Stellungnahme des Direktors des Internationalen Instituts für Religionsfreiheit, Thomas Schirrmacher, zur jüngsten Erklärung des Dalai Lama

Der Dalai Lama hat entschieden, dass er keinen Nachfolger haben will. Die „Institution Dalai Lama“ werde nicht mehr benötigt. Zusammen mit seinem Verzicht auf alle politischen Ämter und Führungsansprüche vor zwei Jahren ist das ein Vorgang von großer Tragweite für das Verhältnis von Religionen und Staat weltweit.

Da diskutiert wird, was der Dalai Lama wirklich gesagt hat, verweise ich auf das Video seines Interviews. Solange der Dalai Lama selbst nichts Anderes sagt, muss dies als seine derzeitige Sicht angesehen werden.

Thomas Schirrmacher im Gespräch mit Kelsang Gyaltsen, Sonderbotschafter des Dalai Lama für Europa (Foto © Markus Scherf / IGFM)

Thomas Schirrmacher im Gespräch mit Kelsang Gyaltsen, Sonderbotschafter des Dalai Lama für Europa (Foto © Markus Scherf / IGFM)

Um es einmal sehr verallgemeinernd so zu sagen: Während in einigen Ländern und Religionen religiöse Führer aufrüsten und Religion für politische Ansprüche missbrauchen (man denke an den Wahlsieg der Hindutva-Bewegung in Indien, die Entwicklung im Irak oder in Russland und der Ukraine), rüsten andere religiöse Führer erkennbar ab, jetzt eben auch der Dalai Lama.

Vor zwei Jahren gab der Dalai Lama alle politischen Ämter und Ansprüche als Repräsentant der Tibeter oder der Exil-Tibeter auf. Stattdessen haben die Exil-Tibeter den Juristen Lobsang Sangsay zum Exil-Ministerpräsidenten gewählt. Für den Gedanken der Religionsfreiheit und der Trennung von ‚Kirche und Staat‘ war das ein erfreulicher Tag. Das Entscheidende dabei ist: Der Dalai Lama leitet aus seinem religiösen Anspruch keinen politischen Führungsanspruch mehr ab.

Ebenfalls im Jahr 2012 hatte der Dalai Lama in einem Papier „Erklärung des Dalai Lama zur Frage seiner Reinkarnation“ dargelegt, wie sein Nachfolger gefunden werden kann. Das hat er mit seiner neuen Erklärung hinfällig gemacht, auch wenn er natürlich nicht festlegen kann, was seine Anhänger nach seinem Tod machen.

Ob Pharao, römischer Kaiser, chinesischer Kaiser oder mittelalterlicher Papst: Vor Jahrtausenden oder Jahrhunderten war es fast selbstverständlich, dass politische und religiöse Macht in einer Hand gehalten und die politische Macht aus der Nähe zu Gott oder der Gottgleichheit begründet wurde. Dieses Zeitalter sollte eigentlich zu Ende sein, und so ist es erfreulich, wenn die letzten Überlebenden dieser Auffassung diese Sicht freiwillig aufgeben.

Papst Benedikt und jetzt Papst Franziskus machten und machen immer deutlicher, dass die Katholische Kirche vom Wesen und von der Berufung her kein Staat ist. Den Vatikan bewacht längst die italienische Polizei, in der UN oder bei der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) stimmt der Vatikan als Mitgliedsstaat nur ab, wenn es um Fragen der Menschenrechte und Religionsfreiheit geht, bei politischen Fragen stimmt er grundsätzlich nicht mit ab.

Zwar gibt es immer noch Ausnahmen. So sieht sich der japanische Kaiser immer noch als Sohn einer Göttin, aber politisch ist er einflusslos und die Religionsfreiheit in Japan gilt als sehr hoch. (Siehe dazu den Abschnitt „Der Tenno als oberster Priester des Shinto“ hier.

Die einzige große Ausnahme bleibt die islamische Welt. Zwar schließt der strenge Monotheismus des Islam aus, dass ein Staatsoberhaupt Gott oder göttlichen Ursprungs ist, aber die Trennung von religiöser Führung und Staat ist oft nicht gewährleistet. Und immerhin ist der Iran der einzige Staat der Welt, wo die politische Führung von den religiösen Führern eingesetzt und kontrolliert wird. Fachsprachlich nennt man das ‚Hierokratie‘ (‚Herrschaft der Priester‘). Via Hamas, Hisbollah und anderen Bewegungen möchte der Iran diese Idee exportieren. In vielen islamischen Ländern ist es dagegen die politische Führung, die den Islam benutzt, propagiert, ja gängelt. Und dann gibt es Länder wie Pakistan oder Afghanistan, wo man nicht mehr weiß, wer eigentlich die Strippen zieht und wer wen beherrscht: die religiösen die politischen oder die politischen die religiösen Führer.

