ArchivRassismus
„Christian Identity“ in den USA – antichristliche Rassisten!
Januar 22, 2012 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar
Die „Christian-Identity“-Bewegung hat mit einer christlichen Kirche oder christlicher Dogmatik nichts zu tun, weswegen man oft auch einfach nur von „Identity“ spricht. Sie gehören wie der Ku Klux Klan zu den rassistischen Bewegungen in den USA, die alle nicht reinrassig „Weißen“ aus den USA vertreiben wollen. Sie hat heute in den USA etwa 50.000 Anhänger in ungezählten, sich widersprechenden und bekämpfenden Gruppen.[1] Hier soll es mir nicht um Argumente gegen Rassismus allgemein gehen, wie ich es in meinem Buch „Rassismus“ (jetzt auch auf Englisch „Racism“) getan habe, auch nicht darum, dass diese Bewegung praktisch alle Lehrinhalte des Christentum leugnet oder ignoriert, sondern um die spezielle Herkunft aus der Gruppen der christlichen Sondergruppen der Britisch-Israel-Bewegung, der allein die Bezeichnung „Christian“ zu verdanken hat.
Ursprünglich war die Britisch-Israel-Bewegung im 19. Jahrhundert in Großbritannien prosemitisch, sah sie doch in den Briten Nachfahren der verlorenen 10 Stämme Israels. Ende der 1870er wurde sie in den USA auf alle Angelsachsen ausgeweitet.
Erst in den 1920er Jahren entwickelte sich ein Teil dieser Bewegung in die antisemitische Richtung, vor allem im Umfeld des Ku Klux Klan, namentlich durch Reuben H. Sawyer. Jetzt waren die Angelsachsen und zunehmend überhaupt die weiße Rasse bzw. die Arier (= westliche Christen) die wahren Nachfahren aller Juden, die heutigen Juden dagegen Nachfahren der Khasaren und damit Slawen. Aber erst in den 1970er und 80er Jahren wurde die Bewegung voll ausgebildet.
Heute glauben die meisten Anhänger der Bewegung, dass 1. die Arier bzw. Kaukasier die Nachkommen von Adam und Eva bzw. der alttestamentlichen Juden sind; 2. Jesus weißer Arier war; 3. die Nichtarier anderer Abstammung sind, so etwa präadamitische Rassen darstellen, wobei dann Kain nur Halbbruder von Abel war, also nicht Adam zum Vater hatte; 4. die Juden Präadamiten sind oder direkt von Satan gezeugt wurden und die Nachfahren der Khasaren darstellen; 5. Armageddon als letzter Kampf zwischen Ariern und Nichtariern kurz bevorsteht.
Michael Barkun hat besonders herausgestellt, dass die Vertreter der „Britisch-Israel-Theorie“ und der „Christian Identity“-Bewegung in Großbritannien und den USA die Khasarenthese zum Bestandteil ihrer Überzeugungen machten, weil ja die christlichen, vor allem angelsächsischen Völker Nachfahren der 10 verlorenen Stämme Israels sein sollen, es ihnen also entgegen kam, wenn die Juden keine Nachfahren der biblischen Juden waren.[2] In den 1960er Jahren – so Barkun – war für die „Christian Identity“-Gruppen das Ganze zu einem festen Glaubensartikel geworden.
Barkun[3] sieht den Durchbruch der Khasarenthese in den 1920er Jahren in verschiedenen Artikeln in Zeitschriften der „Christian Identity“-Bewegung, so im ‘The Dearborn Independent’ von 1923 and 1925 und in einem Artikel des Rassisten L. Lothrop Stoddard von 1926, in dem er vertrat, dass die Juden eine Mischung zahlreicher Völker seien, unter denen die Khasaren den Hauptanteil hätten.[4] Im selben Jahr 1926 erhob der Chef des Ku Klux Klan Hiram W. Evans[5] die Khasarenthese in einem Nebensatz in den Rang eines selbstverständlichen Bestandteils aller antisemitistischen und rassistischen Gruppen.[6]
[1] Ich fasse hier zusammen „Christian Identity“. S. 50–53 in: Jeffrey Kaplan (Hg.). Encyclopedia of White Power. Walnut Creek (CA): Altamira Press, 2000; Colin Kidd. The Forging of Races: Race and Scripture in the Protestant Atlantic World , 1600–2000. Cambridge: Cambridge University. Press, 2006. S. 203–226; Richard J. Abanes. „Christian Identity“. S. 312–315 in: Encyclopedia of Race and Racism. Bd. 3. Detroit: Thomason Gale, 2008; vgl. auch weiter Michael Barkun. Religion and the Racist Right. a. a. O.
