Ein Kommentar von Thomas Schirrmacher

Kooperation

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Plenarrede von Thomas Schirrmacher

Das Bemühen des Ökumenischen Rates der Kirchen, der evangelikalen Bewegung nicht feindlich, sondern freundlich zu begegnen, und ihre Sichtweise überall zu erfragen und einzubeziehen, war auf der Vollversammlung in Busan überdeutlich. Sie kam auch darin zum Ausdruck, dass Vertreter der Weltweiten Evangelischen Allianz (WEA) in verschiedenen Kommissionen mitarbeiten und dort gegebenenfalls auch ihre Bedenken ungehindert darlegen konnten.

So gehörte Rolf Hille als Vertreter der WEA dem Programmkomitee an. Ein Mitglied der Missionskommission der WEA ist Mitglied der Kommission für Weltmission und Evangelisation (CWME) des ÖRK. Ich selbst wurde als Mitglied des Ausschusses für öffentliche Fragen berufen, der die Erklärungen der Vollversammlung erarbeitete, und von dort als Vorsitzender des Komitees eingesetzt, dass die Erklärung gegen religiöse Gewalt, für Religionsfreiheit und auch gegen Christenverfolgung verfasst hat, die die Vollversammlung dann verabschiedet hat.

Beeindruckend war, wie herzlich wir in Busan aufgenommen wurden und wie viel Raum wir bekamen, unsere gemeinsamen, wie auch unsere abweichenden Positionen darzustellen. Wir hatten durch eigene Workshops, Kurzvorträge in Workshops, viele Wortmeldungen und Mitarbeit in Kommissionen völlig frei die Möglichkeit, unsere Sicht der Dinge einzubringen, meist mit breiter Zustimmung der Delegierten und Mitgliedskirchen des ÖRK. Wir hatten sogar zwei Veranstaltungen im offiziellen Programm, in denen die WEA-Repräsentanten ihre Linie abstimmen konnten. Außerdem stand uns eine riesige Standfläche für den viel frequentierten Stand des Internationalen Instituts für Religionsfreiheit zur Verfügung, an dem Joseph Yakubu und Christof Sauer täglich 10 Stunden mit insgesamt über 1000 Delegierten sprachen.

Die WEA hat deutlich gemacht, dass sie dem ÖRK dankbar für die ausgestreckte Hand ist, die es ermöglicht, unsere Sicht überall einzubringen. Sie sieht, dass die Zusammenarbeit im Global Christian Forum, im Forum der Secretary of Christian World Communions und im fünfjährigen Prozess, der zum gemeinsamen Dokument von Vatikan, ÖRK und WEA „Christliches Zeugnis in einer multireligiösen Welt“ führte, und bei gemeinsamen Aktionen für Menschenrechte usw. Früchte tragen.

Als Vorsitzender des Unterausschusses zur Religionsfreiheit erlebte ich also das Entstehen der Erklärung gegen religiöse Gewalt der Vollversammlung aus nächster Nähe, vor allem in Zusammenarbeit mit orientalischen Bischöfen aus der islamischen Welt. Es wurde sehr deutlich, dass der Einsatz der WEA für verfolgte Kirchen auch die ökumenischen Beziehungen verändert und uns Evangelikalen gerade auch mit solchen Mitgliedskirchen des ÖRK zusammenbringt, die früher außerhalb unseres Interesses lagen. Dass ich im ablaufenden Jahr zahlreiche Patriarchen östlicher Kirchen samt des koptischen Papstes traf (ebenso wie die Leiter der meisten evangelischen weltweiten Zusammenschlüsse, etliche Kardinäle und den Papst), liegt da auf einer Linie. Die vielen positiven Reaktionen auf meine Plenarrede in Busan zeigten mir, dass die weltweite kirchlich-konfessionelle Landschaft Verschiebungen wie seit einem halben Jahrhundert nicht mehr erlebt.

Missionspapier

Im Ergebnis sind die auf der Vollversammlung verabschiedeten Texte durchweg für die WEA nicht zu beanstanden oder unterstützenswert.

