Thomas Schirrmacher
ArchivPaulus

Emil Brunner pro Mission (1931)

November 9, 2012 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar 

Emil Brunner hat den missionalen Leitgedanken 1931 treffend wie folgt ausgedrückt – hier in meiner Übersetzung aus dem Englischen:

„Missionsarbeit erwächst nicht aus irgendeiner Arroganz der christlichen Kirche; Mission ist ihre Begründung und ihr Leben. Die Kirche besteht durch Mission, so wie Feuer durch das Brennen am Leben bleibt. Wo es keine Mission gibt, gibt es keine Kirche; und wo es weder Kirche noch Mission gibt, gibt es keinen Glauben. Es ist zweitrangig, ob wir darunter Mission in anderen Ländern meinen oder einfach die Verkündigung des Evangeliums in der Heimatgemeinde. Mission, die Verkündigung des Evangeliums, heißt das Feuer auszubreiten, das Christus auf die Erde geworfen hat. Wer sich nicht für dieses Feuer einsetzt, beweist, dass er selbst nicht brennt. Wer brennt, setzt sich für das Feuer ein. Dieses ‚Muss’ ist beides, etwas Drängendes und ein Gebot. Etwas Drängendes, weil lebendiger Glaube Gottes Absicht als die eigene empfindet. ‚Wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht verkündige’, sagt Paulus.“

[Emil Brunner. The Word and the World. London: Student Christian Movement Press, 1931. S. 108]

Hier das englische Original mit etwas erweitertem Zusammenhang:

The Word and the World

The Word of God which was given in Jesus Christ is a unique historical fact, and everything Christian is dependent on it; hence every one who receives this Word, and by it salvation, receives along with it the duty of passing this Word on; just as a man who might have discovered a remedy for cancer which saved himself, would be in duty bound to make this remedy accessible to all. Mission work does not arise from any arrogance in the Christian Church; mission is its cause and its life. The Church exists by mission, just as a fire exists by burning. Where there is no mission, there is no Church; and where there is neither Church nor mission, there is no faith. It is a secondary question whether by that we mean Foreign Missions, or simply the preaching of the Gospel in the home Church. Mission, Gospel preaching, is the spreading out of the fire which Christ has thrown upon the earth. He who does not propagate this fire shows that he is not burning. He who burns propagates the fire. This ‘must’ is both things – an urge and a command. An urge, because living faith feels God’s purpose as its own. ‘Woe is unto me, if I preach not the gospel,’ says Paul. Necessity is laid upon him. But also he ought to preach; with the gift he receives the obligation. ‘Go ye into all the world and preach the gospel’. Whether Christ’s command was uttered just in these words, we do not know exactly. But there can be no doubt that He had sent out His disciples with the strict order to preach the gospel of the Kingdom to all the world. Even if Jesus had not done that, it would still be a divine command for every one who receives the message; for he knows that the divine remedy must be made accessible to all. The classical expression for this propagating activity is not doctrine but kerygma, i.e., the herald’s call. The herald, the keryx, is a man who in the market-place of a city promulgates the latest decree of the king. He is the living publicity organ of the sovereign’s will. The herald makes known what no one could know before: what the king has decreed. It is just this that the Apostles meant by kerygma. They brought not only good tidings, but new tidings as well.

Glauben alle Monotheisten an denselben Gott? (Teil 1)

Mai 29, 2012 by Schirrmacher · 1 Kommentar 

Existenz des Schöpfers contra Vertrauen auf den Schöpfer!

Die Frage, ob andere Religionen an denselben Gott glauben, führt aus evangelikaler Sicht leicht in die Irre, da es für Christen eher darum geht, ob man in einer Beziehung des Vertrauens zu diesem Gott steht und ob man seine Gnade und Vergebung empfangen hat, als darum, ob man seine Existenz für möglich hält. „Du glaubst, dass nur einer Gott ist? Du tust recht daran; die Teufel glauben’s auch und zittern“ (Jak 2,19), beschreibt der Jakobusbrief dramatisch die Leblosigkeit des rein theoretischen Glaubens an den grundsätzlich richtigen und gleichen Gott.

Schon im Alten Testament wird zwar die Vielgötterei abgelehnt, ebenso das Ergänzen oder Ersetzen Gottes durch andere Götter, nicht aber an sich in Frage gestellt, dass es Glauben an einen Schöpfer auch außerhalb Israels gibt. Es werden (von ‚Jahwe’ als Gottesname abgesehen) alle Götterbezeichnungen für andere Götter auch für den Gott Israels verwendet, allen voran ‚El’. Zugleich werden aber auch die Wesensbeschreibungen des wahren Gottes von Wesensbeschreibungen anderer oberster Götter abgesetzt: Der wahre Gott ist absolut zuverlässig, in der Lage zu tun, was er sagt und will, ist barmherzig und von großer Güte usw.

Das findet im Neuen Testament seine Fortsetzung. Mit ‚theos’ wird für den christlichen Gott bewußt dieselbe Bezeichnung verwendet, wie in der Umwelt, nur der Name ‚Jesus’ ist als klassischer Name wie ‚Jahwe’ typisch, aber eben keine Gesamtbezeichnung des dreieinigen Schöpfergottes.

Wenn es nur einen Schöpfer gibt, dann ist er der Schöpfer aller Menschen und für alle da, denn er „lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute“ (Mt 5,45) und hat uns allen das Leben und zum Beispiel die Freude am Essen geschenkt (Apg 17,25). Wo immer also von diesem Schöpfer die Rede ist, kann nur der eine gemeint sein, wie falsch er auch dargestellt und verehrt wird. Menschen bekehren sich im Neuen Testament zwar von den Göttern weg, wenn aber jemand bereits vorher an den Schöpfer geglaubt hat, wie der Hauptmann Kornelius (Apg 10,1–10), findet er zwar durch den Glauben an Jesus Heil und Frieden mit Gott, aber es wird nicht so dargestellt, als habe er sich vom falschen Schöpfer weg zum richtigen Schöpfer bekehrt.