[2] Michael Barkun. Religion and the Racist Right: The Origins of the Christian Identity Movement. North Carolina: The University of North Carolina Press, 1997. S. 137–139, siehe insgesamt S. 121–147.
[3] Michael Barkun. Religion and the Racist Right. a. a. O. S. 137–138.
[4] Lothrop Stoddard. „The Pedigree of Judah“. Forum 75 (1926): 324–331.
[5] Hiram W. Evans. „The Clan’s Fight for Americanism“. North Merican Review 1926 (Mrz–Mai): 33–63.
[6] So Robert Singermann. „’The Jew as Racial Alien’: The Genetic Component of American Anti-Semitism“. S. 103–128 in: David A. Gerber (Hg.). Anti-Semitism in American History. Urbana (IL); Univ. of Illinois Press, 1986. S. 188 und auch Richard J. Abanes. „Christian Identity”. a. a. O. S. 313.
„Alle Menschen sind Sünder“ (3) als Grundlage der Bekämpfung gesellschaftlicher und struktureller Übel
September 4, 2011 by Schirrmacher · 2 Kommentare
In meinen beiden letzten Blogs habe ich die Aussage ‚Alle Menschen sind Sünder‘ angesprochen. Diese Aussage, dass alle Menschen ‚Sünder‘ sind, hat auch eine eminent gesellschaftspolitische und politische Bedeutung.
So bedeutet sie etwa, dass wir als Christen gesellschaftliche Probleme aller Art nicht nur als strukturelle Probleme sehen, die man mit Aufklärung, (Um-)erziehung und politischen Programmen allein bekämpfen kann.
Hinter Folter, Rassismus, Hyperkapitalismus, Unterdrückung von Frauen oder sexuellem Kindesmissbrauch – um nur einige Beispiel zu nennen – steht die Realität der Sünde, und so sehr wir die Folgen der Sünde vor Ort bekämpfen mögen, so sehr wir auch das strukturelle Böse gesamtgesellschaftlich und politisch angehen wollen, steht doch dahinter eine unheimliche Gemeinsamkeit, die – wenn in einer Form unterdrückt – an immer neuen Stellen und mit immer neuen Gesichtern an die Öffentlichkeit drängt. Zu viele Menschen nutzen die Möglichkeiten, dass es uns allen besser geht, mutwillig nicht, sondern versuchen allein für sich einen Vorteil herauszuschlagen, auch wenn sie dafür bisweilen so tun müssen, als ginge es ihnen um das Gemeinwohl (siehe Jesus in Lk 22,25: „… ihre Machthaber lassen sich dafür Wohltäter nennen“).
Die Formen des Bösen wie Neid, Gier, Hass oder Schadenfreude zeigen ihre Fratze immer wieder im Kleinen wie im Großen. Ohne einen Blick auf dies Gesamtbild wird jeder, der sich gesellschaftspolitisch einsetzt, unrealistisch in seiner Einschätzung der Möglichkeiten bleiben. Wir müssen nüchtern sehen, dass die Wurzel der großen gesellschaftlichen Übel das Böse, also die Sünde ist – die vieler Einzelner ebenso wie die gesellschaftlicher Strukturen.
Ohne Hass, Neid, Stolz und Lüge kein Rassismus. Ohne Gier, Sucht und Betrug keine Ausbeutung. Ohne Machtgelüste und Unbeherrschtheit kein Missbrauch und keine sexuelle Gewalt.
Es ist, wie Jesus es sagt: Nicht das, was von außen kommt, ist, was uns böse macht, sondern dass, was von innen kommt (Mt 15,18-20; Mk 7,18-23). (Das aus uns heraus kommende Böse wird dann natürlich für die anderen eine Bosheit, die sie von außen trifft. Auch uns trifft das aus anderen herauskommende Böse einzeln oder als strukturelle, gesellschaftlich verfestigte Sünde von außen.) Nicht erst seid Sigmund Freud wissen Menschen, welcher Abgrund sich in ihnen auftun kann.
