Thomas Schirrmacher
ArchivReligionsfreiheit

In den Mitgliedsstaaten der Organisation Islamischer Kooperation (OIC) leben 300 Millionen Christen

September 20, 2016 by · Schreiben Sie einen Kommentar 

Ein Kommentar zu einer Tabelle der Mitgliedsstaaten der OIC und der Religion ihrer Einwohner – Ein statistisches Forschungsprojekt des Internationalen Instituts für Religionsfreiheit

Thomas Schirrmacher, 2013

Eine etwas kürzere Version des Beitrages erschien als „In den Mitgliedsstaaten der Organisation Islamischer Kooperation (OIC) leben 320 Millionen Christen“. S. 170-178 in: Thomas Schirrmacher, Max Klingberg, Ron Kubsch (Hg.). Das Jahrbuch zur Verfolgung und Diskriminierung von Christen heute – 2013. Bonn: VKW, 2013. ISBN 978-3-86269-080-0. Der Artikel findet sich als PDF hier.

Diesem Beitrag liegen zwei Tabellen zu Grunde, die alle Staaten der Organisation der Islamischen Kooperation (OIC) alphabetisch auflisten und dazu angeben, wieviel Einwohner Muslime sind und wie viele Nichtmuslime und schließlich nach der Zahl der Christen als Teilgruppe der Nichtmuslime fragt. Die beiden Tabellen stehen hier (2010) und hier (2012/2013) zur Verfügung.

Die Zahlen der ersten Tabelle wurden aus „The World’s Religions in Figure“, 2013, nach der World Religion Database, Stand Januar 2012, entnommen. „OW“ gibt jeweils alternative Zahlen der zweiten Tabelle aus „Operation World“, 2010, an.

Die 52 Mitgliedsstaaten und 5 Staaten mit Beobachterstatus der Organisation der Islamischen Kooperation (OIC) haben 1,77 Milliarden (OW: 1,8 Milliarden) Einwohner. 1,254 Milliarden (OW: 1,274 Milliarden) sind Muslime, also 70,8 % (OW: 70,1 %). 29,2 % (OW: 28,65 %) sind Nichtmuslime (= 0,52 Milliarden; OW: 0,51 Milliarden). Ungefähr zwei Drittel dieser Nichtmuslime sind Christen, also 333 Mio. (OW: 324 Mio.), was 18,8 % (OW: 18,6 %) der Einwohner der OIC-Staaten entspricht.

Rechnet man die Staaten mit Beobachterstatus heraus – was die OIC bei ihren Angaben der Zahl der Muslime, die sie vertritt, nicht tut –, sind es immer noch zusammen 1,56 Milliarden (OW: 1,58 Milliarden) Einwohner. 79,4 % (OW: 79,1 %) davon sind Muslime (= 1,24 Milliarden; OW: 1,25 Milliarden) und 20,6% (OW: 20,5 %) sind Nichtmuslime (= 429 Mio.; OW: 323 Mio.), die Untergruppe der Christen machen 13,5 % (OW: 14,2 %) der Bevölkerung aus (= 210,8 Mio.; OW: 224 Mio.).

Da die OIC per Definition sich nur für den Islam und für Muslime einsetzt, werden also mehr als eine halbe Milliarde Menschen hier von einer Organisation vertreten, die ihre Rechte ignoriert oder sogar verneint.

Die Webseite der OIC sagt (hier übersetzt, Stand: 12.06.2013):

„Die Organisation ist die kollektive Stimme der muslimischen Welt.“ „Die Organisation hat die einzigartige Ehre, die Ummah in einen geeinten Körper zusammenzuschmieden und aktiv die Muslime zu repräsentieren, indem sie alle Anliegen aufgreift, die den über 1,5 Milliarden Muslimen aus dem Herzen sprechen.“

Es scheint also so, als wenn die OIC ihre nichtmuslimischen Bürger einfach als Muslime zählt. Und es ist sowieso klar, dass sich die OIC nicht für die Interessen ihrer nichtmuslimischen Bürger einsetzt, sondern diese vielmehr für die Ausbreitung des Islam durch ihre Steuern mit bezahlen lässt. Der intensive Einsatz der OIC bei den Vereinten Nationen – die OIC sind immerhin der größte Staatenverband neben der UN – gilt seit Gründung bis in die Gegenwart ausschließlich dem Islam.

Die merkwürdigsten Mitglieder der OIC sind solche, in denen Muslime gar nicht die Bevölkerungsmehrheit stellen. Man schaue sich einmal den Anteil der Muslime an der Gesamtbevölkerung in folgenden Mitgliedsstaaten der OIC an:

  • Benin 24,5 % (OW: 23,5 %) Muslime
  • Kamerun 20 % (OW: 26 %)
  • Cote dÍvoire (Elfenbeinküste) 40,6 % (OW: 41,8 %)
  • Gabun 10,2 % (OW: 10 %)
  • Guyana 7,5 % (OW: 9,4 %)
  • Mozambique 17,5 % (OW: 18,6 %)
  • Nigeria 45,5 % (OW: 45,1 %)
  • Surinam 15,9 % (OW: 16,9 %)
  • Togo 18,3 % (OW: 17,5 %)
  • Uganda 11,7 % (OW: 11,5 %)

[Dazu kommen folgende Staaten mit Beobachterstatus ohne muslimische Bevölkerungsmehrheit:

  • Russland 10,4 % (OW: 12,5 %) Muslime
  • Thailand 5,9 % (OW: 7,9 %)
  • Zentralafrikanische Republik 13,7 % (OW: 13,8 %)]

Warum sind diese Staaten Mitglied der OIC? Warum bezahlen und arbeiten sie für die ausschließliche Ausbreitung des Islam und seinen Schutz und gegen die Interessen der Mehrheit ihrer Bürger?

Man überlege einmal, es gäbe einen der OIC entsprechenden Zusammenschluss christlicher Staaten, Nigeria wäre dort Mitglied und würde nur für die Ausbreitung des Christentums arbeiten und die Millionen muslimische Bürger wie nicht existent behandeln!

Ich würde gerne einen weiteren Gedanken hinzufügen. Die OIC setzt sich selbsterklärtermaßen noch nicht einmal für die muslimischen Minderheiten in den eigenen Ländern ein. Die OIC setzt sich nur für muslimische Minderheiten in nichtislamischen Ländern ein. Und auch hier setzt sie sich nur für die Anhänger des Mehrheitsislams ein, nicht für andere muslimische Richtungen, geschweige denn als ‚Sekten‘ angesehene Gruppen im Islam. In der englischen Wikipedia heißt es treffend (Stand: 17.8.2012):

„Die OIC wurde dafür kritisiert, dass sie ihre Aktivitäten auf die muslimischen Minderheiten in mehrheitlich nichtmuslimischen Ländern konzentriert, während sie die Behandlung ethnischer Minderheiten in Ländern mit einer muslimischen Mehrheit mit einem Tabu belegt, so etwa der Kurden in Syrien, die Ahwasen im Iran, die Hazaras in Afghanistan, die Belutschen in Pakistan, die Achdam im Jemen oder die Berber in Algerien.“

Die Wikipedia hätte als Beleg die klare Ansage aus der Charta der OIC zitieren können, wo als ein Ziel der OIC genannte wird: „die muslimischen Minderheiten und Gemeinschaften außerhalb der Mitgliedsstaaten zu unterstützen und ihre Würde und ihre kulturelle und religiöse Identität zu bewahren.“ (http://www.oic-oci.org/page_detail.asp?p_id=53). (Bestätigt wird dies zusätzlich durch den Bericht des Generalsekretärs der OIC, Ekmleddin Ihsanoglu in seinem Hauptwerk (The Islamic World in the New Century: The Organisation of the Islamic Conference. Columbuia University Press: New York, 2010. 127-142).

Internationale Menschenrechtsrankings und die OIC

Ein Gang durch die einschlägigen internationalen Rankings im Bereich der Menschenrechte zeigt schnell, dass die Staaten der OIC sich als allererstes gegenseitig ermahnen sollten, die Würde und Menschenrechte ihrer Bürger zu schützen. Folgend einige Beispiele (diese Indices sind alle unter ihrem Namen im Web zugänglich und werden deswegen nicht einzeln belegt):

Der Demokratieindex (‚Democracy Index‘) (2011) listet nicht einen Mitgliedsstaat der OIC als volle Demokratie (‚Full Democracy‘) auf, und nur 3 der 57 OIC-Staaten werden als gestörte Demokratie (‚Flawed Democracy‘) gelistet, der Rest fällt unter autoritäre und unter hybride Regime (‚Authoritarian Regime‘, ‚Hybrid Regime‘). Beschränkt man sich nur auf die Länder mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit, sieht die Lage noch schlechter aus.