Gerade dort, wo Paulus den Absolutheitsanspruch des wahren Gottes der jüdisch-christlichen Offenbarung am stärksten betont, etwa in Rom 1,16–32 – und dasselbe umgesetzt in die Praxis in Athen in Apg 17,16–32 -, geht er davon aus, dass alle Religionen ihren Ursprung in dem Wissen um die Existenz des einen wahren Schöpfers haben, ja, dass im Fall der polytheistisch ausgerichteten griechischen Philosophie (und Religion) sie eigentlich längst erkannt hat, dass ein Urbeweger hinter allem steht, dieser sogar verehrt wird, diese Kenntnis (‚gnosis’) aber nutzlos bleibt, weswegen die Griechen selbst diesen Gott als den ‚unbekannten Gott’ (‚a-gnostos’) bezeichnen – die Belege dafür hat die historische Forschung längst erbracht. Paulus hebt also nicht vor allem darauf ab, dass die Verehrung der Griechen nutzlos ist, weil sich ihr Ahnen auf den falschen Gott bezieht, sondern weil sie den eigentlich richtigen Gott eben nur erahnen oder ihn völlig falsch kennen oder darstellen.

Die Frage danach, ob man an denselben Gott glaubt, ist also nicht ganz so einfach, wie sie im ersten Moment klingt. Man kann nämlich an denselben Gott glauben und dennoch nicht glauben – also ihm alttestamentlichen und neutestamentlichen Verständnis des Begriffes ihm nicht vertrauen und keine Beziehung zu ihm haben – und man kann ein falsches und nutzloses Gottesbild haben – also Gott etwa für untätig, rachsüchtig oder hilflos halten.

Auch die Zeugen Jehovas oder die Mormonen glau­ben etwa an denselben Gott wie die Christen und haben doch ein völlig falsches Gottesbild, weswegen die christlichen Kirchen ihren Glauben ablehnen. Und wenn in verschiedenen Stammes­religionen an die Existenz eines Schöpfergottes geglaubt wurde, der jedoch meist nicht verehrt wurde, so ha­ben die Missionare im Anschluß an die Areopagrede zu Recht nicht ar­gumentiert, diesen Gott gebe es nicht, sondern sie aufgefordert, sich von ihren begrenzten Mächten, Geistern und Göttern weg hin zu diesem einen und höchsten Schöpfergott zu wenden, der sich schließlich in Jesus Christus offenbart hat.

War der „unbekannte Gott“ der Griechen, den Paulus in Apg 17 herausstellt, derselbe Gott wie der Gott Abrahams? Ja und Nein. Ja, denn Paulus lehrt, daß sich dieser unbekannte Gott jetzt offenbart habe, nein, denn die fehlende Erlösung und damit fehlende Beziehung zu diesem Gott belegt, daß die Griechen eben an andere Götter glaubten und zudem war Gott ihnen eben unbekannt, da sie nichts über sein Handeln und Sein wußten.

Im Zentrum der christlichen Glaubens steht also weniger die Frage nach demselben Gott, an dessen Existenz man glaubt, als die Frage nach dem Heil und dem Heilsweg und der Beziehung zu diesem Gott. Versteht man unter ‚an Gott glauben’ 1. Gott für existent halten, wird man man sich mit vielem Menschen schnell einig werden. Versteht man darunter 2. bestimmte Aussagen über Gott für richtig zu halten, also ein Glaubensbekenntnis, wird die Sache schon enger. Versteht man darunter aber im biblischen Sinne 3. das Vertrauen in die Liebe und Gnade Gottes, der uns in Christus die Erlösung zuteil werden läßt, glaubt ein überzeugter und praktizierender Christ automatisch immer etwas anderes als ein Nichtchrist, ja selbst als ein Namenschrist gemäß 2.

So heißt es in Hiob 42,5 im Schritt von 2. (Glaubensbekenntnis) zu 3. (persönliches Kennen und Vetrauen): „Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen.“ Die „Bekehrung“ der Thessalonicher von den „Abgöttern“ geschah deswegen nicht zufällig nicht nur einfach zu „Gott“, sondern zu „dem lebendigen und wahren Gott“ durch ihre Errettung (1Thess 1,9).

Nach dem Zeugnis des Alten und Neuen Testament finden sich in allen Religionen Elemente aus den Kategorien (1) göttlich, (2) menschlich, (3) dämonisch, nur in jeweils unterschiedlichen Anteilen.

Das Christentum sollte theoretisch vor allem auf (1) fußen, wobei in der Umsetzung in die Kulturen automatisch viel aus (2) hinzutritt, dafür sollte es (3) ablehnen. Die soziologische Realität kann aber auch da anders aussehen, das heißt (3) kann kräftig mitmischen und (2) die Oberhand über (1) gewinnen. Bei Voodoo etwa dürfte der Anteil von (3) und (2) sehr hoch sein, der Hinweis auf den Ursprung darin, dass alle Menschen den wahren Gott verehren (Rom 1,18–32), vergleichsweise verdunkelt sein, insofern seine Anhänger nicht zugleich als Katholiken doch an den Schöpfer glauben.

Interessanterweise hat gerade Karl Barth, der (1) für die christliche Verkündigung vielleicht stärker betont hat, als irgendwer sonst, zugleich betont, dass das vorfindliche Christentum oft eher von (2) und bisweilen sogar von (3) bestimmt ist.

Thomas Schirrmacher