ArchivFundamentalismus
Bio, Bio über alles
März 7, 2013 by Schirrmacher · 2 Kommentare
Die Deutschen lieben Ideologie und Fundamentalismus
Die Deutschen lieben die Ideologie und die einseitige Überhöhung der Alternative als nur gut und des Gegenteils als nur schlecht. Sie schimpfen auf alles vermeintlich Fundamentalistische und sind doch so gerne fundamentalistisch und teilen die Welt in nur gut und nur böse ein und bedrängen einen mit ihrer moralischen Überlegenheitsgewissheit!
Dirk Maxeiner und Michael Miersch haben in ihrer Kolumne in der Welt Anfang des Jahres [Maxeiner & Miersch. „53 Tote – aber alles Bio“. Die Welt vom 27.01.12] darauf hingewiesen, dass in Deutschland grüne Forschung und Wissenschaft mit unglaublicher Gründlichkeit vertrieben wird, obwohl die größten Lebensmittelskandale in Deutschland mit Bioprodukten zu tun hatten. Sie schreiben:
„Auf der Kundgebung vor dem Kanzleramt hielt die Fernsehköchin Sarah Wiener eine Ansprache. ‚Wir haben diese ständigen Lebensmittelskandale satt‘, rief sie der Menge zu, ‚wir müssen weg von der Agrarindustrie, hin zu einer bäuerlichen und nachhaltigen Landwirtschaft.‘“
Als gäbe es keine Lebensmittelskandale mit Biolebensmitteln, und das prozentual gesehen auffallend häufig, da Biolebensmittel ja nur einen Bruchteil der Lebensmittel in Deutschland ausmachen!
„Wie ist das möglich, nachdem vor nicht einmal einem Jahr verseuchte Biosprossen aus einer Biogärtnerei die größte Lebensmittelkatastrophe seit Bestehen der Bundesrepublik auslösten? Der Keim in dem nach Bio-Richtlinien erzeugten Gemüse infizierte mehr als 4000 Menschen, von denen 53 starben. Über 800 schwebten in Lebensgefahr. Sie wurden durch Intensivmedizin gerettet, nicht durch homöopathische Zuckerkügelchen. Wie tickt ein Land, das angesichts eines solchen Desasters den technischen Fortschritt für das größte Unheil hält? Offenbar glauben viele Menschen an eine Zukunft, in der Biobauern die Bevölkerung ernähren und Homöopathen die Kranken heilen. Mal sehen, wie lange die verbliebenen Wissenschaftler und Industriebetriebe noch geduldet werden?“
Inzwischen gibt es eine neue wissenschaftliche Untersuchung auf Grundlage aller erreichbaren wissenschaftlichen Untersuchungen weltweit, die gezeigt hat, dass Biolebensmittel nicht gesünder sind [zum Beispiel hier oder hier]. Reaktion bei den Gläubigen: Null!
Interview mit Thomas Schirrmacher zu den Vorwürfen von Pfarrer Wolfgang Beck im Wort zu Sonntag, Evangelikale seien mit Salafisten zu vergleichen
Februar 10, 2013 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar
Zum Anlass für dieses 2009 gegebene und hier aktualisierte Interview sieh meinen letzten Blogeintrag.
Bonner Querschnitte: Professor Schirrmacher, sind Evangelikale verfassungsfeindlich?
Dafür wird natürlich kein einziger Beleg geliefert. In allen Verfassungsschutzberichten kommt überhaupt keine christliche Gruppe vor und die Evangelikalen haben gerade in jüngster Zeit ihre Unterstützung unserer rechtsstaatlichen Demokratie immer wieder in Veröffentlichungen deutlich gemacht. Wenn ich täglich meine Zeitung aufschlage, finde ich da eine Menge Aktivitäten von Verfassungsfeinden, wo da aber Evangelikale dem auch nur in die Nähe kommen sollen, ist mir schleierhaft. Wenn 400-700 Millionen Evangelikale weltweit Demokratien umstürzen und Menschenrechte beschneiden wollten, würden sie aber etwas häufiger davon in der Zeitung lesen, geschweige denn wenn sie gewalttätig wären.
Wir Evangelikalen leben seit Jahrzehnten in diesem Land mit Millionen Menschen völlig friedlich zusammen und diese Millionen leben friedlich mit uns zusammen. Ich kann alle Politiker und Medienvertreter nur aufrufen: Bitte helfen Sie mit, dass dem so bleibt und kein hasserfülltes Klima gegen uns entsteht.
Aber gibt es nicht Evangelikale, die Problematisches sagen oder verwerflich handeln?
Wo gibt es solche Menschen nicht? Ich erinnere mich an einen Vortrag an der Universität Bonn, wo ein Theologe referierte, wieviele ‚geistig Gestörte‘ es unter Evangelikalen gäbe. Meine Antwort war, dass es die – was immer damit gemeint ist – natürlich gäbe. Die Frage wäre mir, ob er irgendeinen Nachweis dafür hat, dass der Prozentsatz höher als in der Normalbevölkerung oder bei politischen Parteien ist. Evangelikale sind Menschen, und alle Probleme, die es bei Menschen gibt, kommen auch bei ihnen vor. Jedes ernstzunehmende christliche Bekenntnis beinhaltet, dass auch Christen Sünder sind. Wogegen ich mich aber wehre, ist, aus dem, was einzelne Evangelikale tun, hochzurechnen, wie die Evangelikalen sind oder was die offiziellen Vertretungen der Evangelikalen vertreten. Um es einmal überspitzt zu sagen: Es gibt bei uns viele übergewichtige Evangelikale. Das liegt aber nicht daran, dass sie Evangelikale sind, sondern dass sie in Deutschland leben …
Und wie steht es mit den Freiheitsrechten?
Die evangelikale Bewegung ist aus der Antisklavereibewegung in England geboren worden, wo der Evangelikale William Wilberforce die Abschaffung der Sklaverei im 18. Jh. erreichte. Die Evangelische Allianz trat weltweit bereits Mitte des 19. Jh. massiv für Religionsfreiheit für alle ein, als die meisten Staaten (und Kirchen) das Wort noch nicht einmal buchstabieren konnten! Die Weltweite Evangelische Allianz und ihre nationalen Mitglieder und deren viele Kirchen sind heute weltweit Vorreiter für Menschenrechte und gegen Armut – jüngst lobte der Generalsekretär der UNO in einem Festakt die Weltweite Evangelische Allianz dafür. Und der Präsident der USA Barack Obama erwähnte soeben in seiner Rede gegen den Menschenhandel lobend den Einsatz der Evangelikalen.
Würden Sie solche Anwürfe als Christenverfolgung bezeichnen?
Gemach, gemach! Je stärker Evangelikale in den Medien präsent sind und sich sozial und politisch engagieren, desto mehr rühren sich auch ihre Gegner, gerade auch ihre theologischen Gegner. Evangelikale haben aber in unseren freien Gesellschaft und Dank der Pressefreiheit so viele Chancen, sich selbst in den Medien darzustellen, wie nie zuvor. Verantwortliche aller Art holen ihren Rat ein, wie nie zu vor. Alle verfolgten evangelikalen Christen weltweit würden ohne Nachzudenken mit den Evangelikalen in Deutschland tauschen. Immerhin geht es nur darum, dass einzelne Politiker und Theologen ihre private Abneigung gegen uns schriftlich – und manchmal leider steuer-, manchmal gebührenfinanziert – verbreiten, um mehr nicht.
Es sei zudem darauf verwiesen, dass solche Anwürfe überdurchschnittlich häufig von Theologen formuliert werden. Opfer und Täter wären also hier gleichermaßen Christen.
Kurzum, ich glaube, solche Entgleisungen sind nur eine Folge davon, dass es Leute ärgert, dass sich Evangelikale inzwischen auf vielen Feldern unmittelbar in gesellschaftliche Belange einmischen und offensichtlich erfolgreich in der Demokratie mitwirken. Früher war es ein Dauervorwurf an die Evangelikalen, dass sie die Stillen im Lande seien und sich nicht gesellschaftlich engagieren würden. Jetzt tun sie es, da ist es manchen auch nicht recht.
Die entscheidende Frage wird auf Dauer sein, wie gut die Medien in Deutschland recherchieren und ob sie fair berichten, oder ob die Chefredakteure zulassen, dass einzelne Journalisten ihre Abneigung gegen Evangelikale in öffentliche Polemik ummünzen dürfen. Und die Frage wird sein, ob die Medien bereit sind, Originalstimmen von offiziellen Vertretern der Evangelikalen zu präsentieren, oder nur Kommentare oder ‚schräge‘ Stimmen von Außenseitern, die sie als Mainstream darstellen.
Also nichts mit Christenverfolgung?
Natürlich ist es so, dass Verfolgung von religiösen, rassischen und anderen Gruppen immer mit der öffentlichen Verleumdung beginnt. Man unterstellt ihnen Dinge, die sie nie getan haben – und sorgt dafür, dass die öffentliche Meinung sie emotional ablehnt, ohne sich je auf ihre Inhalte und Selbstdarstellung einzulassen. Das ist Diskriminierung einer gesellschaftlichen Minderheit und das nicht wegen dem, was sie konkret tun, sondern wegen ihres Seins und Glaubens.
Evangelikale haben in Deutschland alle Freiheiten und Rechte, zu reagieren, sich zu wehren und darauf zu pochen, dass Evangelikale – wie alle anderen Gruppen in Deutschland – ihre Sicht zunächst selbst darstellen dürfen, bevor dann andere das kommentieren. Zudem haben Evangelikale nicht nur viele Freunde in allen Bereichen der Gesellschaft, sondern es gibt auch eine überwältigende Zahl von Menschen, die solche Verleumdungen ablehnen, auch wenn sie persönlich anders denken.
