Thomas Schirrmacher
ArchivSoteriologie

„Alle Menschen sind Sünder“ (4) als Grundlage der Demokratie

September 7, 2011 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar 

Im letzten Blog haben wir gesehen, dass die Aussage ‚Alle Menschen sind Sünder‘ eine eminent gesellschaftspolitische und politische Bedeutung hat. Die Aussage, dass alle Menschen Sünder sind, bildet auch eine wichtige Grundlage der Demokratie und ist mit einer der Gründe, warum fast alle ehemals christlichen Länder heute Demokratien sind [siehe meinen Aufsatz „Demokratie und christliche Ethik“. Aus Politik und Zeitgeschichte (Beilage zu Das Parlament) 14/2009 (30.3.2009): 21-26, auch unter http://www1.bpb.de/publikationen/N6VK9L,0,Demokratie_und_christliche_Ethik.html].

Das Christentum ist sehr selbstkritisch angelegt (ob es das in der Realität immer war oder ist, steht auf einem anderen Blatt) und ist sehr misstrauisch, da es davon ausgeht, dass jeder – beginnend bei sich selbst – sich nicht nur gelegentlich den einen oder anderen Schnitzer erlaubt, sondern im ganz normalen Alltag davon geprägt ist, als Egoist sich selbst und anderen zu schaden. Das färbt auch auf das Verständnis der Politik und ihrer Gefahren ab.

1532 schrieb Niccolò Machiavelli mit ‚Der Fürst‘ eine Bedienungsanleitung für machthungrige Herrscher. Entscheidend sei immer der Enderfolg, der Pöbel unterstütze immer den Sieger und ehre im Nachhinein alle Mittel, die ihn dazu geführt hätten.

So richtig es ist, dass der Sieger immer die Geschichte schreibt, so moralisch verwerflich bleibt es, wenn Mächtige nur herrschen, um Macht zu haben und ihrem eigenen Vorteil zu dienen. Der deutsche Amtseid für die Bundesregierung lautet dagegen im Grundgesetz Artikel 56 & 64): „Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden … und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde. So wahr mir Gott helfe.“

Um Machtmissbrauch zu verhindern, wurde 1787 die Gewaltenteilung in der Verfassung der USA, als „checks and balances“ bekannt, verankert, ebenso wie andere Mechanismen, etwa die Beschränkung der Amtszeit des Präsidenten auf höchstens zweimal 4 Jahre. ‚Checks and Balances‘ bezeichnet die gegenseitige Kontrolle (checks) von Verfassungsorganen eines Staates zur Herstellung eines dem Erfolg des Ganzen förderlichen Systems partiellen Gleichgewichtes an Macht (balances), vor allem, um einer Diktatur vorzubeugen. Es geht dabei weniger um eine strikte Trennung der Gewalten, sondern gerade um eine gegenseitige Eingriffsmöglichkeit und Kontrolle, weswegen die Gewaltenverschränkung wesentlich zur Gewaltenteilung gehört.

Die Demokratie hat sehr viel mit der Frage zu tun, wie man potenzielle Diktatoren aus dem Verkehr ziehen kann und wie man schlechte und ihre Macht missbrauchende Politiker und Politikerinnen wieder los werden kann.

Sir Karl Popper hat das 1960 treffend so formuliert:

„Wer soll herrschen? Diese Frage verlangt nach einer autoritären Antwort: etwa ‚die Besten‘ oder ‚die Weisesten‘ oder ‚das Volk‘ oder ‚die Mehrheit‘. … Man sollte eine ganz andere Fragestellung an ihre Stelle setzen, etwa: Was können wir tun, um unsere politischen Institutionen so zu gestalten, daß schlechte oder untüchtige Herrscher (die wir natürlich zu vermeiden suchen, aber trotzdem nur allzu leicht bekommen können) möglichst geringen Schaden anrichten? …“ („Erkenntnis ohne Autorität”. S. 26-39 in: Karl Popper. Lesebuch. Tübingen: Mohr, 2000. S. 32)

In „Freiheit und intellektuelle Verantwortung“ hat Popper das 1989 näher ausgeführt (Karl P. Popper. Alles leben ist Problemlösen. S. 239-254, weitere Beiträge zur Demokratie S. 207-238; guter Auszug „Wer soll herrschen“ unter www.gewaltenteilung.de/popper.htm, eigentlich aus Karl P. Popper. Alle Menschen sind Philosophen. München: Piper, 2002. S. 211-218, siehe auch „Worauf es in der Demokratie ankommt“. S. 219-227). Popper versteht Demokratie dort weniger als ‚Volksherrschaft‘, denn als „Volksgericht“. Demokratie ist kein Weg, die besten Herrscher zu finden und auch keine Garantie für gute Entscheidungen („Eine Mehrheitsdiktatur kann für die Minderheit fürchterlich sein“), sondern die beste Antwort auf die Frage „Wie können wir die Konstitution des Staates so gestalten, daß wir die Regierung ohne Blutvergießen loswerden können?“.