Zu den Grundaussagen einer Politik auf der Basis eines christlichen Menschenbildes gehört nicht nur, dass alle Menschen von Gott als seine Ebenbilder geschaffen sind, sondern auch, dass jeder auf Versuchungen hereinfallen kann. Es muss immer mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass der Mensch überraschend und plötzlich aus der Höhe in die Tiefe fällt. Vorbildliche Politiker lassen sich plötzlich bestechen, friedliche Mitbürger greifen plötzlich zur Gewalt oder ‚bekehren‘ sich und werden zu religiösen Terroristen.
Christen können nie sagen: ‚Das hätte ich nie für möglich gehalten‘ oder ‚Das hätte mir nie passieren können‘. Doch, alles ist möglich, und gute Politik rechnet damit und baut vor, um das Schlimmste zu verhindern. Auch die Kirche rechnet gut neutestamentlich, dass ihre eigenen Leiter zur Gefahr werden können (z. B. Apg 20,30)! Jeder kann Macht missbrauchen, Priester die Macht über Kinder, Eltern die Macht über ihre süßen Kleinen, der Korruptionsbeauftragte über seine Mitarbeiter.
Es gibt Menschen, die radioaktives Material gegen andere einsetzen wollen. Man muss nicht warten, bis man einen konkreten Anfangsverdacht hat, oder diskutieren, ob dieser oder jener wirklich zuschlagen wird, sondern muss jetzt planen und vorbauen. Denn das Böse, das man denken und planen kann, kann man auch tun. Wohin die Fehleinschätzung führte, Hitler werde schon nicht so böse handeln, wie er sprach und schrieb, kann jeder sehen (vgl. die Einleitung meines Buches ‚Hitlers Kriegsreligion‘).
Fortsetzung folgt …
Integrationsland Deutschland
Juni 19, 2011 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar
Prof. Dr. Dr. Schirrmacher erklärte, wie eine multikulturelle Gesellschaft funktionieren kann
Bericht aus der Frankfurter Neuen Presse – Naussauische Neue Presse vom 1.6.2011
Originalbericht hier.
Von Gundula Stegemann
Ist “multikulti” gescheitert? Ist Deutschland überhaupt multikultifähig? Einen spannenden Vortrag über Entstehung, Chancen und Risiken einer multikulturellen Gesellschaft in Deutschland erlebten die Besucher in der Freien evangelischen Gemeinde (FeG) in der Domäne Blumenrod.

Limburg. Thomas Schirrmacher sprach bei der FeG. Foto: StegemannÜber Jahrzehnte hinweg sei die Problematik der Einwanderung nach Deutschland verdrängt worden. Von Schmidt bis Schröder habe es stets geheißen, Deutschland sei kein Einwanderungsland. Erst unter der Regierung von Angela Merkel habe Wolfgang Schäuble Deutschland erstmals als Einwanderungsland bezeichnet. “Der Christ und Multikulti” hieß das Thema, über das Prof. Dr. Dr. Thomas Schirrmacher, Sprecher für Menschenrechte der Evangelischen Allianz und Direktor des Internationalen Instituts für Religionsfreiheit in Bonn, Kapstadt, Colombo, im Rahmen des FeG-Forums sprach.
Schirrmacher beleuchtete das Thema umfassend aus verschiedenen Blickwinkeln, ohne zu polarisieren. Er skizzierte in einem kurzen Abriss, wie sich die Einwanderung nach Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg gestaltete. So habe der Aufschwung in der Nachkriegszeit dazu geführt, dass die Deutschen in höher qualifizierte, lukrative Berufe strömten, so dass Arbeitsplätze in Bergwerken, Stahlindustrie, Müllabfuhr und dergleichen unbesetzt blieben. Aus diesem Grund seien Gastarbeiter ins Land gerufen worden. Doch im Laufe der Zeit lösten sich ganze Industriezweige und viele Arbeitsplätze in Luft auf. Die Gastarbeiter wurden arbeitslos, ihre Situation wurde schwieriger, aber die meisten gingen nicht zurück in ihre Heimatländer. Viele Jahre verstrichen, ohne dass Politiker die Situation erkannt und gehandelt hätten.
