantastbares Wissen und nicht persönliche Meinung. Wenn aber Lehrer ihre Weltanschauung zusätzlich zum Lehrstoff einfließen lassen, stehen alle Weltanschauungen und Religionen in unserem Land auf einer Stufe. Christliche dürfen dann nicht automatisch als anrüchig gelten.

„Als Kulturnation, deren Wirtschaftskraft zudem maßgeblich von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen abhänge, könne es sich Deutschland nicht leisten, ‚den kreationistischen Hokuspokus hinzunehmen‘.“

1. Da musste ich doch schmunzeln. Von den wenigen Schulen hängt also die Zukunft der Wirtschaftskraft Deutschlands ab? Und das Auf und Ab unserer Wirtschaft der letzten Jahre und Jahrzehnte erklärt sich daraus, wie stark jeweils der ‚Kreationismus‘ gelehrt wurde? Deutschland ‚leistet‘ sich viel schwerwiegendere Probleme im Bildungssystem, die enorme wirtschaftliche Folgen haben – die Privatschulen gleich welcher Richtung gehören bestimmt nicht dazu.

2. Die evangelischen Bekenntnisschulen liegen in den naturwissenschaftlichen Fächern im Abiturdurchschnitt weit vorne. Sie haben etliche Preisträger bei ‚Jugend forscht‘ und anderen Wettbewerben hervorgebracht. Viele Abiturienten dieser Schulen haben naturwissenschaftliche Berufe ergriffen, jedenfalls sicher nicht weniger, als an staatlichen Schulen, und einige haben es sehr weit gebracht. Eltern wählen Privatschulen und auch die hier diskutierten Privatschulen bekanntlich gerne, weil sie davon ausgehen, dass der Bildungsstand ihrer Kinder dort am Ende besser ist. Das genau lehrt auch die Erfahrung. (Ich kenne die Diskussion zur Genüge, dass das vermutlich eher an der sozialen Selektion von Privatschulen liegt, als an der Zusammensetzung der sozialen Position der Elternhäuser, das ändert für die Entscheidung der Eltern allerdings gar nichts.)

3. Der Anteil der Schüler an evangelischen Bekenntnisschulen ist viel zu klein, als dass er den hohen Prozentsatz unter den Deutschen erklären kann, die die Welt für eine Schöpfung halten und die Evolutionstheorie ablehnen. Wieso ist der Anteil unter Katholiken so hoch, die doch selten auf eine evangelikale Privatschule gehen? Kutschera hat selbst Untersuchungen durchgeführt und entsetzt veröffentlicht, nach denen ein erstaunlich hoher Prozentsatz von naturwissenschaftlichen Studierenden und Lehramtsstudierenden an einen Schöpfer glauben oder die Grundlagen der Evolutionstheorie nicht kennen. Vermutlich war keiner von ihnen auf einer Bekenntnisschule.

4. Wer es wirklich ernst meint, müsste erst einmal untersuchen, was Abgänger von Bekenntnisschulen zum Beispiel 10 Jahre später glauben. Bekanntlich gibt es ja einen Unterschied zwischen dem, was die Schule lehrt und was der ehemalige Schüler später vertritt. Unsere Lehrer waren seinerzeit fast ausnahmslos CDU-Wähler und haben das propagiert. Mein Abiturjahrgang hat sich trotzdem so auf alle Parteien verteilt, wie es unserer Alterskohorte entsprach.

5. Jemand, der die Evolutionstheorie gut kennt und gleichzeitig noch ihre Schwächen diskutiert, wird nach menschlicher Erfahrung ein aufgeschlossenerer Forscher als jemand, der Naturwissenschaft quasi als Wahrheit vermittelt bekommt. Ich hätte mir gewünscht, dass in meinem naturwissenschaftlichen Unterricht viel mehr problematisiert worden wäre. Immerhin ist vieles meines naturwissenschaftlichen Abiturwissens heute längst obsolet und ich hätte mir gewünscht, die enorme Bandbreite der naturwissenschaftlichen Meinungen kennenzulernen, ja der ständige Fluss von Ergebnissen und die Tatsache, wie schnell wissenschaftliche Revolutionen (nach Thomas Kuhn) alles verändern können, wären alle in der Schule offen und ehrlich thematisiert worden.

