Thomas Schirrmacher
ArchivÄgypten

Thesen zum Studientag zu Insiderbewegungen in der islamischen Welt (10.1.2013)

Hermeneutisch und dogmatisch geht es aus meiner Erfahrung in der Weltweiten Evangelischen Allianz (WEA) um zwei Kernfragen:

  1. Christologie und Soteriologie:
    Was heißt, „an Jesus glauben“? Genügt es, eine „Beziehung“ zu ihm zu haben, die wir definieren und die offen lässt, wer Jesus eigentlich ist? Oder gibt es einen Grundbestand an Dingen, die man Jesus verdanken muss? Gibt es einen Grundbestand an Lehrinhalten, die man für wahr halten muss, damit man überhaupt eine Beziehung zu dem richtigen Jesus hat und nicht nur zu etwas, das man ‚Jesus‘ nennt? (Beispiel: Eine C5-Gruppe kann eigentlich nicht für andere erkennbar Jesus anbeten, ohne aufzufallen.)
  2. Christologie/Soteriologie und Ekklesiologie
    Kann man an Jesus und sein Heil glauben, ohne dass sich der Leib Christi als Gemeinde – in welcher Form auch immer – materialisiert? Und wenn ja, was sind unverzichtbare Grundbedingungen und Kennzeichen einer solchen sichtbaren Gemeinde? (Beispiel: Kann eine C5-Gruppe das Abendmahl feiern, ohne zur C4-Gruppe zu werden, weil sie den muslimischen Nachbarn auffällt.) Dabei spielt auch eine Frage eine wesentliche Rolle, die immer wichtig ist, wo es starke Verfolgung gibt: Inwieweit kann man privat und ohne anderen aufzufallen Christ sein und inwieweit ist der gemeinschaftliche Aspekt des Glaubens und der Gemeinde Jesu unabdingbar?
  3. Schließlich stellt sich eine weitere Frage, die immer wieder aufkommt: Kann ”C5” auch eine Missionsstrategie im orthodoxen/arabischen Islam sein oder ist nicht aufgrund der Eigenart dieses Islam und muslimischer Gemeinschaften das Ziel, für die Umwelt weiter als Muslime zu gelten, mit missionarischen Zielsetzungen unvereinbar? Das heißt: Muss nicht im orthodox islamischen bzw. arabischen Umfeld scheitern, was etwa im Hinduismus durchaus denkbar ist, aber eben auch im Sufismus, im Volksislam, im indonesischen oder chinesischen Islam, bei bestimmten nicht orthodox-islamischen Völkern wie den Drusen, oder in Gebieten Afrikas mit zahlenmäßig starker Vermengung von Islam, Christentum und Animismus?

Wer versucht, Insiderbewegungen zu verstehen und einzuordnen, sollte sich von überschäumend positiven Kategorien (etwa: ‚Missionsstrategie der Zukunft‘, ‚wichtiger als die Reformation‘, ‚Beginn eines neuen Zeitalters der Kirchengeschichte‘) oder ebensolchen negativen Kategorien (etwa: ‚Zeichen der allerletzten Zeit‘, ‚Selbstaufgabe des Christentums‘, ‚neue Angriffsstrategie des Islam‘) fernhalten. Solche Urteile können bestenfalls am Ende eines langen Prozesses des Beobachtens stehen und greifen oft vorweg, was man eigentlich erste Jahrzehnte später im Rückblick sagen kann. Davon, dass es ‚die‘ Insiderbewegung sowieso nicht gibt, sondern eigentlich jedes Phänomen einzeln betrachtet werden müsste, und uns zudem noch gar nicht genügend Informationen und Erfahrungen vorliegen, einmal gar nicht zu sprechen.

In Beirut

In Beirut

Will man aber dennoch solche Kategorien verwenden, sollte man zunächst seine hermeneutischen, dogmatischen und sonstigen Vorentscheidungen offenlegen, andernfalls drohen fruchtlose Stellvertreterdiskussionen, weil die Meinungsverschiedenheiten nicht erst in der Bewertung der Insiderbewegungen liegen, sondern bereits davor.