Der Freedom in the World Report (2010), der die politischen und zivilen Freiheitsrechte untersucht, listet nur 3 Mitgliedsstaaten der OIC als ‚Frei‘.

Der Pressefreiheitsindex (‚Press Freedom Index‘) (2011) von „Reporters Without Borders“ stuft unter den 57 Mitgliedsländern der OIC nur Mali und Suriname unter ‚Befriedigende Situation‘ (‚Satisfactory Situation‘) ein. Alle anderen Mitgliedsstaaten werden unter ‚Nennenswerte Probleme‘ und ‚Schwerwiegende Lage‘ (‚Noticeable Problems‘, ‚Very Serious Situation‘) eingestuft.

Die globalen Rankings zur Einschränkung der Religionsfreiheit des PEW Forum on Religion & Public Life oder des Hudson Instituts zeigen, dass die OIC-Mitgliedsstaaten, die eine muslimische Mehrheit haben, überwiegend zu den Ländern mit der stärksten Beschränkung der Religionsfreiheit gehören und dass diese Beschränkungen zwischen 2009 und 2011 insgesamt zugenommen haben (siehe „Global Restrictions on Religion“, Pew Forum on Religion & Public Life, Dezember 2009. S. 49-52; „Rising Restrictions on Religion“, Pew Forum on Religion & Public Life, August 2011; Hudson Institute’s Center for Religious Freedom: Paul A. Marshall. Religious Freedom in the World. Plymouth UK, 2008. S. 5-7).

Nach der neuesten Untersuchung der US Commission on International Religious Freedom, die sich rein auf den schriftlichen Stand der Verfassungen und Gesetze bezieht, nicht auf die reale Umsetzung, und die nur die Staaten umfasst, in denen der Islam die Mehrheitsreligion darstellt, haben 18 der Länder den Islam zur Staatsreligion und die Scharia als oberste Norm erklärt, 4 nennen nur die Scharia und 1 nur den Islam als Staatsreligion.

Zusatz zur OW-Tabelle bezüglich des Süd-Sudan: Von der Gesamtzahl ist die geschätzte Zahl der Einwohner usw. des Süd-Sudan abzuziehen (10 Mio. Einwohner, 220.000 Muslime, 9,8 Mio. Nichtmuslime einschließlich 7,7 Mio. Christen). Die zugänglichen Zahlen stammen alle noch aus der Zeit vor der Teilung, deswegen wurde die Zahl für den (Nord-)Sudan eigens ermittelt. [Die Tabelle aus „The World’s Religions in Figures“ trennt bereist nach Nord- und Südsudan.]

Taufen von Iranern in deutschen Kirchen

September 17, 2016 by · Schreiben Sie einen Kommentar 

Till Stoldt hat mich in seinem ausgezeichnet recherchierten Artikel „Vor allem diese Flüchtlinge werden Christen“ über die Taufen von Asylsuchenden in deutschen Kirchen mehrfach kurz interviewt:

Meldungen (de facto Kurzfassungen) zu dem Artikel erschienen bei der Katholischen Nachrichtenagentur:

Hintergrundinformation: The UN Special Rapporteur on Freedom of Religion and Belief und „FORB“

September 8, 2016 by · Schreiben Sie einen Kommentar 

Ein Auszug aus dieser Hintergrundinformation erschien in der Stephanus-Post der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag (PDF).

Die Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen („United Nations Special Rapporteurs“) sind seit 1982 berufene Individuen, die auf der Grundlage des „Special Procedures“-Mechanismus der Menschenrechtsrates der UN (UNHCR) arbeiten. Ihr Mandat umfasst entweder die Menschenrechtssituation in einem bestimmten Land oder ein Thema. In Ausnahmefällen ernennt der UNHRC auch eine Arbeitsgruppe mit je einem Vertreter der fünf Regionen der Erde.

Die derzeit 37 Berichterstatter werden vom UN-Menschenrechtsrat ernannt, sind aber von der UN und jeder Regierung und Institution unabhängig und werden deswegen auch nicht bezahlt. Auch wenn sie regelmäßige, standardisierte Berichtspflichten haben und neben offiziellen Inspektionsreisen auch Individualbeschwerden bearbeiten müssen, sind sie in ihrer Schwerpunktsetzung prinzipiell unabhängig. Sie erhalten zwar eine gewisse personelle Verwaltungsunterstützung in Genf, müssen aber ansonsten ihre Abreit selbst organisieren. Länderberichterstatter werden jährlich ernannt bzw. beliebig oft bestätigt. Themenberichterstatter werden für drei Jahre ernannt, ihr Mandat kann nur einmal verlängert werden.

Den Sonderberichterstatter für „Freedom of Religion or Belief“ (FORB) gibt es seit 1986. Er war ein Ergebnis des Inkrafttretens der 1981 von der UN-Vollversammlung beschlossenen „Erklärung über die Beseitigung aller Formen von Intoleranz und Diskriminierung aufgrund der Religion oder der Überzeugung“. Er war das erste UN-Instrument, dass sich ausschließlich der Religionsfreiheit widmete. Der Titel „Special Rapporteur on Religion Intolerance“ wurde im Jahr 2000 in „Special Rapporteur on Freedom of Religion or Belief“ umbenannt. Schwerpunkte der Arbeit sind Länderinspektionsreisen, denen aber ein Land zustimmen muss, die Bearbeitung von Individualbeschwerden, die Erstellung halbjährlicher thematischer Schwerpunktberichte und öffentliche Auftritte weltweit.

Amtsinhaber ist derzeit immer noch – wenn auch nur amtierend – Heiner Bielefeldt, ein deutscher Philosoph, Theologe und Historiker. Der Professor für Menschenrechte und Menschenrechtspolitik an der Universität Erlangen-Nürnberg war vorher Direktor des Deutschen Instituts für Menschenrechte in Berlin. Er wurde im Juni 2010 als Nachfolger der pakistanischen Anwältin Asma Jahangir berufen und im März 2013 für eine zweite Amtszeit bis 2016 bestätigt. Der Nachfolger von Heiner Bielefeldt ist bereits gewählt, kann sein Amt aber erst antreten, wenn sie ihr bisheriges UN-Amt zum Iran übergeben kann.

Hintergrundinformation: „FORB“

FORB ist die gängige englische Abkürzung für Freedom of Religion or Belief. Die Kurzformel ‚Religious Freedom‘ oder ‚Religious Liberty‘ dagegen ist kein Begriff der Amtssprache der Vereinten Nationen oder etwa des EU-Parlaments, da diese Begriffe leicht so verstanden werden können, als wären nichtreligiöse Weltanschauungen weniger zu schützen. Deswegen wurde der UN „Special Rapporteur on Religion Intolerance“ im Jahr 2000 in „Special Rapporteur on Freedom of Religion or Belief“ umbenannt.

Auch wenn das englische „belief“ auch „Glaube“ heißen kann, ist hier neben Religion aber ein nicht religiöser Glaube gemeint, was das Deutsche „Religion und Weltanschauung“ deutlicher wiedergibt. Das deutsche Stichwort „Religionsfreiheit“ umfasst immer nicht nur die Freiheit, einer Religion anzugehören und sie zu praktizieren, sondern auch die Freiheit von Religion und die Freiheit, eine nichtreligiöse Weltanschauung zu haben. Zu diesen gehört etwa der Humanismus in verschiedenen Varianten ebenso wie der Kommunismus oder zum Beispiel dem Selbstverständnis nach die Anthroposophie.

Daneben kann es auch Überzeugungen geben, die nicht eindeutig einer der beiden Kategorien zugeordnet werden können, so etwa die chinesische Falun Gong-Bewegung. Im Völkerrecht wie im deutschen Recht stehen Religionen und Weltanschauungen bezüglich des Menschenrechtsschutzes auf einer Stufe. Überhaupt enthält sich das Völkerrecht ebenso wie das deutsche Verfassungsrecht der Frage, ob eine Religion einen Gott, mehrere Götter, höhere Wesen usw. verehrt, eine andere Form der Metaphysik hat wie der Buddhismus oder ganz darauf verzichtet und die letzten Werte anders begründet.

