Thomas Schirrmacher
ArchivEvangelikale

DIE WELT gegen Gleichsetzung von Salafisten und Evangelikalen

Till-R. Stoldt bestätigt in seinem ausgezeichneten Artikel „Sind Salafisten die ‚Evangelikalen des Islam‘?“ in DIE WELT vieles, was ich zu dem Thema in meinen Blogs vertreten habe.

Sehr schön auch, dass Vertreter evangelischer Landeskirchen die Evangelikalen in Schutz nehmen. So heißt es:

„Nichts davon gilt für die rund 1,5 Millionen evangelikalen Christen hierzulande, wie Gerhard Duncker, der Islambeauftragte der Evangelischen Kirche von Westfalen, nun beteuert. Im Gegenteil. Ohne Abstriche bekennen sich alle evangelikalen Organisationen hierzulande zu Rechtsstaat und Menschenrechten. Und der größte evangelikale Verband, die Evangelische Allianz, rang bereits ‚Mitte des 19. Jahrhunderts um Religionsfreiheit für alle – als die meisten Staaten und Kirchen das Wort noch nicht einmal buchstabieren konnten‘, so gibt der Bonner Allianz-Theologe Thomas Schirrmacher zu bedenken. Evangelikale kämpften und kämpfen also auch für das Recht, sich vom Christentum zu verabschieden. Dagegen fordern salafistische Prediger die Todesstrafe, falls ein Muslim die Religionsfreiheit beansprucht und vom Islam abfällt. Ergibt es Sinn, den Unterschied zwischen Freunden und Feinden der Menschenrechte mit “Die-sind-doch-alle-gleich”-Parolen wegzuwischen?“

Berichte zu Stoltes Artikel:

Papst Franziskus

März 13, 2013 by thomas · 1 Kommentar 

Mit der Entscheidung für einen Nichteuropäer hat die Katholische Kirche unmissverständlich akzeptiert und deutlich gemacht, dass der Schwerpunkt der Weltchristenheit in den Globalen Süden gewandert ist. Waren ein Papst aus Polen und Deutschland immerhin ein Schritt weg von Italien, so geht es nun von Europa dorthin, wo die Masse der Christen lebt.

Erstaunlich ist, dass ein Bischof der Armen gewählt wurde, der als Jesuit eher ein Geheimtip des liberalen Flügels gewesen sein soll und mit seinem Papstnamen sein Armustgelübde zum Programm macht. Ich habe ihn auf der Synode als sehr bescheidenen, demütigen und freundlichen Mann kennengelernt, der öffentliche Verkehrsmittel benutzt und in seiner Heimat weder Chauffeur, noch Palast hatte. Das sind schlechte Zeiten für alle in der Kurie, die unsaubere Finanzgeschäfte duldeten.

Es wird damit zu rechnen sein, dass sich der neue Papst – beispielsweise zusammen mit Kardinal Turkson aus Ghana an der Spitze des Päpstlichen Rates ‘Justitia et Pax’ – viel stärker in soziale Fragen einmischen wird. Die Wahl eines recht alten Mannes, der nur wenig jünger als Kardinal Ratzinger bei seiner Wahl zum Papst ist, macht ihn vermutlich wieder zu einem Mann des Übergangs. Allerdings ist er wesentlich gesünder, als Benedikt XVI. bei seiner Wahl.

Es wurde wohl bewusst ein Papst gewählt, der nie im Vatikan gelebt hat. Das macht ihm die Lösung der anstehenden Probleme der Kurie sowohl leichter, als auch schwerer. Man darf gespannt sein, wen er zum Kardinalstaatssekretär ernennt.

Für die Evangelikalen wird ein Papst aus dem Globalen Süden mehr Verständnis haben, kommen sie doch selbst überwiegend dort her. Andererseits ist das Verhältnis der Evangelikalen und der Katholischen Kirche in Südamerika mancherorts gespannt. Der neue Papst ist hier aber in Argentienien nie als einer in Erscheinung getreten, der über die notwendige theologische Diskussion hinaus Evangelikale bekämpft oder etwa als Sektierer bezeichnete. Das macht Hoffnung auf eine Fortsetzung eines fairen theologischen Gesprächs über Gemeinsamkeiten und Unterschiede.

Interview mit Thomas Schirrmacher zu den Vorwürfen von Pfarrer Wolfgang Beck im Wort zu Sonntag, Evangelikale seien mit Salafisten zu vergleichen

Februar 10, 2013 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar 

Zum Anlass für dieses 2009 gegebene und hier aktualisierte Interview sieh meinen letzten Blogeintrag.

Bonner Querschnitte: Professor Schirrmacher, sind Evangelikale verfassungsfeindlich?

Dafür wird natürlich kein einziger Beleg geliefert. In allen Verfassungsschutzberichten kommt überhaupt keine christliche Gruppe vor und die Evangelikalen haben gerade in jüngster Zeit ihre Unterstützung unserer rechtsstaatlichen Demokratie immer wieder in Veröffentlichungen deutlich gemacht. Wenn ich täglich meine Zeitung aufschlage, finde ich da eine Menge Aktivitäten von Verfassungsfeinden, wo da aber Evangelikale dem auch nur in die Nähe kommen sollen, ist mir schleierhaft. Wenn 400-700 Millionen Evangelikale weltweit Demokratien umstürzen und Menschenrechte beschneiden wollten, würden sie aber etwas häufiger davon in der Zeitung lesen, geschweige denn wenn sie gewalttätig wären.

Wir Evangelikalen leben seit Jahrzehnten in diesem Land mit Millionen Menschen völlig friedlich zusammen und diese Millionen leben friedlich mit uns zusammen. Ich kann alle Politiker und Medienvertreter nur aufrufen: Bitte helfen Sie mit, dass dem so bleibt und kein hasserfülltes Klima gegen uns entsteht.

Aber gibt es nicht Evangelikale, die Problematisches sagen oder verwerflich handeln?

Wo gibt es solche Menschen nicht? Ich erinnere mich an einen Vortrag an der Universität Bonn, wo ein Theologe referierte, wieviele ‚geistig Gestörte‘ es unter Evangelikalen gäbe. Meine Antwort war, dass es die – was immer damit gemeint ist – natürlich gäbe. Die Frage wäre mir, ob er irgendeinen Nachweis dafür hat, dass der Prozentsatz höher als in der Normalbevölkerung oder bei politischen Parteien ist. Evangelikale sind Menschen, und alle Probleme, die es bei Menschen gibt, kommen auch bei ihnen vor. Jedes ernstzunehmende christliche Bekenntnis beinhaltet, dass auch Christen Sünder sind. Wogegen ich mich aber wehre, ist, aus dem, was einzelne Evangelikale tun, hochzurechnen, wie die Evangelikalen sind oder was die offiziellen Vertretungen der Evangelikalen vertreten. Um es einmal überspitzt zu sagen: Es gibt bei uns viele übergewichtige Evangelikale. Das liegt aber nicht daran, dass sie Evangelikale sind, sondern dass sie in Deutschland leben …

Und wie steht es mit den Freiheitsrechten?

Die evangelikale Bewegung ist aus der Antisklavereibewegung in England geboren worden, wo der Evangelikale William Wilberforce die Abschaffung der Sklaverei im 18. Jh. erreichte. Die Evangelische Allianz trat weltweit bereits Mitte des 19. Jh. massiv für Religionsfreiheit für alle ein, als die meisten Staaten (und Kirchen) das Wort noch nicht einmal buchstabieren konnten! Die Weltweite Evangelische Allianz und ihre nationalen Mitglieder und deren viele Kirchen sind heute weltweit Vorreiter für Menschenrechte und gegen Armut – jüngst lobte der Generalsekretär der UNO in einem Festakt die Weltweite Evangelische Allianz dafür. Und der Präsident der USA Barack Obama erwähnte soeben in seiner Rede gegen den Menschenhandel lobend den Einsatz der Evangelikalen.

Würden Sie solche Anwürfe als Christenverfolgung bezeichnen?

Gemach, gemach! Je stärker Evangelikale in den Medien präsent sind und sich sozial und politisch engagieren, desto mehr rühren sich auch ihre Gegner, gerade auch ihre theologischen Gegner. Evangelikale haben aber in unseren freien Gesellschaft und Dank der Pressefreiheit so viele Chancen, sich selbst in den Medien darzustellen, wie nie zuvor. Verantwortliche aller Art holen ihren Rat ein, wie nie zu vor. Alle verfolgten evangelikalen Christen weltweit würden ohne Nachzudenken mit den Evangelikalen in Deutschland tauschen. Immerhin geht es nur darum, dass einzelne Politiker und Theologen ihre private Abneigung gegen uns schriftlich – und manchmal leider steuer-, manchmal gebührenfinanziert – verbreiten, um mehr nicht.

