Ein Kommentar von Thomas Schirrmacher

BQ318(Bonn, 03.10.2014) Die Welt der ZEIT ist in ihrem Bericht über den brasilianischen Wahlkampf um das Präsidentenamt klar in schwarz und weiß aufgeteilt. Weiß: die amtierende Regierung; schwarz: die Evangelikalen. Hier die wunderbare amtierende Präsidentin, die vermeintlich viel für die Armen getan hat, dort die Evangelikalen aus der Mittelschicht, die sie deswegen abwählen und durch eine evangelikale Kandidatin ersetzen wollen.

Fünf Dinge verschweigt der Artikel der ZEIT dabei aber über die evangelikale Kandidatin für das Präsidentenamt Marina da Silva, die das schöne Bild zerstören würden:

  1. Marina da Silva ist gerade nicht die Kandidatin der Konservativen, sondern der Sozialisten. Passt das etwa nicht in das erlaubte Bild der Evangelikalen?
  2. Marina da Silva ist bei den Armen so beliebt, weil sie selbst aus tiefster Armut stammt und man ihr zutraut, mehr für die Armen zu tun als die amtierende Präsdentin, die etwa in den Favelas wegen ihren Mega-WM-Bauten und enorm teurer Prestigeobjekte überhaupt nicht beliebt ist. Silva musste bereits mit 6 Jahren Kautschuk im Amazonas sammeln, ab 12 ganztags arbeiten und besuchte keine Schule. Als andere Abitur machten, lernte sie lesen. Die Armen vertrauen Silva auch, weil sie (bisher) nicht Teil der überbordenden Korruption in Brasilien ist. Kandidatin der Mittelschicht? Das ist eine Erfindung der ZEIT.
  3. Marina ist die erste Präsidentschaftskandidatin, die nicht ‚weiß‘ ist, vielmehr aus dem Amazonasgebiet stammt. Ihre Wahl wäre ein ähnlicher Erdrutsch wie die Wahl Obamas in den USA. Passt das etwa nicht in das erlaubte Bild der Evangelikalen?
  4. Marina da Silva verdankt ihren guten Ruf ihrer Zeit als Umweltministerin und ihrem Einsatz als Umweltschützerin. 2010 war sie noch Präsidentschaftskandidatin der ‚Grünen Partei‘. Zuvor kämpfte sie an der Seite des von Großgrundbesitzern ermordeten Regenwaldschützers Chico Mendes. Passt das etwa nicht in das erlaubte Bild der Evangelikalen?
  5. Die Evangelikalen Brasiliens wählen die verschiedenen Parteien etwa im selben Verhältnis wie alle anderen Brasilianer auch. Deswegen sitzen im Bundesparlament in den beiden großen Parteien und in Regierung und Opposition etwa gleich viele Abgeordnete, die evangelikalen Kirchen angehören.

Die ZEIT versucht die Evangelikalen ins Schema der weißen Evangelikalen in den USA zu pressen. (Dass der Prozentsatz der Evangelikalen unter den Afro-Amerikanern und den Hispanics größer ist und diese Evangelikalen überwiegend die Demokraten wählen, vergisst man gerne.) Damit verkennt sie sowohl die Lage in Brasilien als auch die Lage der 600 Millionen Evangelikalen, die zur Weltweiten Evangelischen Allianz gehören. Damit ihr Evangelikalen-Bashing funktioniert, nimmt die ZEIT in Kauf, dass der Leser fast nichts über die wahren Themen des brasiliansichen Wahlkampfs erfährt.

Zu Thomas Fischermann. „Der Wohlstandsprediger im Wahlmapf“. Die ZEIT. 02.10.2014.

Bonner Querschnitte 32/2014 als PDF-Download.

 

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