„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (3Mose 19,18; Mt 22,35–40; Mk 12,28–34; Lk 10,25–28; Gal 5,13–14; Jak 2,8–12; Röm 13,8–10; Mt 19,19; Mt 5,43).

Einige verstehen diesen Satz – meist mit Hilfe psychologischer Überlegungen – als generelle Aufforderung, dass man sich zunächst selbst lieben müsse, bevor man andere lieben könne. Andere sehen jede Selbstliebe als das Ende der von Jesus geforderten Selbstverleugnung (Mt 16,24; Mk 8,34; Lk 9,23) an und verstehen das „wie dich selbst“ als Zugeständnis an den leider immer vorhandenen Egoismus. Wer hat recht?

Durch die Verbindung der Liebe mit den Geboten Gottes (Röm 13,8–10) klärt sich die Frage. Nimmt man nämlich die Gebote Gottes hinzu, sieht man, dass beide Seiten gleichermaßen Recht wie Unrecht haben. Wenn Gott uns geboten hat, uns um uns selbst zu kümmern und uns selbst Freude zu schaffen, kann an diesen Stellen keine prinzipielle Selbstverleugnung gefordert sein. Wenn Gott uns aufträgt, unseren Lebensunterhalt zu verdienen oder uns am Essen zu erfreuen, kann ein solcher Einsatz für uns selbst nicht falsch sein. Wo Gott uns aber aufträgt, die Interessen anderer über unsere eigenen zu stellen, können psychologische Theorien Gottes Willen nicht aufheben. Die Bibel spielt den Einzelnen und die Gesellschaft und die eigenen Interessen und die Interessen der Allgemeinheit nicht gegeneinander aus. Sie ist weder individualistisch noch sozialistisch. Sie wahrt die Privatsphäre des Einzelnen ebenso, wie sie keinen von der sozialen Verantwortung ausnimmt.

Die berühmte Goldene Regel Jesu in Mt 7,12 verbindet die Selbstliebe und das Leben für andere untrennbar miteinander: „Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun sollen, das tut ihr ihnen auch! Denn darin besteht das Gesetz und die Propheten.“

Die Bibel kann selbst das höchste Ziel des Menschen, nämlich ewiges Leben zu erlangen und in ewiger Gemeinschaft mit Gott zu leben, in doppelter Weise begründen. Einerseits wird damit Gott an die erste Stelle gesetzt und der Mensch ordnet sich demütig Gottes Willen unter: Der Mensch wird Gott ewig als seinen Herrn und Erlöser preisen. Andererseits ist dies aber zugleich das Beste, was ein Mensch für sich selbst tun kann. Deswegen begründet die Bibel ein Leben nach dem Willen Gottes ohne Hemmungen mit dem Nutzen, den der Mensch davon in Ewigkeit haben wird (Mt 6,19–20; Joh 4,36; Lk 6,23; Gal 6,9; 1Tim 6,18–19; Kol 3,23–24; 1Kor 3,14; vgl. Jak 5,3). Häufig ist dabei vom zwar unverdienten, aber dennoch klar zugesagten „Lohn“ die Rede.

Die ewige Gemeinschaft mit dem dreieinigen Gott ist die höchste Vollendung der Liebe zu Gott, der Liebe zu anderen und der wahren Liebe des eigenen Lebens, also dem Wunsch, das Beste aus dem eigenen Leben zu machen. Wilhelm Lütgert hat das treffend formuliert: „Wenn durch die Liebe zu Gott aus dem Selbsterhaltungstrieb die Selbstsucht ausgeschieden wird, so wird er zu Selbstliebe. … Selbstsucht ist nicht Selbstliebe. Der selbstsüchtige Mensch liebt überhaupt nicht, auch nicht sich selbst.“ (Wilhelm Lütgert. Ethik der Liebe. C. Bertelsmann: Gütersloh, 1938. S. 17)

