Sind Christen aus dem Orient unwichtiger als Muslime aus dem Orient?

Persönliche Erfahrungen

Es ist schon ein merkwürdiges Phänomen in Deutschland, dass ‚Staat‘ und ‚Kirche‘ (ich meine hier die in der Evangelischen Kirche in Deutschland/EKD zusammengeschlossenen evangelischen Landeskirchen und die Diozösen der katholischen Deutschen Bischofskonferenz/DBK) die kleinen Kirchen (‚Freikirchen‘), zu denen ja neben den kleineren protestantischen Kirchen auch die orthodoxen und altorientalischen Kirchen gehören, weitgehend ignorieren, gleichzeitig aber unter Berufung auf die notwendige Gleichbehandlung islamischen Organisationen und Muslimen große Aufmerksamkeit widmen und Dinge antragen, die diese gar nicht gefordert haben. Staatliche Lehrstühle für Muslime werden aus dem Boden gestampft, freikirchliche und orthodoxe bzw. altorientalische Lehrstühle oder auch nur auf diesem Themenbereich ausgerichtete Lehrstühle gibt es kaum und sie sind eher rückläufig, für orthodoxe Theologie gibt es eine Ausbildung in München, ansonsten Lehrstühle in Münster und Erfurt.

Bei muslimischen Jubiläen oder Eröffnungen von Islamischen Zentren stehen Politiker und Vertreter der katholischen und evangelischen Kirche teilweise Schlange, bei ebensolchen Jubiläen oder Einweihungen von orthodoxen und altorientalischen Kirchen fehlen sie fast völlig.

Gleich vornweg sei gesagt, bevor mein Kommentar für antiislamisch gehalten wird: Ich möchte nicht weniger Respekt und Gleichbehandlung für Muslime, sondern mehr Respekt und Gleichbehandlung für evangelische Freikirchen und orthodoxe bzw. altorientalische Kirchen.

Am beschämendsten war die Erfahrung beim 50jährigen Jubiläum der Erzdiözese der Griechisch-Orthodoxen Kirche in Deutschland, zu der 60 Kirchengemeinden mit etwa 200 Gottesdienststätten und 400.000–500.000 Mitglieder gehören, deren Zahl schätzungsweise um 20.000 pro Jahr wächst. Kein hochrangiger Politiker war in der Agias-Trias-Kirche in Bonn-Limperich anwesend, um die enorme Integrationsleistung zu würdigen, mit der die Kirche ihren Angehörigen über Jahrzehnte geholfen hat, sich in ihrer neuen Heimat zurechtzufinden und ihren Beitrag zum Gemeinwohl zu leisten. Auch der Bonner Oberbürgermeister oder seine Vertreterin fehlten. Der römisch-katholische Bischof von Aachen war als Studienkollege des Metropoliten für die Festrede gekommen, aber wohl nicht als Vertreter der Deutschen Bischofskonferenz, die ca. 10 km Luftlinie vom Sitz des Metropoliten entfernt ihre Zentrale ebenfalls in Bonn hat. Offizielle Vertreter der EKD, der Rheinischen Kirche oder eines evangelisch-landeskirchlichen Werkes fehlten völlig.

Metropolit Augostinos ist zugleich Exarch von Zentraleuropa, so dass ihm alle griechisch-orthodoxen Kirchen in Westeuropa, außer in Großbritannien und Griechenland, unterstehen. Er selbst untersteht nur noch dem Ökumenischen Patriarchen in Istanbul. Anschließend gab es außer unserer Pressemeldung keine Medienberichterstattung, nur der örtliche General-Anzeiger hatte am Tag vorher ein lesenswertes Interview mit dem Metropoliten gedruckt. Zu meiner Würdigung des Metropoliten wegen 50 Jahren erfolgreicher Integrationspolitik heißt es in der Pressemeldung:

„Wenn eine Religionsgemeinschaft ihre Angehörigen zur Integration auffordert und sie unterstützt, kann Integration gelingen.“, so Schirrmacher wörtlich. Das nütze den Zuwanderern, Wirtschaft und Staat und nicht zuletzt der Religionsgemeinschaft selbst. Schirrmacher bezeichnete die vor 50 Jahren gegründete Metropolie und das Wirken des Metropoliten Augostinos als ein „Musterbeispiel für gelungene Förderung der Integration“ und Vorbild für andere.

