Die „Christian-Identity“-Bewegung hat mit einer christlichen Kirche oder christlicher Dogmatik nichts zu tun, weswegen man oft auch einfach nur von „Identity“ spricht. Sie gehören wie der Ku Klux Klan zu den rassistischen Bewegungen in den USA, die alle nicht reinrassig „Weißen“ aus den USA vertreiben wollen. Sie hat heute in den USA etwa 50.000 Anhänger in ungezählten, sich widersprechenden und bekämpfenden Gruppen.[1] Hier soll es mir nicht um Argumente gegen Rassismus allgemein gehen, wie ich es in meinem Buch „Rassismus“ (jetzt auch auf Englisch „Racism“) getan habe, auch nicht darum, dass diese Bewegung praktisch alle Lehrinhalte des Christentum leugnet oder ignoriert, sondern um die spezielle Herkunft aus der Gruppen der christlichen Sondergruppen der Britisch-Israel-Bewegung, der allein die Bezeichnung „Christian“ zu verdanken hat.

Ursprünglich war die Britisch-Israel-Bewegung im 19. Jahrhundert in Großbritannien prosemitisch, sah sie doch in den Briten Nachfahren der verlorenen 10 Stämme Israels. Ende der 1870er wurde sie in den USA auf alle Angelsachsen ausgeweitet.

Erst in den 1920er Jahren entwickelte sich ein Teil dieser Bewegung in die antisemitische Richtung, vor allem im Umfeld des Ku Klux Klan, namentlich durch Reuben H. Sawyer. Jetzt waren die Angelsachsen und zunehmend überhaupt die weiße Rasse bzw. die Arier (= westliche Christen) die wahren Nachfahren aller Juden, die heutigen Juden dagegen Nachfahren der Khasaren und damit Slawen. Aber erst in den 1970er und 80er Jahren wurde die Bewegung voll ausgebildet.

Heute glauben die meisten Anhänger der Bewegung, dass 1. die Arier bzw. Kaukasier die Nachkommen von Adam und Eva bzw. der alttestamentlichen Juden sind; 2. Jesus weißer Arier war; 3. die Nichtarier anderer Abstammung sind, so etwa präadamitische Rassen darstellen, wobei dann Kain nur Halbbruder von Abel war, also nicht Adam zum Vater hatte; 4. die Juden Präadamiten sind oder direkt von Satan gezeugt wurden und die Nachfahren der Khasaren darstellen; 5. Armageddon als letzter Kampf zwischen Ariern und Nichtariern kurz bevorsteht.

Michael Barkun hat besonders herausgestellt, dass die Vertreter der „Britisch-Israel-Theorie“ und der „Christian Identity“-Bewegung in Großbritannien und den USA die Khasarenthese zum Bestandteil ihrer Überzeugungen machten, weil ja die christlichen, vor allem angelsächsischen Völker Nachfahren der 10 verlorenen Stämme Israels sein sollen, es ihnen also entgegen kam, wenn die Juden keine Nachfahren der biblischen Juden waren.[2] In den 1960er Jahren – so Barkun – war für die „Christian Identity“-Gruppen das Ganze zu einem festen Glaubensartikel geworden.

Barkun[3] sieht den Durchbruch der Khasarenthese in den 1920er Jahren in verschiedenen Artikeln in Zeitschriften der „Christian Identity“-Bewegung, so im ‘The Dearborn Independent’ von 1923 and 1925 und in einem Artikel des Rassisten L. Lothrop Stoddard von 1926, in dem er vertrat, dass die Juden eine Mischung zahlreicher Völker seien, unter denen die Khasaren den Hauptanteil hätten.[4] Im selben Jahr 1926 erhob der Chef des Ku Klux Klan Hiram W. Evans[5] die Khasarenthese in einem Nebensatz in den Rang eines selbstverständlichen Bestandteils aller antisemitistischen und rassistischen Gruppen.[6]


[1] Ich fasse hier zusammen „Christian Identity“. S. 50–53 in: Jeffrey Kaplan (Hg.). Encyclopedia of White Power. Walnut Creek (CA): Altamira Press, 2000; Colin Kidd. The Forging of Races: Race and Scripture in the Protestant Atlantic World , 1600–2000. Cambridge: Cambridge University. Press, 2006. S. 203–226; Richard J. Abanes. „Christian Identity“. S. 312–315 in: Encyclopedia of Race and Racism. Bd. 3. Detroit: Thomason Gale, 2008; vgl. auch weiter Michael Barkun. Religion and the Racist Right. a. a. O.

[2] Michael Barkun. Religion and the Racist Right: The Origins of the Christian Identity Movement. North Carolina: The University of North Carolina Press, 1997. S. 137–139, siehe insgesamt S. 121–147.

[3] Michael Barkun. Religion and the Racist Right. a. a. O. S. 137–138.

[4] Lothrop Stoddard. „The Pedigree of Judah“. Forum 75 (1926): 324–331.

[5] Hiram W. Evans. „The Clan’s Fight for Americanism“. North Merican Review 1926 (Mrz–Mai): 33–63.

[6] So Robert Singermann. „’The Jew as Racial Alien‘: The Genetic Component of American Anti-Semitism“. S. 103–128 in: David A. Gerber (Hg.). Anti-Semitism in American History. Urbana (IL); Univ. of Illinois Press, 1986. S. 188 und auch Richard J. Abanes. „Christian Identity”. a. a. O. S. 313.

 

Schreiben Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.