Thomas Schirrmacher
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Mali – Tragik einer islamischen Demokratie

In mehreren kleineren und größeren Veröffentlichungen und häufig in meinen Vorträgen habe ich Mali als Beispiel für eine funktionierende Demokratie in einem islamischen Land angeführt, zugleich auch als Beispiel für funktionierende Religionsfreiheit – ein eigentlich selbstverständlicher Bestandteil von Demokratie (z. B. bei der Bundeszentrale für politische Bildung hier; Im IIRF-Bulletin: Nr. 2 (2012), S. 7, hier).

Die 5% Christen und 5% oder mehr Angehörigen von Stammesreligionen (‚Animisten’) genossen trotz einer muslimischen Mehrheit von 90% Freiheit der Religionsausübung. Und das in Nachbarschaft zu Mauretainien und Algerien. Ein Foto aus besseren Zeiten zeigt mich mit der Botschafterin von Mali, die mir die Ehrennadel für meine Ausführungen in einer Gastvorlesung zur rechtlichen Lage christlicher Minderheiten weltweit an der juristischen Fakultät der Universität Münster im Jahr 2009 verleiht (Foto in gross hier).

Gleich doppelt fällt das freie Mali Islamisten zum Opfer – wohlgemerkt nicht der muslimische Bevölkerungsmehrheit, die die Demokratie weiter will und dafür in Massen auf der Straße demonstriert, sondern einer fundamentalistischen Minderheit und dem verheerenden Einfluss des Wahhabismus und anderer Strömungen aus der arabischen Welt. Die Rebellen im Norden sind daran eben so schuld wie die Militärputschisten in der Hauptstadt. Dass im Norden, etwa in den Städten Timbuktu und Gao, gleich Kirchen zerstört, Pastoren bedroht und Christen vertrieben wurden, ist da so zwangsläufig wie dramatisch traurig.

Denn was für eine Tragik, dass die am besten funktionierende Demokratie in einem Land mit großer muslimischer Bevölkerungsmehrheit der Gewalt ihrer Gegner zum Opfer fällt! Gegen die geballte fundamentalistische Gewaltbereitschaft und Gewalt kann sich aber auf Dauer nur ein starker Staat durchsetzen, der bereit ist, sein demokratisch legitimiertes Gewaltmonopol konsequent gegen die Gegner der Demokratie einzusetzen, in Afrika wie in Europa.

Encyclopedia of Christian Civilization erschienen – Liste meiner Beiträge

Nach langem Hin und Her ist nun endlich die vierbändige ‚Encyclopedia of Christian Civilization’  erschienen (Druckfassung hier, Onlinefassung hier):

George Thomas Kurian (Hg.). Encyclopedia of Christian Civilization. 4 Bände. zus. 2800 S. Chicester: Wiley-Blackwell. ISBN 978-1-4051-5762-9, e-Version: ISBN 978-04706-7060-6

Dies sind meine Beiträge:

  • „Austrian Christianity”, S. 173–176
  • „Bucer, Martin”, S. 319–321
  • „Bullinger, Heinrich”, S. 327–328
  • „Children in Christianity”, S. 444–446
  • „Contraception and Family Planing”, S. 601–602
  • „Counter–Reformation”, 616–617
  • „Czech Christianity”, S. 661–663
  • „Diaconate”, 689–690
  • „Environmental Crisis”, S. 834–836
  • „German Christianity”, S. 1010–1016
  • „Great Commission”, S. 1057–1058
  • „Indian and Pakistani Christianity”, S. 1191–1995
  • „Indonesian Christianity”, S. 1197–1199
  • „Indulgences”, S. 1200–1201
  • „Infallibility”, S. 1202–1203
  • „Mar Thoma Church”, S. 1420–1422
  • „Papacy”, S. 1756–1759
  • „Persecution (Modern Times)”, 1801–1804
  • „Reformed Churches”, 1948–1953
  • „Swiss Christianity”, S. 2291–2294
  • „Trent, Council of”, S. 2403–2405
  • „Zwingli, Ulrich”, S. 2561

Glauben alle Monotheisten an denselben Gott? (Teil 2)

Wahrheit in Person bedeutet Erlösung und Kraft zur Veränderung

Wenn Jesus sagt, „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater, als nur durch mich“ (Joh 14,6), geht es ihm eben 1. um eine tatsächliche gelebte Beziehung zu Gott, nämlich den „Weg“ (der in der Sprache des AT und NT für das zeitlich fortschreitende Leben steht), 2. um das „Leben“ (was in derselben Sprache für die Fülle des gelingenden Lebens und das ewige Leben in Gemeinschaft mit Gott steht) und 3. um die Wahrheit, dass der wahre Gott „Vater“ ist und nur als Vater Jesu Christi, der durch Jesus auch unser Vater wird, recht zu verstehen ist. Wie sehr sich Jesus dabei an alttestamentliches Reden anschließt, zeigt etwa Ps 86,11: „Weise mir, HErr, deinen Weg, dass ich wandle in deiner Wahrheit; erhalte mein Herz bei dem einen, dass ich deinen Namen fürchte.“

