Thomas Schirrmacher
ArchivReligionsfreiheit

Neuere Bücher über Konstantin den Großen von Leithart and Girardet

Oktober 19, 2012 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar 

Peter Leithart

Peter Leithart. Defending Constantine: The Twilight of an Empire and the Dawn of Christendom. Downers Grove (IL): IVP Academic, 2010. 373 pp. $ 27

Peter J. Leithart hat ein Buch zur Ehrenrettung Kaiser Konstantins geschrieben, das sich vor allem gegen die Thesen des amerikanischen Mennoniten John Howard Yoder (1927–1997) wendet, für den Konstantin der Inbegriff des Abfalls des Christentums von seinen pazifistischen Ursprüngen und für das jahrhundertlange Übel des Staatskirchentums und der Ketzerverfolgung stand.

Leithart will dabei keinen originären Forschungsbeitrag liefern, sondern die viel positivere Beschreibung in der Fachliteratur und den Wandel des Konstantinbildes in der Wissenschaft den tief verwurzelten Vorurteilen vieler heutiger Christen entgegenhalten. In einer enormen Vielfalt breitet er Forschungsliteratur der letzten hundert Jahre in den Fußnoten aus und zeigt, dass der tatsächliche Konstantin weder mit dem bejubelten christlichen Kaiser des Mittelalters, noch mit dem Buhmann der Aufklärung, aber auch freikirchlicher Autoren etwas zu tun hat. Konstantin ist nur aus der Realität des 4. Jahrhunderts heraus zu verstehen und konnte nicht wissen, was die Zukunft bringen würde. Gemessen daran war er – so Leithart – überzeugter Christ und fand einen Weg zwischen der Förderung des christlichen Glaubens und der Religionsfreiheit der nichtchristlichen Bevölkerungsmehrheit. Dabei müsse man aber immer die ganze Breite der erforschten Ereignisse berücksichtigen. So gibt es unübersehbare und nennenswerte Einflüsse des Christentums auf seine Gesetzgebung, andererseits ebenso völlig davon unbeeinflusste Bereiche.

Wählen wir etwa die Architektur (S. 112–125) als Beispiel für die „Komplexität“ (S. 113) und „Mehrdeutigkeit“ (S. 114) des Wirkens Konstantins. Einerseits baute der Kaiser jede Menge öffentlicher Bauten, die durchaus mit römischer und griechischer religiöser Kunst geschmückt waren. Andererseits stand der Kirchenbau in Rom und dann in Byzanz im Zentrum seines persönlichen Interesse. Ein typisches Beispiel ist der Konstantinbogen in Rom. Einerseits unterscheidet er sich im ersten Moment nicht von anderen derartigen Bauten. Ein unmittelbarer christlicher Bezug fehlt, von den teilweise christlichen Militärzeichen der abgebildeten Offiziere abgesehen. Andererseits wird nirgends den römischen Göttern gedankt, am auffälligsten nicht Jupiter, wie bis dahin üblich. Eine Jupiterfigur ist zwar zu sehen, aber Konstantin wendet ihr den Rücken zu. Vielmehr wird dem großen Gott gedankt, der sich Konstantin offenbart hat. Das verstanden die Christen christlich, für die anderen war es nicht automatisch ein Affront.

Auch christliche Symbole sind ein schönes Beispiel. So standen sie auf Münzen oder Standarten nach 312 länger neben älteren religiösen Symbolen die sie erst allmählich ablösten, bis schließlich die menschlich dargestellten heidnischen Gottheiten ähnlich wie später im Mittelalter nur noch als mythischer Schmuck dienten (S. 71–79).

War Konstantins Übertritt zum Christentum eine ‚echte‘ Bekehrung? Leithart betont zu Recht, das die Frage ist, was das damals bedeutete (S. 79–80). Konstantin nahm etwa persönlich die christologische Entscheidung von Nizäa an (S. 89-90), was heute für uns bedeutsamer ist als damals. Hier hätte Leithart viel deutlicher – wie Girardet in den folgend besprochenen Werken – darauf verweisen können, dass Bekehrung vor allem bedeutete, den Götzendienst aufzugeben. Viel stärker hätte herausgearbeitet werden müssen, welche zentrale Rolle der Verzicht auf das Opfer zu Jupiter nach dem Sieg über die Mitkaiser spielt (S. 66–67). Hier zitiert Leithart zwar eine deutsche Quelle von 1955, die er aber wohl nicht lesen konnte. Die umfangreichen deutschen Studien dazu kennt er nicht (siehe unten).

Auch bei anderen Fragen ist Leithart auf der richtigen Spur, hätte aber mit deutschen Quellen bessere Belege anführen können und die Bedeutung der Ergebnisse stärker herausstellen können. So geht Leithart davon aus, dass die eigentliche Kreuzesvision Konstantins bereits 310 in Grand in den Vogesen (heute in Frankreich) stattfand, wahrscheinlich als „Ringhalo“ (S. 77–78), die neuesten Belege dafür führt er aber nicht an.

Erfreulicherweise bezeichnet Leithart das „Edikt von Mailand“ als „Fiktion“ (S. 98–99). Tatsächlich vereinbarten die beiden Kaiser Konstantin und Licinus nach einem Treffen in Mailand in einem Brief vom Juni 313 aus Nikomedia die Rückgabe von konfisziertem Kirchengut und die Religionsfreiheit der Christen, nicht aber deren Vorrangstellung geschweige denn eine Stellung als Staatsreligion (S. 99–100). Tatsächlich hat Konstantin die Freiheit der Nichtchristen nicht beschränkt.

Je länger je mehr geht es Leithart aber nicht nur um eine Ehrenrettung Konstantins, sondern darum, ihn als Vorbild für christliche Politik hinzustellen. Aus Leitharts Sicht gilt: „Konstantin liefert uns in vielerlei Hinsicht ein Modell für christliche politische Praxis“ [„Constantine provides in many respects a model for Christian political practice“] (S. 11). Die Aussage, dass Konstantin in vieler Hinsicht für christliches politisches Handeln steht, geht natürlich weit über das hinaus, was Leithart belegt und besonders, was er widerlegt. Zwar ist zu würdigen, dass Konstantin aus christlicher Motivation auch Gesetze humanisiert und brutale Elemente der römischen Kultur beendet hat. Auch hat es Konstantin geschafft, das Christentum zu fördern ohne die Religionsfreiheit der anderen einzuschränken. Aber ob das für seine Vorbildfunktion reicht? Und hätte man dann nicht gründlicher diskutieren müssen, ob die Förderung des Christentums als vom Staatsoberhaupt gewünschter Religion und Religionsfreiheit wirklich gleichzeitig möglich sind und inwiefern ein Christ als Staatslenker die Politik prägen sollte und kann?

Ausführlich belegt Leithart, dass die Sicht von Yoder und anderen, die Frühe Kirche sei vollständig pazifistisch gewesen und habe erst durch oder nach Konstantin ihre Sicht geändert, dass man nicht in der römischen Armee dienen könne, einseitig ist. Tatsächlich gab es um diese Fragen eine breite Diskussion in der Frühen Kirche und schon vor Konstantin bis zurück zur Zeit der Apostel dienten Christen als Soldaten und Offiziere in der römischen Armee (S. 255–278), die ja zugleich die Polizeigewalt innehatte. Aber auch hier ist ein weiter Weg zur Vorbildfunktion Konstantins, die auch ohne Pazifismus die Frage klären müsste, wie das Verhältnis der christlichen Kirche zu legalen Institutionen des staatlichen Gewaltmonopols stehen sollte.

Ich persönlich hätte mir eine klarere Trennung in einen historischen Teil zu Konstantin und einen ethischen Teil zum Verhältnis von Kirche und Staat gewünscht. Da Yoder die beiden Fragen bis zur Unkenntlichkeit vermischt, folgt ihm Leithart, wenn es bei ihm auch viel einfacher ist, die Gedanken zum einen oder anderen voneinander zu trennen.

Eigentlich handelt es sich für mich sogar um vier Fragenkomplexe, die hier verschwimmen: 1. Was ist historisch zur Konstantinbiografie zuverlässig zu sagen? 2. Wie viel des späteren mittelalterlichen christlichen Europas geht auf Konstantin zurück und wie viel nicht, heißt also das konstantinische Zeitalter zu Recht so oder nicht? 3. Was ist gut und richtig – das heißt wie sollte es idealer Weise biblisch-theologisch sein? und 4. Wie ist im Licht des Ideals Konstantin und die spätere Entwicklung des Mittelalters zu bewerten oder kann man eine solche Bewertung gar nicht vornehmen?

Durch die starke Fixierung des Buches auf Yoder vor allem im hinteren Teil (S. 254–342) und dem angekündigten Wechsel von der Biografie zur Polemik im Laufe des Buches (S. 10–11) wird das Buch leider auch sehr auf den amerikanischen Bereich zugeschnitten und ist gerade im hinteren Teil für Christen in Europa oder im globalen Süden nicht relevant.

Drei Bücher von Girardet

Dem Buch von Leithart möchte ich drei Werke von Klaus M. Girardet gegen überstellen.

A) Klaus M. Girardet. Der Kaiser und sein Gott: Das Christentum im Denken und in der Religionspolitik Konstantins des Großen. Millenium-Studien 27. Berlin: de Gruyter, 2010. 212 S.

B) Klaus M. Girardet (Hg.). Kaiser Konstantin der Große: Historische Leistung und Rezeption in Europa. Bonn: Rudolf Habelt, 2007, darin bes.: Klaus M. Girardet. „Das Christentum in Denken und in der Politik Kaiser Konstantin d. Gr.“. S. 29–54

C) Klaus M. Girardet. Die konstantinische Wende: Voraussetzungen und geistige Grundlagen der Religionspolitik Konstantins des großen. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2006.1; 2000.2

Stellen wir dem Buch von Leithart die Bücher zu Konstantin des deutschen Forschers Klaus Girardet gegenüber. Grund für die intensive Erforschung Konstantins auf deutscher Seite ist unter anderem, dass Trier zeitweise dessen Hauptstadt war.

Girardet unterscheidet drei Forschungsrichtungen (A S. 22–24): 1. Auffassung, dass Konstantin bereits von Haus aus Christ war oder sich 310 bis 312 oder über einen noch längeren Zeitraum dem Christentum zuwandte. 2. Auffassungen, dass sich Konstantin zwar zum Monotheismus und/oder Sonnenkult mit gewissen christlichen Elementen zuwandte, nicht aber Christ nach damaligen und heutigen Maßstäben wurde. 3. Die Auffassung, dass es weder für die erste, noch für die zweite Auffassung Hinweise gibt.

Girardet beantwortet in einem eigenen Beitrag die Frage „Christliche Kaiser vor Konstantin?“ (C S. 13–38) sehr überzeugend negativ anhand jedes einzelnen Kaisers und seiner Familien vor Konstantin.

Girard lehnt treffend moderne Maßstäbe dafür ab, ob Konstantins Bekehrung ‚echt‘, ‚aufrichtig‘ oder ‚richtig‘, war und Konstantin ‚rechtgläubig‘ wurde (C S. 59). Er geht davon aus, dass das herausragende Kennzeichen des Christseins und Christwerdens in der Antike und im 4. Jahrhundert die „Absage an den Götterkult“ (C S. 60) gewesen sei. Also müsse vor allem gefragt werden, ob Konstantin dies vollzogen habe. „Die Verweigerung des Götzenopfers“ durch Konstantin sei gut belegt (C S. 60–71, A S. 78–88) unter anderem direkt nach dem Sieg über seine Mitkaiser, da Konstantin am Ende des Triumphzuges (der streng genommen keiner war, da keine Feinde, sondern ein Mitkaiser besiegt wurde) in Rom am 29.10.312 für alle erkennbar nicht als Ende und Höhepunkt das übliche Dankopfer an Jupiter Optimus Maximus auf dem Kapitol darbrachte, sondern direkt in seinen Palast zog.

Dafür findet Girardet viele Belege. So sieht der heidnische Historiker Zosimos (II 7,2) in der Unterlassung des Dankopfers an Jupiter den Grund für den Beginn des politischen Niedergang Roms (C. S. 70). Das Dankopfer an Jupiter fehlt auch auf dem 315 errichteten Konstantinbogen, auf dem statt Jupiter der „instinctu divinitatis“, der Eingebung der Gottheit gedankt wird.

Auffällig ist ab 312 in Berichten oder eben auf dem Konstantinsbogen, das erstmals der Gott, der den Sieg verursachte, keinen Namen hat, sondern allgemein „summa divitas“ und ähnlich heißt (C S. 68).

Kurz nach der Verweigerung des Dankopfers an Jupiter 312 erscheinen erste Münzen mit dem Christogramm (B S. 42). Alles spricht dafür, dass es bereits Christuszeichen auf dem Helm des Kaisers und den Feldzeichen gab (A S. 64–67), wobei das Christuszeichen wohl nicht das heute vertraute Kreuz war, sondern das Chi-Rho.

Girardet geht ausführlich auf die drei zentralen Texte zur Vision des Christuszeichens an der Milvischen Brücke ein (A S. 30–40). Nirgends wird gesagt, so Girardet, dass die Vision erst an der Brücke geschah (A S. 49–51). Vielmehr dürfte Konstantin bereits 310 einen sogenannten „Ringhalo“ in Grand in den (heute französischen) Vogesen gesehen haben, den dann sein militärisches Begleitkommando auch sehen konnte. Ein Halo ist ein atmosphärischer Lichteffekt durch Brechung bzw. Reflexion von Licht an Eiskristallen. Er kann die Form einer inneren kleineren Sonne mit vier Strahlen in alle Richtungen wie ein Kreuz annehmen.

Giradet liefert außerdem viele Belege aus Konstantins frühen Reden ab 312 für seine Parteinahme für das Christentum (A S. 89–123). Die späte Taufe Konstantins ist für ihn normal und damals üblich gewesen, zumal Konstantin offensichtlich davon ausging, dass er nach der Taufe nicht mehr das kaiserliche Purpur tragen könne (A S. 106–107).

Interessant ist auch Girardets Darstellung „Nichtchristen im Denken und Handeln Konstantins“ (C S. 113–133, siehe auch A S. 137–139). Konstantin hat das Christentum niemandem aufgezwungen und ließ den Heiden ihre Freiheit. Wie Leithart sieht er bei Konstantin das Element der Religionsfreiheit in einem Maße gegeben, wie es dies bei den römischen Kaisern vorher nicht gab.

