ArchivWeltweite Evangelische Allianz
Papst Franziskus zum Zweiten
April 3, 2013 by thomas · 1 Kommentar
Nach meiner Teilnahme an der Einführung des Papstes und meinem kurzen Gespräch mit dem Papst am Tag darauf (das live im italienischen Fernsehen und auf deutsch bei Phoenix zu sehen war) wurde ich in Rom von zahlreichen Medien interviewt. Ich gab auch exklusive Statements für die Medien ab, auf die zum Beispiel folgende deutsche Medien zurückgriffen:
- Antrim Prish – Interfaith Leaders see hope in Pope Francis
- explizit.net – Privilegien rückt er zu Leibe und die Herzen berührt er
- idea – Evangelikale beim Papst: „Rom“ tritt unter Franziskus demütiger auf
- proKompakt: PDF-Download
Nun wurde ich gebeten, die damals exklusiven Statements zugänglich zu machen. Hier sind meine Statements vom 21.3.2013:
Der Papst hat seine momentan natürlich noch vorwiegend symbolischen Änderungen fortgesetzt, auch und gerade im Verhältnis zu anderen Kirchen. Dass er kurzerhand im Inaugurationsgottesdienst die Vertreter anderer „Kirchen“ begrüßte, bricht mit einem jahrhundertelangen Sprachgebrauch, auch wenn davon allein die Sicht von „Dominus Jesus“ nicht aufgehoben ist. Bei der Audienz der nichtkatholischen Kirchen verzichtete er auf den rotgoldenen Thron, der im Nebenraum stand und ebenso darauf, den Stuhl dann wenigstens auf ein Plateau mit zwei Stufen zu stellen. Den ökumenischen Patriarchen nannte er seinen „Bruder“. Sein Bekenntnis zur ökumenischen Zusammenarbeit und zur Notwendigkeit fortgesetzter Gespräche über theologische Gemeinsamkeiten und Unterschiede wurde deutlicher denn je formuliert und kam spürbar von Herzen.
Wie man bei der Liveübertragung sehen kann, war die Begrüßung des Generalsekretärs der Weltweiten Evangelischen Allianz Geoff Tunnicliffe ebenso herzlich, wie die meiner Person, und der Papst wusste genau Bescheid, mit wem er sprach. Die Evangelikalen irgendwie als eine Sorte Christen zu sehen, die man anders behandeln müsse als andere, war dem Papst völlig fremd.
In meinem kurzen Gespräch empfahl ich dem Papst, das Thema Christenverfolgung verstärkt aufzugreifen und im Vatikan institutionell zu verankern, was auf Sympathie stieß, zumal der Papst sich als Erzbischof bereits mehrfach hinter evangelikale Aktionen zugunsten inhaftierter Christen gestellt hatte. Hier erhoffe ich mir echte Fortschritte.
Als Weltweite Evangelische Allianz haben wir neben dem Papst eine Vielzahl von Gesprächen geführt. So habe ich mit den zur Papsteinsetzung angereisten deutschen Politikern ebenso gesprochen, wie mit anwesenden deutschen Kardinälen und Bischöfen, aber auch mit 11 anderen Kardinälen und Dutzenden Mitarbeitern der Päpstlichen Räte. Aber daneben gab es auch inoffizielle und offizielle Gespräche mit vielen Gästen nicht nur der evangelischen Kirchen, sondern auch der orthodoxen, darunter der Ökumenische Patriarch aus Konstantinopel, weiteren Patriarchen, Erzbischöfen und Generalsekretären. Wer nur die Deutsche Situation kennt, wo die Freikirchen und die Evangelische Allianz neben den beiden Großkirchen kaum in Erscheinung tritt oder ernst genommen wird, kann sich kaum vorstellen, dass die Weltweite Evangelische Allianz in Rom und Genf ganz natürlich als Vertretung von 600 Millionen Christen wahr- und ernst genommen wird. Dass ist nicht die Folge irgendeiner theologischen Veränderung der Evangelikalen, die auch niemand von uns erwartet, sondern ganz einfach die Folge unser Existenz und Größe.
Im Vatikan herrscht Aufbruchsstimmung, wie uns die vielen Gespräche gezeigt haben. Natürlich wird der Papst manchen Worten und symbolischen Akten auch Taten folgen lassen müssen, aber man traut ihm zu, die von Benedikt XVI. geforderte „Entweltlichung“ in Gang zu setzen, die Probleme der Kurie energisch anzupacken und jeder Art von Doppelmoral, etwa im Umgang mit sexuellem Missbrauch, den Kampf anzusagen.
„Die Schöpfung zu bewahren, ist das erste Gebot Gottes an die Menschen“
März 10, 2013 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar
(Bonn, 04.02.2013) Der Vorsitzende der Theologischen Kommission der Weltweiten Evangelischen Allianz (WEA), Thomas Schirrmacher, der Leiter der Arbeitsgruppe ‚Creation Care‘ der WEA, Chris Elisara, und der Leiter der Arbeitsgruppe ‚Peace and Reconciliation Initiative‘ der WEA, Steve Tollestrup, haben gemeinsam an einer fünftägigen „Global Consultation on Creation Care and the Gospel“ in Jamaika teilgenommen. An der gemeinsam von der Lausanner Bewegung und der Weltweiten Evangelischen Allianz durchgeführten Expertenkonsultation nahmen 60 Umweltexperten, Leiter von Nichtregierungsorganisationen und Kirchenführer aus 23 Ländern von allen Kontinenten teil.
Ziel der Konsultation war, die Frage zu klären, wie auf Ebene der örtlichen Gemeinde Mission und Verkündigung der Kirche mit Gottes Auftrag, die Schöpfung zu bewahren, zusammenhängen.
Thomas Schirrmacher forderte Christen im globalen Süden auf, in Fragen der Bewahrung der Schöpfung die Meinungsführerschaft zu übernehmen, auch wenn Tagungen wie diese oft aus dem Westen finanziert würden.
„Der globale Süden ist nicht nur mehr und mehr der Schwerpunkt der Weltchristenheit, sondern die Christen dort verfügen auch über einen enormen Schatz an Erfahrung, Wissen und Einsatzbereitschaft, und sollten ihr Licht nicht unter den Scheffel stellen.“
Der Ethiker verwies darauf, dass es nach biblisch-christlichem Verständnis zum Menschsein gehöre, die Schöpfung zu bewahren. „Die Schöpfung zu bewahren, ist das erste Gebot Gottes an die Menschen“, sagte er unter Verweis auf den Schöpfungsbericht. Nach Paulus in Römer 8 seufze sie ganze Schöpfung unter der Sünde des Menschen und harre zugleich des Schaloms der kommenden Erlösung.
Dr. Elisara fasste seine Erfahrungen in Jamaika folgendermaßen zusammen:
„Es geschehen immer wunderbare Dinge, wenn Gottes Volk im Gebet, demütig und hörbereit zusammenkommt, um zuallererst das Reich Gottes Reich zu suchen. Das ist auch bei dieser globalen Konsultation geschehen, denn die dort gefundenen Gemeinsamkeiten und Ziele werden nicht nur einen starken Einfluss auf die Weltmission und die globale evangelikale Bewegung haben, sondern letztlich der ganzen Schöpfung nutzen.“
Gemeinsam mit örtlichen Kirchenvertretern besuchte Schirrmacher auch die besonders hart vom Hurrikan ‚Sandy‘ getroffenen Gebiete an der Nordküste Jamaikas.
Ganz so überraschend kam der Papst-Rücktritt nicht
Februar 14, 2013 by Schirrmacher · 5 Kommentare
Ein Interview mit Thomas Schirrmacher
(Bonner Querschnitte 242 – Nr. 06/2013)
(BQ, Bonn, 13.02.2013) Das Medienmagazin PRO veröffentlichte ein Interview mit Thomas Schirrmacher (www.pro-medienmagazin.de).
Aus Platzgründen mussten dabei einige weitere Fragen und Antworten entfallen. Unten finden Sie das vollständige Interview mit zusätzlichen Fragen und Antworten.
Sie haben den Papst erst kürzlich getroffen. Ist er wirklich so schwach?
Dass Papst Benedikt XVI. zwar geistig noch ganz auf der Höhe ist, sein Körper bis hin zum Sprechen tagesweise aber den Dienst versagt oder beschränkt, konnte jeder bei der dreiwöchigen Synode in Rom im Oktober letztes Jahres sehen. Ich habe ihn jüngst bei zwei Messen gesehen – das erinnerte schon stark an die letzte Zeit von Papst Johannes Paul II. Im Gespräch mit mir war er voll informiert, konnte aber nicht alleine stehen.
Waren Sie erstaunt über den Rücktritt?
Den genauen Termin kannte natürlich niemand, aber Papst Benedikt hatte ja 2010 in einem Interview unmissverständlich deutlich gemacht, dass der Papst, wenn er körperlich oder geistig nicht mehr in der Lage sei, die Kirche zu leiten, das Recht, „ja unter Umständen sogar die Pflicht“ habe, zurückzutreten. Und dass Benedikt den Weg seines Vorgängers nicht gehen würde, wusste eigentlich jeder, nur war nicht ganz klar, wie er das machen würde.
Ist es nicht viel wichtiger, dass der Papst geistig auf der Höhe ist?
Natürlich. Aber die dreiwöchige Synode war schon für einen 52jährigen Gast wie mich anstrengend, erst recht für die Synodenleitung. Der Papst hat aber parallel die normalen Geschäfte weiter geführt, viel mehr Treffen als sonst wahrgenommen und abends mehrere öffentliche Auftritte gehabt. Da haben sich schon viele gefragt, wie er das eigentlich noch hinbekommt. Auch eine Papstmesse ist schon eine körperliche Strapaze und dabei sind immer Fernsehkameras auf einen gerichtet. Entweder überlässt ein schwächer werdender Papst die Geschäfte anderen, wie es eigentlich immer gewesen ist, oder er lässt sie ruhen – wie in der Schlussphase von Johannes Paul II. Der Schritt von Benedikt ist zwar im Kirchenrecht vorgesehen, aber eben nie eingesetzt worden – Rücktritt aus Altersschwäche.
Sie haben 2002 ein Buch „Der Papst und das Leiden: Warum der Papst nicht zurücktritt“ veröffentlicht, 2005 dann in zweiter Auflage unter „Papst Johannes Paul II. und das Leiden: Warum der Papst nicht zurücktritt“. Was unterscheidet Papst Benedikt von seinem Vorgänger?
Papst Benedikt hat sein Amt eindeutig weniger sakramental verstanden als sein Vorgänger, der sein Leiden als Fortsetzung der Leiden Christi verstanden hat. In den letzten Monaten war ja spürbar, dass Benedikt vor allem die Kontrolle über den staatlichen Teil des Vatikans mehr und mehr verlor. Nun stand ihm der geistliche Teil seines Amtes als Kirchenführer und Theologe immer schon näher als der politische Teil als Staatsoberhaupt des ‚Heiligen Stuhls‘ – nicht zufällig hat er ja die politische Bedeutung und das politische Wirken des Vatikan an etlichen Stellen zurückgefahren und selbst in Deutschland in seiner Freiburger Abschiedsrede gefordert, die katholische Kirche solle sich mehr aus der Verklammerung mit der Welt lösen. Es ist ganz im Einklang damit, wie Benedikt Papst wurde und wie er das Papstamt verstand, das er es aufgibt, wenn er Führung nicht mehr garantieren kann.
Weniger sakramental?
Ja. Den Kardinälen sagte er einmal, dass ein Papst die meiste Zeit fehlbar sei. In den meisten seiner Messen und Ansprachen finden sich Hinweise darauf, dass er Fehler mache, dass Gott und die Kirche ihm vergeben mögen und er nur hoffen könne, dass Gott ihn vor Fehlentscheidungen bewahre. Das gilt selbst noch für seine kurze Rücktrittsankündigung. Das findet sich so bei Johannes Paul II. nicht. Dazu gehört der ständige Hinweis Benedikts, dass nicht er, sondern Jesus der Herr der Kirche sei.
Der Papst hat manche ungewöhnlichen Entscheidungen getroffen, die das untermauerten. So hat er das dreibändige Jesusbuch ausdrücklich als Privatmann geschrieben, der Fehler mache, die man ihm gerne schreiben könne. So etwas hat noch nie ein Vorgänger gemacht – Papstschreiben sind eigentlich immer amtliche Schreiben. Bei seinem jährlichen Schülerkreis war er nur der diskutierende Professor, der sich auch gerne protestantische Professoren zum Diskutieren einlud. Er hat Statussymbole seiner Vorgänger, vor allem solche politischer Natur wie die Kopfbedeckung, die die politische Macht symbolisierte, kurzerhand abgeschafft. Anders gesagt, im Gegensatz zu seinen Vorgängern hat Papst Benedikt den Privatmann Joseph Ratzinger nie aufgegeben und da ist es nur konsequent, dass er sich jetzt auf das private Altenteil zurückzieht.
Ihre Meinung als Protestant?