Im Missionspapier des ÖRK bzw. seiner Missionskommission (CWME) „Together Towards Life: Mission and Evangelism in Changing Landscapes“, das bereits ein Jahr vor der Vollversammlung vom Zentralkomitee des ÖRK am 5.9.2012 verabschiedet worden war und von einigen Evangelikalen in Deutschland heftig kritisiert wurde, ist unsere Sicht der Mission in einigen von der WEA bzw. evangelikalen Theologen mit formulierten Paragrafen zur verbalen Weitergabe des Evangeliums präsent, auch wenn das lange Dokument daneben viele richtige Ziele für unser Handeln auflistet, die wir zwar prinzipiell teilen, die wir aber nicht unbedingt unter dem Stichwort ‚Mission‘ angeführt hätten, sondern allgemein als das, was gerecht und gut für die Welt ist. Diese Ziele entsprechen über weite Strecken der Kapstädter Erklärung, die von der Theologischen Kommission der WEA mit verfasst wurde. Bedauerlich war, dass das Plenum zur Mission und zum Missionspapier recht einseitig nur bestimmte Aspekte des Papiers betonte, nicht aber den holistischen Ansatz. Die Aussage eines katholischen Referenten, der Heilige Geist sei der Ursprung aller Religionen, war denn aber nicht repräsentativ, wie die Reaktionen zeigten. Dass er sich dafür ausgerechnet auf Papst Benedikt XVI. berief, entbehrte nicht einer gewissen Komik.

Synkretismus

Auffällig war, dass traditionell von uns kritisch gesehene Elemente der Vollversammlungen des ÖRK diesmal praktisch völlig fehlten. So fanden keine nichtchristlichen religiösen Riten im offiziellen Programm statt. Also wurde auch in den Plenarveranstaltungen kein einziges Mal – wie früher üblich – Zeremonien anderer Religionen vollzogen. Es gab nur vereinzelte kurze Grußworte von Vertretern anderer Religionen, etwas länger sprach nur der jüdische Vertreter, was ja aber sowieso auf einer anderen Ebene liegt.

Homosexualität

Offensichtlich ist, dass der Ökumenische Rat der Kirchen zunehmend zu Themen schweigt, die unter den Kirchen umstritten sind. So kam das für die ökumenischen Beziehungen weltweit brandgefährliche Thema Homosexualität praktisch nicht vor, wenn man von dem deutlichen Statement des russisch-orthodoxen Metropoliten Hilarion vor der geschlossenen Geschäftssitzung und von einigen Ständen in der Ausstellung einmal absieht. Dass sich der ÖRK und seine Leitung trotz wiederholter Anfrage weigerte, irgendeine positive Stellungnahme zur Homosexualität abzugeben, verärgerte manche Mitgliedskirchen und angereiste Lobbygruppen sehr, wurde aber trotzdem von allen Beteiligten erfolgreich durchgehalten.

Demonstranten

Die WEA distanzierte sich bewusst von den plakativen Aktionen und Äußerungen einiger extremer evangelikaler Gruppen außerhalb der Vollversammlung und führte die Diskussionen mit dem ÖRK im direkten Gespräch, nicht über die Medien.

Ich habe mich namens der WEA und ihres Generalsekretärs in Busan von den Demonstranten deutlich distanziert. Nicht einzelne Protestierer hatten jedes Maß verloren, sondern alle, weswegen sie auch nur einen Bruchteil der Evangelikalen in Korea repräsentierten. „Tod dem Weltkirchenrat“ stand auf vielen Plakaten, der Generalsekretär des ÖRK (wie ich auch) wurde als Antichrist verleumdet, übelste Beschimpfungen wurden ausgesprochen, auf dem Gelände der Vollversammlung waren oft störend laut die Megaphone zu hören. Polizeieinsatz zur Entfernung von Eindringlingen, die widerwärtige Flugblätter verteilten, das Verschmieren von Exkrementen auf die Bühne während eines laufenden Gottesdienst in der Kirche des Vorsitzenden des Host-Komitees, in Korea noch unvergleichlich viel schambesetzter als bei uns: Das alles hat nichts mit theologischer Auseinandersetzung zu tun, sondern mit Politik und fast schon Gewalt, und hat nichts mit dem zu tun, wie die WEA theologische Differenzen diskutieren möchte.

Auch die drei inhaltlichen Hauptwürfe der Demonstranten liefen ins Leere.

Der Vorwurf des Synkretismus der Demonstranten an den ÖRK wurde durch die Generalversammlung selbst widerlegt, in der – wie gesagt – im offiziellen Programm, vor allem in den Plenarveranstaltungen, nicht ein einziges Mal – wie früher üblich – Zeremonien anderer Religionen vollzogen wurden. Diese und manch andere deutliche Verbesserungen hätten erwähnt werden müssen.