Dies gilt übrigens auch für die Frage des Religionswechsels. Tritt etwa ein Deutscher aus der Kirche aus und schließt sich einer nichtreligiösen Weltanschauung an, so ist das trotzdem ein Religionswechsel, den etwa der Arbeitgeber nicht als Grundlage für eine Entlassung nehmen darf. Die Kirchenaustritte ohne Schaden für die gesellschaftliche Position sind nämlich erst durch die Religionsfreiheit möglich geworden.

Bei Integrationsproblemen von Muslimen in Deutschland darf Religion weder über noch unterbewertet werden

September 4, 2016 by · Schreiben Sie einen Kommentar 

Das christliche Medienmagazin PRO hat Folgendes über meinen Kommentar zu den Thesen von Bekim Agais geschrieben – der gesamte Beitrag mit der Darstellung seiner Thesen finden sich hier: PDF-Download

Verkürzung der Problemanalyse

Der Geschäftsführer des Arbeitskreises Religionsfreiheit der Deutschen Evangelischen Allianz, Thomas Schirrmacher, sieht in Ägäis Argumentation ein Logikproblem. „Ja, man soll Probleme nicht auf rein religiöse Fragen oder eine Religion verkürzen“, sagte Schirrmacher gegenüber pro. Aber bei Professor Agai bedeute es dann, dass die gesellschaftlichen Probleme gar nichts mit Religion zu tun hätten. Indem Agai auf die soziale Umwelt verweise, verkürze er die Analyse der Probleme. Zur sozialen Umwelt der Muslime gehörten nicht nur, aber auch ihre Religion und Weltanschauung.

„Es ist sehr richtig und wichtig, zu betonen, dass es nicht nur Konfrontation zwischen Islam und Christentum in der Geschichte und in der Gegenwart gibt“, sagte Schirrmacher. Aber Agai spare die Gegenseite aus. Es gebe in der Realität das Zusammenwirken von Christen und Muslimen für den Frieden. Ebenso gebe es aber auch die Konfrontation zwischen beiden Glaubensrichtungen in Ländern wie Nigeria oder auch in deutschen Flüchtlingsunterkünften.

Dass viele Muslime in Deutschland gut integriert seien, ändere nichts an der Tatsache, dass es eine Minderheit gebe, die es nicht sei und es vielleicht auch gar nicht sein wolle. Schirrmacher betonte, dass die Probleme nur gelöst werden könnten, wenn alle Facetten eines Konflikts offen und ehrlich angesprochen werden.

Die persönliche religiöse Prägung von Politikern wird zu oft zur Voreingenommenheit in Sachen Religionsfreiheit

Juli 30, 2016 by · 2 Kommentare 

Statements von Thomas Schirrmacher bei einer Podiumsdiskussion am 15.9.2014 im Deutschen Bundestag bei dem C-Kongress der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag Menschenrecht Religionsfreiheit – Podiumsdiskussion „Wie schützen wir verfolgte Christen?“

Abschrift der Auszüge dieser Aufnahme (16.9.2014).

Die gesamte Abschrift finden Sie hier als PDF-Download.

Hier ein kleiner Auszug:

Tanja Samrotzki, Journalistin, Moderatorin:

… Ich stelle auch Herrn Schirrmacher noch kurz vor … Sie kennen Thomas Schirrmacher sicher als Pionier in Sachen Religionsfreiheit. Er ist Vorsitzender der Theologischen Kommission der Weltweiten Evangelischen Allianz, die etwa 600 Millionen evangelische Christen weltweit vertritt. Und Thomas Schirrmacher hat 2006 das Internationale Institut für Religionsfreiheit gegründet und ist auch dessen Direktor. Prof. Dr. Dr. Thomas Schirrmacher ist zudem Präsident des Internationalen Rates der International Society for Human Rights. Er hat eine Professur für Religionssoziologie in Rumänien und eine für globale Ethik und internationale Entwicklung in Indien. … Ich möchte auch Ihnen kurz die Gelegenheit geben, dass Sie Stellung nehmen zu dem, was wir gehört haben.

Minuten 43:12 bis 59:45 bis 49:20

Ich möchte unterstreichen, dass wir beim Thema „Menschenrechte und Religionsfreiheit“ gewaltigen Nachholbedarf haben. Wir haben keine akademischen Einrichtungen weltweit, die sich damit beschäftigen. Das gilt für Jura, Religionswissenschaft und Theologie gleichermaßen. Es ist eine der Aufgaben unseres Instituts, das in die Gänge zu bringen, aber es ist ein mühsames Geschäft.

Ich bin vor einer Woche in Straßburg gewesen; dort hatten wir ein ökumenisches Treffen, wie es ökumenischer nicht geht: Drei päpstliche Kommissionen des Vatikans, Weltkirchenrat, Weltweite Evangelische Allianz, Russisch-Orthodoxe, Griechisch-Orthodoxe usw. – alle waren da. Und es ging darum: Wer kann aussagekräftige und zuverlässige globale Daten zur Verfügung stellen. Wir konnten nur feststellen: Uns fehlen Ansprechpartner, selbst im Vatikan. Es gibt durchaus Leute, die das Thema unterstützen, aber es ist nicht institutionalisiert. Wir können gerade einmal abfragen, wie viele katholische Bischöfe und Priester ums Leben gekommen sind, weitere Daten sind auf Abruf nicht verfügbar. Der Papst hat uns hoch und heilig versprochen, das zu ändern. Das Interesse daran ist sehr groß. …

Tanja Samrotzki, Moderatorin:

Herr Schirrmacher, wäre das denn nicht genau jetzt die Zeit, eine internationale Allianz zu schmieden? Wir haben schon erwähnt, es gibt in Kanada und USA Bestrebungen. … Vielleicht können Sie uns ein Update geben. Und wäre es nicht auch gut – wir haben früher gesagt, wir brauchen einen Mr. oder eine Mrs. Außenpolitik für die EU, und wäre es nicht auch gut, wir hätten einen Sonderbotschafter für Religionsfreiheit, und wie stehen da die Chancen?

Minuten 1:15:30 bis 1:19:32

… Ein wunder Punkt: Es wurde gesagt, die deutschen Politiker tun so viel. Ich bin jetzt einmal so frei und schreibe Ihnen etwas ins Stammbuch, obwohl die nicht hier sind, die es betrifft. Wir müssen nüchtern sehen: International, aber auch hier im Bundestag ist die Problematik, dass die Frage, ob man sich für Religionsfreiheit einsetzt, bei vielen untrennbar verquickt ist mit ihrer persönlichen Auseinandersetzung mit Religion. Also wenn sie selber mit dem Christentum ‚auf Kriegsfuß‘ stehen, setzen sie sich für alle möglichen religiös Unterdrückten ein, aber wenn es um Christen geht, haben sie Probleme.

Das Ergebnis haben wir hier bei einer Anhörung vor dem Menschenrechtsausschuss live erlebt, da spiegelten die meisten Leute, die hier saßen, um als Experten über Religionsfreiheit in Europa zu reden, die verschiedenen Parteien wider. Die Atheisten sagten, wie schrecklich es ihnen geht, die Muslime sagten, wie schrecklich es ihnen geht, jeder sagte, wie schrecklich es seinen Gesinnungsgenossen geht. Doch Religionsfreiheit ist wie Folterverbot kein eingeschränktes Menschenrecht, das für bestimmte Gruppen mehr oder weniger gilt. Wir kommen nur voran, wenn wir diese Phalanx durchbrechen, wenn die Atheisten sagen, ja wir wollen Religionsfreiheit für Atheisten, aber Religionsfreiheit ist nicht teilbar, wir wollen sie für alle. Religionsfreiheit für Atheisten bekommen wir nur, wenn auch Christen Religionsfreiheit haben – und die Christen eben umgekehrt, wenn wir gemeinsam an einem Strang ziehen.

