Thomas Schirrmacher
ArchivReligionsfreiheit

Jahrbuch Religionsfreiheit 2014 und Jahrbuch Verfolgung und Diskriminierung von Christen 2014 erschienen

Oktober 16, 2014 by · Schreiben Sie einen Kommentar 

2014JBChristenverfolgung(Bonn, 14.10.2014) Jahr für Jahr, Monat für Monat wird die Bedeutung des Einsatzes für Religionsfreiheit und speziell gegen die Diskriminierung und Verfolgung von Christen in bedrückender Weise aktueller. In den letzten Monaten bestimmte das Thema zunehmend die Weltpolitik mit und beherrschte die Medien. Um so wichtiger sind substanzielle Information, Forschung, Berichte Betroffener und grundsätzliche Reflexionen.

2014 wird deswegen das frühere Jahrbuch „Märtyrer“ erstmals in zwei Jahrbücher geteilt, das „Jahrbuch Verfolgung und Diskriminierung von Christen“ (so seit 2013) und das neue „Jahrbuch Religionsfreiheit“, das sich der Geschichte der Begründung der Religionsfreiheit und der Unterdrückung aller Religionen widmet. Dadurch gewinnen wir mehr Raum für grundlegende Beiträge.

Neben größeren Länderberichten etwa zu Nigeria, Malaysia oder Tansania findet sich der jährliche Weltüberblick von Max Klingberg (IGFM) und die ausführliche Version des Weltverfolgungsindex von Open Doors mit allen 50 Länderberichten.

2014JBReligionsfreiheitZu den Autoren der beiden Bände gehören Experten wie die Professoren und Professorinnen Heiner Bielefeldt (UN-Sonderberichterstatter für Religionsfreiheit), Christine Schirrmacher (Universität Bonn), Christian Hillgruber, Karl Wilhelm Rennstich, Klaus Vellguth, Christof Sauer und Heribert Hirte, Vorsitzender des Stephanuskreises im Deutschen Bundestag. Neben diesen Professoren tragen engagierte Vertreter von Menschenrechtsorganisationen und kirchlichen Werken ihre Erkenntnisse vor, so Christoph Marcinkowski (missio), Bernadin Francis Mfumbusa (Kirche in Not), Thomas Volk (KAS), Emmanuel Franklyne Ogbunwezeh (IGFM) oder Kamal Sido (GfbV). Die großen Kirchen sind nicht nur durch ihre genannten Werke vertreten, sondern auch durch Prälat Klaus Krämer (Präsident von missio) und Thorsten Leißer (Leiter der Menschenrechtsabteilung der EKD).

Die Jahrbücher werden herausgegeben im Auftrag der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM), des Internationalen Instituts für Religionsfreiheit (IIRF), des Arbeitskreises für Religionsfreiheit der Deutschen und Österreichischen Evangelischen Allianz und der Arbeitsgemeinschaft Religionsfreiheit der Schweizerischen Evangelischen Allianz.

Bibliografische Angaben:

  • Thomas Schirrmacher, Max Klingberg, Ron Kubsch (Hg.). Jahrbuch Verfolgung und Diskriminierung von Christen 2014. VKW: Bonn, 2014. 320 S. Pb. 12,00 €. ISBN 978-3-86269-092-3. Zu beziehen über www.vkwonline.de oder den örtlichen Buchhandel. Auslieferung für Buchhandlungen: ICMedienhaus, Holzgerlingen.
  • Thomas Schirrmacher, Max Klingberg (Hg.). Jahrbuch Religionsfreiheit 2014. Bonn: VKW, 2014. 154 S. Pb. 8,00 €. ISBN 978-3-86269-093-0. Zu beziehen über www.vkwonline.de oder den örtlichen Buchhandel. Auslieferung für Buchhandlungen: ICMedienhaus, Holzgerlingen.

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Jahrbuch Verfolgung und Diskriminierung von Christen heute – 2014

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Jahrbuch Religionsfreiheit 2014

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„Staaten müssen Religionsfreiheit garantieren“

CDU/CSU-Bundestagsfraktion tagt zum Thema Christenverfolgung

(Bonn, 26.03.2014) Die im letzten Jahr neu gewählte CDU/CSU-Bundestagsfraktion hat sich erneut intensiv dem Thema Religionsfreiheit und Christenverfolgung gewidmet. Zu dem Fachgespräch hatten Erika Steinbach, Vorsitzende der Arbeitsgruppe Menschenrechte und humanitäre Hilfe der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, und Heribert Hirte, Vorsitzender des Stephanuskreises, eingeladen.

Von rechts: Prof. Heribert Hirte, MdB, Prof. Thomas Schirrmacher, Erika Steinbach, MdB (© IIRF)

Von rechts: Prof. Heribert Hirte, MdB, Prof. Thomas Schirrmacher, Erika Steinbach, MdB (© IIRF)

Dabei wurde der Menschenrechtsexperte Prof. Thomas Schirrmacher gebeten, die Abgeordneten auf den aktuellen Stand der Entwicklung zu bringen. Auch wenn man jede Statistik differenziert betrachten müsse, sei das Christentum doch weiterhin klar die am meisten bedrängte Religion weltweit. Besonders schwere Unterdrückung sei vor allem gegen Christen festzustellen. Dies betreffe einerseits die Beschneidung persönlicher Rechte, andererseits aber auch z. B. die Zerstörung von Kirchen, die nach wie vor immer wieder zu beklagen seien.

Positiv sei die Entwicklung im Moment in Ägypten, so Schirrmacher. Auch wenn es weiterhin Angriffe auf Christen gäbe, wäre doch die Polizei häufig schnell zur Stelle, um einzuschreiten. In Syrien dagegen sei die Lage gerade auch für die Christen dramatisch. Man müsse davon ausgehen, dass die grundlegenden Strukturen des autochthonen Christentums in Syrien für immer zerstört seien. In Bezug auf die Türkei unterrichtete der Theologe die Parlamentarier über die tiefe Betroffenheit der türkischen evangelischen Gemeinden auf die Freilassung der fünf mutmaßlichen Mörder an drei Christen der Gemeinde in Malatya im April 2007.

Als Direktor des Internationalen Instituts für Religionsfreiheit forderte Schirrmacher, dass jeder Staat aufgefordert sei, die Religionsfreiheit seiner Bürger zu ermöglichen und zu garantieren.

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Einsatz für Religionsfreiheit in Usbekistan

Arbeitsgespräch mit Minister Yusupov und Sheikh Mansur

(Bonn, 26.05.2014) Die Islamwissenschaftlerin Prof. Dr. Christine Schirrmacher und der Religionssoziologe Prof. Dr. Thomas Schirrmacher haben sich bei der usbekischen Regierung für Religionsfreiheit eingesetzt. Sie führten dazu ein über einstündiges Gespräch mit dem usbekischen Religionsminister und Vorsitzenden der Kommission für religiöse Fragen (offizieller Titel: “Chair of The Committee on Religious Affairs under the Cabinet of Ministers of the Republic of Uzbekistan”), Artukbek Adilovich Yusupov, im Khan-Imam-Komplex, dem Zentrum des usbekischen Islam. Zuvor hatten die beiden Wissenschaftler religiöse Stätten im ganzen Land besucht und sich mit Menschenrechtlern getroffen.

An der Besprechung nahmen neben weiteren Mitarbeitern des Ministeriums und der Religionskommission in Vertretung des in Mekka weilenden Großmuftis sein Stellvertreter Sheikh Abdulaziz Mansur teil. Er ist auch Rektor des Tashkent Islamic Institute (Toshkent Islom Instituti), in dem die usbekischen Imame ausgebildet werden, und stellvertretender Vorsitzender der geistlichen Verwaltung der Muslime in Usbekistan. Ihm unterstehen 10 islamische Ausbildungsstätten und 2.035 Moscheen in Usbekistan.

Der höchste Vertreter der russisch-orthodoxen Kirche in Usbekistan repräsentierte die Christen Usbekistans im Gespräch. Außerdem wurden Thomas und Christine Schirrmachers von Prof. Dr. Marat Zakhidov, dem Präsidenten der usbekischen Sektion der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (International Society for Human Rights) begleitet.