Der Vorwurf, öffentlich für Homosexualität einzutreten, entsprach – wie wir gesehen haben – ebenfalls nicht der Wahrheit. Die Demonstranten mussten doch wissen, dass zum Weltkirchenrat ebenso Kirchen gehören, die für Homosexualität eintreten, als auch solche – etwa orthodoxe oder evangelikale – Mitgliedskirchen, die Homosexualität für nicht mit dem Willen Gottes vereinbar halten.

Der Vorwurf an den ÖRK, den Kommunismus zu fördern und zu vertreten und der Vorwurf der Steuerung durch kommunistische Länder und Geheimdienste stammt aus der Zeit des Kalten Krieges, der in Korea noch anhält, hat aber nichts mit dem realen ÖRK der Gegenwart zu tun.

Grußwort Busan

The World Evangelical Alliance greets the Assembly of the World Council of Churches

Greetings

Thank you very much for the invitation to bring greetings to the plenary session of the General Assembly of the World Council of Churches and its many member churches from around the globe represented here – on behalf of the World Evangelical Alliance representing churches with some 600 million Christians worldwide. I do this on behalf of our Secretary General, Geoff Tunnicliffe, the Director of Ecumenical Affairs, Rolf Hille, who is among us, as well as on behalf of the International Council, the Theological Commission, the Religious Liberty Commission, and the Mission Commission which are all represented at this Assembly.

“Christian Witness in a multicultural World”

When the Evangelical Alliance was established in 1846 it sought to work in four primary areas of concern:

Christian unity

Human rights, and in particular at that time the abolition of slavery

World Evangelism

Religious freedom for all

One hundred and sixty years later these are still primary commitments of the World Evangelical Alliance.

Those four areas never were combined more clearly than in the first-ever joint document signed by the Vatican, the World Council of Churches and the World Evangelical Alliance, entitled “Christian Witness in a Multi-Religious World: Recommendations for Conduct”. The General Secretary of the World Council of Churches already emphasized its historic importance in his report to the General Assembly. The document speaks clearly against any kind of unethical way of doing mission. Witnessing to the gospel should never be done in a way that overrules the human dignity and the human rights of others. This is a document that fulfills all four of the historic concerns of the WEA: Christian unity, human rights, a positive outlook on mission and evangelism, and a major step towards religious freedom. Having been involved in the process for five years myself, I was amazed about the agreement found in the first sentence:

“Mission belongs to the very being of the church. Therefore proclaiming the word of God and witnessing to the world is essential for every Christian. However it is necessary to do so according to gospel principles, with full respect and love for all human beings.”

We are grateful to the World Council of Churches for its flexibility in including the World Evangelical Alliance in this project and keeping the process going for several years. Finally, the World Evangelical Alliance became a full partner in the drafting, with the result that our members in 128 nations agreed to the text. This has resulted in a historic document in which for the first time the three large global Christian bodies representing the majority of world Christianity have spoken with one voice. Presently the document goes from one country to the next and furthers Christian unity on a very broad base.

Global Christian Forum

Thus, the WCC and WEA have a common experience in giving Christian unity worldwide a higher priority than furthering their own organizations. One well developed example – again together with the Roman Catholic Church – is the Global Christian Forum, which the World Evangelical Alliance fully endorses on a global and on a regional level. This open platform makes it obvious that our organizations are no longer the main focus, but the unity of Christians itself. And it reaches out to those churches and Christians who for some reason or the other are still outside any global ecumenical community. The Global Christian Forum can become a useful resource in helping resolve some of the ongoing conflicts within the Christian family. In particular I mention the situation in the Middle East and Holy Land.

Holistic mission

“Evangelical” is a broad term that can be used to designate all kind of groups. Definitions vary. So we ask you not to mix what so called “Evangelicals” do and say and what the World Evangelical Alliance stands for. We want to take responsibility for what we as a global community say and do, but we cannot influence what happens outside our membership. Often enough we are ourselves the goal of attacks by others.

Evangelism is the proclamation in word, deed and Christian character of the saving work of Jesus Christ on the cross and through the resurrection. He alone overcame sin and can forgive and overcome sin. Yes, evangelism lies at the core of the identity of being evangelical. Our churches are committed to seeing the gospel proclaimed and demonstrated in all nations of the world. The WEA stands for what we call holistic evangelism or integral mission. We emphasize the connection between both proclaiming the good news of Jesus Christ in word and practicing it in our actions. Both are necessary for the integrity of the gospel. Furthermore, personal conversion must result in the growth of Christian character and witness. There have been times when mistakes have been made and evangelicals have struggled to link the proclamation of the gospel with acts of justice and peace. Yet in our history there have been many strong voices and lives that exemplify the holistic nature of evangelism and – by God’s grace – are on a good path to recover this aspect of witness to the gospel in the world.

