Thomas Schirrmacher with Thomas K. Johnson

Während ich die Weltweite Evangelische Allianz auf der Vatikansynode repräsentiere und der Papst und ich uns täglich die Hände schütteln, erklären die „Vatican Files“, eine antikatholische Webseite in Italien, dass aus der „evangelischen theologischen Perspektive“ der Papst der „Antichrist“ sei und verweisen auf 1. Johannes 2,18; 2,22; 4,3; 2. Johannes 1,7 und das Tier der Offenbarung 13,17–18. Es werden historische Persönlichkeiten wie Martin Luther sowie historische Bekenntnisse wie das Bekenntnis von Westminster zitiert, vor allem aber Francis Turretin (1623–1687) als Kronzeuge angeführt, der von vielen als der Meister der klassischen protestantischen Theologie angesehen wird.

Heute ist das möglich: Eine Foto des Papstes, während ich mit ihm rede.

Heute ist das möglich: Eine Foto des Papstes, während ich mit ihm rede.

Ich bin sehr dankbar für die Verweise auf die Reformation und frühen reformatorischen Quellen. Es gibt vieles, das wir modernen Evangelikalen von diesen Quellen lernen können und was das Werk des Evangeliums heute stärken wird. Ich habe über Reformationstheologie geforscht und reformatorische Texte in moderne Sprache übersetzt, so auch einige meiner engsten Kollegen. Für Evangelische und Evangelikale aber zählt das Prinzip Sola scriptura. Die Bibel steht wie eine Verfassung als Autorität sogar über unseren eigenen Traditionen, so wie die Thora die Verfassung zu alttestamentlicher Zeit war. Entsprechend hätte ich mir gewünscht, dass der Blog überzeugende exegetische Argumente für die Ansicht geliefert hätte, wonach sich die Texte in 1. und 2. Johannes und Offenbarung 13,17–18 auf den Papst beziehen.

Demnach ist derjenige „Antichrist“, der „leugnet, dass Jesus der Christus ist“ und bestreitet, „dass Jesus Christus im Fleisch gekommen ist.“ Ist dies etwa eine zutreffende Beschreibung des derzeitigen Papstes oder des Papsttums im Allgemeinen? Ich denke nicht. Papst Benedikt verfasste drei Bände über Jesus, den Christus, den Mensch gewordenen Gott. Die wesentlichen Beschreibungen des Antichrists in allen Texten des Johannes entsprechen dem Gegenteil dessen, wofür der Papst steht. Tatsächlich ist es der Text aus 1. Johannes 4,2–3, der mich glauben lässt, dass wir mit dem Papst und den meisten römisch-katholischen Kirchenführern in einer freundlichen Art und Weise sprechen sollten – in der Annahme, dass der Heilige Geist auch in ihnen wirkt, obschon wir mit wichtigen und prominenten Themen ihrer Lehre nicht übereinstimmen:

„Daran sollt ihr den Geist Gottes erkennen: Ein jeder Geist, der bekennt, dass Jesus Christus in das Fleisch gekommen ist, der ist von Gott; und ein jeder Geist, der Jesus nicht bekennt, der ist nicht von Gott. Und das ist der Geist des Antichrists, von dem ihr gehört habt, dass er kommen werde, und er ist jetzt schon in der Welt“ (LUT).

Die „Vatican Files“-Akten erwähnen zwar die Tatsache, dass es in der evangelikalen Welt zahlreiche unterschiedliche
Meinungen darüber gibt, wie die Texte des Neuen Testaments in Bezug auf den Antichrist zu verstehen sind, verlieren diesen Punkt jedoch rasch wieder aus dem Blick. Die Ansicht, wonach der Antichrist der Papst sei, ist selbst unter Evangelikalen eine absolute Minderheitenmeinung. Wenn aber Evangelikale weit davon entfernt sind, sich in der Bedeutung der Texte über den Antichrist einig zu sein, wie kommt es dann, dass ihnen ein derart hartes Urteil über den Papst zugeschrieben und als die gängige evangelikale Position hingestellt wird?

Soweit ich es übersehe, erkennt kein einziger der vielen heutigen evangelikalen, exegetischen Kommentare zu 1. Johannes und der Offenbarung den Papst oder die katholische Kirche in diesen Texten. Diese Debatte, so meine Überzeugung, sollte beendet werden. Wenn sich eine Ansicht nicht durch die Exegese der Heiligen Schrift untermauern lässt, so gibt uns die Geschichte kein Recht dazu, ein derart harsches Urteil zu fällen. Selbst Luther hat die Texte des Johannesevangeliums nicht dahingehend ausgelegt, um zu beweisen, der Papst sei der Antichrist; er verwendete lediglich die Bezeichnung gegen den Papst als „Schimpfwort“ seiner Zeit. Lasst uns Luther und der Reformation folgen, in dem wir das Prinzip Sola scriptura beherzigen, selbst wenn dies bedeutet, manche Einzelansichten jener Reformatoren nicht mehr zu teilen.

 

Ein Kommentar

  1. Pingback: Is the Pope the Antichrist? | Thomas Schirrmacher

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