Nach dem kompletten Lesen der beiden Ausgaben Emma 298: Winter 2011 und Emma 299: Frühling 2011 möchte ich auf den Widerspruch aufmerksam machen, dass Emma geradezu verbissen gegen Konservative kämpft und diese als ständige Bedrohung darstellt, ihre am häufigsten thematisierten Forderungen 1. Kampf den Islamisten, 2. Kampf der Pornografie und 3. Kampf der Prostitution aber gerade mit den Forderungen der Konservativen übereinstimmen.

Ich werfe hier bewusst einmal Frau Schwarzer und Emma in einen Topf, da in ‚Emma‘ erkennbar nichts gegen ihren Willen erscheint. Die Belege lassen aber nachvollziehen, was sie selbst und was andere gesagt haben.

Die Gefahr der Republik sind nicht nur die Konservativen in CDU/CSU, sondern in allen Parteien

In ihrem einführenden Artikel „Die PID und die Heiligkeit des Lebens“ (Emma 298: Winter 2011:6–7) sieht Alice Schwarzer die gesamte Republik nach Rechts abdriften und die konservativen Gegner von Abtreibung und PID weit im Lager von SPD, FDP, Grünen und Linken. Das deutsche Abtreibungsrecht sei eh schon rechts-konservativ und „nur im frenetisch katholischen Polen und Irland heute strenger geregelt“ (6). Zu den ja wirklich nur zaghaften und symbolischen Verschärfungen bei Spätabtreibungen kritisiert Schwarzer vehement das Engagement gegen Spätabtreibungen von Renate Schmidt und Andrea Nahles und kritisiert, dass die Stimmen für die Gesetzesergänzungen von „einem Viertel der SozialdemokratInnen, einem Drittel der Grünen und ja, 80 Prozent der Liberalen“ (7) kamen. Die „Debatte“ sei „munitioniert von konservativen bis fundamentalistischen Christen“ (7) – ja gibt es denn aus Schwarzers Sicht auch andere? Und hat sie bei der Bundestagsdebatte wirklich zugehört? Wo war denn da die christliche Munition? Braucht Schwarzer hier nicht eher die Verschwörungstheorie, dass Christen dahinter stehen, um sich nicht die umgekehrte Frage stellen zu müssen, ob ihr Begriff von ‚konservativ‘ und ‚rechts‘ nicht einfach irrig ist, wenn so Frau Nahles plötzlich zum konservativen Flügel der SPD mutiert?

Die Bundeskanzlerin Angela Merkel, so Schwarzer, hat PID „auf dem Altar des konservativen Flügels der CDU“ (7) geopfert. „Sekundiert wird die Kanzlerin dabei von der katholischen und gläubigen Forschungsministerin Annette Schavan“ (7). Und warum gibt es dann auch in der CDU/CSU keinen Fraktionszwang? Und könnte es nicht auch sein, dass Frau Merkel tatsächlich gegen PID ist und nicht nur Wählerstimmen sucht?

Margaret Heckel sekundiert in „Rechtsruck in der CDU“ (Emma 298: Winter 2011: 21): Angeblich will Frau Merkel durch konservative Positionen ihre Stammwähler wieder einfangen. Nun, erstens gibt es ja nun mal diese Stammwähler und in einer Demokratie dürfen die ja auch ihre Vertretung finden, oder? Aber dass nun die CDU, die unter Merkel fast jede ihrer traditionell konservativen Positionen geräumt hat – völlig gleichgültig, ob man das gut oder schlecht findet –, einen Rechtsruck erlebt, existiert nur in Emmas Feindbild. Im besten Fall ist die CDU in den letzten Jahren fünf Schritte nach links gegangen und macht nun einen Schritt zurück.

Feinde überall

An dieser Stelle muss Thomas Geisterkamps. „Männerbünde und Evangelikale: Die unheilige Allianz der Anti-Feministen“ (Emma 298: Winter 2011: 54–57) angesprochen werden.

Geisterkamp rührt für Emma einen großen Brei aus Junge Freiheit, CDU, DEA, Evangelikalen, Bundesforum Männer, EKD, Katholiken und schmeißt Leute inklusive Foto in einen Topf, die in der Realität nichts miteinander zu tun haben, nämlich die Familienministerin Kristina Schröder, den FAZ-Ressortchef Volker Zastrow, den Soziologieprofessor Gerhard Amendt und die Moderatorin Eva Hermann. Dass der Autor das alles als Mitarbeiter der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung schreibt und ihm seine Parteilichkeit aus allen Knopflöchern kommt, ficht ‚Emma‘ dabei scheinbar nicht an.