Aufsätze

Schauen wir noch auf einige der von Girardet herausgegebenen Aufsätze. Tiziana J. Chiusi („Der Einfluß des Christentums auf die Gesetzgebung Konstantins“. S. 55–64 in: Klaus M. Girardet [Hg.]. Kaiser Konstantin der Große. a. a. O.) zeigt die Ambivalenz der Gesetzgebung Konstantins. Strengere Gesetze für die Flucht von Sklaven stehen neben Gesetzen zur humanen Behandlung der Sklaven und der Begünstigung ihrer Freilassung (B S. 60). Deutlich christlicher Einfluss sind die Abschaffung der Todesstrafe durch Kreuzigung, das Verbot von Brandmalen im Gesicht, das Verbot der Gladiatorenspiele (B S. 61) oder die Einführung des Sonntags als Ruhetag, eine eindeutige Förderung und Werbung für das Christentum (B S. 63).

Wegweisend finde ich die drei grundlegenden Veränderungen des Christentums, die Konstantin bewirkt hat, wie sie Karl-Heinz Ohlig („Strukturelle Auswirkungen der Konstantinischen Wende auf das Christentum“. S. 75–86 in: Klaus M. Girardet [Hg.]. Kaiser Konstantin der Große. a. a. O.) benennt und erläutert: die Sakralisierung, die Verrechtlichung und die Hellenisierung des Christentums.

Die Sakralisierung des Christentums betraf vor allem die Rolle der Kirche, ihre Ämter und die Sakramente, da seitdem die von sakralen Männern geleitete kultische Praxis im Mittelpunkt steht (B S. 81). Die Verrechtlichung des Christentums ist in der katholischen Kirche bis heute erhalten und grundlegend (B S. 82) Die weitreichendsten Folgen hatte aber nach Ohlig die Hellenisierung des Christentums (B S. 85). Auf alle diese Fragen geht Leithart etwa nicht ein.

Die Frühgeschichte der Evangelischen Allianz und ihres Einsatzes für Religionsfreiheit

Mai 8, 2012 by Schirrmacher · 2 Kommentare 

Gerhard Lindemann. Die Geschichte der Evangelischen Allianz im Zeitalter des Liberalismus (1846-1879). Theologie: Forschung und Wissenschaft Bd. 24. Lit Verlag: Münster, 2011. 1064 S. 129,90 €

Seit meiner Dissertation zu Theodor Christlieb von 1985 und der kurz darauf erschienenen Arbeit von Hans Hauzenberger hat zwar der methodistische Forscher Karl-Heinz Vogt zu Christlieb selbst und zum Thema Allianz und Religionsfreiheit einiges Neue beigetragen, aber insgesamt fehlten die großen Fortschritte in der Forschungsgeschichte zur Allianz in Deutschland seit 25 Jahren, ja für die Zeit vor dem 2. Weltkrieg weltweit. Auch zur Frühgeschichte der Weltweiten Evangelischen Allianz ist länger nichts substantiell Neues erforscht worden. Und auch zur Geschichte der Religionsfreiheit im 19. Jahrhundert allgemein haben sich die Forscher nicht gerade überschlagen. Und nun dieses ausgezeichnete Mammutwerk!

Ein großformatiges Buch mit 947 Seiten reinem Text mit großem Satzspiegel und kleiner Schrift: Die Heidelberger Habilitationsschrift von 2004 wird dem Ruf, das die Deutschen die dicksten aller Bücher schreiben, gerecht. Bisweilen detailversessen, alles minutiös aus den Akten und zeitgenössischen Zeitungen belegend, wird das Buch dadurch zu der gründlichsten (und besten) Darstellung der Vor- und Frühgeschichte der Evangelischen Allianz. Die Weltweite Evangelische Allianz vertritt heute 600 Mio. Christen weltweit, davon nur noch ein Bruchteil deutscher Zunge. Schade, dass dem größten Teil dieser Menschen deswegen dieser Schatz verborgen bleiben wird, denn eine englische Übersetzung dieser Textmenge wäre zwar dringend erforderlich, ist aber leider sehr unwahrscheinlich.

Das Werk behandelt, soweit aus den Quellen rekonstruierbar, 1. die eigentliche Geschichte wie Versammlungen, Kampagnen und internationale Ausbreitung, die jeweils in die große Zeitgeschichte eingeordnet werden, 2. die Rolle der entscheidenden Persönlichkeiten, und 3. die Arbeitsschwerpunkte der Allianz (dabei vor allem Glaubens- und Gewissensfreiheit, Gebetswoche, Mission, Publikationen). Wer dabei eine einzelne Thematik verfolgen möchte – etwa die Geschichte der internationalen Allianzgebetswoche jeweils zu Beginn des Jahres –, kann dies über die übersichtliche Gliederung und den Index sehr gut tun. Auch wer die Geschichte der Allianz bis 1879 in solch unterschiedlichen Ländern wie Großbritannien, England, Deutschland, den skandinavischen Ländern, Kanada, Australien, Südafrika, Türkei, Iran, Indien oder Japan verfolgen will, wird hier fündig.

Zu vielen Details findet sich hier erstmals ein Beleg (z. B. Einsatz der frühen Evangelischen Allianz für Tierschutz) und selbst zu Christlieb habe ich Neues gefunden, dass meine Dissertation ergänzt (Christlieb und Versöhnung mit Frankreich in New York [747-752], Christliebs Einsatz gegen Opiumhandel [856-858], Geschichte der Westdeutschen Evangelische Allianz [921-922].)

Lindemann sieht die Allianz gleich zu Beginn als erste organisierte Form der Ökumene, als einzig wirklich ökumenische Organisation, die aus der Erweckungsbewegung des 19. Jahrhunderts entsprang (15). Er weist nach, dass die Allianz selbst in ihren frühen Dokumenten häufig das Wort „ecumenical“ verwendete (938 u. ö.). „Sie schuf ein Klima, das die Gründung von Vorgängerorganisationen des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) ermöglichte.“ (945). Er kritisiert, dass geschichtliche Darstellungen der modernen Ökumene oft sehr spät einsetzen und sowohl die Allianz als auch einige ihrer führenden Vertreter als Vorreiter der Einheit der Christen übergeht (21).

Lindemann sieht die Allianz als Teil der transnationalen Frömmigkeitsbewegung der Erweckungen nach dem Pietismus (25), die man nicht einfach pauschal als „antiaufklärerisch“ oder „antimodern“ beurteilen darf (25), sondern die etwa in Fragen der Religionsfreiheit oder des Antisklavereikampfes (28-29) auch ihrer Zeit voraus war. Gespeist aus Erweckungen in ganz unterschiedlichen Sprach- und Kulturkreisen zeichnete sie sich wie der Pietismus „durch ein weitverzweigtes Netz internationaler Kontakte und Verbindungen aus“ (33).

Ob man die Gründung ökumenischer Strukturen unabhängig von der Allianz wirklich allein auf die „zunehmende ‚Fundamentalisierung‘ der Allianz 1880“ (945) in Form der Ablehnung der Bibelkritik und der Zuwendung zur Heiligungsbewegung zurückführen kann, wie Lindemann ganz am Ende eher beiläufig sagt, wage ich zu bezweifeln. Ich vermute, dass eine ebenso gründliche Arbeit zur Zeit nach 1880 ebenso eine andere ‚Allianz‘ hervortreten ließe, wie die Allianz, die Lindemann bis 1879 darstellt, ebenso dem gängigen Klischee nicht entspringt. Doch Lindemann hat Recht, wenn er fortfährt: „Doch lebte das Gedankengut der Allianz in der Ökumene fort.“ (946). Überhaupt passen die Schlussworte zur Evangelischen Allianz heute, die eine gute frühe und eine schlechtere spätere und heutige Allianz andeuten, nicht so ganz zum Duktus des Buches. Aber nach 945 überaus fairen Seiten in der Darstellung der Allianz aus den Quellen sollte man diese verhaltene Kritik liebevoll beherzigen, zumal die daraus gezogenen Empfehlungen schon teilweise umgesetzt werden.

Insgesamt schreibt Lindemann aus freundlich-kritischer Distanz. So kritisiert er etwa die große Nähe vieler Evangelikaler zum herrschenden Adel in der Zeit der Revolutionen 1848/49 (152-158), worin die Evangelikalen sich nicht von den Kirchen ihrer Zeit unterschieden.

Häufiger hilft er, positive Bilder zu differenzieren. So bestand etwa schon bei Gründung der Evangelischen Allianz Einigkeit in der Verurteilung der Sklaverei – der Kampf gegen die Sklaverei gehörte unverrückbar zur Geschichte der ‚Evangelicals‘, aber inwiefern Sklaverei duldende Gruppen und Personen Mitglied werden durften, war diesseit und jenseits des Atlantischen Ozeans umstritten (65-72, 110-129, 159). 1846 wurden sie alle ausgeladen, später teilweise zugelassen, dann mit der Abschaffung der Sklaverei in den USA endgültig verbannt (693). Noch nie wurden diese komplizierten Details im Einzelnen belegt.

Auch zur Entstehung des Glaubensbasis wird viel neues Material geliefert. „Man verstand sich als eine Verbindung von Einzelpersonen und legte in diesem Zusammenhang auf die persönliche Glaubensentscheidung des Einzelnen Wert und betonte das Recht auf individuelle Bibellektüre. Mit diesem Grundaxiom hing auch die scharfe Abgrenzung vom Katholizismus sowie hochkirchlichen Gruppierungen im Protestantismus zusammen, die Sakramente und die Institution Kirche als objektiv vorgegebene Größen betrachteten und der Entscheidung des Einzelnen voranstellten. Hingegen galt für die Allianz in ihrer in London verabschiedeten ‚Glaubensbasis‘ die göttlich inspirierte Schrift als sakrosankt, deren freie Prüfung dem Einzelnen jedoch zugestanden wurde.“ (205)

Spannend ist die Entstehung der ersten Glaubensbasis (87-98). Meines Erachtens hätte man noch deutlicher darauf hinweisen können, dass die beiden ersten Sätze eine bis heute zentrale Spannung bewirken:
„1.The Divine Inspiration, Authority, and Sufficiency of the Holy Scriptures.
2. The Right and Duty of Private Judgement in the Interpretation of the Holy Scriptures.“ (98).
Einerseits ist dies eine unverückbare Festlegung, andererseits eine extremer Pluralismus, der jeden Gläubigen verpflichtet, die Grundlage selbst auszulegen.

Exkurs: Die Evangelikalen sind durch zwei Paare entgegengesetzter Pole gekennzeichnet und man wird ihnen nicht gerecht, wenn man jeweils nur einen der Pole sieht.

Einerseits ist das die von den Evangelischen ererbte Zentralität der Heiligen Schrift. Andererseits ist es der aus Luthers Frage ‚Wie bekomme ich einen gnädigen Gott‘ hervorgegangene Heilsindividualismus. Es geht darum, dass jeder Mensch seine persönliche Beziehung zu Gott hat und daraus ergibt sich als Korrektur zur Zentralität der Schrift die Berechtigung, ja Verpflichtung jedes Christen, die Heilige Schrift selbst zu studieren und auszulegen, womit er mit jedem noch so gebildeten evangelikalen Theologen, auch seinem Pastor, gleichauf steht. So vereint die evangelikale Welt die dogmatische Enge dank der Bibelfrage mit einer enormen demokratischen Weite, weil jeder theologisch mitreden darf.

Die zweite Spannung ist die zwischen Mission und Religionsfreiheit. Aus der enormen Betonung der persönlichen Beziehung zu Jesus entstand sowohl die starke Betonung der „Zeugnispflicht“ als auch die starke Betonung der Religionsfreiheit. Das Konzept der Freiwilligkeit prägte nicht nur die Freikirchen, sondern auch den innerkirchlichen Pietismus, für den Glaube nicht nur etwas Äußerliches, Ererbtes sein dürfte, sondern etwas persönlich Erfahrenes. Dazu aber kann man niemand zwingen, ja Zwang macht die Möglichkeit zunichte, eine wirklich eigenständige, persönliche Umkehr zu Gott zu vollziehen. Also lieber eine kleinere Kirchen mit überzeugten Mitgliedern, also eine große mit vielen Mitgliedern, die nur dank gesellschaftlichem, familiärem oder sonstigen Druck dazugehören.

Neubestimmung des Verhältnisses der Evangelischen Allianz zur katholischen Kirche

Lindemann geht auf die antikatholischen Tendenzen und Aktivitäten in Großbritannien ein, in denen die Allianz zum Teil wurzelt (45-50). Allerdings weist er schlüssig nach, was mein größtes Aha-Erlebnis beim Lesen des Buches war: Es waren kaum die dogmatischen Unterschiede, die im Mittelpunkt standen, sondern die Allianz repräsentierte mit ihrem Eintreten für Glaubens- und Gewissensfreiheit, ihrer teilweise radikalen, teilweise noch verhaltenen Trennung von Kirche und Staat und ihrer Vorangstellung der freiwilligen persönlichen Bekehrung – was jeden Zwang in der Mission oder religiösen Zwang seitens des Staates ausschloss – das komplette Gegenteil zur ultramontanistischen katholischen Kirche, die Religionsfreiheit entschieden verwarf, den Staat als Diener der Kirche zumindest in Fragen von Religion und Ethik sah und die örtlichen Katholiken stärker denn je an die geistliche, aber auch politische Führung des Papstes band – alles Positionen, die die katholische Kirche offiziell erst im 2. Vatikanischen Konzil aufgab, aber schon nach den beiden Weltkrieg jeweils immer mehr zurückfahren musste. So wie es im bismarckschen Kulturkampf in Deutschland weniger um Glaubensinhalte, also um die Machtfrage und den politischen Einfluss der Kirche(n) ging, so stand im Zentrum der Allianz – so Lindemann –, dass der Ultramontanismus „als eine Verschwörung gegen die geistige Entwicklung und geistige Freiheit des Menschheit“ (49) erachtet wurde (321-337).

Konsequenterweise setzte man sich vom Gründungsjahr an auch für verfolgte Katholiken in protestantischen Ländern ein und unterstützte antikatholisch orientierte Regierungen nicht in ihrem Tun (205). Übrigens wurde 1846 bewusst bei der Gründung keine Nichtzulassung von Katholiken formuliert (131). Als sich die Allianz 1858 mit einer Delegation gegen Schweden wandte, dessen oberstes Gericht, der Königliche Gerichtshof, 6 Frauen, die zum Katholizismus konvertiert waren, des Landes verwiesen hatte, und die Allianz Religionsfreiheit für diese Katholiken forderte, gab es europaweit einen Sturm der Entrüstung außerhalb der Allianz (295-300). Die Allianz war wesentlich daran beteiligt, dass der schwedische Reichstag die Strafen für das Verlassen der lutherischen Staatskirche 1860 abschaffte.

