Thomas Schirrmacher
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Interview mit Thomas Schirrmacher zu den Vorwürfen von Pfarrer Wolfgang Beck im Wort zu Sonntag, Evangelikale seien mit Salafisten zu vergleichen

Februar 10, 2013 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar 

Zum Anlass für dieses 2009 gegebene und hier aktualisierte Interview sieh meinen letzten Blogeintrag.

Bonner Querschnitte: Professor Schirrmacher, sind Evangelikale verfassungsfeindlich?

Dafür wird natürlich kein einziger Beleg geliefert. In allen Verfassungsschutzberichten kommt überhaupt keine christliche Gruppe vor und die Evangelikalen haben gerade in jüngster Zeit ihre Unterstützung unserer rechtsstaatlichen Demokratie immer wieder in Veröffentlichungen deutlich gemacht. Wenn ich täglich meine Zeitung aufschlage, finde ich da eine Menge Aktivitäten von Verfassungsfeinden, wo da aber Evangelikale dem auch nur in die Nähe kommen sollen, ist mir schleierhaft. Wenn 400-700 Millionen Evangelikale weltweit Demokratien umstürzen und Menschenrechte beschneiden wollten, würden sie aber etwas häufiger davon in der Zeitung lesen, geschweige denn wenn sie gewalttätig wären.

Wir Evangelikalen leben seit Jahrzehnten in diesem Land mit Millionen Menschen völlig friedlich zusammen und diese Millionen leben friedlich mit uns zusammen. Ich kann alle Politiker und Medienvertreter nur aufrufen: Bitte helfen Sie mit, dass dem so bleibt und kein hasserfülltes Klima gegen uns entsteht.

Aber gibt es nicht Evangelikale, die Problematisches sagen oder verwerflich handeln?

Wo gibt es solche Menschen nicht? Ich erinnere mich an einen Vortrag an der Universität Bonn, wo ein Theologe referierte, wieviele ‚geistig Gestörte‘ es unter Evangelikalen gäbe. Meine Antwort war, dass es die – was immer damit gemeint ist – natürlich gäbe. Die Frage wäre mir, ob er irgendeinen Nachweis dafür hat, dass der Prozentsatz höher als in der Normalbevölkerung oder bei politischen Parteien ist. Evangelikale sind Menschen, und alle Probleme, die es bei Menschen gibt, kommen auch bei ihnen vor. Jedes ernstzunehmende christliche Bekenntnis beinhaltet, dass auch Christen Sünder sind. Wogegen ich mich aber wehre, ist, aus dem, was einzelne Evangelikale tun, hochzurechnen, wie die Evangelikalen sind oder was die offiziellen Vertretungen der Evangelikalen vertreten. Um es einmal überspitzt zu sagen: Es gibt bei uns viele übergewichtige Evangelikale. Das liegt aber nicht daran, dass sie Evangelikale sind, sondern dass sie in Deutschland leben …

Und wie steht es mit den Freiheitsrechten?

Die evangelikale Bewegung ist aus der Antisklavereibewegung in England geboren worden, wo der Evangelikale William Wilberforce die Abschaffung der Sklaverei im 18. Jh. erreichte. Die Evangelische Allianz trat weltweit bereits Mitte des 19. Jh. massiv für Religionsfreiheit für alle ein, als die meisten Staaten (und Kirchen) das Wort noch nicht einmal buchstabieren konnten! Die Weltweite Evangelische Allianz und ihre nationalen Mitglieder und deren viele Kirchen sind heute weltweit Vorreiter für Menschenrechte und gegen Armut – jüngst lobte der Generalsekretär der UNO in einem Festakt die Weltweite Evangelische Allianz dafür. Und der Präsident der USA Barack Obama erwähnte soeben in seiner Rede gegen den Menschenhandel lobend den Einsatz der Evangelikalen.

Würden Sie solche Anwürfe als Christenverfolgung bezeichnen?

Gemach, gemach! Je stärker Evangelikale in den Medien präsent sind und sich sozial und politisch engagieren, desto mehr rühren sich auch ihre Gegner, gerade auch ihre theologischen Gegner. Evangelikale haben aber in unseren freien Gesellschaft und Dank der Pressefreiheit so viele Chancen, sich selbst in den Medien darzustellen, wie nie zuvor. Verantwortliche aller Art holen ihren Rat ein, wie nie zu vor. Alle verfolgten evangelikalen Christen weltweit würden ohne Nachzudenken mit den Evangelikalen in Deutschland tauschen. Immerhin geht es nur darum, dass einzelne Politiker und Theologen ihre private Abneigung gegen uns schriftlich – und manchmal leider steuer-, manchmal gebührenfinanziert – verbreiten, um mehr nicht.

Es sei zudem darauf verwiesen, dass solche Anwürfe überdurchschnittlich häufig von Theologen formuliert werden. Opfer und Täter wären also hier gleichermaßen Christen.

Kurzum, ich glaube, solche Entgleisungen sind nur eine Folge davon, dass es Leute ärgert, dass sich Evangelikale inzwischen auf vielen Feldern unmittelbar in gesellschaftliche Belange einmischen und offensichtlich erfolgreich in der Demokratie mitwirken. Früher war es ein Dauervorwurf an die Evangelikalen, dass sie die Stillen im Lande seien und sich nicht gesellschaftlich engagieren würden. Jetzt tun sie es, da ist es manchen auch nicht recht.

Die entscheidende Frage wird auf Dauer sein, wie gut die Medien in Deutschland recherchieren und ob sie fair berichten, oder ob die Chefredakteure zulassen, dass einzelne Journalisten ihre Abneigung gegen Evangelikale in öffentliche Polemik ummünzen dürfen. Und die Frage wird sein, ob die Medien bereit sind, Originalstimmen von offiziellen Vertretern der Evangelikalen zu präsentieren, oder nur Kommentare oder ‚schräge‘ Stimmen von Außenseitern, die sie als Mainstream darstellen.

Also nichts mit Christenverfolgung?