1,2 Milliarden Menschen zu führen, einen, wenn auch kleinen Staat monarchisch zu verwalten, gewaltige Vermögen zu kontrollieren und als einer der wenigen Menschen pausenlos in den Medien präsent zu sein, das ist selbst für körperlich fitte Menschen kaum zu leisten. Der Papst ist eben auch nur ein Mensch und die Überhöhung seines Amtes im Papstdogma von 1870 wird mehr und mehr von der Realität eingeholt. Der Papst selbst hat den orthodoxen Kirchen vorgeschlagen, es reiche, das Papstamt in seiner Ausgestaltung vor der Kirchenspaltung von 1054 anzuerkennen. Sein Rücktritt, wenn auch vom Kirchenrecht abgedeckt, entzaubert das Amt und macht es menschlicher. Vermutlich wird es nicht der letzte Rücktritt aus Altersgründen bleiben, sondern ab jetzt die Regel werden.
Sie gelten als einer der besten protestantischen Kenner der römisch-katholischen Kirche und haben mit vielen ihrer Würdenträgern auf allen Kontinenten gesprochen. Was bewegt einen evangelikalen Theologen und Vertreter der Weltweiten Evangelischen Allianz dazu?
Ich habe natürlich immer schon Konfessionskunde gelehrt. Wer das Christentum weltweit kennen und darstellen will, kann ja nicht an seiner katholischen Hälfte vorbeigehen. Zudem sind der Vatikan, der Ökumenische Rat der Kirchen einschließlich der orthodoxen Mitgliedskirchen und die Weltweite Evangelische Allianz die einzigen drei großen christlichen Dachverbände, die jeweils etwa 50% und zweimal 25% der Weltchristenheit repräsentieren. Da kann man nicht aneinander vorbei. Das gilt beim Einsatz bei der UN in New York und Genf oder der OSZE in Wien ebenso wie beim Thema Christenverfolgung. Und ich kenne mein Gegenüber gerne im Original.
Wie war das Verhältnis der Weltweiten Evangelischen Allianz zum Vatikan und umgekehrt?

Geoff Tunicliffe, Generalsekretär der Weltweiten Evangelischen Allianz, im Gespräch mit Papst Benedict XIV. (© Osservatore Romano)
Unser Generalsekretär Geoff Tunnicliffe hat den Papst mehrfach getroffen. Auf der Synode haben wir unseren Beitrag geleistet. Papstvertraute als Leiter von Päpstlichen Kongregationen wie die Kardinäle Kurt Koch, Peter Turkson oder Jean-Louis Tauran haben die Weltweite Allianz immer als Partner geschätzt und respektvoll behandelt. Das gilt besonders für die fünfjährigen Verhandlungen zum gemeinsamen Dokument des Vatikan, der Weltweiten Evangelischen Allianz und des Ökumenischen Rates der Kirchen, „Christliches Zeugnis in einer multireligiösen Welt“, die ich von unserer Seite geleitet habe, aber auch für die seit Jahren laufenden offiziellen Gespräche zu theologischen Gemeinsamkeiten und Verschiedenheiten, die von unserer Seite mein Vorgänger als Vorsitzender der Theologischen Kommission, Rolf Hille, leitet.
Also eine Annäherung der Allianz an die katholische Kirche?
Wissen sie, die Zeiten, wo man umeinander herumschlich und nur redete, wenn man so tat, als sei man einig, sind doch vorbei. In den Gesprächen freut man sich genauso über unerwartete Gemeinsamkeiten, wie unterschiedliche Positionen offen angesprochen und ausführlich begründet werden. Als unser Generalsekretär auf der Vatikansynode die von der Theologischen Kommission formulierte Erklärung zur Evangelisation vortrug, um die der Vatikan gebeten hatte, sagte er bereits im zweiten Satz, dass sich das Evangelium allein aus der Schrift ergebe, die der oberste Maßstab für Glauben und Leben sei, und das zwei, drei Meter vom Papst entfernt.
Zudem haben Kardinäle und andere katholische Würdenträger mit uns und mit mir immer Klartext gesprochen, auch über die Fehler ihrer eigenen Kirche, so wie wir und ich nicht den Eindruck erweckt haben, bei uns sei alles Gold was glänzt. Bitte haben Sie aber dafür Verständnis, dass ich vieles vertraulich behandele und hier nicht preisgebe. Auch ökumenische Beziehungen basieren auf persönlichem Vertrauen.
Beim Friedensgebet von Assisi war auch die Weltweite Evangelische Allianz vertreten?
Der Papst hatte uns gegenüber vorher unmissverständlich klar gemacht, dass er jeden Verdacht des Synkretismus oder des gemeinsamen interreligiösen Gebetes verhindern werde. Immerhin war es ja das einzige Mal, dass er seinem Vorgänger öffentlich widersprach, als er sich als Präfekt der Glaubenskongregation 25 Jahre früher weigerte, mit dem Papst zum Friedensgebet von Assisi zu gehen. Indem Benedikt jeder Religion ein eigenes Gebäude für das Gebet zuwies, fand tatsächlich kein gemeinsames Gebet statt.
Sie haben in dem Hotel übernachtet, in dem die Kardinäle nun während des Konklaves schlafen?
Ja. Bis zur Wahl Johannes Paul II. war die Übernachtung für die – überwiegend ja recht alten – eingeschlossenen Kardinäle eine Zumutung. Johannes Paul II. hat dann verfügt, dass sich die Kardinäle im ganzen Vatikan bewegen dürfen und ein eigenes Hotel „Martha“ mit Suiten und Einzelzimmern direkt neben dem Petersdom gebaut. Die Zimmer sind recht spartanisch, natürlich ohne Kontakt zur Außenwelt. Ich wusste immer, welcher Kardinal bei der letzten Wahl in ‚meinem‘ Bett geschlafen hatte.
Was war ihr eigener Beitrag zur Synode?
Ich habe die Synode an die verfolgten Christen erinnert. Der Papst selbst und einige Kardinäle haben das sehr begrüßt, der Papst hat mir mit warmen Worten für meinen Einsatz gedankt, aber aufs Ganze gesehen blieb das Thema tabu, selbst als es Vertreter der Ostkirchen oder Chinas auf die Tagesordnung setzen wollten.
Welches halten sie für seine wichtigsten Veröffentlichungen aus evangelikaler Sicht?
Da ist als erstes das dreibändige Jesusbuch zu nennen. Nicht nur, weil es für die historische Glaubwürdigkeit der Evangelien kämpft, sondern vor allem wegen der Begründung: Der Papst wollte deutlich machen, dass Jesus der Mittelpunkt des christlichen Glaubens ist und hat das zuletzt auch auf der Synode deutlich gesagt: Der christliche Glaube ist eine persönliche Beziehung zu Jesus. Ständig hat er wiederholt, dass die Zukunft einem Entscheidungschristentum gehört, das auf persönlicher Entscheidung und Beziehung zu Jesus, nicht auf traditioneller oder kultureller Zugehörigkeit beruht.
Daneben ist seine erste Enzyklika „Gott ist Liebe“ („Deus caritas est“) zu nennen, die das in den Mittelpunkt stellt, was merkwürdigerweise jahrhundertelang in kirchlichen Bekenntnissen fehlte, dass Liebe die zentrale Eigenschaft Gottes in der Bibel ist. In der Enzyklika steht nur wenig, was ein Evangelikaler nicht unterzeichnen könnte. Im Mittelpunkt steht ein gewaltfreies Christentum, dass niemanden zwingt und sich den Schwachen zuwendet.
Die zweite Enzyklika „Hoffnung gründet auf Erlösung“ war eigentlich fast nur noch eine Bibelarbeit, wenn man vom Schlusskapitel absieht, das sich an Maria wendet und wie angehängt wirkt, um das Dokument doch noch „katholisch“ zu machen.
War denn der Papst nicht eher ein konservativer Hardliner?
Er war in ethischen Fragen viel konservativer als in dogmatischen. Da die ethischen Fragen die säkulare Öffentlichkeit und liberale Katholiken vor allem beschäftigen, wurde die dogmatische Seite wenig beachtet. Dogmatisch brachte er Bewegung und ging auf andere Kirchen zu, auch auf die Evangelikalen. Von der Abschaffung des ‚Limbus‘ früh in seiner Amtszeit über das Jesusbuch, in dem er sich zum Teil exegetisch großzügig über spätere typisch katholische Auslegungen hinwegsetzte, bis hin zum Verhältnis zu den orthodoxen Kirchen war das greifbar. Hier merkte man, dass er als viel belesener Theologe andere Position gründlich aus Büchern und Schriften, sowie aus ausführlichen Gesprächen kannte und für die Diskussion ernst nahm.
Seine beste Tat aus ihrer Sicht?
Die Verschärfung der Kirchengesetze zum sexuellen Missbrauch im Gefolge seines ausgezeichneten Hirtenbriefes an die Katholiken Irlands vom 19.3.2010.
Sein größer Fehler – wenn sie einmal von theologischen Unterschieden absehen?
Papst Johannes Paul II. sah seinen Pressesprecher als engsten Vertrauten, der ihn unabhängig vom vatikanischen Apparat über die Welt auf dem Laufenden hielt und der als Papstvertrauter die Medien immer auf dem Laufenden halten konnte. Einen solchen Pressesprecher als Vertrauten hatte Benedikt nie, die Medien schienen ihm eher lästig zu sein und sein Pressesprecher konnte eigentlich nur amtliche Verlautbarungen weitergeben. Das hat meines Erachtens sehr zur Eskalation mancher Medienkampagnen beigetragen.
Der Papst und soziale Medien?
Das ist ein schönes Beispiel dafür, warum der Papst sein Amt lieber in jüngere Hände legen will. Die drei Bände seines Jesusbuches hat der Papst bis zuletzt mit Bleistift geschrieben! Er war prinzipiell sehr dafür, Facebook, Twitter usw. zu benutzen. Der Vatikan generell hat das ja auch ganz gut hinbekommen, aber die persönliche Seite solcher Medien scheiterte schon daran, dass der Papst alleine keinen Tablet-Computer mehr bedienen kann und von den negativen Reaktionen erschüttert war. Die ‚Followers‘ in den sozialen Medien können aber sehr gut unterscheiden, ob Einträge von Profis stellvertretend geschrieben werden oder – zumindest teilweise – original und zeitnah geschrieben werden. Hier hat ein Papstnachfolger sicher große Chancen.
Gibt es etwas, was sie bedauern?
2008 sagte der Papst: „Die Wurzel des Übels liegt in einem Islam, der von seiner Natur her gewalttätig und historisch konfliktträchtig ist.“ Anfänglich hat er zum Thema Islam sehr ‚scharf geschossen‘, dann wurde es zunehmend still um diese Thematik, am Ende war sie fast tabu. Sicher ist das eine unangenehme Thematik für einen Papst und er muss immer an die vielen Christen denken, die in islamischen Ländern leben, aber trotzdem war das Thema zuletzt unterbelichtet. Und die notwendige Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus wurde nie vorgenommen.
Wir danken für das Gespräch.
Bibliografische Informationen:
- Thomas Schirrmacher. Papst Johannes Paul II. und das Leiden: Warum der Papst nicht zurücktritt. Verlag für Theologie und Religionswissenschaft: Nürnberg, 20052. 2005-2, 2012-3
- Bestellbar in jeder Buchhandlung oder online unter www.vkwonline.de.
Download des Interviews als PDF: BQ 242 – Nr. 06/2013

Thomas Schirrmacher mit seinem Gegenüber im Vatikan: dem Leiter der Glaubenskongregation (Theologischen Kommission) Georg Müller (© privat)
Das Internationale Institut für Religionsfreiheit hat einen neuen Vorsitzenden
November 2, 2012 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar

Foto (IIRF): Die Leitung des IIRF im UN-Menschenrechtsrat (von links): Godfrey Yogarajah (neuer Vorsitzender), Michael Mutzner (Ständiger Vertreter der WEA bei der UN in Genf), die drei Direktoren des IIRF: Thomas Schirrmacher (Deutschland), Roshini Wikremeshine (Sri Lanka), Christof Sauer (Südafrika).
Im Rahmen von Nebenveranstaltungen zur Lage der Menschenrechte in Pakistan und Sri Lanka im Gebäude des UN-Menschenrechtsrates in Genf stellte das Internationale Institut für Religionsfreiheit (IIRF) Godfrey Yogarajah aus Sri Lanka als neuen Vorsitzenden des Aufsichtsrates vor. Yogarajah war Generalsekretär der Asiatischen Evangelsichen Allianz, bevor er Direktor der Kommission für Religionsfreiheit der Weltweiten Evangelischen Allianz wurde.
Der Gründungsvorsitzende des IIRF, Dr. Paul C. Murdoch, der jetzt Missions- und Religionswissenschaft am Albrecht-Bengel-Haus in Tübingen lehrt, bleibt als ‚Vorsitzender Emeritus’ Mitglied des Aufsichtsrates. Der Aufsichtsrat dankte dem scheidenden Vorsitzenden für seinen intensiven Einsatz in der Gründungsphase des Instituts.
Neben einem neuen Vorsitzenden wurde Esme Bowers als neues Mitglied des Aufsichtsrates gewählt, um Afrika und das Büro in Kapstadt zu repräsentieren. Bowers ist Geschäftsführerin des internationalen Vorstandes der Lausanner Bewegung, Vorsitzende von Africa Enterprise und Vorsitzende der Frauenkommission der Afrikanischen Evangelischen Allianz.
