Zum Anlass für dieses 2009 gegebene und hier aktualisierte Interview sieh meinen letzten Blogeintrag.

Bonner Querschnitte: Professor Schirrmacher, sind Evangelikale verfassungsfeindlich?

Dafür wird natürlich kein einziger Beleg geliefert. In allen Verfassungsschutzberichten kommt überhaupt keine christliche Gruppe vor und die Evangelikalen haben gerade in jüngster Zeit ihre Unterstützung unserer rechtsstaatlichen Demokratie immer wieder in Veröffentlichungen deutlich gemacht. Wenn ich täglich meine Zeitung aufschlage, finde ich da eine Menge Aktivitäten von Verfassungsfeinden, wo da aber Evangelikale dem auch nur in die Nähe kommen sollen, ist mir schleierhaft. Wenn 400-700 Millionen Evangelikale weltweit Demokratien umstürzen und Menschenrechte beschneiden wollten, würden sie aber etwas häufiger davon in der Zeitung lesen, geschweige denn wenn sie gewalttätig wären.

Wir Evangelikalen leben seit Jahrzehnten in diesem Land mit Millionen Menschen völlig friedlich zusammen und diese Millionen leben friedlich mit uns zusammen. Ich kann alle Politiker und Medienvertreter nur aufrufen: Bitte helfen Sie mit, dass dem so bleibt und kein hasserfülltes Klima gegen uns entsteht.

Aber gibt es nicht Evangelikale, die Problematisches sagen oder verwerflich handeln?

Wo gibt es solche Menschen nicht? Ich erinnere mich an einen Vortrag an der Universität Bonn, wo ein Theologe referierte, wieviele ‚geistig Gestörte‘ es unter Evangelikalen gäbe. Meine Antwort war, dass es die – was immer damit gemeint ist – natürlich gäbe. Die Frage wäre mir, ob er irgendeinen Nachweis dafür hat, dass der Prozentsatz höher als in der Normalbevölkerung oder bei politischen Parteien ist. Evangelikale sind Menschen, und alle Probleme, die es bei Menschen gibt, kommen auch bei ihnen vor. Jedes ernstzunehmende christliche Bekenntnis beinhaltet, dass auch Christen Sünder sind. Wogegen ich mich aber wehre, ist, aus dem, was einzelne Evangelikale tun, hochzurechnen, wie die Evangelikalen sind oder was die offiziellen Vertretungen der Evangelikalen vertreten. Um es einmal überspitzt zu sagen: Es gibt bei uns viele übergewichtige Evangelikale. Das liegt aber nicht daran, dass sie Evangelikale sind, sondern dass sie in Deutschland leben …

Und wie steht es mit den Freiheitsrechten?

Die evangelikale Bewegung ist aus der Antisklavereibewegung in England geboren worden, wo der Evangelikale William Wilberforce die Abschaffung der Sklaverei im 18. Jh. erreichte. Die Evangelische Allianz trat weltweit bereits Mitte des 19. Jh. massiv für Religionsfreiheit für alle ein, als die meisten Staaten (und Kirchen) das Wort noch nicht einmal buchstabieren konnten! Die Weltweite Evangelische Allianz und ihre nationalen Mitglieder und deren viele Kirchen sind heute weltweit Vorreiter für Menschenrechte und gegen Armut – jüngst lobte der Generalsekretär der UNO in einem Festakt die Weltweite Evangelische Allianz dafür. Und der Präsident der USA Barack Obama erwähnte soeben in seiner Rede gegen den Menschenhandel lobend den Einsatz der Evangelikalen.

Würden Sie solche Anwürfe als Christenverfolgung bezeichnen?

Gemach, gemach! Je stärker Evangelikale in den Medien präsent sind und sich sozial und politisch engagieren, desto mehr rühren sich auch ihre Gegner, gerade auch ihre theologischen Gegner. Evangelikale haben aber in unseren freien Gesellschaft und Dank der Pressefreiheit so viele Chancen, sich selbst in den Medien darzustellen, wie nie zuvor. Verantwortliche aller Art holen ihren Rat ein, wie nie zu vor. Alle verfolgten evangelikalen Christen weltweit würden ohne Nachzudenken mit den Evangelikalen in Deutschland tauschen. Immerhin geht es nur darum, dass einzelne Politiker und Theologen ihre private Abneigung gegen uns schriftlich – und manchmal leider steuer-, manchmal gebührenfinanziert – verbreiten, um mehr nicht.

Es sei zudem darauf verwiesen, dass solche Anwürfe überdurchschnittlich häufig von Theologen formuliert werden. Opfer und Täter wären also hier gleichermaßen Christen.

Kurzum, ich glaube, solche Entgleisungen sind nur eine Folge davon, dass es Leute ärgert, dass sich Evangelikale inzwischen auf vielen Feldern unmittelbar in gesellschaftliche Belange einmischen und offensichtlich erfolgreich in der Demokratie mitwirken. Früher war es ein Dauervorwurf an die Evangelikalen, dass sie die Stillen im Lande seien und sich nicht gesellschaftlich engagieren würden. Jetzt tun sie es, da ist es manchen auch nicht recht.

Die entscheidende Frage wird auf Dauer sein, wie gut die Medien in Deutschland recherchieren und ob sie fair berichten, oder ob die Chefredakteure zulassen, dass einzelne Journalisten ihre Abneigung gegen Evangelikale in öffentliche Polemik ummünzen dürfen. Und die Frage wird sein, ob die Medien bereit sind, Originalstimmen von offiziellen Vertretern der Evangelikalen zu präsentieren, oder nur Kommentare oder ‚schräge‘ Stimmen von Außenseitern, die sie als Mainstream darstellen.

Also nichts mit Christenverfolgung?

Natürlich ist es so, dass Verfolgung von religiösen, rassischen und anderen Gruppen immer mit der öffentlichen Verleumdung beginnt. Man unterstellt ihnen Dinge, die sie nie getan haben – und sorgt dafür, dass die öffentliche Meinung sie emotional ablehnt, ohne sich je auf ihre Inhalte und Selbstdarstellung einzulassen. Das ist Diskriminierung einer gesellschaftlichen Minderheit und das nicht wegen dem, was sie konkret tun, sondern wegen ihres Seins und Glaubens.

Evangelikale haben in Deutschland alle Freiheiten und Rechte, zu reagieren, sich zu wehren und darauf zu pochen, dass Evangelikale – wie alle anderen Gruppen in Deutschland – ihre Sicht zunächst selbst darstellen dürfen, bevor dann andere das kommentieren. Zudem haben Evangelikale nicht nur viele Freunde in allen Bereichen der Gesellschaft, sondern es gibt auch eine überwältigende Zahl von Menschen, die solche Verleumdungen ablehnen, auch wenn sie persönlich anders denken.

BQ: Herzlichen Dank für das Interview!

 

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