Die beiden Wissenschaftler begrüßten, dass die islamischen Gelehrten seit langem aktiv in ihren Moscheen und in der Ausbildung gegen den Islamismus und den Gedanken eines islamischen Staates lehrten. Die begrüßten ebenfalls, dass die usbekische Regierung den radikalen Einflüssen einiger Nachbarländer wehrt und sicher stellt, dass das alte Koranmanuskript im Hause kein Mekka für Islamisten werde. Sie erinnerten die Regierung aber auch daran, dass Religionsfreiheit nicht nur für die russisch-orthodoxe Kirche gelten dürfe, sondern auch für alle anderen Konfessionen, für kleine christliche Kirchen und für alle anderen religiösen Minderheiten gelten müsse. Sie verwiesen auf neuere Studien, dass Religionsfreiheit eine friedlichere Gesellschaft hervorbringe, während deren Unterdrückung meist Gewalt auslöse und oft gewaltbereite oder gar terroristische Bewegungen hervorbringe.

Die Deutsche Botschaft unterstützte das Gespräch durch Entsendung einer Dolmetscherin, die vom Deutschen ins Usbekische und ins Russische und zurück übersetzte. Außerdem fotografierte die deutsche Fotografin Katja Kreder eine Bildstrecke während der Gespräche.

Das Komitee für religiöse Fragen ist offiziell im Auftrag des Präsidenten für Religionsfreiheit im Land zuständig. Tatsächlich beinhaltet das aber auch die Kontrolle und Beschränkungen der Religionsgemeinschaften, was für vom staatlichen Islam abweichenden islamischen Gruppen ebenso gilt wie für kleinere christliche Kirchen. Das Land ist stolz, den radikalen Islam, vor allem die islamistische Bewegung IMU, aus der offiziellen Theologie verbannt zu haben.

Sheik Mansur führte Christine Schirrmacher später durch das nicht öffentliche Archiv des Khan-Imam-Komplexes, das Tausende unveröffentlichter alter Handschriften enthält.

Sitz des Religionsministeriums in Tashkent

Sitz des Religionsministeriums in Tashkent

Die beiden Wissenschaftler begutachteten auch das im selben Gebäudekomplex befindliche vermutlich älteste Koranmanuskript, das etwa ein Drittel des Korantextes enthält. Die Koranausgabe wurde ursprünglich in Samarkand aufbewahrt und kam dann über mancherlei Irrwege durch Beschlagnahmung zu Zeiten der Sowjetunion 1941 nach Taschkent und wurde nach Erlangung der Unabhängigkeit von der Regierung an den Großmufti von Usbekistan übergeben. Traditionell wird zwar angegeben, das Koranexemplar stamme von Kalif Uthman aus der Mitte des 7. Jahrhunderts, aber die Kalligraphie und eine Radiokarbondatierung sprechen eher für das 8. Jahrhundert, wie auch etliche muslimische Forscher angeben (z. B. www.islamic-awareness.org/Quran/Text/Mss/samarqand.html). Damit wäre es zwar immer noch eines der zwei bis drei ältesten Koranmanuskripte, könne aber nicht direkt aus der Zeit Laif Uthmans stammen.

von links: Sheik Mansur, Thomas Schirrmacher, Marad Zakhidov

von links: Sheik Mansur, Thomas Schirrmacher, Marad Zakhidov

Fotos © Katja Kreder

Links:

  • Zur Datierung des Koranexemplars: E. A. Rezvan, “On The Dating Of An »’Uthmanic Qur’an« From St. Petersburg”, Manuscripta Orientalia, 2000, Volume 6, No. 3, pp. 19-22
  • Download des Koranexemplars

Untergräbt der evangelikale Glaube die Religionsfreiheit?

März 11, 2014 by · 1 Kommentar 

Ein Kopfstand in Sachsen

Warum der Satz über die Evangelikalen „Ein christlich-fundamentalistischer Glaube unterscheidet nicht zwischen religiöser Gewissheit und staatsbürgerlichen Freiheiten“ völliger Unsinn ist.

Die Autorin des Textes ‚Evangelikale in Sachsen‘ (Jennifer Stange. Evangelikale in Sachsen. Dresden: Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen, 2014) macht viel Aufhebens darum, dass Evangelikale keinen rein privaten Glauben befürworten, sondern ihr Glaube an die Öffentlichkeit will und dass sie die Welt verändern und die Politik beeinflussen wollen (S. 7). Ja mei, leben wir in einer Demokratie oder nicht? Und die Heinrich-Böll-Stiftung beschränkt dichterisches Schaffen rein aufs Private und will nicht die Politik beeinflussen? Und muss man neuerdings für das, was jede Weltanschauung in unserem Land in den demokratischen Diskurs einbringt, vorher irgendwo um Erlaubnis bitten, ob man für das Konzert der Meinungen überhaupt zugelassen ist? Vielleicht bei der Heinrich-Böll-Stiftung?

Die Untersuchung der Autorin greift wahllos Statements von Privatpersonen und Webseiten auf. Sie studiert nicht die offiziellen Quellen und Statements (z. B. das Grundsatzpapier der Deutschen Evangelischen Allianz ‚Suchet der Stadt Bestes‘), sondern erhebt die zitierten Beispiele zum Standard. Dabei werden auch schnell ungenannte Kirchengemeinden und die „konfessionell gebundenen“ Christen (S. 27) und andere mit hineingerührt. Angesichts der enormen Spannbreite, die die evangelikale Bewegung umfasst, lässt sich da schnell etwas finden. Es wird aber nicht belegt, dass die jeweiligen Aussagen und Positionen Aussagen der Evangelikalen an sich oder der offiziellen Standesvertretungen der Evangelikalen wären. Das wäre so, als würde man die SPD im Lichte der Äußerungen jedes SPD-Mitglieds darstellen, von dem sich Äußerungen finden lassen.

Aber ich will mich hier eigentlich nur auf einen Absatz in meinem Kommentar beschränken, der grundfalsch ist und die Sicht der Evangelikalen mutwillig in ihr Gegenteil verkehrt:

„Dieser Anspruch deutet ein grundlegendes Problem an, das zur zentralen These dieses Beitrags führt: Ein christlich-fundamentalistischer Glaube unterscheidet nicht zwischen religiöser Gewissheit und staatsbürgerlichen Freiheiten. Bibeltreue Christen vertreten und verbreiten eine kompromisslose Glaubensauffassung, die sich zum Teil massiv von einem aufgeklärten Glauben, wie zum Beispiel dem liberalen Protestantismus, unterscheidet. Denn wer die Unfehlbarkeit der Bibel propagiert, steht einerseits im latenten Konflikt mit anderen Religionen, anderseits untergräbt ein Glaube, der aufgrund religiöser Absolutheitsansprüche gesellschaftliche Geltungsmacht beansprucht, die Religionsfreiheit als Freiheit von der Religion.“ (S. 7, Hervorhebung hinzugefügt)

Nun brauchte man sich hier als Evangelikaler nicht angesprochen fühlen, ist doch nur von ‚fundamentalistisch‘ die Rede. Aber die Autorin mixt die Begriffe ‚evangelikal‘ und ‚fundamentalistisch‘ fortlaufend und zielt mit diesem Absatz offensichtlich auf die, die Gegenstand ihrer Untersuchung sind, die Evangelikalen.

Mehreres steht hier Kopf.