Natürlich ist es so, dass Verfolgung von religiösen, rassischen und anderen Gruppen immer mit der öffentlichen Verleumdung beginnt. Man unterstellt ihnen Dinge, die sie nie getan haben – und sorgt dafür, dass die öffentliche Meinung sie emotional ablehnt, ohne sich je auf ihre Inhalte und Selbstdarstellung einzulassen. Das ist Diskriminierung einer gesellschaftlichen Minderheit und das nicht wegen dem, was sie konkret tun, sondern wegen ihres Seins und Glaubens.

Evangelikale haben in Deutschland alle Freiheiten und Rechte, zu reagieren, sich zu wehren und darauf zu pochen, dass Evangelikale – wie alle anderen Gruppen in Deutschland – ihre Sicht zunächst selbst darstellen dürfen, bevor dann andere das kommentieren. Zudem haben Evangelikale nicht nur viele Freunde in allen Bereichen der Gesellschaft, sondern es gibt auch eine überwältigende Zahl von Menschen, die solche Verleumdungen ablehnen, auch wenn sie persönlich anders denken.

BQ: Herzlichen Dank für das Interview!

Wer hat schon Angst vor evangelikalen Terroristen? Nachtrag zum Wort zum Sonntag von Pfarrer Beck

Der katholische Pfarrer Wolfgang Beck stellte vor einiegr Zeit im Wort zum Sonntag einige Tausend Salafisten und einige Tausend Piusbrüder mit Millionen von Evangelikalen auf eine Stufe. Wäre dem so, müssten die Evangelikalen rein zahlenmäßig die eigentliche Bedrohung sein.

Der Medienbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Gebhard Fürst, hielt den Einspruch der Evangelikalen dagegen für berechtigt. Er wisse sich vielen evangelikalen Christen auch persönlich verbunden und Beck habe nicht nur evangelikale, sondern auch evangelische Mitchristen irritiert (Quelle: kath.net). Der Medienbeauftragte der EKD, Markus Breuer, nannte gegenüber epd die Gleichsetzung von Evangelikalen und Salafisten „vollkommen inakzeptabel“. In Zeiten, in denen Vatikan, Weltkirchenrat und Weltweite Evangelische Allianz gemeinsame Erklärungen verabschieden, wirken Beck’s Ausführungen schon etwas provinziell.

Aber Beck ist nicht allein. Die Berliner CDU-Politikerin Barbara John, die allerdings nicht mehr auf Wählerstimmen angewiesen ist, schreibt im Tagesspiegel, dass das Kernproblem sei, dass für Evangelikale, Pfingstler, Mormonen und Salafisten der „reine Glaube“ zählt. Wohlgemerkt auch hier: drei Gruppen mit Zigmillionen Anhängern werden nicht etwa mit allen Muslimen gleichgesetzt, sondern mit einer absoluten Minderheit unter Muslimen, den Salafisten. „Aktiv handeln als Staatsbürger und gläubig sein, das kriegen einige nicht auf die Reihe“, bei den Evangelikalen alle Millionen, unter den Muslimen nur einige Tausend. Billige Sektenklischees mischen sich hier mit Sippenhaftung ganzer Gruppen und emotionaler Verunglimpfung als religiöse Gewalttäter. Ich teile den Glauben der Mormonen nicht, aber mit welchen Gewalttaten haben sie in Deutschland solche Verunglimpfungen verdient?

Nun denn, da die Gleichsetzung der Evangelikalen mit Salafisten nur eine Neuauflage der bisherigen gelegentlichen Gleichsetzung von Evangelikalen mit muslimischen Märtyrern oder mit Islamisten ist, erlaube ich mir, im Folgenden einen Kommentar von 2009 und im nächsten Blog ein Interview in den „Bonner Querschnitten“ von 2009 aktualisiert neu vorzulegen.

Wer hat schon Angst vor evangelikalen Terroristen?

Wider die bösartige Gleichsetzung von Evangelikalen und islamistischen Terroristen

Innerhalb von beliebigen drei Tagen fand ich folgende wahllos herausgegriffene Meldungen über Islamisten, die parallel in fast allen großen Medien Deutschlands veröffentlicht wurden:

In der pakistanischen Hauptstadt Islambad hat ein islamistischer Selbstmordattentäter durch einen Bombenanschlag auf das örtliche Hauptquartier des Welternährungsprogrammes vier UN-Angestellte getötet.

Islamisten haben einen Tag lang das Hauptquartier der pakistanischen Armee durch Beschuss und Geißelname lahmgelegt. 30.000 pakistanische Soldaten versuchen nun, gegen Islamisten vorzugehen und die Schande wiedergutzumachen.

Ein einstündiges deutschsprachiges Video einer mit Al-Kaida verbundenen islamistischen Gruppe, in dem mehrere deutsche und deutschsprachige Islamisten Deutschland drohen, zeigt im Hintergrund Bilder aus den Terrorcamps, auf denen sich auffällig viele blonde oder europäisch wirkende Kinder befinden.

Im Jemen kämpft die Regierung einen verzweifelten Kampf gegen das islamistische Netzwerk Al-Kaida, das Jemen zu seiner neuen Hauptzentrale ausbauen will. Obwohl sich hier die Zukunft des islamischen Terrorismus entscheiden könnte, fehlt Jemen die internationale Unterstützung.

In Hamburg wurde eine zehnköpfige islamistische Terrorzelle entdeckt, die im März zur Terrorausbildung in den Hindukusch gereist sind. In Deutschland sollen derzeit rund 80 ausgebildete islamistische Terroristen leben.

155 Beamte durchsuchen in Berlin Wohnungen in einem Schlag gegen eine Gruppe von 15 Islamisten, die im Verdacht stehen, Anschläge gegen Russland zu planen, und die sich absetzen wollten.

Ein Buch über Ehrenmorde im Droste Verlag erscheint in letzter Minute aus Angst vor Racheakten von Islamisten doch nicht.

Das waren nur drei Tage!

Und mit solchen Islamisten werden Evangelikale verglichen? Absurd! Haltlos! Böswillig!

Schon meine friedlichen muslimischen Nachbarn mit solchen Terroristen zu vergleichen, wäre eine Schande, aber friedliche, oft pazifistisch eingestellte Evangelikale?