Ansprache an die TEE-Verbände in Asien, Kathmandu, 2010
Oktober 11, 2012 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar

Freundlicherweise hat eine Mitarbeiterin des Veranstalters meine frei gehaltene Ansprache als Vorsitzender der Theologischen Kommission der Weltweiten Evangelischen Allianz bei der Panasiatischen Konferenz von Anbietern von ‚Theological Education by Extension’ im Oktober 2010 in Kathmandu (Nepal) kürzlich vom Band abgetippt, warum ich sie erst jetzt fast zwei Jahre später – und nur auf Englisch – zur Verfügung stelle und zwar in der Form, wie sie mir der Veranstalter überlassen hat. Bei der Konferenz trafen sich 75 Verantwortliche von TEE-Programmen aus 27 asiatischen Ländern, die etwa 100.000 Studenten repräsentieren.
Einen recht grundsätzlichen Absatz daraus möchte ich hervorheben:
„The Theological Commission is aware that our biggest theological problem is not to define our theology, but to make sure that everyone who becomes a Christian gets a chance to understand at least the basics of our faith. Otherwise we’ll have a situation where only the top people know their theology. The top tier will become more and more knowledgeable and we’ll lose the millions on the bottom, even while we may rejoice at huge numbers apparently coming to Christian faith. But this is against everything Evangelicals stand for! Every believer should read his Bible, study the world around him, and become a solid mature world Christian!“
Die Frühgeschichte der Evangelischen Allianz und ihres Einsatzes für Religionsfreiheit
Mai 8, 2012 by Schirrmacher · 2 Kommentare
Gerhard Lindemann. Die Geschichte der Evangelischen Allianz im Zeitalter des Liberalismus (1846-1879). Theologie: Forschung und Wissenschaft Bd. 24. Lit Verlag: Münster, 2011. 1064 S. 129,90 €
Seit meiner Dissertation zu Theodor Christlieb von 1985 und der kurz darauf erschienenen Arbeit von Hans Hauzenberger hat zwar der methodistische Forscher Karl-Heinz Vogt zu Christlieb selbst und zum Thema Allianz und Religionsfreiheit einiges Neue beigetragen, aber insgesamt fehlten die großen Fortschritte in der Forschungsgeschichte zur Allianz in Deutschland seit 25 Jahren, ja für die Zeit vor dem 2. Weltkrieg weltweit. Auch zur Frühgeschichte der Weltweiten Evangelischen Allianz ist länger nichts substantiell Neues erforscht worden. Und auch zur Geschichte der Religionsfreiheit im 19. Jahrhundert allgemein haben sich die Forscher nicht gerade überschlagen. Und nun dieses ausgezeichnete Mammutwerk!
Ein großformatiges Buch mit 947 Seiten reinem Text mit großem Satzspiegel und kleiner Schrift: Die Heidelberger Habilitationsschrift von 2004 wird dem Ruf, das die Deutschen die dicksten aller Bücher schreiben, gerecht. Bisweilen detailversessen, alles minutiös aus den Akten und zeitgenössischen Zeitungen belegend, wird das Buch dadurch zu der gründlichsten (und besten) Darstellung der Vor- und Frühgeschichte der Evangelischen Allianz. Die Weltweite Evangelische Allianz vertritt heute 600 Mio. Christen weltweit, davon nur noch ein Bruchteil deutscher Zunge. Schade, dass dem größten Teil dieser Menschen deswegen dieser Schatz verborgen bleiben wird, denn eine englische Übersetzung dieser Textmenge wäre zwar dringend erforderlich, ist aber leider sehr unwahrscheinlich.
Das Werk behandelt, soweit aus den Quellen rekonstruierbar, 1. die eigentliche Geschichte wie Versammlungen, Kampagnen und internationale Ausbreitung, die jeweils in die große Zeitgeschichte eingeordnet werden, 2. die Rolle der entscheidenden Persönlichkeiten, und 3. die Arbeitsschwerpunkte der Allianz (dabei vor allem Glaubens- und Gewissensfreiheit, Gebetswoche, Mission, Publikationen). Wer dabei eine einzelne Thematik verfolgen möchte – etwa die Geschichte der internationalen Allianzgebetswoche jeweils zu Beginn des Jahres –, kann dies über die übersichtliche Gliederung und den Index sehr gut tun. Auch wer die Geschichte der Allianz bis 1879 in solch unterschiedlichen Ländern wie Großbritannien, England, Deutschland, den skandinavischen Ländern, Kanada, Australien, Südafrika, Türkei, Iran, Indien oder Japan verfolgen will, wird hier fündig.
Zu vielen Details findet sich hier erstmals ein Beleg (z. B. Einsatz der frühen Evangelischen Allianz für Tierschutz) und selbst zu Christlieb habe ich Neues gefunden, dass meine Dissertation ergänzt (Christlieb und Versöhnung mit Frankreich in New York [747-752], Christliebs Einsatz gegen Opiumhandel [856-858], Geschichte der Westdeutschen Evangelische Allianz [921-922].)
Lindemann sieht die Allianz gleich zu Beginn als erste organisierte Form der Ökumene, als einzig wirklich ökumenische Organisation, die aus der Erweckungsbewegung des 19. Jahrhunderts entsprang (15). Er weist nach, dass die Allianz selbst in ihren frühen Dokumenten häufig das Wort „ecumenical“ verwendete (938 u. ö.). „Sie schuf ein Klima, das die Gründung von Vorgängerorganisationen des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) ermöglichte.“ (945). Er kritisiert, dass geschichtliche Darstellungen der modernen Ökumene oft sehr spät einsetzen und sowohl die Allianz als auch einige ihrer führenden Vertreter als Vorreiter der Einheit der Christen übergeht (21).
Lindemann sieht die Allianz als Teil der transnationalen Frömmigkeitsbewegung der Erweckungen nach dem Pietismus (25), die man nicht einfach pauschal als „antiaufklärerisch“ oder „antimodern“ beurteilen darf (25), sondern die etwa in Fragen der Religionsfreiheit oder des Antisklavereikampfes (28-29) auch ihrer Zeit voraus war. Gespeist aus Erweckungen in ganz unterschiedlichen Sprach- und Kulturkreisen zeichnete sie sich wie der Pietismus „durch ein weitverzweigtes Netz internationaler Kontakte und Verbindungen aus“ (33).
Ob man die Gründung ökumenischer Strukturen unabhängig von der Allianz wirklich allein auf die „zunehmende ‚Fundamentalisierung‘ der Allianz 1880“ (945) in Form der Ablehnung der Bibelkritik und der Zuwendung zur Heiligungsbewegung zurückführen kann, wie Lindemann ganz am Ende eher beiläufig sagt, wage ich zu bezweifeln. Ich vermute, dass eine ebenso gründliche Arbeit zur Zeit nach 1880 ebenso eine andere ‚Allianz‘ hervortreten ließe, wie die Allianz, die Lindemann bis 1879 darstellt, ebenso dem gängigen Klischee nicht entspringt. Doch Lindemann hat Recht, wenn er fortfährt: „Doch lebte das Gedankengut der Allianz in der Ökumene fort.“ (946). Überhaupt passen die Schlussworte zur Evangelischen Allianz heute, die eine gute frühe und eine schlechtere spätere und heutige Allianz andeuten, nicht so ganz zum Duktus des Buches. Aber nach 945 überaus fairen Seiten in der Darstellung der Allianz aus den Quellen sollte man diese verhaltene Kritik liebevoll beherzigen, zumal die daraus gezogenen Empfehlungen schon teilweise umgesetzt werden.
Insgesamt schreibt Lindemann aus freundlich-kritischer Distanz. So kritisiert er etwa die große Nähe vieler Evangelikaler zum herrschenden Adel in der Zeit der Revolutionen 1848/49 (152-158), worin die Evangelikalen sich nicht von den Kirchen ihrer Zeit unterschieden.
Häufiger hilft er, positive Bilder zu differenzieren. So bestand etwa schon bei Gründung der Evangelischen Allianz Einigkeit in der Verurteilung der Sklaverei – der Kampf gegen die Sklaverei gehörte unverrückbar zur Geschichte der ‚Evangelicals‘, aber inwiefern Sklaverei duldende Gruppen und Personen Mitglied werden durften, war diesseit und jenseits des Atlantischen Ozeans umstritten (65-72, 110-129, 159). 1846 wurden sie alle ausgeladen, später teilweise zugelassen, dann mit der Abschaffung der Sklaverei in den USA endgültig verbannt (693). Noch nie wurden diese komplizierten Details im Einzelnen belegt.
Auch zur Entstehung des Glaubensbasis wird viel neues Material geliefert. „Man verstand sich als eine Verbindung von Einzelpersonen und legte in diesem Zusammenhang auf die persönliche Glaubensentscheidung des Einzelnen Wert und betonte das Recht auf individuelle Bibellektüre. Mit diesem Grundaxiom hing auch die scharfe Abgrenzung vom Katholizismus sowie hochkirchlichen Gruppierungen im Protestantismus zusammen, die Sakramente und die Institution Kirche als objektiv vorgegebene Größen betrachteten und der Entscheidung des Einzelnen voranstellten. Hingegen galt für die Allianz in ihrer in London verabschiedeten ‚Glaubensbasis‘ die göttlich inspirierte Schrift als sakrosankt, deren freie Prüfung dem Einzelnen jedoch zugestanden wurde.“ (205)
Spannend ist die Entstehung der ersten Glaubensbasis (87-98). Meines Erachtens hätte man noch deutlicher darauf hinweisen können, dass die beiden ersten Sätze eine bis heute zentrale Spannung bewirken:
„1.The Divine Inspiration, Authority, and Sufficiency of the Holy Scriptures.
2. The Right and Duty of Private Judgement in the Interpretation of the Holy Scriptures.“ (98).
Einerseits ist dies eine unverückbare Festlegung, andererseits eine extremer Pluralismus, der jeden Gläubigen verpflichtet, die Grundlage selbst auszulegen.
Exkurs: Die Evangelikalen sind durch zwei Paare entgegengesetzter Pole gekennzeichnet und man wird ihnen nicht gerecht, wenn man jeweils nur einen der Pole sieht.
Einerseits ist das die von den Evangelischen ererbte Zentralität der Heiligen Schrift. Andererseits ist es der aus Luthers Frage ‚Wie bekomme ich einen gnädigen Gott‘ hervorgegangene Heilsindividualismus. Es geht darum, dass jeder Mensch seine persönliche Beziehung zu Gott hat und daraus ergibt sich als Korrektur zur Zentralität der Schrift die Berechtigung, ja Verpflichtung jedes Christen, die Heilige Schrift selbst zu studieren und auszulegen, womit er mit jedem noch so gebildeten evangelikalen Theologen, auch seinem Pastor, gleichauf steht. So vereint die evangelikale Welt die dogmatische Enge dank der Bibelfrage mit einer enormen demokratischen Weite, weil jeder theologisch mitreden darf.
Die zweite Spannung ist die zwischen Mission und Religionsfreiheit. Aus der enormen Betonung der persönlichen Beziehung zu Jesus entstand sowohl die starke Betonung der „Zeugnispflicht“ als auch die starke Betonung der Religionsfreiheit. Das Konzept der Freiwilligkeit prägte nicht nur die Freikirchen, sondern auch den innerkirchlichen Pietismus, für den Glaube nicht nur etwas Äußerliches, Ererbtes sein dürfte, sondern etwas persönlich Erfahrenes. Dazu aber kann man niemand zwingen, ja Zwang macht die Möglichkeit zunichte, eine wirklich eigenständige, persönliche Umkehr zu Gott zu vollziehen. Also lieber eine kleinere Kirchen mit überzeugten Mitgliedern, also eine große mit vielen Mitgliedern, die nur dank gesellschaftlichem, familiärem oder sonstigen Druck dazugehören.
Neubestimmung des Verhältnisses der Evangelischen Allianz zur katholischen Kirche
Lindemann geht auf die antikatholischen Tendenzen und Aktivitäten in Großbritannien ein, in denen die Allianz zum Teil wurzelt (45-50). Allerdings weist er schlüssig nach, was mein größtes Aha-Erlebnis beim Lesen des Buches war: Es waren kaum die dogmatischen Unterschiede, die im Mittelpunkt standen, sondern die Allianz repräsentierte mit ihrem Eintreten für Glaubens- und Gewissensfreiheit, ihrer teilweise radikalen, teilweise noch verhaltenen Trennung von Kirche und Staat und ihrer Vorangstellung der freiwilligen persönlichen Bekehrung – was jeden Zwang in der Mission oder religiösen Zwang seitens des Staates ausschloss – das komplette Gegenteil zur ultramontanistischen katholischen Kirche, die Religionsfreiheit entschieden verwarf, den Staat als Diener der Kirche zumindest in Fragen von Religion und Ethik sah und die örtlichen Katholiken stärker denn je an die geistliche, aber auch politische Führung des Papstes band – alles Positionen, die die katholische Kirche offiziell erst im 2. Vatikanischen Konzil aufgab, aber schon nach den beiden Weltkrieg jeweils immer mehr zurückfahren musste. So wie es im bismarckschen Kulturkampf in Deutschland weniger um Glaubensinhalte, also um die Machtfrage und den politischen Einfluss der Kirche(n) ging, so stand im Zentrum der Allianz – so Lindemann –, dass der Ultramontanismus „als eine Verschwörung gegen die geistige Entwicklung und geistige Freiheit des Menschheit“ (49) erachtet wurde (321-337).