Lindemann schreibt: „Durch ihre Konzentration auf dogmatische und geistliche Elemente unterschied sich die Allianz von anderen anti-katholischen Gruppierungen. Überdies machte das Engagement für die waadtländische Freikirche deutlich, dass die Vereinigung sich nicht von einem blinden Katholikenhass leiten ließ, sondern sich auch gegen eine diplomatische und militärische Unterstützung von Regierungen aussprechen konnte, die das Prinzip der Religionsfreiheit nicht achteten, auch wenn sie sich mit dem Katholizismus im Konflikt befanden. Sir Culling Eardley stellte in diesem Zusammenhang klar, dass politische Freiheit ohne Religionsfreiheit undenkbar und auch nicht unterstützenswert sei – nach Auffassung des Londoner Allianzkomitees handelte es sich dabei 206um das ‚heiligste unter den Menschenrechten‘.“ (205-206)

„Die Evangelische Allianz erwies sich bereits in ihrer Gründungsphase keineswegs als eine rein antikatholische Bewegung. Vorrangig war das Interesse an einer Einheit unter den Christen, während aktuelle Ereignisse und Entwicklungen eher als auslösende Faktoren für den Schritt zu dem protestantischen Zusammenschluss anzusehen sind. Als wesentliche Ziele galten die Evangelisation der Welt sowie, vor allem aus amerikanischer Perspektive, auch der Wunsch, durch die grenzüberschreitende Zusammenarbeit zum Frieden unter den Völkern beizutragen.“ (205)

Neues zur Geschichte der Religionsfreiheit

Als das herausragende Thema der Allianz erweist Lindemann den Einsatz gegen Verfolgung aus religiösen Gründen und für die Religionsfreiheit, die noch nie so gründlich dargestellt wurde (bes. 141-151, 205-321, 592-645, 773-811, 858, 868-913). Besonders interessant sind auch die Erkenntnisse zum Einsatz der Allianz für die Religionsfreiheit, die Lindemann aus den Akten des britischen „Foreign Office“ gewann.

Am stärksten waren die Jahre 1849 bis 1858 vom Einsatz für aus religiösen Gründen Verfolgte im Mittelpunkt (207), da die Allianz sich zunutze machte, dass Außenpolitik Theme der Presse und der entstehenden Parlamente wurde (207).

Wählen wir als Beispiel den Einsatz für einen vom Katholizismus zum Protestantismus konvertierten Italiener Signor Giacinto Achilli (1803-1893), der deswegen lebenslänglich von der römischen Inquisition inhaftiert war und der in einem fast einjährigen diplomatischen Tauziehen unter Beteiligung des britischen und französischen Außenminister, der Medien, der eigenen Zeitung und zahlreichen Delegationen schließlich durch einen Trick von den Franzosen aus Rom befreit und nach England überstellt wurde (208-223).

Vorgänge wie diese stellt Lindemann wiederholt minutiös dar. Sie wurden, wenn sie überhaupt bekannt waren, bisher noch nie in ihren einzelnen Schritten nachvollzogen und belegen, wie gut organisiert, mit Regierungen und Medien vernetzt und ihrer Zeit voraus dieser Aspekt der Evangelischen Allianz war.

Lindemann schreibt: „Bei ihrem Einsatz für aus Glaubensgründen Benachteiligte profitierte die Allianz eindeutig von der zunehmenden Pluralisierung vor allem der britischen Gesellschaft und der Entstehung einer breiteren Medienöffentlichkeit, die die Einflussnahme von ‚Pressure Groups‘ auf außenpolitische Entscheidungsprozesse zuließ. Man merkte bald, dass in bestimmten Fällen das gemeinsame Agieren über Ländergrenzen hinweg noch Erfolg versprechender zu sein schien und, wie zum Beispiel erstmals im Fall des Italieners Achilli, zu einem gemeinsamen Handeln von Regierungen führen konnte. Zugleich konnte der Verweis auf die englische öffentliche Meinung Staaten von Repressionen auf Andersgläubige abhalten, sie beenden oder zumindest abmildern. Nicht nur durch den Gebrauch neuer Methoden in diesem Engagement hatte die Evangelische Allianz an einem Modernisierungsprozess des Protestantismus im 19. Jahrhundert einen Anteil.“ (943)

Die Britische Allianz erreichte etwa durch eine Denkschrift an den preußischen König gegen die Baptistenverfolung, dass der aus Berlin vertriebene Führer der Baptisten Johann Gerhard Oncken nach Berlin zurückkehren konnte (235-237). Mit Schreiben der britischen Königin und des preußischen Königs setzte man 1852 dem toskanischen Großherzog Leopold II in einer Audienz wegen der Inhaftierung eines Ehepaars namens Madiai zu. „Die Deputation stieß europaweit auf eine starke Resonanz“ (254). Und selbst der gestrenge Lutheraner Ernst-Wilhelm Hengstenberg, wahrhaftig kein Freund der Allianz, rühmte das Vorgehen, denn es habe den katholischen Vorwurf, die Protestanten seien hoffnungslos zerspalten, widerlegt. Hier habe man mit einer Stimme gesprochen (254). Die Sache weitete sich bis in die USA aus, andere italienische Fürsten wurden ebenso aktiv, wie der französische Kaiser, bis das Ehepaar Madiai schließlich nach einem Jahr 1853 freigelassen wurde. Besonders deutlich wird, wie eng der Gedanke einer Ökumene der Protestanten und der Religionsfreiheit verbunden war: Gemeinsamkeit macht stark.

Wie konfessionell großzügig man war, zeigt sich auch darin, dass man sich beim Sultan nicht nur für Konvertiten vom Islam zum Protesantismus einsetzte, sondern auch für die griechisch-orthodoxe Kirche (300). Im Iran setzte man sich für Nestorianer ein (610-613).

Nach der Hinrichtung eines Konvertiten 1853 aktivierte die Allianz in Zusammenarbeit mit der Türkischen Allianz ihre Kontake in zahlreichen europäischen Regierungen, bis schließlich 1856 Sultan Abdülmecid I. – sicher in Zusammenhang mit der komplizierten Politik zwischen dem Osmaischen Reich und der Westmächte – in einem Edikt den Protestanten größere Freiheiten zugestand und die Todesstrafe für Konversion abschaffte (300-319). 1874-1875 führte eine weitere große Kapagne eine Allianzdelegation bis zum türkischen Außenminister, Diplomaten sogar bis zum Sultan, deren Auswirkungen aber umstritten sind (879-902).

Lindemann schreibt, dass für die Niederschlagung der Prozesse gegen Pastoren im Baltikum durch den Zaren „der Londoner Vorstoß der Allianz verantwortlich gewesen“ sei (800). Das Verwirrspiel um den Versuch eines Treffens mit dem Zaren, der schließlich seinen Außenminister vorschickte, wird bei Lindemann aufgelöst (779-800).

Auch die Audienzen, die die Allianz beim preußischen König erhielt, etwa 1855 in Köln oder 1857 im Rahmen der Berliner Allianzkonferenz bei Friedrich Wilhelm IV. (286f), drehten sich immer um die Religionsfreiheit in Deutschland. Dasselbe gilt für Gespräche des Allianzsekretärs, die er mit dem deutschen Kaiser Wilhelm I. und dem Reichskanzler Otto v. Bismarck 1875 führte (919).

Eine Allianzdeputation bei Kaiser Franz Joseph I. in der Hofburg und anschließende Gespräche beim Ministerpräsidenten und beim Kultusminister im Jahr 1879 führten zu spürbaren Erleichterungen für Protestanten, 1880 sogar zu deren rechtlicher Anerkennung als Kirchen, sowie fast nebenbei zu Erleichterungen für die Freikirchen in Wien (913).

Dasselbe gilt auch für den Besuch der gesamten Teilnehmerschaft der New Yorker Konferenz beim amerikanischen Präsidenten Ulysses S. Grant und seinem Kabinett 1873 (755-756), nur dass die amerikanische Regierung nicht mehr von der Religionsfreiheit überzeugt werden musste.

Man bedenke, dass das alles zu einer Zeit geschah, als die angestammten Kirchen alle noch weit davon entfernt waren, ihren Staatskirchenstatus aufzugeben, geschweige denn Religionsfreiheit für alle zu gestatten, geschweige denn selbst zu fordern. Wenn Religionsfreiheit damals gefordert wurde, dann meist von Juden, religiösen Minderheiten und Atheisten, nicht aber von sehr religiösen Vertretern der vorherrschenden Religion. Welchen Beitrag die Evangelische Allianz zur Religionsfreiheit in Deutschland geleistet hat, ist bisher noch nirgends gewürdigt worden.

Grundsätzliches

Die Homburger Konferenz für Religionsfreiheit von 1853 war ein Meilenstein der Allianzgeschichte und der Toleranz in Deutschland und Europa (263-267). Zentrales Ergebnis war die Ablehnung jeder kirchlichen Gewalt gegen Separatisten und die Ablehnung jeglicher Inanspruchnahme staatlicher Gewalt durch Kirchen gegen andere (266) ein Meilenstein der Entwicklung des Rechtes auf Religionsfreiheit. Dies galt zudem bewusst nicht nur für Christen, sondern für alle Religionen, was natürlich zu internen Kontroversen und zu scharfer Kritik seitens protestantischer Staatskirchen führte (267-272), ohne dass die Allianz deswegen von dem Grundsatz abrückte.

1861 stellt ein französischer Pastor erstmals eine ganz neue These auf, die sich mehr und mehr in der Allianz durchsetze, dass nämlich „die Religionsfreiheit staatliche Ordnung und den ihr innewohnenden Frieden garantiert“ (592), Unterdrückung der individuellen Religionsfreiheit dagegen Revolution und Unfrieden nähre und dem Staat seine gottgegebende Grundlage entziehe!

Interessanterweise bestätigt eine internationale wissenschaftliche Untersuchung genau dies: Religionsfreiheit fördert eine friedliche Gesellschaft, deren Unterdrückung fördert Unruhe und Gewalt und praktisch alle religiös gefärbten terroristischen Bewegungen der Welt kommen aus solchen Ländern. [Brian J. Grim, Roger Finke. The Price of Freedom Denied: Religious Persecution and Conflict in the Twenty-First Century. Cambridge: Cambridge University Press, 2010 und meinen Kommentar dazu unter http://www.thomasschirrmacher.info/archives/1792]

Lindemann schreibt: „Mit ihrem Engagement für die Religionsfreiheit leistete die Allianz, deren angloamerikanischer Flügel sich nicht mit bloßer Toleranz zufriedengab, sondern das öffentliche Bekennen des Glaubens als ein Grundrecht ansah, auch der Durchsetzung der bürgerlichen Freiheiten in den betreffenden Ländern einen bemerkenswerten Dienst und trug zur Entstehung einer europäischen Zivilgesellschaft nicht unwesentlich bei. Allerdings kam es in diesem Bereich auch zu Konflikten mit der britischen Regierung, die im Blick auf Indien vorrangig an der Beherrschbarkeit des Landes interessiert war und im Falle des Osmanischen Staats insbesondere von globalstrategischen sowie von ökonomischen und Handelsinteressen geleitet war. Letztere begannen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts die britische Außenpolitik verstärkt zu beeinflussen. Zudem lässt sich auf der Regierungsseite eine deutliche Zurückhaltung gegenüber dem evangelikalen Missionsverständnis nachweisen. Das Gesamtengagement der Allianz erwies sich hingegen durch die Erweiterung seiner Bezugspunkte und -orte bis hin nach Russland und Japan als kongruent zur globalen Dauerpräsenz Großbritanniens. Im Unterschied zur britischen Außenpolitik mischte man sich jedoch immer wieder auch in europäische Religionskonflikte ein, während man mit Ausnahme der italienischen Einigung hinsichtlich politischer Spannungen wie den seit 1864 von Preußen geführten Kriegen analog zur Haltung der britischen Regierung Zurückhaltung übte oder sie gar wie im Falle des polnischen Aufstandes von 1863/64, der keineswegs frei von religiösen Komponenten war, ignorierte.“ (943).

Der japanische Yasukunikult – Soldaten als Märtyrer?

April 23, 2012 by Schirrmacher · 1 Kommentar 

[Die bibliografischen Angaben finden sich jeweils am Ende eines Abschnittes.]

Der Yasukuni-Schrein

Im Rahmen meiner Forschungsarbeit zur Verherrlichung von Soldaten, Revolutionären oder Terroristen als Heilige oder Märtyrer in verschiedenen Religionen (siehe zuletzt meinen Besuch in Edinburgh-Castle http://www.thomasschirrmacher.info/blog/gefallene-soldaten-als-martyrer-in-gottes-sache-erschreckendes-in-edinburgh/) besuchte ich mehrere Schreine in Tokio, darunter den Yasukuni-Schrein im Herzen der Stadt.

Am Ende einer langen Allee steht das Tor zum Vorplatz des Yasukuni-Schreins (C: Schirrmacher)

Der Yasukuni-Schrein wurde 1882 als ein Zentrum des Staatsshintoismus gegründet. Der letzte staatliche Ritus in Yasukuni fand im November 1945 statt. Anwesend waren Kaiser Hirohito, der Premierminister, das gesamte Kabinett und die Spitzen von Armee und Marine. Danach beendete die sogenannte Shinto-Direktive der amerikanischen Besatzer den Staatsshintoismus. Zunächst sollte der Yasukuni-Schrein sogar ganz abgerissen werden, doch dann bestanden die Besatzer nur noch auf der völligen Privatisierung (Details bei John Breen. „A Yasukuni Genealogy“. S. 19). Wiederholte Anträge der Liberal-demokratischen Partei in späteren Jahrzehnten im Parlament, dies rückgängig zu machen, wurden von der Mehrheit abgelehnt (Details ebd. S. 20).

Eingangshalle des Yasukuni-Schreins in Tokyo (C: Schirrmacher)

Im Yasukuni-Schrein werden die Angehörigen des japanischen Militärs als ‚kami‘ (= unsichtbarer Geist) verehrt, die als Angehörige der kaiserlichen Armeen und für den Kaiser seit der sog. Meiji-Restauration ab etwa 1860 bis zum Ende des 2. Weltkrieges bzw. Pazifikkrieges im Kampf gefallen sind. Die 2.466.532 Seelen der vom Yasukuni-Schrein selbst gelisteten Gefallen – die Zahl steigt immer noch langsam an – bestehen aus 2.133.915 Gefallenen des Pazifikkrieges (1941-1945), 191.250 des 2. Japanisch-Chinesischen Krieges (1937-1945) und 17.176 des 1. Japanisch-Chinesischen Krieges („Manchurian incident“) (1894-1895).