Evangelikale dürfen mit ihren „Zwangsgebühren“, das heißt staatlich verordneten Gebühren, ARD und ZDF bezahlen, damit die mit konspirativen Mitteln propagieren, was nicht zu beweisen ist, dass Evangelikale eine Art christliche Islamisten sind. Fakt ist: Es gibt keine evangelikalen Terroristen, keine evangelikalen Selbstmordattentäter und kein evangelikales Netzwerk, dass Gewalt plant. Es gibt überhaupt keine Evangelikalen, die planen, irgendetwas durch Tod und Gewalt durchzusetzen. Alles andere ist faktischer Unsinn und Verleumdung.

Wo muss man evangelikale Gemeinden nach Waffen durchsuchen? Wo unterhalten Evangelikale Terrorcamps, überfallen Armeehauptquartiere und liefern sich Gefechte mit 30.000 Soldaten?

Wer hat schon Angst, in ein Urlaubsland zu fahren, weil dort Evangelikale wohnen? Wo sind die Evangelikalen, die andersdenkende Journalisten oder ihre Familien mit Gewalt bedrohen? Warum kommt keine evangelikale Gruppe in irgendeinem Verfassungsschutzbericht vor, weder in Deutschland noch irgendwo weltweit?

Und dazu kommt: Trotz dieser pausenlosen Horrormeldungen über den Islamismus, werden wir – zu Recht – immer wieder daran erinnert, ja erinnern selbst immer wieder daran, dass man Islamisten und friedliche Muslime auseinanderhalten muss. Man überlege einmal, 1,8 Mio. Evangelikale in Deutschland wollten Freiheit mit Gewalt einschränken. Und davon hat noch keiner etwas mit bekommen, wo uns gleichzeitig einige Tausend Islamisten in Atem halten?

Denn im Falle der 600 Millionen Evangelikalen – ich nehme der Einfachheit halber die Zahlen aller Mitgliedskirchen der Weltweiten Evangelischen Allianz – muss man dagegen wohl nicht zwischen Terroristen (wo immer die sein mögen) und zigmillionen friedlichen Anhängern unterscheiden. Da reicht ein negatives Beispiel, um Zigmillionen in Sippenhaft zu nehmen! Selbst wenn es einen einzigen evangelikalen Terroristen geben sollte oder wenigstens einen, der davon träumt, einer zu sein, müsste man ihn klar von den zigmillionen friedlichen Evangelikalen unterscheiden.

Noch eine Frage an ARD und ZDF: Gehört nicht zur Religionsfreiheit auch, dass man vor Verfolgung und Diskriminierung durch Institutionen geschützt ist, die durch staatlich verordnete „Zwangsgebühren“ finanziert werden? Wissen unsere staatlichen Medien eigentlich, dass es keine Verfolgung von Minderheiten gibt, in denen nicht die Medien eine zentrale Rolle spielen und dass heute oft die Medien mehr als andere darüber entscheiden, welche Minderheit als Opfer und welche als aussätzig und selbst dran schuld gilt? Beim ‚Wort zum Sonntag‘ mögen sich ARD und ZDF zurücklehnen und sagen, dass ja die Verantwortung bei den kirchlichen Redaktionen liegt. Aber selbst haben sie es ja oft genug nicht anders gemacht.

Aber ich will auch darauf hinweisen, dass es wieder einmal ein Theologe, ein Pfarrer ist, der hier sein Mütchen kühlt. Auf billige Weise setzt er seine ‚Konkurrenz‘ herab. Wurden die kleineren religiösen Mitbewerber früher als „Sekten“ in die Ecke gestellt, was heute kaum noch zieht, werden sie heute zu Fundamentalisten und gefährlichen Gewalttätern gestempelt.

Statt sich inhaltlich, theologisch und sachlich mit den Evangelikalen auseinanderzusetzen, wie es etwa der Vatikan oder der Ökumenische Rat der Kirchen mit der Weltweiten Evangelischen Allianz tun, stellt er andersdenkende Mitchristen in die Gewaltecke – ohne jeden Beleg.

Wie bewusst dabei vorgegangen wird, zeigt auch seine Formulierung. Er klagt nicht die Muslime an, sondern differenzierend nur die „Salafisten“, also einige Tausend der Muslime. Bei den 400–700 Millionen Evangelikalen weltweit gibt es für ihn nichts zu differenzieren. Sie werden pauschal neben Islamisten gestellt, als würden wir täglich von evangelikalen Bomben und Straßenschlachten lesen. Noch einmal: Wenn wirklich eine Million Evangelikale in Deutschland die Freiheit mit Gewalt einschränken wollten, würde man davon doch etwas mitbekommen, wo uns gleichzeitig einige Tausend Islamisten in Atem halten!

Breivik und die Stunde der Pharisäer

August 10, 2011 by Schirrmacher · 1 Kommentar 

Eine Kurzfassung erschien in ProKompakt. Eine überarbeitet Version der Kurzfassung erscheint im Druck in der Zeitschrift PRO.

Anders Behring Breivik setzte am 22. Juli 2011, als Polizist getarnt, auf die norwegische Insel Utøya über und eröffnete eine Stunde lang das Feuer auf die Jugendlichen des alljährlichen Zeltlagers der sozialdemokratischen Jugendorganisation Arbeidernes Ungdomsfylking. 68 Menschen starben. Er soll auch für die Bomben verantwortlich sein, die zwei Stunden vorher am Regierungssitz Oslo detoniert waren und acht Menschen töteten, wohl auch, um die Polizei von dem Massaker in Utøya abzulenken.