Doch ich sehe gerade bei Politikern, nicht nur in Deutschland, sehr stark ausgeprägt, dass die persönliche innere Auseinandersetzung, das Ringen, wo sie selbst stehen, voll durchschlägt. Bei anderen politischen Themen ist das nicht zwangsläufig so, es kommt vor, aber bei kaum einem Thema schlägt es so durch, dass man meistens daraus, für wen sich die Politiker einsetzen, auf ihr persönliches Verhältnis zur Religion schließen kann. Die einen sagen, man muss als Erstes den Islam erwähnen. Ich habe vorhin nicht im Ernst gesagt: Für uns Christen war es von Vorteil, dass jetzt die Jesiden verfolgt werden, weil viele jetzt sagen können: Jesiden und Christen werden verfolgt. Und deshalb kann man viel besser darüber reden. Nun bin ich der letzte, der nicht über die Verfolgung der Jesiden reden will – aber es ist doch eine Schande: Es werden Menschen umgebracht!, das muss ich doch benennen können, ohne gleich sagen zu müssen: Oh jetzt habe ich aber vergessen, noch die zu nennen und jene zu erwähnen. Es ist einfach eine Schande, dass Menschen wegen ihrer innersten Überzeugung getötet werden, diskriminiert werden, und das müsste doch für alle klar sein. Es müsste im Bundestag, wenn es zu einer Abstimmung zur Religionsfreiheit kommt, immer 100% aller Stimmen dafür geben! Man kann doch nicht über Artikel 18 der Menschenrechtserklärung abstimmen, je nachdem, was man selbst mit dieser oder jener Religion erlebt hat! Es haben gefälligst alle dafür zu sein, dass alle Menschen in Freiheit eine Religion oder keine Religion haben dürfen, egal was die Politiker selbst privat glauben!

Plausibilitätsprüfung der PEW-Berichte zur Religionsfreiheit (aktualisiert)

Vergleich von Länder untereinander; Länder im Querschnitt 2007-2014; grundsätzliche Einordnung von Ländern

Die Fassung als IIRF-Bulletin 2/2016 (PDF-Download)

Vorbemerkung

Das Pew Research Center’s Forum on Religion & Public Life veröffentlichte 2009 bis 2014 fünf globale Berichte zur Religionsfreiheit. Dazu gehören umfangreiche Rankings, deren Verlauf über den ganzen Zeitraum in vielfältigen Variationen verglichen wird.

Zu allen Statistiken und wissenschaftlichen Ergebnissen gehört eine frühzeitige Plausibilitätsprüfung. Sie kann Schwächen von Untersuchungen aufdecken, ohne schon genau sagen zu können, woher die nicht plausiblen Ergebnisse stammen.

Die Zuordnung einzelner Länder erschien mir nicht sehr plausibel. Länder mit recht großzügiger Religionsfreiheit erhielten sehr schlechte Bewertungen, Länder mit schwerwiegenden Beschränkungen gute Werte, etwa wenn Deutschland für 2013 einen schlechteren SHI-Wert von 4,5 hat als Saudi Arabien mit 3,6. Zudem schwankten einige Länder innerhalb der sechs Jahre, die untersucht wurden, erheblich, in denen sich aus meiner Sicht keine nennenswerten Veränderungen der Lage abzeichnen. Dazu kommen erhebliche Unterschiede in der Einstufung von Ländern im Vergleich zu den Ergebnissen anderer Forscher.

Also begann ich, einige Länder im Zeitlauf anzuschauen und dann Länder innerhalb eines Jahres und im Zeitlauf miteinander zu vergleichen. Das Ergebnis findet sich beispielhaft unten und lässt erhebliche Zweifel an der Zuverlässigkeit der Ergebnisse aufkommen.

Berichte und Abkürzungen

  • PEW 2009 = Stand: Mitte 2007
  • PEW 2011 = Stand: Mitte 2009
  • PEW 2012 = Stand: Mitte 2010
  • PEW 2013 = Stand: Ende 2011
  • PEW 2014 = Stand Ende 2012
  • PEW 2015 = Stand Ende 2013
  • PEW 2016 = Stand Ende 2014

Alle Angaben unten beziehen sich durchgängig auf den Stand, nicht auf das Veröffentlichungsjahr des Berichts.

GRI = Government Restrictions [on Religion] Index (= Beschränkung der Religion staatlicherseits)

SHI = Social Hostilities Index (= Beschränkung der Religion durch gesellschaftliche Kräfte)

GRI: „Very high“ 6,6 ++ / „High“ 4,5 – 6,5 / „Moderate“ 2,4 – 4,4 / „Low“ 0,0 – 2,3

SHI: „Very high“ 7,2 ++ / „High“ 3,6 – 7,1 / „Moderate“ 1,5-3,5 / „Low“ 0,0 – 1,4

Deutschland

a) Deutschland in der Zeitschiene

Deutschland GRI: 2007: 3,1; 2008: 3,2; 2009: 3,5; 2010 4,0; 2011 3,5; 2013: 4,5; 2014 3,4: Gab es wirklich eine Verschlechterung der Beschränkung der Religionsfreiheit von Regierungsseite von moderat 2007 zu (knapp) hoch in 2013 und dann wieder zurück? Der Wert ist meines Erachtens an sich schon zu hoch, dass aber die rechtliche Beschränkung von Religionsfreiheit in 5 Jahren in Deutschland stark zugenommen hat, ist durch nichts zu belegen.

Deutschland SHI: 2007: 2,1; 2008: 2,5; 2009: 3,3; 2010: 5,3; 2011: 5,0; 2013: 4,3; 2014: 2,5: starke Schwankung, in der Realität eher unverändert, wobei die Zahlen für 2007/2009 und 2014 angemessen sind, die Zahlen für 2011 und 2013 aber viel zu hoch.

Der GRI müsste in Deutschland recht niedrig sein, der SHI viel höher, denn die rechtliche und politische Freiheit ist sehr hoch, aber es gibt Diskriminierung durch bestimme Bevölkerungsgruppen. 2007 war der SHI laut PEW aber viel niedriger als der GRI, 2013 immer noch ein bischen niedriger. Das stellt die Verhältnisse auf den Kopf.

b) Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern zum Jahr 2013

Deutschland: GRI 2013: 4,5:
demnach Lage wie in (+/-0,2) Libyen, Paläst. Autonomiegebiete, Äthiopien, VAE, Griechenland, Nepal;
Lage etwas besser als in Deutschland in: Nigeria, Liberia;
Lage viel besser als in Deutschland in: Südsudan, Serbien, Ungarn, Italien, Kambodscha;
das ist wirklich alles realitätsfern.

Deutschland und Europa (geografisch): GRI 2013: schlechter als Deutschland sind nur drei Länder Belarus, Bulgarien, Russland; besser sind z. B. Österreich, Bosnien-H., Georgien, Italien, Malta, Serbien, Griechenland, Ungarn. Demnach wäre Deutschland fast Schlusslicht in Sachen Beschränkung der Religionsfreiheit durch den Staat im geografischen Raum Europa, das wird der Realität nicht gerecht.

Weitere Länder

Bulgarien SHI: 2007: 2,2; 2009: 4,0; 2010: 2,2; 2011: 4,7; 2012: 4,4; 2013: 3,6; 2014: 2,8: ständiges Auf- und Ab-Pendeln, obwohl sich die Lage eigentlich nicht geändert hat.

Indonesien GRI: 2007: 6,2; 2012: 8,3; 2013: 8,5; 2014: 7,9: nimmt angeblich stark zu, in Wirklichkeit nimmt sie ab. Vergleiche dazu Iran GRI: 2007: 7,9; 2012: 8,6; 2013: 8,3; 2014: 7,7. Die Lage in Indonesien soll so schlimm oder etwas schlimmer wie im Iran sein? Das macht wirklich keinen Sinn.

Mexiko GRI: 2007=2008: 4,7; 2009: 4,2; 2010: 3,5; 2011: 3,6; 2012: 3,9; 2013 3,4; 2014: 4,5; SHI: 2007: 5,5; 2008: 4,7; 2009: 5,1; 2010: 3,6; 2011: 3,2; 2012: 6,7; 2013: 3,7; 2014: 4,2: War die Lage 2013 wirklich erheblich besser? Und war das Auf und Ab wirklich vor Ort zu spüren, ja ein Sprung seit 2012 innerhalb eines Jahres von 6,7 auf 3,7?
Siehe auch SHI: 2012 + 2007 sehr schlecht, 2010, 2011, 2013 viel besser; es gibt keinen Anhaltspunkt dafür.