Kategorisierungen wie die C1-C6-Einteilung, vom Erfinder selbst längst als wenig hilfreich widerrufen, sind tatsächlich wenig hilfreich. Bei beschriebenen Insiderbewegungen verteilen sich die Anhänger oder Flügel oft über mehrere Kategorien (etwa C3 bis C6). Die Bewegungen wandern auch mit der Zeit durch die Kategorien und neigen, wie alle jungen Bewegungen, zu einer allmählichen Institutionalisierung und Lehrbildung. Zudem sind die Definitionen so luftig, dass sie oft ganz unterschiedlich verstanden werden und Gesprächsteilnehmer fröhlich aneinander vorbei reden. Beschreibt man eine Bewegung und lässt dann unterschiedliche Fachleute eine Klassifizierung vornehmen, erhält man oft unterschiedliche Einstufungen.

Werden neue Ideen und Bewegungen vorab prophetisch zum Sieger und Modell der Zukunft erklärt, behindert sie das meist mehr, als es ihnen nützt. Man kann dann auch nicht mehr sagen, man wolle sie sich selbst entwickeln lassen.

Zudem kann man viele Missionsmethoden nicht „machen“. Es ist beispielsweise unbestritten, dass derzeit viele Muslime durch Träume zum Glauben kommen. Nur kann man das eben nicht als Missionsmethode propagieren (auch wenn das einige tun), sondern man kann es nur beobachten, davon lernen und sich freuen. Ähnlich besteht ein großer Unterschied, ob man das spontane Entstehen von Bewegungen in der islamischen Welt erfreut feststellt, oder ob man meint, sie erfassen, planen und herbeiführen zu können und dann diese – gewissermaßen ‚künstlich‘ als Kopie geplanten – Bewegungen dieselbe Wirkung haben müssten.

Hier diagnostiziere ich vor allem auch starke kulturelle Unterschiede zwischen der US-amerikanischen Art, neue Konzepte als völlig neu und sicher bald sehr erfolgreich zu vermarkten („how to make elephants bigger und better“) – die natürlich durch die starke Abhängigkeit mancher evangelikaler Gruppen von amerikanischen Vorbildern dann weltweit zu finden ist – und der Vorgehensweise anderer Kulturen mit ihren eigenen Stärken und Schwächen (wie etwa der deutschen, der arabischen oder der türkischen), die die Diskussion sehr erschweren. (Die Entwicklung in der Türkei ist hier das beste Beispiel.)

Wir müssten unser Symposium gar nicht abhalten, wenn die Thematik nicht vermarktet und zur dogmatischen Entscheidungsfrage gemacht würde. Wir dürfen aber neue Bewegungen nicht vor unseren Karren spannen und sie dabei so beschreiben, wie wir es gerne hätten oder wie es unseren Thesen nützt. Dort, wo ich selbst Gelegenheit hatte, Bewegungen kennenzulernen, die andere vorher dargestellt hatten, fand ich meist zumindest in Teilen etwas Anderes vor und die Darstellung erwies sich als tendenziös (wie sicher dann meine Erfahrung auch). Viele Darstellungen lassen mehr über den Autor erkennen als über seinen Gegenstand – ein in der Kulturforschung natürlich sattsam bekanntes Phänomen. Dort weiß man auch, dass man jedes Volk, das man erforscht und beschreibt, dadurch zugleich verändert.

Kryptochristen hat es immer schon in großer Zahl gegeben und wird es immer geben, vor allem unter Verfolgungsdruck. Dabei entwickeln sich verschiedene Strategien, um in einer dem christlichen Glauben feindlichen Umgebung zu überleben. Ob man das begrüßt oder nicht, es ist einfach erst einmal Fakt. Wie man diese Strategien dogmatisch oder ethisch beurteilt, steht auf einem ganz anderen Blatt und sollte vor allem von Christen, die selbst nicht verfolgt werden, sehr behutsam betrieben werden.

Für die Religionssoziologie ist es selbstverständlich, dass es zwischen den beiden größten Weltreligionen (Christentum und Islam) ein großes Grau- und Übergangsfeld mit allen möglichen Übergängen gibt. Auch hier ist zwischen der Erhebung dessen, was ist (und in irgendeiner Form immer sein wird), und der Propagierung oder Bekämpfung bestimmter Methoden deutlich zu unterscheiden.