Vor dem Yasukuni-Schrein werden Gebetszettel gekauft und aufgehängt (C: Schirr-macher)

Dazu gehören auch die Kamikazeselbstmordattentäter von 1944/45 oder die Angehörigen der berüchtigten „Einheit 731“, die im Krieg in der Mandschurei (d. h. in China) Experimente mit biologischen Waffen an Kriegsgefangenen und Zivilisten durchführten. Vor allem aber gehören dazu 1.068 Angehörige der kaiserlichen Armee, die in der japanischen Entsprechung zu den Nürnberger Prozessen (‚Tokioer Kriegsverbrecher-Tribunale‘, ‚IMTFE‘) als Kriegsverbrecher verurteilt wurden, darunter 14 Verurteilte der Klasse A („Verbrechen gegen den Weltfrieden“) – was unseren ‚Hauptkriegsverbrechern‘ (z. B. Göring) entspricht.

Der Hauptschrein, in dem die 2,5 Mio. Geister wohnen sollen, 1872 erbaut, 1986-1989 renoviert (C: Schirrmacher)

Diese letzteren ‚kamis‘ wurden allerdings heimlich vom Schrein aufgenommen – seitdem Kaiser Hirohito 1979 davon erfuhr, hat er den Schrein nicht wieder besucht, was erstaunlicherweise auch sein Sohn Kaiser Akihito seit 1989 so gehalten hat, der ansonsten etliche Shinto-Zeremonien in Bezug auf seine Göttlichkeit wieder eingeführt hat. Das Militärmuseum des Schreins selbst bezeichnet in der Beschriftung, in seinen Broschüren und auf seiner Webseite (siehe dazu unten) die Tokioer Kriegsverbrecherprozesse als Schauprozesse.

Literatur zum Schrein
Kalus Antoni. Der Himmlische Herrscher und sein Staat: Essays zur Stellung des Tennô im modernen Japan. München: iudicium, 1991. S. 155-166

John Breen. „The Dead and the Living in the Land of Peace: A Sociology of the Yasukuni Shrine“. Mortality 9 (2004) 1 (Febr): 76–93

John Breen. „Yasukuni Shrine: Ritual and Memory“. Japan Focus vom 3.6.2005, http://japanfocus.org/-John-Breen/2060 oder http://hnn.us/articles/12297.html

John Breen. „A Yasukuni Genealogy“. S. 1-21 in: John Breen (Hg.). Yasukuni, the War Dead and the Struggle for Japan’s Past. New York: Columbia University Press, 2008

John Nelson. „Social Memory as Ritual Practice: Commemorating Spirits of the Military Dead at Yasukuni Shinto Shrine“. Journal of Asian Studies 62 (2003) 2: 445-467

Michael Pye. „Religion and Conflict in Japan with Special Reference to Shinto and Yasukuni Shrine“. Diogenes 50 (2003) 3: 45-59

Sven Saaler. „Ein Ersatz für den Yasukuni-Schrein? Die Diskussion um eine neue Gedenkstatte für Japans Kriegsopfer“. Nachrichten der Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens (NOAG) 175/176 (2004): 59-91

Mark Selden. „Japan, the United States and Yasukuni Nationalism: War, Historical Memory and the Future of the Asia Pacific“. Japan Focus vom 10.9.2008. jetzt: http://www.japanfocus.org/-Mark-Selden/2892

Yasukuni-Besuche

Auch wenn es seit 1952 allerlei Versuche gegeben hatte, dass einzelne Premierminister in der einen oder anderen Form die ‚kamis‘ in Yasukuni verehrten (eine Liste findet sich bei Ernst Lokowandt. Shinto. S. 58-64), und 1969-1974 fünfmal ein Gesetz zur Wiedererrichtung des Yasukuni-Schreines als Staatsheiligtum (vergeblich) im Parlament eingereicht wurde (Details bei Peter Fischer. „Versuche einer Wiederbelebung von Staatsreligion im heutigen Japan …“. S. 238-240), war der eigentliche Tabubruch, dass Ministerpräsident Nakasone Yasuhiro den Yasukuni-Schrein trotz der Erhebung der Hauptkriegsverbrecher im Yakusuni-Schrein 1978 zum 40. Jahrestag des Kriegsendes am 15.8.1985 besuchte, die Opfergabe aus der Staatskasse bezahlte und seinen Besuch zu einem offiziellen Besuch erklärte. Dieser Besuch löste allerdings im In- und Ausland so viele Proteste aus, dass sich Ähnliches sobald nicht wiederholt hat (vgl. Ernst Lokowandt. Shinto. S. 61 und Kalus Antoni. Der Himmlische Herrscher und sein Staat. S. 156).

Die schärfsten Proteste kamen nicht aus China oder Korea, sondern von den christlichen Kirchen, buddhistischen und anderen religiösen Gruppen in Japan und auch von Parteien, Gewerkschaften, Wissenschaftlervereinigungen und fast allen großen Medien Japans. Die umfangreichste Kritik stammte (und stammt) von dem dem linken Spektrum und der sogenannten liberalen Historikerschule zugehörigen Tokioer Geschichtsprofessor Takahashi Tetsuya, vor allem in seinem japanischen Buch ‚Yasukuni‘) (auf Englisch von ihm: „The National Politics of Yasukuni Shrine“. a. a. O. ; Can Philosophy Constitute Resistance? a. a. O.; über ihn siehe Kevin M. Doak. A History of Nationalism in Modern Japan. a. a. O. S. 124-125).

Der private Besuch von Premierminister Jun’ichirō Koizumi beim Yasukuni-Schrein, am 17.10.2005, hatte ein gewaltiges Medienecho in Japan (untersucht von Philipp Seaton. „Pledge Fulfilled“. S. 163ff).

Dabei ist die japanische Gesellschaft in dieser Frage gespalten, wobei die einstige Mehrheit der Befürworter solcher Besuche soweit geschrumpft ist, dass heute mehr als die Hälfte der Japaner gegen solche Besuche sind. 1985 waren 25% der erwachsenen Japaner gegen einen solchen Besuch, 2001 waren es 34% (bzw. in einer anderen Befragung 40%). 2005 – also zum Besuch Koizumis – ergab eine Umfrage in Japan, dass 45% der Japaner gegen den Besuch des Premierministers waren, 45% dafür. 2006 war die Zahl der Gegner auf 53% angestiegen (alles nach ebd. S. 183 mit Quellenangaben).

2007 gab die Zeitung ‚Asahi‘ eine Umfrage unter Japanern in Auftrag, wie diese zum japanischen Kolonialismus in Asien stehen. Das Ergebnis: 32% meinten, dass große Reue nötig sei, 53% einige Reue, 9% wenig Reue und 2% keine Reue (ebd. S. 183).

Literatur Yasukuni-Besuche
Webseite des japanischen Premierministers zu den Yasukuni-Besuchen: http://www.mofa.go.jp/policy/postwar/yasukuni/index.html

http://de.wikipedia.org/wiki/Yasukuni-Schrein

http://en.wikipedia.org/wiki/Yasukuni_Shrine

http://en.wikipedia.org/wiki/Controversies_surrounding_Yasukuni_Shrine

John Breen (Hg.). Yasukuni, the War Dead and the Struggle for Japan’s Past. New York: Columbia University Press, 2008

John Breen. „A Yasukuni Genealogy“. a. a. O.

Kevin M. Doak. A History of Nationalism in Modern Japan. Handbook of Oriental Studies 13. Leiden/Boston: Brill, 2007

Peter Fischer. „Versuche einer Wiederbelebung von Staatsreligion im heutigen Japan unter besonderer Berücksichtigung der Entwicklungsgeschichte des Staats-Shintō“. S. 209-247 in: Peter Schalk. Zwischen Säkularismus und Hierokratie: Studien zum Verhältnis von Religionen und Staat in Süd- und Ostasien. Stockholm: Uppsala, 2001, hier S. 234-241

Ernst Lokowandt. Shinto: Eine Einführung. München: Juridicium, 2001. S. 58-64 u. ö.

Philipp Seaton. „Pledge Fulfilled: Prime Minister Koizumi, Yasukuni and the Japanese Media“. S. 163-188 in: John Breen (Hg.). Yasukuni, the War Dead and the Struggle for Japan’s Past. New York: Columbia University Press, 2008

William Daniel Sturgeon. Japan’s Yasukuni Shrine: Place of Peace or Place of Conflict? Regional Politics of History and Memory in East Asia. Dissertation.com, August 2009

Takahashi Tetsuya. Can Philosophy Constitute Resistance? Tokio: UTCP, 2008

Takahashi Tetsuya. „The National Politics of Yasukuni Shrine“. S. 155-180 in: Philip A. Seaton. Japan’s Contested War Memories. London: Routledge, 2007 (also chapter 7 in his book Can Philosophy Constitute Resistance? Tokio: UTCP, 2008, and elsewhere in the web); http://utcp.c.u-tokyo.ac.jp/from/publications/pdf/Takahashi127-160.pdf

Der Tenno als oberster Priester des Shinto

Der japanische Kaiser ist „Symbol des Staates und der Einheit des Japanischen Volkes“. ‚Tenno‘ bedeutet eigentlich ‚der vom Himmel (kommende) Herrscher‘. 1945 hat aber Kaiser Hirohito den Anspruch der Göttlichkeit (‚Arahitogami‘) abgelegt.

Der japanische Kaiser Akihito 2011 in den USA (C: WikiCommons)

„Der Tenno ist auch weiterhin oberster Priester des Shinto. Auf dem Palastgelände gibt es unverändert die ‚3 Schreine des Kaiserhofs‘ … in der … die Sonnengöttin, die kaiserlichen Ahnen sowie alle Götter verehrt werden. … Dort finden auch jährlich ca. 20 Shinto-Zeremonien unter Teilnahme des Tenno statt, von denen er die wichtigsten selbst durchführt. Zumindest an einem von diesen, dem niina-mesai, dem Erntedankfest, nehmen auch die Spitzen des Staates teil: der Ministerpräsident, die Präsidenten des Unter- und Oberhauses und der Präsident des Obersten Gerichtshofes.“ (Ernst Lokowandt. Shinto. S. 46).

„Zu Beginn des Jahres 1989 starb der Showa Kaiser (offizielle Bezeichnung). 1990 wurde als Höhepunkt der Krönungsriten das Daijosai (Großes Festangebot) im Schrein des kaiserlichen Palastes durchgeführt. Während dieses Ritus wurde der neue Kaiser eins mit Amaterasu Omikami, dem mythischen Schöpfergott von Japan, was ihn in den Status eines göttlichen Lebewesens erhob.“ (Yoshiaki Yui. „Kehrt der Kaiserkult zurück?“. S. 1 bzw. 158; vgl. Kalus Antoni. Der Himmlische Herrscher und sein Staat. S. 11). „Die Zeremonien anläßlich des Thronwechsels waren alle mehr oder minder stark religiösen Charakters.“ Zentral dabei ist die Zeremonie in der der Tenno mit der Sonnengöttin eins und dadurch erst wirklich zum Tenno wird (Ernst Lokowandt. Shinto. S. 47).

Diese Zeremonie stand in einer langen Reihe von Zeremonien im Kaiserhaus, die im Stile der Meji-Zeit vor 1945 gefeiert wurden, vor allem das Begräbnis der Kaiserinnenmutter 1951, die Volljährigkeitszeremonie des Kronprinzen 1952 und seine Hochzeit 1959. Bereits am 2.5.1952, vier Tage nach Erlangen der Unabhängigkeit, wurden die toten Japaner des 2. Weltkrieges im Beisein des Tenno durch eine Shintozeremonie geehrt (Details bei Peter Fischer. „Versuche einer Wiederbelebung von Staatsreligion im heutigen Japan …“. S. 238-240).

Literatur zum ‚himmlischen‘ Kaiser
Kalus Antoni. Der Himmlische Herrscher und sein Staat. a. a. O.

Peter Fischer. „Versuche einer Wiederbelebung von Staatsreligion im heutigen Japan …“. a. a. O. S. 216-234

Christoph Kleine. „Religion im Dienste einer ethnisch-nationalen Identitätskonstruktion: Erörtert am Beispiel der ‚Deutschen Christen‘ und des japanischen Shintō“. Marburg Journal of Religion 7 (2002) 1 (sept): 1-17, http://www.uni-marburg.de/religionswissenschaft/journal/mjr/kleine.pdf

Yoshiaki Yui. „Kehrt der Kaiserkult zurück? Zur aktuellen Lage der Religionsfreiheit in Japan“. Querschnitte 15 (2002) 5: 1-4; wieder abgedruckt in Max Klingberg u. a. (Hg.). Märtyrer 2003: Das Jahrbuch zur Christenverfolgung heute. Bonn: VKW, 2003. S. 158-161

Aus der japanischen Verfassung:
Artikel 20 der japanischen Verfassung von 1947 lautet: „Jedermann ist die Freiheit des religiösen Bekenntnisses gewährleistet. Keine religiöse Gemeinschaft darf vom Staat mit Sonderrechten ausgestattet werden oder politische Macht ausüben. Niemand darf gezwungen werden, an religiösen Handlungen, Festen, Feiern oder Veranstaltungen teilzunehmen. Der Staat und seine Organe haben sich der religiösen Erziehung und jeder anderen Art religiöser Betätigung zu enthalten.“ (Übersetzung: Ernst Lokowandt. Shinto. S. 57)

Artikel 89: „Öffentliche Geldmittel und anderes öffentliches Vermögen dürfen zur Verwendung durch religiöse Unternehmungen oder Vereinigungen, zu deren Gunsten oder Erhaltung, sowie für mildtätige, bildende oder wohltätige Werke, die nicht der öffentlichen Aufsicht unterstehen, weder ausgegeben noch zur Verfügung gestellt werden.“ (Übersetzung: Ernst Lokowandt. Shinto. S. 57)

Christen gegen einen staatlichen Yasukunikult

Es wurde schon erwähnt, dass der Widerstand der Christen ein wesentlicher Faktor war, dass der staatliche Yasukunikult nicht wieder auflebte, erstaunlich, da die fast 2 Mio. Christen nur 1,54 % der Einwohner Japans ausmachen (davon grob gesagt je ein Viertel Katholiken, Protestanten, unabhängige Protestanten und Sondergruppen).

Interessant ist dabei die Haltung der katholischen Kirche. Während zwei Päpste 1951 und 1980 verlauten ließen (1980 immerhin im Rahmen eines Papstbesuches in Japan), dass Katholiken in Yasukuni beten und den Toten den Respekt erweisen könnten, so lange sie nicht die Toten verehrten oder anbeteten, verwarf die (katholische) Japanische Bischofskonferenz jeden Besuch in Yasukuni und gehörte zu den schärfsten Kritikern der Besucher politischer Prominenz im Yasukuni-Schrein (siehe John Breen. „Popes, Bishops and War Criminals“; vgl. den Aufsatz eines katholischen Amerikaners Kevin Doak. „A Religious Perspective on the Yasukuni Shrine Controversy“, der viel Verständnis für die Totenverehrung und für die Kritik an den Kriegsverbrecherprozessen zeigt.)

