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Gemeinsame Länder für die Gebetssonntage der EKD und der Evangelischen Allianz
Februar 27, 2012 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar
In einer Pressemeldung der EKD heißt es : „Wie in den vergangenen Jahren, so empfiehlt die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) auch 2012 allen evangelischen Kirchengemeinden, am zweiten Sonntag der Passionszeit (Reminiszere, in diesem Jahr am 4. März) für bedrängte und verfolgte Christen in der Welt zu beten. Ein Materialheft, das jetzt in Hannover veröffentlicht wurde, stellt den Gemeinden Informationen über die Lage von christlichen Minderheiten und liturgische Bausteine zur Verfügung. Ein Schwerpunkt der Fürbitte liegt in diesem Jahr auf den Ländern des Maghreb – Tunesien, Marokko und Algerien.“ (Fortsetzung hier). Das ausgezeichnete Materialheft (hier) wurde übrigens in Zusammenarbeit mit dem Evangelischen Missionswerk in Hamburg, der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen und anderer Partner erstellt.
Bemerkenswert ist die ökumenische Dimension, die die Sonntage für bedrängte und verfolgte Christen angenommen hat. So haben sich die EKD und die Deutsche Evangelische Allianz (Materialheft hier) auf dieselben Länder für November 2011 und März 2012 geeinigt, nämlich den Maghreb.
Zudem verweist das Materialheft der EKD auf S. 14 an erster Stelle für weiterführende Informationen auf die entsprechende der Initiative der Deutschen Bischofskonferenz (hier) und auf die der Deutschen Evangelischen Allianz (hier).
Entsprechend hatte es schon die Deutsche Evangelische Allianz gehandhabt und auf das Material der EKD und der Deutschen Bischofskonferenz verwiesen. Ich gebe einmal die entsprechende Passage aus meinem Vorwort wieder (im Materialheft S. 2-3):
„Ein Wort zur Kooperation
Dieses Jahr wurde der Schwerpunkt Maghreb gemeinsam mit den entsprechenden Initiativen der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz ausgewählt, um deutlich zu machen, dass wir zwar unterschiedliche liturgische Termine, aber ein gemeinsames Anliegen haben.
Die Evangelische Allianz folgt seit vielen Jahren einem internationalen Termin der Weltweiten Evangelischen Allianz, der in über 100 Ländern gilt. In der Evangelischen Allianz geht es uns darum, dass möglichst ein ganzer Gottesdienst oder gar die Gemeindeveranstaltungen einer ganzen Woche den verfolgten Christen gewidmet wird.
Die Evangelische Kirche in Deutschland hat inzwischen das Thema erfreulicherweise ebenfalls in den liturgischen Kalender für den Sonntag Reminiszere in der Passionszeit (2012: 4. März) aufgenommen und erstellt dafür ein kleines Heft mit Fürbitten und liturgischen Anregungen. Hier geht es darum, im liturgischen Teil des Gottesdienstes für die bedrängten und verfolgten Christen einzutreten.
Die Deutsche Bischofskonferenz der Katholischen Kirche empfiehlt für den Stephanustag am 26. Dezember ein Fürbitteformular und veröffentlicht jährlich ein Heft, das sich einem betroffenen Land widmet.
Unser Material kann natürlich von landeskirchlichen Gemeinden auch am Sonntag Reminiszere verwendet werden.“ (Es folgen die Links zu den anderen Initiativen.)
Und noch einmal: Hassgesellschaft in den Internetforen
Februar 20, 2012 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar
Vor 2,5 Jahren habe ich bereits einmal über die „Hassgesellschaft“ geschrieben, wie sie sich immer stärker in den Internetforen manifestiert (hier).
Sibylle Berg hatte am 1.11.2011 das Thema ebenfalls in Spiegel Online unter dem Titel „Man fängt an, die Menschen zu verachten“ aufgegriffen und die massenhaften anonymen „Pöbeleien“ und „Hasskommentatoren“ verurteilt. Bezeichnend für den Vorgang ist, wieviel Hass, Häme und Schmutz sich in der Diskussion im Forum darunter findet, und ich nehme einmal an, dass die Redaktion sowieso die übelsten Beitrage gar nicht erst akzeptiert hat.