Man muss „Synkretismus“ zwischen Christentum und Islam von anderen Arten des Synkretismus mit dem Christentum unterscheiden, da es einerseits im Islam keinen materialisierten Götzendienst gibt, andererseits die Abgrenzung des Islam nach außen viel schärfer als bei anderen Religionen ist, so dass ‚Kreuzungen‘ beider Religionen viel schneller auffallen als etwa Überschneidungen mit dem Hinduismus.

Die evangelikale Bewegung hat in ihrer Geschichte häufig faszinierende, merkwürdige, zu stark personenorientierte oder sektiererische Bewegungen auf Dauer integriert (oft nach dem Ausscheiden des Gründers) und in ihrem dogmatischen Kernbestand einem gemeinsamen Kernkonsens – etwa in der Soteriologie – zugeführt. Hier muss man zwischen der momentan vorzunehmenden dogmatischen Abgrenzung und der langfristigen missionarischen Gelassenheit einen ausgewogenen Weg finden.

Wir müssen alle Christen in der islamischen Welt ernst nehmen, von C1 bis C6, und nicht vorschnell ‚Gummipunkte‘ verteilen. In der Weltweiten Evangelischen Allianz haben alle ihren Platz. Wir können von Untergrundchristen im Iran ebenso lernen, wie von der koptisch-evangelischen Kirche in Ägypten. Entscheiden wir, welche der christlichen Richtungen in der islamischen Welt die guten sind? Und entscheiden wir das nur nach Erfolg? Und was ist „Erfolg“? Viele alteingesessene Kirchen in der islamischen Welt haben jahrhundertelang in der islamischen Welt überlebt. Ist das wirklich eine geringere ‚Leistung‘ als aktuelle Missionserfolge? Zudem erleben etliche von ihnen ebenso Aufbrüche, gewissermaßen Insiderbewegungen in den alten Kirchen.

Deswegen müssen gerade in der islamischen Welt neue Missionsmethoden nicht so propagiert werden, dass sie Christen, die über Jahrzehnte Mut bewiesen haben, vor den Kopf stoßen oder gar für das geringe Wachstum der Gemeinden verantwortlich machen. Kontextualisierung ist in der Mission eine Selbstverständlichkeit, sie kann aber immer viele verschiedene Formen annehmen und darf nicht dogmatisch verengt werden. Es gibt in keiner Kultur nur die eine, wahre Kontextualiiserung oder Inkulturation, sondern sie kann auf verschiedenen Wegen geschehen.

Die Missionsgeschichte ist vielfältiger als wir oft meinen. Man tue bitte nicht so, als ob frühere Generationen nur stur den einzelnen retten wollten und gegenüber Kontextualisierung immun waren. Mir fällt auf, dass an der Diskussion um die Insiderbewegungen kaum missionshistorisch versierte bzw. interessierte Personen beteiligt sind, die sich gut mit der Geschichte des Islam, der Kirchen in der islamischen Welt und der missionarischen Unternehmungen in der islamischen Welt auskennen. Es hat immer wieder Zeiten oder Gegenden gegeben, in denen in der islamischen Welt Aufbrüche, manchmal sogar große Aufbrüche zu verzeichnen waren. Daran waren Gemeinden/Bewegungen aller Kategorien von C1 bis C4 beteiligt. (Indonesien und Ägypten sind hier gute Beispiele).

Die Einigkeit der weltweiten Missionsbewegung und der Weltweiten Evangelischen Allianz ist ein hohes Gut. Die Evangelische Allianz wurde 1846 (ebenso wie später die Ökumenische Bewegung) gegründet, weil die Spaltung der Christenheit als eines der größten Hindernisse für Evangelisation und Weltmission gesehen wurde. Wer für Weltmission ist, sollte in Fragen der Missionsstrategie keine Debatten mit hohem Spaltungspotential lostreten oder bedienen, sondern bei aller Suche nach den besten Wegen deutlich machen, dass wir den Missionsauftrag alle gemeinsam haben und nur erfüllen können, wenn wir uns gemeinsam dem Herrn der Mission unterstellen.

