Ich möchte an dieser Stelle meine Einleitung zur dritten Auflage und Neuausgabe der Chicago-Erklärungen von 2009 wiederholen. Ich bitte an dieser Stelle außerdem, keine früheren Ausgaben des Buches im Internet einzustellen und gegebenenfalls ältere Auflagen durch das neue pdf zu ersetzen.

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Plädoyer für eine wissenschaftliche Schriftauslegung

Zentrales Anliegen des ICBI war es, eine Hermeneutik zu formulieren, die sich einerseits von bibelkritischen Positionen absetzt, andererseits aber auch von fundamentalistischen Positionen, die wissenschaftliches Arbeiten an der Bibel grundsätzlich verwerfen. Letzteres wird etwa daran deutlich, dass der Wert von Textkritik, ‚Gattungen‘, literaturwissenschaftlichen Kategorien und historischem Wissen über die Welt für das Studium des Bibeltextes hervorgehoben wird.

Diese Position der Chicagoerklärung zwischen den Fronten wird in Europa gerne übersehen. Wenn es etwa in der 2. Erklärung in Artikel XIII heißt:

„Wir bekennen, dass ein Bewusstsein für die literarischen Kategorien der verschiedenen Teile der Schrift in Form und Stil für die rechte Exegese wichtig ist, und deswegen schätzen wir die Erforschung dieser Gattungen als eine der vielen Disziplinen des Bibelstudiums.“

[S. auch die 1. Erklärung, Artikel XVIII: „Wir bekennen, dass der Text der Schrift durch grammatisch-historische Exegese auszulegen ist, die die literarischen Formen und Wendungen berücksichtigt“], so bedeutet dies ja sowohl eine Beschränkung eines allzu laienhaften Umgangs mit der Bibel als auch eine Würdigung mancher exegetischer Literatur aus der Feder von Theologen, die die Grundlage der Chicagoerklärung nicht teilen.

Eine amerikanische Erklärung

Trotz seiner internationalen Bezeichnung war der ICBI weitgehend eine US-amerikanische Vereinigung, denn selbst britische Gelehrte waren kaum vertreten. Als deutschsprachiger Vertreter wurde zwar Prof. Dr. Samuel Külling, als französischsprachiger Vertreter Prof. Henri A. G. Blocher in den Beirat aufgenommen, aber weder waren die Europäer typische Vertreter einer europäischen Zugangsweise zum Thema, noch waren sie an der tatsächlichen Abfassung der Erklärungen beteiligt.

Dies wird etwa an einem auffallenden Unterschied zwischen der europäischen und der amerikanischen Einordnung der ganzen Frage in der Systematischen Theologie auch unter ‚Bibeltreuen‘ deutlich. In Europa ist die Frage, inwieweit die Bibel ‚Gottes Wort‘ ist, immer trinitarisch im Rahmen der Offenbarung Gottes in seinem Sohn diskutiert worden. Die Bibel als Gottes Wort steht dabei gewissermaßen im Windschatten der Offenbarung Gottes in seinem Sohn Jesus Christus als ‚das Wort Gottes‘ schlechthin. In den USA und in den Chicago-Erklärungen wird die Frage, inwieweit die Bibel Gottes Wort ist und wie man dementsprechend mit ihr umgehen sollte, meist unabhängig von der restlichen Dogmatik diskutiert.

Das zeigt sich daran, dass in der 1. Chicagoerklärung gar nicht und in der 2. Erklärung nur kurz in Artikel II gesagt wird, dass Christus die Mitte der Schrift ist, nirgends aber ausdrücklich gesagt oder thematisiert wird, dass Jesus das Wort Gottes ist. Noch verblüffender ist, dass die Aussage in der Trinitätslehre der 3. Erklärung völlig fehlt, die doch eine Art Minidogmatik und -ethik darstellt. Kein Wunder, dass in Europa hier am häufigsten die Kritik insbesondere reformatorischer Theologen angesetzt hat (siehe dazu meinen Aufsatz im 3. Anhang). Allerdings ist gleich einschränkend hinzuzufügen, dass dies eher eine kulturelle Problematik darstellt, denn in Amerika ist es auch sonst eher üblich, dogmatische Einzelfragen recht losgelöst von der Einbindung in die Gesamtdogmatik zu diskutieren, während in Europa oft am entgegengesetzten Ende manche Detaildiskussion stark mit zwar grundsätzlich richtigen, aber zur Frage selbst nichts beitragenden Grundsatzfragen und Fragen der dogmatischen Einordnung befrachtet wird.