Es sei zudem darauf verwiesen, dass solche Anwürfe überdurchschnittlich häufig von Theologen formuliert werden. Opfer und Täter wären also hier gleichermaßen Christen.

Kurzum, ich glaube, solche Entgleisungen sind nur eine Folge davon, dass es Leute ärgert, dass sich Evangelikale inzwischen auf vielen Feldern unmittelbar in gesellschaftliche Belange einmischen und offensichtlich erfolgreich in der Demokratie mitwirken. Früher war es ein Dauervorwurf an die Evangelikalen, dass sie die Stillen im Lande seien und sich nicht gesellschaftlich engagieren würden. Jetzt tun sie es, da ist es manchen auch nicht recht.

Die entscheidende Frage wird auf Dauer sein, wie gut die Medien in Deutschland recherchieren und ob sie fair berichten, oder ob die Chefredakteure zulassen, dass einzelne Journalisten ihre Abneigung gegen Evangelikale in öffentliche Polemik ummünzen dürfen. Und die Frage wird sein, ob die Medien bereit sind, Originalstimmen von offiziellen Vertretern der Evangelikalen zu präsentieren, oder nur Kommentare oder ‚schräge‘ Stimmen von Außenseitern, die sie als Mainstream darstellen.

Also nichts mit Christenverfolgung?

Natürlich ist es so, dass Verfolgung von religiösen, rassischen und anderen Gruppen immer mit der öffentlichen Verleumdung beginnt. Man unterstellt ihnen Dinge, die sie nie getan haben – und sorgt dafür, dass die öffentliche Meinung sie emotional ablehnt, ohne sich je auf ihre Inhalte und Selbstdarstellung einzulassen. Das ist Diskriminierung einer gesellschaftlichen Minderheit und das nicht wegen dem, was sie konkret tun, sondern wegen ihres Seins und Glaubens.

Evangelikale haben in Deutschland alle Freiheiten und Rechte, zu reagieren, sich zu wehren und darauf zu pochen, dass Evangelikale – wie alle anderen Gruppen in Deutschland – ihre Sicht zunächst selbst darstellen dürfen, bevor dann andere das kommentieren. Zudem haben Evangelikale nicht nur viele Freunde in allen Bereichen der Gesellschaft, sondern es gibt auch eine überwältigende Zahl von Menschen, die solche Verleumdungen ablehnen, auch wenn sie persönlich anders denken.

BQ: Herzlichen Dank für das Interview!

Wer hat schon Angst vor evangelikalen Terroristen? Nachtrag zum Wort zum Sonntag von Pfarrer Beck

Der katholische Pfarrer Wolfgang Beck stellte vor einiegr Zeit im Wort zum Sonntag einige Tausend Salafisten und einige Tausend Piusbrüder mit Millionen von Evangelikalen auf eine Stufe. Wäre dem so, müssten die Evangelikalen rein zahlenmäßig die eigentliche Bedrohung sein.

Der Medienbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Gebhard Fürst, hielt den Einspruch der Evangelikalen dagegen für berechtigt. Er wisse sich vielen evangelikalen Christen auch persönlich verbunden und Beck habe nicht nur evangelikale, sondern auch evangelische Mitchristen irritiert (Quelle: kath.net). Der Medienbeauftragte der EKD, Markus Breuer, nannte gegenüber epd die Gleichsetzung von Evangelikalen und Salafisten „vollkommen inakzeptabel“. In Zeiten, in denen Vatikan, Weltkirchenrat und Weltweite Evangelische Allianz gemeinsame Erklärungen verabschieden, wirken Beck’s Ausführungen schon etwas provinziell.

Aber Beck ist nicht allein. Die Berliner CDU-Politikerin Barbara John, die allerdings nicht mehr auf Wählerstimmen angewiesen ist, schreibt im Tagesspiegel, dass das Kernproblem sei, dass für Evangelikale, Pfingstler, Mormonen und Salafisten der „reine Glaube“ zählt. Wohlgemerkt auch hier: drei Gruppen mit Zigmillionen Anhängern werden nicht etwa mit allen Muslimen gleichgesetzt, sondern mit einer absoluten Minderheit unter Muslimen, den Salafisten. „Aktiv handeln als Staatsbürger und gläubig sein, das kriegen einige nicht auf die Reihe“, bei den Evangelikalen alle Millionen, unter den Muslimen nur einige Tausend. Billige Sektenklischees mischen sich hier mit Sippenhaftung ganzer Gruppen und emotionaler Verunglimpfung als religiöse Gewalttäter. Ich teile den Glauben der Mormonen nicht, aber mit welchen Gewalttaten haben sie in Deutschland solche Verunglimpfungen verdient?

Nun denn, da die Gleichsetzung der Evangelikalen mit Salafisten nur eine Neuauflage der bisherigen gelegentlichen Gleichsetzung von Evangelikalen mit muslimischen Märtyrern oder mit Islamisten ist, erlaube ich mir, im Folgenden einen Kommentar von 2009 und im nächsten Blog ein Interview in den „Bonner Querschnitten“ von 2009 aktualisiert neu vorzulegen.

Wer hat schon Angst vor evangelikalen Terroristen?

Wider die bösartige Gleichsetzung von Evangelikalen und islamistischen Terroristen

Innerhalb von beliebigen drei Tagen fand ich folgende wahllos herausgegriffene Meldungen über Islamisten, die parallel in fast allen großen Medien Deutschlands veröffentlicht wurden:

In der pakistanischen Hauptstadt Islambad hat ein islamistischer Selbstmordattentäter durch einen Bombenanschlag auf das örtliche Hauptquartier des Welternährungsprogrammes vier UN-Angestellte getötet.

Islamisten haben einen Tag lang das Hauptquartier der pakistanischen Armee durch Beschuss und Geißelname lahmgelegt. 30.000 pakistanische Soldaten versuchen nun, gegen Islamisten vorzugehen und die Schande wiedergutzumachen.

Ein einstündiges deutschsprachiges Video einer mit Al-Kaida verbundenen islamistischen Gruppe, in dem mehrere deutsche und deutschsprachige Islamisten Deutschland drohen, zeigt im Hintergrund Bilder aus den Terrorcamps, auf denen sich auffällig viele blonde oder europäisch wirkende Kinder befinden.

Im Jemen kämpft die Regierung einen verzweifelten Kampf gegen das islamistische Netzwerk Al-Kaida, das Jemen zu seiner neuen Hauptzentrale ausbauen will. Obwohl sich hier die Zukunft des islamischen Terrorismus entscheiden könnte, fehlt Jemen die internationale Unterstützung.

In Hamburg wurde eine zehnköpfige islamistische Terrorzelle entdeckt, die im März zur Terrorausbildung in den Hindukusch gereist sind. In Deutschland sollen derzeit rund 80 ausgebildete islamistische Terroristen leben.

155 Beamte durchsuchen in Berlin Wohnungen in einem Schlag gegen eine Gruppe von 15 Islamisten, die im Verdacht stehen, Anschläge gegen Russland zu planen, und die sich absetzen wollten.

Ein Buch über Ehrenmorde im Droste Verlag erscheint in letzter Minute aus Angst vor Racheakten von Islamisten doch nicht.

Das waren nur drei Tage!

Und mit solchen Islamisten werden Evangelikale verglichen? Absurd! Haltlos! Böswillig!

Schon meine friedlichen muslimischen Nachbarn mit solchen Terroristen zu vergleichen, wäre eine Schande, aber friedliche, oft pazifistisch eingestellte Evangelikale?

Evangelikale dürfen mit ihren „Zwangsgebühren“, das heißt staatlich verordneten Gebühren, ARD und ZDF bezahlen, damit die mit konspirativen Mitteln propagieren, was nicht zu beweisen ist, dass Evangelikale eine Art christliche Islamisten sind. Fakt ist: Es gibt keine evangelikalen Terroristen, keine evangelikalen Selbstmordattentäter und kein evangelikales Netzwerk, dass Gewalt plant. Es gibt überhaupt keine Evangelikalen, die planen, irgendetwas durch Tod und Gewalt durchzusetzen. Alles andere ist faktischer Unsinn und Verleumdung.

Wo muss man evangelikale Gemeinden nach Waffen durchsuchen? Wo unterhalten Evangelikale Terrorcamps, überfallen Armeehauptquartiere und liefern sich Gefechte mit 30.000 Soldaten?

Wer hat schon Angst, in ein Urlaubsland zu fahren, weil dort Evangelikale wohnen? Wo sind die Evangelikalen, die andersdenkende Journalisten oder ihre Familien mit Gewalt bedrohen? Warum kommt keine evangelikale Gruppe in irgendeinem Verfassungsschutzbericht vor, weder in Deutschland noch irgendwo weltweit?