Ein nichtreligiöser Mensch wird zum christlichen Fundamentalismus mutiert

Dass der ZDF-Terrorismusexperte Elmar Theveßen den Anschlag vorschnell den Islamisten zuschob, hat seinem Ruf sehr geschadet (Berliner Zeitung: „Der Seher im Zweiten“). Dass er kurz darauf ebenso überzeugt und ebensowenig mit Fakten unterfüttert Breivik zum christlichen Fundamentalisten erklärte, läßt man ihm aber merkwürdigerweise durchgehen. Er räsoniert, dass es eine solche aus den USA beeinflusste christlich-fundamentalistische Szene auch in Deutschland gebe, wen er dabei meint, sagt er aber nirgends. Jedenfalls sollte er dringend dafür sorgen, dass die Verfassungsschutzberichte um diese bisher allen unbekannten Gruppen ergänzt werden. Gewalttätigen Rechtsextremismus, ja den gibt es bei uns zuviel, aber denselben von frommen Bibelglauben beflügelt – das ist doch frei erfunden!

Es waren ausnahmsweise einmal nicht Journalisten, die den Begriff „christliche-fundamentalistisch“ völlig irreführend aufbrachten, sondern der Fahndungschef der norwegischen Polizei Øystein Mæland, der in einer ersten Stellungnahme frühzeitig den Attentäter Anders Breivik „wohl eine rechtsextreme, christlich-fundamentalistische Haltung“ andichtete. Woher er das so früh wissen konnte, wird sein Geheimnis bleiben. Aber Journalisten aller Coleur beteten das weltweit begierig nach, und zwar bevor irgend jemand das 1500seitige Pamphlet des Attentäters gründlich studiert hatte oder irgendetwas über sein Leben wußte. Wie man diese Beschreibung eigentlich rechtfertigt, hat auch Tage danach noch keiner genauer begründet. Aber die Beschreibung ‚christlich-fundamentalistisch‘ will ja offensichtlich keine Information vermitteln, sondern einfach Stimmung machen, gegen wen auch immer. Und es fanden sich auch einzelne Kirchenführer, die prompt echoten, jetzt sei eine großangelegte Auseinandersetzung mit dem christlichen Fundamentalismus angesagt.

Obwohl Experten aus Norwegen ebenso wie in aller Welt längst Einspruch erhoben haben, bahnt sich die Einsicht nur mühsam in die Hintergrundartikel der Medien: Breivik will zwar das christliche Abendland als kulturell-rassistische Größe retten, aber ohne selbst religiös zu sein und ohne das Christentum gutzuheißen, dafür kritisert er wirklich zuviel an allen Kirchen, an der Bibel, am Papst, allem vorneweg das vermeintliche Liebesgehudel des Christentums, nicht zuletzt auch den Muslimen gegenüber. Breivik schreibt: „Als nichtreligiöser Mensch, der aber den Einfluss des jüdisch-christlichen Denkens auf die westliche Kultur anerkennt und respektiert, habe ich vor dem naiven Mitleid der Christen für muslimische Einwanderer gewarnt …“

Fakt ist: Eine Beauftragung oder Legitimierung durch Gott oder eine existierende Religion, geschweige denn die christliche, spielt bei Breivik überhaupt keine Rolle. Gott kommt bei ihm praktisch überhaupt nicht vor und da wo ein Gebet zu ihm erwähnt wird, weiß Bereivik nicht, ob es ihn überhaupt gibt oder nicht! Er schreibt ausdrücklich in seinem Machwerk „Ich bin ein nichtreligiöser Mensch …“. Man hätte also genauso gut den Atheismus verantwortlich machen können, schließlich gibt es Gottlosigkeit auch im rechtsextremen Lager und Hass auf Muslime setzt keine eigene Religion voraus. Breivik dazu: „Also nein, man braucht keine persönliche Beziehung zu Gott oder Jesus, um für das christliche kulturelle Erbe zu kämpfen. Es reicht, wenn du ein christlicher Agnostiker oder ein christlicher Atheist bist (ein Atheist, der wenigstens das Grundlegendste des europäischen christlichen kulturellen Erbes bewahren will) …“ „Die Spaltung von Christen und Nichtchristen ist die am schwersten zu überwindende Spaltung des Westens heute. Ich kämpfe selbst mit ihr.“

Aber irgendwie war man so froh, dass es einmal nicht islamistische Fundamentalisten waren und christliche Fundamentalisten sind ja sowieso ein Übel, da spielt es keine so große Rolle, ob sie wirklich etwas mit dem Attentat zu tun haben. Und waren da nicht Leute, die Abtreibungskliniken beschädigt und Abtreibungsärzte erschossen haben? Das geschieht zwar nur in den USA und im Schnitt alle 10 Jahre einmal und wird von restlos allen christlichen Gruppen verurteilt, aber irgendwie muss man ja Vorurteile in der Bevölkerung wachhalten.

Der Chefredakteur der Schwäbischen Post schoss den Vogel ab, als er den württembergischen Bischof Frank Otfried July in der Ausgabe vom 26.7. in der ersten Frage damit konfrontierte: der Täter „bezeichnet sich als ‚christlichen Fundamentalisten‘“. Haben das all’ die Tausende, die die 1500 Seiten Breiviks durchstöberten, überlesen? Tatsächlich erklärt sich Breivik in seinem Text mehrfach grundsätzlich gegen christliche „Fundamentalisten”. Breivik schreibt: „Ich war ein hingegebener, praktizierender Christ. Heute kann ich mich aber in keinem gegenwärtig bestehenden Zweig der Christenheit wiederfinden. Viele meiner Freunde sagen mir: ‚Ich kann keine Kirche betreten, ohne meinen Verstand an der Tür abzugeben‘. In dieser Hinsicht sind evangelistische, fundamentalistische Kirchen nicht besser als liberale. Ich besuchte einmal einen  Vortrag über Armut in der Dritten welt in einer Pfingstgemeinde. Die Ursache [ihrer Meinung nach]: Fehlende Infrastruktur. Wir müßten nur tiefer in unsere Taschen greifen und dann würden sich die Proleme lösen.“

Zurück zur Schwäbischen Post. Ist hier nicht eher der Wunsch Vater des Gedankens? Der Bischof läßt sich zum Glück nicht aufs Glatteis führen, nimmt den Pietismus ausdrücklich vom Fundamentalismus aus, meint dann aber doch, „dass der Glaube immer „zeitbezogen sein muss“ und „sich nicht einmauern“ darf und „kein falsches Bibelverständnis haben“ darf. Was aber hat das mit Breivik oder mit dem furchtbaren Verbrechen zu tun? Dessen wirre Weltanschauung war doch durchaus „zeitbezogen“. Und was hat ein falsches Bibelverständnis zu seiner Tat beigetragen? Und ist ein „richtiges“ Bibelverständnis eine Garantie gegen Gewalt? Kann man nicht auch mit einem sehr kritischen Bibelverständnis Kriege begründen, wie es der Nestor der liberalen Theologie Adolf von Harnack tat, dessen sehr ‚zeitbezogene’ Brandrede zum 1. Weltkrieg selbst Kaiser Wilhelm II. bekanntlich zu scharf war?