Gastfreundschaft spiele zum Beispiel bei Muslimen eine große Rolle, sagte Schirrmacher. Eine Umfrage habe ergeben, dass der größte Wunsch vieler Muslime nicht mehr Geld oder materielle Güter seien, sondern der, einmal von einer deutschen Familie eingeladen zu werden. Dies brächte vieles in Bewegung. Auch er lade Muslime zu sich ein, sagte Schirrmacher. Ihre Lieblingsthemen seien die gleichen wie die von Christen: ihr Gott und ihre Familie. Sein Rat: „Steigen Sie bei einem Muslimen ins Taxi und fragen Sie ihn“: Dies sei ein guter Einstieg, um ins Gespräch zu kommen. Bei einem deutschen Taxifahrer riet er davon ab; „der setzt Sie sonst am Krankenhaus ab“, sagte er.
Religion und Staat
“Wie unsere Gesellschaft in 50 Jahren aussehen wird, wird nichts mehr entscheiden als die Frage, wie Christentum und Islam sich entwickeln”, sagte Schirrmacher. Derzeit bezeichneten sich mehr als 50 Millionen Menschen in Deutschland als Christen. Man schätze, dass rund sechs Millionen Menschen in Deutschland sich gegenwärtig zum Islam bekennen. Davon neigten etwa fünf Prozent dazu, die Ausbreitung des Islam mit Gewalt zu tolerieren. Schirrmacher sagte, er lege großen Wert auf eine differenzierte Betrachtung: Es gebe verschiedene Spielarten des Islam. Ein zentrales Problem sei, dass christlicher Glaube und Islam sich im Verhältnis der Religion zum Staat unterschieden, der Islam keine wirkliche Trennung kenne und religiöse Angelegenheiten über staatliche stelle.
Wichtig sei, dass die Kinder aus Migrantenfamilien Deutsch lernten. Anhand verschiedener Beispiele zeigte er auf, dass dieser status quo durchaus nicht festgeschrieben ist, sondern – wie alles – einer Entwicklung unterliege. Bei der Bewältigung der Probleme habe Deutschland jedenfalls so gute Karten wie kein anderes Land. „Wenn wir es nicht in den Griff bekommen, haben die anderen gar keine Chance”, sagte er. “Denn wir haben keine Einwanderer, mit denen wir traditionell im Krieg stehen, standen oder die mit uns aus der Kolonialzeit oder sonstigen Gründen noch eine Rechnung offen hätten.“ Außerdem habe Deutschland bereits nach dem Zweiten Weltkrieg bewiesen, dass es Integration bis zur Meisterschaft perfektioniert habe bei der Aufnahme der Vertriebenen und Flüchtlinge. steg
- Vorankündigung: fnp.de.
- Weiterer Bericht: Nassauer Tageblatt, mittelhessen.de.
- Weiterer Bericht: Pro-Medienmagazin.
- Weiterer Bericht: Blog der Atheisten.
- Download: Seite aus ProKompakt.
Ein Konservativer gegen Rechts- und Linksextremismus: Mein Lehrer Manfred Funke ist verstorben
September 28, 2010 by Schirrmacher · 10 Kommentare
Am 20.9.2010 verstarb mein verehrter Lehrer der Soziologie und Politologie Prof. Dr. Manfred Funke im Alter von 71 Jahren. Zusammen mit dem Religionswissenschaftler Prof. Dr. Karl Hoheisel betreute er meine Dissertation ‚Hitlers’ Kriegsreligion’ (sein Gutachten siehe hier). Er war außerplanmäßiger Professor für Politische Wissenschaft an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. 35 Jahre lang lehrte und forschte er am Seminar für Politische Wissenschaft und Soziologie, bis er im Jahre 2004 in den Ruhestand ging. Ich war sein letzter Doktorand.
Noch letztes Jahr erschien die Festschrift zu seinen Ehren eine von Karl Dietrich Bracher u. a. herausgegebene Festschrift unter dem Titel ‚Politik, Geschichte und Kultur: Wissenschaft in Verantwortung für die res publica’ erschienen (dort S. 407–425 seine Bibliografie, seine Bücher siehe hier). Sein Vermächtnis war sein Vortrag ‚Totalitarismus, Extremismus, Radikalismus’ bei der Konrad-Adenauer-Stiftung aus dem Jahr 2008.
