Das Westminster Theological Seminary stellt eine umfas­sende Studie der bekannten Islamwissenschaftlerin Christine Schirrmacher über Apostasie in der zeitgenössischen islamischen Theologie vor

(Bonn, 19.02.2015) „Schafft alle Gesetze gegen Apostasie ab, denn sie behindern die Menschenrechte.“ Diese Worte des Koranwissenschaftlers Abdullah Saeed aus den Malediven und Australien stellte Christine Schirrmacher über ihre Gastvorlesung. Sie hielt die Vorlesung anlässlich des Erscheinens der englischen Ausgabe ihres wissenschaftlichen Hauptwerkes Es ist kein Zwang in der Religion“ (Sure 2,256): Der Abfall vom Islam im Urteil zeitgenössischer islamischer Theologen: Diskurse zu Apostasie, … und Politik in muslimischen Gesellschaften, das zeitgleich in Europa und durch Wipf & Stock in den USA veröffentlicht wurde. Christine Schirrmacher war vom Präsidenten des Westminster Theological Seminary, Prof. Dr. Peter Lillback, eingeladen worden, in einer besonderen Gastvorlesung die Zusammenfassung ihrer Forschungsarbeit vorzutragen.

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Während der Vorlesung von Christine Schirrmacher

In seiner Einleitung sagte Peter Lillback dazu: „Wir müssen die öffentliche Theologie stärken, und Dr. Schirrmachers Forschung über die Originaltexte der muslimischen Gelehrten ist eine zielgerichtete Forschung höchster Qualität. Der Kampf für Religionsfreiheit muss ein integraler Bestandteil christlicher Theologie sein.“ Bei einem Treffen des Lehrkörpers der theologischen Hochschule früher am gleichen Tag hatte Lillback der Weltweiten Evangelischen Allianz dafür gedankt, auf hochqualifizierte Weise die Führung in Fragen wie Islam und religiöse Gewalt übernommen zu haben.

Das Westminster Theological Seminary entstand 1929 in Philadelphia aus dem Princeton Theological SeminaryDie Schule gilt als akademisches Flaggschiff der nicht-liberalen reformierten Kirchen mit Studenten aus rund 100 Ländern. Wie das Martin Bucer Seminar ist auch das Westminster Theological SeminaryMitglied der World Reformed Fellowship.

Christine Schirrmacher wurde von ihrem Ehemann, dem bekannten reformierten Religionssoziologen Thomas Schirrmacher begleitet, der Präsident des Martin Bucer Seminars und Vorsitzender der Theologischen Kommission der Weltweiten Evangelischen Allianz ist. Für ihn war am folgenden Tag eine Gastvorlesung am Westminster Theological Seminary über die neusten Entwicklungen in der Römisch-Katholischen Kirche angesetzt.

Drei Hauptpositionen zur Apostasie

apostasy_cover_u1In der Habilitationsschrift von Christine Schirrmacher „‚Es ist kein Zwang in der Religion‘ (Sure 2,256): Der Abfall vom Islam im Urteil zeitgenössischer islamischer Theologen“ wurden erstmals Originalstimmen aus der islamischen Theologie zur Beurteilung der Apostasie aufgearbeitet. Es wurden dafür Texte aus dem Arabischen, Englischen, Französischen und Urdu übersetzt und zugänglich gemacht.

Heute werden von islamischen Theologen im Wesentlichen drei Positionen zum Glaubensabfall vertreten: Die volle Befürwortung von Religionsfreiheit, die völlige Negierung von Religionsfreiheit mit Forderung der sofortigen Todesstrafe für Apostaten sowie eine Mittelposition, die innere Gedankenfreiheit gestattet und vor zu früher Verfolgung warnt, bei offener Apostasie (z. B. bei Übertritt zu einem anderen Glauben) jedoch ebenfalls die Todesstrafe einfordert – innerhalb der etablierten islamischen Theologie ist letztere die heute häufigste Auffassung.

Diese drei Hauptpositionen zur Apostasie stellt die Habilitationsschrift anhand der Veröffentlichungen dreier weltweit einflussreicher Theologen des 20. Jahrhunderts vor: Yusuf al-Qaradawi (geb. 1926), Abdullah Saeed (geb. 1960) und Abu l-A’la Maududi (1903-1979) verfügen über eine weltweit viele Millionen Menschen umfassende Anhängerschaft sowie politischen Einfluss, haben sich in ihren Veröffentlichungen intensiv mit der Thematik der Apostasie befasst und mindestens ein selbständiges Werk dazu publiziert. Diese „global players“ auf der öffentlichen Bühne von Theologie, Politik und Gesellschaft genossen eine traditionell-islamische Ausbildung und folgen keinem grundsätzlich koran- oder islamkritischen Diskurs. Durch ihre Herkunft und weitgespannten Tätigkeiten in Ägypten/Qatar, Malediven/Australien und Indien/Pakistan erlauben sie einen länderübergreifenden Blick auf die heutigen Beurteilung der Apostasie innerhalb der islamischen Theologie. 