Bei Fragen der Kontextualisierung muss zwischen Kontextualisierung als Missionsstrategie (die oft von außerhalb beginnt) und der langfristigen Kontextualisierung (die nur die einheimischen Christen selbst leisten können) unterschieden werden. Nicht jede Anpassung an den Zuhörer in der Anfangsphase muss dauerhaft auch für die entstandene Gemeinde gelten. Die Gemeinde aber braucht auf Dauer eine Kontextualisierung auch der Theologie und ihrer Sprache. So muss die Dreieinigkeitslehre auf Dauer direkt aus der Schrift in die Kultur formuliert und verkündigt werden, wenn sie denn wirklich auf die Schrift gründet, und kann nicht immer den Umweg über die Theologiegeschichte nehmen müssen, in der man nacheinander Griechisch, Latein, Deutsch und Englisch können muss. Diese Kontextualisierung der biblischen Theologie sollte in großer Gemeinsamkeit geschehen und nicht grüppchenweise und wir sollten zu einer solchen Einigkeit der Christen in der islamischen Welt beitragen und diese nicht durch Import westlicher Konzepte noch weiter aufspalten.

Interviewantworten im ZDF

März 30, 2013 by thomas · 2 Kommentare 

Das ZDF hat hier drei Auszüge aus meinen Interview in der Dokumentation „Gefährlicher Glaube: 2000 Jahre Christenverfolgung“ (Karfreitag, 29.3.2013, 19:30) wiedergegeben – ich versuche, die Abschrift des Rests zu bekommen. Unter derselben Webadresse findet sich auch die Doku in voller Länge.

ZDF:

„Professor Dr. Thomas Schirrmacher ist Religionssoziologe und macht sich für Religionsfreiheit stark. Seine Einschätzungen zum Thema:

‚Es ist ein Phänomen in der Weltgeschichte, dass verfolgte Minderheiten, wenn sie dann selber zur Macht gekommen sind, das was sie vorher erlitten haben, wieder anderen tun. Und ob eine religiöse Gruppe wirklich für Religionsfreiheit ist, das kann man eigentlich immer erst sagen, wenn sie in einem Land die Mehrheit stellt, und man dann die Frage stellt, wie geht ihr eigentlich mit anderen um.‘

Märtyrer auch im Christentum:
‚Das Märtyrertum als etwas Besonderes anzusehen ist, das ist gerade in den Kirchen im Nahen und Mittleren Osten, den alten historischen Kirchen noch sehr, sehr präsent. Historisch, indem die Märtyrer oft als Heilige verehrt werden, aber auch gegenwärtig. Das heißt, auch Menschen, die heute als Christen sterben, werden immer noch als Märtyrer bezeichnet und gelten eben als etwas ganz, ganz Besonderes.‘

Libanon gutes Beispiel für Zusammenleben der Religionen:
‚Der Libanon ist ein sehr schönes Beispiel dafür, dass die Bevölkerung selber vor Ort wirklich daran interessiert ist, mit unterschiedlichsten Religionen – das Christentum ist hier ja sehr weit aufgefächert, auch den Islam gibt es in vielen Varianten – friedlich zusammenleben zu wollen und die Wirtschaft, das Bildungssystem gemeinsam aufbauen zu wollen.‘“

Arabellion – die Chance auf Religionsfreiheit

Oktober 13, 2011 by Schirrmacher · 2 Kommentare 

Macht die arabische Welt zu einer freien und geliebten Heimat für Millionen von Christen

Hier vorab mein Vorwort für das in Kürze erscheinende Jahrbuch „Märtyrer 2011“:

In den meisten arabischsprachigen Ländern ist ein erfreulicher Prozess in Gang gekommen, der oft kurz „Arabellion“ genannt wird. Die Zivilgesellschaft steht gegen Diktaturen und fehlende Rechtsstaatlichkeit auf und Bürger fordern Freiheit, Gleichheit und demokratische Strukturen. Dabei kommt es auch zu einer erfreulichen Zusammenarbeit von Muslimen, Christen und Menschen mit anderen Religionen und Weltanschauungen.

Kurz nach dem 40jährigen Jubiläum des Mauerbaus haben wir als Deutsche deutlich vor Augen, wie Millionen friedliche Bürger die Diktatur im Osten unseres Landes zu Fall brachten – und damit auch Religionsfreiheit wieder dort einkehrte. Ähnliches vollzog sich in vielen osteuropäischen Ländern, nur waren nicht alle so glücklich wie wir Deutschen, dass alles ohne Gewalt abging, da sich in Ländern wie Ungarn und Rumänien die Machthaber gewaltsam wehrten.