Literatur Katholische Kirche und Yasukuni-Schrein
John Breen. „Popes, Bishops and War Criminals: Reflections on Catholics and Yasukuni in post-war Japan“. Japan Focus vom 3.6.2005,1.3.2010, http://japanfocus.org/-John-Breen/3312

Kevin Doak. „A Religious Perspective on the Yasukuni Shrine Controversy“. S. 47-69 in: John Breen (Hg.). Yasukuni, the War Dead and the Struggle for Japan’s Past. New York: Columbia University Press, 2008

Eingangshalle des Yushukan-Militärmuseums des Yasukuni-Schreins (C: Schirrmacher)


Das Yushukan-Museum des Sayukuin-Schreins

Das 13 Jahre nach Gründung des Yasukuni-Schreins 1882 gegründete und bis 2002 aufwendig ausgebaute, renovierte und teilweise mit englischer Beschriftung versehene Yushukan-Museum bezeichnet sich selbst als das erste und größte japanische Militärmuseum. Wenn auch privat vom Yasukuni-Schrein unterhalten, muss man doch sehen, dass es keine staatliche Entsprechung in Tokio gibt und dass Yushukan große und einzigartige Exponate enthält, wie sie nur die Regierung oder das Militär zur Verfügung stellen kann, wie etwa ein originales Einmann-Kamikaze-U-Boot oder ein raketenbetriebenes Kamikaze-Flugzeug, beide Ende 1944 hergestellt – fast alle produzierten Exemplare wurden ja bei Angriffen zerstört.

„Kamikaze“-Flieger im Militärmuseum des Yasukuni-Schreins (C: Schirrmacher)

In solchen Einmann-U-Booten mit 1,5 Tonnen Sprengstoff starben über 100 japanische Selbstmordattentäter beim sicheren Versenken von Schiffen (C: Schirrmacher)

In solchen Einmann-U-Booten mit 1,5 Tonnen Sprengstoff starben über 100 japanische Selbstmordattentäter beim sicheren Versenken von Schiffen (C: Schirrmacher)

Im Yushukan-Museum wird das Selbstopfer für Kaiser und Vaterland als sakrales Opfer dargestellt. Das macht die beeindruckende offizielle Webseite in ihrer englischen Version ebenso deutlich (http://www.yasukuni.or.jp/english/) wie die englische Übersetzung des offiziellen Führers (Records in Pictures of Yasukuni Jinja Yushukan. Tokio: Yasukuni Shrine, 2009) – dass die japanischen Versionen noch viel eindeutiger sein sollen, kann ich aufgrund fehlender Sprachkenntnisse nicht überprüfen.

Zu den Selbstmordangriffen siehe besonders S. 66-7 [„Special Attack Corps (October 1944-August 1945)“], die Bilder mit Unterschrift S. 73 (raketenbetriebenes Kleinflugzeug für Selbstmordattentate, 1. ausgeliefert September 1944) und S. 83 (Ein-Mann-Selbstmord-U-Boot seit Nov 1944).

Tausende Fotos der im Yasukuni-Schrein verehrten ‚kamis‘ (C: Schirrmacher)

Tausende Fotos der im Yasukuni-Schrein verehrten ‚kamis‘ (C: Schirrmacher)

Die Ausrichtung der ganzen Anlage kommt in einer Bronzetafel zum Ausdruck, die 2005 zum 40. Jahrestages des Angriffs auf Pearl Harbor enthüllt wurde:

„Fast sechstausend Männer starben bei Selbstmordangriffen, deren tragischer Heldenmut kein Beispiel kennt und der die Herzen unserer Feinde vor Angst erstarren ließ. Die ganze Nation hat angesichts ihrer unerschütterlichen Treue und ihrer Selbstaufopferung Tränen der Dankbarkeit vergossen.“

Ein Schild neben der Bronzestatue eines Kamikazekämpfers neben dem Eingang aus demselben Anlass geweiht, übersetzt John Breen wie folgt (hier unter Auslassung der Auflistung, wie viele Soldaten zu welcher Einheit gehörten):

Denkmal der Kamikaze-Piloten vor dem Museum (C: WikiCommons)

„In the last stage of the Greater East Asia War when the war situation increasingly worsened, a total of 5,843 men in the Army and Navy gave their lives by bravely plunging into enemy warships and making other types of attacks. These men who became the cornerstone of today’s prosperity included: … These utterly pure and noble spirits who gave their lives for our country should be honored and remembered equally by our nation, and their stories should forever be passed on to future generations.
June 28, 2005 Tokkotai Commemoration Peace Memorial Association“

Und immer noch im Hof zwischen Yasukuni-Schrein und Yushukan-Museum wurde 2005 noch ein drittes Monument für den indischen Richter Radha Binod Pal aufgestellt, der gegen die Verurteilungen der Tokioer Kriegsverbrecherprozesse stimmte. (Die anderen Richter kamen aus Australien, China, Frankreich, Großbritannien, Kanada, Neuseeland, Niederlande, Philippinen, Sowjetunion und USA.)

Der indische Richter Radha Binod Pal zwischen Schrein und Militärmuseum (C: Wi-kiCommons)

Im Museum nehmen die Selbstmordanschläge nur einen kleinen Teil ein. Viel problematischer ist die Gesamtausrichtung, denn das Museum gibt die Sichtweise nationalistischer Kreise wieder, die keine Kriegsschuld Japans akzeptieren. So heißt es auf der Webseite: „Japans Traum eines Großostasiens wurde von der Geschichte nötig gemacht und von den Ländern Asiens erwünscht.“ („Japan’s dream of building a Great East Asia was necessitated by history and it was sought after by the countries of Asia.“) (aus dem Japanischen von John Breen).

Kolonialismus und Pazifikkrieg fanden laut der Informationstafeln im Museum nur auf Wunsch der anderen asiatischen Länder oder zu deren oder Japans Schutz und Verteidigung statt. Der Gegner oder Feind kommt praktisch überhaupt nicht vor (so auch John Breen. „Yasukuni Shrine: Ritual and Memory“), ein für ein Militärmuseum merkwürdiger Vorgang. Nirgends wird darauf hingewiesen, dass auch Nichtjapaner starben, welche Maßnahmen der Gegner ergriff oder wie es den Zivilisten etwa in Korea erging.

Karte im Militärmuseum, dass den Krieg mit den USA als Verteidigungskrieg Japans darstellt (C: Schirrmacher)

Im Buchshop des Museums kann man viele Devotionalien kaufen, die das Opfer für den Kaiser thematisieren oder die Selbstmordkommandos heroisieren. So können Kinder Kamikazeflieger als Schlüsselanhänger und in vielen anderen Formen kaufen.

Kinder können im Militärmuseum Kamikazeflieger als Schlüsselanhänger kaufen (C: Schirrmacher)



Webseiten Yushukan & Kamikaze
John Breen. „Yasukuni Shrine: Ritual and Memory“. Japan Focus vom 3.6.2005, http://japanfocus.org/-John-Breen/2060 oder http://hnn.us/articles/12297.html

http://de.wikipedia.org/wiki/Pazifikkrieg (Abschnitt 7.2.1)

http://en.wikipedia.org/wiki/Yūshūkan

http://wgordon.web.wesleyan.edu/kamikaze/museums/yushukan/index.htm (zuletzt Stand 19.4.2008)

http://wgordon.web.wesleyan.edu/kamikaze/index.htm

Amerikanische und japanische Sichtweise zu Kamikaze: http://wgordon.web.wesleyan.edu/kamikaze/monuments/yushukan/index.htm

Staatsshintoismus

Verstehen kann man all das nur, wenn man sich mit dem Staatsshintoismus beschäftigt, der bis 1945 verbindlich war, seitdem aber als Staatsaktivität verboten ist. Einflussreiche Shintoschreine wollen seine einstige Bedeutung ebenso zurückgewinnen wie einzelne politische Kräfte.

„Man wird den Shinto als eine Mischung von viel Natur- mit etwas Ahnenkult charakterisieren können, beides angereichert mit einer starken politischen Komponente. Das ist zwar eine starke Vereinfachung, im Kern aber zutreffend …“ (Ernst Lokowandt. Shinto. S. 12). Zentral dabei ist die hohe Zahl der verehrten Götter und Geister. „Die fast unbegrenzte Vermehrung der Götter ist ein hervorstechender Zug des Shinto; man ist sogar so weit gegangen, in ihr das Wesen der Religion der Kami zu erblicken.“ (Edmond Rochedieu. Der Schintoismus. S. 69). Dabei spielt „Der Heldenkult“ (ebd. S. 80-82) eine zentrale Rolle.

Der staatliche Shintoismus wurde eingerichtet, um Patriotismus und Loyalität gegenüber der japanischen Nation zu erzeugen. Er war ein genialer Schachzug (so etwa Ernst Lokowandt. Shinto. S. 54-55). Man trennte die Religionen von dem (vermeintlich) areligiösen Shintokult als Staatskult und konnte dadurch von allen eine Erfüllung der shintoistischen Pflichten erwarten ohne ihre Religion anzutasten. Dass viele Christen, Buddhisten und andere in Japan (oder etwa in Korea) das ganz anders sahen, war allerdings nicht verwunderlich.

„Der Widerspruch zwischen Religionsfreiheit und dem Anspruch auf kultische Verehrung des himmlischen Herrschers, die Teilnahme an obligatorischen Shintō-Zeremonien, sowie die schulische Unterweisung in der Shintō-Mythologie löste man auf recht eigentümliche Weise. Man erklärte den Shintō gleichsam zur Nicht-Religion und überführte ihn in einen areligiösen Staats-, National- und Volkskult. Beteiligung an diesem Kult war für jeden Japaner eine natürliche Pflicht jenseits aller Bekenntnisfragen. So konnte die religiös legitimierte Herrschaft des göttlichen Kaisers im Rahmen eines zunehmend biologistisch aufgefaßten Familienstaates ohne Verletzung der Glaubensfreiheit gerechtfertigt werden. Der himmlische Herrscher galt als Kopf des Staatsorganismus, dem die natürliche Führung über die Glieder und Organe dieses Organismus zukam.“ (Christoph Kleine. „Religion im Dienste einer ethnisch-nationalen Identitätskonstruktion …“. S. 13)

Literatur Shintoismus allgemein
Peter Fischer. „Versuche einer Wiederbelebung von Staatsreligion im heutigen Japan …“. a. a. O.

Hirose Kazutoshi. Beruf: Shinto-Priester. Tokio: OAG, 1997

Ernst Lokowandt. Shinto. a. a. O.

Edmond Rochedieu. Der Schintoismus und die neuen Religionen Japans. Die großen Religionen der Welt. Genf: Edito-Service S. A., 1973

Selbstmordattentäter

„Im Jahr 1944, als sich die Niederlage des Japanischen Kaiserreiches im Zweiten Weltkrieg abzuzeichnen begann, setzte die japanische Armeeführung Geschwader von fliegenden Selbstmördern ein, die ihre Maschinen in amerikanische Kriegsschiffe stürzten. Die lebendige Rückkehr eines Piloten galt als unehrenhaft. Es kann von einer systematischen Institutionalisierung des Selbstmordes als Kriegswaffe gesprochen werden. Obwohl der Einsatz von ‚Kamikaze-Fliegern‘ den Vormarsch der amerikanischen Truppen nicht effektiv stoppen konnte, hatte er großen Einfluss auf deren Kampfmoral.“ (Volker Trusheim. Selbstmordattentäter“).

Das japanische Wissen, das aus den Selbstmordattentaten der Kamikazekämpfer gewonnen wurde, lebte in gewissen Kreisen in Japan und insbesondere in Nordkorea fort und wurde im Selbstmordanschlag der Terrororganisation ‚Japanische Rote Armee‘ zugunsten der Palästinenser erstmals am 30. Mai 1972 auf dem israelischen Flughafen Lod durch ein verheerendes Blutbad an Zivilisten wieder in die Tat umgesetzt (Joseph Croitoru. Der Märtyrer als Waffe. S. 73-75). In der arabischen Welt gab es Bestürzung, dass Nichtmuslime mutiger gegen den Feind vorgingen und Arafat und die Palästinenser ließen sich von Asiaten, die über historisches Wissen zu Selbstmordattentaten verfügten, informieren.

Literatur Erbe der japanischen Selbstmordattentäter
Joseph Croitoru. Der Märtyrer als Waffe: Die historischen Wurzeln des Selbstmordattentats. München: Carl Hanser 2003

Christoph Reuter. Mein Leben ist eine Waffe: Selbstmordattentäter. Gütersloh: C. Bertelsmann, 2002

Joseph Croitoru. „Qantara.de – Selbstmordattentate ursprünglich nicht islamistisch“. 3.3.2004. http://de.qantara.de/webcom/show_article.php/_c-468/_nr-90/i.html

Volker Trusheim. „Selbstmordattentäter“. www.bpb.de/themen/NTUS8X.html (Artikel vom 27.8.2007)

Schlussbemerkung

Man verstehe diesen Beitrag bitte nicht als kulturell unsensible Japanschelte. Aus der Asche des Kriegsverlierers Japan entstand wie in Deutschland eine funktionierende Demokratie. Wenn etwas an dem zuvor Beschriebenen erstaunlich ist, dann nicht, dass die Japaner ihre Kriegstoten ehren – wie fast jedes Volk – und dazu die traditionellen Wege benutzen, sondern vielmehr, dass eine naheliegende Rückkehr der Vorkriegskulte nie wirklich geschehen ist und die breite Bevölkerung die Religionsfreiheit der japanischen Verfassung will und schützt und einer Rückkehr einer National- oder Staatsreligion die Unterstützung verweigert.

Auch gibt es keine ‚Kamikaze‘-Mentalität der Japaner, wie auch andere kulturelle Stereotype über Japaner, die bei uns in Umlauf sind und gerade nach der Flutkatastrophe und dem Reaktorunfall in Fukushima leider täglich ‚nachgebetet‘ wurden, mit dem realen Japan nichts zu tun haben, wie der Ethnologe und Japanologe Till Philip Koltermann in einem ausgezeichneten Essay deutlich gemacht hat.

Till Philip Koltermann. „Das deutsche Japanbild: Klischees oder Nächstenliebe“. evangelisch.de vom 23.3.2011. http://chrismon.evangelisch.de/meldungen/2011/das-deutsche-japanbild-klischees-oder-naechstenliebe-8179

Katja Triplett. „‚Religionsfreiheit‘ und die religiöse Vielfalt Japans“. S. 256-259 in: Christoph Elsas (Hg.). Interreligiöse Verständigung zur Glaubensverbreitung und Religionswechsel. Berlin: EBVerlag, 2010

Die Geschichte der Christenverfolgung im Sowjetreich muss aufgearbeitet werden!

