Brian J. Grim, Roger Finke. The Price of Freedom Denied: Religious Persecution and Conflict in the Twenty-First Century. Cambridge: Cambridge University Press, 2010

Dies ist vielleicht die beste und wichtigste Veröffentlichung zum Thema Religionsfreiheit der letzten Jahre. Zwei Religionsstatistiker, Brian J. Grim, bekannt als Chefforscher der Studie „Global Restrictions on Religion“ des Pew-Forums (http://pewforum.org/docs/?DocID=491), und Roger Finke, Soziologieprofessor und Direktor der ‚Association of Religion Data Archives‘, zeigen, dass Religionsfreiheit zum Frieden und Bestand einer Gesellschaft beitragen, nicht diese gefährden.

Ihr Grundthese, die mit enormen Aufwand an Beispielen, Statistiken und Überprüfung anderer Thesen untermauert wird, ist einfach: In Ländern mit Religionsfreiheit gibt es viel mehr sozialen Frieden als in Ländern ohne. Oder anders gesagt: Das Argument vieler Länder mit einer dominierenden Mehrheitsreligion, sie müssten um des sozialen Friedens willen kleinere Religionen in Schach halten, wird von der Wirklichkeit widerlegt.

Die Beschränkung von Religionsfreiheit ist oft erst der Grund für gewalttätige Konflikte (S. 67). Religiöse Homogenität garantiert keine Freiheit vom Konflikt, sondern begünstigt offensichtlich Spannungen.

Besonders aufwendig wird die These mit der von Samuel Huntington ausgehenden These verglichen, Gewalt und Unruhe seien die Folge eines Zusammenstoßes der Zivilisationen. Diese These, so die Autoren, wird der internen Vielfalt der Religionen und Kulturen nicht gerecht (S. 62–68), etwa der Spannung zwischen Sunniten und Schiiten innerhalb eines islamischen Landes. Alle verfügbaren Zahlen widerlegen die These, dass es die Spannungen zwischen den Kulturen seien, die weitere Spannungen auslösten (S. 77–82). Vielmehr sei es gewissermaßen die Unterdrückung dieser Spannungen zugunsten einer vermeintlichen Monokultur im Land, die die Spannungen verschärfe.

Zwischen Mitte 2000 und Mitte 2007 gab es unter 143 Ländern 123 Länder (= 86%), in denen Menschen aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit Gewalt zugefügt wurde oder sie vertrieben wurden („physically abused or displaced“, S. 18). In 25 Ländern waren davon mehr als 10.000 Menschen betroffen (S. 20), darunter auffällig viele islamische Länder.

Die Religionsfreiheit, so belegen Grim und Finke, hat aufs Ganze gesehen in den sechzig Jahren von 1945 bis 2005 in den christlichen Ländern zugenommen, in den islamischen abgenommen (S. 172). Dass heißt, dass es aufs Ganze gesehen heute in islamischen Ländern weniger Religionsfreiheit gibt als vor einem Jahrhundert – und die Entwicklung ist immer noch rückläufig!

Zwei Beispiele dazu: 1. In islamischen Ländern (dazu S. 160–201), in denen es fast ausschließlich keine Religionsfreiheit gibt, ist der Pegel der Gewalt und die Neigung zu Bürgerkrieg sehr hoch.

2. Terroristische Bewegungen kommen überwiegend aus Ländern ohne Religionsfreiheit (S. 198). Die wenigen Ausnahmen richten sowohl in ihren Ländern viel geringeren Schaden an, als auch wirken sie nicht international, sondern national.

Speziell dargestellt werden in dem Buch unter den freieren Ländern (S. 88–119) Japan (große Religionsfreiheit), Brasilien (Religionsfreiheit mit einigen Spannungen), Nigeria (religiös gespaltenes Land); unter den unfreien Ländern (S. 120–159) China (Religion als Bedrohung), Indien (Religion als soziales Monopol) und Iran (Religion als soziales und politisches Monopol); sowie eigens die islamischen Länder insgesamt (S. 160-201).

Das ausgezeichnete Buch ist ein Beweis dafür, dass die Forschung zum Thema Religionsfreiheit immer mehr Fahrt aufnimmt. Es setzt Maßstäbe für die Zukunft.

 

Ein Kommentar

  1. Pingback: Die Frühgeschichte der Evangelischen Allianz und ihres Einsat-zes für Religionsfreiheit | Thomas Schirrmacher

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