Die Geschichte und die Lage in den einzelnen arabischsprachigen Ländern ist viel zu verschieden, von ganz unterschiedlichen Forderungen geprägt, und unterschiedlich mit der Gewaltfrage verknüpft – von reiner Gewaltausübung der noch Herrschenden bis hin zu Krieg und Bürgerkrieg –, als dass es von außen her möglich ist, eine abschließende Beurteilung vorzunehmen oder im Detail Empfehlungen auszusprechen, geschweige denn zu erahnen, wie die Zukunft aussehen wird. In den meisten Ländern ist selbst bei Durchführung von Wahlen völlig offen, wer morgen regieren wird und ob die Lage sich für die Menschen wesentlich verbessern wird oder gar schlimmer wird.

Ich will an dieser Stelle nur an zwei Dinge erinnern:

Demokratie darf nicht einfach mit Wahlen verwechselt werden. Das muss gerade uns Deutschen bewusst sein, da die Machtergreifung Hitlers 1933 scheinbar durch Wahlen legitimiert war. Deswegen macht das Grundgesetz als deutsche Verfassung unmissverständlich deutlich: Demokratie ist zuallererst die Gewährung der Menschenrechte für alle gleichberechtigten Bürger, wie sie in den ersten Artikeln festgeschrieben sind und wie sie selbst der Deutsche Bundestag nicht aufheben kann (sogenannte „Ewigkeitsklausel“). Die Demokratie im Sinne der Wahl des Deutschen Bundestages ist dabei das beste denkbare Mittel, um diese Freiheit, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit dauerhaft zu gewährleisten und die Möglichkeit zu haben, Regierungen, die das nicht tun, ohne Blutvergießen durch Abwählen loszuwerden. Wo immer aber eine gewählte Regierung die Menschenrechte massiv mit Füßen tritt, handelt es sich nicht um eine Demokratie.

Also: Freiheit, Gleichheit, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit sind das Ziel, demokratische Strukturen sind das Mittel. Wahlen sind kein Selbstzweck, sondern Ausdruck freier Bürger, die allen gleichberechtigt Zugang zur Gesellschaft bieten wollen.

Es kann keine echte Freiheit und keine Menschenrechte ohne Meinungs-, Gewissens- und Religionsfreiheit geben. Wie bei der Pressefreiheit, die nicht bedeutet, dass jemand nur privat seine Texte oder Meinung sagen darf, sondern sie eben öffentlich verbreiten darf, also etwa drucken oder senden darf, machen auch Meinungs-, Gewissens- und Religionsfreiheit, wenn sie nur auf den privaten Bereich oder nur auf innerreligiöse Feiern bezogen werden, wenig Sinn.

Es hat jedoch den Anschein, als wenn nur wenige der Akteure der Arabellion überhaupt verstehen, dass die fehlende Religionsfreiheit in allen arabischsprachigen Ländern – wenn auch graduell unterschiedlich – eines der deutlichsten Kennzeichen der fehlenden Freiheit ist und diese fehlende Religionsfreiheit auf das engste und untrennbar mit vielen anderen Problemen verknüpft war und ist. Und es scheint vielen nicht bewusst zu sein, dass sich Religionsfreiheit nicht einfach von selbst einstellt, sondern einen bewussten Willen aller Beteiligten und den Willen der großen Masse der Bürger, andere in Frieden anders sein zu lassen, voraussetzt.

Nun leiden nicht nur Christen unter der fehlenden Religionsfreiheit und selbstverständlich fordern wir die Religionsfreiheit für alle Religionen, seien es unterdrückte islamische Richtungen, seien es aus dem Islam heraus entstandene Richtungen wie die Aleviten oder die Bahai, seien es alteingesessene Religionen wie Juden oder Yeziden, seien es neue religiöse Gruppen.