Und dazu kommt: Trotz dieser pausenlosen Horrormeldungen über den Islamismus, werden wir – zu Recht – immer wieder daran erinnert, ja erinnern selbst immer wieder daran, dass man Islamisten und friedliche Muslime auseinanderhalten muss. Man überlege einmal, 1,8 Mio. Evangelikale in Deutschland wollten Freiheit mit Gewalt einschränken. Und davon hat noch keiner etwas mit bekommen, wo uns gleichzeitig einige Tausend Islamisten in Atem halten?

Denn im Falle der 600 Millionen Evangelikalen – ich nehme der Einfachheit halber die Zahlen aller Mitgliedskirchen der Weltweiten Evangelischen Allianz – muss man dagegen wohl nicht zwischen Terroristen (wo immer die sein mögen) und zigmillionen friedlichen Anhängern unterscheiden. Da reicht ein negatives Beispiel, um Zigmillionen in Sippenhaft zu nehmen! Selbst wenn es einen einzigen evangelikalen Terroristen geben sollte oder wenigstens einen, der davon träumt, einer zu sein, müsste man ihn klar von den zigmillionen friedlichen Evangelikalen unterscheiden.

Noch eine Frage an ARD und ZDF: Gehört nicht zur Religionsfreiheit auch, dass man vor Verfolgung und Diskriminierung durch Institutionen geschützt ist, die durch staatlich verordnete „Zwangsgebühren“ finanziert werden? Wissen unsere staatlichen Medien eigentlich, dass es keine Verfolgung von Minderheiten gibt, in denen nicht die Medien eine zentrale Rolle spielen und dass heute oft die Medien mehr als andere darüber entscheiden, welche Minderheit als Opfer und welche als aussätzig und selbst dran schuld gilt? Beim ‚Wort zum Sonntag‘ mögen sich ARD und ZDF zurücklehnen und sagen, dass ja die Verantwortung bei den kirchlichen Redaktionen liegt. Aber selbst haben sie es ja oft genug nicht anders gemacht.

Aber ich will auch darauf hinweisen, dass es wieder einmal ein Theologe, ein Pfarrer ist, der hier sein Mütchen kühlt. Auf billige Weise setzt er seine ‚Konkurrenz‘ herab. Wurden die kleineren religiösen Mitbewerber früher als „Sekten“ in die Ecke gestellt, was heute kaum noch zieht, werden sie heute zu Fundamentalisten und gefährlichen Gewalttätern gestempelt.

Statt sich inhaltlich, theologisch und sachlich mit den Evangelikalen auseinanderzusetzen, wie es etwa der Vatikan oder der Ökumenische Rat der Kirchen mit der Weltweiten Evangelischen Allianz tun, stellt er andersdenkende Mitchristen in die Gewaltecke – ohne jeden Beleg.

Wie bewusst dabei vorgegangen wird, zeigt auch seine Formulierung. Er klagt nicht die Muslime an, sondern differenzierend nur die „Salafisten“, also einige Tausend der Muslime. Bei den 400–700 Millionen Evangelikalen weltweit gibt es für ihn nichts zu differenzieren. Sie werden pauschal neben Islamisten gestellt, als würden wir täglich von evangelikalen Bomben und Straßenschlachten lesen. Noch einmal: Wenn wirklich eine Million Evangelikale in Deutschland die Freiheit mit Gewalt einschränken wollten, würde man davon doch etwas mitbekommen, wo uns gleichzeitig einige Tausend Islamisten in Atem halten!

Sind Evangelikale (und Pfingstler und Mormonen und überhaupt alle religiösen Minderheiten) geschichtsvergessen?

Die Berliner CDU-Politikerin Barbara John, die allerdings nicht mehr auf Wählerstimmen angewiesen ist, schreibt im Tagesspiegel, dass das Kernproblem sei, dass für Evangelikale, Pfingstler, Mormonen und Salafisten der „reine Glaube“ zähle und ihnen die Umwelt, in der sie leben, egal sei. Wohlgemerkt: drei Gruppen mit zigmillionen Anhängern werden nicht etwa mit allen Muslimen gleichgesetzt, sondern mit einer absoluten Minderheit unter Muslimen, den Salafisten. „Aktiv handeln als Staatsbürger und gläubig sein, das kriegen einige nicht auf die Reihe“, bei den Evangelikalen alle Millionen, unter den Muslimen nur einige Tausend Salafisten. Billige Sektenklischees mischen sich hier mit Sippenhaftung ganzer Gruppen und emotionaler Verunglimpfung als religiöse Gewalttäter. Ich teile den Glauben der Mormonen nicht, aber mit welchen Gewalttaten haben sie in Deutschland solche Verunglimpfungen verdient?

Was konkret wirft denn John den Minderheiten vor? Sie schreibt,

„… dass sich die Verbindung zwischen Religiosität und Kultur (in diesem Fall der deutschen) aufgelöst hat. Das gilt auch für manche Muslime, die mit ihrer Herkunftssprache und -kultur nichts mehr anfangen können. Was für sie zählt, ist der ‚reine Glaube‘, entlastet vom kulturell-geschichtlichen Interpretationsballast und von traditionellen Strukturen wie Kirchen. Deshalb gehören so unterschiedliche Gruppen wie beispielsweise die ‚Pfingstler‘ (sie beten in keiner landesbeheimateten Sprache miteinander, sondern in Zungenlauten) genauso dazu wie Evangelikale, Mormonen oder Salafisten. Fast alle tief fromm, doch häufig nichts wissend vom geschichtlichen Religionskontext. Von einer Wiedergeburt der traditionellen Religionen kann daher keine Rede sein. Aber von religiöser Selbstverwirklichung und Abgrenzung vom Mainstream. Die potenziellen Gefahren: Für solche Frommen stehen die Schwestern und Brüder im Glauben oft an erster Stelle, während die Gesellschaft wenig zählt, manchmal gar nicht. Aktiv handeln als Staatsbürger und gläubig sein, das kriegen einige nicht auf die Reihe. Also ein Fall für den Verfassungsschutz? Lächerlich! Schroffe Zurückweisung bestätigt nur ihren Weg der Trennung. Vertrauen entsteht, wenn Staat und Religion noch säuberlicher auseinandergehalten werden und allen, ja, allen Glaubensgemeinschaften die gleichen Rechte zustehen. So wächst Bindung an die hiesige politische Kultur.“

Wie man hier mit Klischees, die wenig mit der Wirklichkeit zu tun haben, über Andersgläubige Stimmung macht, zeigt sehr schön der Kurzverriss über die Pfingstler: „sie beten in keiner landesbeheimateten Sprache miteinander“. Das ist natürlich Unsinn, wie jeder kurze Besuch in einem ihrer Gottesdienste gezeigt hätte: Sie reden in Deutschland seit den über hundert Jahren ihrer Entstehung in einer deutschen Erweckungsbewegung Deutsch, predigen auf Deutsch und beten (sehr viel!) auf Deutsch. Nur zusätzlich beten sie auch ‚in Zungen‘, was aber noch nirgends in der Geschichte der Bewegung mit ihren Hunderten Millionen Anhängern – weder von Freund noch Feind – als Herabsetzung der Muttersprache oder Landessprache oder der eigenen Heimat oder Geschichte verstanden wurde.

John konstruiert einen unsinnigen Zusammenhang zwischen „tief fromm“ und „häufig nichts wissend vom geschichtlichen Religionskontext“. Heißt das Gegenstück dann „wenig fromm“ und „häufig viel wissend vom Religionskontext“? Beschränken wir uns einmal auf die vermeintliche Geschichtsvergessenheit der Evangelikalen. Sie ist völlig aus der Luft gegriffen. Die Evangelikalen sind sehr traditionsbewusst, meist wird ihnen ja das zum Vorwurf gemacht. Sie gehören zur Hälfte den Evangelischen Landeskirchen an und sind dort in Form des Pietismus seit Jahrhunderten beheimatet. Aber auch die sogenannten Freikirchen wie die Baptisten und die Freien evangelischen Gemeinden sind seit Mitte des 19. Jahrhunderts fester Bestandteil unserer religiösen Landschaft, einschließlich etwa ihrer diakonischen Werke. Und selbst die Pfingstbewegung ist nicht erst seit gestern hier, sondern seit über hundert Jahren! Bei John mutieren die sonst als ewiggestrig Verschrieenen plötzlich zu geschichtsvergessenen Kulturzerstörern.

Das Geschichts- und Kulturbewusstsein gerade für die Geschichte des Christentums und der Religion in Deutschland ist sicher unter Evangelikalen viel ausgeprägter als im Rest der Bevölkerung, ohne das jetzt werten oder apologetisch verwenden zu wollen. Auch kann ich nicht erkennen, dass John bereit ist, ihre eigene Frömmigkeit geschichtlich gegebenen Fakten einfach unterzuordnen. Im Gegenteil scheint mir alles, was ich bisher von Frau John gehört und gelesen habe, darauf hinzuweisen, dass sie keinen Respekt vor der in Deutschland gewachsenen religiösen Frömmigkeit hat, sondern ihre eigene, postmoderne und eigenwillige Art der Religiosität zum Maßstab aller Dinge erhebt.