BQ: Herzlichen Dank für das Interview!
Christen zwischen Fundamentalismus und Beliebigkeit
Oktober 15, 2012 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar
Meine Ansprache beim Grenzgängerforum in Basel (www.grenzgaengerforum.org) im Juni 2012 wurde jetzt auf der Webseite des Grenzgängerforums zusammengefaßt: Grenzgänger zwischen Fundamentalismus und Beliebigkeit
Ein Bericht im Katholischen Pfarrblatt der Nordwestschweiz findet sich hier.
Im Folgenden ein Bericht von Fritz Imhof auf livenet.de (Quelle hier):
Das erste Forum für Grenzgänger zeigte am Samstag in Basel die Spannung und die Grenzen für Christen auf, die sich in der Gesellschaft engagieren.
Schon das Konzept der Tagung sprengte traditionelle Grenzen, indem es einen katholischen und einen evangelischen Referenten wählte. Thomas Schirrmacher ist weltweit bekannt als Religionswissenschafter, Experte für Religionsfreiheit, Buchautor und Rektor des Martin Bucer Instituts. Er legte das theologische Fundament. Der katholische Theologe Andreas Knapp erzählte von der Arbeit der „kleinen Brüder vom Evangelium“ im sozialen Grenzgebiet von Leipzig.
Thomas Schirrmacher nahm Mass an den Erfahrungen und Entscheidungen der alttestamentlichen Persönlichkeiten Josef, Daniel und Mordechai. Alle drei haben sich in einer fremden Kultur intensiv engagiert und gesellschaftliche Verantwortung getragen. Gleichzeitig wurden alle drei vor eine Schlüsselentscheidungen gestellt, bei der es um die Treue zu Gott oder vollständige Anpassung an das politische und religiöse Umfeld ging. Im entscheidenden Moment hielten sie Gott die Treue. Alle drei nahmen später Schlüsselpositiionen ein, ohne Gott und seinen Willen zu verraten.
Zwischen Anpassung und Widerstand
Ebenso wie die drei Männer aus dem Alten Testament stehen aktive Christen in der Spannung zwischen Anpassung und Widerstand bzw. Prinzipientreue. Diese Spannung sollte nicht dadurch aufgelöst werden, dass sich Christen entweder zu den Konservativen oder den Progressiven schlagen und sich somit dem einen oder andern Zeitgeist anschliessen. Ebenso wenig könnten sie die Beliebigkeit als Prinzip teilen oder ihren Wahrheitsanspruch mit Gewalt durchsetzen wollen (Fundamentalismus), so Schirrmacher.
Es sei daher normal, dass sich Christen oft zwischen Stuhl und Bank wiederfinden, sagte der katholische Studentenseelsorger Christoph Albrecht bereits in der Einleitung zur Tagung. So sei es bereits den Propheten gegangen. Christen grenzten sich mit ihrer Grundüberzeugung von der Gesellschaft ab, seien aber dennoch gerufen, für diese Verantwortung zu übernehmen und sie mitzugestalten. Sie müssten sich aber selbst eine Grenze setzen. „Eine Grenze ist aber keine Mauer“, betonte der Theologe Albrecht.
Die kleinen Brüder von Leipzig
Wie solches Engagement (auch) aussehen kann, beschrieb der katholische Theologe und ehemalige Verantwortliche für Priesterausbildung, Andreas Knapp. Er lebt mit drei weiteren Mitgliedern der «kleinen Brüder vom Evangelium» in einer Plattenbausiedlung am (sozialen) Rande von Leipzig. Es ist der Teil Deutschlands, der am höchsten säkularisiert ist. Knapp arbeitet am Tage in einer Fabrik am Fliessband und knüpft in der Freizeit Kontakt zu den Menschen vor Ort. Die Brüder bieten ihnen Beratung, Hilfe und Gastfreundschaft an. Er umschreibt diesen Einsatz und dieses Leben als «nazarenische Spiritualität». Eine Spiritualität, die das Leben und Wirken von Jesus von Nazareth zum Vorbild nimmt.
Jesus habe in einem Dorf gelebt, wo man soziale Not, Krankheit und Tod kannte. Er war den Menschen nahe, die um ihre Existenz kämpften. Er sei deshalb diesen Menschen immer näher gestanden als dem religiösen Establishment. Ähnlich wie Jesus wollen die „kleinen Brüder“ ihr Leben mit einfachen Menschen am Rande der Gesellschaft teilen.
In Workshops wurde anschliessend über die Schlussfolgerungen für gesellschaftliche Bereiche wie Kultur, Migration, Bildung und Wirtschaftsethik über die Konsequenzen für gesellschaftlich engagierte Christen diskutiert. Das Grenzgängerforum soll im nächsten Jahr eine Fortsetzung finden.
Datum: 20.06.2012 / Autor: Fritz Imhof / Quelle: Livenet
Religion und Gewalt in Indien 2: Die Hindutva
September 23, 2012 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar
24% der Bevölkerung, also über eine viertel Milliarde Einwohner gehören zu den unterprivilegierten, in der Verfassung eigens erfassten und eigentlich in Artikel 17 seit 1947 abgeschafften ‚Scheduled Castes‘ (SC), die sich in die Dalits (früher bei uns ‚Kastenlose‘ oder ‚Unberührbare‘ genannt) und den wesentlich kleineren Teil der ‚Scheduled Tribes‘ (ST), der Stammesvölker, unterteilen. Millionen von ihnen machen den Hinduismus und sein Kastendenken für ihre Lage verantwortlich und sind zum Islam, Buddhismus und Christentum übergetreten – die Hauptzielscheibe der Religionsverfolgung und das Ziel der Hindutva-Fundamentalisten ist, eine weitere Abwanderung zu verhindern und so viele wie möglich zwangsweise zurückzubekehren.
Wie man in anderen Ländern zwischen friedlichem Mehrheitsislam und die politische Herrschaft anstrebendem Islamismus differenzieren muss, muss man zwischen dem friedlichen Mehrheitshinduismus und dem, was man in Indien Hindutva nennt – dem fundamentalistischen Hinduismus, unterscheiden, wie er in der Partei ‚Bharatiya Janata Party‘ (BJP) verkörpert wird, die der politische Arm des größten und militanten Freiwilligenkorps der Welt ‚Rashtriya Swayamsevak Sangh‘ (RSS, ‚Reichsfreiwilligenkorps‘) und zahlreicher damit verbundener Organisationen ist.[1]
Die fundamentalistischen Bewegungen in Islam, Buddhismus (vor allem in Sri Lanka) und im Hinduismus stammen alle von Vordenkern aus den 20ern und 30er Jahren des letzten Jahrhunderts ab und sind in der Schlussphase des Kolonialismus entstanden.[2] Sie alle vertreten eine neue Form ihrer jeweiligen Religion, die es vorher so nicht gegeben hat. Die Partei ist geboren aus der Idee der 1920/30er Jahre, dass Indien allein dem Gott Rama gehöre. Das ist natürlich nicht einfach eine radikale Form des klassischen Hinduismus, der Begriff „Hinduismus“ wurde ja erst von den Engländern zum Zwecke von Volkszählungen geschaffen, um die zahllosen indischen Religionen zusammenzufassen. Das ist eine ganz neue Theorie, denn dass das Land nur einem Gott gehöre, ist eine Entlehnung aus monotheistischen Religionen.
In Indien hat es lange gedauert, bis die Ideologie der Hindutva in der großen Politik ankam,[3] in einer Demokratie natürlich in Form einer Partei, der Bharatiya Janata Party (BJP). Noch in meinem Studium beschäftigten wir uns mit der Hindutva als theologischer Größe, nicht als politischer, auch wenn mein Lehrer, der Religionswissenschaftler Hans-Joachim Klimkeit schon 1981 Schlimmeres kommen sah.[4]
Überall, wo diese Partei als Koalitionspartei mitregiert oder gar die Regierung stellt, werden Gesetze gegen andere Religionen verabschiedet oder kommt es, wie im Bundesstaat Orissa, gleich zu einem Gemetzel an Anhängern anderer Religionen.
„Eine Trennung von Staat und Religion ist für Hindu-Fundamentalisten unvorstellbar. Ich darf an dieser Stelle noch einmal daran erinnern, dass der Hinduismus von seinem Selbstverständnis eine Religion ist, die alle Bereiche des menschlichen Daseins vom Moment der Zeugung bis zum Tod und darüber hinaus durchdringt. Die durch die indische Verfassung garantierte Gleichbehandlung aller Religionen sehen insbesondere die politisch orientierten Fundamentalisten als Verrat am Hinduismus. Daher ist es eines ihrer wesentlichen Ziele, den Hinduismus zur vorherrschenden und allein bestimmenden Religion in Indien zu machen.“[5]
In den 1990er Jahren erlebte der Hindu-Nationalismus einen großen Aufschwung, was sich zum Teil mit den Problemen und Fehlern der seit Jahrzehnten unangefochtenen Kongresspartei erklärt, aber auch mit der radikalen wirtschaftlichen Modernisierung des Landes. Der Hindutva-Extremismus wandte sich traditionell vor allem gegen Muslime, massiv dann ab den 1990er Jahren. Die BJP und die ihre verbundenen Organisationen waren – um nur die herausragendsten Beispiele zu nennen – 1992/93 die Aufwiegler bei den schweren Unruhen in Mumbai und ganz Indien nach der Zerstörung der Babri-Moschee und Verursacher der Gewaltwellen zwischen Hindus und Muslimen im westindischen Bundesstaat Gujarat im Jahr 2002.