Konsequenterweise setzte man sich vom Gründungsjahr an auch für verfolgte Katholiken in protestantischen Ländern ein und unterstützte antikatholisch orientierte Regierungen nicht in ihrem Tun (205). Übrigens wurde 1846 bewusst bei der Gründung keine Nichtzulassung von Katholiken formuliert (131). Als sich die Allianz 1858 mit einer Delegation gegen Schweden wandte, dessen oberstes Gericht, der Königliche Gerichtshof, 6 Frauen, die zum Katholizismus konvertiert waren, des Landes verwiesen hatte, und die Allianz Religionsfreiheit für diese Katholiken forderte, gab es europaweit einen Sturm der Entrüstung außerhalb der Allianz (295-300). Die Allianz war wesentlich daran beteiligt, dass der schwedische Reichstag die Strafen für das Verlassen der lutherischen Staatskirche 1860 abschaffte.
Lindemann schreibt: „Durch ihre Konzentration auf dogmatische und geistliche Elemente unterschied sich die Allianz von anderen anti-katholischen Gruppierungen. Überdies machte das Engagement für die waadtländische Freikirche deutlich, dass die Vereinigung sich nicht von einem blinden Katholikenhass leiten ließ, sondern sich auch gegen eine diplomatische und militärische Unterstützung von Regierungen aussprechen konnte, die das Prinzip der Religionsfreiheit nicht achteten, auch wenn sie sich mit dem Katholizismus im Konflikt befanden. Sir Culling Eardley stellte in diesem Zusammenhang klar, dass politische Freiheit ohne Religionsfreiheit undenkbar und auch nicht unterstützenswert sei – nach Auffassung des Londoner Allianzkomitees handelte es sich dabei 206um das ‚heiligste unter den Menschenrechten‘.“ (205-206)
„Die Evangelische Allianz erwies sich bereits in ihrer Gründungsphase keineswegs als eine rein antikatholische Bewegung. Vorrangig war das Interesse an einer Einheit unter den Christen, während aktuelle Ereignisse und Entwicklungen eher als auslösende Faktoren für den Schritt zu dem protestantischen Zusammenschluss anzusehen sind. Als wesentliche Ziele galten die Evangelisation der Welt sowie, vor allem aus amerikanischer Perspektive, auch der Wunsch, durch die grenzüberschreitende Zusammenarbeit zum Frieden unter den Völkern beizutragen.“ (205)
Neues zur Geschichte der Religionsfreiheit
Als das herausragende Thema der Allianz erweist Lindemann den Einsatz gegen Verfolgung aus religiösen Gründen und für die Religionsfreiheit, die noch nie so gründlich dargestellt wurde (bes. 141-151, 205-321, 592-645, 773-811, 858, 868-913). Besonders interessant sind auch die Erkenntnisse zum Einsatz der Allianz für die Religionsfreiheit, die Lindemann aus den Akten des britischen „Foreign Office“ gewann.
Am stärksten waren die Jahre 1849 bis 1858 vom Einsatz für aus religiösen Gründen Verfolgte im Mittelpunkt (207), da die Allianz sich zunutze machte, dass Außenpolitik Theme der Presse und der entstehenden Parlamente wurde (207).
Wählen wir als Beispiel den Einsatz für einen vom Katholizismus zum Protestantismus konvertierten Italiener Signor Giacinto Achilli (1803-1893), der deswegen lebenslänglich von der römischen Inquisition inhaftiert war und der in einem fast einjährigen diplomatischen Tauziehen unter Beteiligung des britischen und französischen Außenminister, der Medien, der eigenen Zeitung und zahlreichen Delegationen schließlich durch einen Trick von den Franzosen aus Rom befreit und nach England überstellt wurde (208-223).
Vorgänge wie diese stellt Lindemann wiederholt minutiös dar. Sie wurden, wenn sie überhaupt bekannt waren, bisher noch nie in ihren einzelnen Schritten nachvollzogen und belegen, wie gut organisiert, mit Regierungen und Medien vernetzt und ihrer Zeit voraus dieser Aspekt der Evangelischen Allianz war.
Lindemann schreibt: „Bei ihrem Einsatz für aus Glaubensgründen Benachteiligte profitierte die Allianz eindeutig von der zunehmenden Pluralisierung vor allem der britischen Gesellschaft und der Entstehung einer breiteren Medienöffentlichkeit, die die Einflussnahme von ‚Pressure Groups‘ auf außenpolitische Entscheidungsprozesse zuließ. Man merkte bald, dass in bestimmten Fällen das gemeinsame Agieren über Ländergrenzen hinweg noch Erfolg versprechender zu sein schien und, wie zum Beispiel erstmals im Fall des Italieners Achilli, zu einem gemeinsamen Handeln von Regierungen führen konnte. Zugleich konnte der Verweis auf die englische öffentliche Meinung Staaten von Repressionen auf Andersgläubige abhalten, sie beenden oder zumindest abmildern. Nicht nur durch den Gebrauch neuer Methoden in diesem Engagement hatte die Evangelische Allianz an einem Modernisierungsprozess des Protestantismus im 19. Jahrhundert einen Anteil.“ (943)
Die Britische Allianz erreichte etwa durch eine Denkschrift an den preußischen König gegen die Baptistenverfolung, dass der aus Berlin vertriebene Führer der Baptisten Johann Gerhard Oncken nach Berlin zurückkehren konnte (235-237). Mit Schreiben der britischen Königin und des preußischen Königs setzte man 1852 dem toskanischen Großherzog Leopold II in einer Audienz wegen der Inhaftierung eines Ehepaars namens Madiai zu. „Die Deputation stieß europaweit auf eine starke Resonanz“ (254). Und selbst der gestrenge Lutheraner Ernst-Wilhelm Hengstenberg, wahrhaftig kein Freund der Allianz, rühmte das Vorgehen, denn es habe den katholischen Vorwurf, die Protestanten seien hoffnungslos zerspalten, widerlegt. Hier habe man mit einer Stimme gesprochen (254). Die Sache weitete sich bis in die USA aus, andere italienische Fürsten wurden ebenso aktiv, wie der französische Kaiser, bis das Ehepaar Madiai schließlich nach einem Jahr 1853 freigelassen wurde. Besonders deutlich wird, wie eng der Gedanke einer Ökumene der Protestanten und der Religionsfreiheit verbunden war: Gemeinsamkeit macht stark.
Wie konfessionell großzügig man war, zeigt sich auch darin, dass man sich beim Sultan nicht nur für Konvertiten vom Islam zum Protesantismus einsetzte, sondern auch für die griechisch-orthodoxe Kirche (300). Im Iran setzte man sich für Nestorianer ein (610-613).
Nach der Hinrichtung eines Konvertiten 1853 aktivierte die Allianz in Zusammenarbeit mit der Türkischen Allianz ihre Kontake in zahlreichen europäischen Regierungen, bis schließlich 1856 Sultan Abdülmecid I. – sicher in Zusammenhang mit der komplizierten Politik zwischen dem Osmaischen Reich und der Westmächte – in einem Edikt den Protestanten größere Freiheiten zugestand und die Todesstrafe für Konversion abschaffte (300-319). 1874-1875 führte eine weitere große Kapagne eine Allianzdelegation bis zum türkischen Außenminister, Diplomaten sogar bis zum Sultan, deren Auswirkungen aber umstritten sind (879-902).
Lindemann schreibt, dass für die Niederschlagung der Prozesse gegen Pastoren im Baltikum durch den Zaren „der Londoner Vorstoß der Allianz verantwortlich gewesen“ sei (800). Das Verwirrspiel um den Versuch eines Treffens mit dem Zaren, der schließlich seinen Außenminister vorschickte, wird bei Lindemann aufgelöst (779-800).
Auch die Audienzen, die die Allianz beim preußischen König erhielt, etwa 1855 in Köln oder 1857 im Rahmen der Berliner Allianzkonferenz bei Friedrich Wilhelm IV. (286f), drehten sich immer um die Religionsfreiheit in Deutschland. Dasselbe gilt für Gespräche des Allianzsekretärs, die er mit dem deutschen Kaiser Wilhelm I. und dem Reichskanzler Otto v. Bismarck 1875 führte (919).
Eine Allianzdeputation bei Kaiser Franz Joseph I. in der Hofburg und anschließende Gespräche beim Ministerpräsidenten und beim Kultusminister im Jahr 1879 führten zu spürbaren Erleichterungen für Protestanten, 1880 sogar zu deren rechtlicher Anerkennung als Kirchen, sowie fast nebenbei zu Erleichterungen für die Freikirchen in Wien (913).
Dasselbe gilt auch für den Besuch der gesamten Teilnehmerschaft der New Yorker Konferenz beim amerikanischen Präsidenten Ulysses S. Grant und seinem Kabinett 1873 (755-756), nur dass die amerikanische Regierung nicht mehr von der Religionsfreiheit überzeugt werden musste.
Man bedenke, dass das alles zu einer Zeit geschah, als die angestammten Kirchen alle noch weit davon entfernt waren, ihren Staatskirchenstatus aufzugeben, geschweige denn Religionsfreiheit für alle zu gestatten, geschweige denn selbst zu fordern. Wenn Religionsfreiheit damals gefordert wurde, dann meist von Juden, religiösen Minderheiten und Atheisten, nicht aber von sehr religiösen Vertretern der vorherrschenden Religion. Welchen Beitrag die Evangelische Allianz zur Religionsfreiheit in Deutschland geleistet hat, ist bisher noch nirgends gewürdigt worden.
Grundsätzliches
Die Homburger Konferenz für Religionsfreiheit von 1853 war ein Meilenstein der Allianzgeschichte und der Toleranz in Deutschland und Europa (263-267). Zentrales Ergebnis war die Ablehnung jeder kirchlichen Gewalt gegen Separatisten und die Ablehnung jeglicher Inanspruchnahme staatlicher Gewalt durch Kirchen gegen andere (266) ein Meilenstein der Entwicklung des Rechtes auf Religionsfreiheit. Dies galt zudem bewusst nicht nur für Christen, sondern für alle Religionen, was natürlich zu internen Kontroversen und zu scharfer Kritik seitens protestantischer Staatskirchen führte (267-272), ohne dass die Allianz deswegen von dem Grundsatz abrückte.
1861 stellt ein französischer Pastor erstmals eine ganz neue These auf, die sich mehr und mehr in der Allianz durchsetze, dass nämlich „die Religionsfreiheit staatliche Ordnung und den ihr innewohnenden Frieden garantiert“ (592), Unterdrückung der individuellen Religionsfreiheit dagegen Revolution und Unfrieden nähre und dem Staat seine gottgegebende Grundlage entziehe!
Interessanterweise bestätigt eine internationale wissenschaftliche Untersuchung genau dies: Religionsfreiheit fördert eine friedliche Gesellschaft, deren Unterdrückung fördert Unruhe und Gewalt und praktisch alle religiös gefärbten terroristischen Bewegungen der Welt kommen aus solchen Ländern. [Brian J. Grim, Roger Finke. The Price of Freedom Denied: Religious Persecution and Conflict in the Twenty-First Century. Cambridge: Cambridge University Press, 2010 und meinen Kommentar dazu unter http://www.thomasschirrmacher.info/archives/1792]
Lindemann schreibt: „Mit ihrem Engagement für die Religionsfreiheit leistete die Allianz, deren angloamerikanischer Flügel sich nicht mit bloßer Toleranz zufriedengab, sondern das öffentliche Bekennen des Glaubens als ein Grundrecht ansah, auch der Durchsetzung der bürgerlichen Freiheiten in den betreffenden Ländern einen bemerkenswerten Dienst und trug zur Entstehung einer europäischen Zivilgesellschaft nicht unwesentlich bei. Allerdings kam es in diesem Bereich auch zu Konflikten mit der britischen Regierung, die im Blick auf Indien vorrangig an der Beherrschbarkeit des Landes interessiert war und im Falle des Osmanischen Staats insbesondere von globalstrategischen sowie von ökonomischen und Handelsinteressen geleitet war. Letztere begannen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts die britische Außenpolitik verstärkt zu beeinflussen. Zudem lässt sich auf der Regierungsseite eine deutliche Zurückhaltung gegenüber dem evangelikalen Missionsverständnis nachweisen. Das Gesamtengagement der Allianz erwies sich hingegen durch die Erweiterung seiner Bezugspunkte und -orte bis hin nach Russland und Japan als kongruent zur globalen Dauerpräsenz Großbritanniens. Im Unterschied zur britischen Außenpolitik mischte man sich jedoch immer wieder auch in europäische Religionskonflikte ein, während man mit Ausnahme der italienischen Einigung hinsichtlich politischer Spannungen wie den seit 1864 von Preußen geführten Kriegen analog zur Haltung der britischen Regierung Zurückhaltung übte oder sie gar wie im Falle des polnischen Aufstandes von 1863/64, der keineswegs frei von religiösen Komponenten war, ignorierte.“ (943).