„Leonie … sagt, ihre Lehrer seien nett und hätten immer ein offenes Ohr für sie. Und sie glaubt, dass Gott die Welt geschaffen hat. So wie ihre Lehrer.“

Das ist doch ein echtes Kompliment am Ende des Artikels und doch keine Selbstverständlichkeit! Nur haben die beiden Dinge nicht automatisch etwas miteinander zu tun – nett und offen sein und an den Schöpfer zu glauben. Aber immerhin wird diese Schule für diese Schülerin ihrem Anspruch gerecht, dass sich der Glaube nicht vor allem in Richtigkeiten beweist, sondern im konkreten Umgang von Menschen miteinander und der Nächstenliebe. Und es ist genau dieser Umgang miteinander, der viele Eltern, die ihre Kinder auf christliche Schulen schicken, motiviert. Diese Nächstenliebe braucht unsere Bildungslandschaft heute dringender als alles andere.

„Christian Identity“ in den USA – antichristliche Rassisten!

Die „Christian-Identity“-Bewegung hat mit einer christlichen Kirche oder christlicher Dogmatik nichts zu tun, weswegen man oft auch einfach nur von „Identity“ spricht. Sie gehören wie der Ku Klux Klan zu den rassistischen Bewegungen in den USA, die alle nicht reinrassig „Weißen“ aus den USA vertreiben wollen. Sie hat heute in den USA etwa 50.000 Anhänger in ungezählten, sich widersprechenden und bekämpfenden Gruppen.[1] Hier soll es mir nicht um Argumente gegen Rassismus allgemein gehen, wie ich es in meinem Buch „Rassismus“ (jetzt auch auf Englisch „Racism“) getan habe, auch nicht darum, dass diese Bewegung praktisch alle Lehrinhalte des Christentum leugnet oder ignoriert, sondern um die spezielle Herkunft aus der Gruppen der christlichen Sondergruppen der Britisch-Israel-Bewegung, der allein die Bezeichnung „Christian“ zu verdanken hat.

Ursprünglich war die Britisch-Israel-Bewegung im 19. Jahrhundert in Großbritannien prosemitisch, sah sie doch in den Briten Nachfahren der verlorenen 10 Stämme Israels. Ende der 1870er wurde sie in den USA auf alle Angelsachsen ausgeweitet.

Erst in den 1920er Jahren entwickelte sich ein Teil dieser Bewegung in die antisemitische Richtung, vor allem im Umfeld des Ku Klux Klan, namentlich durch Reuben H. Sawyer. Jetzt waren die Angelsachsen und zunehmend überhaupt die weiße Rasse bzw. die Arier (= westliche Christen) die wahren Nachfahren aller Juden, die heutigen Juden dagegen Nachfahren der Khasaren und damit Slawen. Aber erst in den 1970er und 80er Jahren wurde die Bewegung voll ausgebildet.

Heute glauben die meisten Anhänger der Bewegung, dass 1. die Arier bzw. Kaukasier die Nachkommen von Adam und Eva bzw. der alttestamentlichen Juden sind; 2. Jesus weißer Arier war; 3. die Nichtarier anderer Abstammung sind, so etwa präadamitische Rassen darstellen, wobei dann Kain nur Halbbruder von Abel war, also nicht Adam zum Vater hatte; 4. die Juden Präadamiten sind oder direkt von Satan gezeugt wurden und die Nachfahren der Khasaren darstellen; 5. Armageddon als letzter Kampf zwischen Ariern und Nichtariern kurz bevorsteht.

Michael Barkun hat besonders herausgestellt, dass die Vertreter der „Britisch-Israel-Theorie“ und der „Christian Identity“-Bewegung in Großbritannien und den USA die Khasarenthese zum Bestandteil ihrer Überzeugungen machten, weil ja die christlichen, vor allem angelsächsischen Völker Nachfahren der 10 verlorenen Stämme Israels sein sollen, es ihnen also entgegen kam, wenn die Juden keine Nachfahren der biblischen Juden waren.[2] In den 1960er Jahren – so Barkun – war für die „Christian Identity“-Gruppen das Ganze zu einem festen Glaubensartikel geworden.

Barkun[3] sieht den Durchbruch der Khasarenthese in den 1920er Jahren in verschiedenen Artikeln in Zeitschriften der „Christian Identity“-Bewegung, so im ‘The Dearborn Independent’ von 1923 and 1925 und in einem Artikel des Rassisten L. Lothrop Stoddard von 1926, in dem er vertrat, dass die Juden eine Mischung zahlreicher Völker seien, unter denen die Khasaren den Hauptanteil hätten.[4] Im selben Jahr 1926 erhob der Chef des Ku Klux Klan Hiram W. Evans[5] die Khasarenthese in einem Nebensatz in den Rang eines selbstverständlichen Bestandteils aller antisemitistischen und rassistischen Gruppen.[6]


[1] Ich fasse hier zusammen „Christian Identity“. S. 50–53 in: Jeffrey Kaplan (Hg.). Encyclopedia of White Power. Walnut Creek (CA): Altamira Press, 2000; Colin Kidd. The Forging of Races: Race and Scripture in the Protestant Atlantic World , 1600–2000. Cambridge: Cambridge University. Press, 2006. S. 203–226; Richard J. Abanes. „Christian Identity“. S. 312–315 in: Encyclopedia of Race and Racism. Bd. 3. Detroit: Thomason Gale, 2008; vgl. auch weiter Michael Barkun. Religion and the Racist Right. a. a. O.