Auch der Stil, Thesen in Paaren des Bekennens und Verwerfens aufzustellen, ist zwar natürlich der europäischen Theologiegeschichte nicht fremd, aber schon lange nicht mehr in Übung und befremdet leicht. Sie erhebt jeden Teilsatz in den unmittelbaren Rang eines letzten Bekenntnisses, dem man nicht nur nicht widersprechen darf, sondern den man vermeintlich auch nicht besser formulieren kann.

Erfreulich ist, dass die Chicagoerklärungen durchgängig betonen, dass die Bibel Gottes Wort und Menschenwort zugleich ist (am deutlichsten leider erst in der 2. Erklärung, Artikel II, in der 1. Erklärung ist Artikel VIII dagegen noch etwas dürftig) und jeder mechanischen Inspirationslehre – sei sie nun wirklich in der Geschichte häufig gelehrt worden oder nicht – eine Absage erteilt. Ebenso sieht sie auf der Seite des Verstehens der Schrift die göttliche und menschliche Seite gleichwertig zusammen: Es ist ebenso die Erleuchtung, Führung und Bewahrung des Heiligen Geistes beim Studium der Schrift notwendig, wie das menschliche Denken und damit alle menschlichen Fähigkeiten, die auch sonst helfen, Sprache und Texte zu verstehen.

Bibeltreue ist nicht mit der westlichen Theologie gleichzusetzen

Wenig ausgeprägt ist unter Bibeltreuen das Bewusstsein der Gefahr, die westliche Theologie für die biblische Theologie schlechthin zu halten. Wenn es in der 2. Erklärung in Artikel XII heißt: „Wir bekennen, dass bei der Aufgabe, die Bibel zu übersetzen und sie im Kontext jeder Kultur zu lehren, nur solche funktionellen Äquivalente verwendet werden sollten, die dem Inhalt der biblischen Lehre getreu entsprechen“, so fehlt dabei die Demut der westlichen Theologie, dass sie sich selbst zugesteht, dass ihre eigenen Übersetzungen der biblischen Botschaft in die jeweiligen Kulturen diesem hehren Standard allzuoft nicht gerecht werden und deswegen nichtwestliche Kulturen in ihrer Auslegung und Übersetzung der Bibel im Rahmen ihrer Kultur nicht automatisch an Standards der westlichen Theologiegeschichte gemessen werden dürfen.

Gerade ‚bibeltreue‘ Missionswissenschaftler haben hier ein Defizit der Chicagoerklärungen ausgemacht. Schon Calvin geriet in den Geruch der Häresie, als er die Ableitung der Dreieinigkeitslehre aus der Schrift nicht automatisch an den Formulierungen der frühkirchlichen Konzilien festmachen wollte – gerade dadurch hat er aber auf Dauer zu einer Erneuerung und Festigung der Trinitätslehre beigetragen. [Vgl. die in Thomas Schirrmacher „Einladung zum Studium der Institutio von 1536“. S. VII–LVI in: Johannes Calvin. Christliche Glaubenslehre: Erstausgabe der ‚Institutio‘ von 1536. Hrsg. und eingeleitet von Thomas Schirrmacher. VKW: Bonn, 2008. S. IX–XI genannte Literatur.] Heute müssen wir noch viel mehr betonen, dass die griechisch-lateinische und westliche Lesart der Bibel und der Theologie nicht mehr und nicht weniger kulturell bedingt sind, wie die anderer Kulturen, die derzeit zahlenmäßig immer stärker in den Mittelpunkt des Christentums rücken.

Bibeltreue kann die Vielfalt der Konfessionen nicht beenden

Und wenn wir schon bei kritischen Punkten sind, muss auch noch angesprochen werden, dass die theologische Vielfalt im ‚bibeltreuen‘ Lager zu wenig als Dauerherausforderung für jede biblische Hermeneutik verstanden und angesprochen wird.