Brasilien SHI: 2007: 0,8; 2013: 3,7; 2014: 3,5: kein Anhaltspunkt für eine derartige Verschlechterung von einem der besten Länder hin zu einer schlechten Situation, während der GRI die ganzen Jahre zu den besten gehört.

Irak SHI: 2007: 10,0; 2012: 9,0; 2013: 7,4; 2014: 8,5. Hat es tatsächlich eine derartige Verbesserung des SHI während 2013 gegeben? Ähnliches gilt für Syrien.

Saudi Arabien: SHI: 2011: 6,5; 2012: 6,4; 2013: 3,6; 2014: 3,6: Es gibt keinen Anhaltspunkt für eine derart starke Verbesserung des SHI, der damit mit Deutschland gleichzieht.

Ungarn GRI: 2007: 0,3; 2011: 1,0; 2012: 2,4; 2013: 2,9; 2014: 2,8: SRI: 2007: 1,0; 2011: 2,0; 2012: 2,7; 2013: 2,4; 2014: 2,2: erhebliche Verschlechterung der Lage wird nicht abgebildet, Ungarn bleibt angeblich wesentlich besser als Deutschland, religiöse Minderheiten sehen das genau anders herum.

Länder mit sehr, sehr niedrigem SHI 2013 unter 0,5, in denen tiefverwurzelter Hass auf andere ‚Rassen‘ und soziale Gruppen und starker Antagonismus der konfessionsverschiedenen sozialen Gruppen herrschen (Beispiele): Jamaika SHI 2013: 0,4; Kambodscha 0,4; Kuba 0,0; Kasachstan 1,0; Taiwan 0,0; Turkmenistan 0,4; Oman 0,1; Westsahara 0,0; Kongo 0,00.

Die 18 Berichte, die als Datenquelle dienen

Ein Grund für solche Ergebnisse könnte darin liegen, dass die Datenbasis der Berichte sehr dünn ist. Den Berichten liegt keine Forschung vor Ort zu Grunde, ebenso keine Ausarbeitung von Experten in den genannten Ländern oder für die genannten Länder. [Das ist ungewöhnlich, da PEW sonst umfangreiche Umfragen und Forschungen zur Religion usw. in vielen Ländern betreibt.] Die Ergebnisse stammen ausschließlich aus der Codierung anderer Berichte, untern denen wieder keiner durch Forschung vor Ort gewonnen wird. Zudem sind die 18 Berichte alle sehr stark voneinander abhängig.

Ich wähle hier den Bericht für 2013 als Grundlage. Der Bericht für 2014 enthält einen Bericht zur Religionsfreiheit weniger (2013: Nr. 6) und hat die Amnesty International-Berichte (2013: Nr. 11) durch die Global Terrorism Database (2014: Nr. 10) ersetzt, was die Datenbasis zur Religionsfreiheit direkt eher verschlechtert.

Nur 4 der 18 Berichte haben speziell mit Religionsfreiheit zu tun, alle anderen Berichte behandeln Diskriminierung usw. im allgemeinen Sinne oder andere Themen.

Es wird deutlich gesagt, dass die 2. Quelle die eigentliche Quelle ist, die anderen nur zusätzlich bei Unstimmigkeiten zu Rate gezogen werden (Jan 2014: S. 40). So hat Deutschland seine sehr negative Bewertung vor allem der sehr negativen Bewertung in Quelle 2 zu verdanken.

Alle Berichte, die Spannungen für den SHI enthalten, berichten über Spannungen aus rassistischen usw. Gründen, keiner sammelt speziell oder differenziert nach Diskriminierung durch die Mehrheitsbevölkerung wegen deren Religionszugehörigkeit. Deswegen sagt der SHI für Deutschland eher etwas über das Verhältnis der Deutschen zu Ausländern aus als etwas über das Verhältnis zu Anhängern anderer Religionen. Dieses Problem wird von PEW nirgends thematisiert.

Keiner der Berichte strebt von seiner Natur her Vollständigkeit an, es wird berichtet, was eingesandt oder durch die Medien in Erfahrung gebracht wird. Heißt das: Wird über ein Land viel Negatives berichtet, steigt das negative Ergebnis, wird wenig berichtet, sinkt das negative Ergebnis? Oder wie wird die Quantität und Qualität von Vorkommnissen in Relation zur Größe der Bevölkerung eines Landes gewertet?

Die Berichte berichten über recht unterschiedliche Zeiträume und oft nicht nur über Dinge in den letzten 12 Monaten, werden aber von PEW trotzdem einem festen Jahr zugeordnet.

Keiner der Berichte strebt irgendeine Art von Ranking an oder vergibt irgendeine Art von Punktesystem. Es ist also irreführend, dass PEW sich auf diese Berichte stützt, es werden einfach die in den Berichten genannten Ereignisse benutzt.

Viele der Berichte berichten nur über ausgewählte Länder, USCIFR z. B. über 0 oder 36 (Nr. 17 für 2012 = 0; Nr. 12 für 2012 = 29). Nur Nr. 2 berichtet über alle Länder. Für ein bestimmtes Land kann sich also die Zahl der Berichte von 18 aus halbieren. Es wird auch kein Verfahren genannt, wie verhindert wird, dass Länder, die in fast allen Berichten vorkommen, schlechter wegkommen als solche, die nur in wenigen Berichten erfasst sind.

Die Berichte sind teilweise stark voneinander abhängig und verweisen aufeinander als Quelle. Das macht sie für ein wissenschaftliches Ranking unbrauchbar. So zitiert der Bericht des US-Außenministeriums die meisten der verwendeten Berichte von Menschenrechtsorganistionen (z. B. AI, HRW), die sich wiederum auf den Bericht des Außenministeriums und überhaupt Berichte der US-Regierung berufen.

Berichte Nr. 2., 3., 4., 14., 16. sind politische, regierungsamtliche Berichte aus dem Bereich der US-Regierung, keine wissenschaftlichen Berichte, Berichte Nr. 9. + 10. entsprechend aus anderen Staaten/Staatenverbünden.

Es werden keine Wissenschaftler in den Ländern zu Rate gezogen, und sei es nur für eine Plausibilitätsprüfung des Ergebnisses.

Keiner der Berichte enthält originäre Forschung in den jeweiligen Ländern, wie sie PEW für andere Themen rund um Religion oft durchführt oder das etwa beim Weltverfolgungsindex für das Christentum der Fall ist.

Kommentar zu den 18 Berichten im Einzelnen

1. Country constitutions – Länderverfassungen

Ändert sich praktisch nicht von Jahr zu Jahr und besagt gar nichts über die reale Lage. So hat der Iran ein sehr gutes Bekenntnis zur Religionsfreiheit in seiner Verfassung.

2. U.S. State Department annual reports on International Religious Freedom

Anekdotisch, d. h. es werden nur Ereignisse aufgenommen, die an das Außenministerium berichtet wurden, es gibt keine systematische Suche weltweit. Sehr stark von Positionen der US-Außenpolitik (siehe etwa den Bericht über Saudi Arabien) oder amerikanischen Vorurteilen abhängig.

Die Berichte beginnen immer mit dem, was hier als 1. genannt wird und berufen sich viel auf andere unten gelistete Quellen.

Deutschlands Negativ-Punkte sind: vermeintlich unberechtigte Bevorzugung der Körperschaften des öffentlichen Rechts & Verfolgung von Scientology.

3. U.S. Commission on International Religious Freedom annual reports

Wechselnd 10-15 Länder. Im Gegensatz zu 2. sehr wenig von Positionen der US-Außenpolitik abhängig, aber Hauptaufgabe ist es, dem Außenministerium „countries of concern“ vorzuschlagen.

4. U.N. Special Rapporteur on Freedom of Religion or Belief reports

Berichtet jedes Jahr nur über sehr wenige, jährlich wechselnde Länder, die der Sonderberichterstatter offiziell bereist hat. Das heißt, es gibt keine Berichterstattung über dasselbe Land Jahr für Jahr.

5. Human Rights First reports in first and second years of coding; Freedom House reports in third, fourth and fifth years of coding

Ist ein allgemeiner Demokratiebericht, der nicht speziell auf Religionsfreiheit eingeht.