Er prägte mich sowohl als einer der bedeutendsten Hitlerforscher (vor allem durch sein ‚Starker oder schwacher Diktator?’, 1989) als auch in der soziologischen Untersuchung des Extremismus in jeder Form, auch des Rechtsxetremismus und Rassismus, dem er als Konservativer scharf entgegentrat (z. B. ‚Rechtsextremismus in Deutschland’, 1994 und als Herausgeber: ‚Extremismus im demokratischen Rechtsstaat’, 1987 und ‚’Terrorismus’, 1978). Als eindeutiger Verfechter der Demokratie scheute er sich doch nicht, der deutschen Demokratie (z. B. ‚ Demokratie und Diktatur’, 1987) auch die Leviten zu lesen, etwa in ‚Parteien in der Kritik’ (1993). All’ das habe ich von ihm übernommen und nicht nur meine Dissertation, sondern auch meine Bücher ‚Rassismus’ und ‚Fundamentalismus’ sind tief von ihm geprägt.
Der Rheinische Merkur schreibt in seinem Tagebuch treffend:
RM-Lesern ist er als exzellenter Kenner des 20. Jahrhunderts bekannt, der Geschichte mit Geschichten zu verbinden wusste. In der Fachwelt machte er mit Büchern über die NS-Zeit und aktuellen Extremismus auf sich aufmerksam. Der Bonner Politikwissenschaftler Manfred Funke schrieb regelmäßig für das Politische Buch und die Geschichtsseite, zuletzt über die Genese von Hitlers Antisemitismus. Anfang dieser Woche ist er im Alter von 71 Jahren verstorben. Wir werden seine feine Feder vermissen. (zur Quelle)
Ich freue mich, dass meine Frau dem Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie der Bonner Universität, an dem Funke wirkte, im Rahmen der Vorlesung „ Neuere politikwissenschaftliche Debatten um das Verhältnis von Politik und Religion“ verbunden bleibt (siehe hier und hier).
„Junge Freiheit“ spielt mit dem Feuer von Rassismus und Antisemitismus
September 20, 2010 by thomas · 3 Kommentare
Angesichts der Diskussion, ob die ‚Junge Freiheit‘ nur sehr weit rechts steht oder rechtspopulistisch oder rechtsradikal sei, lese ich von Zeit zu Zeit eine komplette Ausgabe mit einer Strichliste in der Hand, wo die Artikel einzuordnen sind. Bisher fand ich in jeder Ausgabe einen Beitrag der mich schockierte.
Mit der Nummer 38 vom 17.9.2010 schien es etwas anders zu sein. Ein Kreuz bis in den Namenszug hinein, ein Hinweis auf eine Demonstration gegen Abtreibung in Berlin.
Um so kälter die Dusche bei der eigentlichen Titelgeschichte auf Seite 1 direkt darunter. Da heißt es doch glatt am Ende des Artikel, der sich vermeintlich für Frau Steinbach und die Meinungsfreiheit einsetzt („Was man nicht sagen darf“ von Thorsten Hinz), im letzten Absatz:
„Auf dieser schiefen Grundlage wird die Politik zum Tummelplatz für Charaktere, deren Wertigkeit sich bereits habituell und physiognomisch mitteilt. Dazu muß man Frau Steinbach auf einem Jahresempfang des BdV gesehen haben, wie sie sich aufrecht, stolz, klar konturiert und natürliche Autorität ausstrahlend durch das Publikum bewegt, jeder Zoll an ihr eine Offizierstochter. Dagegen dann die vergnomten, lauernden, verwaschen-amorphen Vertreter der informellen Blockparteien. Frau Steinbach muß sich in der Politik schon lange sehr einsam gefühlt haben.“ (Quelle: JungeFreiheit.de)
„Physiognomisch“, „vergnomt“, „lauernd“, „verwaschen-amorph“ gegen „klar konturiert“ und „natürlich“, dass sind nicht nur Formulierungen aus der biologischen Rasselehre, sondern meint auch inhaltlich, dass man Menschen ihre Zugehörigkeit zu den Guten und den Bösen ansehen kann. Im übrigen ist es lächerlich, Bundeskanzlerin Merkel oder den CDU-Fraktionsvorsitzenden Kauder, immerhin die Hauptempfänger der Kritik Steinbachs, als vergnomt, verwaschen und lauernd zu bezeichnen. Wenn sie den Saal betreten, strahlen sie ebenso natürliche Autorität aus wie Frau Steinbach.