Weltweite Evangelische Allianz besucht UN-Truppen zwischen Nord- und Südkorea
April 20, 2012 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar
(Bonner Querschnbitte 190) Eine Delegation der Weltweiten Evangelischen Allianz unter Leitung ihres Generalsekretärs Geoff Tunnicliffe besuchte auf Vermittlung des südkoreanischen Verteidigungsministeriums die demilitarisierte Zone zwischen Nord- und Südkorea. Offiziere der dort stationierten UN-Truppen des Joint Security Areas (JSA) berichteten vor Ort über die angespannte Lage. Auf einem militärischen Aussichtsturm führten sie in die angespannte Propagandalage ein, da beide Länder durch überdimensionierte Fahnenmaste und andere Aktivitäten auf sich aufmerksam machten. Am Tisch der Baracke, wo 1953 das Waffenstillstandsabkommen auf der Demarkationslinie unterzeichnet wurde, wurde die Aufgabe der Waffenstillstandskommission MAC dargestellt. Es ist auch der einzige Ort, wo man die Grenze zwischen Süd- und Nordkorea überschreiten kann.

Der Generalsekretär der WEA, Geoff Tunnicliffe, betonte, dass die Weltweite Evangelische Allianz ihr Gewicht gerne für Friedensgespräche in die Waagschale werfe. Er machte den südkoreanischen Kirchen Mut, die südkoreanische Regierung bei ihrer Politik der kleinen Schritte der Annäherung zu unterstützen. Die Weltweite Evangelische Allianz werde ihre alle 6 Jahre stattfindende Generalversammlung 2014 in Korea abhalten.
Der Vorsitzende der Theologischen Kommission der WEA, Thomas Schirrmacher, erklärte, dass sich die Weltweite Evangelische Allianz bei der südkoreanischen Regierung, aber auch bei ihren Partnerkirchen in Südkorea, für friedliche Reaktionen auf nordkoreanische Provokationen einsetze. Eine gefestigte Demokratie dürfe zwar einer Diktatur mit Selbstbewusstsein entgegentreten, dürfe aber nicht deren Mittel benutzen. Er betonte in einer Ansprache, dass Deutschland eine friedliche Wiedervereinigung erlebt habe. Dazu hätten mancherlei Faktoren beigetragen, auch die friedliche Familienzusammenführung und das Gebet vieler Christen in aller Welt und im Land. Das wünsche man auch Korea.
Zusätzlich bieten wir Ihnen ein Interview mit Thomas Schirrmacher und eine ähnliche Meldung des Medienmagazin PRO an.
Interview mit Thomas Schirrmacher auf nordkoreanischem Boden
Warum wird die Weltweite Evangelische Allianz (WEA) nach Korea eingeladen?
Fast ein Viertel der Bevölkerung Koreas gehören evangelikalen Kirchen an, offiziell 23,8% bei 31% Christen insgesamt. Das bringt eine hohe Verantwortung mit sich. Die WEA versucht deswegen ihren Einfluss geltend zu machen, weiterhin die Demokratie zu stützen und etwa gegen die grassierende Korruption in allen Bereichen der Gesellschaft vorzugehen, auch in den Kirchen. Erfreulicherweise öffnen sich die koreanischen Kirchen mehr und mehr für weltweite Zusammenarbeit und Rat von außen.
Sie berichteten in Korea über die deutsche Wiedervereinigung?
Die Teilung zwischen Nord- und Südkorea dauert bereits viel länger als die deutsche Teilung und geht viel tiefer. Am Anfang stand ein grausamer Krieg gegeneinander, dessen Wunden bis heute nicht verheilt sind. Auch hat die Propaganda in Nordkorea viel tiefere Wurzeln geschlagen. Christen aus Südkorea haben mir erzählt, dass sie ihre Verwandten in Nordkorea bei Treffen nicht wiedererkannt haben und keine gemeinsame Gesprächsbasis finden konnten.
Dazu kommt, dass Südkorea selbst lange keine Demokratie war und noch manche Demokratiedefizite hat, etwa im Bereich der Regierungskorruption. Erst allmählich wurde das Thema ‚Freiheit‘ zum zentralen Unterschied.
Aber ja, die deutsche Wiedervereinigung ist in Südkorea ständiges Gesprächsthema und die Hoffnung ist seit 1989 groß, dass Korea Ähnliches erleben könnte. Es gibt ja auch eine Parallele. Die deutsche Wiedervereinigung kam, als die Sowjetunion die DDR nicht mehr stützte und schützte. In Bezug auf Nordkorea wurde die Sowjetunion aber von China abgelöst, das Nordkorea durch Zahlungen für den Zugang zum Meer finanziell am Leben erhält und seine Hand über das Land hält. Wenn China seine Unterstützung beendet, dürfte eine Wiedervereinigung nur eine Frage der Zeit sein.
Wie stehen sie zu den kilometerweit sichtbaren Weihnachtsbaumkonstruktionen auf südkoreanischer Seite.
Auch wenn die 50 m hohen Weihnachtsdekorationen von einem Kreuz geschmückt werden und von Christen ähnlich im ganzen Land aufgestellt werden: Ob sie leuchten oder nicht, entscheidet allein das südkoreanische Verteidigungsministerium. Deswegen schienen sie 2004-2009 nicht, seit 2010 scheinen sie wieder. Als WEA haben wir die missverständliche Verquickung von Politik und christlicher Botschaft angesprochen.
Umgekehrt ist es Unsinn, wenn die nordkoreanische Regierung von psychologischer Kriegsführung spricht. Denn in Nordkorea kann niemand die Weihnachtsbäume oder die überdimensionierten Fahnen Südkoreas sehen, da der einzige Ort in Sichtweite, Kijŏng-dong (Deutsch: Kaesong, Friedensdorf), eine reine Propagandastadt ist, in der es zwar eine riesige Statue des Diktators und eine der höchsten Fahnenmasten mit einer tonnenschweren Fahne gibt, aber keine Einwohner, von Soldaten abgesehen. Umgekehrt können sehr wohl Südkoreaner die nordkoreanische Propaganda sehen.
Eine ähnliche Meldung des Medienmagazins PRO findet sich unter:
www.pro-medienmagazin.de
Downloads:
- Bild 1: Auf nordkoreanischer Seite mit UN-Bewacher (Foto J. Kim, Christian Today)
- Bild 2: Die Delegation mit koreanischen Regierungs- und Kirchenvertretern am Verhandlungstisch der UN auf der Demarkationslinie zwischen Nord- und Südkorea (Foto J. Kim, Christian Today)
- Bild 3: Die Delegation mit koreanischen Regierungs- und Kirchenvertretern im Bahnhof Dorasan, über den südkoreanische Arbeiter zu Joint-Venture-Fabriken in Nordkorea gebracht werden (Foto J. Kim, Christian Today)
- Bild 4: Generalsekretär WEA Geoff Tunnicliffe und Schirrmacher im Bahnhof Dorasan, über den südkoreanische Arbeiter zu Joint-Venture-Fabriken in Nordkorea gebracht werden (Foto IIRF/WEA)
- Bild 5: Grenze vom UN-Aussichtsturm aus, mit Blick auf die nordkoreanische Propagandastadt mit Fahnenmast (Foto IIRF/WEA)
- Bild 6: Mit Regierungs- und Kirchenvertretern vor dem UN-Sitzungshäuschen – Gebäude im Hintergrund ist Nordkorea (Foto IIRF/WEA)
- Bild 7: Schirrmacher mit UN-Fahrzeug der Delegation (Foto IIRF/WEA)
- Bild 8: Eine koreanische Tageszeitung begrüßt die Delegation der WEA in Korea
Der angedichtete Griff zur Macht
März 31, 2012 by Schirrmacher · 10 Kommentare
Zu Martin Erdmanns neuem Buch „Der Griff zur Macht:
Dominionismus – der evangelikale Weg zu globalem Einfluss“
Die Gesellschaft christlich prägen zu wollen, ist der Fehler schlechthin
Im ersten Satz des Vorworts kommt der Vorwurf von Martin Erdmann gegenüber der Mehrheit der evangelikalen Bewegung, dem Thema seines Buches „Der Griff zur Macht“, weltweit kurz und klassisch zum Ausdruck. Der Fehler schlechthin ist es, „die Gesellschaft mit christlichen Werten prägen“ zu wollen (S. 9). Weil die Evangelikalen das wollen, sind „die evangelikalen Gemeinden so kraftlos“ (S. 9). Den wenigsten Evangelikalen ist bewusst – so Erdmann –, dass der Erfolg bei der UN und internationalen Entwicklungen einen hohen Preis hat: Die Menschen folgen „in Scharen … einem neuen Evangelium“ und die „Verkündigung von Gottes Wort hat in der Zusammenarbeit mit diesen Institutionen keinen Platz mehr“ (S. 9).
Die Wirklichkeit, die sich selbst in der weltweiten Religionsstatistik niederschlägt, ist eine andere. Die Evangelikalen verkünden das Wort Gottes heute intensiver, globaler und erfolgreicher denn je zuvor und die vielen Tausende, die täglich zum Glauben kommen, tun dies nicht, weil die Weltweite Evangelische Allianz mit dem UN-Generalsekretär spricht, sondern aufgrund der Evangeliumsverkündigung. Für die Weltweite Evangelische Allianz kann ich das sehr deutlich sagen: Der Einsatz gegen Armut, für Religionsfreiheit und Menschenrechte oder gegen Menschenhandel tritt zu unserem missionarischen Eifer hinzu, er löst ihn nicht ab.
Alles für ihn Falsche fasst Erdmann in seiner Wortschöpfung „Dominionismus“ zusammen. (Zwar gibt es das englische Wort „dominionism“, aber es bezeichnet dort lediglich eine kleine charismatische Variante der praktisch erloschenen Bewegung „Christian Reconstruction“ – siehe dazu mein Buch „Christian Reconstruction (1959 – 1995): Anfang und Ende einer reformierten Bewegung“, Bonn 2001.)
Der Dominionismus besteht nach Erdmann aus vier „Bewegungen“ und „Sonderlehren“, die tatsächlich aber alle nur verschiedene Schattierungen der einen großen „Sonderlehre“ sind, die den „weltweiten Evangelikalismus“ bestimmen (alles S. 43). Was aber versteht Erdmann unter Dominionismus?
Grundlage 1: Das traditionelle Christentum
Wer sich mit Erdmann auseinandersetzen will, muss vor allem die S. 28–31 lesen, in denen Erdmann das traditionelle Christentum und den Dominionismus definiert und einander gegenüberstellt. Wer diese vier Seiten nachvollziehen kann, findet dann im Buch eine Menge Einzelbeispiele. Wer diese Seiten für eine falsche Darstellung von Geschichte und Gegenwart hält, wird aus dem Rest des Buches keinen Gewinn mehr ziehen können.
„Das traditionelle Christentum lehrt: Das Evangelium des ewigen Heils bezieht sich auf den Glauben an Jesus Christus und dessen vergossenes Blut am Kreuz. Die Betonung liegt einerseits auf der Buße, also der Sinnesänderung und Abwendung vom Bösen, und andererseits auf der Bekehrung, also der Hinwendung des Menschen zu Gott. Das Königreich Gottes ist in dieser Zeit der Gnade ein geistlicher Bereich, der durch die evangelistische Verkündigung des Wortes Gottes vergrößert wird. Christus machte zweifellos deutlich, dass sein Reich ‚nicht von dieser Welt‘ (Joh. 18,36) ist, sondern eine geistliche Herrschaft über die Herzen der Gläubigen (Luk. 17,20-21).“ (S. 28)
Unter „Das traditionelle Christentum lehrt“ führt Erdmann also zunächst das „Evangelium“ in den beiden Sätzen so an, wie es jeder Evangelikale teilen würde. Erst dann folgt als zweiter Bestandteil das, was eigentliche Grundlage seiner Kritik ist: „Das Königreich Gottes ist in dieser Zeit der Gnade ein geistlicher Bereich, der durch die evangelistische Verkündigung des Wortes Gottes vergrößert wird“. Christi Reich ist „nicht von dieser Welt“, „sondern eine geistliche Herrschaft über die Herzen der Gläubigen“ (S. 28-29). Das Entscheidende dabei ist, dass seine Definition von „Reich Gottes“ alles andere, das heißt vor allem auch alles Sichtbare ausschließt. Wer über die bei allen Evangelikalen selbstverständlich immer an erster Stelle stehende Verkündigung hinaus etwas Weiteres tut, ist für Erdmann vom traditionellen Christentum abgewichen. (Wenn man das zu Ende denkt, dürfte sich ein Christ auch nicht für seine Familie engagieren, da die eine soziale, sichtbare Größe und kein unsichtbares Reich Gottes darstellt.)
Traditionelles und allein gutes Christentum ist für ihn also die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufgekommene Sicht, dass die Gemeinde Jesu nur mit einer unsichtbaren Herrschaft Jesu verbunden sei, wie sie klassisch John Nelson Darby, der Vater des Dispensationalismus, herausgearbeitet hat. Kein Wunder, dass Erdmann beklagt, dass der „Dispensationalismus“ zunehmend ausgehöhlt wird und an Einfluss verliert (S. 136–137). Denn tatsächlich hat sich der Dispensationalismus längst weiterentwickelt und hat gerade auch von dem völlig vergeistigten Reich-Gottes-Verständnis Abschied genommen.