‚Christlicher Terrorist’ – die US-Variante

Die USA haben ihre eigene Version der Darstellung. Hier wird kaum der Begriff ‚Fundamentalist‘ verwendet, sondern Breivik als ‚christlicher Terrorist‘ bezeichnet. In den USA ist der Soziologe Mark Juergensmeyer der Hauptverteidiger der Zuschreibung ‚christlicher Terrorist‘. Die englische Wikipedia bezeichnet Breivik einfach als solchen und kann dazu viele führende Medien in den USA anführen. Die Wikipedia stellt die Morde von Breivik zusätzlich in ihrem Artikel über ‚christlichen Terrorismus‘ ausführlich dar. Der wissenschaftlich unhaltbare Artikel listet zwar allerlei historische Beispiele auf, aber Breivik ist das einzige aktuelle Beispiel.

Weltanschauungskampf Auf dem Rücken der Opfer

Dazu kommt ein anderes. Warum muss man die brutale und irre Gewalttat eines Mannes wie Breivik überhaupt einer Gruppe oder Weltanschauung in die Schuhe schieben? Was habe ich da nicht alles gelesen! Schuld sind Sarrazin und seine Anhänger, schuld sind alle Islamkritiker, schuld sind Schützenvereine, schuld sind konservative Kräfte und alle ‚Rechten‘, und jedesmal geschieht dies im Tone einer uns alle endlich aufklärenden, tiefschürfenden Analyse. Warum aber nicht gleich noch alle Männer, alle Bauern, alle Schützen, oder was Breivik zufällig alles auch noch war, verantwortlich machen?

Und all’ das atmet den Geist: Wer zu meiner Gruppe gehört, ist vor solchen Gewaltverbrechen gefeit. Wir sind die Guten, die anderen die Bösen, und wo das hinführt, kann man jetzt ja wieder einmal sehen. Das Unerklärliche, für das selbst erfahrene Psychologen viele Worte benötigen, wird zur billigen Selbstbestätigung genutzt. Da ist die Bibel doch realistischer: „Wer stehe, sehe zu, dass er nicht falle.“

Riecht das nicht danach, das Journalisten und inzwischen auch Politiker hier versuchen, ihnen unliebige Weltanschauungen und Ansichten auf dem Rücken der Opfer mißliebig zu machen? Die Freimaurer, zu denen Breivik zeitweise gehörte, wollte keiner schlecht machen, also kamen sie nie in Verdacht – und natürlich hat ihre Weltanschauung mit diesem Verbrechen nichts zu tun. Aber warum dann das Christentum anführen, zu dem Breivik keinen Bezug hat? Er gehörte keiner christlichen Gruppe an und keine würde sich je zu seinen Taten bekennen. Für seinen erfundenen Tempelritterorden muss man, so Breivik, nicht Christ sein, sondern er hat auch gerne Agnostiker, Atheisten, ja sogar aufgeklärte Muslime dabei.

Musterbeispiel ist hier jedoch ein Politiker, kein Journalist, der dafür immerhin einen Sturm der Entrüstung erntete. Sigmar Gabriel diktierte dpa: „In einer Gesellschaft, in der der Anti-Islamismus und die Abgrenzung von anderen wieder hoffähig wird, in der das Bürgertum Herrn Sarrazin applaudiert, da gibt es natürlich auch an den Rändern der Gesellschaft Verrückte, die sich letztlich legitimiert fühlen, härtere Maßnahmen anzuwenden.“ Na, wenn das keine Abgrenzung ist! Gabriel vermittelt deutlich, dass es kein Wunder ist, wenn im Bereich seiner politischen Gegner Gewalttaten geschehen, während das offensichtlich bei Gleichgesinnten nicht geschehen kann. „Rechtsradikalismus, Rechtspopulismus und deren Gewalttaten sind aus Sicht des SPD-Chefs kein Problem der Ränder der Gesellschaft, sondern stünden in deren Mitte“, so dpa weiter. „Um dem künftig den Nährboden zu entziehen, brauche es einen Gesinnungswandel: ‚Das Zentrum der Gesellschaft muss klar machen, dass das bei uns keinen Platz hat – auch nicht weichgespülte Versionen davon. Nur dann dämmt man das ein.‘“. So eine Frechheit! Die Mitte der Gesellschaft ist also rechtsradikal und schuld an einem Klima, dass Breivik begünstigt hat. Und ein Gesinnunsgwandel hin zu Gabriels Ansichten verhindert Terrorismus zukünftig? Dass Sarazin im Übrigen Mitglied seiner eigenen Partei und völlig und unreligiös ist, hat er in diesem Zusammenhang nicht erwähnt. Wenn die eigentliche Gefahr denn wirklich „in der Mitte der Gesellschaft“ lauert, dann gehört Gabriels Partei jedenfalls dazu.

Gabriel fühlt sich jetzt falsch verstanden. Er habe Sarrazin nicht direkt verantwortlich machen wollen. Ob Gabriel auch Mitgefühl für die Millionen hat, die sich mit seiner Zuschreibung falsch verstanden fühlen? Gabriel hat doch immerhin klar gesagt, dass es starke gesellschaftliche Kräfte in Deutschland gebe, die das nötige Klima für Anschläge wie die in Norwegen schaffeten. (Davon, dass er erst einmal zeigen müßte, wie ein Klima in Deutschland einen Einzelgänger in Norwegen beeinflußt, wollen wir einmal gar nicht sprechen.)