Religionsfreiheitsexperte referiert bei der katholischen Ackermann-Gemeinde

(Bonner Querschnitte 197 – Nr.03/2012) Der Direktor des Internationale Institut für Religionsfreiheit, Prof. Thomas Schirrmacher, hat Historiker, Religionswissenschaftler und Kirchenhistoriker, aber auch die Kirchen aufgefordert, die Geschichte der Unterdrückung der Religionen und der Christenverfolgung in der Sowjetunion und seinen Satellitenstaaten zu erforschen und aufzuarbeiten. Noch lebten genügen Zeugen, die sich gut erinnern könnten.

Schirrmacher referierte am Sonntag in Ulm auf der Diözesantagung des Diözesanverband Rottenburg-Stuttgart der Ackermann-Gemeinde mit Sitz in Stuttgart über das Thema „Christenverfolgung gestern und heute“. Neben einem Überblick über die Lage der Christenverfolgung heute berichtete Schirrmacher auch von seinen Besuchen in der DDR und der Tschechoslowakei vor dem Fall der Mauer und beschrieb den großen Unterschied zwischen der eher schleichenden Christenverfolgung in der DDR und der sehr unmittelbaren und brutalen Verfolgung in der Tschechoslowakei und Rumänien. Die Geschichte der Christenverfolgung und der Unterdrückung der Religionen überhaupt in den kommunistischen Staaten von 1917 bis 1989 sei eigentlich noch ungeschrieben, so Schirrmacher. Zwar käme die Geschichtsforschung auch für andere Bereiche des Sowjetblocks nur schleppend voran und von einem breiten Interesse daran, die geschichtliche Wahrheit zu erfahren, könne nirgends gesprochen werden, aber im Falle der Religionsverfolgung sei dies besonders gravierend.

Selbst in den großen Kirchen im Westen wäre das Interesse verhalten, da die Kirchen oft Opfer wie Richard Wurmbrand oder Organisationen wie die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte ausbremsten und wegen übertriebener Panikmache an den Pranger stellten, „obwohl wir heute wissen, dass sie Recht hatten, ja die Wirklichkeit oft noch viel schlimmer war“, so Schirrmacher.

Deswegen habe das IIRF beschlossen, einen zusätzlichen historischen Zweig unter der Leitung des Schweizer Hugenottenforschers Daniel Röthlisberger aufzubauen. Man wolle neben Forschungsarbeiten auch eine Wanderausstellung erarbeiten.

Die Ackermann-Gemeinde wurde 1946 als Gemeinschaft von katholischen sudetendeutschen Heimatvertriebenen aus Böhmen, Mähren und Österreichisch-Schlesien gegründet und in Anlehnung an die um 1400 entstandene mittelalterliche Dichtung ‚Ackermann aus Böhmen‘ von Johannes von Tepl benannt. Zunächst der Integration der Heimatvertriebenen und der Kontakte in die alte Heimat gewidmet, widmet sich der katholische Verband heute der Völkerverständigung zwischen Deutschen, Tschechen und Slowaken. Dazu unterhält der Verband seit 1991 eine Niederlassung in Prag und arbeitet in Partnerschaft mit zahlreichen tschechischen und slowakischen Organisationen. Neben der Achtung der Menschenrechte und Grundfreiheiten tritt der Verband vor allem für Minderheiten- und Volksgruppenrechte als Menschenrechte ein. 2010 wurde das Mitglied des Europaparlamentes Martin Kastler (CSU), der unter anderem in Prag studierte, von der Bundesversammlung zum Vorsitzenden gewählt.

Arabellion – die Chance auf Religionsfreiheit

Oktober 13, 2011 by Schirrmacher · 2 Kommentare 

Macht die arabische Welt zu einer freien und geliebten Heimat für Millionen von Christen

Hier vorab mein Vorwort für das in Kürze erscheinende Jahrbuch „Märtyrer 2011“:

In den meisten arabischsprachigen Ländern ist ein erfreulicher Prozess in Gang gekommen, der oft kurz „Arabellion“ genannt wird. Die Zivilgesellschaft steht gegen Diktaturen und fehlende Rechtsstaatlichkeit auf und Bürger fordern Freiheit, Gleichheit und demokratische Strukturen. Dabei kommt es auch zu einer erfreulichen Zusammenarbeit von Muslimen, Christen und Menschen mit anderen Religionen und Weltanschauungen.

Kurz nach dem 40jährigen Jubiläum des Mauerbaus haben wir als Deutsche deutlich vor Augen, wie Millionen friedliche Bürger die Diktatur im Osten unseres Landes zu Fall brachten – und damit auch Religionsfreiheit wieder dort einkehrte. Ähnliches vollzog sich in vielen osteuropäischen Ländern, nur waren nicht alle so glücklich wie wir Deutschen, dass alles ohne Gewalt abging, da sich in Ländern wie Ungarn und Rumänien die Machthaber gewaltsam wehrten.

Die Geschichte und die Lage in den einzelnen arabischsprachigen Ländern ist viel zu verschieden, von ganz unterschiedlichen Forderungen geprägt, und unterschiedlich mit der Gewaltfrage verknüpft – von reiner Gewaltausübung der noch Herrschenden bis hin zu Krieg und Bürgerkrieg –, als dass es von außen her möglich ist, eine abschließende Beurteilung vorzunehmen oder im Detail Empfehlungen auszusprechen, geschweige denn zu erahnen, wie die Zukunft aussehen wird. In den meisten Ländern ist selbst bei Durchführung von Wahlen völlig offen, wer morgen regieren wird und ob die Lage sich für die Menschen wesentlich verbessern wird oder gar schlimmer wird.

Ich will an dieser Stelle nur an zwei Dinge erinnern:

Demokratie darf nicht einfach mit Wahlen verwechselt werden. Das muss gerade uns Deutschen bewusst sein, da die Machtergreifung Hitlers 1933 scheinbar durch Wahlen legitimiert war. Deswegen macht das Grundgesetz als deutsche Verfassung unmissverständlich deutlich: Demokratie ist zuallererst die Gewährung der Menschenrechte für alle gleichberechtigten Bürger, wie sie in den ersten Artikeln festgeschrieben sind und wie sie selbst der Deutsche Bundestag nicht aufheben kann (sogenannte „Ewigkeitsklausel“). Die Demokratie im Sinne der Wahl des Deutschen Bundestages ist dabei das beste denkbare Mittel, um diese Freiheit, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit dauerhaft zu gewährleisten und die Möglichkeit zu haben, Regierungen, die das nicht tun, ohne Blutvergießen durch Abwählen loszuwerden. Wo immer aber eine gewählte Regierung die Menschenrechte massiv mit Füßen tritt, handelt es sich nicht um eine Demokratie.

Also: Freiheit, Gleichheit, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit sind das Ziel, demokratische Strukturen sind das Mittel. Wahlen sind kein Selbstzweck, sondern Ausdruck freier Bürger, die allen gleichberechtigt Zugang zur Gesellschaft bieten wollen.

Es kann keine echte Freiheit und keine Menschenrechte ohne Meinungs-, Gewissens- und Religionsfreiheit geben. Wie bei der Pressefreiheit, die nicht bedeutet, dass jemand nur privat seine Texte oder Meinung sagen darf, sondern sie eben öffentlich verbreiten darf, also etwa drucken oder senden darf, machen auch Meinungs-, Gewissens- und Religionsfreiheit, wenn sie nur auf den privaten Bereich oder nur auf innerreligiöse Feiern bezogen werden, wenig Sinn.

Es hat jedoch den Anschein, als wenn nur wenige der Akteure der Arabellion überhaupt verstehen, dass die fehlende Religionsfreiheit in allen arabischsprachigen Ländern – wenn auch graduell unterschiedlich – eines der deutlichsten Kennzeichen der fehlenden Freiheit ist und diese fehlende Religionsfreiheit auf das engste und untrennbar mit vielen anderen Problemen verknüpft war und ist. Und es scheint vielen nicht bewusst zu sein, dass sich Religionsfreiheit nicht einfach von selbst einstellt, sondern einen bewussten Willen aller Beteiligten und den Willen der großen Masse der Bürger, andere in Frieden anders sein zu lassen, voraussetzt.

Nun leiden nicht nur Christen unter der fehlenden Religionsfreiheit und selbstverständlich fordern wir die Religionsfreiheit für alle Religionen, seien es unterdrückte islamische Richtungen, seien es aus dem Islam heraus entstandene Richtungen wie die Aleviten oder die Bahai, seien es alteingesessene Religionen wie Juden oder Yeziden, seien es neue religiöse Gruppen.

Aber das Schicksal der Christen ist von besonderer Bedeutung, da es alle arabischen Länder gleichermaßen – wenn auch in unterschiedliche Quanität – betrifft, ihre Zahl in der Region seit langem rapide abnimmt, und es sich hier überwiegend um autochthone Gruppen handelt, die lange vor der Ankunft des Islam in der Region heimisch waren und die kaum woanders heimisch werden können. So hat etwa die Kultur der Kopten in Ägypten seit der sehr frühen Christianisierung Ägyptens im 1. und 2. Jahrhundert n. Chr. viele Elemente der alten ägyptischen Kultur weiter tradiert, die im islamisch-arabischen Umfeld verloren gegangen sind.

Außerdem ist die Entchristlichung der arabischen Welt wohl die derzeit quantitativ schwerwiegendste Verletzung der Religionsfreiheit (und auch die schwerwiegendste Vertreibung bedrohter Ethnien) weltweit, die bereits seit hundert Jahren im Gange ist, in den letzten Jahren aber einen dramatischen Höhepunkt erfährt. Während die meisten arabischen Landstriche bereits frei von Juden sind, zeichnet sich für die viel zahlreicheren Christen der Region eine ähnliche Entwicklung ab.

Die Arabellion könnte die Möglichkeit schaffen, dass die verbliebenen Millionen von Christen in den arabischsprachigen Ländern endlich völlig gleichberechtigt werden und so weder vertrieben werden, noch ein Interesse haben, vor der ständigen Diskriminierung und Schikanierung in Länder der westlichen Welt auszuwandern. Sie könnte sogar Christen in der arabischsprachigen Welt eine solche freie Heimat bieten, dass sich viele der ausgewanderten arabischsprachigen Christen entschließen, in ihre Heimatländer zurückzukehren.

Es ist aber nüchtern darauf hinz weisen, dass die Arabellion nicht automatisch dazu führt, dass religiöse Minderheiten besser behandelt werden. Das hängt damit zusammen, dass die meisten der Diktatoren oder Herrscher, die beginnend mit Saddam Hussein zurücktreten mussten, viel weniger religiös bestimmt waren, als die Bevölkerung oder kommende, gewählte Parteien und Regierungen. Etliche der Diktatoren stammen gar noch aus der Zeit des panarabischen Sozialismus, der zur Zeit der Kalten Krieges die arabische Seele beflügelte. Sie schenkten zwar religiösen Minderheiten und vor allem alteingesessenen christlichen Kirchen keine wirkliche Freiheit, aber schirmten sie doch oft gegen islamistische Tendenzen ganz oder teilweise ab und nutzten zwar religiöse Gefühle zu ihren Gunsten, waren aber nicht selbst davon beflügelt, islamische Staaten aufzubauen. So erging es Christen unter Saddam Hussein offensichtlich besser als im heutigen Irak, den Christen in Ägypten unter Mubarak besser als derzeit. Denn während viele Christen sich für eine kommende ägyptische Demokratie stark machen, unternimmt die gegenwärtige Übergangsregierung oft noch weniger, um islamistische Gewalt gegen Kirchen einzudämmen, als Mubarak. De facto werden heute in Ägypten mehr Kirchen angezündet, mehr Christen getötet, mehr christliche Mädchen entführt und mit Muslimen zwangsverheiratet, als in früheren Jahren.

Es ist deutlich zu machen, dass es ein Irrtum islamischer Länder ist, dass zu große Religionsfreiheit Unruhe und Gewalt im Land hervorbringt. Brian Grim und Roger Finke haben in ihrer jüngsten internationalen Studie „The Price of Freedom Denied“ (Cambridge: Cambridge University Press, 2010) belegt, dass Länder ohne Religionsfreiheit im Schnitt viel mehr Unruhe und Gewalt innerhalb des Landes generieren oder auch in andere Ländern exportieren, als solche mit Religionsfreiheit. Der Zwang zu einer einheitlichen Religion schafft nicht Frieden und Ruhe im Land, sondern sorgt für ständige Spannungen der Mehrheitsbevölkerung zu ethnischen, sozialen oder religiösen Minderheiten. Wo immer Religionsfreiheit eingeführt wird, nehmen insbesondere gewalttätige Spannungen unter solchen Gruppen ab.

Praktisch alle arabischsprachigen Länder haben alle einschlägigen Menschenrechtsvereinbarungen der Vereinten Nationen unterzeichnet. Alle Staaten der Erde haben sie daran zu erinnern, gleich ob die Länder gleichzeitig in ihrer Verfassung oder über die Islamische Erklärung für Menschenrechte einen Schariavorbehalt formuliert haben. Die Arabische Charta von 2004 bestätigt erneut die Gültigkeit der Allgemeinen Erklärung für Menschenrechte und des Internationalen Paktes für Bürgerliche und Politische Freiheiten der UN. Bürger aller arabischsprachigen Länder haben also rechtlich bereits alle Freiheiten, die wir hier anmahnen. Sie werden ihnen nur oft gegen Recht und Gesetz nicht gewährt.

So könnte ein Forderungskatalog aussehen – die Veranstalter des Kongresses zur Christenverfolgung in Schwäbisch-Gmünd Ende Oktober 2011 werden bald eine breiter erarbeitete Resolution dazu vorlegen:

Wir fordern die Übergangsregierungen und die gegenwärtig aktive Zivilgesellschaft der arabischsprachigen Länder auf, sofern sie an der Umgestaltung ihrer Ländern mitwirken oder mitwirken könnten, die Verwirklichung jedes Details von Artikel 18 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte hinzuwirken, sowohl in einer Verfassung und in neuen Gesetzen, als auch im politischen und gesellschaftlichen Alltag.

Wir fordern andere Staaten – insbesondere die Bundesregierungen von Deutschland, Schweiz und Österreich als die Vertretungen unserer eigenen Staaten – auf, auf jedem nur möglichen ständigen oder außerordentlichen Weg die Staaten und die Akteure der Zivilgesellschaften zu ermutigen, aufzufordern und bei Verstoß deutlich zu kritisieren;

  • dass es Demokratie nur mit Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit geben kann,
  • dass Religionsfreiheit ein integraler Bestandteil davon ist,
  • dass Hilfszusagen für den Wiederaufbau daran geknüpft werden, dass es Gleichberechtigung und Zugang zur Zivilgesellschaft für alle gleichermaßen gibt, auch für Nichtmuslime.