Im Übrigen haben Frau Steinbach und die Lebensrechtsbewegung eine solche Verteidigung nicht verdient. Beide haben sich von derartigen Positionen distanziert. Und ich empfehle der Lebensrechtsbewegung auch weiterhin, sich hier schärfstens von solcher Unterstützung zu distanzieren und sich nicht über die breite Berichterstattung in der ‚Jungen Freiheit‘ zu freuen. Denn den Braunen von einst und den Rechtspopulisten von heute, geht es offensichtlich nur um das ungeborene deutsche Leben, die deutsche Familie und die deutschen Vertriebenen, nicht um die der Muslime oder Sinto und Roma. So sehr ich die deutsche demografische Katastrophe bedauere (siehe Quelle), so sehr sind das ungeborene Leben oder die Familien Nichtdeutscher ethisch gleichwertig. Oder ist es Zufall, dass in dieser Ausgabe der ‚Jungen Freiheit‘ jede Berichterstattung zur Abschiebung von Roma und Sinti aus Frankreich fehlt? (siehe Quelle)? Geht es hier nicht auch um Familie, um Kinder und um Vertriebene?
Wider die Sippenhaft für alle Roma und Sinti
September 1, 2010 by Schirrmacher · 2 Kommentare
Der alte Zigeunerrassismus ist leider immer noch nicht tot
In meinem Buch gegen ‚Rassismus‘ habe ich die drei einzigen Arten des Rassismus zusammengestellt, die über alle Kontinente und über viele Jahrhunderte verfolgt werden können, von denen einer für einen ‚großen‘ Rassismus steht, der sich gegen einen Großteil der Menschheit wendet, und zwei für einen ‚kleinen‘ Rassismus, der sich gegen Minderheiten und kleine Volksgruppen wendet:
Die drei international und in der Geschichte verbreitetsten Rassismen
Die Verleumdung und Bekämpfung oder Unterdrückung
1. der „Schwarzen“ (oder von Menschen, die eine dunklere Hautfarbe haben als man selbst) – sie sind angeblich dumm, roh und unzivilisiert;
2. der Juden – sie sind angeblich verschlagen, raffgierig und herrschsüchtig;
3. die „Zigeuner“ – sie sind angeblich asozial und diebisch.
Latent und offen finden sich die rassistischen Vorurteile gegen die Roma und Sinti (‚Zigeuner‘) weltweit, in Australien, wo es sie praktisch nicht gibt, aber jeder zu wissen scheint, wie sie ‚wirklich‘ sind, in den USA, wo man sie seit 1880 offiziell bis heute nicht als Einwanderer haben will, in ihrem vermutlichen Ursprungsort Indien, wo sie als Abschaum gelten, in Rumänien, wo ihr Bevölkerungsanteil innerhalb von Europa am höchsten ist und keiner sie haben will, ebenso wie in Malta und Dänemark, wo es sie gar nicht gibt, aber eine Bevölkerungsmehrheit sie ablehnt, wie eine EU-Untersuchung jüngst gezeigt hat.
Neu ist aber, wie über Nacht rassistisches Denken in die große Politik zurückkehren kann, die sonst Antirassismusprogramme finanziert, sei es nun in Frankreichs Regierung, in die deutschen Länderregierungen oder in eine wachsende Zahl von Kommunen in ganz Europa. EU-Bürger werden gezwungen, in das Land ihres Passes oder gar nur ihrer vermuteten Heimat zurückzukehren, nicht weil sie selbst kriminell gehandelt hätten, sondern weil man für das Handeln Einzelner alle in Sippenhaft nimmt. Statt das der Rechtsstaat Übeltäter von ehrlichen Mitbürgern trennt, werden alle in einen Topf geschmissen.