Allen voran müssen verschwörerisch wieder die Evangelikalen zu Drahtziehern werden, die wachsen (was in der Realität nicht stimmt) und einen enormen Einfluss auf die Politik haben (was erst recht nicht stimmt). „Aber das sind auch die in Deutschland erstarkenden Bibeltreuen, quasi das christliche Pendant zu den islamischen Fundamentalisten.“ (54) Na ja, da ist mir der evangelikale Hardliner zwar immer noch lieber als Bin Laden, weil er keinen umbringt. Aber einen Beleg für solche Aussagen bleibt Geisterkamp sowieso schuldig.

Und alles, was er über Evangelikale schreibt, ist inhaltlich nicht zu belegen. Angeblich vertreten die Evangelikalen, Frauen seine nur zum Kinderkriegen geschaffen. Kann er das bitteschön mal belegen? Das hat er bestenfalls mit der Position des Papstes verwechselt und selbst der würde so was Plumpes nicht sagen. In der von mir herausgegebenen idea-Dokumentation ‚Familienplanung’ steht da etwa ganz Anderes.

Oder es heißt: „Unter dem Dach der DEA versammeln sich allein in Deutschland etwa 1,8 Millionen erzkonservative Evangelikale, von denen die Mehrheit Kreationisten sind“ (54). Nun gehören zu den Evangelikalen auch die sogenannten Linksevangelikalen, die traditionell SPD oder die ‚Grünen’ wählen. Aber wer will schon differenzieren? Und die Mehrheit sind Kreationisten? Hat er das erforscht? Bisher jedenfalls hat niemand eine solche Zahl erhoben und auch Insider wissen das nicht, denn der Ausgang der hin und her wabernden innerevangelikalen Diskussion zu diesem Thema ist noch völlig offen.

Geisterkamp spricht „die von Amerika ausgehende, internationale Evangelikale Bewegung“ (54) an. Weiß er nicht oder will er nicht wissen, dass das bestenfalls Geschichte ist und dass etwa nur 30 Mio. der 600 Mio. Mitglieder der Weltweiten Evangelischen Allianz aus den USA kommen und dort die Kirchen und Christen des Globalen Südens längst in allen Gremien die Mehrheit haben und ihren eigenen Weg gehen?

Angeblich ist es das dritte Prinzip der Evangelikalen, dass die Gläubigen sich in die Politik einmischen sollen. Das ist ja wohl ein Scherz, oder? Zumindest in Deutschland. Die evangelikale Bewegung ist lange Zeit völlig unpolitisch gewesen und auch gegenwärtig ist der größere Teile der Meinung, überzeugte Christen sollten sich aus der Politik heraushalten – leider! Im Übrigen: In der Demokratie dürfen doch alle Staatsbürger an der politischen Willensbildung teilnehmen, oder? Oder gilt das nur für Nichtevangelikale oder für von ‚Emma‘ Zugelassene?

Aber, was haben die Evangelikalen mit irgendetwas von dem zu tun, was dann im Folgenden diskutiert wird? Nichts. Aber Geisterkamp kann die Verschwörung trotzdem konstruieren, indem er die Familienministerin zur Evangelikalen mutieren lässt. Kristina Schröder wird zur Evangelikalen, weil sie zur Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) gehört, von denen angeblich zahlreiche Mitglieder bei der ‚Deutschen Evangelischen Allianz‘ mitarbeiten. In der DEA arbeiten Hunderttausende Mitglieder der evangelischen Landeskirche mit. Also sind diese Landeskirchen evangelikal und folglich auch andere Mitglieder wie die Synodenvorsitzende der EKD auch evangelikal? In örtlichen Allianzen arbeiten oft auch Katholiken mit – also ist die Deutsche Bischofskonferenz auch evangelikal? Und alle Katholiken unter den Ministern?

Trotzdem fragt ‚Emma‘ allen Ernstes ohne Beleg aus dem Tun und Reden von Frau Schröder, ob die Ministerin „eine erzkonservative Christin oder gar Fundamentalistin ist?“. Und dann der Höhepunkt: Da es mit Bush ein Evangelikaler ins Weiße Haus geschafft habe, blühe uns dann jetzt mit Schröder Ähnliches in Deutschland?