Übrigens gilt auch: Selbst wenn man Erdmanns Reich-Gottes-Definition teilt, heißt das ja nicht, dass alles, was nicht Reich Gottes ist, deswegen verboten sei. Viele biblische Gebote beziehen sich auf irdische Dinge. So essen und trinken wir, obwohl wir wissen, dass „das Reich Gottes nicht Essen und Trinken“ ist (Röm 14,17).
Zunächst einmal ist zu sagen, dass das, was Erdmann vertritt, nicht das „traditionelle Christentum“ ist. Die katholische oder orthodoxe Sicht ist das sicher nicht, aber Erdmann meint mit „Christentum“ offensichtlich nur die Nachfahren der Reformation. Aber auch bei Luther, Bucer, Calvin oder bei Wesley, Spurgeon oder Oncken (und vielen mehr) ist ein solches Reich-Gottes-Verständnis nicht zu finden.
Zudem gilt: Ein allen gemeinsamen Reich-Gottes-Verständnis hat es in der Kirchengeschichte zu keinem Zeitpunkt gegeben. Die Zahl der Definitionen sind Legion. Die Diskussionen darüber füllten in jedem Jahrhundert Bibliotheken. Zu behaupten, die eigene Sicht sei die traditionelle, von der jetzt alle anderen abwichen, ist für mich ebenso falsch, wie so zu tun, als sei irgendeine traditionelle Sicht – gleich welche – der absolute Maßstab. Eine solche Funktion steht nur dem Heiligen Geist und der Heiligen Schrift in ihrer Gesamtheit zu und letztere übermittelt uns die Offenbarung in einer enormen Breite und Vielfalt, die bei Erdmann völlig fehlt. Es ist überhaupt so, dass Erdmann keine biblisch-exegetische Untermauerung seiner Aussagen und eine Auseinandersetzung mit anderen Bibelauslegungen vorlegt.
Ein Problem der Argumentation Erdmanns ist dabei durchgängig, dass er häufig von der guten Theologie früherer Zeiten spricht und sicher ist, dass früher alles ganz anders war. Doch schon Luther, Calvin, Bucer, Wesley, Spurgeon und viele andere mehr haben sich auch für gesellschaftliche Belange eingesetzt, waren also gemäß Erdmanns Verständnis Dominionisten. Die Bezeichnung „evangelicals“ stammt aus dem britischen Kampf gegen den Sklavenhandel, den William Wilberforce angeregt von den Lehren John Wesleys anführte. Es ist derselbe Kampf, aus dem das Lied „Amazing Grace“ stammt, die „Nationalhymne“ der Evangelikalen, geschrieben von einem bekehrten Sklavenhändler, der Vergebung als Gnade pur erlebte, sowohl persönlich, als auch in der gesellschaftsverändernden Kraft, dass er nun statt dem Bösen das Gute wirken durfte.
Erdmann nennt keine Personen aus der Geschichte, die die früher angeblich klare und wahre Theologie vertreten haben. Gleichzeitig schreibt er: „Auffallend ist, dass die Führungspersonen des Christentums seit der Konstantinischen Wende bisweilen einen Hang zum Dominionismus aufweisen.“
Erdmann zitiert nur einen Autor als Vertreter der traditionellen Sicht, der aber in dem Zitat gerade das nicht sagt, was Erdmann sagt: „Matthew Henry, der bekannte englische Bibelausleger, schrieb 1706 über die auferlegte Pflicht der Evangelisation: ‚Christus beabsichtigte, dass sein Evangelium weder durch Feuer und Schwert propagiert werden sollte noch durch den Zorn der Menschen als Exekutoren der richtenden Gerechtigkeit Gottes. Wenn wir Gott in den höchsten Tönen loben, sollten wir einen Olivenzweig des Friedens in Händen halten. Die Siege Christi werden dank der Kraft des Evangeliums und der Gnade über die geistlichen Feinde errungen. Darin zeichnen sich die Gläubigen mehr als Überwinder aus. Das Wort Gottes ist das zweischneidige Schwert (Hebr. 4,12), das Schwert des Geistes (Eph. 6,11)‘.“ (S. 28) Welcher Evangelikale würde das denn in Frage stellen?
Matthew Henry hatte als puritanischer Ausleger aber ein ganz anderes Reich-Gottes-Verständnis als Erdmann. Und seine stark in Richtung Postmillennialismus gehende Eschatologie müsste Henry für Erdmann gerade zu einem Musterbeispiel für den Dominionismus machen.
Grundlage 2: Dominionismus
Das Gegenstück zum traditionellen Christentum ist für Erdmann der „Dominionismus“. Neben dem traditionellen Christentum und dem Dominionismus, der sich mit der Welt eins macht, scheint es, wenn ich das Buch richtig verstehe, eigentlich keine dritte Größe unter Christen weltweit zu geben – das vermittelt das Buch auf fast jeder Seite.
„Der Dominionismus lehrt: Das Evangelium des Heils bewirkt die Einführung des ‚Königreichs Gottes‘ als ein irdisches Reich der Herrschaft Christi, das in der jetzigen Zeit aufgerichtet werden soll. Einige Dominionisten vergleichen das Königreich des Neuen Testaments mit dem Israel des Alten Testaments. Sie fühlen sich demnach berechtigt, das Schwert zu ergreifen oder andere Methoden der Strafjustiz zu wählen, um Krieg gegen die Feinde des ‚christlichen‘ Königreiches zu führen. Menschen, die sich der Herrschaft Gottes nicht unterordnen, müssen gezwungen werden, ins Königreich zu kommen. Die Kirche besitzt nun die gleiche juristische Gewalt, wie sie in der Bibel dem triumphalen Jesus Christus bei seiner Wiederkunft zugeschrieben wird. Dies umschließt auch den esoterischen Glauben, dass Christus in seiner Kirche Gestalt annimmt und dass sie seinen Leib auf Erden darstellt. Mit Hilfe der Kirche richtet Christus seine Königsherrschaft auf dieser Erde auf. Die Taten der Menschen erhalten eine nicht angemessene Betonung, die göttliche Souveränität wird gemindert. Die Theologie des Dominionismus setzt sich aus drei Grundannahmen zusammen:
1.) Satan nahm nach dem Sündenfall widerrechtlich die herrschaftliche Stellung über die Welt ein, die eigentlich dem Menschen vorbehalten war.
2.) Die Kirche ist Gottes Instrument, um Satan die Herrschaft wieder abzunehmen.
3.) Die Wiederkunft Jesu wird solange hinausgezögert, bis die Kirche die Herrschaft über alle staatlichen und sozialen Institutionen der Welt errungen hat.“ (S. 28–29)
Mir ist keine einzige evangelikale Führungspersönlichkeit bekannt, die vertritt, wir sollten, dürften oder müssten „das Schwert“ gegen Nichtchristen „ergreifen“, die „Strafjustiz“ gegen Feinde des Christentums einsetzen oder dass alle Menschen in die Kirche „gezwungen“ werden müssten.
Dass es evangelikale Christen gibt, die ihre Hoffnung in bestimmten Fragen zu sehr auf den Staat setzen oder Parteipolitik mit christlicher Ethik verwechseln, ist richtig. Vor allem in den USA ist das ein Problem. Aber deren Motivation ist nicht der hier dargestellte Dominionismus, und gerade diese Bewegungen, wie etwa die sog. „amerikanische Rechte“, werden von Erdmann nicht thematisiert. Für die USA kritisiert er fast ausschließlich sogenannte Linksevangelikale, nur gelegentlich und viel verhaltener Rechtsevangelikale, auf die seine Kritik – wenn überhaupt – viel eher zutreffen würde. Zudem repräsentieren die von ihm genannten Beispiel nicht die Evangelikalen, schon gar nicht diejenigen außerhalb der USA.
Diesen Dominionismus gibt es nicht
Mir ist keine Person und keine Veröffentlichung der evangelikalen Bewegung der Gegenwart bekannt, die das vertritt. Keine der im Buch diskutierten Personen oder Werke würde das teilen.
Erdmann nennt kein einziges Beispiel dafür, wer denn diese Position vertritt, wohl, weil er es gar nicht könnte. Er zitiert keine Veröffentlichung, in der das in etwa so vertreten wird. Es mag sein, dass man für einzelne Aussagen Beispiele findet, aber Erdmann sieht ja gerade die Zusammenschau als den Dominionismus an. Im Gegenteil: Evangelikale und vor allem die Weltweite Evangelische Allianz sind seit dem 19. Jahrhundert Vorreiter der Religionsfreiheit und der Trennung von Kirche und Staat, wie gerade Georg Lindemann ausführlich in seiner Habilitationsschrift nachgewiesen hat.
Die evangelikale Bewegung ist unter anderem aus dem Kampf für die Religionsfreiheit heraus entstanden und bei aller Breite ist die Religionsfreiheit eine ihrer tragenden Selbstverständlichkeiten geblieben. Gerade ist sie führend an einem weltweiten Ethikkodex beteiligt gewesen, der jeden Zwang in der Mission als unchristlich verurteilt. Dass sie jetzt dafür sei, mit dem Schwert zu missionieren und Menschen in die Kirche zu zwingen, müsste angesichts der erdrückenden Belege für das Gegenteil gründlich belegt werden. Genau das tut Erdmann aber nicht.
Damit soll nicht gesagt werden, dass es bei der einen oder anderen von Erdmann angesprochenen evangelikalen Richtung oder Persönlichkeit nicht Grund zur Sorge oder Diskussion gäbe. Aber es sind in der Regel andere Bereiche, als die von Erdmann angesprochenen und sie wurzeln nicht im „Dominionismus“.
Kurzum könnte man sagen: Der Dominionismus – im Sinne von Erdmann – ist grundfalsch und unchristlich – aber es gibt ihn – so jedenfalls – nicht auf dem evangelischen Markt.
Erdmann schreibt: „Das offensichtlich Falsche an dieser Lehre wird so geschickt verschleiert, dass es schon einer Portion an geistlichem Scharfsinn bedarf, um das Unbiblische im Kern dieser Lehre erkennen zu können.“ (S. 30). Um das als falsch zu erkennen, braucht man aber keinen Scharfsinn und auch keinen Kern herauszuschälen. Das Evangelium mit Schwert und Strafrecht zu verbreiten, ist schlicht und einfach und offensichtlich falsch.
Alle in einen Topf?
Aufs Ganze gesehen wirft Erdmann ungezählte Personen, Werke und Bewegungen in einen Topf. Darunter sind ausgezeichnete und problematische, theologisch konservative und progressive, rechte wie linke, kleine wie große. Er setzt sie alle gleich und verdammt sie, die Lausanner Bewegung und die Weltweite Evangelische Allianz, Reformierte wie Baptisten, John Stott als reformierter Vordenker wie Brian McLaren als Vorreiter der Emerging Church-Bewegung, missionarisch tätige Organisationen wie auf andere Ziele ausgerichtete Werke, wie das Micha-Netzwerk. Sie alle verfolgen nach Erdmann eigentlich dasselbe Ziel, die Gemeinde Jesu weg vom Evangelium hin zur Beeinflussung durch die Welt zu locken.
„Indem sich viele Christen auf neue, weit gefächerte Allianzen mit Dominionisten einlassen, geben sie ihre Aufgabe als Zeugen des Evangeliums preis. Das Vermögen, als unabhängige Menschen zu leben, die sich in direkter Verantwortung gegenüber Gott einzig an der Bibel orientieren, wird deutlich eingeschränkt.“ (S. 29).
Wählen wir eine Person und eine Arbeitsgemeinschaft von Missionsgesellschaften als Beispiele.
Da ist etwa der jüngst verstorbene Theologe John Stott (S. 74–75). Ihm vorzuwerfen, er habe die Evangelisation verraten, ist falsch. Mit der Lausanner Erklärung von 1974 stellte er die Botschaft vom Kreuz und die Weltmission unmissverständlich in den Mittelpunkt der evangelikalen Bewegung. Das vorherrschende Thema beim internationalen Dankgottesdienst für Stott in der St. Paul’s-Kathedrale war, dass Stott Jesus und die Erlösung am Kreuz immer und überall in den Mittelpunkt gestellt habe. Sein wichtigstes Buch „The Cross“, das gerade erst nach 30 Jahren auf Deutsch erschienen ist, ist eine der bedeutendsten Verteidigungen der Lehre von Sühne und Erlösung.
Die Arbeitsgemeinschaft Evangelikaler Missionen steht bei Erdmann ebenso im Verdacht, die Weltmission verraten zu haben (S. 184). Auf S. 183 listet Erdmann namhafte Missionsgesellschaften wie die Wycliffe-Bibelübersetzer oder die Schweizer Allianzmission auf, in einer Fußnote über 50 Werke, die die Micha-Initiative bzw. „StopArmut 2015“ unterstützen und damit den Verrat am Evangelium belegen. Ein genauerer Blick auf das, was diese Missionswerke weltweit tun, zeigt, dass sie zu Unrecht verdächtigt werden. Nichts weist darauf hin, dass Erdmann sich die Arbeit einer der genannten Organisationen genauer angeschaut hätte.
