Schirrmacher: Der Genozid von 1915 soll vollendet werden

Thomas Schirrmacher übergibt einige Bücher an Patriarch Ignatius Aphrem II., u.a. ein umfangreiches Werk der WEA zum Thema Christenverfolgung

Thomas Schirrmacher übergibt einige Bücher an Patriarch Ignatius Aphrem II., u.a. ein umfangreiches Werk der WEA zum Thema Christenverfolgung

(Bonn, 20.05.2015) Anlässlich des Deutschlandbesuches des Syrisch-Orthodoxen Patriarchen S.H. Moran Mor Ignatius Aphrem II. im Rahmen des Kirchentages der Syrisch-Orthodoxen Kirche von Antiochien in Deutschland im Kloster St. Jakob v. Sarug in Warburg/Westfalen überbrachte Prof. Dr. Thomas Schirrmacher eine Solidaritätsadresse und Segenswünsche im Auftrag der Weltweiten Evangelischen Allianz.

Neben seiner offiziellen Audienz beim Patriarchen der Kirche S.H. Moran Mor Ignatius Aphrem II. kam es zu einer Reihe weiterer Gespräche mit dem Oberhaupt der orientalischen Kirche sowie mit den syrischen Erzbischöfen von Deutschland, den Niederlanden und Schweden sowie Bischöfen anderer Kirchen. Dabei stand die gegenwärtige Verfolgung der syrischen Christen in ihrer Heimat im Nahen Osten im Mittelpunkt. Eine weitere Audienz nahm Schirrmacher als stellvertretender Vorsitzender des Beirates des Zentralrates der Orientalischen Christen in Deutschland (ZOCD) zusammen mit dem Vorsitzenden des ZOCD, Simon Jacob, wahr.

Podiumsdiskussion, von links: Prof. Heribert Hirte MdB, Diözesanratsvorsitzender Dr. Scharbil Raid Gharib (Moderator), Patriarch Ignatius Aphrem II., Übersetzer, Thomas Schirrmacher

Podiumsdiskussion, von links: Prof. Heribert Hirte MdB, Diözesanratsvorsitzender Dr. Scharbil Raid Gharib (Moderator), Patriarch Ignatius Aphrem II., Übersetzer, Thomas Schirrmacher

In der Audienz dankte der Patriarch – wie schon sein Vorgänger – der Weltweiten Evangelischen Allianz (WEA) herzlich für ihren intensiven Einsatz für die Angehörigen seiner Kirche auf allen Ebenden, im Gebet, bei anderen Kirchen, in den Medien, in der Politik und bei der UN. Der Generalsekretär der WEA, Bischof Efraim Tendero (Philippinen) hatte sich kürzlich mit dem Generalsekretär der Vereinten Nationen getroffen und darauf gedrängt, die Lage der Christen im Nahen Osten ganz oben auf die Agenda zu setzen.

Währen des Kirchentages gab es eine Podiumsdiskussion zur Frage: „Christen im Nahen Osten – ein Ende der Geschichte?“ mit dem Patriarchen, Thomas Schirrmacher und Prof. Dr. Heribert Hirte, MdB, der die CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag repräsentierte.

Patriarch Ignatius Aphrem II. im Zelt der Kinderarbeit des Kirchentages; links neben ihm: Erzbischof Mor Philoxenus Mattias Nayis

Patriarch Ignatius Aphrem II. im Zelt der Kinderarbeit des Kirchentages; links neben ihm: Erzbischof Mor Philoxenus Mattias Nayis