Es mag ja sein, dass es jeweils formale Grundlagen dafür gibt, EU-Bürger in einem EU-Staat keine Aufenthaltserlaubnis zu gewähren und sie abzuschieben, der Rassismus liegt aber auch dann darin, dass man dies flächendeckend nur mit Roma und Sinti tut. Man vergleiche im Gegenzug dazu, wie schwer sich dieselben Länder oder Behörden tun, türkische und arabische Gewalttäter in ihre Heimatländer außerhalb der EU abzuschieben!
Die Hälfte der Abgeschobenen sind Kinder. Sie kehren in den Kosovo zurück, wo sie nicht zur Schule gehen können, oder nach Rumänien, wo sie die Verachtung nicht nur der Bevölkerung, sondern auch die Diskriminierung seitens der Regierung mit voller Wucht trifft. Ohne Schulabschluss aber ist die Gefahr einer kriminellen Karriere für die jungen Roma und Sinti so groß wie bei allen Kindern ohne Zukunftsperspektive, eine selbsterfüllende Prophetie des Rassismus.
Im 9.-11. Jh. wurden die Roma und Sinti vermutlich von arabischen Eroberern aus dem indischen Punjab als Soldaten und Sklaven ins Oströmische Reich verschleppt, dann zogen sie aus der Türkei in den Balkan – die Geschichte der „Zigeuner“ ist eine tausend Jahre lange Geschichte der rassistischen Verachtung und Unterdrückung auf fast allen Erdteilen.
Die ersten Zigeunerverfolgungen sind aus den rumänischen Fürstentümern Walachei und Moldawien bekannt, wo Roma seit dem 14. und bis ins 19. Jh. versklavt, inhaftiert, vertrieben und ausgegrenzt wurden – dort ist bis heute die Zigeunerverachtung am stärksten, zuletzt zu erkennen an den schrecklichen Pogromen kurz nach dem Fall der Mauer Anfang der 1990-er Jahre.
Trotz 300.000 Opfern unter dem Naziregime entschied noch 1956 der Bundesgerichtshof, dass die Verfolgung der Zigeuner durch den Nationalsozialismus vorwiegend nicht rassistisch gewesen sei, sondern den „asozialen Eigenschaften der Zigeuner“ gegolten habe. Haben wir denn seitdem nichts gelernt?
Muslime immer als Opfer und nie als Täter?
November 12, 2009 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar
Nach Medienberichten (etwa hier oder hier) hat der türkische Premierminister Erdogan den mit Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshof und Interpol als Völkermörder gesuchten Staatspräsidenten von Sudan in Schutz genommen, der zu einem Gipfeltreffen der Organisation Islamischer Länder in Istanbul kommen sollte, dann aber darauf verzichtete. Dass er jedoch so oder so nicht verhaftet werden dürfe, erklärte der türkische Ministerpräsident damit, dass Sudan ein islamisches Land sei und islamische Länder nicht in der Lage seien, Verbrechen wie einen Völkermord zu begehen.
Von Völkermord sprach er aber in Bezug auf Israel gegenüber den Palästinensern und in Bezug auf China wegen der Uiguren. In Gaza seien 1.500 Menschen getötet worden, so Erdogan – die UN wirft dem Sudan vor, für 300.000 Todesopfer verantwortlich zu sein!
Ein muslimischer Herrscher kann per Definition gar kein Verbrecher sein, auch wenn die Beweise noch so erdrückend sind? Sind aber Muslime die Opfer, dann wird sofort von Genozid gesprochen? Denn es scheint ja nicht zufällig zu sein, dass China offensichtlich nur des Genozids an den (muslimischen) Uiguren bezichtigt wird, nicht aber des Genozids an den (buddhistischen) Tibetern!
Wenn das dann auf die Geschichte übertragen wird, bedeutet das: Fehler der Muslime in der Vergangenheit werden geleugnet, Fehler der Nichtmuslime dagegen auch nach Jahrhunderten triumphierend angeführt. Diese Mentalität trifft dann passenderweise einerseits auf Christen, die ihre Geschichte sehr selbstkritisch aufarbeiten und viele Fehler zugeben (und das soll auch so bleiben!) und auf christentumskritische Historiker, die immer noch am liebsten nur christliche Vergehen auflisten (das aber sollte sich ändern!).