Ulrich Poschard nennt es in der ‚Welt‘ treffend „das durchsichtige Manövrieren um politischen Landgewinn im Windschatten einer Katastrophe“. Das geht für ihn quer durch alle Parteien. „Der innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion plädierte fast rituell für die Vorratsdatenspeicherung. Claudia Roth von den Grünen forderte die Bundesregierung zum Kampf gegen rechts auf. Andrea Nahles erneuerte ihren Wunsch nach einem NPD-Verbot, ein grüner Innenexperte schrie nach einem verschärften Waffenrecht, und schließlich war es der stammtischerprobte SPD-Chef Sigmar Gabriel, der wusste, wer Schuld an der norwegischen Tragödie hatte: Thilo Sarrazin.“

Es sind nach Jesus die Pharisäer, die sagen „Herr, ich danke dir, dass ich nicht so bin, wie diese da.“ Überzeugte Christen sagen mit dem Zöllner: „Herr, sei mir Sünder gnädig!“ und wissen, dass das Böse überall seine Fratze erheben kann, auch unter uns und in uns. Breivik’s Tata sollte nicht die Stunde der Pharisäer sein, sondern die Stunde echter Trauer.

All das hat mit Fundamentalismus nichts zu tun

Noch einmal zurück zur Bezeichnung „fundamentalistisch“. Was für eine unsinnige Bezeichnung im Zusammenhang mit diesem Verbrechen! In meinem Buch „Fundamentalismus“ vertrete ich zwar, dass Fundamentalismus im Alttagsdeutsch auf Leute bezogen wird, die ihre Weltanschauung mit Gewalt anderen aufzwingen wollen. Dementsprechend sollte der Begriff nie und nimmer für friedliche Menschen jedweder Relgion und Weltanschauung verwendet werden. Aber selbst dieser mein Fundamentalismusbegriff paßt bei Breivik nicht. Wenn man aber Fundamentalismus an nderen Fragen wie der Stellung zu einer Heiligen Schrift festmacht, wird die Verwendung noch unsinniger.

Dom Radio Köln berichtet: „Auch nach Einschätzung des Theologen Reinhard Hempelmann ist der Attentäter von Oslo kein christlicher Fundamentalist. Die Bezeichnung sei ‚irreführend‘, weil damit suggeriert werde, es gebe einen Bezug zu derartigen Strömungen oder Gruppen, sagte der Fundamentalismus-Experte der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen am Montag in Berlin im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Er könne im ‚Pamphlet‘ Breiviks keine Charakteristika erkennen, die auf religiösen Fundamentalismus hindeuteten. ‚Nach meiner Überzeugung ist der Versuch, dieses Attentat auf dem Hintergrund eines christlichen Fundamentalismus zu interpretieren, nicht zielführend‘, so Hempelmann. Viele andere Aspekte in Breiviks Äußerungen spielten eine wesentlich dominierendere Rolle. Ein Fundamentalist berufe sich pointiert auf bestimmte heilige Schriften und verstehe diese wortwörtlich. Ferner hänge er einem spezifisches Religionssystem an und wolle dies durchsetzen. All dies sei bei Breivik nicht der Fall. Auch spielte bei dem Attentäter die religiöse Überzeugung als Motivation ‚für die monströse und menschenverachtende Tat‘ offenbar keine Rolle. Der Bezug des Attentäters auf die Religion sei ideologisches und eklektisches Beiwerk …“ So jedenfalls sehen es Experten, die sich seit Jahren mit dem Thema beschäftigen.

Warum nicht mal zur Abwechslung selbst recherchieren?

Noch ein letzter Gedanke. Ich dachte immer, dass Journalisten nicht abschreiben, sondern selbst recherchieren. Die durch nichts begründete Formulierung ‚christlich-fundamentalistisch‘ wabert aber durch alle deutschsprachigen Medien (die englischen hatten ihren ‚christlichen Terroristen‘), und zwar auch nach Tagen noch, als Fachleute längst offengelegt haben, dass es keine christlichen und keine fundamentalistischen Elemente in Breiviks Pamphlet gibt. Ebenso wurde die dümmliche Formulierung „blond und blauäugig“ – einmal in die Welt gesetzt – immer und immer wieder angeführt, warum, weiß wohl keiner. Wofür haben wir aber eigentlich zwei staatliche und mehrere private Fernsehanstalten, zahlreiche Tageszeitungen usw., wenn am Ende doch alle nicht selbst recherchieren, sondern nur nachbeten beziehunsweise erst Tage später gut recherchierte Hintergundartikel liefern?

Ein Science-Fiction-Rassenkrieg in echt

Wie aber ist Breivik religiös-weltanschaulich denn wirklich zu verorten? Frieder Leipold hat dies in Focus-Online mittlerweile am treffendsten getan: „Das Vorgehen von Behring Breivik weist Parallelen zu dem rassistischen Science-Fiction-Roman ‚Turner Diaries‘ aus dem Jahr 1978 auf. Das Buch kursiert in rechtsradikalen Kreisen und beschreibt einen fiktiven Rassenkrieg. … Der Einfluss … in rechtsradikalen Kreisen kann schwer eingeschätzt werden, da der Roman zum freien Download zur Verfügung steht und in früheren Jahren fotokopiert und verbreitet wurde. So verkaufte etwa der US-Amerikaner Timothy McVeigh 1993 Kopien der Turner Diaries auf Waffenmessen. Zwei Jahre später beging er den Terroranschlag von Oklahoma City, der bis zu den Anschlägen auf das World Trade Center als der verheerendste Terroranschlag auf die USA galt. Wie in dem Roman – und wie 2011 Behring Breivik in Norwegen – wählte er für seine Zwecke eine Autobombe mit Sprengstoff aus Düngemitteln und als Ziel ein offizielles Gebäude.“ Ein Science-Fiction-Rassenkrieg, der auf einen Sieg der weißen Europäer im Jahr 2083 ausgeht, entspricht tatsächlich am ehesten der Stimmung der 1500 Seiten Breiviks.

