Überarbeitet aus Thomas Schirrmacher. „Lexikon des Christentums“ usw., S. 8-267 in: Thomas Schirrmacher, Christine Schirrmacher u. a. Harenberg Lexikon der Religionen. Düsseldorf: Harenberg Verlag, 2002.

Paulus

Mit dem Apostel Paulus trat eine Persönlichkeit auf, die dem Urchristentum eine neue Ausrichtung gab. Paulus war multikulturell und wuchs dreisprachig auf (Aramäisch, Griechisch, Lateinisch). Aus einer strengen jüdischen Familie aus dem Stamm Benjamin stammend, erhielt er eine hochkarätige Ausbildung als Pharisäer und stellte sich früh in den Dienst des jüdischen Hohen Rates zur grausamen Verfolgung der Christen. Zugleich war er Griechisch sprechend und mit der hellenistischen Welt vertraut, da er in Tarsus in der heutigen Türkei aufwuchs. Außerdem war er vollwertiger römischer Staatsbürger und mit dem römischen Recht bestens vertraut.

Nach einer dramatischen Bekehrung zum Christentum, dem Damaskuserlebnis (Apg 9,3–9; 22,3–16; 26,9–20), kehrte er nach einer Begegnung mit Petrus und den anderen Aposteln (Apg 9,26–30; Gal 1,11–24) erst für einige (Apg 11,25–26) Jahre nach Tarsus zurück, bevor ihn Barnabas als Mitarbeiter in die erste heidenchristliche Gemeinde in Antiochien und damit ins Rampenlicht der Geschichte holte.

Paulus widmete sich jedoch bald der Heidenmission und versuchte den christlichen Glauben in den Provinzen und Ländern außerhalb des jüdischen Siedlungsgebiets zu verbreiten. Bedeutendstes Zeugnis dafür sind die Berichte seines Schülers Lukas in der Apostelgeschichte und seine Briefe, die er an die verschiedenen Gemeinden und Mitarbeiter schrieb. In diesen Schriftstücken legt er die christliche Lehre systematisch dar, gibt Ratschläge an die Gemeindemitglieder und warnt die Gemeinden immer wieder davor, ihren wahren christlichen Charakter durch Übernahme der Gedankenwelt der jüdischen oder heidnischen Umwelt aufzugeben.

Auf weiten Missionsreisen nach Kleinasien und Griechenland gründete er zahlreiche Gemeinden in den zentralen Städten der römischen Provinzen, wie Thessaloniki, Korinth, Ephesus, Kolossä und Philippi. In Jerusalem wurde er auf Betreiben der jüdischen Führer wegen Aufruhrs verhaftet und aufgrund seiner Berufung auf den Kaiser schließlich nach Rom überführt, wo er zunächst unter Hausarrest noch einige Zeit recht frei wirken konnte, schließlich aber unter Nero den Märtyrertod fand.

Mit seiner enormen Missionsleistung innerhalb und außerhalb des Judentums und der Anpassung der im Grundsätzlichen weiterhin jüdisch geprägten Lehre an die Situation der judenchristlichen und erst recht der heidenchristlichen Gemeinden im nichtjüdischen Umfeld, sicherte Paulus das Überdauern des christlichen Glaubens und gestaltete das Christentum erst eigentlich zu einer Weltreligion, die in der Lage war, das Römische Reich zu durchzudringen. Dabei geriet er allerdings mit einer mächtigen Gruppe von Judenchristen in Konflikt, denen sein Eingehen auf die Heiden zu weit ging. Der entscheidende Streitpunkt war die Frage, ob die jüdischen Zeremonialgesetze, vor allem Beschneidung und Speisegebote, auch für Nichtjuden Gültigkeit hätten, die zum Christentum übertreten wollten, also ob der Heide direkt Christ werden kann, oder erst Jude werden muss und dann von dort aus Christ werden kann. Die Leitung der Jerusalemer Gemeinde und andere Apostel, vor allem Jakobus und Petrus, waren lange schwankend, stellten sich aber schließlich auf dem ‚Apostelkonzil‘ in Jerusalem, der ersten Synode der Christenheit, bereits mit Vertretung aller Gemeinden unter Leitung der Apostel (Apg 15; Gal 2,1–10), auf die Seite des Paulus und seiner Missionsstrategie und erklärte dies im ‚Aposteldekret‘ an die gesamte Christenheit. Damit war das Christentum nicht mehr eine jüdische Sekte, sondern wurde zu einer Universalkirche und Weltreligion, die jedem, der an Jesus glaubte, offenstand.