Evangelikalismus eine Spielart der Esoterik?
Die evangelikale Bewegung ist für Erdmann rechts und links mit esoterischen Bewegungen aller Art verknüpft. Möglich wird das über Wortassoziationen. Weil etwa die Rosenkreuzer ebenso wie einige Evangelikale von einer „Zweiten Reformation“ sprechen, könne dahinter eigentlich nur das gleiche Anliegen stehen (S. 87).
Wie kann man aber die Wycliffe-Bibelübersetzer einem New-Age-Umfeld zuordnen und unterstellen, sie wollten jetzt „Dominionismus“ umsetzen, statt „das Wort“ zu verkündigen? Wem es nicht oberstes Ziel ist, dass Menschen die Bibel (und damit das Evangelium) lesen können und darüber Jesus kennen und lieben lernen, der übersetzt nicht mit solch gewaltigem Aufwand Bibeln! In Wirklichkeit haben die Bibelübersetzer nicht ihren Schwung verloren, sondern sind aktiver und agiler denn je zuvor! Übrigens gilt auch hier: Wirklich verurteilt werden hier vor allem Christen des globalen Südens, denn die Wycliffe-Bibelübersetzer sind ja international „nur‘ noch ein Dachverband von nationalen Zweigen und ungezählten lokalen Partnern, die die Bibeln in die Sprache ihrer Region übersetzen. Wie überall geht der Anteil der westlichen Missionare und Linguisten dabei zurück, der Anteil derer aus dem globalen Süden steigt.
Als „Grundlage“ der Programme „Kirche mit Vision“ und „Zweite Reformation“, aber auch allerlei anderer evangelikaler Bewegungen wie Zellgruppengemeinden kann für Erdmann „eindeutig die ‚Allgemeine Systemtheorie‘ identifiziert werden, eine Synthese aus Evolutionswissenschaft und New Age“ (S. 150). Ist das wirklich „eindeutig“, wo doch die Parallelen weit hergeholt sind und auf sehr vieles in dieser Welt zutreffen? Den Beweis, dass die evangelikale Bewegung längst die Ziele der New-Age-Bewegung teilt, bleibt Erdmann meines Erachtens schuldig.
Der Einsatz für die Armen
Erst auf S. 181 heißt es erstaunlicherweise, da Erdmann bis dahin kein gutes Wort über gute Werke im sozialen Bereich gesagt hat: „Evangelikale haben traditionell das Gebot der Schrift ernstgenommen, als ‚Salz‘ und ‚Licht‘ (Matth. 5,12–13) in der Welt zu wirken. Diese Worte besaßen, so Erdmann, ursprünglich keine dominionistische Färbung. Sie bedeuteten einfach, dass Christen durch individuelle oder gemeinschaftliche Wohltaten das Leben von Menschen positiv beeinflussen können. Dank eines heiligen und gerechten Lebensstils, der übereinstimmt mit einem biblischen Glaubensbekenntnis, können Christen auch in ihrer kulturellen Umgebung Gutes leisten.“ (S. 181).
Das ist wirklich erstaunlich, denn bis S. 181 klang es so, als wäre dem genau nicht so und als fiele schon das alles unter „Dominionismus“. Diese Worte könnten doch von der Micha-Initiative und praktisch allen von Erdmann angegriffenen Personen und Organisationen stammen.
Jetzt ist man gespannt, wie denn Erdmann begründet, dass die Evangelikalen heute von dieser Einsicht abgewichen sind. Seine Antwort und Begründung: Sie setzen sich neuerdings weltweit gegen Armut ein (S. 181–186). Also: wer sich gegen weltweite Armut einsetzt, verrät das Gebot Jesu in Matthäus 5,12–13, ja überhaupt das Evangelium und Jesus Christus?
Jetzt müsste also eine Antwort auf die Frage kommen, wie denn dann die vielen biblischen Aufforderungen und Gebote, Armen und Schwachen zu helfen, zu verstehen sind. Darauf geht Erdmann aber nicht ein. Gilt für uns Menschen im Westen, die „die Güter dieser Welt“ haben nicht jenseits aller theologischer Diskussionen ganz einfach, was Johannes schreibt: „Wenn aber jemand dieser Welt Güter hat und sieht seinen Bruder darben und schließt sein Herz vor ihm zu, wie bleibt dann die Liebe Gottes in ihm?“ (1. Johannes 3,17)?
Nun schreibt Erdmann dazu: „Die Initiative zur Bekämpfung der Armut mag oberflächlich gesehen löblich erscheinen.“ (S. 185). Immerhin! Doch sofort behauptet er, dass die „Gemeinnützigkeit“ nur vorgeschoben ist: „Blickt man allerdings unter die Oberfläche, erkennt man den Dominionismus.“ Alles ist „werbeträchtig“ darauf ausgerichtet, „die öffentlichen Meinungsmacher in der Welt positiv“ zu beeindrucken, und „neue ‚Rekruten‘ für die Armee der ‚Milliarde von freiwilligen Fußsoldaten‘ anzuheuern“ (S. 185). Und was ist sein Beweis für seine ungeheuerliche Aussage? Der lapidare Satz danach, nämlich dass Rick Warren die Micha-Iniative unterstützt. Also, wenn Rick Warren die Armutsbekämpfung unterstützt, kann sie ja nur falsch und seiner Gier nach Anerkennung geschuldet sein? Diese Logik überzeugt nicht.
Das Ganze ist schon ein arger Affront gegenüber den Millionen in der Basis-Arbeit der Micha-Initiative und des Micha-Netzwerkes engagierten Christen im globalen Süden! Hat Erdmann sich je bemüht, deren Anliegen und Opferbereitschaft zu verstehen? Kennt er die Verantwortlichen der Micha-Initiative im Westen? Die Initiative hat ein kleines Budget und praktisch kaum vollzeitliche Mitarbeiter und diese leben vorbildlich in gewählter Selbstbeschränkung. Reich wird dort niemand. Und alles nur um Werbung zu machen? Alles nur, um wichtige Leute zu beeindrucken? Nein, im Gegenteil ist das Ziel, öffentlichen Meinungsmachern mit einem Thema zu konfrontieren, dass sie selten zu Freunden macht, dass nämlich nicht ihre schönen Worte und Versprechen zählen, die sie zum Thema Armut machen, sondern ob sie diese Versprechen halten und was sie konkret tun.
Weder liefert Erdmann eine biblisch-theologische Begründung dafür, warum es falsch ist, sich für die Armen einzusetzen, noch liefert er irgendeinen Beweis für die „wahren Motive“ von Millionen Mitchristen. Es ist ja schlimm genug, wenn Christen im Wohlstand die Armut weltweit übergehen, aber warum muss man noch denen das Leben schwer machen, die sich im Namen Jesu gegen Armut einsetzen, ja warum muss man den wirklich armen Christen verbieten, im Rahmen der Micha-Initiative oder auch sonst Selbsthilfe zu organisieren?
Fehlerhaft
Das Buch enthält viele Aussagen, für die ein Beleg fehlt oder die einfach falsch sind. So heißt es „Im frühen 21. Jahrhundert treten in evangelikalen Denominationen und parakirchlichen Institutionen unzählige Befürworter eines Staatskirchensystems auf und legen einen erstaunlichen Eifer an den Tag.“ (S. 27). Wer das denn so vertreten hat, wird nicht gesagt und konkrete Belege dürfte man wohl vergeblich suchen. (Ich will einmal ganz außer Betracht lassen, dass die Trennung von Kirche und Staat eine komplizierte, sich in jedem Land neu und anders darstellende Thematik ist, die man nicht wie Erdmann auf drei absolute Sätze reduzieren kann.)
Viele Aussagen wirken zudem merkwürdig „plump“ (mir fällt kein besseres Wort ein). Zum Dominionismus gehört angeblich die „Futurologie“ (S. 89). Die ist im Buch nicht gemäß Duden eine „Wissenschaft, die sich mit den zu erwartenden Entwicklungen auf technischem, wirtschaftlichem und sozialem Gebiet beschäftigt; Zukunftsforschung“, sondern Futurologen, so Erdmann, definierten sich darüber, dass sie „glauben, dass der Mensch seine eigene Zukunft gestalten kann“ (S. 89). Ein Beleg dafür fehlt.
Was soll man dazu sagen? Ist es gut oder schlecht, die Zukunft gestalten zu wollen? Einerseits geht die Bibel ja davon aus, dass der Mensch die Aufgabe und Verantwortung vor Gott hat, die Zukunft zu gestalten, und auch für die weiteste Zukunft, die ewige Gemeinschaft mit Gott, ist der Mensch mit verantwortlich. Andererseits kann natürlich niemand die Zukunft im absoluten Sinne gestalten, er weiß weder, was in der nächsten Sekunde geschieht („so der Herr will und wir leben“), noch ist er in der Lage, die hochkomplexe Welt insgesamt zu beeinflussen. Nur: Welche evangelikalen Leiter vertreten denn, dass die Zukunft vom Menschen vollständig machbar sei? Aber zu lehren, dass dem Mensch die Zukunft egal sein soll, wäre auch nicht biblisch.
Die wirklichen Probleme der evangelikalen Bewegung kennt und erwähnt Erdmann nicht
Selbstverständlich hat die weltweite evangelikale Bewegung mit ernst zu nehmende Probleme in ihren Reihen zu kämpfen. Wie sollte das bei mehr als einer halben Milliarden Menschen auch ander sein? Nur kann ich nicht ersehen, dass Erdmann irgendeines von ihnen wirklich kennt und seriös darstellt. Man denke an die kürzliche gemeinsame Stellungnahme der Lausanner Bewegung International und der Weltweiten Evangelischen Allianz gegen das „Health-and-Wealth-Gospel“. Dass Geld eine Wurzel allen Übels ist, auch in der Gemeinde, steht schon im Neuen Testament und die evangelikale Welt ist wie alle Christen natürlich nicht immun dagegen. Doch Erdmann behandelt das Wohlstandsevangelium nicht, sondern nur diejenigen, die Armut bekämpfen wollen.
Das enorm schnelle Wachstum der Christenheit in China hat zur Folge, dass es viele Christen gibt, die nicht genügend „Nacharbeit“ erlebt haben und für allerlei abstruse Lehren oder Lehrer offen sind. Bei den Massenübertritten aus der katholischen Kirche in Brasilien und Lateinamerika hinüber in Pfingstkirchen fehlt es oft an persönlicher Betreuung und Einführung in den Glauben, eine unbiblische Orientierung an einzelnen Führern ist die Folge. Über all das kann und muss man diskutieren, auch wenn es nicht pauschal die evangelikale Bewegung beschreibt, sondern eben Probleme bestimmter Flügel oder regionaler Situationen. Und wer immer einen Verantwortlichen der Weltweiten Evangelischen Allianz fragt, wird als Problem Nummer 1 zu hören bekommen, dass die durchschnittliche Bibelkenntnis unter Evangelikalen bedrohlich abnimmt. Doch zu all dem sagt Erdmann nichts, schon gar nicht, wie man diese Probleme überwinden kann.
Machtmenschen gibt es überall und sie bedrohen auch gerade evangelikale Gemeinden, wie etwa Martina und Volker Kessler als Insider in ihrem Buch „Die Machtfalle‘ darstellen. Doch so etwas Konkretes samt Lösungsvorschlägen findet sich in Erdmanns Buch über „Macht“ nicht.
Statt also solche Fragen anzusprechen, behauptet Erdmann, Kernproblem sei, dass die evangelikale Bewegung ihren evangelistischen Schwung verloren hätte. Genau das stellt aus meiner Sicht die Sache auf den Kopf. Die meisten Probleme, die wir heute haben, sind eine Folge einer organisierten, unorganisierten und persönlichen Verkündigung des Evangeliums wie nie zuvor, gerade in Ländern ohne Religionsfreiheit und Menschenrechtsschutz. Dass ein Weltweiter Gebetstag für verfolgte Christen organisiert wird und sich die Weltweite Evangelische Allianz bei der UN und bei Regierungen für Religionsfreiheit einsetzt, ist eine Folge der globalen Missionsarbeit und der Ausbreitung der Gemeinde Jesu wie nie zuvor. Dass die Anfälligkeit für falsche Lehren steigt, ist eine Folge des enorm schnellen Wachstums unserer Gemeinden im globalen Süden. Das die Wycliffe-Bibelübersetzer auch in der säkularen Welt einen hervorragenden wissenschaftlichen Ruf haben, ist nicht ihr Anliegen, sondern eine Folge des Umstandes, dass von ihnen (und etwa den Mitgliedsorganisationen der Weltbibelgesellschaft) so viele Bibeln wie noch nie übersetzt werden und die Bibelübersetzer dazu mehr Sprachen erstmals erforscht haben, als irgendeine andere Gruppe, aber auch in der Sprach- und Übersetzungssoftware weltweit führend sind.