Obama anerkennt den Kampf der Evangelikalen gegen Menschenhandel und Sklaverei

September 26, 2012 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar 

Die Abschrift von Obama’s Rede gegen Menschenhandel, die ich in meinem letzten Blog gestern zum Anhören empfahl, wurde nun auf die Homepage des Weißen Hauses gestellt (siehe hier).

Der Präsident erwähnt in seiner Rede ausdrücklich die Evangelikalen und die Katholische Kirche wegen ihres vorbildlichen Kampfes gegen den Menschenhandel (und ihren geschichtlichen Kampf für die Abschaffung der Sklaverei), eine große Freude und Anerkennung. Hier der enstprechende Abschnitt der Rede:

“We are especially honored to be joined today by advocates who dedicate their lives — and, at times, risk their lives — to liberate victims and help them recover. This includes men and women of faith, who, like the great abolitionists before them, are truly doing the Lord’s work — evangelicals, the Catholic Church, International Justice Mission and World Relief, even individual congregations, like Passion City Church in Atlanta, and so many young people of faith who’ve decided that their conscience compels them to act in the face of injustice. Groups like these are answering the Bible’s call — to “seek justice” and “rescue the oppressed.” Some of them join us today, and we are grateful for your leadership.”

Die Frühgeschichte der Evangelischen Allianz und ihres Einsatzes für Religionsfreiheit

Mai 8, 2012 by Schirrmacher · 2 Kommentare 

Gerhard Lindemann. Die Geschichte der Evangelischen Allianz im Zeitalter des Liberalismus (1846-1879). Theologie: Forschung und Wissenschaft Bd. 24. Lit Verlag: Münster, 2011. 1064 S. 129,90 €

Seit meiner Dissertation zu Theodor Christlieb von 1985 und der kurz darauf erschienenen Arbeit von Hans Hauzenberger hat zwar der methodistische Forscher Karl-Heinz Vogt zu Christlieb selbst und zum Thema Allianz und Religionsfreiheit einiges Neue beigetragen, aber insgesamt fehlten die großen Fortschritte in der Forschungsgeschichte zur Allianz in Deutschland seit 25 Jahren, ja für die Zeit vor dem 2. Weltkrieg weltweit. Auch zur Frühgeschichte der Weltweiten Evangelischen Allianz ist länger nichts substantiell Neues erforscht worden. Und auch zur Geschichte der Religionsfreiheit im 19. Jahrhundert allgemein haben sich die Forscher nicht gerade überschlagen. Und nun dieses ausgezeichnete Mammutwerk!

Ein großformatiges Buch mit 947 Seiten reinem Text mit großem Satzspiegel und kleiner Schrift: Die Heidelberger Habilitationsschrift von 2004 wird dem Ruf, das die Deutschen die dicksten aller Bücher schreiben, gerecht. Bisweilen detailversessen, alles minutiös aus den Akten und zeitgenössischen Zeitungen belegend, wird das Buch dadurch zu der gründlichsten (und besten) Darstellung der Vor- und Frühgeschichte der Evangelischen Allianz. Die Weltweite Evangelische Allianz vertritt heute 600 Mio. Christen weltweit, davon nur noch ein Bruchteil deutscher Zunge. Schade, dass dem größten Teil dieser Menschen deswegen dieser Schatz verborgen bleiben wird, denn eine englische Übersetzung dieser Textmenge wäre zwar dringend erforderlich, ist aber leider sehr unwahrscheinlich.

Das Werk behandelt, soweit aus den Quellen rekonstruierbar, 1. die eigentliche Geschichte wie Versammlungen, Kampagnen und internationale Ausbreitung, die jeweils in die große Zeitgeschichte eingeordnet werden, 2. die Rolle der entscheidenden Persönlichkeiten, und 3. die Arbeitsschwerpunkte der Allianz (dabei vor allem Glaubens- und Gewissensfreiheit, Gebetswoche, Mission, Publikationen). Wer dabei eine einzelne Thematik verfolgen möchte – etwa die Geschichte der internationalen Allianzgebetswoche jeweils zu Beginn des Jahres –, kann dies über die übersichtliche Gliederung und den Index sehr gut tun. Auch wer die Geschichte der Allianz bis 1879 in solch unterschiedlichen Ländern wie Großbritannien, England, Deutschland, den skandinavischen Ländern, Kanada, Australien, Südafrika, Türkei, Iran, Indien oder Japan verfolgen will, wird hier fündig.

Zu vielen Details findet sich hier erstmals ein Beleg (z. B. Einsatz der frühen Evangelischen Allianz für Tierschutz) und selbst zu Christlieb habe ich Neues gefunden, dass meine Dissertation ergänzt (Christlieb und Versöhnung mit Frankreich in New York [747-752], Christliebs Einsatz gegen Opiumhandel [856-858], Geschichte der Westdeutschen Evangelische Allianz [921-922].)

Lindemann sieht die Allianz gleich zu Beginn als erste organisierte Form der Ökumene, als einzig wirklich ökumenische Organisation, die aus der Erweckungsbewegung des 19. Jahrhunderts entsprang (15). Er weist nach, dass die Allianz selbst in ihren frühen Dokumenten häufig das Wort „ecumenical“ verwendete (938 u. ö.). „Sie schuf ein Klima, das die Gründung von Vorgängerorganisationen des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) ermöglichte.“ (945). Er kritisiert, dass geschichtliche Darstellungen der modernen Ökumene oft sehr spät einsetzen und sowohl die Allianz als auch einige ihrer führenden Vertreter als Vorreiter der Einheit der Christen übergeht (21).

Lindemann sieht die Allianz als Teil der transnationalen Frömmigkeitsbewegung der Erweckungen nach dem Pietismus (25), die man nicht einfach pauschal als „antiaufklärerisch“ oder „antimodern“ beurteilen darf (25), sondern die etwa in Fragen der Religionsfreiheit oder des Antisklavereikampfes (28-29) auch ihrer Zeit voraus war. Gespeist aus Erweckungen in ganz unterschiedlichen Sprach- und Kulturkreisen zeichnete sie sich wie der Pietismus „durch ein weitverzweigtes Netz internationaler Kontakte und Verbindungen aus“ (33).

Ob man die Gründung ökumenischer Strukturen unabhängig von der Allianz wirklich allein auf die „zunehmende ‚Fundamentalisierung‘ der Allianz 1880“ (945) in Form der Ablehnung der Bibelkritik und der Zuwendung zur Heiligungsbewegung zurückführen kann, wie Lindemann ganz am Ende eher beiläufig sagt, wage ich zu bezweifeln. Ich vermute, dass eine ebenso gründliche Arbeit zur Zeit nach 1880 ebenso eine andere ‚Allianz‘ hervortreten ließe, wie die Allianz, die Lindemann bis 1879 darstellt, ebenso dem gängigen Klischee nicht entspringt. Doch Lindemann hat Recht, wenn er fortfährt: „Doch lebte das Gedankengut der Allianz in der Ökumene fort.“ (946). Überhaupt passen die Schlussworte zur Evangelischen Allianz heute, die eine gute frühe und eine schlechtere spätere und heutige Allianz andeuten, nicht so ganz zum Duktus des Buches. Aber nach 945 überaus fairen Seiten in der Darstellung der Allianz aus den Quellen sollte man diese verhaltene Kritik liebevoll beherzigen, zumal die daraus gezogenen Empfehlungen schon teilweise umgesetzt werden.

Insgesamt schreibt Lindemann aus freundlich-kritischer Distanz. So kritisiert er etwa die große Nähe vieler Evangelikaler zum herrschenden Adel in der Zeit der Revolutionen 1848/49 (152-158), worin die Evangelikalen sich nicht von den Kirchen ihrer Zeit unterschieden.

Häufiger hilft er, positive Bilder zu differenzieren. So bestand etwa schon bei Gründung der Evangelischen Allianz Einigkeit in der Verurteilung der Sklaverei – der Kampf gegen die Sklaverei gehörte unverrückbar zur Geschichte der ‚Evangelicals‘, aber inwiefern Sklaverei duldende Gruppen und Personen Mitglied werden durften, war diesseit und jenseits des Atlantischen Ozeans umstritten (65-72, 110-129, 159). 1846 wurden sie alle ausgeladen, später teilweise zugelassen, dann mit der Abschaffung der Sklaverei in den USA endgültig verbannt (693). Noch nie wurden diese komplizierten Details im Einzelnen belegt.