  1. Die Evangelikalen waren mit die ersten, die für Religionsfreiheit und dabei für eine Trennung von Kirche und Staat eintraten und sind heute noch weltweit im Einsatz für Religionsfreiheit führend (so etwa Allen D. Hertzke. Freeing God’s Children: The Unlikely Alliance for Global Human Rights. Oxford: Rowman & Littlefield, 2004). Bei der Gründung der Weltweiten Evangelischen Allianz 1846, als auch in Sachsen die Kirchen noch den seligen Schlaf der Staatskirchen schliefen, gehörte die Religionsfreiheit zum Gründungsprogramm und wurde in großen Kampagnen europaweit und oft erfolgreich eingeklagt, etwa zugunsten von einigen Schwedinnen, die zum Katholizismus konvertierten. Die Allianz brachte das Anliegen aggressiv beim türkischen Sultan Abdülmecid I., beim deutschen und beim österreichischen Kaiser, bei Reichskanzler Bismarck und einvernehmlich beim amerikanischen Präsidenten vor. Dies hat Gerhard Lindemann in seiner monumentalen Habilitationsschrift „Die Geschichte der Evangelischen Allianz im Zeitalter des Liberalismus [1846–1879]“ (Münster: Lit Verlag, 2011) nachgewiesen. Dasselbe gilt auch für die Evangelische Allianz in Deutschland (z. B. Karl Heinz Voigt, Thomas Schirrmacher. Menschenrechte für Minderheiten in Deutschland und Europa: Vom Einsatz für die Religionsfreiheit durch die Evangelische Allianz im 19. Jahrhundert. VKW: Bonn, 2003). 1861 stellte ein französischer Pastor für die Allianz die These auf, dass Religionsfreiheit die staatliche Ordnung stabilisiere und Frieden garantiere, eine damals bei den großen Kirchen höchst umstrittene Sicht, die heute die soziologische Forschung wiederholt bestätigt hat. Lindemann schreibt: „Mit ihrem Engagement für die Religionsfreiheit leistete die Allianz, deren angloamerikanischer Flügel sich nicht mit bloßer Toleranz zufriedengab, sondern das öffentliche Bekennen des Glaubens als ein Grundrecht ansah, auch der Durchsetzung der bürgerlichen Freiheiten in den betreffenden Ländern einen bemerkenswerten Dienst und trug zur Entstehung einer europäischen Zivilgesellschaft nicht unwesentlich bei.“ (S. 943).
  2. Deswegen ist die Trennung persönlicher religiöser Gewissheit von der Aufgabe von Staat und Justiz integraler Bestandteil der Überzeugung der Evangelikalen, was dann oft dazu führt, dass sie sich – leider – gerade nicht politisch und gesellschaftlich engagieren!
  3. Die Bibel lehrt die Evangelikalen gerade, dass Mission nie Sache des Staates sein darf und der Staat keiner Kirche oder Religion hörig sein darf. Aus ‚Fundamentalismus‘ (so jedenfalls die Sprachregelung der Autorin) sind die Evangelikalen für einen völlig freien Glauben ohne jeden Zwang in religiösen Fragen. Die Formel, dass aus dem Absolutheitsanspruch Jesu die Konsequenz gezogen werden müsste, die Religionsfreiheit in Frage zu stellen, ergibt sich im Kopf der Autorin, nicht im Kopf der Evangelikalen. Denn es ist für Evangelikale gerade dieser Jesus, der den Glauben nicht erzwingen will und seinen Anhängern kein Mandat zu Zwang oder Rache gibt, sondern Respekt und Liebe fordert. Die Religionsfreiheit ist bei den Evangelikalen ebenso im Grundsätzlichsten ihres Glaubens verankert, wie es etwa seit 1965 auch bei der Katholischen Kirche der Fall ist. Im ganzen Heft bringt die Autorin keinen einzigen Beleg, wo Evangelikale fordern, die Religionsfreiheit zu beschränken oder dies gar aktiv tun. Es ist ein reines Hirngespinst: Es muss einfach so sein. Dass man aus der Bibel ‚fundamentalistisch‘ auch Gutes ableiten könnte, kommt ihr gar nicht in den Sinn. Es ist aber nie empfehlenswert, als Außenstehender ohne Studium der Quellen Schlüsse zu ziehen, was andere eigentlich schlussfolgern müssten. Außerdem sollte in einer Demokratie gelten, dass jeder zunächst einmal für sich selbst sprechen kann und erst dann kritisiert wird. Evangelikale leiten seit Jahrhunderten ‚fundamentalistisch‘ aus der Bibel ab, dass ‚Rassismus‘ falsch ist (deswegen ihr Ursprung in der Anti-Sklaverei-Bewegung) und dass es in Fragen der Religion um den Glauben des Herzens geht, den niemand mit irgendeiner Art des Zwangs bedrohen oder erzwingen darf.
  4. Dass Religionsfreiheit „Freiheit von der Religion“ sei, verrät zwar viel über die Autorin, steht aber im Widerspruch zu dem, was in unserer Demokratie Sache und rechtens ist. Hier ist Religionsfreiheit die Freiheit jeder Religion und Weltanschauung, ihre Überzeugung allein und in Gemeinschaft praktizieren und öffentlich propagieren zu dürfen. Die negative Religionsfreiheit beinhaltet, dass man nicht zur Teilnahme an der Ausübung anderer Religionen und Weltanschauungen gezwungen werden darf. Atheisten haben also nicht nur eine „Freiheit von der Religion“, sondern auch „Freiheit von“ anderen atheistischen und humanistischen Weltanschauungen!
  5. Zu guter Letzt: Die Studie zitiert einen evangelikalen Privatmann, der – meines Erachtens zu Unrecht – die Unterscheidung von Islam und Islamismus ablehnt (wie ihn etwa gerade das Institut für Islamfragen der Deutschen Evangelischen Allianz propagiert!, siehe das Buch ‚Islamismus‘. Holzgerlingen: SCM Hänssler, 2012). Dieser Privatmann kritisiert laut Autorin „[s]elbst Volker Kauder, den rechtskonservativen evangelikalen Bundestagsabgeordneten der CDU“, „[w]eil Kauder Muslimen die im Grundgesetz garantierte Religionsfreiheit zusicherte“ (S. 25). Nun ist die politische Zuschreibung des Fraktionsvorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Volker Kauder sicher eigenwillig, dann könnte man auch die Bundeskanzlerin gleich so einordnen, und nichts spricht dafür, dass Kauder sich selbst als Evangelikalen sieht. Aber nun nennt die Autorin ihn nun einmal so. Doch wie kommt sie darauf? Weil er sich massiv gegen Christenverfolgung und für Religionsfreiheit, auch der Muslime in Deutschland, einsetzt und dabei von niemand massiver als von den Evangelikalen unterstützt wird! Das müsste ja eigentlich ein Widerspruch in sich sein. De facto aber offenbart die Autorin damit, dass man Evangelikale an ihrem Einsatz für Religionsfreiheit erkennt! Als Kauder auf der größten evangelikalen Konferenz zum Thema, die zweijährlich in Schwäbisch-Gmünd stattfindet, ausführlich für die Religionsfreiheit für alle in Deutschland ebenso wie weltweit plädierte, erhielt er tosenden Beifall der Anwesenden.

Fakt ist: Die Weltweite Evangelische Allianz setzt sich im globalen Maßstab ebenso wie die nationalen Allianzen auch für die Religionsfreiheit der Muslime ein. Man schaue etwa einmal auf der Webseite von deren Internationalem Institut für Religionsfreiheit unter dem Reiter „Religionen“ die Meldungen zu Muslimen als Opfer an. Das ist auch der Grund, warum die Schweizerische Evangelische Allianz seinerzeit gegen die Schweizer Minarettinitiative Stellung bezogen hat!

Religionsfreiheit fördert Frieden

IGFM lädt Schirrmacher in die Universität Freiburg ein

Prof. Schirrmacher während der Vorlesung (© IGFM)

Prof. Schirrmacher während der Vorlesung (© IGFM)

(Bonner Querschnitte 279) „Religionsfreiheit ist nicht nur ein unverzichtbares Menschenrecht, sondern auch für das Fortbestehen einer friedlichen Gesellschaft unerlässlich.“ Diese These begründete der Religionssoziologe Prof. Dr. Thomas Schirrmacher in einer Gastvorlesung zum Thema „Die Verfolgung christlicher und anderer religiöser Minderheiten weltweit – Eine wissenschaftliche Bestandsaufnahme“ im Hauptgebäude der Universität Freiburg. Mit der Veranstaltung stellte sich die neugegründete Freiburger Arbeitsgruppe der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) erstmals der Öffentlichkeit vor. Schirrmacher ist auch Vorstandsmitglied der IGFM.

Religionsfreiheit sei erwiesenermaßen in der Hälfte der Länder der Welt noch immer nur ein Wunschtraum, in ihnen wohnten zwei Drittel der Menschheit, so Schirrmacher. Vielerorts würden Angehörige von religiösen Minderheiten benachteiligt, diskriminiert, unterdrückt, verfolgt, inhaftiert, gefoltert oder sogar hingerichtet. Anhand der Zahlen internationaler Rankings zur Religionsfreiheit zeigte der Referent auf, dass sich die Lage der Religionsfreiheit in den letzten 5 Jahren verschlechtert habe.