Die den Anspruch, dass Indien nur den Hindus gehöre, vertretende Partei BJP wuchs in den neunziger Jahren zur stärksten politischen Kraft Indiens. 1998 ging die BJP mit 23,3% der Stimmen als zweitstärkste Partei aus den Wahlen hervor. Zwischen 1998 und 2004 bildete sie die Regierung in Indien mit dem Premierminister Atal Behari Vajpayee, erlitt dann aber Wahlniederlagen gegen die säkulare Kongresspartei, zuletzt 2009. Man sieht als einen Grund für die Niederlage der BJP an, dass es in den von ihr regierten Bundesstaaten, zuletzt in Orissa, zu schweren Christenverfolgungen mit vielen Toten und Zigtausenden Vertriebenen kam.
Ironischerweise griff der Neo-Hinduismus als Grundlage des gewalttätigen hinduistischen Fundamentalismus der Gegenwart mit der Berufung auf den ‚Hinduismus‘ ein von der britischen Kolonialmacht eingeführtes Etikett auf: Erst im 19. Jahrhundert wurden von den Briten verschiedenste religiöse Traditionen in Indien unter dem Sammelbegriff ‚Hinduismus‘ zusammengeführt. Zuvor gab es eigentlich kein Bewusstsein dafür, dass die vielfältigen religiösen Richtungen und Praktiken in Indien eine gemeinsame Religion bilden. Seit dem 19. Jahrhundert wurde die klassische, brahmanische Traditione des Hinduismus neu formuliert und betont (Re-Hinduisierung), zum anderen wurde der Hinduismus als Gemeinsamkeit stiftende Tradition politisch genutzt (Neo-Hinduismus), wobei man sich – mit zum Teil ganz neuen Interpretationen – auf die alten religiösen Schriften des Veda oder der großen indischen Epen (Mahabharata, Ramayana) stützte. Ein Beispiel dafür ist der Rama-Kult, die Verehrung Ramas als königlicher Inkarnation des Gottes Vishnu, den es in dieser Form früher nicht gab. Daraus entstand die moderne politische Idee des Ramarajya, der Herrschaft Ramas über ganz Indien. Der Neo-Hinduismus entwickelte eine neue Geschichtsauffassung, in der für Islam und Christentum kein Platz war. Der Hinduismus erscheint nun als ursprüngliche Religion der Inder, der von späteren Entwicklungen gereinigt werden muss. Die indische Geschichte wird nun periodisiert. Einer ersten Periode, dem Goldenen Zeitalter der Hindu-Herrscher folgt die muslimische und dann die britische Invasion und Verunreinigung. Jetzt muss Indien wieder ganz für den Hinduismus zurückerobert werden. Das gemeinschaftsbildende Element des hinduistischen Fundamentalismus ist der Glaube an die Einzigartigkeit der indischen Erde. Indien, Pakistan, Bangladesch, Nepal, Sri Lanka, Bhutan und große Teile Birmas, werden als ‚heiliges Land‘ mit zentraler Bedeutung für die Weltgeschichte und als Wohnort der Götter betrachtet, eine Folge der gemeinsamen Kontrolle dieses Gebietes durch den britischen Kolonialherren. Obwohl die Politisierung des Hinduismus bereits im 19. Jahrhundert begann, konnte sein Einfluss zunächst durch die säkulare Staatsgründungsidee Indiens und die lange Herrschaft der Kongresspartei zurückgedrängt werden. Seine schon lange gewaltsame Seite trat in das Blickfeld der Weltöffentlichkeit, als Hindus 1992 die Babri-Moschee von Ayodhya zerstörten, um an gleicher Stelle einen Tempel des Hindu-Gottes Rama zu errichten.
Ich habe mehrfach die These vertreten, dass die Hauptursache für zunehmende Christenverfolgung aber auch Einschränkung von Religionsfreiheit überhaupt einerseits fundamentalistische Bewegungen sind, andererseits ein zunehmender religiöser Nationalismus, der Nationalismus mit der Zugehörigkeit zur Mehrheitsreligion gleichsetzt.[6] In Indien findet sich eine untrennbare Mischung beider Bewegungen als Hauptproblem für die abnehmende Toleranz gegenüber religiösen Minderheiten.
Die wichtigsten Organisationen des politischen Hinduismus
(1) Die RSS (Rashtria Svayamsevak Sangh = Nationaler Freiwilligenverband) ist die Mutterorganisation der Sangh Parivar, der ‚Nationalen Gemeinschaft aller Hindus‘. 1925 unter dem charismatischen Führer K. B. Hedgewar gegründet, entwickelte sie sich schnell zur führenden Organisation des politisch erneuerten Hindutums. Die paramilitärisch und hierarchisch straff strukturierte Organisation hat etwa 5 Mio. Anhängern und unterhält über 27.000 Trainingslager (Shakas) für Kämpfer für ein ‚Hindustan‘.
(2) Ein Ableger des RSS ist der 1964 in Bombay gegründete Weltrat der Hindus (VHP = Vishwa Hindu Parishad). Er ist das eigentliche kultur- und religionspolitische Sprachrohr des fundamentalistischen Spektrums weltweit. Die VHP unterhält in ganz Indien und weltweit soziale, karikative, religiöse und publizistische Einrichtungen. Ziel ist vor allem, die Konvertierung von Hindus zum Islam, Buddhismus oder Christentum zu verhindern.
(3) Die aus der RSS hervorgegangen Partei ist die Allindische Volkspartei (BJP = Bharatya Janata Partei). Sie versteht sich als Hüterin des hinduistischen Erbes und kämpft gegen die angebliche Bevorzugung von Muslimen und gegen den Säkularismus der derzeit wieder regierenden Kongresspartei. Die BJP stellt in einigen Bundesstaaten die Regierung und einige Jahre den Ministerpräsidenten.
(4) Radikaler, aber nur regional vertreten als die BJP ist die Shiv Sena, die „Armee Shivas” unter straffer Führung ihres Gründers Bal Thackeray stellt seit 1968 mit Unterbrechungen den Bürgermeister der Riesenstadt Mumbais (früher Bombay). „Die Schlägertrupps der Shiv Sena sind nicht nur bei fast allen blutigen Auseinandersetzungen zwischen Hindus und Muslimen an vorderster Front, sondern sie sind auch oftmals deren Drahtzieher und Organisatoren, wie z.B. 1992 in Mumbai, als fast 1000 Menschen, vorwiegend Muslime, bei blutigen Ausschreitungen ihr Leben verloren.”[7]
An vielen Orten unternimmt die örtliche Polizei nichts, wenn Hinduextremisten gegen Muslime, Christen oder andere vorgehen. Eher werden noch einige der Opfer vorübergehend festgenommen. Zwar sind spätere Eingaben bei höheren Autoritäten oder bei Gerichten meist erfolgreich, aber bis dahin sind die Opfer Freiwild und weder die Täter noch die inaktiven Polizisten werden belangt. Oft wird auch ein Kompromiss erzwungen, etwa eine Bestechungszahlung durch die Opfer oder das Angebot, dass die Opfer nicht mehr behelligt werden, aber den Ort verlassen und ihre Häuser aufgeben müssen.
Im westindischen Bundesstaat Gujarat wurde im März 2003 von der Polizei versucht, alle Bekehrungen zum Christentum und alle christlichen Organisationen zu erfassen und deren subversiven Tätigkeiten für das Ausland zu belegen, um ein Gesetz gegen Religionswechsel von Hindus zu erlassen. Der Oberste Gerichtshof des Bundeslandes untersagte diese Umfragen als gegen die Verfassung gerichtet, sie wurden aber dennoch fortgesetzt und das Gesetz schließlich verabschiedet.
Anfang 2012 wurde in Mumbai eine Synagoge zerstört und der Rabbi und seine Frau getötet. Die Regierung stellte sich nicht etwa auf die Seite der Juden, sondern verwies am 3.2.2012 den 2010 eingereisten Rabbiner einer der ältesten Synagogen im Land in Ernakulam im Bundesstaat Kerala – erbaut im Jahr 1568 – innerhalb von zwei Monaten des Landes, angeblich aus Sicherheitsgründen.
Es sei noch angemerkt, dass es kein Zufall ist, dass die religiöse Gewalt in Bundesstaaten mit Antibekehrungsgesetzen am höchsten ist, ohne hier monokausale Beziehungen herstellen zu wollen. Aber weltweit lässt sich zeigen, dass Einschränkung von Religionsfreiheit eher Gewalt hervorbringt, als Religionsfreiheit und freie Religionsausübung eine friedliche Gesellschaft begünstigt, während deren Beschränkung, um Unruhe zu verneiden, diese Unruhe oft gerade herbeiredet.[8]
[1] Jakob Rösel. „Ideologie, Organisation und politische Praxis des Hindunationalismus: Lehre, Rituale und Wirkung des RSS und der BJP“. Internationales Asienforum 25 (1994): S. 285–313.
[2] Siehe ausführlicher Thomas Schirrmacher. Fundamentalismus: Wenn Religion zur Gewalt wird. Holzgerlingen: SCM Hänssler, 2010.
[3] Michael Schied. Nationalismus und Fundamentalismus in Indien. Der Ayodhya-Konflikt. Saarbrücken: Müller, 2008; Clemens Six. Hindu-Nationalismus und Globalisierung. Frankfurt: Brandes, 2001; Andreas Schworck. Ursachen und Konturen eines Hindu-Fundamentalismus in Indien aus modernisierungstheoretischer Sicht. Berlin: Verlag für Wissenschaft und Bildung, 1997; Ernst Pulsfort. Indien am Scheideweg zwischen Säkularismus und Fundamentalismus. Würzburg: Echter, 1991.
[4] Hans-Joachim Klimkeit. Der Politische Hinduismus. Wiesbaden: Harrasowitz, 1981.
[5] Katharina Ceming. „Hinduismus: Auf dem Weg vom Universalismus zum Fundamentalismus?“. polylog. Zeitschrift für interkulturelles Philosophieren 12 (2004), S. 99–114 (= 1-15), auch unter http://them.polylog.org/5/ack-de.htm (15.3.2012). S. 7.