Auch zur Entstehung des Glaubensbasis wird viel neues Material geliefert. „Man verstand sich als eine Verbindung von Einzelpersonen und legte in diesem Zusammenhang auf die persönliche Glaubensentscheidung des Einzelnen Wert und betonte das Recht auf individuelle Bibellektüre. Mit diesem Grundaxiom hing auch die scharfe Abgrenzung vom Katholizismus sowie hochkirchlichen Gruppierungen im Protestantismus zusammen, die Sakramente und die Institution Kirche als objektiv vorgegebene Größen betrachteten und der Entscheidung des Einzelnen voranstellten. Hingegen galt für die Allianz in ihrer in London verabschiedeten ‚Glaubensbasis‘ die göttlich inspirierte Schrift als sakrosankt, deren freie Prüfung dem Einzelnen jedoch zugestanden wurde.“ (205)

Spannend ist die Entstehung der ersten Glaubensbasis (87-98). Meines Erachtens hätte man noch deutlicher darauf hinweisen können, dass die beiden ersten Sätze eine bis heute zentrale Spannung bewirken:
„1.The Divine Inspiration, Authority, and Sufficiency of the Holy Scriptures.
2. The Right and Duty of Private Judgement in the Interpretation of the Holy Scriptures.“ (98).
Einerseits ist dies eine unverückbare Festlegung, andererseits eine extremer Pluralismus, der jeden Gläubigen verpflichtet, die Grundlage selbst auszulegen.

Exkurs: Die Evangelikalen sind durch zwei Paare entgegengesetzter Pole gekennzeichnet und man wird ihnen nicht gerecht, wenn man jeweils nur einen der Pole sieht.

Einerseits ist das die von den Evangelischen ererbte Zentralität der Heiligen Schrift. Andererseits ist es der aus Luthers Frage ‚Wie bekomme ich einen gnädigen Gott‘ hervorgegangene Heilsindividualismus. Es geht darum, dass jeder Mensch seine persönliche Beziehung zu Gott hat und daraus ergibt sich als Korrektur zur Zentralität der Schrift die Berechtigung, ja Verpflichtung jedes Christen, die Heilige Schrift selbst zu studieren und auszulegen, womit er mit jedem noch so gebildeten evangelikalen Theologen, auch seinem Pastor, gleichauf steht. So vereint die evangelikale Welt die dogmatische Enge dank der Bibelfrage mit einer enormen demokratischen Weite, weil jeder theologisch mitreden darf.

Die zweite Spannung ist die zwischen Mission und Religionsfreiheit. Aus der enormen Betonung der persönlichen Beziehung zu Jesus entstand sowohl die starke Betonung der „Zeugnispflicht“ als auch die starke Betonung der Religionsfreiheit. Das Konzept der Freiwilligkeit prägte nicht nur die Freikirchen, sondern auch den innerkirchlichen Pietismus, für den Glaube nicht nur etwas Äußerliches, Ererbtes sein dürfte, sondern etwas persönlich Erfahrenes. Dazu aber kann man niemand zwingen, ja Zwang macht die Möglichkeit zunichte, eine wirklich eigenständige, persönliche Umkehr zu Gott zu vollziehen. Also lieber eine kleinere Kirchen mit überzeugten Mitgliedern, also eine große mit vielen Mitgliedern, die nur dank gesellschaftlichem, familiärem oder sonstigen Druck dazugehören.

Neubestimmung des Verhältnisses der Evangelischen Allianz zur katholischen Kirche

Lindemann geht auf die antikatholischen Tendenzen und Aktivitäten in Großbritannien ein, in denen die Allianz zum Teil wurzelt (45-50). Allerdings weist er schlüssig nach, was mein größtes Aha-Erlebnis beim Lesen des Buches war: Es waren kaum die dogmatischen Unterschiede, die im Mittelpunkt standen, sondern die Allianz repräsentierte mit ihrem Eintreten für Glaubens- und Gewissensfreiheit, ihrer teilweise radikalen, teilweise noch verhaltenen Trennung von Kirche und Staat und ihrer Vorangstellung der freiwilligen persönlichen Bekehrung – was jeden Zwang in der Mission oder religiösen Zwang seitens des Staates ausschloss – das komplette Gegenteil zur ultramontanistischen katholischen Kirche, die Religionsfreiheit entschieden verwarf, den Staat als Diener der Kirche zumindest in Fragen von Religion und Ethik sah und die örtlichen Katholiken stärker denn je an die geistliche, aber auch politische Führung des Papstes band – alles Positionen, die die katholische Kirche offiziell erst im 2. Vatikanischen Konzil aufgab, aber schon nach den beiden Weltkrieg jeweils immer mehr zurückfahren musste. So wie es im bismarckschen Kulturkampf in Deutschland weniger um Glaubensinhalte, also um die Machtfrage und den politischen Einfluss der Kirche(n) ging, so stand im Zentrum der Allianz – so Lindemann –, dass der Ultramontanismus „als eine Verschwörung gegen die geistige Entwicklung und geistige Freiheit des Menschheit“ (49) erachtet wurde (321-337).

Konsequenterweise setzte man sich vom Gründungsjahr an auch für verfolgte Katholiken in protestantischen Ländern ein und unterstützte antikatholisch orientierte Regierungen nicht in ihrem Tun (205). Übrigens wurde 1846 bewusst bei der Gründung keine Nichtzulassung von Katholiken formuliert (131). Als sich die Allianz 1858 mit einer Delegation gegen Schweden wandte, dessen oberstes Gericht, der Königliche Gerichtshof, 6 Frauen, die zum Katholizismus konvertiert waren, des Landes verwiesen hatte, und die Allianz Religionsfreiheit für diese Katholiken forderte, gab es europaweit einen Sturm der Entrüstung außerhalb der Allianz (295-300). Die Allianz war wesentlich daran beteiligt, dass der schwedische Reichstag die Strafen für das Verlassen der lutherischen Staatskirche 1860 abschaffte.

Lindemann schreibt: „Durch ihre Konzentration auf dogmatische und geistliche Elemente unterschied sich die Allianz von anderen anti-katholischen Gruppierungen. Überdies machte das Engagement für die waadtländische Freikirche deutlich, dass die Vereinigung sich nicht von einem blinden Katholikenhass leiten ließ, sondern sich auch gegen eine diplomatische und militärische Unterstützung von Regierungen aussprechen konnte, die das Prinzip der Religionsfreiheit nicht achteten, auch wenn sie sich mit dem Katholizismus im Konflikt befanden. Sir Culling Eardley stellte in diesem Zusammenhang klar, dass politische Freiheit ohne Religionsfreiheit undenkbar und auch nicht unterstützenswert sei – nach Auffassung des Londoner Allianzkomitees handelte es sich dabei 206um das ‚heiligste unter den Menschenrechten‘.“ (205-206)

„Die Evangelische Allianz erwies sich bereits in ihrer Gründungsphase keineswegs als eine rein antikatholische Bewegung. Vorrangig war das Interesse an einer Einheit unter den Christen, während aktuelle Ereignisse und Entwicklungen eher als auslösende Faktoren für den Schritt zu dem protestantischen Zusammenschluss anzusehen sind. Als wesentliche Ziele galten die Evangelisation der Welt sowie, vor allem aus amerikanischer Perspektive, auch der Wunsch, durch die grenzüberschreitende Zusammenarbeit zum Frieden unter den Völkern beizutragen.“ (205)

Neues zur Geschichte der Religionsfreiheit

Als das herausragende Thema der Allianz erweist Lindemann den Einsatz gegen Verfolgung aus religiösen Gründen und für die Religionsfreiheit, die noch nie so gründlich dargestellt wurde (bes. 141-151, 205-321, 592-645, 773-811, 858, 868-913). Besonders interessant sind auch die Erkenntnisse zum Einsatz der Allianz für die Religionsfreiheit, die Lindemann aus den Akten des britischen „Foreign Office“ gewann.

Am stärksten waren die Jahre 1849 bis 1858 vom Einsatz für aus religiösen Gründen Verfolgte im Mittelpunkt (207), da die Allianz sich zunutze machte, dass Außenpolitik Theme der Presse und der entstehenden Parlamente wurde (207).

Wählen wir als Beispiel den Einsatz für einen vom Katholizismus zum Protestantismus konvertierten Italiener Signor Giacinto Achilli (1803-1893), der deswegen lebenslänglich von der römischen Inquisition inhaftiert war und der in einem fast einjährigen diplomatischen Tauziehen unter Beteiligung des britischen und französischen Außenminister, der Medien, der eigenen Zeitung und zahlreichen Delegationen schließlich durch einen Trick von den Franzosen aus Rom befreit und nach England überstellt wurde (208-223).

Vorgänge wie diese stellt Lindemann wiederholt minutiös dar. Sie wurden, wenn sie überhaupt bekannt waren, bisher noch nie in ihren einzelnen Schritten nachvollzogen und belegen, wie gut organisiert, mit Regierungen und Medien vernetzt und ihrer Zeit voraus dieser Aspekt der Evangelischen Allianz war.