Wir fordern die Organisation der Islamischen Konferenz auf, zu deren 59 Mitgliedsstaaten alle arabischsprachigen Länder gehören:

  • Beenden Sie ihre schriftlich fixierte Politik, sich nur für islamische Minderheiten außerhalb ihrer 59 Mitgliedsstaaten einzusetzen.
  • Gewähren Sie also auch islamischen Minderheiten aller Art in ihren Ländern Religionsfreiheit und üben Sie untereinander Einfluss auf Mitgliedsländer aus, statt so zu tun, als gäbe es Verletzung der Religionsfreiheit nur außerhalb der islamischen Welt.
  • Formulieren Sie erstmals deutlich, dass Sie sich auch für die Freiheit aller religiöser Minderheiten einsetzen, in den 59 Mitgliedsstaaten ebenso wie in allen Ländern der Erde, und nennen sie die größten davon beim Namen, damit diese wissen, dass sie zu deren Schutz da sein wollen.

Wir verpflichten uns selbst:

  • Für alle Menschen in der arabischsprachigen Welt häufig zu beten und ihnen Frieden und Freiheit zu wünschen.
  • Insbesondere dafür zu beten, dass die Christen dort Weisheit und Mut vom Heiligen Geist empfangen, wie sie die Zukunft mitgestalten können und sollen und in ihrem Respekt anderen Menschen gegenüber als Vorbilder wirken.
  • Uns persönlich bekannte Bürger der arabischsprachigen Länder zu ermutigen, in ihren Ländern einen ganz neuen Weg zu wagen, der Rechtstaatlichkeit und Religionsfreiheit für alle einschließt.
  • Unsere Kirchen zu ermutigen oder aufzufordern, auch die Kirchen in arabischsprachigen Ländern besonders zu unterstützen, die nicht im Mittelpunkt der medialen oder kirchlichen Öffentlichkeit stehen.
  • Unsere Kirchen zu ermutigen oder aufzufordern, überhaupt oder weiterhin jeden vorhandenen Kontakt in die arabischsprachigen Länder zu nutzen, um eine auf Menschenrechte gegründete Demokratie mit Religionsfreiheit zu fördern.
  • Diejenigen Politiker zu unterstützen, die sich in dieser Sache besonders engagieren.

Korangelehrter fordert Abschaffung aller Apostasiegesetze

Das Internationale Institut für Religionsfreiheit veranstaltet Panel zur Religionsfreiheit als Partner des Global Media Forums

(Bonner Querschnitte Nr. 171, 17/2011) Bei einer der größten Journalistenkonferenzen der Welt, dem jährlich stattfindenden Global Media Forum in Bonn, hat der Korangelehrte Abduallah Saeed die islamische Theologie und die islamischen Staaten aufgefordert, die Bestrafung der Apostasie, also des Abwendens vom Islam, völlig aufzugeben, alle Apostasiegesetze abzuschaffen und Muslimen und Nichtmuslimen die Wahl ihrer Religion freizustellen. Dass sei zwar in der klassischen islamischen Theologie noch eine Minderheitenmeinung, er sei aber zuversichtlich, dass der Freiheitsdrang der Menschen helfen werde, zu verstehen, dass die harte Unterdrückung Menschen anderen Glaubens sich nicht zwingend aus dem Koran und der Lehre des Propheten ergebe, sondern erst Jahrhunderte später festgeschrieben worden sei. Es sei eine Schande, dass praktisch alle Länder mit islamischer Mehrheit bei internationalen Studien und Rankings sehr schlechte Noten in puncto Religionsfreiheit bekämen. Der die Religionsfreiheit fordernde Artikel 18 der Allgemeinen Menschenrechtserklärung der UN sei so gut und richtig und nutze der Religion so viel, dass sich die islamische Theologie fragen müsse, was sie ändern müsse, damit dieser Artikel wie selbstverständlich mit dem Islam in Verbindung gebracht wird.

Panel in session (© Deutsche Welle)

Panel in session (© Deutsche Welle)

Der aus den Malediven stammende Saeed, der in Pakistan aufwuchs und seine theologische Ausbildung in Saudi Arabien empfing, hat den vom Staat Oman finanzierten Lehrstuhl für Islamische Studien an der Universität Melbourne inne. Durch seine zahlreichen Bücher und Vorträge auf allen Kontinenten übt er einen großen Einfluss im gesamten Pazifikbereich und weltweit aus. In seinem Buch ‚Freedom of Religion and Apostasie‘ beschreibt Saeed die schreckliche Seite der Bestrafung von Apostaten in vielen islamischen Ländern.

Auf dem vom Internationalen Institut für Religionsfreiheit organisierten Panel auf dem Global Media Forum stellten drei Professoren jeweils die Begründung ihrer Religion für Religionsfreiheit dar, neben dem muslimischen auch ein christlicher und ein buddhistischer Vertreter. Prof. Somseen Chanawangsa aus Thailand erläuterte, dass es der buddhistischen Lehre völlig widerspreche, andere Menschen wegen ihres Glaubens zu verunglimpfen oder zu unterdrücken. Allerdings sei mehr gefordert, als nur negativ die Grenzen der Menschenrechte nicht zu überschreiten. Es müsse positiv dazu kommen, dass man mit anderen Menschen tatsächlich in Harmonie zusammenlebe. Für die buddhistische Welt sei die Religionsfreiheit kein heikles Thema. „Aus buddhistischer Sicht ist die Achtung der Menschenrechte notwendig, aber leider wird sie ungenügend umgesetzt“, so Chanawangsa. Autoritäre Regime stützten sich auf Religionen, um ihre Herrschaft zu verankern und sich als gottgegeben zu legitimieren.

Abduallah Saeed at the GMF (© IIRF, Lutz Brée)

Abduallah Saeed at the GMF (© IIRF, Lutz Brée)

Thomas Schirrmacher, der das Panel zugleich moderierte, erläuterte, dass Religionsfreiheit in einem Staat nur dann wirklich umgesetzt werden könne, wenn sie nicht nur vom Staat gefordert und erzwungen würde, sondern die Religionen, vor allem die jeweilige Mehrheitsreligion, dies wollten. Deswegen sei es wichtig, dass die Religionen selbst aus sich heraus die Religionsfreiheit begründen, fordern und nötigenfalls auch gegen ihre eigenen Anhänger durchsetzten.

Schirrmacher führt die christliche Perspektive zur Religionsfreiheit auf die Menschenwürde zurück, die der Mensch als geschaffenes Wesen von Gott erhalten habe und die der Christ immer zu respektieren habe. Glaube sei vor allem Vertrauen auf Gott und damit eine ganz persönliche Herzensentscheidung. „Wenn man jemanden zwingt, Christ zu werden, ist er in Wirklichkeit kein Christ geworden, da er nicht Gott vertraut und ihm seine Sorgen, aber auch seine Schuld anvertraut.“ Aus christlicher Sicht sei es unmöglich, entweder selbst andere wegen eines anderen Glaubens zu bestrafen oder den Staat dafür zu missbrauchen.

Über seinen muslimischen Kollegen Saeed sagte Schirrmacher mit Blick auf Deutschland: „Ich wünschte, wir hätten einen vergleichbaren islamischen Theologen deutscher Zunge, der ohne Wenn und Aber die Einschränkung der Religionsfreiheit in islamischen Ländern kritisiert und Muslimen, die gerne für Religionsfreiheit eintreten würden, das schlechte Gewissen nimmt, ihr Glaube verbiete ihnen dies.“ Man könne nur wünschen, dass seine Bücher ins Deutsche übersetzt würden.

Das Panel wurde von mehreren islamischen und europäischen Radiostationen aufgezeichnet. Die Tonaufzeichnung ist bereits weltweit verfügbar, die Filmaufnahme und die Langfassung der drei Beiträge wird in Kürze veröffentlicht werden.

Das Global Media Forum ist ein internationaler Medienkongress mit 1600 Teilnehmern, vorwiegend Medienschaffende, aus 188 Ländern, der seit 2008 jährlich mit wechselndem Thema vom Auslandsrundfunk Deutsche Welle in Bonn veranstaltet wird.

Das Internationale Institut für Religionsfreiheit (Bonn, Cape Town, Colombo) der Weltweiten Evangelischen Allianz ist ein Netzwerk von Professoren und Forschungseinrichtungen von allen Kontinenten, die im Bereich der Religionsfreiheit und ihrer weltweiten Verletzung forschen und ihre Ergebnisse Universitäten, Politikern und Medien zugänglich machen. Das Institut gibt das International Journal for Religious Freedom heraus.

Originale Information des GMF:

Freedom of religion and belief in the age of fundamentalism
It is often underestimated as a fundamental human right, but freedom of religion and belief is an essential component of free, democratic societies. Without it, a democratic state and neutral world outlook aren’t possible. But religious freedom must be supported by the religious communities themselves to be truly guaranteed in a given country. For this reason, advocates of religious freedom representing three world religions – Islam, Christianity and Buddhism – will engage in debate here.

Moderation/Panelist:
Thomas Schirrmacher, Director of the International Institute for Religious Freedom, Germany
Other Panelists:
Abdullah Saeed, Sultan of Oman Professor of Arab and Islamic Studies & Director, National Centre of Excellence for Islamic Studies, Australia
Somseen Chanawangsa, Lecturer and writer, Thailand

Links:

„Der Fundamentalismus spiegelt oft westliches Überlegenheitsdenken wider“

Direktor des IIRF hält Gastvorlesung in Nepal

(Bonner Querschnitte 173, Bonn, 04.07.2011) In einer Gastvorlesung an der größten Universität in Nepal vertrat der Religionssoziologe und Direktor des Internationalen Instituts für Religionsfreiheit, Thomas Schirrmacher, unter dem Beifall Hunderter, überwiegend hinduistischer Studenten, dass der Begriff Fundamentalismus oft im Westen eingesetzt werde, um Menschen aller Religionen im Globalen Süden pauschal zu verunglimpfen.

Während der Vorlesung

Während der Vorlesung

Schirrmacher war vom Leiter des ‚Department of Conflict, Peace and Development Studies‘ der ‚Faculty of Humanities and Social Sciences‘ der ‚Tribhuvan University‘, Prof. Dr. Hem Raj Subedee, zum Thema „Fundamentalismus als militanter Wahrheitsanspruch: Wie Religionsfreiheit Fundamentalismus auf dem Weg in eine friedliche Gesellschaft überwindet“ eingeladen worden. Die 1959 gegründete staatliche Universität in einem Vorort der Hauptstadt Kathmandu ist die größte des Landes. Der Premierminister von Nepal ist Kanzler der Universität, der Kultusminister Prokanzler.

Hintergrund der Einladung ist, dass die Verfassung von Nepal erst seit 2007 Religionsfreiheit garantiert – lediglich Proselytismus bleibt verboten –, aber die vorläufige Fassung bis Mitte des Jahres 2011 durch eine endgültige Verfassung ersetzt werden muss.

Zwar sei es richtig, so Schirrmacher, dass religiöser Fundamentalismus eine echte Bedrohung auch im Globalen Süden darstelle, so etwa der hinduistische Fundamentalismus in Nepal, der für die Serie von blutigen Bombenanschlägen auf die erst 1995 erbaute katholische Kathedrale verantwortlich sei, aber man dürfe nicht einfach Fundamentalismus mit jedem Wahrheitsanspruch gleichsetzen, sonst gäbe es auf der Welt mehr Fundamentalisten als Andere. „Ich vertrete“, so Schirrmacher wörtlich, „dass eine Religions- und Weltanschauungsgemeinschaft, die die Religionsfreiheit vertritt, propagiert und in der Praxis respektiert, nicht fundamentalistisch sein kann und nicht so genannt werden sollte!“ Umgekehrt, so Schirrmacher, sollte die Ablehnung der Religionsfreiheit ein klarer Indikator Richtung Fundamentalismus sein, wenn auch nicht der einzige.

Was kann man von einer Religionsgemeinschaft mehr verlangen, als dass sie sich im ‚modernen‘, demokratischen Staat für Religionsfreiheit, damit für die Religionsneutralität des Staates und für die Trennung von Staat und Kirche bzw. religiöser Struktur einsetzt und andere Religionen und Weltanschauungen im politischen Umfeld respektiert?

Mit Erzbischof Sharma in der Kathedrale Kathmandu

Mit Erzbischof Sharma in der Kathedrale Kathmandu

Zuvor hatte Schirrmacher Erzbischof Anthony Francis Sharma, S.J., Vicar Apostolic, einen Besuch abgestattet. Sharma ist seit 1984 der höchste katholische Würdenträger der römisch-katholischen Kirche in Nepal, seit 2007 im Rang eines Apostolischen Vikars. Viele Jahre feierte Sharma an wechselnden Orten eine verbotene Ostermesse und wurde jedes Mal erst nach Ende des Gottesdienstes verhaftet. Seine Auferstehungs-Kathedrale wurde 1995 als erstes katholisches Gotteshaus im Land gebaut, zuvor gab es seit 1952 nur vereinzelte evangelische Kirchen. Auf die Kirche wurden mehrfach Bombenanschläge verübt. Zuletzt explodierte am 23. Mai 2009 eine selbstgebastelte, mit scharfen Nägel gefüllte Bombe inmitten von 500 Besuchern der Sonntagsmesse, die drei Teilnehmer tötete und 14 schwer verletzte. Eine kleine Organisation aus dem Umfeld des hinduistischen Fundamentalismus, die ‚National Defence Army‘, bekannte sich durch ein liegen gelassenes Pamphlet vor Ort zu dem Anschlag. Der Attentäter und sein Auftraggeber wurden wenige Wochen später verhaftet, aber bisher nicht in dieser Sache angeklagt, wohl weil sie wegen anderer Verbrechen eine Gefängnisstrafe verbüßen.

Außerdem traf sich Schirrmacher mit dem Leiter der internationalen Menschenrechtsorganisation Human Rights Without Frontiers in Nepal, Raju Thapa, der ihn in die aktuelle Lage der Menschenrechte in Nepal und seiner kleinen Nachbarländer einführte.

Ein Thema war dabei auch der Stand der Verhandlungen des Obersten Gerichtshof, inwieweit die Kinder- und Menschenrechte der Kumaris – vorpubertären Mädchen, die göttlich verehrt werden, wobei die bedeutendsten nicht zur Schule gehen, sondern immer in einem großen Tempelraum leben – verletzt werden. Schirrmacher hatte zuvor die Verehrung des Mädchens gemeinsam mit Raju Thapa beobachtet. Diese Frage steht im Zusammenhang mit einem internationalen Forschungsprojekt des IIRF, inwieweit Religionsfreiheit durch andere Menschenrechte beschränkt wird.