Der Einfluss des Paulus auf das Christentum kann kaum überschätzt werden, denn er gab die entscheidenden Anstöße für die Universalisierung der neuen Religion. Da die meisten neutestamentlichen Schriften von ihm stammen, wurde und wird christliche Theologie oft mit paulinischer Theologie gleichgesetzt und jede christliche Konfession versucht zu zeigen, dass sie ‚paulinisch‘ denkt. Große Reformbewegungen und Wendepunkte der christlichen Geschichte, wie der Wechsel von einer griechisch bestimmten zu einer lateinisch bestimmten Theologie bei Aurelius Augustinus im 5. Jh., die Reformation Martin Luthers oder das 2. Vatikanische Konzil, geschahen unter Berufung auf Paulus. Zentrale Lehren des Christentums wie die Erbsünde, die Rechtfertigung des Sünders aus Glauben, das stellvertretende Sühnopfer Jesu für die Menschheit oder die Kirche als der Leib Christi hat Paulus formuliert, auch wenn er dabei immer den alttestamentlichen Glauben und die Tradition der zwölf Apostel vor ihm voraussetzte und diese Lehren für ihn und die Christenheit natürlich auf Offenbarung Gottes beruhten, die Gott aber nun einmal Paulus zuteil werden ließ.

Damaskuserlebnis

Als Damaskuserlebnis bezeichnet man die Bekehrung des späteren Apostels Paulus vom Judentum zum Christentum vor Damaskus, wie sie dreimal geschildert wird (Apg 9,1ff.; 22,5ff.; 26,12ff.). Als amtlicher Verfolger der Christen reiste Paulus viel herum, wobei ihn eines Tages auf dem Weg nach Damaskus eine Christusvision überkam, bei der er vom Pferd oder einem anderen Reittier stürzte, ein strahlendes Licht sah und eine Stimme ihn fragte: ‚Saul, Saul, warum verfolgst du mich?‘ und sich zu erkennen gab als ‚Ich bin Jesus, den du verfolgst‘. Paulus wurde dadurch Christ und später zum bedeutendsten Missionar und Theologen der jungen Religion. Sein Geburtsname war Saulus, aber in der Missionarsarbeit verwendete er die griechische Form Paulus. Daher kommt die Redensart ‚vom Saulus zum Paulus‘ zu werden.

Petrus

Petrus hat für die Formulierung des universalen christlichen Glaubens nicht die Rolle gespielt, wie Paulus, und die beiden neutestamentlichen Petrusbriefe sind in der Theologie Paulus so ähnlich, ja verweisen sogar ausdrücklich auf Paulus (2Petr 3,15–16), dass manche Theologen sie gar nicht für seine Werke, sondern für Werke von Paulusschülern halten, was dem einfach gehaltenen Sprachstil – man hört den nichtgriechischen Fischer reden – jedoch wohl nicht gerecht wird. Aber Petrus muss hier nicht nur erwähnt werden, weil die größte christliche Konfession, die Katholische Kirche, ihn zum Ausgangspunkt ihrer Geschichte gemacht hat und ihn als ersten Papst sieht, sondern weil er auch von diesem Anspruch unabhängig unbestritten der von Jesus selbst aufgebaute und allgemein anerkannte Führer der Jünger Jesu und der ersten Christen war. So stand neben dem hochgebildeten, weltgewandten Paulus der einfache jüdische Fischer (Mk 1,16) Petrus am Beginn der christlichen Kirche.

Bereits in den Evangelien ist er die führende Gestalt im Kreis der zwölf Jünger Jesu, der anstatt seines früheren Namens Simon (Apg 15,14) von Jesus selbst den Namen Petrus oder Kephas, also Fels (griech. petros: Stein, Fels; aram.: kephas: Fels) erhielt (Joh 1,42). Er war der erste Mensch und Apostel, der Jesus als Sohn Gottes erkannte und bekannte (Mt 16,13–16; Mk 8,27–29), auch wenn die Evangelien offen und ehrlich berichten, dass er Jesu Leiden immer wieder nicht verstand (Mt 16,22; Mk 8,32) und er seinen Glauben kurz vor der Kreuzigung Jesu verleugnete (Mt 26,69–75; Mk 14,66–72). Christus erschien ihm persönlich am Tag seiner Auferstehung (Lk 24,34; 1Kor 15,5) und gab ihm später den von Johannes überlieferten Auftrag, seine Schafe zu weiden (Joh 21,1–23). Er war es, der wie selbstverständlich am Pfingstfest in Jerusalem stellvertretend für die Jünger Jesu predigte (Apg 2,14–40). Auch wenn ihn beim Apostelkonzil offensichtlich der Bruder Jesu, Jakobus, als Leiter der Gemeinde in Jerusalem bereits abgelöst hat (Apg 15,13), spielte sein dortiges Urteil zugunsten der paulinischen Heidenmission die entscheidende Rolle und er war der unbestrittene Führer der Judenchristen und auf Missionsreisen an der Ausbreitung der ersten Gemeinden beteiligt. Allerdings verlieren wir ihn im N.T. früh aus den Augen, weil Lukas in der Apostelgeschichte, wo er zunächst im Mittelpunkt steht (Apg 1–12; 15), im Weiteren stattdessen von den Missionsreisen des Paulus berichtet. Sicher ist nur, dass Petrus unter Nero 64–67 n. Chr. den Märtyrertod in Rom erlitt. Ob er in Rom zuvor längere Zeit Bischof war, ist zwar sehr wahrscheinlich, aber nicht zweifelsfrei zu klären. Dass das Grab in der Peterskirche in Rom das Grab des echten Petrus ist, konnte die archäologische Forschung glaubhaft machen. Die Verehrung des Petrusgrabes ist seit Mitte des 2. Jh. kontinuierlich belegt.

 

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