Ich kritisiere seit vielen Jahren die Zahl von 100.000 beziehungsweise 90.000 Christen, die angeblich jährlich wegen ihres Glaubens getötet werden, etwa mehrfach in Interviews mit der BBC.

  • Quelle der Zahl 90.000: „Status of Global Christianity, 2017, in the Context 1900–2050“, jährlich unter http://www.gordonconwell.edu/resources/documents/statusofglobalmission.pdf
  • Meine ausführliche Kritik von 2011 und 2016: 
„A Response to the high counts of Christian martyrs per year“. International Journal of Religious Freedom 4 (2011) 2: 9–13.
  • 
Thomas Schirrmacher. „Zur Kritik der Zahl von 178.000 (2010) bzw. 100.000 (2011) christlichen Märtyrern pro Jahr“. S. 119–124 in: Märtyrer 2011: Das Jahrbuch für Christenverfolgung heute. Bonn: VKW, 2011
Thomas Schirrmacher, Thomas Müller. „Märtyrer zählen?“. S. 16–27 in: Thomas Schirrmacher, Max Klingberg, Ron Kubsch (Hg.). Jahrbuch Verfolgung und Diskriminierung von Christen 2016. Bonn: VKW, 2016. ISBN 978-3-86269-124-1

Die Zahl 90.000 war meines Erachtens für 2015 um mehr als das Zehnfache zu hoch, für 2016 sogar um das Dreißigfache! Die Zahl von 90.000 getöteten Christen ist irreführend, wenn auch korrekt berechnet, wenn man das Kleingedruckte der Berechnung des Instituts liest, das sie veröffentlicht.

  1. Es ist die Durchschnittszahl pro Jahr der Schätzung für den gesamten Zeitraum 2000–2010, die auf 2016 übertragen und fortgeschrieben wird. Niemand hat also für diese Zahl im Jahr 2016 Buch geführt, die Zahl ist nicht aktuell, sondern bezieht sich auf ältere Verhältnisse. Deswegen bleibt die Zahl auch jedes Jahr gleich, obwohl in der realen Welt die Zahl von Jahr zu Jahr sehr schwankt.
  2. Die Zahl fragt nicht danach, ob die Täter die Christen getötet haben, weil sie Christen sind. Sie enthält deswegen zu mehr als 90 % Christen, die Opfer von Bürgerkriegen wurden und auch Christen, die in Bürgerkriegen von ‚Christen‘ getötet wurden. Das kann man so definieren, die Leser der Zahl werden aber sicher etwas Anderes unter Märtyrern verstehen.
  3. Das Internationale Institut für Religionsfreiheit schätzte die Zahl der Christen, die wegen ihres Glaubens getötet wurden, für 2014 auf 8.000 bis 9.000. Open Doors International erfasste nur belegbare Fälle und kam für 2015 auf 7.106. Für 2016 liegt die geschätzte Zahl des IIRF bei einem Drittel der Zahl für 2015 (2.000–3.000), die Zahl von Open Doors für 2016, die mit dem Weltverfolgungsindex zusammen veröffentlicht wird, liegt mit 1207 wesentlich niedriger als für 2015. IIRF und Open Doors zählen aber nur die Fälle, in denen die Täter Christen getötet haben, weil sie Christen sind. Ich bin der Meinung, dass auch nur diese Zahl für die Diskussion von Interesse ist.
    Schauen wir uns die Zahlen von Open Doors näher an, dann erklärt sich der Rückgang der Zahlen schnell. 2015 hatten wir laut OD zwei Situationen mit über 1.000 Märtyrern, Nigeria (4.028) und ZAR (1.269), daneben drei weitere Länder zwischen 100 und 1.000, Tschad mit 750, Kongo (DR) mit 467 und Kenia mit 225. Nigeria kam 2016 auf 695, Kongo auf 156, die anderen drei zusammen auf 70 Märtyrer.
  4. Ein Vergleich kann helfen: Seit 2003 starben inklusive des 2. Irakkrieges im Irak bis heute geschätzte 268.000 Menschen gewaltsam, als 26.800 pro Jahr, in Syrien seit 2011 etwa 350.000 Menschen, also 70.000 pro Jahr. Die vermeintliche Zahl von 90.000 Märtyrern würde der Zahl aller gewaltsamen Opfer im Irak und Syrien entsprechen. Die weitaus meisten der Opfer sind aber keine Christen, nirgends sind aber 2015 und 2016 mehr Christen zu „Märtyrern“ geworden als dort.
 

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