Sicher, der UN-Generalsekretär hat der Weltweiten Evangelischen Allianz für den Einsatz gegen Armut im Rahmen der Micha-Initiative gedankt, US-Präsident Barack Obama dankte kürzlich auch den Evangelikalen für ihren weltweiten Einsatz gegen Menschenhandel. Und sicher gilt, Christen setzen sich für die Schwachen nicht ein, um Lob zu bekommen, sondern aus Nächstenliebe.

Trotzdem frage ich mich manchmal, wie es kommt, dass in den deutschen Medien die Evangelikalen für allerlei Übel herhalten müssen, mit denen sie nichts oder kaum etwas zu tun haben oder wo sie ihr Fehlverhalten mit vielen anderen teilen, selten aber einmal angesprochen wird, was sie der Welt geben. Und dass es bei anderen oft genau umgekehrt ist, diese also pausenlos gelobt werden und man über ihre Schwächen großzügig hinweggeht.

Als kleines Beispiel erinnere ich mich daran, dass in meinem Ethnologiestudium die Wycliff-Bibelübersetzer (auf Englisch mit „e“, Wycliffe Bible Translators) und ihr Fachzweig „Summer Institutes of Linguistic“ für alle Übel des Kolonialismus haftbar gemacht wurden (siehe meinen Artikel vor 26 Jahren: „Mission und Kultur – Als Ethnologe Christ sein?”. Factum 11+12/1987: 8–10). Da habe ich doch mal etwas gewühlt, wofür die Welt eigentlich diesen Organisationen einmal danken müsste.

Die Verschriftlichung vieler Minderheitensprachen hat zahlreiche Kulturen vor Untergang und Absorption gerettet. Die Menschenrechte sind in vielen Minderheitenkulturen überhaupt erst bekannt geworden, weil SIL die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte in fast alle Sprachen der Welt übersetzt und verbreitet hat, oft gar nicht zur Begeisterung der Machthaber. Für viele Minderheitenkulturen bedeutete die Erfassung, Fixierung und Verschriftlichung ihrer Sprache die Voraussetzung, die eigene Geschichte in der modernen Welt festzuhalten und das nötige Selbstbewusstsein zu erhalten, um ihre Existenz zu verteidigen und Hoffnung zu haben.

SIL erhielt 1993 den Beobachterstatus bei der UNESCO, 1997 beim Wirtschafts- und Sozialrat der UN (ECOSOC) und hat die UN in Fragen von Sprachen und Minderheiten oft beraten.
Seit 2005 setzt Wycliff seine Expertise im Kampf gegen AIDS ein. Eine AIDS-Aufklärungsbroschüre wurde seitdem in 130 Minderheitensprachen übersetzt und wird von vielen Regierungen der Welt eingesetzt.

2004 begann Wycliff, Seminare für traumatisierte Menschen anzubieten – vor allem Opfer von Bürgerkriegen, Kriegen und Flüchtlingsbewegungen – und übersetzt das Seminar-Handbuch dazu in über 100 Sprachen, so dass es heute weltweit von Regierungen, NGO’s und Experten eingesetzt wird.

Die Internationale Organisation für Normung (ISO) in Genf erklärte 2007 die von SIL eingeführte und im „Ethnologue“ über Jahrzehnte erarbeitete und raffinierte 3-Buchstaben-Kodierung aller Sprachen der Welt zum internationalen Standard und damit auch die Einteilung der Sprachen, wie sie unter Mithilfe von Tausenden von Bibelübersetzern und Sprachwissenschaftlern erarbeitet wurde.

Viele Softwarelösungen und Schreibtechniken, die Wycliff entwickelt hat, haben den Weltmarkt bereichert. Wycliff war Pionier im elektronischen Erfassen ungeschriebener Sprachen und von Minderheitensprachen mit ungewöhnlichen Schriftsystemen, die für den Weltmarkt uninteressant waren. Die SIL-Technik zur Verarbeitung komplexer Schreibsysteme „Graphite“ wurde Bestandteil von Firefox und Open Office. Ohne Wycliff wären kleine Sprachen – und damit ihre Sprecher – heute im Internet viel schlechter dran.

Und das war nur mal ein schneller Durchgang. Würde jemand darüber seine Dissertation schreiben, käme sicher noch viel mehr zum Vorschein.

 

2 Kommentare

  1. Angelika Marsch 15. Mai 2013 at 10:57

    Lieber Professor Schirrmacher,

    Ganz herzlichen Dank für die positive Darstellung und Würdigung unserer weltweiten Arbeit. Ihre Worte sind für alle Mitarbeiter unserer Organisation ermutigend und wertschätzend. Es ist als würden Sie jedem auf den Rücken klopfen und „Weiter so!“ sagen. Ihre Worte sind aber auch wegweisend, denn Sie zeigen auf, dass wir uns bisher für die Sprecher der Minoritätssprachen stark gemacht haben und es weiterhin tun sollten. Vor allem wollen wir auch in Zukunft die aktuellen gesellschaftlichen Probleme sehen und uns den wirklichen Bedürfnisse der Menschen stellen.

    Mit freundlichen Grüßen,
    Angelika Marsch
    Leiterin Wycliff Deutschland

     
  2. Johann Schoor 17. Mai 2013 at 09:00

    Matth. 10:24 Der Jünger ist nicht über dem Meister, noch der Knecht über seinem Herrn;
    25 es ist für den Jünger genug, daß er sei wie sein Meister und der Knecht wie sein Herr. Haben sie den Hausherrn Beelzebul5 genannt, wieviel mehr seine Hausgenossen!

     

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