Lindemann schreibt: „Bei ihrem Einsatz für aus Glaubensgründen Benachteiligte profitierte die Allianz eindeutig von der zunehmenden Pluralisierung vor allem der britischen Gesellschaft und der Entstehung einer breiteren Medienöffentlichkeit, die die Einflussnahme von ‚Pressure Groups‘ auf außenpolitische Entscheidungsprozesse zuließ. Man merkte bald, dass in bestimmten Fällen das gemeinsame Agieren über Ländergrenzen hinweg noch Erfolg versprechender zu sein schien und, wie zum Beispiel erstmals im Fall des Italieners Achilli, zu einem gemeinsamen Handeln von Regierungen führen konnte. Zugleich konnte der Verweis auf die englische öffentliche Meinung Staaten von Repressionen auf Andersgläubige abhalten, sie beenden oder zumindest abmildern. Nicht nur durch den Gebrauch neuer Methoden in diesem Engagement hatte die Evangelische Allianz an einem Modernisierungsprozess des Protestantismus im 19. Jahrhundert einen Anteil.“ (943)

Die Britische Allianz erreichte etwa durch eine Denkschrift an den preußischen König gegen die Baptistenverfolung, dass der aus Berlin vertriebene Führer der Baptisten Johann Gerhard Oncken nach Berlin zurückkehren konnte (235-237). Mit Schreiben der britischen Königin und des preußischen Königs setzte man 1852 dem toskanischen Großherzog Leopold II in einer Audienz wegen der Inhaftierung eines Ehepaars namens Madiai zu. „Die Deputation stieß europaweit auf eine starke Resonanz“ (254). Und selbst der gestrenge Lutheraner Ernst-Wilhelm Hengstenberg, wahrhaftig kein Freund der Allianz, rühmte das Vorgehen, denn es habe den katholischen Vorwurf, die Protestanten seien hoffnungslos zerspalten, widerlegt. Hier habe man mit einer Stimme gesprochen (254). Die Sache weitete sich bis in die USA aus, andere italienische Fürsten wurden ebenso aktiv, wie der französische Kaiser, bis das Ehepaar Madiai schließlich nach einem Jahr 1853 freigelassen wurde. Besonders deutlich wird, wie eng der Gedanke einer Ökumene der Protestanten und der Religionsfreiheit verbunden war: Gemeinsamkeit macht stark.

Wie konfessionell großzügig man war, zeigt sich auch darin, dass man sich beim Sultan nicht nur für Konvertiten vom Islam zum Protesantismus einsetzte, sondern auch für die griechisch-orthodoxe Kirche (300). Im Iran setzte man sich für Nestorianer ein (610-613).

Nach der Hinrichtung eines Konvertiten 1853 aktivierte die Allianz in Zusammenarbeit mit der Türkischen Allianz ihre Kontake in zahlreichen europäischen Regierungen, bis schließlich 1856 Sultan Abdülmecid I. – sicher in Zusammenhang mit der komplizierten Politik zwischen dem Osmaischen Reich und der Westmächte – in einem Edikt den Protestanten größere Freiheiten zugestand und die Todesstrafe für Konversion abschaffte (300-319). 1874-1875 führte eine weitere große Kapagne eine Allianzdelegation bis zum türkischen Außenminister, Diplomaten sogar bis zum Sultan, deren Auswirkungen aber umstritten sind (879-902).

Lindemann schreibt, dass für die Niederschlagung der Prozesse gegen Pastoren im Baltikum durch den Zaren „der Londoner Vorstoß der Allianz verantwortlich gewesen“ sei (800). Das Verwirrspiel um den Versuch eines Treffens mit dem Zaren, der schließlich seinen Außenminister vorschickte, wird bei Lindemann aufgelöst (779-800).

Auch die Audienzen, die die Allianz beim preußischen König erhielt, etwa 1855 in Köln oder 1857 im Rahmen der Berliner Allianzkonferenz bei Friedrich Wilhelm IV. (286f), drehten sich immer um die Religionsfreiheit in Deutschland. Dasselbe gilt für Gespräche des Allianzsekretärs, die er mit dem deutschen Kaiser Wilhelm I. und dem Reichskanzler Otto v. Bismarck 1875 führte (919).

Eine Allianzdeputation bei Kaiser Franz Joseph I. in der Hofburg und anschließende Gespräche beim Ministerpräsidenten und beim Kultusminister im Jahr 1879 führten zu spürbaren Erleichterungen für Protestanten, 1880 sogar zu deren rechtlicher Anerkennung als Kirchen, sowie fast nebenbei zu Erleichterungen für die Freikirchen in Wien (913).

Dasselbe gilt auch für den Besuch der gesamten Teilnehmerschaft der New Yorker Konferenz beim amerikanischen Präsidenten Ulysses S. Grant und seinem Kabinett 1873 (755-756), nur dass die amerikanische Regierung nicht mehr von der Religionsfreiheit überzeugt werden musste.

Man bedenke, dass das alles zu einer Zeit geschah, als die angestammten Kirchen alle noch weit davon entfernt waren, ihren Staatskirchenstatus aufzugeben, geschweige denn Religionsfreiheit für alle zu gestatten, geschweige denn selbst zu fordern. Wenn Religionsfreiheit damals gefordert wurde, dann meist von Juden, religiösen Minderheiten und Atheisten, nicht aber von sehr religiösen Vertretern der vorherrschenden Religion. Welchen Beitrag die Evangelische Allianz zur Religionsfreiheit in Deutschland geleistet hat, ist bisher noch nirgends gewürdigt worden.

Grundsätzliches

Die Homburger Konferenz für Religionsfreiheit von 1853 war ein Meilenstein der Allianzgeschichte und der Toleranz in Deutschland und Europa (263-267). Zentrales Ergebnis war die Ablehnung jeder kirchlichen Gewalt gegen Separatisten und die Ablehnung jeglicher Inanspruchnahme staatlicher Gewalt durch Kirchen gegen andere (266) ein Meilenstein der Entwicklung des Rechtes auf Religionsfreiheit. Dies galt zudem bewusst nicht nur für Christen, sondern für alle Religionen, was natürlich zu internen Kontroversen und zu scharfer Kritik seitens protestantischer Staatskirchen führte (267-272), ohne dass die Allianz deswegen von dem Grundsatz abrückte.

1861 stellt ein französischer Pastor erstmals eine ganz neue These auf, die sich mehr und mehr in der Allianz durchsetze, dass nämlich „die Religionsfreiheit staatliche Ordnung und den ihr innewohnenden Frieden garantiert“ (592), Unterdrückung der individuellen Religionsfreiheit dagegen Revolution und Unfrieden nähre und dem Staat seine gottgegebende Grundlage entziehe!

Interessanterweise bestätigt eine internationale wissenschaftliche Untersuchung genau dies: Religionsfreiheit fördert eine friedliche Gesellschaft, deren Unterdrückung fördert Unruhe und Gewalt und praktisch alle religiös gefärbten terroristischen Bewegungen der Welt kommen aus solchen Ländern. [Brian J. Grim, Roger Finke. The Price of Freedom Denied: Religious Persecution and Conflict in the Twenty-First Century. Cambridge: Cambridge University Press, 2010 und meinen Kommentar dazu unter http://www.thomasschirrmacher.info/archives/1792]

Lindemann schreibt: „Mit ihrem Engagement für die Religionsfreiheit leistete die Allianz, deren angloamerikanischer Flügel sich nicht mit bloßer Toleranz zufriedengab, sondern das öffentliche Bekennen des Glaubens als ein Grundrecht ansah, auch der Durchsetzung der bürgerlichen Freiheiten in den betreffenden Ländern einen bemerkenswerten Dienst und trug zur Entstehung einer europäischen Zivilgesellschaft nicht unwesentlich bei. Allerdings kam es in diesem Bereich auch zu Konflikten mit der britischen Regierung, die im Blick auf Indien vorrangig an der Beherrschbarkeit des Landes interessiert war und im Falle des Osmanischen Staats insbesondere von globalstrategischen sowie von ökonomischen und Handelsinteressen geleitet war. Letztere begannen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts die britische Außenpolitik verstärkt zu beeinflussen. Zudem lässt sich auf der Regierungsseite eine deutliche Zurückhaltung gegenüber dem evangelikalen Missionsverständnis nachweisen. Das Gesamtengagement der Allianz erwies sich hingegen durch die Erweiterung seiner Bezugspunkte und -orte bis hin nach Russland und Japan als kongruent zur globalen Dauerpräsenz Großbritanniens. Im Unterschied zur britischen Außenpolitik mischte man sich jedoch immer wieder auch in europäische Religionskonflikte ein, während man mit Ausnahme der italienischen Einigung hinsichtlich politischer Spannungen wie den seit 1864 von Preußen geführten Kriegen analog zur Haltung der britischen Regierung Zurückhaltung übte oder sie gar wie im Falle des polnischen Aufstandes von 1863/64, der keineswegs frei von religiösen Komponenten war, ignorierte.“ (943).