Noch etwas anderes sei betont, was es nämlich bedeutet, dass Jesus Christus die Wahrheit ist, nicht wir. Nicht an der Beziehung zu uns entscheidet sich das Schicksal anderer Menschen, sondern an der Beziehung zu Gott. Nicht vor uns haben sich Menschen zu verantworten, sondern vor Gott. Nicht wir können und dürfen ein abschließendes Urteil über andere Menschen fällen, sondern nur Gott allein, der es in Kenntnis aller Fakten, ohne Ansehen der Person und gerecht fällen wird. Deswegen schränkt Paulus in Bezug auf sich selbst trotz seiner beeideten Verteidigung ein: „Ich bin mir zwar nichts bewußt, aber darin bin ich nicht gerechtfertigt; der Herr ist’s aber, der mich richtet. Darum richtet nicht vor der Zeit, bis der Herr kommt, der auch ans Licht bringen wird, was im Finstern verborgen ist, und wird das Trachten der Herzen offenbar machen“ (1Kor 4,4–5).

Jesus kennt nicht nur die Wahrheit und verkündigt nicht nur die Wahrheit, sondern er ist zuallererst als der sich erniedrigt habende Gott die Wahrheit in Person. So heißt es in 1Joh 5,20: „Wir wissen aber, dass der Sohn Gottes gekommen ist und uns den Sinn dafür gegeben hat, dass wir den Wahrhaftigen erkennen. Und wir sind in dem Wahrhaftigen, in seinem Sohn Jesus Christus. Dieser ist der wahrhaftige Gott und das ewige Leben“ (vgl. V.6). Es ist diese Frage, in der der Wahrheitsanspruch des christlichen Glaubens tatsächlich am stärksten mit dem anderer Relgionen und Weltanschauungen auseinanderfällt.

„Leise ist hier noch der Nachklang dessen zu spüren, was Wahrheit in der hebräischen Sprache bedeutet: die absolute Zuverlässigkeit im Reden und Handeln, im Denken und Planen, im Sein schlechthin, eine Zuverlässigkeit, die nur Gott erweisen kann, eine Treue, zu der der Mensch zwar bestimmt ist, die er aber nicht halten kann.“ [Ron Kubsch. „Die Sache mit der Wahrheit“. Glauben und Denken heute 2 (2009) 2: 3–4]

Eine ‚Glaubenswahrheit’ ist sicher etwas anderes als eine objektive Richtigkeit. Eine mathematische Gleichung kann man etwa für richtig oder falsch halten, ohne davon persönlich betroffen zu sein, und ohne sein Leben danach ausrichten zu müssen. Gleichzeitig muss aber eine Glaubenswahrheit dennoch wahr und zuverlässig sein, dass heißt der, zu dem wir durch sie in Beziehung stehen, darf uns nicht hinters Licht führen und es geht immer die Wirklichkeit unseres Lebens.

Die berühmten Anfangsworte von Rom 1,16–17: „Denn ich schäme mich des Evange­liums nicht, denn es ist Gottes Kraft zur Rettung jedem Glaubenden …“, bedeuten, dass es beim Evange­lium nicht um hochtrabende Philoso­phien, um Tips für ein schöneres Le­ben, um moralische Ratschläge oder um beschauli­che Gedanken geht, sondern um eine konkrete Rechts-, Macht- und Kraftfrage. „Denn das Reich Got­tes be­steht nicht in Worten, sondern in Kraft!“ (1Kor 4,20); „Denn unser Evangelium erging an euch nicht im Wort allein, son­dern auch in Kraft und im Heiligen Geist und in großer Gewißheit“ (1Thess 1,5).

Alles andere als das Verkündigen dieser im wahr­sten Sinne des Wortes todernsten Machtfrage wäre eine Vernied­lichung und Ver­harmlosung der Probleme des Menschen! So kann nur „Gottes Kraft“ (oder „Gottes Macht“; griech. ‘dynamis’, davon ‘Dynamit’) „Heil“ (oder „Rettung“) schaf­fen. Die Einschätzung des Wahrheitsgehaltes anderer Religionen in Röm 1,18ff wird von Paulus gerade von Rom 1,16–17 her bestimmt.

Thomas Schirrmacher