Übrigens erinnert mich Breiviks Stil sehr an ein Buch, dass ich in einer Dissertation gründlich analyisert habe: Hitlers ‚Mein Kampf‘. Sich selbst als Nabel der Welt und Beginn eines neuen Zeitalters zu sehen und zu glauben, dass aus der fehlenden Anhängerschaft einmal Millionen werden, ein krudes Gemisch aus angelesenen vermeintlichen Geschichtswahrheiten, ein chaotischer Stil, der den Leser verzweifeln lässt und manches mehr haben Hitler und Breivik gemeinsam. Aber vielleicht würde Hilter heute ja auch als christlicher Fundamentalist bezeichnet, immerhin trat er nie aus der Kirche aus.

Ein Konservativer gegen Rechts- und Linksextremismus: Mein Lehrer Manfred Funke ist verstorben

September 28, 2010 by Schirrmacher · 10 Kommentare 

Am 20.9.2010 verstarb mein verehrter Lehrer der Soziologie und Politologie Prof. Dr. Manfred Funke im Alter von 71 Jahren. Zusammen mit dem Religionswissenschaftler Prof. Dr. Karl Hoheisel betreute er meine Dissertation ‚Hitlers’ Kriegsreligion’ (sein Gutachten siehe hier). Er war außerplanmäßiger Professor für Politische Wissenschaft an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. 35 Jahre lang lehrte und forschte er am Seminar für Politische Wissenschaft und Soziologie, bis er im Jahre 2004 in den Ruhestand ging. Ich war sein letzter Doktorand.

Noch letztes Jahr erschien die Festschrift zu seinen Ehren eine von Karl Dietrich Bracher u. a. herausgegebene Festschrift unter dem Titel ‚Politik, Geschichte und Kultur: Wissenschaft in Verantwortung für die res publica’ erschienen (dort S. 407–425 seine Bibliografie, seine Bücher siehe hier). Sein Vermächtnis war sein Vortrag ‚Totalitarismus, Extremismus, Radikalismus’ bei der Konrad-Adenauer-Stiftung aus dem Jahr 2008.

Er prägte mich sowohl als einer der bedeutendsten Hitlerforscher (vor allem durch sein ‚Starker oder schwacher Diktator?’, 1989) als auch in der soziologischen Untersuchung des Extremismus in jeder Form, auch des Rechtsxetremismus und Rassismus, dem er als Konservativer scharf entgegentrat (z. B. ‚Rechtsextremismus in Deutschland’, 1994 und als Herausgeber: ‚Extremismus im demokratischen Rechtsstaat’, 1987 und ‚’Terrorismus’, 1978). Als eindeutiger Verfechter der Demokratie scheute er sich doch nicht, der deutschen Demokratie (z. B. ‚ Demokratie und Diktatur’, 1987) auch die Leviten zu lesen, etwa in ‚Parteien in der Kritik’ (1993). All’ das habe ich von ihm übernommen und nicht nur meine Dissertation, sondern auch meine Bücher ‚Rassismus’ und ‚Fundamentalismus’ sind tief von ihm geprägt.

Der Rheinische Merkur schreibt in seinem Tagebuch treffend:

RM-Lesern ist er als exzellenter Kenner des 20. Jahrhunderts bekannt, der Geschichte mit Geschichten zu verbinden wusste. In der Fachwelt machte er mit Büchern über die NS-Zeit und aktuellen Extremismus auf sich aufmerksam. Der Bonner Politikwissenschaftler Manfred Funke schrieb regelmäßig für das Politische Buch und die Geschichtsseite, zuletzt über die Genese von Hitlers Antisemitismus. Anfang dieser Woche ist er im Alter von 71 Jahren verstorben. Wir werden seine feine Feder vermissen. (zur Quelle)

Ich freue mich, dass meine Frau dem Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie der Bonner Universität, an dem Funke wirkte, im Rahmen der Vorlesung „ Neuere politikwissenschaftliche Debatten um das Verhältnis von Politik und Religion“ verbunden bleibt (siehe hier und hier).

Fundamentalismus ist militanter Wahrheitsanspruch

November 21, 2009 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar 

In Kürze erscheint in der Reihe ‚kurz und bündig’ (Verlag: SCM Hänssler) mein Taschenbuch ‚Fundamentalismus’. Da erlaube ich mir im Vorfeld schon einmal als Religionssoziologe, meine Fundamentalismus-Definition in den Ring zu werfen. Man sollt nämlich meines Erachtens nur von Fundamentalismus sprechen, wenn Gewalt im Spiel ist oder eine echte Gefahr für die innere Sicherheit besteht.

Fundamentalismus wird seit den Anschlägen vom 11. September 2001 in der Öffentlichkeit meist einfach als radikale, gewaltbereite, religiös motivierte Extremisten oder einfach gar als religiöse Terroristen verstanden. Was der Volksmund mit ‚Fundamentalismus’ meint, ist militanter Wahrheitsanspruch und genau das finde ich die kürzeste Definition.

Meines Erachtens gibt es nur zwei Möglichkeiten, den Begriff ‚Fundamentalismus’ für eine seriöse Anwendung zu retten: Entweder wird der Fundamentalismusbegriff näher an den alltäglichen Sprachgebrauch herangeführt und auf wirklich gewaltnahe Bewegungen bezogen. Oder aber die weite Verwendung auf allerlei Bewegungen ist gewünscht, dann muss der Begriff dringend entemotionalisiert werden und eine neutrale, nicht abwertende Bedeutung erlangen und dazu müsste es einen Großeinsatz von Fachleuten geben, die sich den Massenmedien entgegenstellen, derzeit eine Illusion.