[2] Michael Barkun. Religion and the Racist Right: The Origins of the Christian Identity Movement. North Carolina: The University of North Carolina Press, 1997. S. 137–139, siehe insgesamt S. 121–147.

[3] Michael Barkun. Religion and the Racist Right. a. a. O. S. 137–138.

[4] Lothrop Stoddard. „The Pedigree of Judah“. Forum 75 (1926): 324–331.

[5] Hiram W. Evans. „The Clan’s Fight for Americanism“. North Merican Review 1926 (Mrz–Mai): 33–63.

[6] So Robert Singermann. „’The Jew as Racial Alien’: The Genetic Component of American Anti-Semitism“. S. 103–128 in: David A. Gerber (Hg.). Anti-Semitism in American History. Urbana (IL); Univ. of Illinois Press, 1986. S. 188 und auch Richard J. Abanes. „Christian Identity”. a. a. O. S. 313.

5. Auflage meiner Ethik ist erschienen

Januar 3, 2012 by Schirrmacher · 1 Kommentar 

Die 5. Auflage meiner 8-bändigen Ethik ist bereits 2011 erschienen, leider nur als Nachdruck mit kleineren Korrekturen. Die Übernahme des Vorsitzes der Theologischen Kommission der Weltweiten Evangelischen Allianz hat mein Projekt der Erarbeitung einer stark aktualisierten und teils neuen Ethik hinausgeschoben. Für Besitzer der 3. Auflage und der 4. Auflage lohnt sich der Kauf der 5. Auflage nicht, wesentliche Änderungen gab es zwischen der 3. und der 4. Auflage in vier Lektionen. Ich erlaube mir deswegen, meinen Kommentar zur Veröffentlichung der 4. Auflage aus der Einleitung hier zu wiederholen (http://www.thomasschirrmacher.info/archives/1207):

Auch wenn ich an einer grundsätzlichen Neuausgabe meiner Ethik arbeite, die neue Themen und Literatur und auch einige veränderte exegetische oder theologische Einsichten enthalten wird, dafür auch manches Bisherige auslassen wird, erschien es mir doch gut, aufgrund aktueller Entwicklungen eine Zwischenauflage mit Korrekturen in vier Lektionen zu veröffentlichen. Die vier Lektionen sind so bearbeitet, dass sie grundsätzlich die gleiche Länge haben und sich die Seitenzahlen der unbearbeiteten Lektionen nicht verschieben, so dass die 3. und 4. Auflage im Unterricht problemlos nebeneinander verwendet werden können. Gleiche und ähnliche Abschnitte verschieben sich innerhalb der bearbeiteten Lektionen höchstens um bis zu drei Seiten. Das ist im neuen Kursbuch und neuen Register bereits berücksichtigt. Es handelt sich um folgende Lektionen: 40 „Mann und Frau“ in Band 4; 47 „Homosexualität“ in Band 4; 48 „Erziehung und Vorbild“ in Band 5; 62 „Zur Todesstrafe“ in Band 6.

Thomas Schirrmacher. Ethik

  • Band 1: Das Gesetz der Liebe (Gott, Glaube, Ethik)
  • Band 2: Das Gesetz der Liebe (Der Bund zwischen Gott und Mensch)
  • Band 3: Das Gesetz der Freiheit (Die Differenzierung von Gottes Willen)
  • Band 4: Das Gesetz der Freiheit (Das AT im NT, Sexualethik)
  • Band 5: Gottes Ordnungen (Erziehung, Wirtschaft, Kirche)
  • Band 6: Gottes Ordnungen (Staat, Recht)
  • Band 7: Kursbuch
  • Band 8: Register

Verlage: VTR, Nürnberg & Reformatorischer Verlag, Hamburg, 5. Auflage, 2011. 2830 S. ISBN: 978-3-933372-55-0 (VTR), 978-3-928936-51-4 (RVB), Paperback. 148,00 Eur [D] UVP / 152,20 Eur [A] UVP / 198,00 CHF UV

Thomas Schirrmacher