Prof. Heribert Hirte unterstrich, wie wichtig für die orientalischen Christen die Hilfe vor Ort sei, damit der IS nicht den Erfolg bekommt, dass Christen fliehen müssen. Gleichwohl sei es richtig, Bürgerkriegsflüchtlinge auch in unserem Land aufzunehmen. Durch die zur Zeit sehr hohe Zahl an Asylbewerbern, die auch aus sicheren Herkunftsländern kommen und weit überwiegend keine Chance auf Anerkennung auf Asyl haben, sei es zum Teil schwierig, die nötigen Kapazitäten für die politisch und religiös Verfolgten bereitstellen zu können. Sie müssten aber unbedingt Vorrang haben. Prof. Hirte ist Vorsitzender des Stephanuskreises, eines überkonfessionellen Gesprächskreises der CDU/CSU-Bundestagsfraktion mit über 80 Mitgliedern, der sich in besonderer Weise für Religionsfreiheit einsetzt und sich um die Situation verfolgter Christen in aller Welt kümmert.

Prof. Thomas Schirrmacher betonte, dass die politische Diskussion, ob der Genozid an den orientalischen Christen vor 100 Jahren ein Genozid war oder nicht, „an sich schon übel“ sei. Besonders übel sei dies aber im Licht der Tatsache, dass der IS und andere Kräfte „endgültig vollenden“ wollten, was vor 100 Jahren nicht geschafft wurde. Der Genozid an den syrischen Christen sei wieder im vollen Gange. Erst vor wenigen Tagen habe der Großmufti von Saudi-Arabien gefordert, dass es in zehn Jahren keine Kirchen mehr in der arabischen Welt geben solle. Für Christen sei es egal, ob ihnen der IS oder Saudi-Arabien, das offiziell gegen den IS kämpft, als Feinde gegenüberstehen, da die Ziele letztlich dieselben seien.

Besuch in der Ausstellung über den Völkermord besonders an den syrischen Christen

Besuch in der Ausstellung über den Völkermord besonders an den syrischen Christen

Auf die Frage, ob die orientalischen Christen eine Zukunft im Nahen Osten hätten, antwortete Patriarch Ignatius Aphrem II.: „Wir müssen und wir wollen dort eine Zukunft haben.“ Im Grunde seien sie als syrische Christen „das Volk des Landes“, womit er auf die nahezu 2000-jährige Geschichte der syrischen Kirche im Nahen Osten hinwies, die auf die allerersten, aramäischsprachigen christlichen Gemeinden zurückgeht. Der Patriarch betonte seine Dankbarkeit gegenüber der deutschen Regierung wie auch gegenüber den Christen und Kirchen in Deutschland für alle Hilfe, die gerade den aktuellen Flüchtlingen aus Syrien und dem Irak zuteil werde. Zugleich erinnerte er daran, dass viele Flüchtlinge Europa gar nicht erreichten, sondern auf der Flucht umkämen, und das nicht nur wegen seeuntüchtiger Boote. Zum Teil würden Christen unter den Flüchtlingen von den Schleusern gezielt getötet, nur weil sie Christen seien.

Patriarch Ignatius Aphrem II. kritisierte allerdings, dass die Zusage der Bewaffnung von christlichen Truppenkontingenten, die sich der irakischen Regierung und Armee unterstellten, nicht eingehalten wurde. Die Waffen gingen immer an andere.

Thomas Schirrmacher betet vor dem Mahnmal für den Schutz und Frieden der Christen im Nahen Osten

Thomas Schirrmacher betet vor dem Mahnmal für den Schutz und Frieden der Christen im Nahen Osten

Thomas Schirrmacher machte deutlich, dass es im Grunde nur zwei zulässige Alternativen gebe: Entweder komme es zu einem ernsthaften Schutz der Christen vor Ort oder aber die Staaten in Europa und damit auch Deutschland müssten „ernsthaft die Türen für Flüchtlinge öffnen“. Wenn man stattdessen noch ein paar Jahre warte, gäbe es schlicht keine Christen mehr vor Ort. Und den Nachbarländern Jordanien, Libanon und Türkei allein die Flüchtlingskatastrophe zu überlassen, ginge auf Dauer keinesfalls. Zumindest Jordanien und der Libanon, wo die Anzahl der Flüchtlinge mittlerweile zum Teil mehr als 25 Prozent der Bevölkerung ausmache, seien dazu längerfristig nicht in der Lage, so dass man ernsthaft um die politische Stabilität dieser Länder Sorge haben müsse.

