Buchreihe „kurz und bündig“ stellt sich aktuellen Fragen

(Bonn, 20.05.2014) In der Reihe kurz+bündig sind zwei neue Bände erschienen. In „Finanzkrise“ bewertet der Heidelberger Wirtschaftsprofessor Reiner Osbild unter anderem die Eurokrise aus ethischer Sicht. In „Gender Mainstreaming“ bewertet der Gießener Theologieprofessor Christoph Raedel eines der folgenschwersten politischen Konzepte der gegenwärtigen Politik.

Aus Anlass des Erscheinens führte „Bonner Querschnitte“ folgendes Interview mit Prof. Raedel:

Interview mit Prof. Raedel

Bonner Querschnitte: Schon ihr Buch ist „kurz und bündig“. Wagen sie es trotzdem, Gender Mainstreaming (GM) für uns noch kürzer zu beschreiben?

Christoph Rädel: GM zielt darauf ab, die Geschlechterrollen von Männern und Frauen einander anzugleichen, indem Frauen möglichst kontinuierlich in Erwerbsarbeit stehen, ihrer Arbeit möglichst in Vollzeit nachgehen und Führungspositionen in Unternehmen anstreben, während Männer sich von der Fixierung auf eine Vollerwerbstätigkeit lösen und einen höheren Anteil an der Familienarbeit übernehmen sollen. Der Versuch, Geschlechterrollen anzugleichen, ist aber nicht identisch mit der Auffassung einiger Geschlechtertheoretiker, es gäbe nicht zwei, sondern unendlich viele Geschlechter.

BQ: Und auch hier noch einmal der Versuch, das Kurze noch mehr zu kürzen! Was ist ihre Hauptkritik an GM?

CR: Bei GM besteht die Tendenz, die biologischen Geschlechterdifferenzen nahezu vollständig einzuebnen. Zwar werden Kinder von Frauen, nicht von Männern geboren, daran vermag auch GM nichts zu ändern. Dieser biologische Vorgang wird aber kleingeredet, als wenn es sich dabei um einen für die Identität einer Frau belanglosen Vorgang handelt. Richtig ist: Nicht alles, was wir heute im Verhältnis von Mann und Frau als „natürlich“ ansehen, ist es auch (z.B.: ein Mann darf keine Gefühle zeigen, Frauen schon), aber es gibt Geschlechterdifferenzen, die nicht einfach gesellschaftlich konstruiert sind (z.B. im durchschnittlichen Beurteilungsvermögen der Gefühle anderer).

BQ: Bei aller Kritik: Was können Christen von GM lernen? Oder was haben Sie selbst beim Studium der Literatur für dieses Buch neu erkannt?

CR: GM zeigt: Geschlechterverhältnisse sind Machtverhältnisse, und das ist häufig auch in Gemeinden der Fall. An einem bestehenden Status quo muss nicht alles schon bibeltreu oder gut evangelisch sein. Etwas mehr selbstkritische Prüfung, wo wir in Gemeinden aufgrund festgefügter Geschlechtermuster Menschen in ihren Begabungen und ihrer Lebensberufung nicht gerecht werden, steht uns gut an. Als Personen sind wir Mann oder Frau, als Persönlichkeiten sind wir einzigartig und dürfen es auch sein.

Bei der Beschäftigung mit der Thematik fiel mir auf, wie widersprüchlich die hinter GM stehenden Geschlechterkonzeptionen sind. Und trotzdem sind die Verfechter sehr kampagnenfähig. Die gelegentliche Unschärfe in der Sprache kann man als Verschleierung der tatsächlichen Absichten interpretieren, man könnte aber auch anerkennen: Hier erreichen Gruppen, deren Ansichten nicht nahtlos zusammenpassen, erstaunlich viel, warum werden bei Christen meist als erstes die Risse im eigenen „Lager“ sichtbar?

BQ: Sie sprechen davon, dass sich die Ziele von GM und die Wünsche der Mehrheit der Frauen widersprechen. Inwiefern?

CR: Die Politik fördert den Lebensentwurf der kontinuierlich und mit möglichst hoher Stundenzahl erwerbstätigen, aufstiegsorientierten Frau, die sich – so es dazu kommt – nur eine möglichst kurze „Babypause“ gönnt, denn Kinderbetreuung kann der Staat besser, heißt es inzwischen. Dieses Leitbild favorisieren in der Europäischen Union elf Prozent der Frauen, die Mehrheit wünscht sich eine (bessere) Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder den Freiraum, Familienfrau sein zu dürfen. Die Gründe, warum diese Präferenz nicht immer auch verwirklicht werden, sind zunehmend wirtschaftlicher Natur. Paare brauchen immer häufiger zwei Einkommen, um – ihren Vorstellungen gemäß – leben zu können. Frauen sind auch durchschnittlich seltener als Männer bereit, Privatleben bzw. Familie zugunsten des Aufstiegs in der Firma zurückzustellen. Das aber wird von ihnen verlangt, damit eine Frauenquote in Spitzenpositionen von – idealerweise – 50 % erfüllt werden kann. Wem es wirklich darauf ankommt, Frauen in der Breite ihrer Präferenzen zu fördern, der ist nicht für eine Frauenquote in Führungspositionen, sondern für eine Teilzeitquote bei Spitzenjobs. Aber dafür müssten sich ja nicht die Frauen, sondern dafür müsste sich die Unternehmenskultur ändern.