Erstmals, wenn auch nicht ganz so deutlich, hat Popper diese Gedanken 1944 in seiner Kritik an Plato im Abschnitt „Das Prinzip des Führertums“ vorgetragen (Karl R. Popper. Der Zauber Platons. Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Band 1. Bern: Francke, 1957. S. 169-174; erste englische Ausgabe 1944; verfasst 1938-1943). Nicht wer soll herrschen, ist nach Popper die Frage, sondern wie man schlechte Herrscher wieder und friedlich los wird, ist neben der Beschränkung der Macht die Frage, die zur Demokratie führt (ebd. S. 170-173).

„… so erhebt sich die Frage, ob sich das politische Denken nicht von Anfang an mit der Möglichkeit schlechter Regierungen vertraut machen sollte … es zwingt uns die Frage: Wer soll regieren? durch eine neue Frage zu ersetzen: Wie können wir politische Institutionen so organisieren, daß es schlechten und inkompetenten Herrschern unmöglich ist, allzugroßen Schaden anzurichten?“ (S. 170). „Ich neige zu der Ansicht, daß Herrscher sich moralisch oder intellektuell selten über und oft unter dem Durchschnitt befinden. Und ich halte es für ein kluges Prinzip, wenn wir uns, so gut wir es können, auf das Ärgste vorbereiten, obschon wir natürlich zur gleichen Zeit versuchen sollten, das Beste zu erreichen.“ (S. 172)

So wird zum Paradoxon der Demokratie die Frage, was man tun soll, wenn das Volk einen Tyrannen wählen will (S. 173).

Der Gedanke der Demokratie ist also untrennbar mit dem Gedanken verbunden, dass es schlechte Herrschende geben kann, die Böses planen und tun. Historische Erfahrung lehrt, dass Demokratie besser als jede andere Staatsform Tyrannei, Menschenrechtsverletzungen und einen zu großen Machtmissbrauch verhindern kann. Christen gehen immer von der Neigung des Menschen zum Bösen aus und halten es deswegen für weise, dass kein Einzelner eine zu große Machtfülle erlangt.

Die Gewaltenteilung der Demokratie ist ein Folge der christlichen Sicht, dass alle Menschen zum Bösen neigen und deswegen Herrscher und Politiker nicht gelegentlich ihre Macht zum Bösen gebrauchen, sondern die Wahrscheinlichkeit sehr groß, ja fast zwangsläufig ist, wenn es keine Beschränkungen und Kontrollen gibt. Nicht, dass man Christ sein müsste, um Gewaltenteilung zu befürworten (sonst hätte ich sicher nicht Popper angeführt). Aber geschichtlich gesehen ist dies nun einmal der Ursprung und etwa einer der Gründe, warum islamischen Staaten eine demokratische Gewaltenteilung meist fern liegt, auch wenn sie dort prinzipiell natürlich ebenso praktizierbar ist, da der Islam ein sehr optimistisches Menschenbild hat und das Böse nur im Unglauben und Ungläubigen, nicht aber bei sich selbst sieht.

Wäre der Mensch so gut und edel, wie ihn manche zeichnen, brauchten wir keine parlamentarischen Kontrollen, keine Verfassungsgerichte zur Kontrolle der Regierungen, keine Untersuchungsausschüsse und keine kritische Presse.

Noch einmal: Nicht, dass nur Christen Gewaltenteilung begründen oder umsetzen könnten. Aber wer nur an das Gute im Menschen glaubt, braucht eigentlich keine Gewaltenteilung. Die Demokratie ist die Staatsform, die am nüchternsten und selbstverständlichsten mit dem Bösen rechnet und keinem so viel Macht geben will, dass seine Versuchlichkeit und sein böses Planen und Handeln allein viele oder gar alle in den Abgrund ziehen kann.