Zur Frage, ob das Christentum wirklich, wie oft gesagt, die am stärksten verfolgte Religionsgemeinschaft sei, führte Schirrmacher aus, dass es darauf ankäme, welche Form der Verletzung von Religionsfreiheit man messe. Wenn man einfach nur Frage, wer am wenigstens Religionsfreiheit hätte, seien von den großen Religionen Muslime am stärksten betroffen, da die meisten Länder mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit keine oder kaum Religionsfreiheit zugeständen. Nur würden ein Großteil der Muslime nichts davon etwas merken, solange sie die angestammte vorgegebene Form des Islam praktizierten. Das Christentum dagegen habe einen sehr hohen Anteil an Anhängern, die Religionsfreiheit erlebten, vor allem da Länder mit christlicher Bevölkerungsmehrheit zu einem großen Teil Demokratien seien und Religionsfreiheit gewährten.

Blick aus dem Plenum (© IGFM)

Blick aus dem Plenum (© IGFM)

Gefängnisstrafen kämen schon anteilig häufiger bei Christen vor, aber prozentual seien hier etwa die Bahai oder die Zeugen Jehova noch viel stärker betroffen. Je schwerer die Verletzung von Religionsfreiheit sei, desto mehr komme aber das Christentum in den Blick. So würden etwa prozentual mehr Kirchen zerstört, als Gotteshäuser anderer Religionen. Und auch das Töten von vielen Christen gleichzeitig, etwa durch Bombenanschläge während eines Gottesdienstes und bei anderen Gelegenheit, bei denen Dutzende oder bisweilen sogar Hunderte oder Tausende Menschen wegen ihres Christseins getötet würden, habe Ausmaße angenommen, für die es kaum Vergleiche bei anderen Religionen gäbe.

Internationales Institut für Religionsfreiheit begrüßt mehrfache Erwähnung der Religionsfreiheit im Koalitionsvertrag: „Unsere Erwartungen sind sehr hoch“

Dezember 27, 2013 by · 2 Kommentare 

(Bonner Querschnitte 284, 16.12.2013) Der Direktor des Internationalen Instituts für Religionsfreiheit mit Sitz in Bonn, Kapstadt und Colombo, hat nach der Annahme des Koalitionsvortrages durch die SPD-Mitglieder begrüßt, dass dieser dreimal die Religionsfreiheit als zentrales Ziel der neuen Regierung benennt. Dies werde ausdrücklich für die EU-Beitrittsverhandlungen der Türkei, für die Länder der Arabellion und grundsätzlich für Außen- und Menschenrechtspolitik festgestellt. Erfreulich sei, dass man ausdrücklich auch verfolgte Christen erwähne, weil angesichts der Freiheiten, die die Mehrheitsreligion in unserem Land habe, oft übersehen werde, dass das Christentum in vielen Ländern zur unerwünschten Religion geworden sei.

Schirrmacher im Gespräch mit dem muslimischen Präsidenten von Albanien über die Lage der Christen im Land (© Republik Albanien)

Schirrmacher im Gespräch mit dem muslimischen Präsidenten von Albanien über die Lage der Christen im Land (© Republik Albanien)

Schirrmacher fügte wörtlich hinzu: „Die Große Koalition des ersten Kabinett Merkel hat erstmals das Thema Religionsfreiheit einschließlich auch eines offensiven Einsatzes für verfolgte christliche Minderheiten zu einem zentralen Thema der Außenpolitik, aber auch der Arbeit im Menschenrechtsausschuss des Bundestages gemacht. Dies setzte sich erfreulicher Weise in der schwarz-gelben Koalition des zweiten Kabinett Merkel fort, auch wenn der kleine Koalitionspartner recht wenig mit religiösen Fragestellungen anfangen konnte. Das dritte Kabinett Merkel mit dem Außenminister des ersten Kabinetts Merkel hat nun die Möglichkeit, auf das bisher Erreichte aufzubauen und noch entschiedener die Religionsfreiheit in alle Menschenrechtsdialoge gleichwertig mit anderen Menschenrechten einzubinden. Unsere Erwartungen sind deswegen sehr hoch, dass Religionsfreiheit im In- und Ausland gefördert wird und auch die Bereitschaft bestehen bleibt, dabei die Diskriminierung und Verfolgung von christlichen Minderheiten namentlich anzusprechen.“

Schirrmacher meinte weiter, dass es begrüßenswert sei, dass das Recht auf Religionswechsel ausdrücklich erwähnt werde. Dies führe hoffentlich dazu, dass religiöse Konvertiten unter den Asylbewerbern besonders geschützt werden und die Außenpolitik in bilateralen Gesprächen besonders darauf hinweisen wird, dass das Recht auf Religionswechsel ein integraler Bestandteil des internationalen Menschenrechtskataloges ist und keine bürgerlichen oder strafrechtlichen Folgen haben darf.

Die drei Erwähnungen der Koalitionsfreiheit im Koalitionsvertrag:

Grundsätzlich zu Religionsfreiheit und Christenverfolgung: „Wir treten für die Religionsfreiheit als elementares Menschenrecht ein. Dies gilt auch für das Recht, keiner Religionsgemeinschaft anzugehören und die Religion zu wechseln. Die Solidarität mit benachteiligten und unterdrückten religiösen Minderheiten ist uns ein besonderes Anliegen. In vielen Ländern der Welt werden besonders Christen wegen ihres Glaubens bedrängt, verfolgt und vertrieben. Religiöse Konflikte vermischen sich oftmals mit sozialen und wirtschaftlichen Spannungen.“ (S. 179)

Zur Türkei heißt es: „Die unbedingte Achtung der Werte, auf denen auch die EU fußt, wie Demokratie, Rechtsstaatlichkeit sowie Religions- und Meinungsfreiheit, und deren innerstaatliche Durchsetzung sind Voraussetzung für weitere Fortschritte.“ (S. 165)

Zur arabischen Welt heißt es: „Der Umgang mit der jeweiligen Opposition, die Gewährung elementarer Grund- und Freiheitsrechte einschließlich des Rechts auf Religionsfreiheit sowie die Existenz einer freien Presse- und Medienlandschaft sind für uns ausschlaggebende Kriterien für die Unterstützung dieser Staaten. Religiöse Minderheiten müssen ihren Glauben frei ausüben können und vor Gewalt geschützt werden.“ (S. 172)

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Für Verfolger beten – Verfolger bekehren sich

August 11, 2013 by · 2 Kommentare 

Aus meinem Buch „Christenverfolgung geht uns alle an“, das es lange nur als Din A4-Heft gab, seit 2011 aber auch als Buch, siehe hier.

Für Verfolger beten

These: Das Neue Testament fordert in alttestamentlicher Tradition (z. B. Hiob 31,29; 42,8-9) immer wieder dazu auf, für die Verfolger zu beten und um Gnade für sie zu bitten.

Jesus selbst forderte seine Jünger auf: „Liebet eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen“ (Mt 5,44; lies V. 45–48); „Liebet eure Feinde, tut wohl denen, die euch hassen, segnet, die euch fluchen, betet für die, die euch beleidigen“ (Lk 6,27–28). Paulus formulierte dasselbe Gebot ähnlich: „Segnet, die euch verfolgen“ (Röm 12,14; vgl. V. 19–20) und berichtet, wie er es selbst befolgte: „geschmäht segnen wir, verfolgt dulden wir, gelästert reden wir Gutes“ (1Kor 4,12).

Zu den eindrucksvollsten Zeugnisse eines Martyriums gehört die Bitte der Sterbenden an Gott, den Peinigern gegenüber Gnade walten zu lassen. Jesus selbst betete „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Lk 23,34) und der erste christliche Märtyrer Stephanus rief im Sterben: „Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht zu“ (Apg 7,60). Die Bitte beider wurde unter anderem dadurch erhört, dass Verfolger unmittelbar oder kurz darauf zum Glauben an Christus fanden (der Hauptmann in Lk 23,47; Paulus in Apg 9,1–18).