Evangelische Allianz gegen Diskriminierung von Homosexuellen

November 1, 2011 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar 

Zum Thema Homosexualität schreibt die Deutsche Evangelische Allianz in ihrer Stellungnahme zu allen wichtigen Politikfeldern „Sucht der Stadt Bestes“ von 2010:

„Wir wenden uns ebenso gegen die Diskriminierung aufgrund des Geschlechts und der geschlechtlichen Orientierung, auch angesichts der verhängnisvollen Unterdrückung der Homosexuellen im Dritten Reich. Wir begegnen Vertretern einer anderen geschlechtlichen Orientierung mit Respekt und Würde, sehen allerdings praktizierte Homosexualität – wie andere Formen der außerehelichen Sexualität – grundsätzlich als unvereinbar mit der für den christlichen Glauben maßgebenden biblischen Ethik an. Wir wenden uns außerdem gegen Versuche, gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften der im Grundgesetz herausgehobenen klassischen Ehe gleichzustellen, auch wenn wir respektieren, dass sich das Rollenverständnis der Geschlechter im Laufe der Geschichte immer wieder verändert.“

Hier wir doch die Diskriminierung von Homosexuellen eindeutig verworfen. Dass sich aus dem Ideal der christlichen Ehe als monogam, lebenslänglich und zweigeschlechtlich eine Ablehnung aller anderen Formen von Sexualität – nur unter anderem der Homosexualität – ergibt, liefert in keiner Weise eine Legitimation, für die Diskriminierung anderer und andersdenkender Menschen. So sicher wie Menschen, die heterosexuell ohne Trauschein zusammenleben, vor Evangelikalen sein können, so sicher sind es auch Homosexuelle. Auf irgendeine evangelikale Tradition, Homosexuelle zu diskriminieren, öffentlich zu demütigen, geschweige denn Gewalt gegen sie zu rechtfertigen oder gar auszuüben, kann keiner verweisen. Ich war auf dem Schulhof oft am freundlichsten zu Homosexuellen, da meine Eltern mich strikt zu Gewaltlosigkeit, Respekt und Freundlichkeit allen gegenüber erzogen. Andere Klassenkameraden hatten zum Thema Homosexualität zwar keine theologische Auffassung, ja überhaupt keine eigentliche Begründung für ihre Sicht, aber was nützte das den Homosexuellen, wenn sie bewitzelt, bloßgestellt, gerempelt oder gar verprügelt wurden?

Man soll Menschen nach dem beurteilen, was sie wirklich tun, nicht nach dem, was man meint, was sie aufgrund ihrer Weltanschauung oder missverstandenen Äußerungen vermeintlich tun müssten. Gerne werden falsche Schlüsse aus Äußerungen gezogen, die man missversteht, ohne zu schauen, ob die Betreffenden selbst dies auch tun und dann praktizieren. Man kann sagen: „Gott wird dich richten“ und damit meinen, dass der andere den Tod verdient – und dabei gar nachhelfen –, man kann damit aber auch genau das Gegenteil meinen, dass eben Gott jeden einmal beurteilen wird und keinem Menschen dieses Gericht zusteht. Die Freimaurer schwören beim Einstieg drakonisch, dass sie mit dem Verrat der Geheimnisse ihr Leben verwirken. Gestorben ist deswegen noch keiner, zumindest schon lange nicht mehr.

Das International Leadership Team der Weltweiten Evangelischen Allianz

Oktober 17, 2011 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar 

Das International Leadership Team der Weltweiten Evangelischen Allianz besteht aus den beiden Generalsekretären (rechts und links von mir in der Mitte), dem Finanz- und Verwaltungsvorstand, den Generalsekretären der 6 regionalen Allianzen, der Vorsitzenden und Direktoren der Kommission und der Leiter und Leiterinnen der Initiativen, Task Forces und Global Partner. Dies schöne Bild wurde in Manado auf Nordsulawesi, einem der nördlichsten Zipfel Indonesiens aufgenommen. Es sieht nicht nur Harmonie und Vielfalt aus, sondern die Zusammenarbeit quer durch die Kontinente und Ausrichtungen ist gut und für mich sehr erfreulich und produktiv. Wir trafen uns dort, da einige von uns anschließend am Global Christian Forum in Manado teilnahmen.

1989/1990 als Epochenjahr der Weltchristentheit (Buchbesprechung)

Mai 16, 2011 by thomas · Schreiben Sie einen Kommentar 

Eine kürzere Fassung dieser Rezension wird in „Evangelikale Missiologie“ 27 (2011), Heft 2 erscheinen.

Klaus Koschorke, Falling walls – the year 1989/90 as a turning point in the history of world Christianity / Einstürzende Mauern – das Jahr 1989/90 als Epochenjahr in der Geschichte des Weltchristentums, Studien zur außereuropäischen Christentumsgeschiuchte 15. Wiesbaden: Harrassowitz Verlag, 2009, 451 S., 54,00 €.

Dass „die Wende“ 1989/90, also der Fall der Berliner Mauer, die Auflösung des Sowjetimperiums, das Ende der bipolaren Weltordnung und das Ende der Apartheid in Südafrika auf allen Kontinenten tiefgreifende politische oder wirtschaftliche Folgen hatte, ist unbestritten. Doch wie sah die Rolle der Christenheit dabei aus und welche Folgen hatte sie für die Weltchristenheit?

Dass Christen und Kirchen in der Vorbereitung der Wende in Deutschland involviert waren, ist gründlich untersucht. Bei der Welle der Demokratisierungen 1989–1993 spielten Kirchen eine führende Rolle (in Rumänien etwa begann die Revolution mit dem Widrestand gegen die politisch motivierten Zwangsversetzung des reformierten Pfarrers Lászlo Tökes in Timisoara, wo ich unterrichte, s. S. 64), die Zahl der führenden christlichen Persönlichkeiten in der Politik nahm stark zu, wenn auch nicht immer ganz so offensichtlich wie in Sambia, wo 1991 eine Diktatur durch einen in freier Wahl gewählten Präsident abgelöst wurde, der Sambia zu seiner „christlichen Nation“ erklärte. 1996 folgte eine ähnliche Revolution in Benin mit Hilfe der katholischen Kirche, aber als Ergebnis wurde dann Voodoo der neue nationale Identitätsstifter.

Zur Frage nach der Weltchristenheit gehört in diesem Zusammenhang aber auch die Darstellung der neuen Religionsfreiheit in vielen Ländern, aber auch die Ablösung des Kommunismus als Hauptbeschränker der Religionsfreiheit und durch den Islam, wobei es in islamischen ebenso wie in anderen Ländern häufig zu einer neuen gefährlichen Allianz von Religion und Nationalismus kam.

Die 4. Internationale München-Freising-Konferenz führte dazu 2008 Forscher aus 4 Kontinenten, zahlreicher Fachrichtungen und der großen Konfessionen zusammen. Die 23 deutschen oder englischen Forschungsbeiträge (plus Einführung durch den Herausgeber und Zusammenfassung durch einen Konferenzbeobachter), die fast ausnahmslos regionale, nationale und dabei oft konfessionelle Schwerpunkte setzen, stellen derzeit die umfassendste Darstellung zum Thema dar. Ihr Niveau ist überwiegend sehr hoch, meist mit einer Fülle in deutschen Bibliotheken schwer zugänglicher Quellen belegt. Es gibt Ausnahmen, so ist ausgerechnet der Beitrag zu Südafrika nur eine 4seitige Zusammenfassung (S. 89 ff.) und etliche Beiträge leiden in ihrer Wissenschaftlichkeit unter der konfessionellen Einseitigkeit der Autoren. Dennoch habe ich die 450 Seiten komplett mit großem Gewinn gelesen, was mir bei der Flut von Sammelbänden heutzutage längst nicht immer so ergeht.

Es ist natürlich unmöglich, hier zu jedem der Beiträge einige Sätze zu schreiben. Für den Leser, der wissen will, ob „seine“ Region oder Thematik behandelt wird, seien grob die Themen aufgelistet: DDR, Polen, Rumänien, Osteuropa, 2 x Südafrika, Äthiopien, 3 x Afrika, Südkorea, China, Vietnam, Kuba, Zentralamerika, Argentinien/Ururuguay/Chile, Brasilien, Lateinamerika, USA; allgemein: Fundamentalismus, Befreiungstheologie, Pfingstbewegung, Lutherische Kirchen.