Während der Vorlesung von Christine Schirrmacher

Während der Vorlesung von Christine Schirrmacher

Die Studie erläutert, warum es in vielen islamisch geprägten Ländern auch heute für Konvertiten, kritische Intellektuelle, Künstler und progressive Koranwissenschaftler, Journalisten und Säkularisten, Agnostiker oder bekennende Atheisten, Aufklärer, Frauen- und Menschenrechtler sowie Angehörige nicht-anerkannter Minderheiten keine Religionsfreiheit im Sinne der UN-Menschenrechtscharta von 1948 gibt. Konvertiten und Andersdenkende sehen sich – von Land zu Land in unterschiedlichem Maß – zumindest Diskriminierungen ausgesetzt, häufig jedoch ebenfalls rechtlichen Benachteiligungen, gesellschaftlicher Ausgrenzung bis hin zu öffentlicher Ächtung, willkürlicher Inhaftierung bis zu Bedrohung und sogar Mord. Grund dafür ist nicht vor allem die Gesetzgebung vor Ort, da nur in wenigen islamisch geprägten Staaten ein in der Verfassung oder Gesetzgebung verankertes Verbot der Apostasie existiert. Schariarecht gilt in den meisten arabischen Staaten ausschließlich im Zivilrecht, nicht aber im Strafrecht. Meist erfahren Konvertiten den größten Druck seitens der Familie und Gesellschaft, nur in wenigen Staaten kommt es zu offiziellen gerichtlichen Anklagen wegen Glaubensabfall.

Van Til-Halle, Ort der Vorlesung

Van Til-Halle, Ort der Vorlesung

Öffentliche Meinungsführer aber, insbesondere einflussreiche Vertreter der islamischen Theologie, besitzen über vielerlei Kanäle große gesellschaftliche Prägekraft. Der Transfer ihrer Auffassungen in Theologie und Recht, aber vor allem in die Mitte der Gesellschaft, steht im Mittelpunkt dieser Untersuchung. Nach einem Überblick über die Beurteilung der Apostasie und den Umgang mit Apostaten in der Geschichte von der Frühzeit des Islam bis zur Moderne werden die wichtigsten Veröffentlichungen von Abdullah Saeed, Abu l-A’la Maududi und Yusuf al-Qaradawi erläutert und ausgewertet. Die abschließend gestellte Frage lautet, ob und unter welchen Bedingungen die Befürworter voller Religionsfreiheit in Zukunft ein größeres Forum zur Verbreitung ihrer Auffassungen haben könnten.

Über die Autorin

Christine und Thomas Schirrmacher mit Präsident Peter Lillback unter dem originalen Siegel des Westminster Theological Seminary

Christine und Thomas Schirrmacher mit Präsident Peter Lillback unter dem originalen Siegel des Westminster Theological Seminary

Christine Schirrmacher ist habilitierte Islamwissenschaftlerin und lehrt als Professorin für Islamwissenschaft an den Universitäten Bonn und Leuven. Sie promovierte im Fach Islamwissenschaft an der Universität Bonn mit einer Arbeit zur christlich-islamischen Kontroverse im 19. und 20. Jahrhundert und habilitierte sich dort mit einer Studie über die Positionierung einflussreicher muslimischer Theologen des 20. Jahrhunderts zu Religionsfreiheit, Menschenrechten und dem Abfall vom Islam. 2013 vertrat sie den Lehrstuhl Islamwissenschaft an der Universität Erfurt, 2013/14 lehrte sie als TEA-Professorin an der Universität Tübingen am Institut für Humangeographie (Schwerpunkt Politische Geographie und Konfliktforschung).

Sie unterrichtet regelmäßig als Gastdozentin an verschiedenen Akademien des Landes und Bundes, wie etwa seit rund 15 Jahren an der „Akademie Auswärtiger Dienst“ (ehemals Diplomatenschule) des Auswärtigen Amtes, Berlin, sowie fortlaufend als Gastdozentin bei Landes- und Bundesbehörden der Sicherheitspolitik.

Als Leiterin des „International Institute of Islamic Studies“ (IIIS) der Weltweiten Evangelischen Allianz (WEA) ist sie auf nationaler wie internationaler Ebene an Dialoginitiativen und Diskursen mit muslimischen Theologen beteiligt, wie etwa der Nachfolgekonferenz zum „Offenen Brief der 138 muslimischen Theologen an Papst Benedikt XVI und die ganze Christenheit“ der Yale University New Haven, USA (2008) oder dem „Berlin Forum for Progressive Muslims“ (2011; 2013), einer Fachtagung der Friedrich-Ebert-Stiftung, Berlin.

 

Bibliografische Details: 

  • Christine Schirrmacher. „Let there be no Compulsion in Religion“ (Sura 2:256): Apostasy from Islam as judged by contemporary Islamic Theologians – Discourses on Apostasy, Religious Freedom, and Human Rights. 2016. 620 S. Pb.
  • 49,80 EUR [D] ISBN 978-3-86269-114-2 (VKW, lieferbar via amazon.de)
  • 68,00 US$. ISBN 978-1-4982-9153-8 (W&S

 

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