Während des Kirchentages wurde auch eine Ausstellung über den Völkermord an den syrischen Christen eröffnet. Sie informierte nicht zuletzt mit eindrucksvollem Bildmaterial über die Vertreibung und Ermordung von bis zu einer halben Million syrischen und aramäischen Christen am Ende des Osmanischen Reiches. Da es, im Gegenteil zum Genozid an den Armeniern, wenig publiziertes Material zum Sayfo, wie die syrischen Christen den Völkermord nennen, gibt, hat Thomas Schirrmacher mit dem Initiator und Autor der Ausstellung Gespräche aufgenommen, das Material der Ausstellung in Buchform zu veröffentlichen.

Zur steten Erinnerung wurde während des Kirchentages auch ein Mahnmal für die Opfer des Genozids durch Patriarch Ignatius Aphrem II. auf dem Klostergelände eingeweiht. Stellvertretend für die 600 Millionen Protestanten, die der Weltweiten  Evangelischen Allianz angehören, betete Schirrmacher dort für den Schutz und Frieden der Christen im Nahen Osten.

 

Die Syrisch-Orthodoxe Kirche von Antiochien hat in Deutschland schätzungsweise 100.000 Mitglieder, verteilt auf über 60 Kirchengemeinden. Die meisten Gläubigen kommen aus dem Tur Abdin in der Osttürkei, wo sie zum Teil schon vor Jahrzehnten wegen Christenverfolgung nach Europa geflohen sind. In den letzten Jahren haben die Gemeinden viele Flüchtlinge besonders aus Syrien aufgenommen.

Oberhaupt der Kirche in Deutschland ist seit Dezember 2012 Erzbischof Mor Philoxenus Mattias Nayis (Warburg). Für die Kontakte zu den anderen Kirchen sowie in die Politik ist Erzbischof Mor Julius Hanna Aydin (Delmenhorst) zuständig. Die Kirchensprache ist bis heute das Alt-Aramäische, die Sprache Jesu Christi. Im Alltag wird häufig Turoyo, ein neuaramäischer Dialekt, gesprochen.

 

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Downloads (Fotos: © IIRF / Titus Vogt):

  • Foto 1: Thomas Schirrmacher übergibt einige Bücher an Patriarch Ignatius Aphrem II., u.a. ein umfangreiches Werk der WEA zum Thema Christenverfolgung
  • Foto 2: im angeregten Gespräch mit dem Patriarchen
  • Foto 3: von rechts: Patriarch Ignatius Aphrem II., Erzbischof Julius Hanna Aydin, Thomas Schirrmacher, der koptische Generalbischof Anba Damian, Titus Vogt
  • Foto 4: Podiumsdiskussion, von links: Prof. Heribert Hirte MdB, Diözesanratsvorsitzender Dr. Scharbil Raid Gharib (Moderator), Patriarch Ignatius Aphrem II., Übersetzer, Thomas Schirrmacher
  • Foto 5: Besuch in der Ausstellung über den Völkermord besonders an den syrischen Christen
  • Foto 6 und Foto 7: Eintrag in das Gedenkbuch zur Ausstellung
  • Foto 8: Einweihung des Mahnmals an den Sayfo, den Genozid an den syrischen Christen
  • Foto 9: Thomas Schirrmacher betet vor dem Mahnmal für den Schutz und Frieden der Christen im Nahen Osten
  • Foto 10: Patriarch Ignatius Aphrem II. im Zelt der Kinderarbeit des Kirchentages; links neben ihm: Erzbischof Mor Philoxenus Mattias Nayis
  • Foto 11: Simon Jacob, 1. Vorsitzender des Zentralrates der Orientalischen Christen in Deutschland, und Thomas Schirrmacher, im Gespräch mit Patriarch Ignatius Aphrem II.
 

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