[6] Zuletzt in „Aktuelle Entwicklungen der Christenverfolgung weltweit“. S. 59–82 in Kuno Kallnbach, Helmut Matthies (Hg.). Bedrängt, verfolgt, getötet. Gießen: Brunnen, 2012.
[7] Katharina Ceming. „Hinduismus: Auf dem Weg vom Universalismus zum Fundamentalismus?“. polylog. Zeitschrift für interkulturelles Philosophieren 12 (2004), S. 99–114 (= 1-15), auch unter them.polylog.org/5/ack-de.htm (15.3.2012). S. 13.
[8] Siehe Brian J. Grim, Roger Finke. The Price of Freedom Denied: Religious Persecution and Conflict in the Twenty-First Century. Cambridge: Cambridge University Press, 2010 und meinen Kommentar dazu unter http://www.thomasschirrmacher.info/archives/1792 (15.3.2012).
Religion und Gewalt in Indien 1
September 20, 2012 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar
Auch wenn im Folgenden viel Negatives zu berichten ist, ist festzustellen, dass in Indien über eine Milliarde Menschen friedlich zusammenleben und Indien angesichts der aufs Ganze gesehen noch sehr kleinen Zahlen gewalttätiger Übergriffe noch alle Hoffnungen hat, der Lage Herr zu werden, wenn die Regierung nur bereit ist, entschlossen durchzugreifen und die Religionsfreiheit zu einem hohen Gut und unverzichtbaren Kennzeichen der Demokratie macht.
Das Verhältnis der Religionen untereinander ist ein seit der Geburt Indiens 1947 ungelöstes Problem. Das kann man nur mit großem Bedauern feststellen, hat doch dies wunderschöne und vielfältige Riesenland viele andere Hausaufgaben gemacht und in vielen Punkten gegenüber anderen ehemaligen Kolonien große Erfolge aufzuweisen. Es fällt mir schwer, so negativ über ein Land zu schreiben, dass mir solch große Gastfreundschaft gewährt hat.
Doch Mahatma Gandhis unrealistischer Traum der Hindu-Muslim-Einheit ging bereits vor und während der Unabhängigkeit Indiens nicht nur in seiner Ermordung durch einen Hinduextremisten, sondern vor allem in der Spaltung in das vorwiegend hinduistische Indien und das fast rein muslimische Pakistan unter. Die ethnische Säuberung Pakistans und die Vertreibung von Muslimen aus Restindien führten zu einem riesigen Blutbad flüchtender Muslime und Hindus mit 750.000 bis 1.000.000 Toten. 1947–1954, 1965, 1971 und 1999 kam es zu direkten Kriegen zwischen Indien und Pakistan bzw. muslimischen Terrorbewegungen in Kaschmir, der an Pakistan angrenzenden nördlichsten indischen Provinz mit einem hohen Prozentsatz an Muslimen. Seit 1986 kämpfen Muslime in Indien gewaltsam für ein unabhängiges Kaschmir, der Konflikt kostete seit 1989 21.000 Zivilisten das Leben. Die größten Anschläge fanden 1993 in Mumbai (257 Tote), 2001 in Srinagar 2003 und 2006 in Mumbai (57 + 200 Tote), 2005 in Neu-Delhi (62 Tote), 2007 in Hyderabad (42 Tote), 2007 in einem Zug nach Pakistan (65 Tote) und 2008 in verschiedenen Städten (130 Tote) und in Mumbai (174 Tote) statt.
Doch so sehr der islamistische Terror zu verurteilen ist, so ungern wird darüber gesprochen, dass der politische Hinduismus und seine offizielle Duldung mit Schuld an der Situation sind. Er wird offiziell in der Partei Bharatiya Janata Party (BJP) verkörpert, die zeitweise die Bundesregierung stellte und in einigen Bundesstaaten die Parlamentsmehrheit innehat – mit verheerenden Folgen für die Anhänger anderer Religionen.
Diese fundamentalistische Strömung des Hinduismus will zwangsweise den Hinduismus erhalten – etwa indem man die Hunderte Millionen Dalits zwingt, ihre Rolle als Unberührbare weiter zu akzeptieren. Nach ihrer Meinung gehört das Land der Inder nur den Hindus – in den meisten indischen Sprachen sowieso dasselbe Wort. Vielerorts gelten Muslime als Bürger zweiter Klasse und es gab und gibt eine nennenswerte Gewalt seitens indischer Nationalisten gegen Muslime und Moscheen.
Deswegen gibt es in Indien nicht nur gewaltsame Spannungen zwischen Hindus und Muslimen, sondern auch mit anderen Religionen. Im Punjab versuchten die Sikhs gewaltsam einen eigenen Staat zu errichten, was 1980 und 1984 von der indischen Armee brutal beendet wurde, worauf ein Sikh-Leibwächter Indira Gandhi ermordete. Das Problem schwelt bis heute weiter. Das Verhältnis zum Buddhismus ist nur friedlicher, weil viele Hindus den Buddhismus zum Hinduismus zählen. Kommt es aber zu Massenübertritten von Dalits (Unberührbaren) zum Buddhismus, bekommen auch Buddhisten den Hass zu spüren.
Erst wenn man dies sieht, versteht man auch den Zusammenhang mit der erschreckend zunehmenden Gewalt gegen Christen aller Art, gegen die seit 1800 Jahren alteingesessenen Thomaschristen ebenso wie gegen die seit 450 Jahren im Land bestehenden Katholiken und die seit 250 Jahren im Land lebenden Protestanten.
Solange die Zentralregierung gegen religiöse Gewalt von fundamentalistischen Hindus gegen Dalits, Muslime, Sikhs, Stammesreligionen, Juden, Christen und andere nicht konsequent vorgeht, sondern Bundesstaaten gewähren lässt, parteiliche Gerichtsurteile unterstützt und im Wahlkampf mit religionsnationalistischen Äußerungen auf Stimmenfang geht, schürt sie nur die Gegengewalt der Religionsanhänger, die prinzipiell gewaltbereit sind. Glücklicherweise zählen die Christen zu den friedlichen Bürgern des Landes und verhalten sich pazifistisch gegenüber Angriffen, auch wenn sie zwischen die Fronten gewalttätiger Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und Hindus geraten.
Religionsfreiheit ist nie nur eine Frage schöner Worte in Verfassungen, sondern auch eine Frage der Bereitschaft der Träger des Gewaltmonopols, gegen die vorzugehen, die die Religionsfreiheit gewaltsam verhindern wollen. Dazu benötigt man 1. gute Gesetze, 2. den Einsatz von Polizei und Bundesheer zum Schutz der Opfer und 3. durch gerechte Aufarbeitung vor Gericht und gerechte Ahndung. An allen drei Punkten mangelt es in Indien.
Breivik und die Stunde der Pharisäer
August 10, 2011 by Schirrmacher · 1 Kommentar
Eine Kurzfassung erschien in ProKompakt. Eine überarbeitet Version der Kurzfassung erscheint im Druck in der Zeitschrift PRO.
Anders Behring Breivik setzte am 22. Juli 2011, als Polizist getarnt, auf die norwegische Insel Utøya über und eröffnete eine Stunde lang das Feuer auf die Jugendlichen des alljährlichen Zeltlagers der sozialdemokratischen Jugendorganisation Arbeidernes Ungdomsfylking. 68 Menschen starben. Er soll auch für die Bomben verantwortlich sein, die zwei Stunden vorher am Regierungssitz Oslo detoniert waren und acht Menschen töteten, wohl auch, um die Polizei von dem Massaker in Utøya abzulenken.
Ein nichtreligiöser Mensch wird zum christlichen Fundamentalismus mutiert
Dass der ZDF-Terrorismusexperte Elmar Theveßen den Anschlag vorschnell den Islamisten zuschob, hat seinem Ruf sehr geschadet (Berliner Zeitung: „Der Seher im Zweiten“). Dass er kurz darauf ebenso überzeugt und ebensowenig mit Fakten unterfüttert Breivik zum christlichen Fundamentalisten erklärte, läßt man ihm aber merkwürdigerweise durchgehen. Er räsoniert, dass es eine solche aus den USA beeinflusste christlich-fundamentalistische Szene auch in Deutschland gebe, wen er dabei meint, sagt er aber nirgends. Jedenfalls sollte er dringend dafür sorgen, dass die Verfassungsschutzberichte um diese bisher allen unbekannten Gruppen ergänzt werden. Gewalttätigen Rechtsextremismus, ja den gibt es bei uns zuviel, aber denselben von frommen Bibelglauben beflügelt – das ist doch frei erfunden!
Es waren ausnahmsweise einmal nicht Journalisten, die den Begriff „christliche-fundamentalistisch“ völlig irreführend aufbrachten, sondern der Fahndungschef der norwegischen Polizei Øystein Mæland, der in einer ersten Stellungnahme frühzeitig den Attentäter Anders Breivik „wohl eine rechtsextreme, christlich-fundamentalistische Haltung“ andichtete. Woher er das so früh wissen konnte, wird sein Geheimnis bleiben. Aber Journalisten aller Coleur beteten das weltweit begierig nach, und zwar bevor irgend jemand das 1500seitige Pamphlet des Attentäters gründlich studiert hatte oder irgendetwas über sein Leben wußte. Wie man diese Beschreibung eigentlich rechtfertigt, hat auch Tage danach noch keiner genauer begründet. Aber die Beschreibung ‚christlich-fundamentalistisch‘ will ja offensichtlich keine Information vermitteln, sondern einfach Stimmung machen, gegen wen auch immer. Und es fanden sich auch einzelne Kirchenführer, die prompt echoten, jetzt sei eine großangelegte Auseinandersetzung mit dem christlichen Fundamentalismus angesagt.
