Jetzt ist „Make Love“ vom MDR ins ZDF-Hauptprogramm gewechselt und hat gewissermaßen die Hüllen fallen gelassen, das heißt das, was beim MDR noch wenigstens echtes Gespräch mit Paaren mit echten Problemen war, wurde nun endgültig eine nach Marketinggesichtspunkten gestylte Sex-Doku, in der das Meiste mit dem Problem des Paares wenig zu tun hat.

Genau das hatte ich erwartet und in meinem Beitrag („Make Love zum Ersten“) geschrieben.

Der SPIEGEL schreibt dazu:

„Schon bemerkenswert, zu welchen rhetorischen Schlüpfrigkeiten die ZDF-Sex-Doku ‚Make Love‘ Journalisten im Vorhinein inspirierte: ‚Mit dem Zweiten vögelt man besser‘, schrieb der ‚Tagesspiegel‘ über seine Kritik; ‚Neues von der Bettkante‘ stand in der ‚Focus‘-Überschrift. Und die ‚Bild‘ titelte gleich: ‚Popo-Sex-Unterricht im ZDF!‘ Selbst den ‚Bild‘-Chef persönlich brachte die Sendung, in der die Sexologin Ann-Marlene Henning Paare begleitet, aufklärt und Tipps gibt, in Wallung.“

Und in der WELT wird die erste neue Folge vom 28.7.2015 von MAKE LOVE unter der Überschrift „Und wie ist Ihr Sex so? Auch so schön spießig?“ von ‚Airen‘ wie folgt kommentiert:

„‚Make Love‘ war mal ein cooles Aufklärungsformat. Jetzt wandelt das ZDF es in eine fahle Dokusoap um: Fritz hat nicht so oft Lust wie Daniela. Und am Ende soll es der Basic-Instinct-Moment richten. Vor drei Jahren schrieb Ann-Marlene Henning ein Aufklärungsbuch für Jugendliche, es hieß ‚Make Love‘, wurde für seinen unverkrampften Ton gelobt und bald ein Bestseller. Ein Jahr später startete ein gleichnamiges Format im MDR, wo sich die Sexologin den Problemen echter Pärchen widmete, und das wegen seiner unkonventionellen Darstellung … dem Schunkelsender MDR einen bis dahin nicht gekannten Coolheitsfaktor verlieh. Jetzt hat das ZDF das Format übernommen … Leider misslingt der Versuch, über eine Länge von 45 Minuten einen Spannungsbogen zu ziehen, den das getrübte Sexualleben des Beispielpaars nicht hergibt. ‚Sex ohne Leistungsdruck‘ heißt das Motto der ersten Sendung, begleitet werden Daniela und Fritz aus Gräfelfing in Oberbayern. Fritz, Typ gezähmter Rocker, Ziegenbart, Pferdeschwanz, hat nicht so oft Lust wie Hausfrau Daniela (Nasenpiercing, blonder Mecki) es gerne hätte.“

Airen fährt fort:

„Nach der Sitte des Factual Entertainment werden scheffelweise Zahlen und Fakten über dem Zuschauer ausgeschüttet, auch ein promovierter Sexualforscher kommt zu Wort. … Die unumwundene Direktheit, die man aus Hennings Videos kennt, wird dabei den Zwängen des Storytelling geopfert. Und das nicht einmal besonders gut. Heraus gekommen ist die zuverlässig erprobte und tausend Mal gesehene Dramaturgie einer Dokusoap. Mit spannungsgeladener Geigenmusik aufgebauschte künstliche Aufreger (Daniela hat beim Einzelgespräch an der Tür gelauscht) und rührend gestellte Momente der Zweisamkeit auf sorgfältig auf einer Wiese drapierten Heuballen erzeugen Gefühlszustände und Momente, die man so oder so ähnlich schon unzählige Male gesehen hat.“

Und jetzt kommt es:

„Weil die Geschichte von Fritz und Daniela nicht so viel hergibt, hat man auch ein paar Normalbürger von der Straße in die Sendung eingebunden. Und wo findet man einen repräsentativeren Vertreter des deutschen Mannes als in der Umkleidekabine eines Fußballvereins, wo durchtrainierte Hetero-Tops mit Bierpulle und Bürstenhaarschnitt sitzen, von Quickies träumen und sich um den Ausdruck ‚Blowjob‘ herumdrucksen? Als weibliches Pendant muss eine Gruppe gestandener Landfrauen herhalten, die beim Kaffeekränzchen aus dem Nähkästchen plaudern. Diskutiert werden Sexualpraktiken, die wohl vor dem Krieg noch für Aufregung sorgten … Was das jetzt mit Fritzens Unlust zu tun haben soll, erschließt sich nur schwer und wird von der Sexologin mühsam übergeleitet.“

Und dann das eindeutige und berechtigte Urteil, genau das, was ich angekündigt hatte: „Function follows form“. Oder anders gesagt: Die reale Lebensgeschichte und der bis zur Unkenntlichkeit verzerrte Rat muss sich dem unterordnen, was ‚sells‘, eben dem ‚Sex‘, schlüpfrigen Geschichten und scheinbaren Überraschungen.

Airen kommt zu dem Urteil:

„Was in Hennings YouTube-Videos gut funktionierte – anschauliche Tipps, ungeniert erörterte Praktiken – wird bei ‚Make Love‘ im realitytypischen Beratersprech zerlabert. Gefühle und Bedürfnisse werden wie die Variablen einer Gleichung isoliert, in mechanistische Worthülsen gepackt und mit Tortendiagrammen und Graphen entmenschlicht. Diese Krankheit, sich jedem Sachverhalt empathiefrei zu nähern und auch noch das Intimste zu abstrahieren, ist so dermaßen deutsch und vielleicht daher auch der Grund, warum hierzulande so viel Beratungsbedarf besteht.“

Airen nimmt dabei auf die Schippe, wie banal die Sendung ist, wenn man einmal die Bilder weglässt:

„Spirituell aufgewertet wird die Sendung mit seichtem Halbwissen frisch vom Kalenderblatt. Motto: Lass die Gefühle frei. Die Sendung gipfelt schließlich in der tiefschürfenden Weisheit: Nur wenn Fritz sich im Jetzt gut spürt, kann es mit dem Sex etwas werden. Die bahnbrechende Lösung: Er soll sich mehr Zeit lassen. Zu dieser banalen Einsicht ist jeder vernünftige Mensch fähig, der sich mal eine halbe Minute mit seinen Gefühlen auseinandergesetzt hat! Ein sachte rammelndes Modellpärchen darf dann den Satz ‚Gib Fritz mal eine Massage‘ tanzen.“

Erschreckend, dass Airen Recht hat, wenn er schreibt: „Problem gelöst? Nein.“ Die ganze Sendung entpuppt sich als Drumherum um das Üblich ‚Sex sells‘. Deswegen stimmt auch, was Airen zum Schluss schreibt:

„Irgendwie müssen jetzt ja noch die Sextipps untergebracht werden und genug Schweinkram hat man auch noch nicht gesehen. Es tut sich folglich eine weitere Baustelle auf: Daniela lässt sich gerne fingern, und auch Fritz ahnt seit einer Prostatauntersuchung, dass er ‚da unten‘ Gefühle hat. Wieder muss das Modellpärchen ran … Der Basic-Instinct-Moment, der dem Format die wohl nötige Aufmerksamkeit besorgen soll, ist an den Schluss gesetzt: für ein, zwei Sekunden prangt da eine gespreizte Vulva mitten auf dem bundesdeutschen Bildschirm. Alter Schwede!“

Mein Schluss: Wie vor einem Jahr schon einmal geschrieben: Bestenfalls war die Sendung „Sex ohne Leistungsdruck“ überflüssig, da sie keine Antwort gibt. Schlimmstenfalls hat sie das Gegenteil erreicht, nämlich Sex mit weiterem Leistungsdruck verbunden. Und genutzt hat sie niemand – doch, halt – dem Sender, der Dank nackter Bilder bessere Einschaltquoten bekommt. Das erhöht zwar die Einnahmen aus den Zwangsgebühren nicht, wohl aber die Werbeeinnahmen und die Wettbewerbsargumente.

 

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