Wenn Jesus zur Selbstverleugnung aufruft und dabei auffordert, das Kreuz auf sich zu nehmen, meint er keine psychologische Größe – etwa Selbstverachtung oder fehlendes Selbstbewusstsein –, sondern schlicht und einfach die Bereitschaft zum Martyrium für den Glauben: „Wenn jemand mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wenn jemand sein Leben erretten will, wird er es verlieren. Wenn aber jemand sein Leben um meinetwillen verliert, der wird es finden“ (Mt 16,24–25). Denn dieser Abschnitt stammt aus der ersten großen Martyriumsrede Jesu in Mt 10,16–42. Die Begriffe ‚Kreuz‘ und ‚Verfolgung‘ sind fast identisch geworden! [S. dazu ausführlicher These 8 in Thomas Schirrmacher. Christenverfolgung geht uns alle an: Auf dem Weg zu einer Theologie des Martyriums. Idea-Dokumentation 15/99. Idea: Wetzlar, 2001, 2. Aufl.]

Selbstverleugnung bedeutet, das Vertrauen in Gott prinzipiell und ausnahmslos an die erste Stelle zu setzen und deswegen bereit zu sein, dafür zu sterben. Selbstverleugnung bedeutet aber nicht automatisch, jeden anderen Menschen an die erste Stelle zu setzen. Denn aus der Unterordnung unter Gott ergibt sich erst der richtige Umgang mit anderen Menschen.

Sein Leben für andere zu geben ist in dieser Welt die höchste Form der Liebe. Jesus lehrt dies eindeutig: „Dies ist mein Gebot, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe. Denn niemand hat eine größere Liebe als wenn er sein Leben für seine Freunde hingibt“ (Joh 15,12–13). Deswegen wird die Liebe der Christen immer wieder an dem größten Liebesopfer Jesu, am Kreuz, ausgerichtet: „Wandelt in Liebe, wie auch Christus euch geliebt und sich selbst für uns als Gabe und Opfer gegeben hat“ (Eph 5,2). Deswegen soll auch der Ehemann gegebenenfalls bereit sein, sein Leben für seine Frau zu lassen, eine Absage an alle Vorstellungen des ‚Hauptseins‘ des Mannes, die darin vor allem die Kommandogewalt des Mannes sehen wollen: „Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie auch Christus die Gemeinde geliebt und sich selbst für sie dahingegeben hat“ (Eph 5,25).

Dazu möchte ich an folgenden Abschnitt aus meiner Ethik erinnern (auf neue Rechtschreibung umgestellt):

Gott zerstört die Persönlichkeit nicht

(Aus Ethik. ab 2. Aufl. Bd. 1, Lektion 12, Abschnitt 6.)

Gott arbeitet nicht mit Zwang. Zwang und Besessenheit sind die Kennzeichen des Teufels. Der Teufel fragt uns nicht, unterstützt uns nicht, hilft uns nicht, sondern verführt und zwingt uns und bringt uns zur Sünde, ehe wir zum Nachdenken gelangt sind. Gott dagegen schenkt uns alles, möchte aber dennoch die echte Persönlichkeit, die selbstbeherrscht, nüchtern und ruhig sich für den Weg Gottes entscheidet und ihn dann in Gottes Kraft geht.

Nur der Teufel regiert Menschen, indem er sie ihrer Persönlichkeit beraubt, wie die in den Evangelien erwähnten Besessenen im Extremfall zeigen, die bisweilen wie Tiere lebten und durch die Vertreibung der Dämonen wieder eigenständig handelnde Personen wurden. Dies wird in der Heilung des besessenen Geraseners (Mt 8,28–34;Mk 5,1–20; Lk 8,26–39) am deutlichsten. Hier war ein Mensch durch die Dämonen völlig seiner Persönlichkeit beraubt. Er kleidete sich nicht, lebte in Höhlen, sprach mit niemandem und griff jeden an (Mk 5,: „er hatte seine Wohnung in den Grabhöhlen. Und niemand konnte ihn mehr binden, auch nicht mit Ketten; denn er war oft mit Fesseln und Ketten gebunden gewesen und hatte die Ketten zerrissen und die Fesseln zerrieben; und niemand konnte ihn bändigen. Und er war allezeit, Tag und Nacht, in den Grabhöhlen und auf den Bergen, schrie und schlug sich mit Steinen“; Lk 8,27+29: „der hatte böse Geister; er trug seit langer Zeit keine Kleider mehr und blieb in keinem Hause, sondern in den Grabhöhlen … Denn er hatte dem unreinen Geist geboten, aus dem Menschen auszufahren. Denn der hatte ihn lange Zeit geplagt; und er wurde mit Ketten und Fesseln gebunden und gefangen gehalten, doch er zerriss seine Fesseln und wurde von dem bösen Geist in die Wüste getrieben“). Jesu Befreiungswort bewirkte, dass seine Persönlichkeit wieder zum Vorschein kam, so dass er wieder normal aß, sich anzog und ganz vernünftig mit anderen redete, wie die Außenstehenden erschrocken feststellen (Mt 5,15: „… und kamen zu Jesus und sahen den Besessenen, wie er dasaß, bekleidet und vernünftig, den, der die Legion unreiner Geister gehabt hatte; und sie fürchteten sich“; Lk 8,35: „Da gingen die Leute hinaus, um zu sehen, was geschehen war, und kamen zu Jesus und fanden den Menschen, von dem die bösen Geister ausgefahren waren, sitzend zu den Füßen Jesu, bekleidet und vernünftig, und sie erschraken“).