Die Finanzmärkte zeigen, was geschieht, wenn der Hang zum Bösen nicht nüchtern einkalkuliert und durch Gewaltenteilung und Kontrolle eingedämmt wird. Ein einziger gieriger Vorstand kann heute die Welt an den Rand des Abgrundes bringen. Es ist erstaunlich, wie wenige Menschen trotz all dem Schrecken, den das verursacht, dies mit der Frage nach der Bosheit des Menschen in Verbindung bringen, schon gar nicht mit der eigenen.

„Alle Menschen sind Sünder“ (3) als Grundlage der Bekämpfung gesellschaftlicher und struktureller Übel

September 4, 2011 by Schirrmacher · 2 Kommentare 

In meinen beiden letzten Blogs habe ich die Aussage ‚Alle Menschen sind Sünder‘ angesprochen. Diese Aussage, dass alle Menschen ‚Sünder‘ sind, hat auch eine eminent gesellschaftspolitische und politische Bedeutung.

So bedeutet sie etwa, dass wir als Christen gesellschaftliche Probleme aller Art nicht nur als strukturelle Probleme sehen, die man mit Aufklärung, (Um-)erziehung und politischen Programmen allein bekämpfen kann.

Hinter Folter, Rassismus, Hyperkapitalismus, Unterdrückung von Frauen oder sexuellem Kindesmissbrauch – um nur einige Beispiel zu nennen – steht die Realität der Sünde, und so sehr wir die Folgen der Sünde vor Ort bekämpfen mögen, so sehr wir auch das strukturelle Böse gesamtgesellschaftlich und politisch angehen wollen, steht doch dahinter eine unheimliche Gemeinsamkeit, die – wenn in einer Form unterdrückt – an immer neuen Stellen und mit immer neuen Gesichtern an die Öffentlichkeit drängt. Zu viele Menschen nutzen die Möglichkeiten, dass es uns allen besser geht, mutwillig nicht, sondern versuchen allein für sich einen Vorteil herauszuschlagen, auch wenn sie dafür bisweilen so tun müssen, als ginge es ihnen um das Gemeinwohl (siehe Jesus in Lk 22,25: „… ihre Machthaber lassen sich dafür Wohltäter nennen“).

Die Formen des Bösen wie Neid, Gier, Hass oder Schadenfreude zeigen ihre Fratze immer wieder im Kleinen wie im Großen. Ohne einen Blick auf dies Gesamtbild wird jeder, der sich gesellschaftspolitisch einsetzt, unrealistisch in seiner Einschätzung der Möglichkeiten bleiben. Wir müssen nüchtern sehen, dass die Wurzel der großen gesellschaftlichen Übel das Böse, also die Sünde ist – die vieler Einzelner ebenso wie die gesellschaftlicher Strukturen.

Ohne Hass, Neid, Stolz und Lüge kein Rassismus. Ohne Gier, Sucht und Betrug keine Ausbeutung. Ohne Machtgelüste und Unbeherrschtheit kein Missbrauch und keine sexuelle Gewalt.

Es ist, wie Jesus es sagt: Nicht das, was von außen kommt, ist, was uns böse macht, sondern dass, was von innen kommt (Mt 15,18-20; Mk 7,18-23). (Das aus uns heraus kommende Böse wird dann natürlich für die anderen eine Bosheit, die sie von außen trifft. Auch uns trifft das aus anderen herauskommende Böse einzeln oder als strukturelle, gesellschaftlich verfestigte Sünde von außen.) Nicht erst seid Sigmund Freud wissen Menschen, welcher Abgrund sich in ihnen auftun kann.

Zu den Grundaussagen einer Politik auf der Basis eines christlichen Menschenbildes gehört nicht nur, dass alle Menschen von Gott als seine Ebenbilder geschaffen sind, sondern auch, dass jeder auf Versuchungen hereinfallen kann. Es muss immer mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass der Mensch überraschend und plötzlich aus der Höhe in die Tiefe fällt. Vorbildliche Politiker lassen sich plötzlich bestechen, friedliche Mitbürger greifen plötzlich zur Gewalt oder ‚bekehren‘ sich und werden zu religiösen Terroristen.

Christen können nie sagen: ‚Das hätte ich nie für möglich gehalten‘ oder ‚Das hätte mir nie passieren können‘. Doch, alles ist möglich, und gute Politik rechnet damit und baut vor, um das Schlimmste zu verhindern. Auch die Kirche rechnet gut neutestamentlich, dass ihre eigenen Leiter zur Gefahr werden können (z. B. Apg 20,30)! Jeder kann Macht missbrauchen, Priester die Macht über Kinder, Eltern die Macht über ihre süßen Kleinen, der Korruptionsbeauftragte über seine Mitarbeiter.