6. Hudson Institute publication: “Religious Freedom in the World” (Paul Marshall)

Ist ein sehr guter, aber nur einmal erschienener Bericht, der also nicht für Vergleiche Jahr für Jahr genutzt werden kann.

7.-17. sind Menschenrechtsberichte, die sich nicht speziell auf religiöse Fragen beziehen und nur anekdotisch ausgewertet werden können.

7. Human Rights Watch topical reports

8. International Crisis Group country reports

9. United Kingdom Foreign & Commonwealth Office annual report on human rights

10. Council of the European Union annual report on human rights

11. Amnesty International reports

12. European Network Against Racism Shadow Reports

13. United Nations High Commissioner for Refugees reports

14. U.S. State Department annual Country Reports on Terrorism

15. Anti-Defamation League reports

16. U.S. State Department Country Reports on Human Rights Practices

17. Uppsala University’s Uppsala Conflict Data Program, Armed Conflict Database

18. Human Rights Without Frontiers “Freedom of Religion or Belief” newsletters

Ist ein sehr guter Rundbrief, der aber 1. fast ausschließlich Nachrichten anderer Quellen weiterleitet und 2. nur weiterleitet, was erhältlich ist und deswegen über einige Länder fast nie, über andere fast täglich berichtet.

Vorsitzender des IIRF in Sri Lanka mit Ehrentitel ausgezeichnet

Diese Meldung stammt ursprünglich aus dem Jahr 2015 und ist bisher nicht in meinem Blog erschienen.

1_Rev_Godfrey_Yogarajah_is_presented_with_the_deshamanya_award_small(Bonn, 02.10.2015) Pfarrer Godfrey Yogarajah, dem Vorstandsvorsitzenden des Internationalen Instituts für Religionsfreiheit (IIRF; Bonn, Kapstadt, Colombo) und Geschäftsführer der Kommission für Religionsfreiheit der Weltweiten Evangelischen Allianz (WEA), wurde der nationale Ehrentitel eines „Deshamanya“ durch die Regierung von Sri Lanka verliehen. Dieser Titel bedeutet „Stolz der Nation“ und ist die zweithöchste staatliche Auszeichnung, die für besonders lobenswerten Dienst vergeben wird. Die Auszeichnung wurde an Rev. Yogarajah in Anerkennung seiner Arbeit für die Menschenrechte, die Religionsfreiheit und in humanitären Hilfswerken in Sri Lanka verliehen.

„Ich danke Gott für den treuen und wirkungsvollen Dienst Godfreys, der solch große Auswirkungen auch über die evangelikale Bevölkerungsgruppe hinaus gehabt hat, und das nicht nur in seinem eigenen Land, sondern auch weltweit“,

sagte Bischof Efraim Tendero, Generalsekretär der WEA, der Rev. Yogarajah zu seiner staatlichen Auszeichnung gratulierte.

Thomas Schirrmacher, Direktor des IIRF und Moderator des Büros und des Teams der WEA für „Intrafaith and Interfaith Relations“, sagte, als er von der Auszeichnung erfuhr:

„Ich nenne Godfrey oft ‚Mister Religionsfreiheit‘. Er verdient es mehr als irgendjemand anderes, diese dritte Auszeichnung für seine Arbeit zu erhalten. Dass dieses Mal die Regierung von Sri Lanka selbst, die so oft Adressat seiner Kritik und Vorschläge war, die Anerkennung ausspricht, beweist, dass Menschen erkennen, dass hinter Godfreys gewissenhafter Dokumentierung und Präsentierung von Menschenrechtsverletzungen der positive Wille steht, mit jedermann in Frieden zu leben.“

Rev. Yogarajah ist auch seit 25 Jahren der Generalsekretär der Nationalen Christlichen Evangelischen Allianz in Sri Lanka (NCEASL). In dieser Position hat er sich für Menschenrechte und Religionsfreiheit in Sri Lanka eingesetzt. Von ihm stammt auch die Idee zum Start eines Hilfe- und Entwicklungszweiges der NCEASL, des „Alliance Development Trust“ („Entwicklungsfonds der Allianz“), einer Organisation, die von Seiten der Regierung für ihre Arbeit in Hilfsprojekten, in der Rehabilitation und der Entwicklung ausgezeichnet wurde.

Durch die WEA arbeitet Rev. Yogarajah umfassend für Religionsfreiheit in der ganzen Welt. Er hat verfolgte religiöse Minderheiten und nationale Evangelische Allianzen in Bezug auf Religionsfreiheit und Menschenrechte geschult, hat sich bei Institutionen wie den Vereinten Nationen, der Europäischen Union und dem Außenministerium der USA für Religionsfreiheit eingesetzt und hat sich mit Regierungsvertretern getroffen, um die Religionsfreiheit in Ländern voranzubringen, wo diese eingeschränkt ist.

Rev. Yogarajah erhielt auch den „Good Samaritan Award“ (2004 – „Preis des Guten Samariters“) für Religionsfreiheit, der ihm von Advocates International verliehen wurde, und den „Pro Fide Award“ (2005), verliehen von den „Friends of the Martyrs“ in Finnland für seinen Beitrag zu den Rechten für Minderheiten.

Bei Erhalt der neuen Auszeichnung sagte Rev. Yogarajah:

„Ich glaube, dass oft wir Leiter die Ernte der harten Arbeit unserer Mitarbeiter einfahren. Die Ehre gebührt ihrer beispielhaften Arbeit. Ich glaube, diese Ehre wird den Evangelikalen im Land, denen lange Zeit die staatliche Anerkennung verwehrt wurde, eine größere Sichtbarkeit und Glaubwürdigkeit geben.“

Die NCEASL, die als Allianz von Sri Lanka Mitglied des WEA ist, erklärte, dass

„es eine Menge für die Evangelikalen, eine marginalisierte und verfolgte Minderheit in Sri Lanka, bedeutet, dass einer ihrer führenden Leiter vom Staat geehrt wird. Die Auszeichnung ist dadurch ein Symbol der Ermutigung und Anerkennung für evangelikale Christen in Sri Lanka. Außerdem veranschaulicht sie die Wirkung und den Beitrag der Evangelikalen für das Leben unserer Nation.“

 

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Kritik des real-existierenden Dialogs mit islamischen Verbänden

Johannes Kandel veröffentlicht „problembezogenen und kritisch kommentierenden Abriss des christlich-muslimischen Dialogs in Deutschland“

Diese Meldung stammt ursprünglich aus dem Jahr 2015 und ist bisher nicht in meinem Blog erschienen.

(Bonn, 02.09.2015) Nach seinem Buch „Islamismus in Deutschland“ hat der Berliner Politikwissenschaftler Johannes Kandel nun eine kritische Geschichte und Diskussion des interreligiösen Dialogs mit muslimischen Verbänden in Deutschland veröffentlicht.

Kandel_Streitkultur_2015Der Autor definiert den interreligiösen Dialog normativ als ein Ensemble intentionaler Interaktionen und Kommunikationen von Angehörigen verschiedener Religionen und konzentriert sich auf die Entwicklungsetappen des christlich-muslimischen Dialogs in Deutschland. Er bietet einen problembezogenen und kritisch kommentierenden Abriss des christlich-muslimischen Dialogs und kommt zu dem Ergebnis, dass der christlich-muslimische Dialog von einem gesellschaftspolitisch bedeutsamen Grundmotiv geprägt wird. Es geht um Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Religionen können dazu einen bedeutsamen Beitrag leisten, wenn sie zu einem Grundkonsens im Blick auf die Säkularität des Staates, Menschenrechte, Demokratie und Pluralismus finden. Der Dialog zwischen Christen und Muslimen darf nicht um des Friedens willen harmonistisch Probleme und Konflikte zudecken, sondern muss als kritische Streitkultur verfasst sein.

Dr. phil. Johannes Kandel, geboren 1950 in Berlin, Politikwissenschaftler und Historiker, ist Dozent und freier Autor. Er ist Mitglied des Kuratoriums der „Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen“ (EZW). Er war 1999 – 2014 Referatsleiter für den Bereich „Interkultureller Dialog“ der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin. Er ist Autor und Herausgeber mehrerer Bücher zum Thema multikulturelle Gesellschaft und Religion und Gewalt, zuletzt „Islamismus in Deutschland“.