Aber das Schicksal der Christen ist von besonderer Bedeutung, da es alle arabischen Länder gleichermaßen – wenn auch in unterschiedliche Quanität – betrifft, ihre Zahl in der Region seit langem rapide abnimmt, und es sich hier überwiegend um autochthone Gruppen handelt, die lange vor der Ankunft des Islam in der Region heimisch waren und die kaum woanders heimisch werden können. So hat etwa die Kultur der Kopten in Ägypten seit der sehr frühen Christianisierung Ägyptens im 1. und 2. Jahrhundert n. Chr. viele Elemente der alten ägyptischen Kultur weiter tradiert, die im islamisch-arabischen Umfeld verloren gegangen sind.

Außerdem ist die Entchristlichung der arabischen Welt wohl die derzeit quantitativ schwerwiegendste Verletzung der Religionsfreiheit (und auch die schwerwiegendste Vertreibung bedrohter Ethnien) weltweit, die bereits seit hundert Jahren im Gange ist, in den letzten Jahren aber einen dramatischen Höhepunkt erfährt. Während die meisten arabischen Landstriche bereits frei von Juden sind, zeichnet sich für die viel zahlreicheren Christen der Region eine ähnliche Entwicklung ab.

Die Arabellion könnte die Möglichkeit schaffen, dass die verbliebenen Millionen von Christen in den arabischsprachigen Ländern endlich völlig gleichberechtigt werden und so weder vertrieben werden, noch ein Interesse haben, vor der ständigen Diskriminierung und Schikanierung in Länder der westlichen Welt auszuwandern. Sie könnte sogar Christen in der arabischsprachigen Welt eine solche freie Heimat bieten, dass sich viele der ausgewanderten arabischsprachigen Christen entschließen, in ihre Heimatländer zurückzukehren.

Es ist aber nüchtern darauf hinz weisen, dass die Arabellion nicht automatisch dazu führt, dass religiöse Minderheiten besser behandelt werden. Das hängt damit zusammen, dass die meisten der Diktatoren oder Herrscher, die beginnend mit Saddam Hussein zurücktreten mussten, viel weniger religiös bestimmt waren, als die Bevölkerung oder kommende, gewählte Parteien und Regierungen. Etliche der Diktatoren stammen gar noch aus der Zeit des panarabischen Sozialismus, der zur Zeit der Kalten Krieges die arabische Seele beflügelte. Sie schenkten zwar religiösen Minderheiten und vor allem alteingesessenen christlichen Kirchen keine wirkliche Freiheit, aber schirmten sie doch oft gegen islamistische Tendenzen ganz oder teilweise ab und nutzten zwar religiöse Gefühle zu ihren Gunsten, waren aber nicht selbst davon beflügelt, islamische Staaten aufzubauen. So erging es Christen unter Saddam Hussein offensichtlich besser als im heutigen Irak, den Christen in Ägypten unter Mubarak besser als derzeit. Denn während viele Christen sich für eine kommende ägyptische Demokratie stark machen, unternimmt die gegenwärtige Übergangsregierung oft noch weniger, um islamistische Gewalt gegen Kirchen einzudämmen, als Mubarak. De facto werden heute in Ägypten mehr Kirchen angezündet, mehr Christen getötet, mehr christliche Mädchen entführt und mit Muslimen zwangsverheiratet, als in früheren Jahren.

Es ist deutlich zu machen, dass es ein Irrtum islamischer Länder ist, dass zu große Religionsfreiheit Unruhe und Gewalt im Land hervorbringt. Brian Grim und Roger Finke haben in ihrer jüngsten internationalen Studie „The Price of Freedom Denied“ (Cambridge: Cambridge University Press, 2010) belegt, dass Länder ohne Religionsfreiheit im Schnitt viel mehr Unruhe und Gewalt innerhalb des Landes generieren oder auch in andere Ländern exportieren, als solche mit Religionsfreiheit. Der Zwang zu einer einheitlichen Religion schafft nicht Frieden und Ruhe im Land, sondern sorgt für ständige Spannungen der Mehrheitsbevölkerung zu ethnischen, sozialen oder religiösen Minderheiten. Wo immer Religionsfreiheit eingeführt wird, nehmen insbesondere gewalttätige Spannungen unter solchen Gruppen ab.