Obwohl Experten aus Norwegen ebenso wie in aller Welt längst Einspruch erhoben haben, bahnt sich die Einsicht nur mühsam in die Hintergrundartikel der Medien: Breivik will zwar das christliche Abendland als kulturell-rassistische Größe retten, aber ohne selbst religiös zu sein und ohne das Christentum gutzuheißen, dafür kritisert er wirklich zuviel an allen Kirchen, an der Bibel, am Papst, allem vorneweg das vermeintliche Liebesgehudel des Christentums, nicht zuletzt auch den Muslimen gegenüber. Breivik schreibt: „Als nichtreligiöser Mensch, der aber den Einfluss des jüdisch-christlichen Denkens auf die westliche Kultur anerkennt und respektiert, habe ich vor dem naiven Mitleid der Christen für muslimische Einwanderer gewarnt …“
Fakt ist: Eine Beauftragung oder Legitimierung durch Gott oder eine existierende Religion, geschweige denn die christliche, spielt bei Breivik überhaupt keine Rolle. Gott kommt bei ihm praktisch überhaupt nicht vor und da wo ein Gebet zu ihm erwähnt wird, weiß Bereivik nicht, ob es ihn überhaupt gibt oder nicht! Er schreibt ausdrücklich in seinem Machwerk „Ich bin ein nichtreligiöser Mensch …“. Man hätte also genauso gut den Atheismus verantwortlich machen können, schließlich gibt es Gottlosigkeit auch im rechtsextremen Lager und Hass auf Muslime setzt keine eigene Religion voraus. Breivik dazu: „Also nein, man braucht keine persönliche Beziehung zu Gott oder Jesus, um für das christliche kulturelle Erbe zu kämpfen. Es reicht, wenn du ein christlicher Agnostiker oder ein christlicher Atheist bist (ein Atheist, der wenigstens das Grundlegendste des europäischen christlichen kulturellen Erbes bewahren will) …“ „Die Spaltung von Christen und Nichtchristen ist die am schwersten zu überwindende Spaltung des Westens heute. Ich kämpfe selbst mit ihr.“
Aber irgendwie war man so froh, dass es einmal nicht islamistische Fundamentalisten waren und christliche Fundamentalisten sind ja sowieso ein Übel, da spielt es keine so große Rolle, ob sie wirklich etwas mit dem Attentat zu tun haben. Und waren da nicht Leute, die Abtreibungskliniken beschädigt und Abtreibungsärzte erschossen haben? Das geschieht zwar nur in den USA und im Schnitt alle 10 Jahre einmal und wird von restlos allen christlichen Gruppen verurteilt, aber irgendwie muss man ja Vorurteile in der Bevölkerung wachhalten.
Der Chefredakteur der Schwäbischen Post schoss den Vogel ab, als er den württembergischen Bischof Frank Otfried July in der Ausgabe vom 26.7. in der ersten Frage damit konfrontierte: der Täter „bezeichnet sich als ‚christlichen Fundamentalisten‘“. Haben das all’ die Tausende, die die 1500 Seiten Breiviks durchstöberten, überlesen? Tatsächlich erklärt sich Breivik in seinem Text mehrfach grundsätzlich gegen christliche „Fundamentalisten”. Breivik schreibt: „Ich war ein hingegebener, praktizierender Christ. Heute kann ich mich aber in keinem gegenwärtig bestehenden Zweig der Christenheit wiederfinden. Viele meiner Freunde sagen mir: ‚Ich kann keine Kirche betreten, ohne meinen Verstand an der Tür abzugeben‘. In dieser Hinsicht sind evangelistische, fundamentalistische Kirchen nicht besser als liberale. Ich besuchte einmal einen Vortrag über Armut in der Dritten welt in einer Pfingstgemeinde. Die Ursache [ihrer Meinung nach]: Fehlende Infrastruktur. Wir müßten nur tiefer in unsere Taschen greifen und dann würden sich die Proleme lösen.“
Zurück zur Schwäbischen Post. Ist hier nicht eher der Wunsch Vater des Gedankens? Der Bischof läßt sich zum Glück nicht aufs Glatteis führen, nimmt den Pietismus ausdrücklich vom Fundamentalismus aus, meint dann aber doch, „dass der Glaube immer „zeitbezogen sein muss“ und „sich nicht einmauern“ darf und „kein falsches Bibelverständnis haben“ darf. Was aber hat das mit Breivik oder mit dem furchtbaren Verbrechen zu tun? Dessen wirre Weltanschauung war doch durchaus „zeitbezogen“. Und was hat ein falsches Bibelverständnis zu seiner Tat beigetragen? Und ist ein „richtiges“ Bibelverständnis eine Garantie gegen Gewalt? Kann man nicht auch mit einem sehr kritischen Bibelverständnis Kriege begründen, wie es der Nestor der liberalen Theologie Adolf von Harnack tat, dessen sehr ‚zeitbezogene’ Brandrede zum 1. Weltkrieg selbst Kaiser Wilhelm II. bekanntlich zu scharf war?
‚Christlicher Terrorist’ – die US-Variante
Die USA haben ihre eigene Version der Darstellung. Hier wird kaum der Begriff ‚Fundamentalist‘ verwendet, sondern Breivik als ‚christlicher Terrorist‘ bezeichnet. In den USA ist der Soziologe Mark Juergensmeyer der Hauptverteidiger der Zuschreibung ‚christlicher Terrorist‘. Die englische Wikipedia bezeichnet Breivik einfach als solchen und kann dazu viele führende Medien in den USA anführen. Die Wikipedia stellt die Morde von Breivik zusätzlich in ihrem Artikel über ‚christlichen Terrorismus‘ ausführlich dar. Der wissenschaftlich unhaltbare Artikel listet zwar allerlei historische Beispiele auf, aber Breivik ist das einzige aktuelle Beispiel.
Weltanschauungskampf Auf dem Rücken der Opfer
Dazu kommt ein anderes. Warum muss man die brutale und irre Gewalttat eines Mannes wie Breivik überhaupt einer Gruppe oder Weltanschauung in die Schuhe schieben? Was habe ich da nicht alles gelesen! Schuld sind Sarrazin und seine Anhänger, schuld sind alle Islamkritiker, schuld sind Schützenvereine, schuld sind konservative Kräfte und alle ‚Rechten‘, und jedesmal geschieht dies im Tone einer uns alle endlich aufklärenden, tiefschürfenden Analyse. Warum aber nicht gleich noch alle Männer, alle Bauern, alle Schützen, oder was Breivik zufällig alles auch noch war, verantwortlich machen?
Und all’ das atmet den Geist: Wer zu meiner Gruppe gehört, ist vor solchen Gewaltverbrechen gefeit. Wir sind die Guten, die anderen die Bösen, und wo das hinführt, kann man jetzt ja wieder einmal sehen. Das Unerklärliche, für das selbst erfahrene Psychologen viele Worte benötigen, wird zur billigen Selbstbestätigung genutzt. Da ist die Bibel doch realistischer: „Wer stehe, sehe zu, dass er nicht falle.“
Riecht das nicht danach, das Journalisten und inzwischen auch Politiker hier versuchen, ihnen unliebige Weltanschauungen und Ansichten auf dem Rücken der Opfer mißliebig zu machen? Die Freimaurer, zu denen Breivik zeitweise gehörte, wollte keiner schlecht machen, also kamen sie nie in Verdacht – und natürlich hat ihre Weltanschauung mit diesem Verbrechen nichts zu tun. Aber warum dann das Christentum anführen, zu dem Breivik keinen Bezug hat? Er gehörte keiner christlichen Gruppe an und keine würde sich je zu seinen Taten bekennen. Für seinen erfundenen Tempelritterorden muss man, so Breivik, nicht Christ sein, sondern er hat auch gerne Agnostiker, Atheisten, ja sogar aufgeklärte Muslime dabei.
Musterbeispiel ist hier jedoch ein Politiker, kein Journalist, der dafür immerhin einen Sturm der Entrüstung erntete. Sigmar Gabriel diktierte dpa: „In einer Gesellschaft, in der der Anti-Islamismus und die Abgrenzung von anderen wieder hoffähig wird, in der das Bürgertum Herrn Sarrazin applaudiert, da gibt es natürlich auch an den Rändern der Gesellschaft Verrückte, die sich letztlich legitimiert fühlen, härtere Maßnahmen anzuwenden.“ Na, wenn das keine Abgrenzung ist! Gabriel vermittelt deutlich, dass es kein Wunder ist, wenn im Bereich seiner politischen Gegner Gewalttaten geschehen, während das offensichtlich bei Gleichgesinnten nicht geschehen kann. „Rechtsradikalismus, Rechtspopulismus und deren Gewalttaten sind aus Sicht des SPD-Chefs kein Problem der Ränder der Gesellschaft, sondern stünden in deren Mitte“, so dpa weiter. „Um dem künftig den Nährboden zu entziehen, brauche es einen Gesinnungswandel: ‚Das Zentrum der Gesellschaft muss klar machen, dass das bei uns keinen Platz hat – auch nicht weichgespülte Versionen davon. Nur dann dämmt man das ein.‘“. So eine Frechheit! Die Mitte der Gesellschaft ist also rechtsradikal und schuld an einem Klima, dass Breivik begünstigt hat. Und ein Gesinnunsgwandel hin zu Gabriels Ansichten verhindert Terrorismus zukünftig? Dass Sarazin im Übrigen Mitglied seiner eigenen Partei und völlig und unreligiös ist, hat er in diesem Zusammenhang nicht erwähnt. Wenn die eigentliche Gefahr denn wirklich „in der Mitte der Gesellschaft“ lauert, dann gehört Gabriels Partei jedenfalls dazu.