Zerstört Gott unsere Persönlichkeit? Schaltet er alle gleich? Irgend etwas kann da ja nicht stimmen! Es ist doch gerade Gott, der uns als unverwechselbare Persönlichkeiten geschaffen hat und der die ungeheure Vielfalt liebt. Gott arbeitet nicht mit Zwang. Je mehr uns Gott von unserer Sünde und aus Abhängigkeiten befreit, umso deutlicher kommt unsere unverwechselbare Persönlichkeit zum Ausdruck. Zwang und Besessenheit sind die Kennzeichen des Teufels. Der Teufel fragt uns nicht, unterstützt uns nicht, hilft uns nicht, sondern verführt und zwingt uns und bringt uns zur Sünde, ehe wir zum Nachdenken gelangt sind. Gott dagegen schenkt uns alles, möchte aber dennoch die echte Persönlichkeit, die selbstbeherrscht, nüchtern und ruhig sich für den Weg Gottes entscheidet und ihn dann in Gottes Kraft geht. Nur der Teufel regiert Menschen, indem er sie ihrer Persönlichkeit beraubt.

Das hat auch für die Entstehung der Bibel und das richtige Inspirationsverständnis große Bedeutung. Gott lässt sein Wort nicht durch Zwang schreiben, wie dies bei vielen mechanisch inspirierten Offenbarungen in den Religionen bis hinein in den Bereich christlicher Sekten der Fall ist. Wenn Gottes Geist an und durch Menschen wirkt, macht er sie zu echten Persönlichkeiten. Überall, wo die Inspiration einer heiligen Schrift damit begründet wird, dass die menschlichen Verfasser völlig unbeteiligt waren, also unter Zwang schrieben, besessen waren, in Ekstase unzurechnungsfähig waren, wie dies in vielen Religionen und Bewegungen der Fall ist, liegt nach der Bibel teuflische Inspiration vor. Selbst die Propheten, die in Verzückung unglaubliche Bilder sahen, können sich im Alten und Neuen Testament ganz vernünftig mit den die Visionen auslegenden Engeln unterhalten (z. B. in der Offenbarung des Johannes oder in Daniel und Hesekiel). Ja, Paulus hält es in 1Kor 14,32 für selbstverständlich, dass Propheten sich und die Offenbarung unter Kontrolle haben: „Die Geister der Propheten sind den Propheten untertan“. Deswegen können sie ihre Prophezeiung auch jederzeit unterbrechen oder für sich behalten (1Kor 14,30–32).

Die Bibel ist nicht von Marionetten mechanisch geschrieben worden, sondern im Gegenteil von echten Persönlichkeiten, deren Unverwechselbarkeit gerade in ihren Schriften zum Ausdruck kommt. Göttliche Inspiration schließt die menschliche Persönlichkeit nicht aus, sondern führt sie zu ihrer vollen Entfaltung. Deswegen gibt es kein religiöses Buch, das seine eigene rein menschliche Entstehungsgeschichte derartig ausbreitet und für wesentlich hält wie die Bibel. Die menschliche Seite ist kein Beweis gegen die göttliche Inspiration der Bibel, wie dies in anderen Religionen der Fall ist, wo die Göttlichkeit der Schrift dadurch bewiesen wird, dass kein Mensch daran beteiligt war oder die beteiligten Menschen zu so etwas unfähig waren.

Ein schönes Beispiel dafür findet sich am Ende des 2. Petrusbriefes. Dort schreibt Petrus: „Achtet die Langmut unseres Herrn als Errettung, wie auch unser geliebter Bruder Paulus in der ihm gegebenen Weisheit euch geschrieben hat, wie auch in allen seinen Briefen, wenn er von solchen Dingen spricht. In ihnen ist etliches schwer zu verstehen, was die Unwissenden und Unbefestigten wie auch die anderen Schriften zu ihrem eigenen Verderben verdrehen“ (2Petr 3,15–16). Die menschliche Seite der Bibel, hier die Besonderheit des petrinischen und des paulinischen Stils, tut ihrer göttlichen Seite keinen Abbruch. Selbst Petrus hat Mühe, die Paulusbriefe zu verstehen. Und dennoch ist es für Petrus keine Frage, dass Paulus im Namen Gottes spricht und dass man die Paulusbriefe nur zu seinem eigenen Verderben verdrehen kann.

Die Stellungnahme von Petrus ist also ein wichtiger Text zum Verständnis der Inspiration der Bibel. Die Bibel spiegelt die Unterschiedlichkeit der Charaktere ihrer Verfasser voll und ganz wider. Petrus schreibt in kurzen, knappen Sätzen, gibt einprägsame Warnungen, wechselt das Thema häufig und scheint keiner Gesamtgliederung seiner Briefe zu folgen. Paulus schreibt dagegen meist im Rahmen von langwierigen Gliederungen, benutzt oft lange, verschachtelte Sätze, die bisweilen sogar unfertig stehen bleiben, weil sie zu lang wurden. Er begründet eins aus dem anderen. Petrus ist ‚leichte‘ Lektüre, Paulus nicht. Dies kann sogar Petrus selbst über Paulus feststellen, denn Petrus selbst hatte Mühe, Paulus zu verstehen.

 

Ein Kommentar

  1. beatrice bachmann 14. Februar 2011 at 22:37

    Danke Herr Schirrmacher,

    für den Artikel. Ich kann ihn gut in der Seelsorge gebrauchen um von falscher „Bescheidenheitslehre“ verbogenen Christen den Unterschied zwischen Selbst-Losigkeit (ein psychologisches Trauerspiel) und die aus Heilung und Gottesfülle kommende Selbstlosigkeit (ich bin geheilt und erfüllt von Gott und kann geben, weil ich nicht aus Mangel raffen muss) zu erklären.

    Viele Grüße auch an Frau Meves,

    Beatrice Bachmann,
    cef-ev.de

     

Schreiben Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.