 

Bibliografische Angaben:

  • Johannes Kandel. Streitkultur statt Harmonisierung: Eine kritische Bestandsaufnahme des christlich-muslimischen Dialogs. Verlag für Kultur und Wissenschaft: Bonn, 2015. 244 S. Pb. 18,00 € [D]. ISBN 978-3-86269-039-8

 

Interview

Bonner Querschnitte: Herr Kandel, Sie sind für Dialog zwischen Christen und Muslime und haben viele Dialogveranstaltungen mit organisiert oder begleitet und sehen doch den größten Teil des Dialogs, der stattfindet, sehr kritisch. Wieso?

Kandel: Weil häufig sowohl die theologischen Differenzen zwischen Christentum und Islam nicht deutlich genug aufgezeigt werden als auch zentrale islamische Positionen zum Dschihad, zur Apostasie (Abfall vom Islam), zur Frauenfrage und zum Leben christlicher Minderheiten unter dem Islam verharmlost werden. Es wird nicht deutlich gesagt, dass es menschenrechtlich inakzeptable Doktrinen und religiöse Praktiken im Islam gibt. Und häufig wird der Zusammenhang von Islam und Islamismus geleugnet.

BQ: Sie fordern, dass Dialog auch gerade „Streitkultur“ sein muss und nicht „harmonistisch“ ablaufen soll. Können Sie das einem beispielhaften Thema deutlich machen?

Harmonismus wäre es z. B., so zu tun, als sprächen wir alle, Christen und Muslime, von demselben Gott. Oder dass Abraham unser aller Vater wäre. Auch sollten die ganz verschiedenen Konzepte von Demokratie (im Islam „Shura“, d.h. Beratung einer politisch-religiösen Elite), Menschenrechten (im Islam unter Scharia-Vorbehalt) und Frieden (im Islam dann erreicht, wenn alle Muslime sind) angesprochen werden.

BQ: Was sind wesentliche Voraussetzungen für einen sinnvollen Dialog?

Religiöse Identität der eigenen Position und Kompetenz zum Religionsvergleich, Gesprächsfähigkeit, Streitkulturfähigkeit.

BQ: Mit welchen Ansätzen und Denkvoraussetzungen gehen Ihrer Erfahrung nach muslimische Dialogpartner an den Dialog heran?

Sind Muslime in der Minderheitsposition, dient der Dialog häufig ganz pragmatisch der Stärkung der islamischen Gemeinschaft durch Teilhabe an wichtigen gesellschaftlichen Funktionsbereichen. Auch wird der Dialog oft als Vorstufe oder gar Teil der „Da’Wa“ (Einladung zum Islam, „Mission“) betrachtet. Sind Muslime in der Mehrheitsposition, dient der Dialog der Verkündung und Ausbreitung der „wahren Religion“, eben des Islam.

BQ: Was ist Ihr größter Wunsch an Politiker und Kirchenvertreter im Dialog?

Wahrnehmung des Islam, wie er wirklich dominant existiert, ungeachtet aller Binnendifferenzierungen. Keine Verharmlosungen und Beschönigungen der dunklen Seiten des Islam. Und Fähigkeit zum produktiven Streit über die tatsächlich epochalen Fragen: Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung, Demokratie, Frieden und Menschenrechte.

 

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Bonner Islamwissenschaftlerin erfasst erstmals die Sichtweise zeitgenössischer islamischer Theologen zum Abfall vom Islam

Diese Meldung stammt ursprünglich aus dem Jahr 2015 und ist bisher nicht in meinem Blog erschienen.

(Bonn, 13.06.2015) Der Religionswechsel ist zentraler Bestandteil des Menschenrechts auf Religionsfreiheit gemäß Artikel 18 der Allgemeinen Erklärung für Menschenrechte von 1948. Christine Schirrmacher, Professorin der Islamwissenschaft an den Universitäten Bonn und Leuven bei Brüssel, hat Schriften und Internetauftritte dreier global agierender und einflussreicher islamischer Theologen daraufhin untersucht, wie sie zu dem Recht stehen, den Islam zu verlassen und zu einer anderen Religion oder nichtreligiösen Weltanschauung zu wechseln.

9783956500848_coverDer vollständige Titel ihrer Habilitationsschrift lautet: „‚Es ist kein Zwang in der Religion‘ (Sure 2,256). Der Abfall vom Islam im Urteil zeitgenössischer islamischer Theologen: Diskurse zu Apostasie, Religionsfreiheit und Menschenrechten“. Das Buch erscheint in der renommierten Reihe „Kultur, Recht und Politik in muslimischen Gesellschaften“ des Ergon Verlages in Würzburg. Eine englische Ausgabe ist für 2015 in Vorbereitung.

Per Gesetz bekennen sich die meisten islamisch geprägten Länder ausdrücklich zur Religionsfreiheit – praktisch aber erleiden kritische Intellektuelle, progressive Koranwissenschaftler, Frauen- und Menschenrechtler, Konvertiten vom Islam sowie Angehörige nichtanerkannter Minderheiten vielerorts Diskriminierung, Ächtung, Bedrohung, Inhaftierung oder sogar den Tod. Während es einige Untersuchungen zur tatsächlichen Lage gibt, wo Menschen für den ‚Abfall‘ vom Islam bestraft werden, fehlte bisher eine Untersuchung der ideologischen Hintergründe.

Bei der Ursachenforschung für diese Diskrepanz werden die drei heute vertretenen Hauptpositionen islamischer Gelehrter zur Apostasie erläutert, die von deren global einflussreichsten Vertretern, Yusuf al-Qaradawi (geb. 1926), Abdullah Saeed (geb. 1960) und Abu l-A’la Maududi (1903-1979), verfochten werden. Die Studie beschäftigt sich anhand ihrer Veröffentlichungen zu Religionsfreiheit und Apostasie mit dem ideengeschichtlichen Transfer der „Saat ihrer Worte“ (Hrant Dink) in die Gesellschaft sowie mit ihrem weltweit immensen Einfluss auf Theologie, Recht und Politik. Am Ende steht die Frage, welche Voraussetzungen erfüllt werden müssen, damit Verfechter unbeschränkter Religionsfreiheit und Menschenrechte in diesem Teil der Welt vermehrt Gehör finden.

Zum Inhalt des Buches

In der Habilitationsschrift von Christine Schirrmacher „‚Es ist kein Zwang in der Religion‘ (Sure 2,256): Der Abfall vom Islam im Urteil zeitgenössischer islamischer Theologen“, die vor wenigen Wochen im Ergon-Verlag Würzburg erschien, wurden erstmals Originalstimmen aus der islamischen Theologie zur Beurteilung der Apostasie aufgearbeitet. Es wurden dafür Texte aus dem Arabischen, Englischen, Französischen und Urdu übersetzt und zugänglich gemacht.

Heute werden von islamischen Theologen im Wesentlichen drei Positionen zum Glaubensabfall vertreten: Die volle Befürwortung von Religionsfreiheit, die völlige Negierung von Religionsfreiheit mit Forderung der sofortigen Todesstrafe für Apostaten sowie eine Mittelposition, die innere Gedankenfreiheit gestattet und vor zu früher Verfolgung warnt, bei offener Apostasie (z. B. bei Übertritt zu einem anderen Glauben) jedoch ebenfalls die Todesstrafe einfordert – innerhalb der etablierten islamischen Theologie ist letztere die heute häufigste Auffassung.

Diese drei Hauptpositionen zur Apostasie stellt die Habilitationsschrift anhand der Veröffentlichungen dreier weltweit einflussreicher Theologen des 20. Jahrhunderts vor: Yusuf al-Qaradawi (geb. 1926), Abdullah Saeed (geb. 1960) und Abu l-A’la Maududi (1903-1979) verfügen über eine weltweit viele Millionen Menschen umfassende Anhängerschaft sowie politischen Einfluss, haben sich in ihren Veröffentlichungen intensiv mit der Thematik der Apostasie befasst und mindestens ein selbständiges Werk dazu publiziert. Diese „global players“ auf der öffentlichen Bühne von Theologie, Politik und Gesellschaft genossen eine traditionell-islamische Ausbildung und folgen keinem grundsätzlich koran- oder islamkritischen Diskurs. Durch ihre Herkunft und weitgespannten Tätigkeiten in Ägypten/Qatar, Malediven/Australien und Indien/Pakistan erlauben sie einen länderübergreifenden Blick auf die heutigen Beurteilung der Apostasie innerhalb der islamischen Theologie.