Gabriel fühlt sich jetzt falsch verstanden. Er habe Sarrazin nicht direkt verantwortlich machen wollen. Ob Gabriel auch Mitgefühl für die Millionen hat, die sich mit seiner Zuschreibung falsch verstanden fühlen? Gabriel hat doch immerhin klar gesagt, dass es starke gesellschaftliche Kräfte in Deutschland gebe, die das nötige Klima für Anschläge wie die in Norwegen schaffeten. (Davon, dass er erst einmal zeigen müßte, wie ein Klima in Deutschland einen Einzelgänger in Norwegen beeinflußt, wollen wir einmal gar nicht sprechen.)
Ulrich Poschard nennt es in der ‚Welt‘ treffend „das durchsichtige Manövrieren um politischen Landgewinn im Windschatten einer Katastrophe“. Das geht für ihn quer durch alle Parteien. „Der innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion plädierte fast rituell für die Vorratsdatenspeicherung. Claudia Roth von den Grünen forderte die Bundesregierung zum Kampf gegen rechts auf. Andrea Nahles erneuerte ihren Wunsch nach einem NPD-Verbot, ein grüner Innenexperte schrie nach einem verschärften Waffenrecht, und schließlich war es der stammtischerprobte SPD-Chef Sigmar Gabriel, der wusste, wer Schuld an der norwegischen Tragödie hatte: Thilo Sarrazin.“
Es sind nach Jesus die Pharisäer, die sagen „Herr, ich danke dir, dass ich nicht so bin, wie diese da.“ Überzeugte Christen sagen mit dem Zöllner: „Herr, sei mir Sünder gnädig!“ und wissen, dass das Böse überall seine Fratze erheben kann, auch unter uns und in uns. Breivik’s Tata sollte nicht die Stunde der Pharisäer sein, sondern die Stunde echter Trauer.
All das hat mit Fundamentalismus nichts zu tun
Noch einmal zurück zur Bezeichnung „fundamentalistisch“. Was für eine unsinnige Bezeichnung im Zusammenhang mit diesem Verbrechen! In meinem Buch „Fundamentalismus“ vertrete ich zwar, dass Fundamentalismus im Alttagsdeutsch auf Leute bezogen wird, die ihre Weltanschauung mit Gewalt anderen aufzwingen wollen. Dementsprechend sollte der Begriff nie und nimmer für friedliche Menschen jedweder Relgion und Weltanschauung verwendet werden. Aber selbst dieser mein Fundamentalismusbegriff paßt bei Breivik nicht. Wenn man aber Fundamentalismus an nderen Fragen wie der Stellung zu einer Heiligen Schrift festmacht, wird die Verwendung noch unsinniger.
Dom Radio Köln berichtet: „Auch nach Einschätzung des Theologen Reinhard Hempelmann ist der Attentäter von Oslo kein christlicher Fundamentalist. Die Bezeichnung sei ‚irreführend‘, weil damit suggeriert werde, es gebe einen Bezug zu derartigen Strömungen oder Gruppen, sagte der Fundamentalismus-Experte der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen am Montag in Berlin im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Er könne im ‚Pamphlet‘ Breiviks keine Charakteristika erkennen, die auf religiösen Fundamentalismus hindeuteten. ‚Nach meiner Überzeugung ist der Versuch, dieses Attentat auf dem Hintergrund eines christlichen Fundamentalismus zu interpretieren, nicht zielführend‘, so Hempelmann. Viele andere Aspekte in Breiviks Äußerungen spielten eine wesentlich dominierendere Rolle. Ein Fundamentalist berufe sich pointiert auf bestimmte heilige Schriften und verstehe diese wortwörtlich. Ferner hänge er einem spezifisches Religionssystem an und wolle dies durchsetzen. All dies sei bei Breivik nicht der Fall. Auch spielte bei dem Attentäter die religiöse Überzeugung als Motivation ‚für die monströse und menschenverachtende Tat‘ offenbar keine Rolle. Der Bezug des Attentäters auf die Religion sei ideologisches und eklektisches Beiwerk …“ So jedenfalls sehen es Experten, die sich seit Jahren mit dem Thema beschäftigen.
Warum nicht mal zur Abwechslung selbst recherchieren?
Noch ein letzter Gedanke. Ich dachte immer, dass Journalisten nicht abschreiben, sondern selbst recherchieren. Die durch nichts begründete Formulierung ‚christlich-fundamentalistisch‘ wabert aber durch alle deutschsprachigen Medien (die englischen hatten ihren ‚christlichen Terroristen‘), und zwar auch nach Tagen noch, als Fachleute längst offengelegt haben, dass es keine christlichen und keine fundamentalistischen Elemente in Breiviks Pamphlet gibt. Ebenso wurde die dümmliche Formulierung „blond und blauäugig“ – einmal in die Welt gesetzt – immer und immer wieder angeführt, warum, weiß wohl keiner. Wofür haben wir aber eigentlich zwei staatliche und mehrere private Fernsehanstalten, zahlreiche Tageszeitungen usw., wenn am Ende doch alle nicht selbst recherchieren, sondern nur nachbeten beziehunsweise erst Tage später gut recherchierte Hintergundartikel liefern?
Ein Science-Fiction-Rassenkrieg in echt
Wie aber ist Breivik religiös-weltanschaulich denn wirklich zu verorten? Frieder Leipold hat dies in Focus-Online mittlerweile am treffendsten getan: „Das Vorgehen von Behring Breivik weist Parallelen zu dem rassistischen Science-Fiction-Roman ‚Turner Diaries‘ aus dem Jahr 1978 auf. Das Buch kursiert in rechtsradikalen Kreisen und beschreibt einen fiktiven Rassenkrieg. … Der Einfluss … in rechtsradikalen Kreisen kann schwer eingeschätzt werden, da der Roman zum freien Download zur Verfügung steht und in früheren Jahren fotokopiert und verbreitet wurde. So verkaufte etwa der US-Amerikaner Timothy McVeigh 1993 Kopien der Turner Diaries auf Waffenmessen. Zwei Jahre später beging er den Terroranschlag von Oklahoma City, der bis zu den Anschlägen auf das World Trade Center als der verheerendste Terroranschlag auf die USA galt. Wie in dem Roman – und wie 2011 Behring Breivik in Norwegen – wählte er für seine Zwecke eine Autobombe mit Sprengstoff aus Düngemitteln und als Ziel ein offizielles Gebäude.“ Ein Science-Fiction-Rassenkrieg, der auf einen Sieg der weißen Europäer im Jahr 2083 ausgeht, entspricht tatsächlich am ehesten der Stimmung der 1500 Seiten Breiviks.
Übrigens erinnert mich Breiviks Stil sehr an ein Buch, dass ich in einer Dissertation gründlich analyisert habe: Hitlers ‚Mein Kampf‘. Sich selbst als Nabel der Welt und Beginn eines neuen Zeitalters zu sehen und zu glauben, dass aus der fehlenden Anhängerschaft einmal Millionen werden, ein krudes Gemisch aus angelesenen vermeintlichen Geschichtswahrheiten, ein chaotischer Stil, der den Leser verzweifeln lässt und manches mehr haben Hitler und Breivik gemeinsam. Aber vielleicht würde Hilter heute ja auch als christlicher Fundamentalist bezeichnet, immerhin trat er nie aus der Kirche aus.
„Der Fundamentalismus spiegelt oft westliches Überlegenheitsdenken wider“
Juli 6, 2011 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar
Direktor des IIRF hält Gastvorlesung in Nepal
(Bonner Querschnitte 173, Bonn, 04.07.2011) In einer Gastvorlesung an der größten Universität in Nepal vertrat der Religionssoziologe und Direktor des Internationalen Instituts für Religionsfreiheit, Thomas Schirrmacher, unter dem Beifall Hunderter, überwiegend hinduistischer Studenten, dass der Begriff Fundamentalismus oft im Westen eingesetzt werde, um Menschen aller Religionen im Globalen Süden pauschal zu verunglimpfen.
Schirrmacher war vom Leiter des ‚Department of Conflict, Peace and Development Studies‘ der ‚Faculty of Humanities and Social Sciences‘ der ‚Tribhuvan University‘, Prof. Dr. Hem Raj Subedee, zum Thema „Fundamentalismus als militanter Wahrheitsanspruch: Wie Religionsfreiheit Fundamentalismus auf dem Weg in eine friedliche Gesellschaft überwindet“ eingeladen worden. Die 1959 gegründete staatliche Universität in einem Vorort der Hauptstadt Kathmandu ist die größte des Landes. Der Premierminister von Nepal ist Kanzler der Universität, der Kultusminister Prokanzler.
Hintergrund der Einladung ist, dass die Verfassung von Nepal erst seit 2007 Religionsfreiheit garantiert – lediglich Proselytismus bleibt verboten –, aber die vorläufige Fassung bis Mitte des Jahres 2011 durch eine endgültige Verfassung ersetzt werden muss.
Zwar sei es richtig, so Schirrmacher, dass religiöser Fundamentalismus eine echte Bedrohung auch im Globalen Süden darstelle, so etwa der hinduistische Fundamentalismus in Nepal, der für die Serie von blutigen Bombenanschlägen auf die erst 1995 erbaute katholische Kathedrale verantwortlich sei, aber man dürfe nicht einfach Fundamentalismus mit jedem Wahrheitsanspruch gleichsetzen, sonst gäbe es auf der Welt mehr Fundamentalisten als Andere. „Ich vertrete“, so Schirrmacher wörtlich, „dass eine Religions- und Weltanschauungsgemeinschaft, die die Religionsfreiheit vertritt, propagiert und in der Praxis respektiert, nicht fundamentalistisch sein kann und nicht so genannt werden sollte!“ Umgekehrt, so Schirrmacher, sollte die Ablehnung der Religionsfreiheit ein klarer Indikator Richtung Fundamentalismus sein, wenn auch nicht der einzige.