Weitere Quellen:

Integrationsland Deutschland

Prof. Dr. Dr. Schirrmacher erklärte, wie eine multikulturelle Gesellschaft funktionieren kann

Bericht aus der Frankfurter Neuen Presse – Naussauische Neue Presse vom 1.6.2011

Originalbericht hier.





Von Gundula Stegemann

Ist “multikulti” gescheitert? Ist Deutschland überhaupt multikultifähig? Einen spannenden Vortrag über Entstehung, Chancen und Risiken einer multikulturellen Gesellschaft in Deutschland erlebten die Besucher in der Freien evangelischen Gemeinde (FeG) in der Domäne Blumenrod.

Limburg. Thomas Schirrmacher sprach bei der FeG. Foto: StegemannÜber Jahrzehnte hinweg sei die Problematik der Einwanderung nach Deutschland verdrängt worden. Von Schmidt bis Schröder habe es stets geheißen, Deutschland sei kein Einwanderungsland. Erst unter der Regierung von Angela Merkel habe Wolfgang Schäuble Deutschland erstmals als Einwanderungsland bezeichnet. “Der Christ und Multikulti” hieß das Thema, über das Prof. Dr. Dr. Thomas Schirrmacher, Sprecher für Menschenrechte der Evangelischen Allianz und Direktor des Internationalen Instituts für Religionsfreiheit in Bonn, Kapstadt, Colombo, im Rahmen des FeG-Forums sprach.

Schirrmacher beleuchtete das Thema umfassend aus verschiedenen Blickwinkeln, ohne zu polarisieren. Er skizzierte in einem kurzen Abriss, wie sich die Einwanderung nach Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg gestaltete. So habe der Aufschwung in der Nachkriegszeit dazu geführt, dass die Deutschen in höher qualifizierte, lukrative Berufe strömten, so dass Arbeitsplätze in Bergwerken, Stahlindustrie, Müllabfuhr und dergleichen unbesetzt blieben. Aus diesem Grund seien Gastarbeiter ins Land gerufen worden. Doch im Laufe der Zeit lösten sich ganze Industriezweige und viele Arbeitsplätze in Luft auf. Die Gastarbeiter wurden arbeitslos, ihre Situation wurde schwieriger, aber die meisten gingen nicht zurück in ihre Heimatländer. Viele Jahre verstrichen, ohne dass Politiker die Situation erkannt und gehandelt hätten.

Gastfreundschaft spiele zum Beispiel bei Muslimen eine große Rolle, sagte Schirrmacher. Eine Umfrage habe ergeben, dass der größte Wunsch vieler Muslime nicht mehr Geld oder materielle Güter seien, sondern der, einmal von einer deutschen Familie eingeladen zu werden. Dies brächte vieles in Bewegung. Auch er lade Muslime zu sich ein, sagte Schirrmacher. Ihre Lieblingsthemen seien die gleichen wie die von Christen: ihr Gott und ihre Familie. Sein Rat: „Steigen Sie bei einem Muslimen ins Taxi und fragen Sie ihn“:  Dies sei ein guter Einstieg, um ins Gespräch zu kommen. Bei einem deutschen Taxifahrer riet er davon ab; „der setzt Sie sonst am Krankenhaus ab“, sagte er.

Religion und Staat

“Wie unsere Gesellschaft in 50 Jahren aussehen wird, wird nichts mehr entscheiden als die Frage, wie Christentum und Islam sich entwickeln”, sagte Schirrmacher. Derzeit bezeichneten sich mehr als 50 Millionen Menschen in Deutschland als Christen. Man schätze, dass rund sechs Millionen Menschen in Deutschland sich gegenwärtig zum Islam bekennen. Davon neigten etwa fünf Prozent dazu, die Ausbreitung des Islam mit Gewalt zu tolerieren. Schirrmacher sagte, er lege großen Wert auf eine differenzierte Betrachtung: Es gebe verschiedene Spielarten des Islam. Ein zentrales Problem sei, dass christlicher Glaube und Islam sich im Verhältnis der Religion zum Staat unterschieden, der Islam keine wirkliche Trennung kenne und religiöse Angelegenheiten über staatliche stelle.

Wichtig sei, dass die Kinder aus Migrantenfamilien Deutsch lernten. Anhand verschiedener Beispiele zeigte er auf, dass dieser status quo durchaus nicht festgeschrieben ist, sondern – wie alles – einer Entwicklung unterliege. Bei der Bewältigung der Probleme habe Deutschland jedenfalls so gute Karten wie kein anderes Land. „Wenn wir es nicht in den Griff bekommen, haben die anderen gar keine Chance”, sagte er. “Denn wir haben keine Einwanderer, mit denen wir traditionell im Krieg stehen, standen oder die mit uns aus der Kolonialzeit oder sonstigen Gründen noch eine Rechnung offen hätten.“ Außerdem habe Deutschland bereits nach dem Zweiten Weltkrieg bewiesen, dass es Integration bis zur Meisterschaft perfektioniert habe bei der Aufnahme der Vertriebenen und Flüchtlinge. steg

Eine der wichtigsten Veröffentlichungen zur Religionsfreiheit

April 15, 2011 by Schirrmacher · 2 Kommentare 

Brian J. Grim, Roger Finke. The Price of Freedom Denied: Religious Persecution and Conflict in the Twenty-First Century. Cambridge: Cambridge University Press, 2010

Dies ist vielleicht die beste und wichtigste Veröffentlichung zum Thema Religionsfreiheit der letzten Jahre. Zwei Religionsstatistiker, Brian J. Grim, bekannt als Chefforscher der Studie „Global Restrictions on Religion“ des Pew-Forums (http://pewforum.org/docs/?DocID=491), und Roger Finke, Soziologieprofessor und Direktor der ‚Association of Religion Data Archives‘, zeigen, dass Religionsfreiheit zum Frieden und Bestand einer Gesellschaft beitragen, nicht diese gefährden.

Ihr Grundthese, die mit enormen Aufwand an Beispielen, Statistiken und Überprüfung anderer Thesen untermauert wird, ist einfach: In Ländern mit Religionsfreiheit gibt es viel mehr sozialen Frieden als in Ländern ohne. Oder anders gesagt: Das Argument vieler Länder mit einer dominierenden Mehrheitsreligion, sie müssten um des sozialen Friedens willen kleinere Religionen in Schach halten, wird von der Wirklichkeit widerlegt.

Die Beschränkung von Religionsfreiheit ist oft erst der Grund für gewalttätige Konflikte (S. 67). Religiöse Homogenität garantiert keine Freiheit vom Konflikt, sondern begünstigt offensichtlich Spannungen.

Besonders aufwendig wird die These mit der von Samuel Huntington ausgehenden These verglichen, Gewalt und Unruhe seien die Folge eines Zusammenstoßes der Zivilisationen. Diese These, so die Autoren, wird der internen Vielfalt der Religionen und Kulturen nicht gerecht (S. 62–68), etwa der Spannung zwischen Sunniten und Schiiten innerhalb eines islamischen Landes. Alle verfügbaren Zahlen widerlegen die These, dass es die Spannungen zwischen den Kulturen seien, die weitere Spannungen auslösten (S. 77–82). Vielmehr sei es gewissermaßen die Unterdrückung dieser Spannungen zugunsten einer vermeintlichen Monokultur im Land, die die Spannungen verschärfe.

Zwischen Mitte 2000 und Mitte 2007 gab es unter 143 Ländern 123 Länder (= 86%), in denen Menschen aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit Gewalt zugefügt wurde oder sie vertrieben wurden („physically abused or displaced“, S. 18). In 25 Ländern waren davon mehr als 10.000 Menschen betroffen (S. 20), darunter auffällig viele islamische Länder.

Die Religionsfreiheit, so belegen Grim und Finke, hat aufs Ganze gesehen in den sechzig Jahren von 1945 bis 2005 in den christlichen Ländern zugenommen, in den islamischen abgenommen (S. 172). Dass heißt, dass es aufs Ganze gesehen heute in islamischen Ländern weniger Religionsfreiheit gibt als vor einem Jahrhundert – und die Entwicklung ist immer noch rückläufig!

Zwei Beispiele dazu: 1. In islamischen Ländern (dazu S. 160–201), in denen es fast ausschließlich keine Religionsfreiheit gibt, ist der Pegel der Gewalt und die Neigung zu Bürgerkrieg sehr hoch.

2. Terroristische Bewegungen kommen überwiegend aus Ländern ohne Religionsfreiheit (S. 198). Die wenigen Ausnahmen richten sowohl in ihren Ländern viel geringeren Schaden an, als auch wirken sie nicht international, sondern national.

Speziell dargestellt werden in dem Buch unter den freieren Ländern (S. 88–119) Japan (große Religionsfreiheit), Brasilien (Religionsfreiheit mit einigen Spannungen), Nigeria (religiös gespaltenes Land); unter den unfreien Ländern (S. 120–159) China (Religion als Bedrohung), Indien (Religion als soziales Monopol) und Iran (Religion als soziales und politisches Monopol); sowie eigens die islamischen Länder insgesamt (S. 160-201).

Das ausgezeichnete Buch ist ein Beweis dafür, dass die Forschung zum Thema Religionsfreiheit immer mehr Fahrt aufnimmt. Es setzt Maßstäbe für die Zukunft.

Wird Europa ohne koranische Todesstrafe untergehen?

April 8, 2011 by Schirrmacher · 4 Kommentare 

Bei einem hochrangig besetzten Treffen der OSZE zum Thema Religionsfreiheit im Rahmen der Menschenrechtskonsultationen ‚OSCE Supplementary Human Dimension Implementation Meeting on Freedom of Religion or Belief‘ am 9.–10. Dezember 2010 in der Hofburg in Wien kam es zu einem totgeschwiegenen Eklat.

Da Kasachstan den Vorsitz der OSZE inne hatte, war der erste ‚keynote speaker‘ Frau Iman Valeriya Porokhova, Mitglied der Russischen Akademie für Naturwissenschaften und führende russische Muslimin (siehe http://koran-valeria.narod.ru/). Die fachlich ausgewiesene und persönlich sehr sympathische Frau forderte zu einem friedlichen Zusammengehen der Religionen auf (allerdings nannte sie immer nur Islam, Christentum und Judentum, nicht aber eine der anwesenden Minderheitenreligionen, geschweige denn säkulare Weltanschauungen). Möglich sei das, weil die universalen Prinzipien des Koran und der Scharia ja auch von Bibel und Thorah gestützt würden. Zum Thema Menschenrechte oder dem Menschenrecht auf Religionsfreiheit sagte sie eigentlich kaum etwas.

Je länger, je mehr wurde ihr Beitrag zu einer Predigt mit vielen Koranzitaten. Europa gehe seinem Untergang entgegen, so Porokhova, weil es nicht mehr Gottes Wort in Koran, Bibel und Thorah folge, sondern seine eigenen Gesetze mache. Ich denke, mir wäre zu diesem Zeitpunkt längst das Wort entzogen worden.

Der Höhepunkt wurde erreicht, als sie als Beispiel für den Unterschied zwischen Islam und Europa die Abschaffung der Todesstrafe anführte. Gegen den Willen Gottes, wie er in den heiligen Büchern festgelegt sei, habe Europa die Todesstrafe abgeschafft. Würde das nicht rückgängig gemacht, könne kein Segen auf Europa liegen. Es ginge darum, auf Gottes Wort zu hören oder aber der menschlichen Rebellion Raum zu geben. Die Rednerin drohte dabei Europa unverhohlen. Im Übrigen ordnete sie dabei alle anderen Religionen ohne Einschränkung unter den Islam unter.

Alle 200 Anwesenden (Boschafter, Religionsvertreter, Experten) schwiegen immer noch vornehm. Auch die anwesenden Muslime, die zum Teil viel freiheitlichere Ansätze vertreten, schwiegen. Viele Medienvertreter sprachen mich hinterher darauf an, berichtet hat keiner davon.

Ich habe mich gefragt: Was, wenn der Apostolische Nuntius des Heiligen Stuhls bei der UN in Genf, Msgr. Silvano M. Tomasi, der später sprach, mit Verweis auf die Bibel die Wiedereinführung der Todesstrafe gefordert hätte und andernfalls Europa mit Gericht gedroht hätte, oder Msgr. Michael Banach als Vertreter des Heiligen Stuhls (als Staat) bei der OSZE. Das hätte eine große Empörung der Medien und darauf folgend scharfe Statements von Politikern quer durch Europa geführt.

Oder noch besser: Ich hätte so etwas als Vertreter der Weltweiten Evangelischen Allianz gefordert. Ich hätte möglicherweise die Berühmtheit des religiösen Exzentrikers Terry Jones erreicht, der den Koran verbrennen wollte. (Und zum Glück gibt es so etwas wie das Strafrecht der Scharia, also ein heiliges christliches Strafrecht, nicht, so dass auch niemand seine Einführung fordern kann.)

Ich setze mich seit Langem für ein friedliches Zusammenleben mit allen Religionen und Weltanschauungen, auch dem Islam, ein. Ich habe mich schon oft offiziell mit muslimischen Führern in aller Welt getroffen, von vielen anderen Kontakten und vertrauensbildenden Maßnahmen einmal gar nicht zu reden.

Aber manchmal stehe ich nur noch kopfschüttelnd davor, mit welch zweierlei Maß das säkulare Europa Islam und Christentum misst. Dabei haben doch gerade säkular orientierte Menschen alles zu verlieren, wenn eine solche islamistische Sicht Schule machen würde, während Christen so etwas weder fordern, noch fördern, sondern Demokratie, Menschenrechte und Religionsfreiheit aus theologischen Gründen begründen und stabilisieren helfen.

Nachtrag Juni 2011: Inzwischen ist eine schriftliche Form der Rede auf der offiziellen Webseite der OSZE eingestellt worden!  Die Rede ist zwar gekürzt und verändert, aber jeder kann hier – im Rahmen eines Menschenrechtsbehörde und eines Symposiums zur Religionsfreiheit! – nachlesen:

  1. dass Religionsfreiheit und Menschenrechte praktisch nicht vorkamen,
  2. dass es eigentlich eher eine islamische Predigt war, die mit einer Koranvers-Sammlung endet,
  3. dass der Islam die einzige nicht von Menschen gemachte Religion ist (S. 3 Mitte) und die einzige Religion, die Gott wirklich im Mittelpunkt hat (S. 4 Mitte),
  4. dass die Rede damit endet, dass die Bibel verfälscht ist (S. 6),
  5. dass die Todesstrafe wieder eingeführt werden muss und Ehebruch, Alkoholgenuss, Schweinefleischgenuss und moderne Frauenbekleidung in ganz Europa bestraft werden sollten (S. 5).

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Thomas Schirrmacher