Die Studie erläutert, warum es in vielen islamisch geprägten Ländern auch heute für Konvertiten, kritische Intellektuelle, Künstler und progressive Koranwissenschaftler, Journalisten und Säkularisten, Agnostiker oder bekennende Atheisten, Aufklärer, Frauen- und Menschenrechtler sowie Angehörige nicht-anerkannter Minderheiten keine Religionsfreiheit im Sinne der UN-Menschenrechtscharta von 1948 gibt. Konvertiten und Andersdenkende sehen sich – von Land zu Land in unterschiedlichem Maß – zumindest Diskriminierungen ausgesetzt, häufig jedoch ebenfalls rechtlichen Benachteiligungen, gesellschaftlicher Ausgrenzung bis hin zu öffentlicher Ächtung, willkürlicher Inhaftierung bis zu Bedrohung und sogar Mord. Grund dafür ist nicht vor allem die Gesetzgebung vor Ort, da nur in wenigen islamisch geprägten Staaten ein in der Verfassung oder Gesetzgebung verankertes Verbot der Apostasie existiert. Schariarecht gilt in den meisten arabischen Staaten ausschließlich im Zivilrecht, nicht aber im Strafrecht. Meist erfahren Konvertiten den größten Druck seitens der Familie und Gesellschaft, nur in wenigen Staaten kommt es zu offiziellen gerichtlichen Anklagen wegen Glaubensabfall.

Öffentliche Meinungsführer aber, insbesondere einflussreiche Vertreter der islamischen Theologie, besitzen über vielerlei Kanäle große gesellschaftliche Prägekraft. Der Transfer ihrer Auffassungen in Theologie und Recht, aber vor allem in die Mitte der Gesellschaft, steht im Mittelpunkt dieser Untersuchung. Nach einem Überblick über die Beurteilung der Apostasie und den Umgang mit Apostaten in der Geschichte von der Frühzeit des Islam bis zur Moderne werden die wichtigsten Veröffentlichungen von Abdullah Saeed, Abu l-A’la Maududi und Yusuf al-Qaradawi erläutert und ausgewertet. Die abschließend gestellte Frage lautet, ob und unter welchen Bedingungen die Befürworter voller Religionsfreiheit in Zukunft ein größeres Forum zur Verbreitung ihrer Auffassungen haben könnten.


Bibliografische Angaben:

  • Christine Schirrmacher. „Es ist kein Zwang in der Religion“ (Sure 2,256). Der Abfall vom Islam im Urteil zeitgenössischer islamischer Theologen. Diskurse zu Apostasie, Religionsfreiheit und Menschenrechten (Kultur, Recht und Politik in muslimischen Gesellschaften 32), Ergon: Würzburg, 555 S. 78.-€
  • Lieferbar über den örtlichen Bundhandel oder direkt beim Verlag www.ergon-verlag.de.


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Theologe Schirrmacher:
Keine Abstriche bei Religionsfreiheit machen

Diese Meldung stammt ursprünglich aus dem Jahr 2015 und ist bisher nicht in meinem Blog erschienen.

(Stuttgart/Bonn, 07.06.2015) Christen können nach Überzeugung des Theologen und Religionssoziologen Professor Thomas Schirrmacher (Bonn) nur dort effektiv vor Verfolgung geschützt werden, wo Minderheiten generell Freiheit haben. Der Einsatz für verfolgte Christen setze daher immer auch den Einsatz für allgemeine Religionsfreiheit voraus, sagte der Präsident des Internationalen Rates der „International Society for Human Rights“ am Donnerstag in Stuttgart beim Deutschen Evangelischen Kirchentag.

Der Stuttgarter Medienpfarrer Christoph Schweizer interviewt im Kirchentags-Gastgeberzelt „Stuttgarter Gasthaus“ der Ev. Kirche in Württemberg auf dem Schlossplatz Thomas Schirrmacher zur Lage der Religionsfreiheit

Der Stuttgarter Medienpfarrer Christoph Schweizer interviewt im Kirchentags-Gastgeberzelt „Stuttgarter Gasthaus“ der Ev. Kirche in Württemberg auf dem Schlossplatz Thomas Schirrmacher zur Lage der Religionsfreiheit

Schirrmacher, der unter anderem Vorsitzender der Theologischen Kommission der evangelikalen weltweiten Evangelischen Allianz ist, appellierte an die Verantwortung jedes einzelnen Menschen: „Es sind Menschen hier und heute, die entscheiden, ob sie in Frieden leben.“ Man dürfe das Argument nicht gelten lassen, dass es quasi unabänderliche historische Entwicklungen seien, die dazu führten, dass Menschen unterschiedlicher Religion oder Konfession sich bekriegen.

Es gebe Beispiele, wo eine Gesellschaft sich entschließe, dass Religionen und Konfessionen übergreifend friedlich zusammen leben. Solche Beispiele müssten gefördert und öffentlich gemacht werden, betonte Schirrmacher. Er nannte als aktuelles Vorbild Albanien, wo sich 1990 die verschiedenen Religionsgemeinschaften zum Frieden verpflichtet hatten. „Und dies mitten in einem Umfeld, in dem weiter die Religionskarte in Konflikten gespielt wird“, betonte Schirrmacher.

Christen lebten mehrheitlich „auf der Sonnenseite der Religionsfreiheit“, nämlich in demokratischen Ländern, sagte der Theologe. Das sei kein Zufall, weil das Christentum den Auftrag einschließt, ein friedliches Zusammenleben zu gestalten. Das sei aber auch kein Grund, überheblich zu sein, weil es auch in christlichen Ländern immer wieder die Verfolgung von anders Glaubenden gegeben habe, sogar unter den Konfessionen.

(Quelle: www.epd.de)

Gespräch mit dem Ratsvorsitzenden der EKD Heinrich Bedford-Strohm

Gespräch mit dem Ratsvorsitzenden der EKD Heinrich Bedford-Strohm

Anlässlich des Kirchentagsempfangs des Evangelischen Arbeitskreises der CDU/CSU führte Schirrmacher Gespräche zum Thema Religionsfreiheit mit dem Präsidenten des Kirchentages Andreas Barner, dem Ratsvorsitzenden der EKD Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm, dem gastgebenden Bischof Frank Otfried July, den Bundesministern Wolfgang Schäuble und Thomas de Maizière und dem Generalsekretär der CDU Peter Tauber. Wie er der Evangelischen Verantwortung (Berlin) mitteilte, sei er hoch erfreut, dass das Interesse, konkret etwas für leidende Mitchristen zu tun, innerhalb der EKD und innerhalb der CDU stark zunehme.

Von Hoffnung und von richtigem Zorn

„Nicht jammern“

Die Kirchen sollten sich aus Sicht des württembergischen Landesbischofs Frank Otfried July durch vermeintlich schlechte Umfragewerte und steigende Austrittszahlen nicht runterziehen lassen. Die Kirche sei immer noch die größte Institution, die Menschen unterschiedlicher Milieus vereinen kann, sagt der evangelische Theologe beim Kirchentag in Stuttgart. In der württembergischen Landeskirche gebe es rund 150.000 Ehrenamtliche „Warum sollen wir jammern“ angesichts solcher Zahlen.

Freiheit als Voraussetzung

Christen können nach Überzeugung des Theologen und Religionssoziologen Thomas Schirrmacher nur dort effektiv vor Verfolgung geschützt werden, wo Minderheiten generell Freiheit haben. Der Einsatz für verfolgte Christen setze daher immer auch den Einsatz für allgemeine Religionsfreiheit voraus, so der Präsident des Internationalen Rates der „International Society for Human Rights“.

Zorn über Todesstrafe

Dass die USA die Todesstrafe noch nicht abgeschafft hat, darüber ist der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, „ziemlich zornig“. Ihm sei schleierhaft, wie ein christlich geprägtes Land über Menschen die Todesstrafe verhängen könne.

(Quelle: Schwäbisches Tagblatt)

Links:

 

Mit dem Bundesinnenminister Thomas de Maizière

Mit dem Bundesinnenminister Thomas de Maizière

Mit dem württembergischen Landesbischof Frank Otfried July

Mit dem württembergischen Landesbischof Frank Otfried July

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