Was kann man von einer Religionsgemeinschaft mehr verlangen, als dass sie sich im ‚modernen‘, demokratischen Staat für Religionsfreiheit, damit für die Religionsneutralität des Staates und für die Trennung von Staat und Kirche bzw. religiöser Struktur einsetzt und andere Religionen und Weltanschauungen im politischen Umfeld respektiert?
Zuvor hatte Schirrmacher Erzbischof Anthony Francis Sharma, S.J., Vicar Apostolic, einen Besuch abgestattet. Sharma ist seit 1984 der höchste katholische Würdenträger der römisch-katholischen Kirche in Nepal, seit 2007 im Rang eines Apostolischen Vikars. Viele Jahre feierte Sharma an wechselnden Orten eine verbotene Ostermesse und wurde jedes Mal erst nach Ende des Gottesdienstes verhaftet. Seine Auferstehungs-Kathedrale wurde 1995 als erstes katholisches Gotteshaus im Land gebaut, zuvor gab es seit 1952 nur vereinzelte evangelische Kirchen. Auf die Kirche wurden mehrfach Bombenanschläge verübt. Zuletzt explodierte am 23. Mai 2009 eine selbstgebastelte, mit scharfen Nägel gefüllte Bombe inmitten von 500 Besuchern der Sonntagsmesse, die drei Teilnehmer tötete und 14 schwer verletzte. Eine kleine Organisation aus dem Umfeld des hinduistischen Fundamentalismus, die ‚National Defence Army‘, bekannte sich durch ein liegen gelassenes Pamphlet vor Ort zu dem Anschlag. Der Attentäter und sein Auftraggeber wurden wenige Wochen später verhaftet, aber bisher nicht in dieser Sache angeklagt, wohl weil sie wegen anderer Verbrechen eine Gefängnisstrafe verbüßen.
Außerdem traf sich Schirrmacher mit dem Leiter der internationalen Menschenrechtsorganisation Human Rights Without Frontiers in Nepal, Raju Thapa, der ihn in die aktuelle Lage der Menschenrechte in Nepal und seiner kleinen Nachbarländer einführte.
Ein Thema war dabei auch der Stand der Verhandlungen des Obersten Gerichtshof, inwieweit die Kinder- und Menschenrechte der Kumaris – vorpubertären Mädchen, die göttlich verehrt werden, wobei die bedeutendsten nicht zur Schule gehen, sondern immer in einem großen Tempelraum leben – verletzt werden. Schirrmacher hatte zuvor die Verehrung des Mädchens gemeinsam mit Raju Thapa beobachtet. Diese Frage steht im Zusammenhang mit einem internationalen Forschungsprojekt des IIRF, inwieweit Religionsfreiheit durch andere Menschenrechte beschränkt wird.
Weitere Quellen:
- Zur Lage der Religionsfreiheit in Nepal: http://www.state.gov/g/drl/rls/irf/2010/148798.htm
- Zur Geschichte des Apostolischen Vikariats in Nepal: http://www.apostolicnunciatureindia.com/nepalhistory.htm
- Zum Department: http://dcpds-tu.edu.np/
- Zur Universität: http://www.tribhuvan-university.edu.np/
Terry Jones, lies deine Bibel und setze dich nicht an die Stelle Gottes!
April 5, 2011 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar
Eine Stellungnahme von Thomas Schirrmacher, Vorsitzender der Theologischen Kommission der Weltweiten Evangelischen Allianz
Dieser Blogeintrag ist eine Ergänzung zu folgender Meldung aus BQ, Pro, idea u.a.
Die Weltweite Evangelische Allianz verurteilt den Mord an UN-Mitarbeitern
Aber Jones habe zuvor den Namen Jesu in den Schmutz gezogen
(Bonn, 01.04.2011) Die Weltweite Evangelische Allianz (WEA) hat sowohl die Verbrennung des Koran durch eine winzige Splittergruppe in den USA, als auch die Ermordung von UN-Mitarbeitern in Afghanistan auf das Schärfste verurteilt. Wie der Generalsekretär der WEA, der Kanadier Geoff Tunnicliffe, in einer Erklärung mitteilte, könne eine verabscheuungswürdige Tat, die mit dem christlichen Glauben nichts zu tun habe, niemals eine noch verabscheuungswürdigere Tat rechtfertigen. Tunnicliffe sprach den Angehörigen der UN-Mitarbeiter sein tiefes Beileid aus und forderte muslimische Leiter weltweit auf, gewaltbereite Menschen zu beruhigen und deutlich zu machen, dass die Koranverbrennung von allen christlichen Kirchen verurteilt worden wäre.
Der Vorsitzende der Theologischen Kommission der Weltweiten Evangelischen Allianz, Thomas Schirrmacher, erklärte, die Koranverbrennung sei gegen den eindeutigen Willen Jesu geschehen, der seinen Jüngern sowohl das Schwert gegen andere untersagt habe, als auch den Ruf nach Feuer vom Himmel. Die Gemeinde in Gainesville habe im Beisein von Terry Jones habe mit ihrem Akt den Namen Jesu Christi vor aller Welt in den Schmutz gezogen. Er verwies darauf, dass sich die WEA mehrfach massiv gegen die Koranverbrennung gewandt und in den USA in dieser Sache einen Schulterschluss mit muslimischen Leitern vollzogen habe.
Schirrmacher verwies auch darauf, dass die WEA Jones und andere mehrfach gewarnt hatte, dass den Preis für seinen Irrsinn nicht Jones und andere im sicheren Amerika, sondern Unschuldige in aller Welt bezahlen müssten. Genau das sei jetzt geschehen, sowenig die Verbrennung eines Buches die Ermordung von Menschen rechtfertigen könne.
Dass bei dem Anschlag auch Hindus und Nichtreligiöse ermordet wurden, zeige, so Schirrmacher, dass der Islamismus nicht nur gegen das Christentum antrete, sondern gegen alle Andersdenkenden mobil mache. Dagegen müssten sich friedliebende Menschen aller Religionen und Weltanschauungen gemeinsam wenden. Religionsfreiheit, Frieden und Gerechtigkeit seien unteilbar.
Während Jesus seinen Nachfolgern prophezeit: „Die Sanftmütigen werden das Erdreich besitzen. … Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ (Mt 5,5.9) und sein Apostel Paulus uns auffordert: „Haltet, solange es an euch liegt, mit allen Menschen Frieden“ (Röm 12,18), hat Jones beschlossen, dass Zündeln angesagt ist, zunächst wörtlich, jetzt durch Nutzung der sozialen Netzwerke im Web für eine internationale Gerichtsverhandlung gegen den Koran und die anschließende Verurteilung und Verbrennung eines Koranexemplars.
Auch wenn wir alle in Gefahr stehen, nicht dem Evangelium entsprechend zu leben, gilt doch hier ganz besonders, was Gott sagt: „Um euretwillen wird Gottes Name verlästert unter den Heidenvölkern“ (Röm 2,24). Bisher hat Terry Jones jedenfalls weder den Gott der Liebe noch Jesus weltweit bekannt gemacht, sondern nur sich selbst!
Terry Jones versucht aus der politischen Stimmung gegen den Islam Kapital für den Glauben – oder besser für sich selbst – zu schlagen. Doch: „Wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen“ (Mt 26,52). Dem steht entgegen: „Die Frucht aber des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut …“ (Gal 5,22–23). Unser Auftrag lautet deswegen anders: „Erinnere sie daran, dass sie der Gewalt der Obrigkeit untertan und gehorsam seien, zu allem guten Werk bereit, niemanden verleumden, nicht streiten, gütig seien, alle Sanftmut beweisen gegen alle Menschen.“ (Tit 3,1–2).
Terry Jones verquickt gegenüber dem Islam die Aufgabe der Kirche und die Aufgabe des Staates bis zur Unkenntlichkeit miteinander. Am Ende gesteht er aber weder der Kirche noch dem Staat irgendeinen Platz, sondern nimmt als Individuum das Heft des Handelns an Stelle der vermeintlich zu freundlichen Kirche und des zu laschen Staates selbst in die Hand. Der islamistische Gedanke, dass der Einzelne Gewalt üben und den Islam durchsetzen darf, wenn der Staat und die Gemeinschaft das tun müssten, aber nicht tun, der jedes staatliche Rechts- und Gewaltmonopol unmöglich macht, findet hier seine Entsprechung im pseudochristlichen Gewand.
Natürlich ist es falsch, dass Muslime auf solche Provokationen mit Gewalt reagieren. Aber wer trotzdem derart überzogen provoziert und bewusst Gewalt schürt und dabei selbst kriegerische Sprache benutzt, ist für die anschließende Gewalt zumindest mit verantwortlich. Deswegen hatte die Weltweite Evangelische Allianz Jones zu Recht den Besuch von Witwen von Christen angekündigt, deren Männer Opfer islamistischer Gewalt waren.
Christen sind froh, dass Gott selbst der Richter ist und sich selbst jedes endgültige Urteil vorbehalten hat. Nur Gott selbst kann Menschen ins Herz schauen und sein Urteil am Ende kennen wir nicht, denn „Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der HErr aber sieht das Herz an.“ (1Sam 16,7).
Gott hat uns auch untersagt, irgendeine Art von Strafurteil über unsere Kritiker zu vollziehen und Menschen für ihren ‚Unglauben‘ zu strafen. Schon Jona musste erleben, dass Gott barmherziger war als Jona selbst, der lieber das Gericht über Ninive gesehen hätte (Jona 4,1–10). Und Jesus verwarf den Gedanken seiner Jünger deutlich, auf ablehnende Dörfer Feuer vom Himmel zu schicken (Lk 9,51–56). Christliche Verkündiger mögen blutenden Herzens bedauern, dass andere Menschen das Angebot der Erlösung in Christus ablehnen, aber sie haben nie das Recht, sie dafür zu Unmenschen zu erklären, zu beschimpfen, den Staat auf sie zu hetzen oder das Gericht über sie herbeizuflehen oder es auszuführen.