Jedenfalls könnte die islamische Welt nun vom Dalai Lama lernen, dass religiöse Autorität und politische Macht nicht in dieselbe Hand gehören und dass der Welt mehr geholfen ist, wenn religiöse Führer ihre Macht selbst beschränken, als wenn sie ihre Ansprüche erhöhen.

Das Ende der Gottkaiser

Vor 13 Jahren schrieb ich nach eine Chinareise im Artikel „China im Umbruch“ [Ethos 8/1991: 32-37, später ähnlich in Lektion 60.12. meiner ‚Ethik‘] Folgendes:

Wenn man sich die ungeheuer großen Anlagen der Gottkaiser im Kaiserpalast in Peking, der Hauptstadt Chinas, anschaut und die vielen Tausende von chinesischen und ausländischen Touristen sieht, die staunend durch die einzelnen Bezirke schlendern, erkennt man wieder einmal mehr, wie vergänglich alle menschliche Macht ist, selbst wenn der Mensch sich zu Gott erklärt und seine Herrschaft deswegen für ewig hält. Was man einst für das Zentrum des Universums hielt (genau genommen war der Mittelpunkt des Universums die Mitte des Himmelsaltars im Himmelstempel [‚Tian Tan‘] südlich des Kaiserpalastes), wird heute von jedermann ehrfurchtslos betreten, angefasst und wie in einem Märchenbuch bestaunt. Was einst das Leben gekostet hätte, ist heute bedeutungslos.

Ob die ägyptischen Pharaonen, die römischen Kaiser oder die chinesischen Kaiser: alle wollten sie oberster Herrscher und oberster Priester in einem sein und begründeten dies damit, dass sie von den Göttern abstammten, Inkarnationen Gottes waren oder auf andere Weise am Wesen Gottes Anteil hatten. Das bedeutete die Vergottung des Staates. In aller Welt hinterließen sie die großartigsten Bauwerke, die dieses göttliche Priesterkönigtum demonstrieren sollten: Pyramiden, Triumphbögen, Paläste, Tempel und Mausoleen. Und all diese von Touristen bestaunten Prachtbauten beweisen doch zugleich, dass sie eben weder Priester des wahren Gottes waren, noch göttlichen Charakter hatten.

Die göttlichen Priesterkönige in aller Welt sind im Laufe der Jahrtausende weniger geworden und ihre Zahl ist insbesondere seit dem Auftreten des Christentums rapide zurückgegangen.

Bei der Thronbesteigung des japanischen Kaisers Akihito, des Hohenpriesters des Shintoismus, haben viele japanische Christen ihre Sorge zum Ausdruck gebracht, dass sich die Entwicklung schnell gegen die Christen und gegen den Rechtsstaat wenden kann. Sind ihre Sorgen berechtigt, obwohl sich in der Praxis noch gar nichts geändert hat? Durchaus. Jahrhundertelang begründete der japanische Kaiser seine Herrschaft damit, dass er sich bei der Inthronisierung mit einer Göttin vereinigt hatte und zugleich oberster Priester der Staatsreligion war. Er war der „Tenno“ (Gottkaiser), der Vertreter der Götter auf Erden, der Gesetze machte, aber nicht dem Gesetz unterworfen war. Als die Amerikaner Japan 1945 besiegt hatten, durfte der japanische Kaiser nur bleiben, weil er schwor, auf das Amt des Tenno zu verzichten und keinerlei religiöse Autorität mehr in Anspruch zu nehmen. Dies war die Voraussetzung, dass die neue Verfassung mehr Menschenrechte und mehr Gerechtigkeit ermöglichte. Der damalige Kaiser hat sich daran bis zu seinem Tod 45 Jahre lang gehalten. Doch zum Erschrecken vieler ließ sich sein Sohn 1990 wieder als Gott inthronisieren. Teure und aufwendige Zeremonien folgten dem uralten Ritual, dessen Mittelpunkt die nächtliche Vereinigung mit der Sonnengöttin Amaterasu ist, durch die der Kaiser angeblich erst eigentlich sein göttliches Wesen erlangt. Seine erste Amtshandlung war ein Opfer für diese Göttin. Nun droht eine erneute Gleichsetzung von Gehorsam gegenüber dem Staat und Gehorsam gegenüber der Religion des Herrschers, die ja auch in der frühen Kirche in der Auseinandersetzung mit dem römischen Kaiser viele Christen das Leben kostete. Und trotzdem nahmen auch viele Vertreter demokratischer Länder naiv an der Inthronisation teil.

Trotz dieser Beispiele kann man feststellen, dass die Zeit der göttlichen Priesterkönige vorbei ist und die wenigen Menschen, die eine solche Stellung noch für sich in Anspruch nehmen, glücklicherweise keine echte Gewalt mehr innehaben.

 

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