Beide Seiten verweisen auf den ökumenischen Verhaltenskodex „Christliches Zeugnis in einer multireligiösen Welt“

Diese Meldung stammt ursprünglich aus dem Jahr 2015 und ist bisher nicht in meinem Blog erschienen.

(Bonn, 27.03.2015) Aus Anlass der Diskussion um eine deutschlandweit diskutierte und kritisierte Predigt des Bremer Pastors Olaf Latzel hat die Bremische Evangelische Kirche zwei externe Experten zu einem öffentlichen Gespräch unter dem Thema „Dialog und Differenz: Vom Glauben sprechen in einer multireligiösen Gesellschaft“ in die St. Pauli Kirche in Bremen eingeladen. Beide wurden gebeten, die theologischen Hintergründe der Debatte darzustellen und Grundlagen für ein gemeinsames Gespräch in der Kirche zu schaffen.

Die beiden Referenten mit den beiden Schriftführern der Bremischen Ev. Kirche

Die beiden Referenten mit den beiden Schriftführern der Bremischen Ev. Kirche

Latzel hatte in seiner Predigt die alttestamentliche Gestalt Gideon, die einen Altar Baals und ein Standbild Ascheras zerstörte, als Vorbild für den heutigen Umgang mit anderen Religionen dargestellt.

Im Kern der lebhaften Debatte, an der sich auch das zahlreich erschienene Publikum intensiv beteiligte, stand die Frage, ob ein respektvoller Dialog zwischen Menschen unterschiedlicher Religionen und Glaubensauffassungen und die Verkündigung des Heils in Christus durch die Kirche zusammengehen können oder sich widersprechen.

Prof. Dr. Klara Butting, Leiterin des Zentrums für biblische Spiritualität und gesellschaftliche Verantwortung an der Woltersburger Mühle, betonte, dass jeder Dialog mit unserem Dialog mit der Bibel beginne, in der uns ein Strauß von ganz unterschiedlichen Erfahrungen mit Gott aus vielen Jahrhunderte entgegen käme. Christen sollten sich ihres Heils und Trostes in Jesus Christus gewiss sein, aber gleichzeitig wissen, dass Christus auch außerhalb der vertrauten kirchlichen Kreise wirke. Auch müssten Christen vom wiederkommenden Christus her denken, der allein Richter sei und alle Menschen zu sich ziehen wolle.

Prof. Dr. Dr. Thomas Schirrmacher, Vorsitzender der Theologischen Kommission der Weltweiten Evangelischen Allianz (WEA), wurde insbesondere eingeladen, da sich die Bremische Evangelische Kirche und die Bremer Evangelische Allianz in ihrer Kritik an Latzels Predigt unabhängig voneinander auf das ökumenische Dokument „Christliches Zeugnis in einer multireligiösen Welt“ berufen hatten. Schirrmacher war einer der Mitautoren dieses Dokumentes, das vom Vatikan, dem Ökumenischen Rat der Kirchen sowie der Weltweiten Evangelischen Allianz im Jahr 2011 gemeinsam verabschiedet und im Oktober 2014 in Berlin von allen Kirchen Deutschlands angenommen wurde.

Das Dokument, so betonte der Theologe und Religionssoziologe, sei ein geeignetes gemeinsames Fundament, da es sowohl die „spöttisch und bewusst unflätig“ gewählten Äußerungen Latzels verwerfe, als auch an der Notwendigkeit der Verkündigung des Evangeliums festhalte. Das Dokument stelle das Zeugnis vom Heil in Christus und die Notwendigkeit des Dialogs nicht nebeneinander, sondern sehe sie als zwei Seiten einer Münze, die immer zusammengehören. Dialog sei demnach 1. eine Frage des Stils – Christen redeten nicht nur, sondern hörten auch gerne und respektvoll zu und wollten das Original des Anderen erfahren und nicht vom Hörensagen leben, und 2. eine politische Notwendigkeit, um gemeinsam mit allen Menschen guten Willens eine gerechte und friedliche Gesellschaft zu bauen. Zwar kritisierte Schirrmacher die unnötig provokanten und theologisch missverständlichen Passagen in Latzels Predigt scharf, doch machte er mit Verweis auf die nicht minder heftigen und beleidigenden Worte der Gegenreaktionen deutlich:

„Wir brauchen einen ernsthaften Dialog über die Frage des Anspruchs des Christentums, keinen kurzen, emotionalen Schlagabtausch, der den anderen in die böse Ecke stellt. Theologisch recht habe nicht der, der besseren Zugang zu den Medien oder zur Politik habe, aber auch nicht der, der lauter ruft oder stärker auf den Putz haut.“

Schirrmacher wandte sich auch scharf gegen die Erklärung der Bremer Bürgerschaft, die einem Antrag der Linken ohne die Stimmen der CDU zugestimmt hatte. Der Staat habe sich aus solchen Diskussionen herauszuhalten. Eine pauschale Verurteilung jeder Religionskritik sei nicht nur gegen die geltende Rechtslage gerichtet, sondern auch parteiisch, weil sich die Bürgerschaft etwa noch nie von islamistischen Predigten, in denen unmittelbar zu Gewalt aufgerufen wird, abgesetzt habe. Wenn Bremen bunt sei, müsse auch jemand wie Latzel zur Buntheit gehören. Zudem sei ‚Die Linke‘ selbst eine religionskritische Partei. Es ginge nicht an, dass Christen andere nicht kritisieren dürften, jedermann aber den christlichen Glauben.

Während der Veranstaltung

Während der Veranstaltung

Die Kirchenleitung der Bremischen Evangelischen Kirche wurde von der Präsidentin des Kirchenausschusses, der Journalistin Edda Bosse, und den beiden Schriftführern, den höchsten ordinierten Repräsentanten, Pastor Renke Brahms und Pastor Dr. Bernd Kuschnerus vertreten. Sie führten im Anschluss an die Veranstaltung ein längeres Auswertungsgespräch mit den beiden Referenten. Die Bremer Evangelische Allianz wurde durch ihren Vorsitzenden, Pastors Andreas Schröder, vertreten.

Die Bremische Evangelische Kirche (BEK) ist ein Unikum unter den 20 evangelischen Landeskirchen, die zur Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gehören, da jede Kirchengemeinde in Bremen unmittelbaren Status als Körperschaft des öffentlichen Rechts hat und freiwillig dem Zusammenschluss der BEK angehört. Zudem kann sich seit 1860 jedes Bremer Kirchenmitglied jeder Ortsgemeinde im gesamten Kirchengebiet unabhängig vom Wohnort anschließen. Somit bestimmt jede Gemeinde ihre theologische Ausrichtung und ihre Pastoren selbst. Aus reformierter Tradition heißt die Synode Kirchentag, der von ihr gewählte Kirchenausschuss führt die Verwaltungsgeschäfte. Der Vorstand von Kirchentag und Kirchenausschuss besteht aus drei Laien, nämlich Präsident(in), dessen Vize und Schatzmeister, und aus zwei ordinierten Geistlichen, die aber nicht weisungsbefugt sind, weswegen die Entsprechung des Präses oder Bischofs eben nur „Schriftführer“ heißt.

Aus diesem Grund gibt es in Bremen auch ausgesprochen evangelikal geprägte Kirchengemeinden, zu denen auch die St. Martini-Gemeinde unter Prof. Dr. Dr. Georg Huntemann und Dr. Jens Motschmann gehörte, die sich unter deren Nachfolger Olaf Latztel aber nun auch von den anderen evangelikalen Gemeinden und von den Vorgängern absetzt – Latzel hatte in der Predigt ausdrücklich auch seinen Vorgänger Motschmann namentlich scharf kritisiert.

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