Das Gewaltmonopol in dieser Welt hat nach biblischem Verständnis nur der Staat inne, der aber weder die Aufgabe hat, das Evangelium zu verkündigen, noch die christliche Kirche zu vergrößern, ja überhaupt sich aus Fragen des Gewissens und der Religion herauszuhalten hat, weswegen er im Gegenzug sogar ausdrücklich als „Gottes Diener“ Christen bestrafen muss, die Böses tun (Röm 13,1–7). Der Staat hat Christen nur insofern zu beschützen, als er alle beschützen soll, die Gutes tun und als er im Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden alle daran hindern muss, die Gewalt planen oder ausüben, gleich ob religiös motiviert oder nicht.
Hätte Jesus wohl einen Koran verbrannt? Hätte Paulus das befürwortet? Zwar „ergrimmte“ auch er über die vielen Götzen in Athen (Apg 17,16), redete aber anschließend freundlich und in Hochachtung mit den griechischen Philosophen (Apg 17,22–23). Denn Christen „verteidigen“ ihren Glauben immer „in Sanftmut und Ehrerbietung“ gegenüber Kritikern (1Petr 3,15–16).
Der Einfluss des jüdischen Fundamentalismus auf die Gesetzgebung in Israel
März 28, 2011 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar
Eine Bedrohung der Religionsfreiheit in der einzigen Demokratie des Nahen Ostens
Die nationalreligiösen Parteien in Israel erhalten derzeit zusammengenommen etwa 15% der Wählerstimmen. Doch als kleine Koalitionspartner haben sie erstaunlichen Einfluss gewonnen. Per Gesetz müssen immer mehr Israelis so leben, wie es sich die Minderheit der orthodoxen Juden vorstellt, obwohl diese teilweise die Existenz eines Staates Israels eigentlich ablehnen und sich deswegen etwa vom Militärdienst befreien lassen. Das alles ist um so erstaunlicher, als die meisten Juden in Israel die folgenden Gesetze nicht teilen, da sie noch liberaler als das Reformjudentum sind oder ihrer Religion nur nominell, das heißt aus abstammungsmäßigen Gründen angehören. Hier einige der Gesetze, die durchgesetzt wurden:
Sabbatgesetz: Die Sabbatruhe wird immer strikter auch außerhalb der orthodoxen Viertel staatlich durchgesetzt. Die Fluglinie El-Al darf am Sabbat weder aus- noch einfliegen. Ein Regierungsinstitut entwickelt Roboter, die am Sabbat Arbeiten aller Art verrichten können, die für die Menschen Sünde wären.
Kaschrutgesetz: Hotels und Restaurants müssen ‚Koscher-Wächter’ bezahlen, die sicherstellen, das nirgends Nahrunsgmittel angeboten werden, die den rabbinischen Vorschriften der ‚koscheren’ Zubereitung widersprechen oder wie Schweinefleisch ganz verboten sind. Diese ‚Kapläne’ finden sich in vielen Bereichen der Gesellschaft, etwa auch in der Armee.
Ehegesetz: Jüdische Ehen dürfen nur von Rabbinern geschlossen werden, andere religiöse Ehen nur von den jeweiligen Religionsvertretern, eine standesamtliche Heirat gibt es nicht. Das ist tragisch für religionsverschiedene Paare, von denen immer einer – zumindest zum Schein – die Religion wechseln muss.
Rückkehrgesetz: Wer einwandern und israelischer Staatsbürger werden darf, wird nach streng orthodoxen Regeln entschieden. So werden oft Reformjuden und erst recht messianische Juden (Judenchristen) als nichtjüdisch abgelehnt. Reformjüdische Rabbiner dürfen in Israel keine religiösen Handlungen ausüben, obwohl die Reformjuden international den größe Flügel der jüdischen Religion darstellen.
Medizin: Autopsien und Transplantationen sind gesetzlich fast unmöglich.
Archäologie: Grabungen sind dort verboten, wo orthodoxe Behörden jüdische Gräber vermuten. Davon sind wichtige Grabungsvorhaben in Jerusalem, Cäsarea und Tiberias betroffen.
Diese seit Mitte der 1980er Jahre zunehmende Übernahme orthodox-jüdischer Gesetze in die staatliche Gesetzgebung Israels wird vor allem von ‚Agudat Israel’ und der daraus entstandenen ‚Schass’ vorangetrieben, in denen die Vorsteher der Talmudschulen (Jeshibot) und der chassidischen Gemeinden den Ton angeben.
Im Bundestag; Religionsfreiheit und die Rolle der Medien
Oktober 28, 2010 by Schirrmacher · 4 Kommentare
In meiner gestrigen Aussage als Sachverständiger im Menschenrechtsausschuss des Deutschen Bundestages wurde besonders meine Aussage zur Rolle der Medien diskutiert. Ich drucke hierzu vorab den Abschnitt aus meinem Gutachten ab. Das umfangreiche Gutachten wird zusammen mit allen Aussagen und dem Sitzungsprotokoll noch im November vom Bundestag veröffentlicht werden.
Hier einige erste Berichte:
- Pressemeldung Bundestag: www.bundestag.de
- PRO: www.pro-medienmagazin.de
- Humanistitischer Pressedienst: hpd.de
- Baha’i: iran.bahai.de
„Viel zu wenig berücksichtigt wird meines Erachtens, dass es vor allem die Medien im weiten Sinne sind, die darüber bestimmen werden, ob die Diskussion über die Integration islamischer Glaubensgemeinschaften in Europa zu einem sinnvollen Ergebnis führt oder nicht. Dies hat die Mediendiskussion rund um das Buch von Thilo Sarrazin oder einen Satz in der Rede des Bundespräsidenten gerade eben wieder bewiesen.
Ein Beispiel ist die Rolle der internationalen (auch der deutschen) Medien im Umgang mit einem verrücken und isolierten Prediger in den USA, der die Verbrennung eines Korans ankündigte, in einer Welt von 2,5 Milliarden Muslimen und Christen aller Schattierungen ein völlig bedeutungsloser Vorgang, wären denn da nicht die Medien. Man wollte unbedingt endlich die friedlichen Evangelikalen im Kulturkrieg mit den Muslimen sehen – Fundamentalisten gegen Fundamentalisten, da waren die Einschaltquoten sicher. (Mein Kronzeuge ist dabei ein tiefschürfender Kommentar des ‚Spiegels‘ im Rückblick.) Schnell rechnete man Gewalttaten von Muslimen in Afghanistan und anderen Ländern daz. Ob die wirklich im Zusammenhang mit der angekündigten Koranverbrennung standen, konnte so schnell sicher niemand prüfen, aber für die Medien stand es fest. Dass man dabei tatsächlich die Gefahr von Mord und Totschlag in Kauf nahm, interessierte nicht. Die 420 Mio. Mitglieder starke Weltweite Evangelische Allianz hatte sich dagegen längst empört und lautstark gegen die Koranverbrennung gewandt (und diese übrigens auch konkret verhindert). Und keiner von ihnen verbrannte einen Koran. (Dass zeitgleich ständig weltweit Bibeln und Kirchen, ja bisweilen sogar Christen, oder im Iran Baha’ischriften und in Indien Korane verbrannt werden, war bisher übrigens kaum einer Medienanstalt eine Meldung wert.)
So tragen die Medien nicht zum sozialen Frieden zwischen Religionen bei, sondern für den billigen Effekt der Einschaltquoten und Leserzahlen zur emotionalen Aufladung zwischen religiösen Gruppen. Die Rolle der Medien in Belgien oder orthodoxen Ländern oder der Türkei liefert viele Beispiele, dass die Medien gerne Religionskonflikte anheizen oder ausnutzen, um dann hinterher den moralischen Richter zu geben.
Die Medien werden eine wesentliche Rolle dabei spielen, ob religiöse Spannungen zwischen großen Religionen oder gegenüber religiösen Minderheiten zunehmen oder abnehmen. Denn Übergriffe gegenüber anderen Religionen setzen oft voraus, dass zuvor böswillig Falschdarstellungen oder Verallgemeinerungen (‚Juso biss wehrloses Kind‘) verbreitet werden und die Menschen sich an Pauschalierungen gewöhnen und die enorm differenzierte und aufgefächerte Welt des Islam (oder der Evangelikalen) allesamt in einen Topf werfen und auf handliche Stammtischnenner bringen. Hier sollte gerade Deutschland die Geschichte der Judenhetze studieren, die der Judenvernichtung voranging.
Wer die Evangelikalen als gewalttätig, die Yezidis als „Teufelsanbeter“, katholische Geistliche als Kinderschänder aufgrund des Zölibats und Muslime als zur ‚Lüge‘ gegenüber Ungläubigen berechtigt darstellt oder jedes Mal, wenn das Wort Islam im Fernsehen fällt, Bilder vom 11.9.2001 zeigt, und beim Wort ‚Evangelikale‘ ein Bild von George Bush einblendet und den Irakkrieg zeigt, bereitet religiöse Gruppierungen zum ‚Abschuss‘ vor, indem er durch ständige Wiederholung die Bevölkerung gegen sie einnimmt.“






Prof. Dr. theol. Dr. phil. Thomas Schirrmacher (geb. 1960) ist Sprecher für Menschenrechte und Vorsitzender der Theologischen Kommission der Weltweiten Evangelischen Allianz, die weltweit etwa 600 Mio. evangelische Christen vertritt und Direktor von deren 2006 gegründeten Internationalen Instituts für Religionsfreiheit (Bonn, Kapstadt, Colombo)