Es liegen viele Zeugnisse aus der Frühen Kirche und der gesamten Kirchengeschichte vor,[1] dass Märtyrer im Sterben verkündigt und für ihre Verfolger gebetet haben,[2] so etwa von Polykarp.[3]

Dies gilt auch für die Gegenwart. Nach einem Bericht des indonesischen Evangelisten Petrus Oktavianus[4] ging 1913 ein Missionar in das Toradjagebiet in Südcelebes. 5 Männer des Stammes wollten ihn töten, aber erlaubten ihm vorher noch ein Gebet zu sprechen. Er betete laut für die Errettung seiner Mörder. Drei der Mörder wurden später nach Java verbannt, bekehrten sich im Gefängnis zu Christus und kehrten später nach Toradja zurück. Die von ihnen begonnene Kirche war 1971 die viertgrößte Kirche Indonesiens mit über 200.000 Christen.

Berühmt ist auch das Beispiel der fünf Missionare, die von den Auca-Indianern erschossen wurden. Einige der Mörder wurden später zu Säulen der entstehenden Kirche unter den Aucas.[5]

Verfolger bekehren sich

These: Immer wieder haben sich Menschen, die Christen verfolgt haben, zu Christus bekehrt.

Zwei Beispiele dafür haben wir bereits kennengelernt. Das berühmteste Beispiel ist natürlich die Bekehrung des Paulus. Paulus sagt selbst immer wieder, dass er früher „Verfolger“ (1Kor 15,9; Gal 1,13+23; Phil 3,6; 1Tim 1,13; vgl. Apg 9,4–5; 22,4+7–8; 26,11+14+15), ja ein „Lästerer, Verfolger und Gewalttäter“ (1Tim 1,13) war. Paulus schreibt über die Reaktion der Christen, die von seiner Bekehrung hörten: „Sie hatten nur gehört: Der uns früher verfolgte, der predigt jetzt den Glauben, den er früher zu zerstören suchte, und priesen Gott über mir“ (Gal 1,23–24).

Wenn Christen für Verfolgungssituationen beten, beten sie deswegen nicht nur für die betroffenen Christen, sondern immer auch für die Verfolger selbst. Die Verfolger werden durch das Zeugnis der Verfolgten und durch die Gebete zur Umkehr gebracht oder aber weiter verstockt, sie bleiben jedenfalls davon nicht unberührt.


[1] Siehe z. B. Eusebius von Caesarea. Kirchengeschichte. Wissenschaftliche Buchgesellschaft: Darmstadt, 1984 [Lizenz von Kösel: München, 19812]. S. 245 [5. Buch, Kap. 4, V.5].

[2] Z. B. Eusebius, Kirchengeschichte, 5, 2, 5–7 (Brief der Gemeinden von Vienne und Lyon), abgedruckt in Eusebius von Caesarea. Kirchengeschichte. a. a. O. S. 246.

[3] Das Gebet findet sich im Martyrium des Polykarp 14,1–3 + 15,1 = S. 12-15 in: Herbert Musurillo (Hg.). The Acts of Christian Martyrs. Clarendon Press: Oxford, 1972, ‘Martyrium des Polykarp’ S. 2-21, auch abgedruckt in Eusebius von Caesarea. Kirchengeschichte. a. a. O. S. S. 212 [4. Buch, Kap. 15, V.33-35]. Vgl. zum Martyrium von Polykarp Hans-Werner Surkau. Martyrien in jüdischer und frühchristlicher Zeit. Vandenhoeck & Ruprecht: Göttingen, 1938. S. 126–134 und die Quellentexte: Eusebius von Caesarea. Kirchengeschichte. a. a. O. S. 206–215 (4. Buch, Kap. 14–15); vgl. auch die echten Briefe Polykarp, in denen er auch seine Sicht des Martyriums darstellt: „Die beiden Polykarp-Briefe“. S. 227-265 in: Joseph A. Fischer (Hg.). Die Apostolischen Väter. Kösel: München, 19818.

[4] Petrus Oktavianus. „Die Narde ausschütten“. S. 120–128 in: Otto Riecker (Hg.). Ruf aus Indonesien, Hänssler: Neuhausen, 19733 [19711]. S. 126.

[5] Vgl. den Bericht der Ehefrau des Leiters der Gruppe Elisabeth Elliot. Die Mörder – meine Freunde. CLV: Bielefeld, 1999.

Frucht und Martyrium 2: Keine automatische Frucht

August 8, 2013 by · 1 Kommentar 

Aus meinem Buch „Christenverfolgung geht uns alle an“, das es lange nur als Din A4-Heft gab, seit 2011 aber auch als Buch, siehe hier.

These: Verfolgung führt jedoch nicht automatisch zu Gemeindewachstum oder zur Reinigung und Festigung des Glaubens.

Dies machen für Deutschland sowohl die Zeit des Nationalsozialismus als auch des Kommunismus in der DDR deutlich. Die Leidenserfahrung dieser Zeiten haben weder zu einer gründlichen Beschäftigung mit dem Thema Christenverfolgung noch zu einer Erweckung oder zu Gemeindewachstum geführt. Doch selbst, wenn des Martyrium große Frucht bringt, handelt es sich um keinen Automatismus, sondern um eine Gnade Gottes.

Nach Jesu Gleichnis vom vierfachen Ackerfeld (Mt 13,3–8+2022) sind Verfolgung und Druck für den Glauben ebenso gefährlich wie Reichtum und Habsucht.

Welches ist eine größere Bedrohung des Glaubens: Verfolgung oder Reichtum? Christen im Westen neigen dazu, Christenverfolgung zu glorifizieren, Christen in Ländern mit Christenverfolgung neigen dazu, Freiheit und Wohlstand zu glorifizieren. In seinem berühmten Gleichnis vom vierfachen Ackerfeld nennt Jesus neben denen, die das Wort Gottes gerne aufnehmen und umsetzen, und denen, die es rundheraus ablehnen, zwei weitere Gruppen von Menschen, die prinzipiell für das Wort Gottes aufgeschlossen sind, aber bei denen der Glaube dann doch unter die Räder kommt: „Siehe, es ging ein Sämann aus, zu säen. Und indem er säte, fiel einiges auf den Weg; da kamen die Vögel und fraßen’s auf. Einiges fiel auf felsigen Boden, wo es nicht viel Erde hatte, und ging bald auf, weil es keine tiefe Erde hatte. Als aber die Sonne aufging, verwelkte es, und weil es keine Wurzel hatte, verdorrte es. Einiges fiel unter die Dornen; und die Dornen wuchsen empor und erstickten’s. Einiges fiel auf gutes Land und trug Frucht, einiges hundertfach, einiges sechzigfach, einiges dreißigfach“ (Mt 13,3–8). „Bei dem aber auf felsigen Boden gesät ist, das ist, der das Wort hört und es gleich mit Freuden aufnimmt; aber er hat keine Wurzel in sich, sondern er ist wetterwendisch; wenn sich Bedrängnis oder Verfolgung erhebt um des Wortes willen, so fällt er gleich ab. Bei dem aber unter die Dornen gesät ist, das ist, der das Wort hört, und die Sorge der Welt und der betrügerische Reichtum ersticken das Wort, und er bringt keine Frucht“ (Mt 13,20–22).

Der Glaube der einen nimmt durch Druck und Verfolgung Schaden, der Glauben der anderen durch die Sorgen der Welt und den betrügerischen Reichtum, also den Wohlstand. Das betrifft uns, als wären diese Worte nicht vor fast 2000 Jahren, sondern im Jahr 1999 zur aktuellen Lage gesprochen worden! Jesus glorifiziert weder die Verfolgung mit ihren Sorgen noch den Wohlstand und die damit einhergehenden Sorgen. Beide sind schwerwiegende Prüfungen unseres Glaubens. In der einen wie der anderen Situation gilt es, das Wort Gottes zu bewähren und Frucht hervorzubringen.