BQ: Sie kritisieren die „kaum verschleierte wirtschaftliche Zielsetzung“ von GM. Was meinen sie damit?

CR: GM mag seinen Ausgang mit politisch-ideologischen Anschauungen genommen haben, inzwischen ist das Leitparadigma aber ein wirtschaftliches. Öffentlich möchte es kein Verantwortungsträger so hart sagen, aber wir steuern mit statistisch 1,4 Kindern pro Frau auf eine demographische Katastrophe zu. Der Altersquotient der Bevölkerung steigt, die Sozialkassen gehen harten Zeiten entgegen. Eine alternde Gesellschaft braucht Leistungsträger, und Frauen sind heute durchschnittlich hervorragend (aus)gebildet. Bei GM geht es daher um das bessere Ausschöpfen der weiblichen „Humanressourcen“, also ihrer Erwerbstätigkeit. Was daran schlimm sein soll? Dass hier die Wahlfreiheit im Blick auf Lebensentwürfe unter die Räder kommt. Die Abschaffung des Ehegattensplittung wäre der nächste große Kniefall vor dem Wunsch nach mehr Frauen in Erwerbstätigkeit. Und natürlich gibt es auch gesellschaftspolitische Vorkämpfer, die auf eine solche Abschaffung hinarbeiten, weil sie das Modell der Einverdienerehe für antiquiert halten.

BQ: GM und Kinder, was fällt ihnen dazu ein?

CR: In der Diskussion um GM haben Kleinkinder keine Stimme, sie sind halt zu klein. Aber es gibt hinreichend Studien, die belegen, wie wichtig und lebensprägend der Aufbau einer stabilen Bindung zu einer verlässlichen Bezugsperson ist. Das muss nicht die Mutter sein, häufig ist sie es aber aus naheliegenden Gründen. Der Stress, den die Fremdbetreuung in Kitas bei Kindern unter drei Jahren auslöst, wird häufig schöngeredet: Das Leben ist auch später kein Ponyhof. Tatsächlich gilt: Wer in den ersten Lebensmonaten die Chance hatte, eine stabile Bindung aufzubauen, wird später im Leben sozialer, selbstbewusster und leistungsfähiger agieren (können). Für größere Kinder, die selber befragt werden können, lässt sich zeigen: Sie wünschen sich durch die Bank, dass die Eltern mehr Zeit für sie haben. Und zwar Mama und Papa. Das bedeutet: Frauen sollten wirklich mit Rücksicht auf ihre Kinder entscheiden dürfen, wie schnell sie wieder eine (zeitintensive) Erwerbstätigkeit aufnehmen. Männer sind mehrheitlich die „Bread Winner“, die Haupternährer der Familie. Zugleich merken immer mehr Männer: Leben ist mehr, Zeit mit der Familie ist auch „Wertschöpfung“. Wo immer es die wirtschaftlichen Verhältnisse zulassen, sollten sie sich diese wertvolle Zeit nehmen.

Zum Autor

Christoph Raedel studierte ev. Theologie in Rostock, Halle, Cambridge und Reutlingen. 2002 wurde er an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg mit einer Arbeit über methodistische Theologie im 19. Jahrhundert promoviert. Seit 2005 war er als Dozent am CVJM-Kolleg in Kassel tätig. 2011 wurde er zum Professor an der dortigen CVJM-Hochschule ernannt. Er ist Vorsitzender des Vereins für Freikirchenforschung (VFF) und des Arbeitskreises für evangelikale Theologie (AfeT). Seit April 2014 ist er Professor für Systematische Theologie und Theologiegeschichte an der Freien Theologischen Hochschule Gießen.

Bibliografische Angaben:

  • Christoph Raedel. Gender Mainstreaming – Auflösung der Geschlechter? Hänssler kurz und bündig. SCM Hänssler: Holzgerlingen, 2014. Pb. 96 S. 7,95 € [D] ISBN 978-3-7751-5522-9. Lieferbar über den örtlichen Buchhandel oder online unter www.genialebuecher.de
  • Reiner Osbild. Finanzkrise – Geld, Gier und Gerechtigkeit. Hänssler kurz und bündig. SCM Hänssler: Holzgerlingen, 2014. Pb. 96 S. 7,95 € [D] ISBN 978-3-7751-5539-7. Lieferbar über den örtlichen Buchhandel oder online unter www.genialebuecher.de
 

Ein Kommentar

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