Bedauerlich ist, dass nicht alle Autoren angehalten wurden, das gesamte konfessionelle Spektrum abzudecken. So mag man ja noch verstehen, dass zu Polen der Protestantismus nicht dargestellt wird, dass er zu China fehlt, ist unverständlich, so gut und wie immer lesenwert der Beitrag von Roman Malek ist. Überhaupt lassen die meisten katholischen Autoren andere Konfessionen überwiegend links liegen, während die protestantischen Autoren die nichtprotestantischen Kirchen wenigstens mit darstellen, wenn auch selten angemessen. Angesichts der Gesamtthematik des Buches ist die konfessionelle und theologische Einseitigkeit etlicher Einzelbeiträge erstaunlich. Dies betrifft auch die Evangelikalen und Pfingstler, immerhin ein Drittel der Weltchristenheit, die überwiegend als negative Klischees erscheinen, auch wenn die Spannbreite der Autoren von billiger Polemik hin zu gut belegten Fehlentwicklungen reichen. Manche Kritik ist berechtigt – wenn auch in dem Buch weniger Ergebnis belegter Forschung als einfach die Meinung des jeweiligen Autors – etwa dass in den charismatischen Bewegungen „Christianity as a Shopping Mall“ etabliert wurde (James R. Cochrane S. 109–110) oder pfingstliche Politiker in Brasilien sich „nicht als kompetenter oder ethisch verlässlicher erwiesen als andere“ (Rudolf von Sinner, S. 330). Doch so sehr auch nichtamerikanische Evangelikale vieles kritisch sehen, was im evangelikalen Bereich in den USA geschieht, Sammeltöpfe „der Rechtsevangelikalen, Neofundamentalisten und Pfingssekten“ (S. 21) helfen bei der Aufarbeitung sicher nicht.

Manchmal schlägt eine westliche, theologisch liberale Sichtweise verzerrend durch, etwa wenn es heißt, dass konservative anglikanische Angklikaner versuchen die afrikanischen Kirchen für ihre Zwecke einzuspannen (S. 17). Den Neuaufbrauch großer anglikanischer Kirchen in Afrika aus Amerika heraus zu erklären ist schlicht falsch, offenbart aber auch einen Patriarchalismus, der die Realität nicht gerecht wird. Es sind umgekehrt stark wachsende afrikanische anglikanische Nationalkirchen wie in Uganda, die den kleinen konservativen Flügel der Anglikaner in den USA zum Widerstand anstiften.

Anselm K. Min (S. 195–214) schreibt den koreanischen Kirchen aller Konfessionen zwar berechtigte und gewichtige Anfragen ins Stammbuch – wenn auch aus den USA, seine Leistung als Historiker ist aber schwach, seine Kritik an allem, was rechts von ihm steht, ist heftig, aber nicht belegt. Er wird der Diversität des konservativen Protestantismus und der evangelikalen Bewegung nicht gerecht und spiegelt eher seine eigene theologische Position wieder, als eine wissenschaftliche Erforschung der Kirchengeschichte. Die stabilisierende Rolle nicht aller, aber vieler evangelikaler Gruppen für die koreanische Demokratie und die vergleichsweise positive Rolle eines evangelikalen Präsidenten wird gar nicht erwähnt. Typisch klischeehaft wird der Fundamentalismus mit Anti-Intellektualismus und dogmatischer Intoleranz gleichgesetzt (S. 210) – das haben die großen reformierten Hochschulen Koreas sicher nicht alle verdient. Und wer im wissenschaftlichen Kontext von „Fundamentalismus“ spricht, möge bitte angesichts der ungezählten Definitionen und dem meist emotionalen oder gar vernichtenden Bedeutungen erst einmal sagen, was er eigentlich darunter versteht, sonst verbreitet er nur emotionale Wertungen. Das überschwengliche Lob des koreanischen Katholizismus im Gegensatz zum Protestantismus, der korrupt, materialistisch, individualistisch und der koreanischen Kultur nicht angepasst sei (S. 212), wirkt in seiner schwarz-weißen Pauschalisierung trotz des gewissen Wahrheitskerns fast schon komisch.

Die große Ausnahme ist hier – wie nicht anders aufgrund seiner Bücher zu erwarten – der unbedingt lesenswerte Beitrag von Michael Hochgeschwender zu den USA (S. 351–371), eigentlich für das Thema „Evangelikale“ ja das schwierigste Land. Doch Hochgeschwender schreibt informiert, belegt, differenziert, bei allen Vor- und Nachteile sehend, über alle Konfessionen und Richtungen gleichermaßen fair. Da ist man doch wohl bei einem Historiker wieder einmal in besseren Händen als bei Theologen – wie überhaupt die Beiträge der Historiker in dem Band besser sind, wir Theologen müssen eben immer predigen, auch wenn wir nur die Vergangenheit beschreiben sollen. Hochgeschwender sieht generell den Schwerpunkt der enormen Religiosität und Spiritualität in den USA, dass sie „mit einer radikalen Konseqenz, die weltweit ihresgleichen sucht, zur Ware umfunktioniert“ (S. 368) wurde und wird.

Am anderen Ende des Spektrums zu Hochgeschwender steht der britische Theologe Kevin Ward, der eigentlich „Pluralism and fundamentalism as challenges for the African Churches“ (S. 157–176), aber überwiegend nur die Spaltung der anglikansichen Weltgemeinschaft darstellt, das Thema seiner Überschrift also verfehlt hat, nicht nur weil er nirgends definiert, was die beiden Begriffe seines Themas eigentlich bedeuten, sondern eigentlich immer nur zwei Lager beschreibt, die man dann wohl den beiden Themen zuordnen soll, was der enormen Vielfalt der afrikanischen Christenheit kaum gerecht wird. Auf welcher Seite Ward selbst steht, zeigt seine Verteidigung der Forderung von Erzbischof Williams, die Scharia in Teilen in Großbritannien zuzulassen. Kommt die Kritik daran wirklich nur von Konservativen, die sich nicht mit der Realität der multikulturellen Gesellschaft abfinden wollen (S. 173)? Wards Kritik an der Kritik der nigerianischen Bischöfe an Williams geht völlig daran vorbei, dass die Frage der Gültigkeit der Scharia für die anglikanische Kirche in Nigeria keine akademische, sondern eine existentielle Frage ist, kein Strömungen der Theologie rechts und links zuzuordnendes Thema.

Sehr interessant sind die Beiträge, die sich die Folgen der „Wende“ für die Befreiungstheologie und den Weltkirchenrat diskutieren. Sergo Silva (S. 335–350) ist vehement der Meinung, die These, die Befreiungstheologie habe ohne real existierende sozialistische Länder stark an Bedeutung verloren, sei grundfalsch. Seine Argumente sind aber fast ausschließlich theologisch (sie ist weiter berechtigt und nötig) nicht historisch oder soziologisch. (Auch hier ist übrigens bedauerlich, dass Evangelikale wie Rene Padilla oder Samuel Escobar und ihre jüngeren Nachfolger überhaupt nicht in den Blick kommen.) Die Baseler Missionswissenschaftlerin Christine Lienemann-Perrin (S. 373–392) vertritt die entgegegengesetzte These – und dies gut belegt vor allem am Beispiel Koreas, Südafrikas und Lateinamerikas. Sie geht davon aus, dass die großen befreiungstheologischen Entwürfe durch kontextuelle, lokale Entwürfe abgelöst wurden.

Virgo Mortensen (429–441) beschreibt ausgehend von den lutherischen Kirchen die tiefgreifende Veränderung innerhalb der ökumenischen Bewegung nach 1989. Denn „innerhalb der ökumenischen Bewegung hingen viele am sozialistischen Traum“ (S. 440). Dieser sei längst ausgeträumt (ähnlich Hartmut Lehmann S. 446). Die Entwicklung ginge von der Betonung der sichtbaren Einheit hin zur versöhnten Vielfalt, vom Konsens (fastt um jeden Preis) hin zum sichtbaren Profil und Bekenntnis. Das die Veränderungen auch den Dauerstreit zwischen Evangelikalen und Weltkirchenrat beendet hat und es heute eine gute Zusammenarbeit mit der weltweiten Evangelischen Allianz in vielen Fragen gibt, wird in dem guten artikel nicht erwähnt, auch wenn dies genau die These des Autors unterstreicht.

Da mein eigenes Forschungsgebiet die Religionsfreiheit ist, sei noch kritisch bemerkt, dass das in der Einführung gut angesprochene Thema, dass durch die „Wende“ Religionsfreiheit ein ganz neues Thema wurde, sich aber international auch ganz anders ohne den kommunistischen Block darstellt, etwa durch die zunehmende Verquickung von Religion und Nationalismus (darunter auch Beispiele eines christlichen Nationalismus!), im Buch fast völlig fehlt. Dabei hätte das Thema mindestens einen eigenen Beitrag verdient gehabt und hätte alle anderen Beiträge durchziehen müssen. Denn die praktische Lage der Religionsfreiheit weltweit als auch der internationale theoretische Diskusrs zum Thema hat sich in den letzten drei Jahrzehnten von der „Wende“ ausgehen grundlegend gewandelt und christliche Kirchen sind unmittelbar von beidem überall betroffen.

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Thomas Schirrmacher