Da Geisterkamp nun schon so einen großen Topf hat, rührt er gleich einen noch größeren Brei: In den großen Topf gehört auch, dass der Koalitionsvertrag eine eigenständige Jungen- und Männerpolitik vereinbart und die Konrad-Adenauer-Stiftung Referenten zu Männerthemen sprechen lässt. Aha, CDU und FDP sind bereits auf die Christen hereingefallen! Klänge überzeugender, wenn es nicht aus SPD-Mund käme. Und auch die evangelischen Kirchen werden in denselben Pott geschmissen, schließlich hätten sie federführend das Bundesforum Männer mitbegründet. Und dann werden noch FAZ und Junge Freiheit (und das noch im selben Atemzug) hineingerührt.

Gehöre ich selbst in den Topf? Dazu müsste Geisterkamp etwa mein Buch „Moderne Väter“ lesen. Wahrscheinlich wird er alles zur Gleichberechtigung überlesen und aus meiner Kernthese, dass die Frage nach Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht bei der Mutter allein abgeladen werden darf, sondern Einsatz und Opfer des Vaters verlangt, auch nur als Männerkram abtun.

Exkurs

Schon in seinem Bericht der Friedrich-Ebert-Stiftung „Geschlechterkampf von rechts: Wie Männerrechtler und Familienfundamentalisten sich gegen das Feindbild Feminismus radikalisieren“ (http://www.state.gov/g/drl/rls/irf/2010/148798.htm), den Geisterkamp hier offensichtlich zu Grunde legt, subsumiert er unter „Geschlechterkampf von rechts: Konservative Publizisten, Männerrechtler, Familienfundamentalisten, militante Abtreibungsgegner, evangelikale Christen und rückwärts gewandte katholische Kirchenobere“ (4). Da findet sich denn Paul Kirchhof in einem Boot mit Eva Hermann, Frank Schirrmacher mit Christa Meves (8, 10). Ins Boot gehört für ihn nicht nur die Junge Freiheit (8, 10) oder ein Deutschlandfunk-Redakteur, sondern es heißt: „Die Welt, die Frankfurter Allgemeine Zeitung, Cicero, Focus und auch der Spiegel bilden hier die Vorreiter des neuen Geschlechterkampfes in den Leitmedien“ (8).

Wie einfach ist doch das Leben, wenn es nur die Guten und Bösen gibt – und man diese Weltsicht dann noch seinen Gegnern vorwirft.

(Übrigens löst Geisterkampf auch hier nirgends den Scheck ein, dass die Evangelikalen in dieses Boot gehören, außer einem Link auf S. 20, der aber zu einem anderen Thema gehört.)

Islamismus

In fast jeder Nummer von ‚Emma‘ werden Islamismus, Prostitution und Pornografie bekämpft, oft mit eigenen Dossiers.

Beginnen wir mit dem Islamismus (http://www.emma.de/kampagnen/islamismus/; Dossiers: Emma 298: Winter 2011: 110–114 und Emma 299: Frühling 2011: 114–117). ‚Emma protestiert‘ gegen Pakistan und Saudi Arabien in der Leitung der UN-Women-Konferenz und gegen Pakistans im Menschenrechtsausschuss der UN bis 2010 immer wieder verabschiedete Erklärung ‚Defamation of Religion‘ („Urs Gehringer. „Islamisten bei UN Women“. Emma 298: Winter 2011: 20).

In „amnesty und die Fundis“ (Emma 298: Winter 2011: 103) wird beschrieben, wie Gita Sahgal, Leiterin der Gender Unit von Amnesty International, gegen die Zusammenarbeit ihrer Organisation mit Islamisten zu Felde zog. Daraufhin wurde sie gefeuert. Ähnliches geschah mit drei Gründungsmitglieder von AI Algerien.

Prostitution

‚Emma‘ bekämpft das neue Prostitutionsgesetz scharf (siehe http://www.emma.de/kampagnen/prostitution/). Vor allem wird darauf verwiesen, dass längst alle Innenminister, gleich welcher Partei, das Gesetz im Blick auf den Kampf gegen den Menschenhandel für eine Katastrophe halten (Chantal Louis. „Prostitution: Innenminister schlagen Alarm“. Emma 298: Winter 2011: 48–49). Im Dossier zum Thema („Die Ware Frau – Dossier Prostitution“. Emma 299: Frühling 2011: 122–145) beschwert sich ein konkreter Kriminalbeamter („Die Zuhälter baden doch in Schampus!“. Interview mit Hauptkommissar Hohmann. Emma 299: Frühling 2011: 132–133), wird vertreten, dass Prostitution prinzipiell Menschenhandel ist, nicht nur im Fall sogenannter Zwangsprostitution (Catherine MacKinnon. „Prostitution ist Menschenhandel“. Emma 299: Frühling 2011: 140–141), weswegen ‚Emma‘ erfreulicherweise wie ich selbst in meinem kommenden Buch ‚Menschenhandel‘ das Prostitutionsgesetz Schwedens, das schlicht und einfach die Freier bestraft, begrüßt und für sehr erfolgreich hält (Ingrid Meissl-Ärebo. „Sexkauf ist strafbar!“. Emma 299: Frühling 2011: 144–145).