Sibylle Berg erweckt in ihrem beachtenswerten Kommentar den Eindruck, als würde sich dieser Hass nur gegen Minderheiten und Andersartige wenden. Das gibt es natürlich auch und ist zu verurteilen, auch wenn heute jeder ungewollt schnell zum Mitglied einer neudefinierten Minderheit werden kann. Aber ein Spaziergang durch das Web, Internetforen und Blogkommentare eines einzigen Tages zeigt etwas Anderes. Es trifft die Volksparteien ebenso wie die Kirchen, die Arbeiter ebenso wie die Arbeitgeber, ja es scheint gar nicht mehr darum zu gehen, wer oder was der andere ist, sondern nur darum, ihn als dumm, überflüssig, mitleiderregend oder hasswürdig hinzustellen.
Wenn ich mich freundlich auf Webforen oder Blogkommentaren melde, die beruflich mit meinen Büchern zu tun haben, also etwa auf Freierseiten („Menschenhandel“), rassistischen Seiten („Rassismus“), muslimische Seiten („Feindbild Islam“), atheistische Seiten, LHBT-Seiten, Ökoseiten, schallt mir oft schon Hass von Forenteilnehmern entgegen, bevor ich überhaupt eine Position vertreten habe. Die Vorwürfe hageln nur so. Irgendetwas aus meiner Biografie, mein Auch-Theologesein, mein Verheiratetsein, mein Männlich-Sein, meine akademischen Titel, meine Mitgliedschaft hier und dort – irgendetwas findet sich immer, aus dem abzuleiten ist, warum ich in dieser Welt nichts verloren habe. Wenn ich dann weiterlese, „tröstet“ mich immerhin, dass die Forenteilnehmer und Kommentardiskutanten oft untereinander auch mit einem Ton umgehen, an dem gemessen Pöbeleien auf der Straße harmlos erscheinen. Oft machen sich hier Minderheiten gegenseitig den Garaus. Dass darf nicht übersehen lassen, dass es Minderheiten oft besonders trifft. Aber dass der Internethass nur von solchen ausginge, die traditionell bestimmte Minderheiten hassen, ist leider nicht wahr. Millionen lassen hier ihrer Wut auf alles und jedes ihren Lauf. Man kann das gesetzlich nicht verbieten und unterdrücken, aber entsetzt sein darüber darf man sehr wohl.
„Internetpornografie – Verbreitung und psychologische Folgen“ (Gastvorlesung in Paderborn)
Februar 13, 2012 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar
Anonyme kirchliche Seelsorgeangebote im Web gefragt
Am 13.10.2010 hielt ich im völlig zugenschneiten Paderborn eine Gastvorlesung an der Theologischen Fakultät der Universität Paderborn zum Thema „Internetpornografie – Verbreitung und psychologische Folgen“ (Meldung im katholischen Bereich siehe hier und hier).
Da Domradio Köln die Audioversion auszugsweise ein Jahr später erneut ins Web gestellt hat (hier, vollständige Fassung hier), ist es in Blogs auch erneut zu Diskussionen gekommen. Aus diesem Anlass stelle ich sowohl meine 4-seitige Kurzfassung als auch die für den Druck vorgesehene längere Fassung zur Verfügung.
Meine letzte These betrifft besonders die kirchliche Seelsorge und sei hier stellvertretend abgedruckt:
11. These: Internetpornografieabhängige brauchen aufgrund der Besonderheit des Internets auch besondere Wege der Hilfe, Beratung und Begleitung. Dies sollte auch Thema der kirchlichen Seelsorge werden, etwa weil sich exzessive Internetpornografienutzung zu einem häufigen Mitgrund bei Scheidungen entwickelt.
In den USA hat sich die Kurzformel „Triple-A“ eingebürgert, um die Gründe für die Beliebtheit von Internetsex zu beschreiben: 1. accesibility, 2. affordability, 3. anonymity: 1. leichte Zugänglichkeit, 2. billig, 3. anonym. Deswegen sollte auch die Hilfe für Betroffene im Internet ebenso angeboten werden: zugänglich, kostenlos und anonym.