Praktisch alle arabischsprachigen Länder haben alle einschlägigen Menschenrechtsvereinbarungen der Vereinten Nationen unterzeichnet. Alle Staaten der Erde haben sie daran zu erinnern, gleich ob die Länder gleichzeitig in ihrer Verfassung oder über die Islamische Erklärung für Menschenrechte einen Schariavorbehalt formuliert haben. Die Arabische Charta von 2004 bestätigt erneut die Gültigkeit der Allgemeinen Erklärung für Menschenrechte und des Internationalen Paktes für Bürgerliche und Politische Freiheiten der UN. Bürger aller arabischsprachigen Länder haben also rechtlich bereits alle Freiheiten, die wir hier anmahnen. Sie werden ihnen nur oft gegen Recht und Gesetz nicht gewährt.

So könnte ein Forderungskatalog aussehen – die Veranstalter des Kongresses zur Christenverfolgung in Schwäbisch-Gmünd Ende Oktober 2011 werden bald eine breiter erarbeitete Resolution dazu vorlegen:

Wir fordern die Übergangsregierungen und die gegenwärtig aktive Zivilgesellschaft der arabischsprachigen Länder auf, sofern sie an der Umgestaltung ihrer Ländern mitwirken oder mitwirken könnten, die Verwirklichung jedes Details von Artikel 18 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte hinzuwirken, sowohl in einer Verfassung und in neuen Gesetzen, als auch im politischen und gesellschaftlichen Alltag.

Wir fordern andere Staaten – insbesondere die Bundesregierungen von Deutschland, Schweiz und Österreich als die Vertretungen unserer eigenen Staaten – auf, auf jedem nur möglichen ständigen oder außerordentlichen Weg die Staaten und die Akteure der Zivilgesellschaften zu ermutigen, aufzufordern und bei Verstoß deutlich zu kritisieren;

  • dass es Demokratie nur mit Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit geben kann,
  • dass Religionsfreiheit ein integraler Bestandteil davon ist,
  • dass Hilfszusagen für den Wiederaufbau daran geknüpft werden, dass es Gleichberechtigung und Zugang zur Zivilgesellschaft für alle gleichermaßen gibt, auch für Nichtmuslime.

Wir fordern die Organisation der Islamischen Konferenz auf, zu deren 59 Mitgliedsstaaten alle arabischsprachigen Länder gehören:

  • Beenden Sie ihre schriftlich fixierte Politik, sich nur für islamische Minderheiten außerhalb ihrer 59 Mitgliedsstaaten einzusetzen.
  • Gewähren Sie also auch islamischen Minderheiten aller Art in ihren Ländern Religionsfreiheit und üben Sie untereinander Einfluss auf Mitgliedsländer aus, statt so zu tun, als gäbe es Verletzung der Religionsfreiheit nur außerhalb der islamischen Welt.
  • Formulieren Sie erstmals deutlich, dass Sie sich auch für die Freiheit aller religiöser Minderheiten einsetzen, in den 59 Mitgliedsstaaten ebenso wie in allen Ländern der Erde, und nennen sie die größten davon beim Namen, damit diese wissen, dass sie zu deren Schutz da sein wollen.

Wir verpflichten uns selbst:

  • Für alle Menschen in der arabischsprachigen Welt häufig zu beten und ihnen Frieden und Freiheit zu wünschen.
  • Insbesondere dafür zu beten, dass die Christen dort Weisheit und Mut vom Heiligen Geist empfangen, wie sie die Zukunft mitgestalten können und sollen und in ihrem Respekt anderen Menschen gegenüber als Vorbilder wirken.
  • Uns persönlich bekannte Bürger der arabischsprachigen Länder zu ermutigen, in ihren Ländern einen ganz neuen Weg zu wagen, der Rechtstaatlichkeit und Religionsfreiheit für alle einschließt.
  • Unsere Kirchen zu ermutigen oder aufzufordern, auch die Kirchen in arabischsprachigen Ländern besonders zu unterstützen, die nicht im Mittelpunkt der medialen oder kirchlichen Öffentlichkeit stehen.
  • Unsere Kirchen zu ermutigen oder aufzufordern, überhaupt oder weiterhin jeden vorhandenen Kontakt in die arabischsprachigen Länder zu nutzen, um eine auf Menschenrechte gegründete Demokratie mit Religionsfreiheit zu fördern.
  • Diejenigen Politiker zu unterstützen, die sich in dieser Sache besonders engagieren.

Thomas Schirrmacher