Man überlege einmal, der Zentralrat der Muslime hätte 50jähriges Bestehen gefeiert und kein Politiker und kein Kirchenvertreter wären gekommen und die Medien hätten nichts berichtet!

Mit dem Metropoliten der Orthodoxen Kirche in Deutschland in dessen Bonner Kirche

Mit dem Metropoliten der Orthodoxen Kirche in Deutschland in dessen Bonner Kirche

Aus meiner persönlichen Erfahrung möchte ich noch zwei weitere Beispiele anführen. Bei einer koptischen Bischofsweihe im koptischen Kloster im hessischen Kröffelbach war ich der einzige offizielle Vertreter nichtöstlicher Kirchen oder ökumenischer Organisationen und seitens der Politik war nur der Ortsbürgermeister erschienen [siehe diese Pressemeldung]. Da wird ein Bischof für Deutschland eingesetzt und keiner erscheint? Und während die koptischen Christen angesichts der Lage in ihrem Heimatland Ägypten dringend unserer Solidarität bedürfen, wird ein Zentralereignis ihrer Kirche in Deutschland einfach ignoriert?

Bei einer syrisch-orthodoxen Bischofsweihe im westfälischen Warburg, an der der syrisch-orthodoxe Patriarch persönlich teilnahm, war ich der einzige höherrangige Protestant. Ein regionaler katholischer Bischof war erschienen, aber wohl nicht offiziell für die Deutsche Bischofskonferenz, ich hatte einen befreundeten freikirchlichen Bischof und befreundete landeskirchliche Pfarrer mitgebracht.

Wird eine örtliche Moschee oder ein Islamisches Zentrum eingeweiht oder finden andere wichtige Ereignisse in Moscheen statt, finden sich eigentlich immer Vertreter der Politik aller Ebenen, aber auch der großen Kirchen ein. Bekommen sie nicht sowieso eine Einladung, bemühen Sie sich oft eigens darum. Geht es aber beispielsweise um syrisch-orthodoxe oder koptische Christen, die oft aus derselben Region und denselben Ländern wie die Muslime kommen, fällt das Interesse stark ab. Geht es gar um Baptisten, Pfingstler oder russlanddeutsche Mennoniten, sieht es meist noch schlechter aus. (Dass die Beziehung vor Ort, das heißt zu örtlichen Kirchenvertretern oder Lokalpolitikern, oft viel besser sind, ist mir bewusst, ändert aber wenig an der Berechtigung meiner Analyse oder Kritik.)

Zähle ich nach der deutschen Religionsstatistik von REMID [Stand: 1.8.2013] alle Mitglieder protestantischer (und altkatholischer) Kirchen neben der EKD zusammen, sind es 0,87 Mio. Die orientalischen Kirchen haben zusammen – je nachdem, wen man mitzählt – 1,51 Mio. Mitglieder. Macht zusammen 2,38 Mio. ‚Freikirchler‘, also Kirchenmitglieder neben DBK und EKD. Die müssten also zusammengenommen wenigstens halb so viel Aufmerksamkeit, Zusammenarbeit und auch Zuwendungen bekommen, wie die geschätzten 4,3 Mio. Muslime im Land.

Aus den baden-württembergischen oder nordrhein-westfälischen Integrationsministerien (die ich am besten kenne) hört man nichts zu russlanddeutschen Migranten oder Immigranten alteingesessener nahöstlicher Kirchen, es geht öffentlich nur um Muslime – was hinter den Kulissen geschieht, ist mir natürlich nur zum Teil bekannt. (Auf Ebene des Bundes sieht es da beim Bundesinnenministerium oder dem Büro der Integrationsbeauftragen etwas besser, aber auch nicht gut aus.) Die enorme Integrationsleistung der orthodoxen und altorientalischen Kirchen oder der russlanddeutschen Kirchengemeinden aller Art, die hunderttausenden Zuwanderern geholfen haben, sich gerne und erfolgreich in unsere Gesellschaft zu integrieren, wird viel zu selten gewürdigt. Die koptische Kirche erstellte vor 40 Jahren die ersten Integrationskurse „Mama spricht Deutsch“. So etwas ist kaum bekannt und wird entsprechend kaum gewürdigt.