Dass der UN-Generalsekretär der Weltweiten Evangelischen Allianz für den Einsatz der Micha-Iniative dankt, ist doch nicht das Ziel dieser Initiative gewesen. Vielmehr ist ihr Ausgangspunkt die stark wachsende Zahl von Christen in Armutsregionen gewesen und die Einsicht, dass sie am besten wissen, wie man mit Unterstützung reicherer Kirchen und Länder Armut vor Ort konkret bekämpfen kann. Denn der „Erfolg“ der Micha-Initiative (und des Micha-Netzwerkes) ist gerade dem Umstand geschuldet, dass dort nicht „die Welt“ kopiert wird (wie Erdmann behauptet), sondern Christen ihren eigenen Weg zur Armutsbekämpfung einschlagen, der die Basisarbeit ungezählter Kirchengemeinden einschließt. Dass das „funktioniert“ und dann anerkannt wird, ist Folge, nicht Ziel.
Wenn man sich die vier Hauptzweige des „Dominionismus“ anschaut und die Personen, die Erdmann als ihre Hauptvertreter anführt (C. P. Wagner, Billy Graham, Bill Bright, Rick Warren, Bill Hybels, Brian McLaren, Erwin McManus), muss man zu dem Schluss kommen, dass Erdmann 1. den amerikanischen Evangelikalismus mit dem internationalen verwechselt und international den Einfluss großer Namen und ihrer jeweiligen „Ministries“ stark überschätzt. In den USA stehen solche Namen neben einer Vielzahl anderer „big guys“, er nennt ja vor allem diejenigen, die sehr stark auch in Deutschland engagiert und bekannt sind. Die Problemlage in Ländern mit einer großen Zahl Evangelikaler wie etwa Indien, Nigeria, Brasilien oder China hat mit den genannten Namen kaum etwas zu tun.
Insgesamt muss man sagen: Erdmann hat keinen Überblick über die evangelikale Bewegung weltweit, wie sie wirklich ist und was sie wirklich tut. Er setzt sich 1. nur mit amerikanischen und europäischen Autoren auseinander und unterschlägt die vitalen Kirchen des globalen Südens, und er setzt sich 2. nur mit veröffentlichten Texten und Nachrichten bekannter evangelikaler Pastoren auseinander, kaum mit vielen lehrenden und schreibenden Hochschultheologen weltweit, sicher aber nicht mit realen Situationen, mit realen Gemeinden und den vielen Millionen gläubigen Menschen.
Ad personam: Wasser predigen und Wein trinken
Normalerweise ist mir eine Argumentation ad personam zuwider. Ob ein Autor Recht hat, hängt nur bedingt mit der Frage zusammen, ob er selbst entsprechend lebt. Wer ad personam Erdmann nichts hören möchte, kann diesen kleingedruckten Teil ohne Verlust überspringen. Aber da Martin Erdmann seine These über weite Strecken darauf aufbaut, welche Personen mit wem zusammenarbeiten, wo sie gesprochen haben, und viel aus dem Leben evangelikaler Leiter erzählt, interessiert der Glaubwürdigkeit halber, inwieweit er sich selbst von den kritisierten Personen unterscheidet. Erstaunlicherweise eigentlich nicht. Oder anders gesagt: Wäre Erdmann nicht gerade Autor des Buches, wäre es leicht, ihm im Duktus seines Buches des „Dominionismus“ zu überführen, den er bei so vielen anderen findet.
So wirft er anderen vor, um der Akzeptanz in einer säkularen Umwelt willen keine klare biblische Sprache mehr zu sprechen. Man müsse immer und überall biblisch verkündigen und dürfe sich weder um einer größeren Akzeptanz willen anpassen, noch gesellschaftspolitisch aktiv sein. Martin Erdmann arbeitete selbst bis vor kurzem als „Senior Scientist“ am Universitätsspital Basel im Bereich der Ethik der klinischen Nanomedizin (S. 7). Liest man seine Texte und Veröffentlichungen dazu, erfüllen sie genau den Tatbestand dessen, was er kritisiert. Nur verhalten im Hintergrund ist zu erkennen, dass hier ein Christ schreibt, denn er schreibt so, dass seine Arbeitgeber es akzeptieren können und er eine breite säkulare Leserschaft für seine ethischen Ansichten gewinnen kann – für mich sehr löblich, wenn er nicht genau das anderen vorwerfen würde. Und was ist ein Theologe, der zur Ethik der Nanomedizin forscht, anderes als ein Theologe, der versucht, die Gesellschaft zu beeinflussen?
Auf S. 54 führt Erdmann das Patrick Henry College in der Nähe von Washington als Beispiel für den Dominionismus an. Beleg dafür ist, dass Absolventen beim CIA arbeiten („werden … zu Geheimagenten des CIA ausgebildet“, schreibt Erdmann, tatsächlich erwerben sie einen Abschluss in Jura oder Politikwissenschaften und einige bewerben sich damit dann unter anderem bei der CIA, die sie bei Annahme weiter ausbildet). Eine christliche Hochschule bei Washington wie das Patrick Henry College, die in den USA sehr angesehene Abschlüsse unter anderem in Jura und Politologie anbietet, ist natürlich per se auf politische Fragen ausgerichtet und ja, Absolventen werden unter anderem auch Richter, Polizeioffiziere oder CIA-Mitarbeiter. Man mag darüber streiten, ob Christen solche Berufe erlernen und ausüben sollten und ob man Richterämter und Sicherheitsbehörden lieber komplett anderen überlässt – Johannes der Täufer hat von römischen Offizieren ja nicht verlangt, ihren Beruf aufzugeben, sondern vielmehr gerecht und ehrlich in dessen Ausübung zu sein (Lk 3,14) – das Erstaunliche ist, dass Martin Erdmann 2003 bis 2010 dort selbst Professor für Apologetik war (S. 6+12), während er bereits Vorträge mit dem Inhalt dieses Buches hielt.
Das heißt, die im Buch von ihm selbst genannten beruflichen Tätigkeiten Erdmanns erfüllen alle den Tatbestand des „Dominionismus“ gemäß seiner eigenen Definition. Irgendeine berufliche oder wenigstens umfangreiche nebenberufliche Tätigkeit im Bereich der Evangelisation oder Weltmission, wie sie Erdmann von allen Evangelikalen ausschließlich fordert, oder im Bereich gemeindlicher Strukturen ist dagegen nirgends zu ersehen.
Das International Leadership Team der Weltweiten Evangelischen Allianz
Oktober 17, 2011 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar
Das International Leadership Team der Weltweiten Evangelischen Allianz besteht aus den beiden Generalsekretären (rechts und links von mir in der Mitte), dem Finanz- und Verwaltungsvorstand, den Generalsekretären der 6 regionalen Allianzen, der Vorsitzenden und Direktoren der Kommission und der Leiter und Leiterinnen der Initiativen, Task Forces und Global Partner. Dies schöne Bild wurde in Manado auf Nordsulawesi, einem der nördlichsten Zipfel Indonesiens aufgenommen. Es sieht nicht nur Harmonie und Vielfalt aus, sondern die Zusammenarbeit quer durch die Kontinente und Ausrichtungen ist gut und für mich sehr erfreulich und produktiv. Wir trafen uns dort, da einige von uns anschließend am Global Christian Forum in Manado teilnahmen.
Erzbischof Aktaş informiert Weltweite Evangelische Allianz über die Lage in Mor Gabriel
September 16, 2011 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar
(Bonn, 26.08.2011) Der Direktor des Internationalen Instituts für Religionsfreiheit der Weltweiten Evangelischen Allianz und Vorstandsmitglied der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte, Thomas Schirrmacher, hat sich persönlich über den Stand der Verhandlungen um das bedrohte syrisch-orthodoxen Kloster Mor Gabriel vom Abt des Klosters und vom Rechtsanwalt des Klosters informieren lassen.
Bei dem Treffen betonte der Abt des Klosters, Erzbischof Timotheos Samuel Aktaş, wie wichtig die internationale Unterstützung für das Kloster sei. Der 1945 im Tur Abdin geborene Aktaş ist seit 1973 Abt des Klosters, seit 1985 Erzbischof und Metropolit des Tur Abdin.
An dem Gespräch mit Schirrmacher nahmen als Gesandtschaft der syrisch-orthodoxen Kirche außerdem Rechtsanwalt Rudi Sümer, Prozessbevollmächtigter von Mor Gabriel, Kuryakos Ergün, Vorsitzender der Gemeindestiftung Mor Gabriel, Shemun (Simon) Barmano als Vertreter der Assyrer in Europa sowie Bischof Julius Hanna Aydin und Pfarrer Murat Üzel von der syrisch-orthodoxen Kirche in Deutschland teil.
Erzbischof Aktaş und Schirrmacher verbindet seit längerem, dass beide Preisträger des finnischen Menschenrechtspreises ‚ProFide‘ sind und beide für ihren Einsatz für irakische Flüchtlinge geehrt wurden, Aktaş 1993 für seinen Einsatz für die Flüchtlinge während des 2. Golfkrieges, Schirrmacher 2009 für die Flüchtlinge der Gegenwart seit dem Sturz Saddam Husseins.
Das Kloster Mor Gabriel wird vom türkischen Staat seit Jahren massiv unter Druck gesetzt. Mehrere verlorene Gerichtsverfahren, in dem kurdische Nachbardörfer mit absurden Gründen Grund und Boden erstreiten, der seit Jahrhunderten zum Kloster gehört, bedrohen das Kloster in seiner Existenz. Erzbischof Aktaş ist überzeugt, dass der türkische Staat die Gerichtsverfahren als Vorwand nutzt, um die verbliebenen Christen aus der Südosttürkei zu vertreiben. Dafür spricht etwa, dass die Mönche selbst innerhalb der Klostermauern keine Schüler unterrichten dürfen und sie die jahrhundertelangen Traditionen nicht an die nächste Generation weitergeben können.
Das im Jahr 367 gegründete syrisch-orthodoxe Kloster Mor Gabriel ist eines der ältesten Klöster der Christenheit. Die Kuppel mit einem Durchmesser von 11,50 m stammt vom Anfang des 6. Jahrhunderts und war eine Meisterleistung der Baukunst. 1915 wurden während des Genozids an den christlichen Minderheiten alle Bewohner des Klosters auf Veranlassung der osmanischen Regierung durch Milizen umgebracht. In den 1950er Jahren wurde nach Renovierungsarbeiten ein Priesterseminar eingerichtet, dass die türkische Regierung 1980 schloss und verbot.
Meldung der IGFM
Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) hat das Auswärtige Amt und Bundestagsabgeordnete zum Eintreten für das christliche Kloster Mor Gabriel in der Osttürkei aufgerufen. Deutschland müsse gegen die faktische Enteignung des Klosters protestieren und weitere EU-Beitrittsverhandlungen von einer Respektierung der Rechte der christlichen Minderheit in der Türkei abhängig machen, heißt es in einem Appell der IGFM. Das aus dem 4. Jahrhundert stammende Kloster Mor Gabriel gehöre zu den ältesten Stätten des christlichen Glaubens in der Türkei und sei „die letzte geistliche Zufluchtsstätte der Christen in Südostanatolien“. Vor 100 Jahren hätten in der Region Tur Abdin noch rund 950.000 assyrische Christen gelebt. Jetzt sei zu befürchten, dass den verbliebenen 2.500 bis 3.000 Christen ihr geistliches Zentrum weggenommen und zu einem touristischen Objekt umfunktioniert werde, so die IGFM. Die Organisation verwies auf den historisch „absurden Vorwurf“, vor dem Bau des Klosters habe auf dem Gelände eine Moschee gestanden. Forderungen, das Kloster müsse die angeblich geraubten Güter zurückgeben, griffen die „Grundfesten der Toleranz des türkischen Staates gegenüber religiösen und ethnischen Minderheiten“ an und ließen die Achtung und den Willen zur Verständigung mit anderen Kulturkreisen vermissen. Das Angebot, dem Kloster die betreffenden Ländereien zu vermieten, nannte die IGFM „eine weitere Form der Enteignungspolitik gegenüber der christlichen Minderheit“. Dies dürften europäische Politiker nicht hinnehmen. Die Organisation rief die Abgeordneten und die Regierung auf, den Rechtsstreit der Christen gegen den türkischen Staat zu unterstützen. Ohne einen Schutz der Eigentums- und Menschenrechte durch die Türkei dürfe es keine Verhandlungen über einen EU-Beitritt geben, so die IGFM.
Links für die Hintergrundrecherche:
· www.oecumene.radiovaticana.org/ted/Articolo.asp
· de.wikipedia.org/wiki/Timotheos_Samuel_Akta
· Englisch: www.syrianchurch.org/bio/SyriacOrthodox/bio_TimotheosAktas.htm
Downloads:
· Foto 1: Bischof Aydin, Schirrmacher, Erzbischof Aktaş (jpg)
· Foto 2: Die syrisch-orthodoxe Gesandtschaft mit Schirrmacher (jpg)
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Prof. Dr. theol. Dr. phil. Thomas Schirrmacher (geb. 1960) ist Sprecher für Menschenrechte und Vorsitzender der Theologischen Kommission der Weltweiten Evangelischen Allianz, die weltweit etwa 600 Mio. evangelische Christen vertritt und Direktor von deren 2006 gegründeten Internationalen Instituts für Religionsfreiheit (Bonn, Kapstadt, Colombo)