Die vatikanische Glaubenskongregation klärt das Verhältnis von Wahrheit und Religionsfreiheit

(Bonner Querschnitte 1.1.2008) Wenige Tage nach der zweiten Enzyklika von Papst Benedikt XVI. zur Hoffnung der Christen legt die Kongregation für die Glaubenslehre eine vornehm zurückhaltend „Lehrmäßige Note zu einigen Aspekten der Evangelisierung“ genannte, sehr weitreichende und bedeutsame Erklärung vor. Wenn auch vom Rang her nicht einer Enzyklika entsprechend, kann doch nur der Papst selbst eine solche Note „gutheißen“ und ihre „Veröffentlichung anordnen“. Zudem war Papst Benedikt lange Zeit Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre, Nachfolger der einst gefürchteten obersten Inquisitionsbehörde und immer noch die wichtigste Kongregation der katholischen Kirche, die für Lehre und Ethik zuständig ist. Und nach der Papstwahl war die Einsetzung von William Kardinal Levada als Präfekt dieser Kongregation eine der ersten Amtshandlungen von Papst Benedikt.

Die Note folgt dem Beispiel des Jesusbuches des Papstes und seiner zweiten Enzyklika, indem sie – anders als unter Johannes Paul II. üblich – über weite Strecken gemeinchristlichen Konsens formuliert. Jedes Tun der Kirche hat „eine grundlegende evangelisierende Dimension“, was selbst für ihr soziales Handeln gilt. Der „Missionsauftrag des Herrn“ darf nicht „ungehört und unwirksam“ werden, denn die Kirche gibt sich selbst und ihr Wesen auf, wenn sie aufhört, das Evangelium zu verkündigen. „Das ist das ewige Leben: dich, den einzigen wahren Gott, zu erkennen und Jesus Christus, den du gesandt hast“ (Joh 17,3) wird als die christliche Wahrheit schlechthin bezeichnet, die der Christ in keiner Situation verleugnen oder zurückstellen kann. Die auffällige Parallele und Abgrenzung zum islamischen Glaubensbekenntnis, dass nur es nu einen Gott gibt und Mohammed sein Gesandter ist, scheint gewollt, wie überhaupt die Note auch als eine begrüßenswerte Reaktion auf den Brief von 138 muslimischen Gelehrten an den Papst und andere Kichenführer verstanden werden kann.

Selbst dort, wo die Unaufgebbarkeit der Kirche für die Mission beschrieben wird, ist die Formulierung so, dass auch ein Protestant zustimmen kann, auch wenn sicher unausgesprochen die Sicht dahinter steht, dass nur die in apostolischen Sukzession organisierte, römisch-katholische Kirche allein dieser Aufgabe wirklich gerecht wird. Lediglich einer von fünf Abschnitten spricht „Einige ökumenische Implikationen“ an und enthält in nur wenigen Sätzen Formulierungen, die zu scharfen Reaktionen protestantischer Kirchen geführt haben. Die Kongregation verteidigt nämlich das Recht von Katholiken, auch anderen Kirchen und Christen den katholischen Glauben zu bezeugen und das Recht des Übertritts von Nichtkatholiken zur katholischen Kirche. Das ist für Nichtkatholiken jedoch eine Selbstverständlichkeit. Anstoß nehmen sie daran, dass der Übertritt als Wirken des Heiligen Geistes gedeutet wird, nachdem „die Fülle der Heilsmittel“ angeboten wurde, die andere Kirchen offensichtlich nicht haben. Da gleichzeitig aber jeder „Druck“ untersagt wird und die Formulierung ansonsten eher auf Gemeinsamkeit angelegt sind, gehören diese Abschnitte jedoch eher zu den freundlichen Aussagen der letzten Jahre in Richtung Ökumene.

Wirklich schwerwiegend ist aber, dass die ‚Note’ den Prozess eines Ethik-Kodex für Mission aufgreift, ohne ihn ausdrücklich zu nennen, an dem neben dem Vatikan der Weltkirchenrat und die Weltweite Evangelische Allianz. Die Note tritt mehrfach deutlich und detailliert für Religionsfreiheit ein und erteilt jeder Vermischung von Evangelisierung und politischem Druck, Betrug und Vorteilsangebot und anderen Mitteln, die nicht auf die Herzensüberzeugung des anderen abzielen, ab – übrigens auch, wenn ein Christ von seinem Glauben weg gelockt werden soll.

Dabei nimmt die Glaubenskongregation eine wichtige, für alle Kirchen bedeutsame Klärung vor, denn sie proklamiert klar und eindeutig, dass sie das Recht auf Evangelisierung aus göttlichem Recht ableitet, zugleich aber auch im politischen Feld Religionsfreiheit dafür in Anspruch nimmt. Religionsfreiheit bedeutet aber nur, friedlich und respektvoll mit Anhängern anderer Religionen zusammen zu leben und für die Evangelisierung auf Gewalt, Druck, Drohung und andere unlautere Mittel zu verzichten. Religionsfreiheit bedeutet aber nicht, dass die christliche Offenbarung auf eine Stufe mit anderen Religionen gestellt wird und setzt keine Religionsökumene voraus.

Das sollte tatsächlich alle Kirchen einen: Evangelisierung und Verkündigung der Wahrheit schließen den Wunsch nach Zusammenleben mit andersdenkenden Menschen in Frieden und Freiheit nicht aus, sondern ein. Man kann beides: Sich für Religionsfreiheit und Demokratie einsetzen, und trotzdem die Wahrheit Jesu Christi und des Evangeliums unbeirrbar festhalten.

Der Systematiker und Religionssoziologe Prof. Thomas Schirrmacher hat mehrere Bücher über das katholische Lehramt verfasst. Für die weltweite Evangelische Allianz führt er Gespräche mit Vatikan und Weltkirchenrat über Religionsfreiheit und einen möglichen internationalen Ethikkodex für Mission.

 

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