Meines Erachtens sollten sich diejenigen, die die Öffentlichkeit vor fundamentalitischen Strömungen warnen, auf die Gruppen beschränken, die durch ihre prinzipielle Rechtfertigung von Gewalt oder durch Gewaltbereitschaft – oder gar durch angewandte Gewalt – gefährlich sind, oder von denen wenigstens die Gefahr ausgeht, dass sie auf undemokratische Weise politische Gewalt über Andersdenkende gewinnen wollen. Deswegen lautet meine Definition im in Kürze erscheinenden Buch:

Fundamentalismus ist ein militanter Wahrheitsanspruch, der aus nicht hinterfragbaren höheren Offenbarungen, Personen, Werten oder Ideologien einen Herrschaftsanspruch ableitet, der sich gegen Religionsfreiheit und Friedensgebot richtet und nichtsstaaliche oder nichtdemokratisch-staatliche Gewalt zur Durchsetzung seiner Ziele rechtfertigt, fordert oder anwendet. Dabei beruft er sich oft gegen bestimmte Errungenschaften der Moderne auf historische Größen und Zeiten, nutzt diese Errungenschaften aber zugleich zur Ausbreitung und schafft meist eine moderne Variante alter Religionen und Weltanschauungen. Fundamentalismus ist eine modernitätsbestimmte Transformation von Religion oder Weltanschauung.

Wer hat schon Angst vor evangelikalen Terroristen?

Oktober 21, 2009 by Schirrmacher · 8 Kommentare 

Wider die bösartige Gleichsetzung von Evangelikalen und islamistischen Terroristen

Innerhalb von drei Tagen fand ich folgende wahllos herausgegriffenen Meldungen über Islamisten, die parallel in fast allen großen Medien Deutschlands veröffentlicht wurden:

In der pakistanischen Hauptstadt Islambad hat ein islamistischer Selbstmordattentäter durch einen Bombenanschlag auf das örtliche Hauptquartier des Welternährungsprogrammes vier UN-Angestellte getötet.

Islamisten haben einen Tag lang das Hauptquartier der pakistantischen Armee durch Beschuss und Geißenahme lahmgelegt. 30.000 pakistanische Soldaten versuchen nun, gegen Islamisten vorzugehen und die Schande wieder gut zu machen.

Ein einstündiges deutschsprachiges Video einer mit Al-Kaida verbundenen islamistischen Gruppe, in dem mehrere deutsche und deutschsprachige Islamisten Deutschland drohen, zeigt im Hintergrund Bilder aus den Terrorcamps, auf denen sich auffällig viele blonde oder europäisch wirkende Kinder befinden.

Im Jemen kämpft die Regierung einen verzweifelten Kampf gegen das islamistsiche Netzwerk Al-Kaida, dass Jemen zu seiner neuen Hauptzentrale ausbauen will. Obwohl sich hier die Zukunft des islamischen Terrorismus entscheiden könnte, fehlt Jemen die internationale Unterstützung.

In Hamburg wurde eine zehnköpfige islamistische Terrorzelle entdeckt, die im März zur Terrorausbildung in den Hindukusch gereist sind. In Deutschland sollen derzeit rund 80 ausgebildete islamistische Terroristen leben.

155 Beamte durchsuchen in Berlin Wohnungen in einem Schlag gegen eine Gruppe von 15 Islamisten, die im Verdacht stehen, Anschläge gegen Russland zu planen, und die sich absetzen wollten.
Ein Buch über Ehrenmorde im Droste Verlag erscheint in letzter Minute aus Angst vor Racheakten von Islamisten doch nicht.

Das waren nur drei Tage!

Und mit solchen Islamisten werden Evangelikale verglichen? Absurd! Haltlos! Böswillig!

Schon meine friedlichen muslimischen Nachbarn mit solchen Terroristen zu vergleichen, wäre eine Schande, aber friedliche, oft pazifistisch eingestellte Evangelikale?

Evangelikale dürfen mit ihren Zwangsgebühren ARD und ZDF bezahlen, damit die mit konspirativen Mitteln ‚beweisen‘ und propagieren, was nicht zu beweisen ist, dass Evangelikale eine Art christlicher Islamisten sind. Fakt ist: Es gibt keine evangelikalen Terroristen, keine Selbstmordattentäter und kein evangelikales Netzwerk, dass irgendeine Gewalt plant. Es gibt überhaupt keine Evangelikalen, die planen irgendetwas durch Tod und Gewalt durchzusetzen. Alles andere ist faktischer Unsinn und übelste Verleumdung.

Wo muss man evangelikale Gemeinden nach Waffen durchsuchen? Wo unterhalten Evangelikale Terrorcamps, überfallen Armeehauptquartiere und liefern sich Gefechte mit 30.000 Soldaten?
Wer hat schon Angst, in ein Urlaubsland zu fahren, weil dort Evangelikale wohnen? Wo sind die Evangelikalen, die andersdenkende Journalisten oder ihre Familien bedrohen? Warum kommt keine evangelikale Gruppe in irgendeinem Verfassungsschutz vor, weder in deutschland noch irgendwo weltweit?

Und dazu kommt: Trotz dieser pausenlosen Horrormeldungen über den Islamismus, werden wir – zu Recht – immer wieder daran erinnert, ja erinnern selbst immer wieder daran, dass man Islamisten und friedliche Muslime auseinander halten muss. Überlegen sie einmal, 1,8 Mio. Evangelikale in Deutschland wollten Freiheit mit Gewalt einschränken. Und davon hat noch keiner etwas mit bekommen, wo uns gleichzeitig einige Tausend Islamisten in Atem halten?

Denn im Falle der 400 Millionen Evangelikalen muss man dagegen wohl nicht zwischen Terroristen (wo immer die sein mögen) und Zigmillionen friedlichen Anhängern unterscheiden. Da reicht ein negatives Beispiel, über Zigmllionen in Sippenhaft zu nehmen! Selbst wenn es einen einzigen evangelikalen Terroristen geben sollte oder wenigstens einen, der davon träumt einer zu sein, müßte man in klar von den Zigmillionen friedlichen Evangelikalen unterscheiden.

Noch eine Frage an ARD und ZDF: Gehört nicht zur Religionsfreiheit auch, dass man vor Verfolgung durch staatliche und quasistaatliche Institutionen geschützt ist? Wissen unsere staatlichen Medien eigentlich, dass es keine Verfolgung von Minderheiten gibt, in denen nicht die Medien eine zentrale Rolle spielen und dass heute oft die Medien mehr als andere darüber entscheiden, welche Minderheit als Opfer und welche als aussätzig und selbst dran schuld gilt?

Thomas Schirrmacher