Die berufliche Arbeit ist in der Bibel ein gutes Beispiel für die doppelte Ausrichtung der Liebe. Arbeit ist nämlich immer zugleich Arbeit für den Arbeitenden und Arbeit für andere. Auch der Ertrag der Arbeit dient sowohl dem eigenen Lebensunterhalt als auch anderen (z. B. der Familie, den Armen, der Kirche und dem Staat). So geht der Ertrag der Arbeit nicht einfach nur an den Arbeitenden. Paulus schreibt etwa: „Den Reichen in dieser Welt gebiete, dass sie nicht stolz sein sollen, noch ihre Hoffnung auf die Ungewissheit des Reichtums setzen sollen, sondern auf Gott, der uns alles reichlich darreicht, um es zu genießen, und dass sie Gutes tun, reich an guten Werken, freigebig und behilflich sein sollen, um sich selbst eine gute Grundlage für die Zukunft zu sammeln, um das wirkliche Leben zu ergreifen“ (1Tim 6,17–19). Reichtum soll hier also sowohl dem eigenen Genuss, als auch anderen dienen, wobei letzteres im Himmel auch dem Geber selbst wieder zugute kommt. John Stott nennt dies „Das biblische Prinzip der Gegenseitigkeit“ (John Stott. Christsein in den Brennpunkten unserer Zeit … 3. Francke: Marburg, 1988. S. 38–42).

Wir haben an dieser Stelle wie so oft zwei Seiten zu berücksichtigen. Einerseits geschieht Arbeit zur eigenen Versorgung, andererseits dient Arbeit anderen, sei es, weil die Arbeit direkt für sie geschieht (zum Beispiel die Arbeit des Busfahrers), sei es, dass ihnen das Ergebnis der Arbeit etwas nützt (z. B. der gebaute Kinderwagen), sei es, dass der Arbeitende anderen etwas von seinem Lohn weitergibt (z. B. Lebensunterhalt für seine Familie). Diese beiden Seiten dürfen nie gegeneinander ausgespielt werden.

So schreibt ein säkularer Wirtschaftswissenschaftler, der die biblischen Zusammenhänge besser verstanden zu haben scheint als mancher Christ: „Der Glaube, dass das Glück der anderen am Ende auch einem selbst nützt, findet nur schwer den Weg zum menschlichen Herzen. Jedoch ist dies die Goldene Regel der Wirtschaft, der Schlüssel zu Frieden und Wohlstand und eine Voraussetzung für den Fortschritt.“ (George Gilder. Reichtum und Armut. dtv: München, 1983. S. 19)

Viele Probleme entstehen dort, wo man Dinge gegeneinanderstellt, die Gott in seinem Gesetz aufeinander bezieht. Dies gilt auch für Individualismus und Kollektivismus. Der Individualismus sieht das Individuum, den einzelnen Menschen, als den wichtigsten Maßstab an und glaubt, dass sich alles an den Bedürfnissen und Wünschen des Einzelnen auszurichten habe. Dies ist etwa die Botschaft des politischen Liberalismus. Der Kollektivismus dagegen sieht die Gemeinschaft (der Kirche, des Staates usw.) als den wichtigsten Maßstab an und glaubt, dass sich alle privaten Bedürfnisse dem Wohl der Gemeinschaft unterzuordnen haben. Ganz deutlich wird dies etwa im Kommunismus oder in der nationalsozialistischen Parole: „Du bist nichts, dein Volk ist alles“.

In der Bibel wird diese Gegenüberstellung dadurch überwunden, dass weder der Einzelne noch die Gesellschaft der Maßstab und das Ziel des menschlichen Lebens sind, sondern der dreieinige Gott und seine Verherrlichung.

Gott selbst ist es, der in seinem Wort der Einzelpersönlichkeit ebenso große Bedeutung beimisst wie der Gemeinschaft, allerdings nicht nur einer Gemeinschaft, sondern der Gemeinschaft in verschiedenen von Gott gestifteten Bünden, etwa im Zusammenleben und Zusammenarbeiten in Familie, Kirche, Arbeit und Staat. Der Schutz des Einzelnen wie der Schutz der Gemeinschaft werden beide gleichermaßen bedacht und durch die Gebote Got–tes geregelt. Nur aus den Geboten Gottes können wir erfahren, in welchem Fall welcher Bereich Vorfahrt hat.

 

2 Kommentare

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