Es gibt Menschen, die radioaktives Material gegen andere einsetzen wollen. Man muss nicht warten, bis man einen konkreten Anfangsverdacht hat, oder diskutieren, ob dieser oder jener wirklich zuschlagen wird, sondern muss jetzt planen und vorbauen. Denn das Böse, das man denken und planen kann, kann man auch tun. Wohin die Fehleinschätzung führte, Hitler werde schon nicht so böse handeln, wie er sprach und schrieb, kann jeder sehen (vgl. die Einleitung meines Buches ‚Hitlers Kriegsreligion‘).

Fortsetzung folgt …

„Alle Menschen sind Sünder“ (1), sagt der Glaube oder die Vernunft?

Wenn Christen göttliche Offenbarung zum Ausgangspunkt ihres Denkens machen, bedeutet das nie und nimmer, dass sie Unsinniges glauben oder dass sich die Offenbarung grundsätzlich vernünftiger Begrün­dung oder Diskussion entzieht. Es bedeutet nur, dass Gott bzw. die Offenbarung Aussagen machen kann, die für uns in ihrer Gesamtheit nicht zu erfassen sind, so dass wir sie erst begreifen, wenn wir sie akzeptieren und im Alltag nachvollziehen.

Wählen wir ein Beispiel: Die bibli­sche Aussage, die die christliche Dogmatik übernommen hat, dass alle Menschen Sünder sind, kann man beispiels­weise nur ‚glauben‘, nicht beweisen, denn wie sollte man eine Unter­suchung an allen Menschen durchführen und wer könnte vorurteilslos jedem Menschen gerecht werden. Wer kennt schon ‚alle‘ Menschen, geschweige denn so gut, dass er ein solches Urteil über sie fällen könnte? Und wer wollte ein solches Urteil über die Men­schen anderer Kulturen, über Verstorbene oder gar über die erst in Zukunft geborenen machen und wissenschaftlich erfassen? Nur der Schöpfer hat das Wissen – und das Recht und die Gerechtigkeit –, eine solche allumfas­sende Aussage zu machen.

Heißt das aber, dass die Aussage nur auf blindem Glauben beruht und jeder Vernunft widerspricht? Nein, denn die grundsätzliche Aussage, die für uns zu umfassend ist, wird uns Tag für Tag an uns selbst, an den Menschen, die wir kennen und an der Menschheit (wie wir sie etwa durch die Medienberichterstattung kennenlernen), bestätigt und damit auch vernünftig ‚bewiesen‘. Die Bibel konkretisiert die grundsätzli­che Aussage, dass alle Menschen Sünder sind, deswegen pausenlos an konkreten Menschen, Beispielen und Sünden. Wir alle lügen konkret, hassen konkrete Menschen, lassen andere unseren Geiz spüren und leben auf Kosten anderer. Und Rassismus oder Menschen verhungern zu lassen, gibt es nur, weil konkrete Menschen daran beteiligt sind.

Da wir noch nie jemanden getrof­fen haben, von dem wir sagen könnten, dass er kein Sünder sei, erweist sich diese aufgrund der göttlichen Offenbarung getroffene Aussage im Rahmen unserer Überprüf­barkeit als richtig und vernünftig, weil mit der Wirklichkeit überein­stimmend. Kein Mensch hat jemals einen Menschen kennengelernt, der von klein auf nur selbstlos, liebevoll und edel war, nie betrogen oder gelogen hätte. Selbst Mutter Theresa soll bei aller Selbstlosigkeit im Großen im alltäglichen Umgang nicht immer einfach gewesen sein und hat auch neben ihren großen, weltbewegenden Worten auch manche merkwürdige politische Äußerung von sich gegeben.

Nun ist ja mit der Aussage, dass alle ‚Sünder‘ sind, noch nicht im Detail gesagt, was Sünde ist. Aber ganz gleich, wie auch immer man im Einzelnen Sünde, das Falsche, das Böse usw. definiert, man wird keinen Menschen finden, der davon völlig frei ist.

Wie man aber grundsätzlich davon ausgehen kann, dass die Bibel und das Christentum sich irren, wenn sie davon sprechen, dass alle Menschen zum Bösen neigen, ist mir schleierhaft. Haben Menschen, die das abstreiten, mit anderen Menschen zu tun als ich? Lesen sie andere Zeitungen als ich? Und haben sie noch nie von der philosophischen Einsicht gehört „Der Mensch ist des Menschen Wolf“?

Thomas Schirrmacher