Downloads:
Gewaltpornografie kehrt alle Errungenschaften der Gleichberechtigung um
Februar 10, 2012 by Schirrmacher · 1 Kommentar
Unsere Gesellschaft weigert sich, die Schattenseite der alle Bereiche des Alltags und des Webs durchdringenden Pornografisierung anzusprechen
Am 17.10.2011 diskutierte ich in der 17. Folge von Eins gegen Eins in Sat.1 mit der Porno-Rapperin Lady Bitch Ray, der Clubbetreiberin Dominique und dem Sexualwissenschaftler Prof. Jakob Pastötter unter der Moderation von Claus Strunz das Thema „Porno als Massenphänomen – macht das unsere Gesellschaft kaputt?“ (Auszüge hier, hier und hier). Die Sendung hatte die bisher höchste Einschaltquote der Serie mit 6,4% der Zuschauer (Belege hier und hier). Heute habe ich mir die Zeit genommen, einmal die breite Diskussion in zahlreichen Blogs genauer anzuschauen. Deswegen möchte ich im Nachhinein meinen eigenen Haupteindruck wiedergeben und mein Plädoyer schriftlich niederlegen.
Am meisten schockierte mich, dass, wenn immer ich von Vergewaltigungsvideos im Web sprach, ausgerechnet zwei Frauen die Sache völlig verharmlosten. Das sei doch wie im Krimi. Da sehe man auch, dass Menschen getötet werden, und wisse doch, dass das nur ein Film sei. Aber gut wäre sicher, wenn die Frauen am Anfang des Films sagen würden, dass sie das freiwillig täten und gerne so behandelt würden. Hier wird doch Vergewaltigung bis zum geht nicht mehr verharmlost. Die Millionen von Männern, die „rape sex“ bei Google eingeben, wollen doch nicht Kunst sehen und denken auch nicht die ganze Zeit daran, dass das nur eine Aufnahme ist (und woher weiß man, ob es wirklich nur eine Aufnahme und nicht Realität ist?), sondern sich schlicht und einfach an der völligen Macht und brutalen Gewalt über Frauen berauschen. Die Frage müsste doch eher sein: Wie um alles in der Welt kann brutale Gewalt gegen Frauen nur erregen? Und sind die vermeintlich zunehmenden Vergewaltigungsfantasien von Frauen wirklich so harmlos und werden nur filmisch umgesetzt oder sind sie nicht selbst schon wieder Folge der ‚Normalisierung‘ und Gewöhnung durch Internetpornografie?
Hier nun mein Schlussplädoyer, zu dessen Zusammenfassung am Stück es leider am Ende der Sendung nicht mehr gekommen ist:
1. Unsere Gesellschaft weigert sich, die Schattenseite der alle Bereiche des Alltags und des Webs durchdringenden Pornografisierung anzusprechen. An die Stelle des alten Tabus ist das Tabu getreten, über die zu sprechen, die einen negativen Preis bezahlen, Süchtige, Mädchen, die sich nicht mehr annehmen können, bis hin zu Opfern der Zwangsprostitution. Wer sich hier engagiert, wird als Feind des Spaßes oder als verlängerter Arm des Papstes gesehen, dabei kommen die Warnungen längst nicht mehr von Priestern, sondern von Fachleuten und Therapeuten. Wir brauchen eine neue offene Diskussion und einen gesellschaftlichen Konsens, wo wir denn alle gemeinsam eine Grenze ziehen wollen. Bei Kinderpornografie ist das gelungen, wieso sollte das bei anderen Formen der Pornografie nicht auch gelingen? Denn die Entwicklung wird wie in den letzten Jahrzehnten zu immer härteren und allerlei Verbrechen darstellenden Darstellungen fortschreiten.
2. Die Darstellung von Gewaltpornografie gegen Frauen kehrt alle Errungenschaften der Gleichberechtigung um. Frauen werden zum würdelosen Objekt, ihr „Nein“ zum Vorspiel. Doch die feministische Bewegung hat weiterhin Recht: Bei Vergewaltigung und ihrer Darstellung geht es nicht um Sex, sondern um Gewalt und Beherrschen. Dagegen brauchen wir einen gesamtgesellschaftlichen Konsens, vor allem auch, dass wir dieses würdelose Frauenbild nicht Kindern und Jugendlich hochemotional einbrennen wollen.



Prof. Dr. theol. Dr. phil. Thomas Schirrmacher (geb. 1960) ist Sprecher für Menschenrechte und Vorsitzender der Theologischen Kommission der Weltweiten Evangelischen Allianz, die weltweit etwa 600 Mio. evangelische Christen vertritt und Direktor von deren 2006 gegründeten Internationalen Instituts für Religionsfreiheit (Bonn, Kapstadt, Colombo)