Schon länger gibt es zwei Lager im Bereich des Feminismus, wenn es um Prostitution geht. Die einen sehen die freiwillige Prostitution als Akt der Befreiung der Frau von enger Sexualmoral an und werten die Prostituierte als ‚Sexarbeiterin‘ (Engl. ‘commercial sex workers’ – CSW), wie man sie heute politisch korrekt zu nennen hat. Prostitution müsse deswegen deutlich von Zwangsprostitution unterschieden werden, die erstere geschützt, die zweitere bekämpft werden. Diese Sicht hat sich weltweit bei der UN durchgesetzt und bestimmt etwa die Gesetzgebung in Deutschland.

Das andere Lager sieht Prostitution an sich als Beispiel für die Unterdrückung von Frauen durch Männer an, will sie deswegen abschaffen, aber nicht, indem die Opfer, die Prostituierten bestraft werden, sondern die Täter, die Männer. Diese Sicht wird von vielen führenden deutschen und internationalen Organisationen gegen Frauen- und Menschenhandel vertreten, so SOWODI, die Coalition against Trafficking in Woman (CATW) und die European Women’s Lobby (EWL). Sie bestimmt auch das nordische Modell, das am Beispiel von Schweden unten vorgestellt wird.

Auch in der deutschen feministischen Bewegung gibt es einen erbitterten Kampf zwischen Befürwortern der Prostitution als normaler Tätigkeit als Ausdruck der sexuellen Befreiung und des Selbstbestimmungsrechtes von Frauen und Gegnern der Prostitution, die prinzipiell als Unterdrückung von Frauen gesehen wird, wobei das deutsche Prostitutionsgesetz als Katastrophe gesehen und das nordische Modell befürwortet (siehe dazu unten) wird – allen voran von Alice Schwarzer.

Pornografie

Emmas Kampf gegen die Pornografie ist alt und legendär, wenn auch aktueller denn je (http://www.emma.de/kampagnen/pornografie/; Dossier „Pornografisierung ist Sexualisierung von Erniedrigung und Gewalt“. Emma 298: Winter 2011: 76–97). Emma steht dabei auf Seiten derer, die vor der großen Suchtgefahr der Pornografie warnen (Norman Doidge. „Pornografie macht süchtig“. Emma 298: Winter 2011: 93–95). Die Übereinstimmung mit meinem Buch ‚Internetpornografie‘ ist enorm.

Chantal Louis beschreibt zudem in ihrem brillanten Artikel „Sportlerinnen oder Pornostars?“ (Emma 299: Frühling 2011: 81–82), wie der Sport zunehmend von pornografischen und hypererotischen Darstellungen durchdrungen wird, vom Beachvolleyball, der seine plötzliche Popularität den neuen Kleidervorschriften zu verdanken hat, über Sportlerinnen als häufigste Berufsgruppe im ‚Playboy‘ bis hin zu den neuen Footballspielen in den USA vor ausverkauften Stadien, in denen ehemalige Pornodarstellerinnen und andere üppige und sportunerfahrene ‚Sportlerinnen‘ gegeneinander antreten. Besser hätte das kein Bischof kritisieren können!

Zu guter Letzt

Man könnte weitere ‚konservative‘ Anliegen und ‚evangelikale‘ Gemeinsamkeiten auflisten, die nur nicht ganz so häufig in ‚Emma‘ erscheinen, so etwa der gut begründete Protest gegen Freispruch bei sexuellem Kindesmissbrauch aufgrund aussagepsychologischer Gutachten (Chantal Louis. „Alles wird gut“. Emma 299: Frühling 2011: 54–61).

Ach ja, zu guter Letzt: Da heißt es noch in einem Artikel über Frauen, die es in Europa an die Staatsspitze geschafft haben: „In Europa kommen Staatenlenkerinnen häufiger aus dem konservativen Lager.“ (Emma 299: Frühling 2011: 36). Vielleicht stimmen ja einfach die Schwarz-Weiß-Weltbilder von Emma nicht mehr.

 

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