So sollten wir nicht ‚neidisch‘ auf die anderen schielen, sondern von ihnen lernen. Wir Christen in freien Ländern müssen von Menschen, die Verfolgung erleben, lernen, dass Christsein keine Schönwetterreligion ist, sondern auch die schlimmsten Konsequenzen überstehen will und kann. Außerdem dürfen wir unseren Wohlstand und unsere Zeit in den Dienst unserer leidenden Glaubensgeschwister stellen. Umgekehrt können Christen unter Druck von uns lernen, dass Frieden und Wohlstand allein nicht glücklich machen und das Ausleben der biblischen Botschaft niemanden in den Schoß fällt. Nicht die Umstände machen unserer Glauben, sondern der treue Gott, der uns durch seinen Heiligen Geist erfüllt und die Kraft gibt, ihm zu dienen und Jesus Christus ähnlicher zu werden.

Die Frucht des Martyriums 1: Das Blut der Märtyrer ist der Same der Kirche

August 5, 2013 by · 1 Kommentar 

Aus meinem Buch „Christenverfolgung geht uns alle an“, das es lange nur als Din A4-Heft gab, seit 2011 aber auch als Buch, siehe hier.

„Das Blut der Märtyrer ist der Same der Kirche.“ Dieses berühmte Wort ist nach dem Kirchenvater Tertullian[1] geprägt worden und uns durch die häufige Verwendung durch den Kirchenvater Augustinus und die Reformatoren geläufig. Er hält den römischen Herrschern entgegen, dass die Verfolgung die Kirche nur vergrößert hat[2]: „Wir werden doch mehr, je öfter ihr uns niedermäht: Ein Same ist das Blut der Christen“ (“semen est sanguis Christianorum”; Apologia 50,12f). Allerdings ist die korrekte Übersetzung: ‚Ein Same ist das Blut der Märtyrer‘.[3]

Schon Jesus hatte bei der Ankündigung der Verfolgung (Lk 21,12-21) in seiner Endzeitrede prophezeit: „Es wird euch aber zum Zeugnis[4] ausschlagen“ (Lk 21,13)[5]. Paulus macht vor allem im Philipperbrief deutlich, dass seine Gefangenschaft und sein Leiden das Evangelium nicht behindert, sondern fördert (Phil 1,12-26): „Ich will aber, Geschwister, dass ihr wisst, dass meine Lage zur Förderung des Evangeliums ausgeschlagen ist“ (Phil 1,12).

Die Frühe Kirche hat dazu gerne das ursprünglich auf Jesu eigenen Tod bezogene Wort Jesu aus Joh 12,24 zitiert: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein. Wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht.“ Dementsprechend heißt es in einem frühchristlichen Werk: „Siehst du nicht, dass je mehr hingerichtet werden, desto mehr andere hinzukommen? Dies ist offenbar nicht Menschenwerk; dies ist Gotteskraft; dies sind Zeichen seiner Gegenwart.“[6] Und Martin Luther hat denselben Gedanken ähnlich ausgedrückt: „Durch Verfolgung wächst die Christenheit, dagegen, wo Frieden und Ruhe ist, werden die Christen faul und lasch.“[7]

Und tatsächlich hat die erste organisierte Verfolgung der ersten Gemeinde in Jerusalem nur dazu geführt, dass sich die Christen im römischen Reich zerstreuten und sich in Antiochien die ersten Heidenchristen bekehrten, nicht durch die Apostel, sondern durch vertriebene ‚ganz normale‘ Christen (Apg 7,54–8,8)[8]. Auf dem Lausanner Kongress für Weltmission 1974 wurde das so ausgedrückt: „Verfolgung ist ein Sturm, der zugelassen wird, damit der Same des Wortes zerstreut und Sämann und Bauer über viele Felder verteilt werden. Es ist Gottes Weg, sein Königreich auszubreiten.“[9] „Die Verfolgung der Christen und der Kirche war einer der größten Faktoren in der Verbreitung des Evangeliums unseres Herrn Jesus Christus.“[10]

Die Frucht der Verfolgung kommt also auf verschiedenem Wege zustande. Die Verfolgung kann andere Gläubige stärken (z. B. Phil 1,12), dafür sorgen, dass Menschen das Evangelium hören, an die man sonst nie herangekommen wäre (z. B. Phil 1,13 „das ganze Prätorium“), durch die Zerstreuung der Christen das Evangelium verbreiten (am deutlichsten in Apg 11,19–21; vgl. 8,1) oder durch die Predigt und das Zeugnis der Verfolgten selbst wirken.

In den ersten drei Jahrhunderten waren Soldaten und Offiziere, die Christen waren, besonders gefährdet, aber gerade unter ihnen nahm – beginnend im Neuen Testament – die Zahl schnell zu.[11]

Johan Candelin hat aber zu Recht darauf hingewiesen, dass es in der gegenwärtigen weltweiten Situation oft nicht so ist, dass Christenverfolgung Wachstum der Gemeinden hervorbringt, sondern dass umgekehrt die am schnellsten wachsenden Kirchen in Gebieten ohne Religionsfreiheit sind oder sogar das Wachstum den Neid und die Christenverfolgung im Land auslöst.[12]

Dazu mehr im nächsten Blog.


[1] Vgl. zu Tertullians Märtyrertheologie William Carl Weinreich. Spirit and Martyrdom. University Press of America: Washington D.C., 1981 [Diss. Basel, 1977]. S. 223–272.

[2] Vgl. dazu Adolf von Harnack. Die Mission und Ausbreitung des Christentums in den ersten drei Jahrhunderten. VMA-Verlag: Wiesbaden, o. J. (Nachdruck von 19244). S. 506–510.

[3] Vgl. dazu Hans von Campenhausen. „Das Martyrium in der Mission“. S. 71–85 in: Heinzgünter Frohnes, Uwe W. Knorr (Hg.). Die Alte Kirche. Kirchengeschichte als Missionsgeschichte 1. Chr. Kaiser: München, 1974. S. 79–80.

[4] Dies ‚Zeugnis‘ muss nicht notwendigerweise Bekehrungen bedeuten, sondern kann sich auch auf ein klares Zeugnis oder gar auf ein Belastungszeugnis gegen die Verfolger beziehen.

[5] F. Kattenbusch. „Der Märtyrertitel“. Zeitschrift für neutestamentliche Wissenschaft 4 (1903): 111–127, hier S. 112.

[6] Schrift an Diognet 7,8-9, abgedruckt in: Theofried Baumeister. Genese und Entfaltung der altkirchlichen Theologie des Martyriums. Traditio christiana 8. Peter Lang: Bern, 1991. S. 103 (Nr. 40).

[7] Martin Luthers Sämtliche Schriften. hg. von Joh. Georg Walch. Verlag der Lutherischen Buchhandlung H. Harms: Groß Oesingen, 1986 (Nachdruck von 19102). Bd. XIII, S. 1078–1079.

[8] Vgl. dazu bes. Billy Kim. “God at Work in Times of Persecution (Acts 7:54–8:8)”. S. 57–59 in J. D. Douglas (Hg.). Let the Earth Hear His Voice: International Congress on World Evangelization Lausanne, Switzerland. World Wide Publ.: Minneapolis (MN), 1975.

[9] Ebd. S. 57.

[10] Ebd. S. 58; vgl. als Beispiel B. Dyck. „Verfolgung fördert Gemeindewachstum“. Dein Reich komme (Licht im Osten) 2/1983: 5 zu Äthiopien.

[11] Adolf von Harnack. Die Mission und Ausbreitung des Christentums in den ersten drei Jahrhunderten. A. a. O. S. 580.

[12] Johan Candelin. „Christenverfolgung heute“. S. 17–26 in: Konrad-Adenauer-Stiftung (Hg.). Verfolgte Christen heute: Christen in den Ländern Afrikas, Asiens, des Nahen Ostens und Lateinamerikas. Dokumentation 28. Oktober 1999 Internationale Konferenz … Berlin. Konrad-Adenauer-Stiftung: Berlin, 1999, dasselbe gekürzt: Johan Candelin. „Mundtot Gemachten Stimme geben: Christenverfolgung heute”. Confessio Augustana 1/2000: 13–18 = Johan Candelin. “Persecution of Christians Today”. S. 16–24 in: Konrad-Adenauer-Stiftung (Hg.). Persecution of Christian Today: Christian Life in African, Asian, Near East and Latin American Countries. Documentation October 28, 1999 Conference Venue … Berlin. Konrad-Adenauer-Stiftung: Berlin, 1999.

