Die Berliner CDU-Politikerin Barbara John, die allerdings nicht mehr auf Wählerstimmen angewiesen ist, schreibt im Tagesspiegel, dass das Kernproblem sei, dass für Evangelikale, Pfingstler, Mormonen und Salafisten der „reine Glaube“ zähle und ihnen die Umwelt, in der sie leben, egal sei. Wohlgemerkt: drei Gruppen mit zigmillionen Anhängern werden nicht etwa mit allen Muslimen gleichgesetzt, sondern mit einer absoluten Minderheit unter Muslimen, den Salafisten. „Aktiv handeln als Staatsbürger und gläubig sein, das kriegen einige nicht auf die Reihe“, bei den Evangelikalen alle Millionen, unter den Muslimen nur einige Tausend Salafisten. Billige Sektenklischees mischen sich hier mit Sippenhaftung ganzer Gruppen und emotionaler Verunglimpfung als religiöse Gewalttäter. Ich teile den Glauben der Mormonen nicht, aber mit welchen Gewalttaten haben sie in Deutschland solche Verunglimpfungen verdient?

Was konkret wirft denn John den Minderheiten vor? Sie schreibt,

„… dass sich die Verbindung zwischen Religiosität und Kultur (in diesem Fall der deutschen) aufgelöst hat. Das gilt auch für manche Muslime, die mit ihrer Herkunftssprache und -kultur nichts mehr anfangen können. Was für sie zählt, ist der ‚reine Glaube‘, entlastet vom kulturell-geschichtlichen Interpretationsballast und von traditionellen Strukturen wie Kirchen. Deshalb gehören so unterschiedliche Gruppen wie beispielsweise die ‚Pfingstler‘ (sie beten in keiner landesbeheimateten Sprache miteinander, sondern in Zungenlauten) genauso dazu wie Evangelikale, Mormonen oder Salafisten. Fast alle tief fromm, doch häufig nichts wissend vom geschichtlichen Religionskontext. Von einer Wiedergeburt der traditionellen Religionen kann daher keine Rede sein. Aber von religiöser Selbstverwirklichung und Abgrenzung vom Mainstream. Die potenziellen Gefahren: Für solche Frommen stehen die Schwestern und Brüder im Glauben oft an erster Stelle, während die Gesellschaft wenig zählt, manchmal gar nicht. Aktiv handeln als Staatsbürger und gläubig sein, das kriegen einige nicht auf die Reihe. Also ein Fall für den Verfassungsschutz? Lächerlich! Schroffe Zurückweisung bestätigt nur ihren Weg der Trennung. Vertrauen entsteht, wenn Staat und Religion noch säuberlicher auseinandergehalten werden und allen, ja, allen Glaubensgemeinschaften die gleichen Rechte zustehen. So wächst Bindung an die hiesige politische Kultur.“

Wie man hier mit Klischees, die wenig mit der Wirklichkeit zu tun haben, über Andersgläubige Stimmung macht, zeigt sehr schön der Kurzverriss über die Pfingstler: „sie beten in keiner landesbeheimateten Sprache miteinander“. Das ist natürlich Unsinn, wie jeder kurze Besuch in einem ihrer Gottesdienste gezeigt hätte: Sie reden in Deutschland seit den über hundert Jahren ihrer Entstehung in einer deutschen Erweckungsbewegung Deutsch, predigen auf Deutsch und beten (sehr viel!) auf Deutsch. Nur zusätzlich beten sie auch ‚in Zungen‘, was aber noch nirgends in der Geschichte der Bewegung mit ihren Hunderten Millionen Anhängern – weder von Freund noch Feind – als Herabsetzung der Muttersprache oder Landessprache oder der eigenen Heimat oder Geschichte verstanden wurde.

John konstruiert einen unsinnigen Zusammenhang zwischen „tief fromm“ und „häufig nichts wissend vom geschichtlichen Religionskontext“. Heißt das Gegenstück dann „wenig fromm“ und „häufig viel wissend vom Religionskontext“? Beschränken wir uns einmal auf die vermeintliche Geschichtsvergessenheit der Evangelikalen. Sie ist völlig aus der Luft gegriffen. Die Evangelikalen sind sehr traditionsbewusst, meist wird ihnen ja das zum Vorwurf gemacht. Sie gehören zur Hälfte den Evangelischen Landeskirchen an und sind dort in Form des Pietismus seit Jahrhunderten beheimatet. Aber auch die sogenannten Freikirchen wie die Baptisten und die Freien evangelischen Gemeinden sind seit Mitte des 19. Jahrhunderts fester Bestandteil unserer religiösen Landschaft, einschließlich etwa ihrer diakonischen Werke. Und selbst die Pfingstbewegung ist nicht erst seit gestern hier, sondern seit über hundert Jahren! Bei John mutieren die sonst als ewiggestrig Verschrieenen plötzlich zu geschichtsvergessenen Kulturzerstörern.

Das Geschichts- und Kulturbewusstsein gerade für die Geschichte des Christentums und der Religion in Deutschland ist sicher unter Evangelikalen viel ausgeprägter als im Rest der Bevölkerung, ohne das jetzt werten oder apologetisch verwenden zu wollen. Auch kann ich nicht erkennen, dass John bereit ist, ihre eigene Frömmigkeit geschichtlich gegebenen Fakten einfach unterzuordnen. Im Gegenteil scheint mir alles, was ich bisher von Frau John gehört und gelesen habe, darauf hinzuweisen, dass sie keinen Respekt vor der in Deutschland gewachsenen religiösen Frömmigkeit hat, sondern ihre eigene, postmoderne und eigenwillige Art der Religiosität zum Maßstab aller Dinge erhebt.

 

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