Further, I would add that the WEA is deeply committed to biblical engagement. While there are more Bibles available in our world than ever before we find growing biblical illiteracy. Given the reality that our work and mission in the church is built on the authority of the Scriptures we must emphasize a recommitment to not only reading but following the Holy Scripture. This also is the necessary backing for holistic mission, as it is the Bible that also calls us to feed the hungry, help the poor, speak for the oppressed and utter our prophetic voice against structural evils in societies such as corruption or racism.

Religious Freedom /Korea

As mentioned,  religious freedom was a central focus of the WEA already as early as the mid-19th century, as was the fight for freedom and human rights, at that time especially in the fight against slavery. Our International Institute for Religious Freedom is offering a workshop and a Madang exhibition stand in Busan.

I cannot finish my greetings without mentioning our lovely host country. We join others in working towards the reunification of Korea. Coming from Germany I can understand the feelings accompanying this, even though the situation of the two divided countries is very different in detail. But as in Germany we believe that human rights and freedom, including religious freedom, is the real goal, and reunification can be the result or even the means to achieve this, not the other way round. South Korea has a good history progressing from dictatorship to a functioning democracy. Receiving many shocking reports about the situation in North Korea, we want to work and pray for a day when the people in North Korea will experience freedom including religious freedom, and Christians in the North and South can unite in worshiping the Saviour.

Blessing

Thus we ask God’s blessing on all the ongoing work of the Assembly of the WCC. May God the Father give us all the strength to work on behalf of his creation. May Jesus Christ, Son of God, who saved us from sin and death, be our example willing to give his live for the good of others. And may the Holy Spirit keep us all from evil ways and unjust thoughts and lead us into the growing truth promised to his church on earth.


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6 Kommentare

  1. Peter Friedrich 27. Juni 2015 at 06:27

    „…. Dass sich der ÖRK und seine Leitung trotz wiederholter Anfrage weigerte, irgendeine positive Stellungnahme zur Homosexualität abzugeben, ….“ –

    Um wessen Homosexualität handelt es sich?

     
  2. Schirrmacher 27. Juni 2015 at 06:54

    Versteh ich nicht. Es geht um H. an sich.

     
  3. Peter Friedrich 27. Juni 2015 at 20:49

    Ich kann letztlich nur von mir selber her etwas zum Thema Homosexualität aussagen. ICH finde Homosexualität für MICH nicht gut. Punkt.
    Wie es einem anderen Menschen damit geht, darüber kann ich unmöglich eine Aussage treffen.
    Mein religiöser Bezug gibt mir die Kraft, einen Menschen zu FRAGEN, was für ein Mensch er ist, wie es IHM geht. Dann kann ich ihn auch zu sich selbst begleiten. Was geschlechtlich dabei herauskommt, ob hetero, bi, homo etc., das geht mich nichts an.

     
  4. Peter Friedrich 29. Juni 2015 at 01:37

    Von daher läßt sich über Homosexualität an und für sich nicht sprechen. Genausowenig wie es sich über die Hautfarbe meines Mitmenschen nicht sprechen läßt.

     
  5. Peter Friedrich 1. Juli 2015 at 03:44

    Ihre Antwort, bitte?

     
  6. Peter Friedrich 23. Januar 2016 at 05:49

    Schade, Herr Dr. Schirrmacher.
    Es bleibt jenen, die die Religion dazu mißbrauchen, um ihre eigenen psychischen Defizite an anderen Menschen auszutoben, letztlich nur das Schämen und das Bereuen.
    Es ist niederträchtig und verantwortungslos, über die Chimäre „Gott“ weiterhin anderen Menschen in ihr Intimleben hineinzupfuschen.
    Man müßte Menschen anhand ihres Bedürfnisses nach der personalen und mitfühlenden Liebe schlechthin ( im Sinne von „Deus caritas est“ ) zu sich selbst (zurück-)begleiten.
    Es ist eine Schande, die Suche nach Orientierung des existentiell liebesbedürftigen Menschen überzuleiten in einen kruden ideologischen „Naturrechts“komplex, nach dem es höchste Bestimmung des Menschen sei, seine jeweilige geschlechtliche (bipolare!) Rolle anzunehmen und als Penisträger eine Vaginaträgerin zu ehelichen. Das ist ein schwerer Mißbrauch und eine schlimme Entstellung des christlichen Seelsorgeauftrages!

     

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