Neuere Bücher über Konstantin den Großen von Leithart and Girardet

Oktober 19, 2012 by · Schreiben Sie einen Kommentar 

Peter Leithart

Peter Leithart. Defending Constantine: The Twilight of an Empire and the Dawn of Christendom. Downers Grove (IL): IVP Academic, 2010. 373 pp. $ 27

Peter J. Leithart hat ein Buch zur Ehrenrettung Kaiser Konstantins geschrieben, das sich vor allem gegen die Thesen des amerikanischen Mennoniten John Howard Yoder (1927–1997) wendet, für den Konstantin der Inbegriff des Abfalls des Christentums von seinen pazifistischen Ursprüngen und für das jahrhundertlange Übel des Staatskirchentums und der Ketzerverfolgung stand.

Leithart will dabei keinen originären Forschungsbeitrag liefern, sondern die viel positivere Beschreibung in der Fachliteratur und den Wandel des Konstantinbildes in der Wissenschaft den tief verwurzelten Vorurteilen vieler heutiger Christen entgegenhalten. In einer enormen Vielfalt breitet er Forschungsliteratur der letzten hundert Jahre in den Fußnoten aus und zeigt, dass der tatsächliche Konstantin weder mit dem bejubelten christlichen Kaiser des Mittelalters, noch mit dem Buhmann der Aufklärung, aber auch freikirchlicher Autoren etwas zu tun hat. Konstantin ist nur aus der Realität des 4. Jahrhunderts heraus zu verstehen und konnte nicht wissen, was die Zukunft bringen würde. Gemessen daran war er – so Leithart – überzeugter Christ und fand einen Weg zwischen der Förderung des christlichen Glaubens und der Religionsfreiheit der nichtchristlichen Bevölkerungsmehrheit. Dabei müsse man aber immer die ganze Breite der erforschten Ereignisse berücksichtigen. So gibt es unübersehbare und nennenswerte Einflüsse des Christentums auf seine Gesetzgebung, andererseits ebenso völlig davon unbeeinflusste Bereiche.

Wählen wir etwa die Architektur (S. 112–125) als Beispiel für die „Komplexität“ (S. 113) und „Mehrdeutigkeit“ (S. 114) des Wirkens Konstantins. Einerseits baute der Kaiser jede Menge öffentlicher Bauten, die durchaus mit römischer und griechischer religiöser Kunst geschmückt waren. Andererseits stand der Kirchenbau in Rom und dann in Byzanz im Zentrum seines persönlichen Interesse. Ein typisches Beispiel ist der Konstantinbogen in Rom. Einerseits unterscheidet er sich im ersten Moment nicht von anderen derartigen Bauten. Ein unmittelbarer christlicher Bezug fehlt, von den teilweise christlichen Militärzeichen der abgebildeten Offiziere abgesehen. Andererseits wird nirgends den römischen Göttern gedankt, am auffälligsten nicht Jupiter, wie bis dahin üblich. Eine Jupiterfigur ist zwar zu sehen, aber Konstantin wendet ihr den Rücken zu. Vielmehr wird dem großen Gott gedankt, der sich Konstantin offenbart hat. Das verstanden die Christen christlich, für die anderen war es nicht automatisch ein Affront.

Auch christliche Symbole sind ein schönes Beispiel. So standen sie auf Münzen oder Standarten nach 312 länger neben älteren religiösen Symbolen die sie erst allmählich ablösten, bis schließlich die menschlich dargestellten heidnischen Gottheiten ähnlich wie später im Mittelalter nur noch als mythischer Schmuck dienten (S. 71–79).

War Konstantins Übertritt zum Christentum eine ‚echte‘ Bekehrung? Leithart betont zu Recht, das die Frage ist, was das damals bedeutete (S. 79–80). Konstantin nahm etwa persönlich die christologische Entscheidung von Nizäa an (S. 89-90), was heute für uns bedeutsamer ist als damals. Hier hätte Leithart viel deutlicher – wie Girardet in den folgend besprochenen Werken – darauf verweisen können, dass Bekehrung vor allem bedeutete, den Götzendienst aufzugeben. Viel stärker hätte herausgearbeitet werden müssen, welche zentrale Rolle der Verzicht auf das Opfer zu Jupiter nach dem Sieg über die Mitkaiser spielt (S. 66–67). Hier zitiert Leithart zwar eine deutsche Quelle von 1955, die er aber wohl nicht lesen konnte. Die umfangreichen deutschen Studien dazu kennt er nicht (siehe unten).

Auch bei anderen Fragen ist Leithart auf der richtigen Spur, hätte aber mit deutschen Quellen bessere Belege anführen können und die Bedeutung der Ergebnisse stärker herausstellen können. So geht Leithart davon aus, dass die eigentliche Kreuzesvision Konstantins bereits 310 in Grand in den Vogesen (heute in Frankreich) stattfand, wahrscheinlich als „Ringhalo“ (S. 77–78), die neuesten Belege dafür führt er aber nicht an.

Erfreulicherweise bezeichnet Leithart das „Edikt von Mailand“ als „Fiktion“ (S. 98–99). Tatsächlich vereinbarten die beiden Kaiser Konstantin und Licinus nach einem Treffen in Mailand in einem Brief vom Juni 313 aus Nikomedia die Rückgabe von konfisziertem Kirchengut und die Religionsfreiheit der Christen, nicht aber deren Vorrangstellung geschweige denn eine Stellung als Staatsreligion (S. 99–100). Tatsächlich hat Konstantin die Freiheit der Nichtchristen nicht beschränkt.

Je länger je mehr geht es Leithart aber nicht nur um eine Ehrenrettung Konstantins, sondern darum, ihn als Vorbild für christliche Politik hinzustellen. Aus Leitharts Sicht gilt: „Konstantin liefert uns in vielerlei Hinsicht ein Modell für christliche politische Praxis“ [„Constantine provides in many respects a model for Christian political practice“] (S. 11). Die Aussage, dass Konstantin in vieler Hinsicht für christliches politisches Handeln steht, geht natürlich weit über das hinaus, was Leithart belegt und besonders, was er widerlegt. Zwar ist zu würdigen, dass Konstantin aus christlicher Motivation auch Gesetze humanisiert und brutale Elemente der römischen Kultur beendet hat. Auch hat es Konstantin geschafft, das Christentum zu fördern ohne die Religionsfreiheit der anderen einzuschränken. Aber ob das für seine Vorbildfunktion reicht? Und hätte man dann nicht gründlicher diskutieren müssen, ob die Förderung des Christentums als vom Staatsoberhaupt gewünschter Religion und Religionsfreiheit wirklich gleichzeitig möglich sind und inwiefern ein Christ als Staatslenker die Politik prägen sollte und kann?

Ausführlich belegt Leithart, dass die Sicht von Yoder und anderen, die Frühe Kirche sei vollständig pazifistisch gewesen und habe erst durch oder nach Konstantin ihre Sicht geändert, dass man nicht in der römischen Armee dienen könne, einseitig ist. Tatsächlich gab es um diese Fragen eine breite Diskussion in der Frühen Kirche und schon vor Konstantin bis zurück zur Zeit der Apostel dienten Christen als Soldaten und Offiziere in der römischen Armee (S. 255–278), die ja zugleich die Polizeigewalt innehatte. Aber auch hier ist ein weiter Weg zur Vorbildfunktion Konstantins, die auch ohne Pazifismus die Frage klären müsste, wie das Verhältnis der christlichen Kirche zu legalen Institutionen des staatlichen Gewaltmonopols stehen sollte.

Ich persönlich hätte mir eine klarere Trennung in einen historischen Teil zu Konstantin und einen ethischen Teil zum Verhältnis von Kirche und Staat gewünscht. Da Yoder die beiden Fragen bis zur Unkenntlichkeit vermischt, folgt ihm Leithart, wenn es bei ihm auch viel einfacher ist, die Gedanken zum einen oder anderen voneinander zu trennen.

Eigentlich handelt es sich für mich sogar um vier Fragenkomplexe, die hier verschwimmen: 1. Was ist historisch zur Konstantinbiografie zuverlässig zu sagen? 2. Wie viel des späteren mittelalterlichen christlichen Europas geht auf Konstantin zurück und wie viel nicht, heißt also das konstantinische Zeitalter zu Recht so oder nicht? 3. Was ist gut und richtig – das heißt wie sollte es idealer Weise biblisch-theologisch sein? und 4. Wie ist im Licht des Ideals Konstantin und die spätere Entwicklung des Mittelalters zu bewerten oder kann man eine solche Bewertung gar nicht vornehmen?