Das wird etwa deutlich, wenn man sich den Kompromiss zwischen den Vertretern der reformierten und der dispensationalistischen Hermeneutik in Bezug auf die Prophetie und überhaupt die Mehrfacherfüllung eines Textes anschaut. Beide Seiten repräsentieren große Teile der evangelikalen Theologie in den USA. Ihre Hermeneutiken in Bezug auf eschatologische und sonstige Texte und ihre Eschatologien (die in jedem Lager selbst wieder sehr ausdifferenziert und vielfältig sind) sind nicht kompatibel. So ist in Artikel VII der 2. Erklärung unschwer im positiven Satz das reformierte Anliegen ausgedrückt, im negativen Satz das dispensationalistische:

„Wir bekennen, dass die Bedeutung, die in jedem biblischen Text ausgedrückt wird, eine einzige, bestimmte und unabänderliche Bedeutung ist. Wir verwerfen die Auffassung, dass die Anerkennung dieser einen Bedeutung die Vielfalt ihrer Anwendbarkeit ausschließe“.

Die Hermeneutik im Einzelnen bleibt dabei so schwierig wie zuvor, sie schließt lediglich Auslegungen aus, die von vorneherein prophetisches Reden durch methodischen Atheismus verneinen.

Überhaupt hätte man sich gewünscht, dass die Chicagoerklärungen – bei allem berechtigten Wunsch, über die Flügel der evangelikalen Bewegung hinweg Gemeinsamkeiten zu formulieren – selbstkritisch formuliert hätten, dass sich viele zentrale dogmatische Fragen (wie beispielsweise das Tauf- oder Abendmahlsverständnis oder die Eschatologie) nicht durch ein ‚bibeltreues Bekenntnis‘ lösen, sondern in der Regel so schwierig bleiben, wie außerhalb eines solchen Bekenntnisses.

Auch die Frage, inwieweit der sog. ‚Kreationismus‘ für ‚bibeltreue‘ Christen verbindlich ist, lässt sich etwa allein mit einem ‚bibeltreuen‘ Bekenntnis nicht beantworten. Zwar geht die Chicagoerklärung von der Zuverlässigkeit der Bibel in naturwissenschaftlichen und historischen Fragen aus (1. Erklärung, Artikel XII), aber solange es exegetisch und literarisch unterschiedliche Auslegungen der einschlägigen Texte in Genesis 1-11 gibt, solange also nicht konkret und verbindlich zu rekonstruieren ist, was die Texte beschreiben wollen (z. B. wie die Sintflut naturwissenschaftlich ablief), solange wird man auch mit einer großen Bandbreite an ‚bibeltreuen‘ Sichtweisen von Genesis 1–11 leben müssen.

Chicago als Bekenntnis?

Auch wenn es also nach 31 bzw. 27 Jahren mancherlei Gründe gäbe, die Chicagoerklärung zu internationalisieren und den starken Veränderungen der internationalen evangelikalen Bewegung anzupassen, wird sie von uns weiter zum Studium und zur Diskussion dargeboten.

Im Gegensatz zu früheren Auflagen, in denen die Chicagoerklärungen als Bekenntnistext mit Erkennungswert für bibeltreue Ausbildungsstätten empfohlen wurden, hat sich gezeigt, dass sie im Detail zu ausführlich ist, um wirklich jeden Dozenten in jedem Halbsatz zu binden. Zudem ist es keiner Übersetzung, auch der vorliegenden nicht, gelungen, einen gewissen verbindlichen Status zu erlangen, sodass verschiedene Übersetzungen kursieren. Die Übersetzung bestimmt aber bei der Materie bisweilen stark, was eigentlich gemeint ist.

Die drei ‚bibeltreuen‘ Akademien in Basel, Gießen und Bonn im deutschsprachigen Raum setzen inzwischen alle auf kürzere und selbst erarbeitete Bekenntnistexte zur Schriftfrage. Die Chicagoerklärung ist eben selbst nicht unfehlbar und nicht für alle Zwecke geeignet, sondern kann uns nur auf Gott, auf das fleischgewordene Wort Gottes Jesus Christus und auf das von Gottes Geist inspirierte ewige Wort und auf deren Selbstverständnis hinweisen, woraus wir in Demut lernen wollen, wie wir uns dem ewigen Schöpfer und Erlöser nahen und ihm dienen dürfen und können.

 

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