Das liegt auf einer Linie mit dem, was derzeit eine Mehrheit islamischer Länder unter Führung von Pakistan über mehrere erfolgreiche Abstimmungen gegen die Verunglimpfung von Religion (‚Defamation of Religion‘) des Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen gegen den massiven Widerstand der westlichen Länder durchzusetzen sucht, was bisher nur noch nicht bindendes internationales Recht ist: die Kritik am Islam als Verletzung der Menschenrechte. Denn in der letzten Resolution vom März 2009 ist zwar allgemein von Religion die Rede, namentlich genannt wird aber nur der Islam.
Der Islam darf kritisieren wen und wie er will, aber den Islam darf niemand kritisieren – und sei es noch so friedlich, freundlich und sachlich? Also: Alle Rechte für uns, keine Rechte für andere? Nein, das darf nicht sein! Ich habe mein Buch „Feindbild Islam“ geschrieben, weil aus christlicher Sicht die Verleumdung anderer immer falsch ist, nicht nur wenn es unsere eigene Religion oder unsere eigenen Leute trifft. Es geht um ‚Alle Rechte für alle‘.
Damit mich keiner falsch versteht oder der Pauschalverurteilung bezichtigt: Ich bin dieses Jahr in Istanbul mit türkischen Professoren verschiedener Fachrichtungen (auch islamischer Theologie!) aus dem ganzen Land zusammen gewesen, die für Religionsfreiheit eintreten und mir entsetzt über die Islamisierung von Städten und Provinzen berichteten, die unter Führung von AKP-Politikern stehen. Und ohne großen ‚akademischen Weihrauch‘ erzählen mir türkische Familien, die uns zu Hause besuchen, oder Politiker türkischer Herkunft hier in Bonn dasselbe. Also denken längst nicht alle Türken so wie der türkische Premier.
Und es geht mir keinesfalls darum, irgendwelche Spannungen zu erhöhen. Die Weltweite Evangelische Allianz ist mit einer eigenen Arbeitsgruppe stark in ‚Peacebuilding‘-Aktivitäten engagiert, bei der sich Menschen in kriselnden Regionen über die Religionsgrenzen hinweg persönlich kennenlernen und gemeinsam für Frieden engagieren. Aber trotzdem muss gleichzeitig darauf hingewiesen werden, dass international die Schieflage im Umgang mit dem Islam immer stärker wird, wenn einfach per Definition verfügt wird, dass Muslime immer die Opfer und nie die Täter sind.
Mit „Q-rage“ gegen Rassismus? (kurz)
Mai 11, 2009 by thomas · Schreiben Sie einen Kommentar
Hinweis: Liegt nur als pdf-Datei vor.
15. Band von ‘kurz und bündig’ erschienen
April 4, 2009 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar
Wer hätte gedacht, dass diese von mir herausgegebene Reihe einmal so in Fahrt kommt und mich zu so vielen Themen reizt, zu denen ich immer schon mal etwas schreiben wollte, aber es nie tat, wie jetzt mit „Rassismus“. So jedenfalls heißt es in der Werbung: „Ob Sie einfach wissenshungrig oder dringend auf der Suche nach Informationen sind: Die beim Hänssler Verlag erschienene Buchreihe kurz & bündig hilft weiter. In jedem Band finden Sie nach dem Schema Information – Diskussion – Praxis zusammengestelltes Wissen über ein aktuelles Thema. Die Autoren der Reihe greifen auch kontroverse Diskussionen auf, geben praktische Tipps und nennen Adressen von Fachorganisationen oder weiterführende Literatur.“
Wer alle Bände einmal schön auf einen Blick sehen will, klicke bitte hier. Bestellen kann man sie wie immer bei GENiaLeBuecher.de.


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Prof. Dr. theol. Dr. phil. Thomas Schirrmacher (geb. 1960) ist Sprecher für Menschenrechte und Vorsitzender der Theologischen Kommission der Weltweiten Evangelischen Allianz, die weltweit etwa 600 Mio. evangelische Christen vertritt und Direktor von deren 2006 gegründeten Internationalen Instituts für Religionsfreiheit (Bonn, Kapstadt, Colombo)