Durch die starke Fixierung des Buches auf Yoder vor allem im hinteren Teil (S. 254–342) und dem angekündigten Wechsel von der Biografie zur Polemik im Laufe des Buches (S. 10–11) wird das Buch leider auch sehr auf den amerikanischen Bereich zugeschnitten und ist gerade im hinteren Teil für Christen in Europa oder im globalen Süden nicht relevant.

Drei Bücher von Girardet

Dem Buch von Leithart möchte ich drei Werke von Klaus M. Girardet gegen überstellen.

A) Klaus M. Girardet. Der Kaiser und sein Gott: Das Christentum im Denken und in der Religionspolitik Konstantins des Großen. Millenium-Studien 27. Berlin: de Gruyter, 2010. 212 S.

B) Klaus M. Girardet (Hg.). Kaiser Konstantin der Große: Historische Leistung und Rezeption in Europa. Bonn: Rudolf Habelt, 2007, darin bes.: Klaus M. Girardet. „Das Christentum in Denken und in der Politik Kaiser Konstantin d. Gr.“. S. 29–54

C) Klaus M. Girardet. Die konstantinische Wende: Voraussetzungen und geistige Grundlagen der Religionspolitik Konstantins des großen. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2006.1; 2000.2

Stellen wir dem Buch von Leithart die Bücher zu Konstantin des deutschen Forschers Klaus Girardet gegenüber. Grund für die intensive Erforschung Konstantins auf deutscher Seite ist unter anderem, dass Trier zeitweise dessen Hauptstadt war.

Girardet unterscheidet drei Forschungsrichtungen (A S. 22–24): 1. Auffassung, dass Konstantin bereits von Haus aus Christ war oder sich 310 bis 312 oder über einen noch längeren Zeitraum dem Christentum zuwandte. 2. Auffassungen, dass sich Konstantin zwar zum Monotheismus und/oder Sonnenkult mit gewissen christlichen Elementen zuwandte, nicht aber Christ nach damaligen und heutigen Maßstäben wurde. 3. Die Auffassung, dass es weder für die erste, noch für die zweite Auffassung Hinweise gibt.

Girardet beantwortet in einem eigenen Beitrag die Frage „Christliche Kaiser vor Konstantin?“ (C S. 13–38) sehr überzeugend negativ anhand jedes einzelnen Kaisers und seiner Familien vor Konstantin.

Girard lehnt treffend moderne Maßstäbe dafür ab, ob Konstantins Bekehrung ‚echt‘, ‚aufrichtig‘ oder ‚richtig‘, war und Konstantin ‚rechtgläubig‘ wurde (C S. 59). Er geht davon aus, dass das herausragende Kennzeichen des Christseins und Christwerdens in der Antike und im 4. Jahrhundert die „Absage an den Götterkult“ (C S. 60) gewesen sei. Also müsse vor allem gefragt werden, ob Konstantin dies vollzogen habe. „Die Verweigerung des Götzenopfers“ durch Konstantin sei gut belegt (C S. 60–71, A S. 78–88) unter anderem direkt nach dem Sieg über seine Mitkaiser, da Konstantin am Ende des Triumphzuges (der streng genommen keiner war, da keine Feinde, sondern ein Mitkaiser besiegt wurde) in Rom am 29.10.312 für alle erkennbar nicht als Ende und Höhepunkt das übliche Dankopfer an Jupiter Optimus Maximus auf dem Kapitol darbrachte, sondern direkt in seinen Palast zog.

Dafür findet Girardet viele Belege. So sieht der heidnische Historiker Zosimos (II 7,2) in der Unterlassung des Dankopfers an Jupiter den Grund für den Beginn des politischen Niedergang Roms (C. S. 70). Das Dankopfer an Jupiter fehlt auch auf dem 315 errichteten Konstantinbogen, auf dem statt Jupiter der „instinctu divinitatis“, der Eingebung der Gottheit gedankt wird.

Auffällig ist ab 312 in Berichten oder eben auf dem Konstantinsbogen, das erstmals der Gott, der den Sieg verursachte, keinen Namen hat, sondern allgemein „summa divitas“ und ähnlich heißt (C S. 68).

Kurz nach der Verweigerung des Dankopfers an Jupiter 312 erscheinen erste Münzen mit dem Christogramm (B S. 42). Alles spricht dafür, dass es bereits Christuszeichen auf dem Helm des Kaisers und den Feldzeichen gab (A S. 64–67), wobei das Christuszeichen wohl nicht das heute vertraute Kreuz war, sondern das Chi-Rho.

Girardet geht ausführlich auf die drei zentralen Texte zur Vision des Christuszeichens an der Milvischen Brücke ein (A S. 30–40). Nirgends wird gesagt, so Girardet, dass die Vision erst an der Brücke geschah (A S. 49–51). Vielmehr dürfte Konstantin bereits 310 einen sogenannten „Ringhalo“ in Grand in den (heute französischen) Vogesen gesehen haben, den dann sein militärisches Begleitkommando auch sehen konnte. Ein Halo ist ein atmosphärischer Lichteffekt durch Brechung bzw. Reflexion von Licht an Eiskristallen. Er kann die Form einer inneren kleineren Sonne mit vier Strahlen in alle Richtungen wie ein Kreuz annehmen.

Giradet liefert außerdem viele Belege aus Konstantins frühen Reden ab 312 für seine Parteinahme für das Christentum (A S. 89–123). Die späte Taufe Konstantins ist für ihn normal und damals üblich gewesen, zumal Konstantin offensichtlich davon ausging, dass er nach der Taufe nicht mehr das kaiserliche Purpur tragen könne (A S. 106–107).

Interessant ist auch Girardets Darstellung „Nichtchristen im Denken und Handeln Konstantins“ (C S. 113–133, siehe auch A S. 137–139). Konstantin hat das Christentum niemandem aufgezwungen und ließ den Heiden ihre Freiheit. Wie Leithart sieht er bei Konstantin das Element der Religionsfreiheit in einem Maße gegeben, wie es dies bei den römischen Kaisern vorher nicht gab.

Aufsätze

Schauen wir noch auf einige der von Girardet herausgegebenen Aufsätze. Tiziana J. Chiusi („Der Einfluß des Christentums auf die Gesetzgebung Konstantins“. S. 55–64 in: Klaus M. Girardet [Hg.]. Kaiser Konstantin der Große. a. a. O.) zeigt die Ambivalenz der Gesetzgebung Konstantins. Strengere Gesetze für die Flucht von Sklaven stehen neben Gesetzen zur humanen Behandlung der Sklaven und der Begünstigung ihrer Freilassung (B S. 60). Deutlich christlicher Einfluss sind die Abschaffung der Todesstrafe durch Kreuzigung, das Verbot von Brandmalen im Gesicht, das Verbot der Gladiatorenspiele (B S. 61) oder die Einführung des Sonntags als Ruhetag, eine eindeutige Förderung und Werbung für das Christentum (B S. 63).

Wegweisend finde ich die drei grundlegenden Veränderungen des Christentums, die Konstantin bewirkt hat, wie sie Karl-Heinz Ohlig („Strukturelle Auswirkungen der Konstantinischen Wende auf das Christentum“. S. 75–86 in: Klaus M. Girardet [Hg.]. Kaiser Konstantin der Große. a. a. O.) benennt und erläutert: die Sakralisierung, die Verrechtlichung und die Hellenisierung des Christentums.

Die Sakralisierung des Christentums betraf vor allem die Rolle der Kirche, ihre Ämter und die Sakramente, da seitdem die von sakralen Männern geleitete kultische Praxis im Mittelpunkt steht (B S. 81). Die Verrechtlichung des Christentums ist in der katholischen Kirche bis heute erhalten und grundlegend (B S. 82) Die weitreichendsten Folgen hatte aber nach Ohlig die Hellenisierung des Christentums (B S. 85). Auf alle diese Fragen geht Leithart etwa nicht ein.

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Thomas Schirrmacher