Als Beleg dafür, dass ein Evangelikaler einen Abtreibungsarzt erschossen habe, wird auf Paul Hill vorwiesen. Noch in meinem Gutachten schrieb ich 2008 dazu:

„Paul Hill, der im Juli 1994 einen Arzt und seinen Leibwächter vor einer Abtreibungsklinik erschoss, war früher presbyterianischer Pastor und dürfte sich selbst wohl als evangelikal bezeichnen.“

2003 wurde Hill dafür in Florida mit der Giftspritze hingerichtet.

Inzwischen habe ich aber weiter recherchiert. Meine Aussage muss insofern korrigiert werden, dass sich Hill vermutlich früher als evangelikal bezeichnet hätte, sicher aber nicht zur Zeit der Tat. Hill war tatsächlich Pfarrer der Orthodox Presbyterian Church, wandte sich aber zunehmend vom konservativen christlichen Glauben ab und trat 1990 als Pfarrer zurück. Er wurde 1993 wegen seiner rassistischen Thesen, der Forderung, Abtreibung durch Mord zu verhindern, und der Zugehörigkeit zur Army of God aus dieser Kirche ausgeschlossen und seit Anfang 1993 als potentieller Terrorist von der Polizei überwacht. Er selbst ordnete sich der ‚Army of God‘ zu, die bis heute auf ihrer Webseite eine Gedenkseite für Paul Hill unterhält und Hills Schriften aus dem Gefängnis zum Download anbietet (Link eingesehen am 25.8.2016), in denen er verschiedene Kirchen wüst beschimpft. In den langen Gerichtsverfahren war die Army of God sein Bezugspunkt, weder bezeichnete er sich selbst als evangelikal, noch wurde dies als sein Hintergrund angesehen.

Zur Army of God schreibe ich im Gutachten von 2008:

„Auch für die mit Bibelversen bestückte üble Seite der ‚Army of God‘, die die Täter als Märtyrer verherrlicht, konnte bisher keine Verbindung zu einer christlichen Gruppe oder überhaupt zu einer richtigen Organisation festgestellt werden. Die ‚Army of God‘ gilt allen Bibelversen zum Trotz als rassistische, neonazistische Gruppe, wobei die für die weiße Vorherrschaft kämpfenden rechtsradikalen Gruppen wie der Ku Klux Klan gerne die Bibel zitieren, aber trotzdem keine christliche Ausrichtung haben.“

Die Army of God wurde 1982 als terroristische Organisation im Untergrund gegründet und bisher wurden 11 Mitglieder identifiziert. Sie wurde durch den Dokumentarfilm ‚Soldiers in the Army of God‘ berühmt.

Die ausführlichste Stellungnahme zur Army of God von Justin C. Altum von 2003 sieht diese als eine der amerikanischen rechtsextremistischen Milizen und drei Einflüsse christlicherseits, 1. die inzwischen erloschene „Christian Reconstruction“-Bewegung (siehe mein Buch „Christian Reconstruction“), 2. eine Bewegung des apokalyptischen Katholizismus und 3. die Bewegung „Christian Identity“. Zu letzterer Bewegung, zu der die Army of God gehört, schreibe ich in meinem Blog „‚Christian Identity‘ in den USA – antichristliche Rassisten“:

„Die ‚Christian-Identity‘-Bewegung hat mit einer christlichen Kirche oder christlicher Dogmatik nichts zu tun, weswegen man oft auch einfach nur von ‚Identity‘ spricht. Sie gehören wie der Ku Klux Klan zu den rassistischen Bewegungen in den USA, die alle nicht reinrassig ‚Weißen‘ aus den USA vertreiben wollen. Sie hat heute in den USA etwa 50.000 Anhänger in ungezählten, sich widersprechenden und bekämpfenden Gruppen.“

Zu den 11 identifizierten Personen der Army of God gehörten auch Scott Roeder, Mörder des Gynäkologen George Tiller, und Eric Robert Rudolph, Urheber des Bombenanschlags auf die Olympischen Spiele 1996, die auch beide niemand als evangelikal einstuft.

Zu guter Letzt möchte ich noch einmal daran erinnern, dass es um einen Fall von 1994 geht. Die Zugehörigkeit eines Einzelgängers zu irgendetwas vor 22 Jahren kann ja wohl kaum Auskunft über Menschen der Gegenwart geben.

 

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