Weder die katholische Kirche, noch die evangelischen Kirchen, haben dafür gekämpft, dass die evangelischen Freikirchen ihren Platz im SWR-Rundfunkrat nicht an die Muslime abgeben müssen, und etwa gefordert, das Freikirchen und Muslime beide repräsentiert werden. Sie selbst sind jeweils komfortabel mit 4 Sitzen ausgestattet. Die beiden Landesregierungen tauschen in einem Gremium von 74 Mitgliedern ohne jedes Kennzeichen des Bedauerns den einen freikirchlichen Platz gegen einen muslimischen Platz aus. Von den orthodoxen und altorientalischen Christen wurde gar nicht erst gesprochen. Und das, obwohl es in den beiden betroffenen Bundesländern mehr ‚Freikirchler‘, das heißt Mitglieder freier evangelischer und orthodoxer bzw. altorientalischer Kirchen gibt, als Muslime, wie die Volkszählung erneut bestätigt hat. Und die großen Kirchen schauten einfach zu. Wenn sie schon die protestantischen Freikirchen als unliebsame Konkurrenz wahrnehmen oder gar für problematisch halten, obwohl sie mit den meisten von ihnen zusammen zur Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen [ACK] gehören: Der Anstand hätte geboten, sich wenigstens für die orientalischen Kirchen in Deutschland einzusetzen.

Wenn Freikirchen neue Kirchen bauen wollen, geschieht es immer wieder, dass insbesondere Politiker der Partei Bündnis90/Die Grünen, aber auch andere Politiker und Aktivisten, scharfe Proteste, ja oft Aktionen dagegen unternehmen, wenn und weil die entsprechende Gemeinde Homosexualität für Sünde hält. Mit demselben Grund müsste man dann viel intensiver gegen jeden Moscheebau vorgehen. Besser wäre es, auch im Falle der Freikirchen den Bau von Kirchen nicht davon abhängig zu machen, was diese Kirchen im Rahmen ihrer Religionsfreiheit in ihrem Inneren lehren.

Warum entsteht ein Sturm der Entrüstung, wenn Teile der Freikirchen Homosexualität weiterhin für ‚Sünde’ halten, aber keinerlei Strafen dafür fordern, geschweige denn Selbstjustiz üben, aber geschwiegen wird, wenn Gruppen unter den Muslimen der Meinung sind, dass der Staat Homosexualität hart bestrafen sollte oder gar mit solchen Heimatländern sympathisieren, in denen die Todesstrafe oder andere strafrechtliche Maßnahmen für Homosexualität gelten?

Muslime bekommen derzeit recht viele neue Institute und Lehrstühle an Universitäten, um Religionslehrer auszubilden. Freikirchen und orthodoxe bzw. altorientalische Kirchen bekommen keine. Die Medien diskutieren täglich, wann Muslime dort, wo sie keinen Religionsunterricht haben, endlich welchen bekommen – Geld spielt scheinbar keine Rolle. Freikirchlichen und orthodoxen Religionsunterricht diskutiert niemand, der findet teilweise versteckt außerschulisch in den Räumen der Kirchen selbst statt.

Wohlgemerkt, ich möchte nicht weniger Respekt und Gleichbehandlung, ja Religionsfreiheit für Muslime, sondern mehr Respekt und Gleichbehandlung, ja Religionsfreiheit für evangelische Freikirchen und orthodoxe bzw. altorientalische Kirchen. Und ich tue das nicht als Freikirchler, der für Seinesgleichen spricht, sondern als jemand, dem das Verhalten der eigenen Kirche missfällt.

 

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